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163. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die ..Gietzener Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefien
Samstag, 20. September W3
Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'schen Unioersitäts - Buch» und Steindruclerci.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition unb Verlag: e^@51.
Redaktion:«^! 12. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Der Streit um das Wohnungsgeld der Staatsbeamten.
(rb) Darmstadt, 19. Sept.
Während im Reich, in Preußen und in den meisten übrigen deutschen Bundesstaaten seit langer Zeit ein Wohnungsgeld einen wesentlichen Bestandteil der Bezüge der Staatsbeamten bildet, war ein solches für die hessischen Staatsbeamten bis zum Jahre 1907 unbekannt. Es wurden damals die den Beamten in Anbetracht der verteuerten LebenFverhältnisse zugedachten Gehaltsaufbesserungen in dieser Form gewährt, jedoch ohne daß der Wohnungsgeld- zuschuß pensionsfähig werden sollte. Nach dem Gesetz vom 28. März 1907 hat der definitiv angestellte hessische Staatsbeamte, soscrn er keine Dienstwohnung bezieht, einen Anspruch auf ein Wohnungsgcld, das nach zwei Ortsklassen gestaffelt ist. Die Beamten mit dem Amtssitz in Darmstadt, Mainz, Offenbach, Gießen, Worms und Bingen erhalten bei einem höchsterreichbaren Diensteinkommen bis zu 2000 Mk. 12 Prozent des Höchsteinkommens und bei einem solchen über 2000 Mk. 8 Prozent, jedoch mindestens 240 Mk. als Wohnungsgeld: die Beamten in den übrigen Orten des Landes erhalten bei einem Höchstgehalt bis 2000 Mk. 8 Prozent, und bei einem Oiehalt von über 2000 Mk. 6 Prozent als Wohnungsgeld. Bei der damaligen Ausbesserung-^ der Beamten sind lediglich diejenigen, welche eine Dienstwohnung haben, nicht berücksichtigt worden. Da diese Beamten bei weitem nicht den Wert der ihnen zugewiesencn Dienstwohnung durch die von ihnen zu entrichtenden Entschädigungen bezahlen, so glaubte man damals von einer Aenderung dieses Eerhältnisfes absehen zu tonnen.
Wad) dem Gehaltsgesetz vom Jahre 1898 werden die Dienstwohnungen der Beamten folgendermaßen veranschlagt: Innerhalb der Städte Darmstadt, Mainz, Offenbach, Gießen, Worms und Bingen werden 10 Prozent der jeweiligen Besoldung, innerhalb der Orte des Landes, die Sitz eines Kreis- amtcs oder Amtsgerichts sind, 7Vs Prozent und in den übrigen Gemeinden des Landes 5 Prozent des Gehalts als Entschädigung an den Staat abgeführt. Bei Beamten mit einer höchst erreichbaren Besoldung bis 2000 Mk. ermäßigen sich die genannten Sätze auf 5, 4 und 3 Prozent.
Schon bei der Beratung des Wohnungsgeldgcsetzcs im Jahre 1907 wurde von ländlichen Abgeordneten gegen die Staffelung nach zwei Ortsklassen angekämpft: es wurde jedock) der Antrag des Bauernbundes, der ein gleiches Wohnungsgeld in Land und Stadt einführen wollte, in der zweiten Kammer mit 31 gegen 9 Stimmen abgelehnt. Als darauf die Regierungsvorlage zur Abstimmung gelangte, war der Abg. Bähr der einzige, der gegen die Gewährung eines Wohnungsgeldes durch eine verneinende Abstimmung stimmte. Bereits bei Beratung dieser Vorlage machten sich Stimmen mehrerer Abgeordneten einzelner Amtsstädtchen, sowie der Ortsvertretungen dieser Städte selbst bemerkbar, die eine . Versetzung in die erste Ortsklasse erstrebten. Allein da nur eine Staffelung nach zwei Ortsklassen gesetzlich vorgesehen war, konnte man sich im Landtag mit diesen Wünschen abfinden.
Das im Jahr 1907 durch einen einmütigen Beschluß der Kammern gutgeheißene Prinzip des ge staffel- ten Wohnungsgeldes soll nun durch die neue Regierungsvorlage weiter ausgestaltet werden, indem die hessischen Orte nach drei Klassen für das Wohnnngsgeld gegliedert werden sollen. Die Grundzüge dieser neuen Bestimmung sind in der Vorlage der Regierung eingehend begründet und das Für und Wider sachlich erörtert worden.
Kommt inan zu einer kritischen Beleuchtung der Vorlage, so sind besonders zwei Momente hervorzuheben, die stets von den Gegnern eines gestaffelten Wohnungsgeldes gegen ein solches angeführt werden. Die Gegner des geringeren Wohnungsgeldes für ländliche Beamte, insbesondere die bäuerlichen Abgeordneten des Landes, wünschen, daß ihre Beamten zunächst deshalb nicht geringer bezahlt werden, als die städtischen Beamten, damit sich nicht der ländliche Beamte durck) die Aussicht auf einen höheren Gehaltsbezug in der Stadt veranlaßt fühlen konnte, seinen
ländlichen Wirkungskreis mit demjenigen eines städtischen Amtssitzes zu vertauschen. Es soll also durck) diese Ablehnung eines gestaffelten Wohnungsgeldes der sog. Landflucht gesteuert werden. Das zweite Moment, das gegen eine geringere Vergütung der ländlichen Beamten angeführt wird, ist, daß man behauptet, das Leben auf dem Lande sei nicht, wie man dies geineiniglich durch die Gewährung eines hohen Wohnungsgeldes an die städtischen Beamten dokumentiert, billiger, sondern im Gegenteil teuerer. Abgesehen van den Annehmlichkeiten, die der städtische Beamte durch Theater, Konzerte und sonstige ethische Genüsse habe, müsse der ländliche Beamte für die Erziehung seiner Kinder erheblich mehr aufwenden, als der Beamte ip der Stadt, der seinen Kindern in der Stadt eine standesgemäße Erziehung billiger zuteil werden lassen könne. Dieser Einwand von ländlicher Seite wird in der Regierungsvorlage treffend widerlegt. Durch die auf Wunsch der Kammer von der Regierung veranstaltete Umfrage hat sich ergeben, daß im ganzen nur 31 hessische Beamte ihre Kinder wegen des Besuchs einer höheren Schule auswärts in Pension geben müssen, während die Kinder von 160 Beamten von ihrem Wohnort aus eine auswärtige Schule besuchen. Aber von diesen 191 Beamten stehen 130 im Genüsse von Dienstwohnungen, so daß also ein höheres oder niedrigeres Wohnungsgeld für sie überhaupt ohne Bedeutung ist. Demgegenüber ist jedoch darauf hinzuweisen, daß diese Zuwendungen das Staates als Wohnungsgeldzuschuß gewährt wurden und daß von 2813 Beamten ohne Dienstwohnungen 2024 in den vorerwähnten sechs größeren Städten wohnen, das sind 72 Prozent. Diese haben zweifellos einen ganz bedeutend höheren Wohnungsaufwand aus ihrem Diensteinkommen zu bestreiten, als die restlichen 28 Prozent der Beamten ohne Dienstwohnung auf dem Lande. Wollte man die erhöhten Ausgaben für die Kindererziehung ausschlaggebend sein lassen auf die Entschließung über das Wohnungsgeld, so könnte den 61 Beamten ohne Dienstwohnung, die gezwungen sind, für ihre Kinder wegen des Schulbesuchs höhere Aufwendungen zu machen, vielleicht ein entsprechender Erziehungszuschuß gewährt werden.
Nun ist, wie schon ausführlich in den Blättern mit» geteilt wurde, die Mehrzahl der ländlichen Abgeordneten in der Zweiten Kammer, die in der „Wirtschaftlichen Vereinigung" sich zusammengetan hab-en, sich darüber einig geworden, bei Beratung der Besoldungsreform die Beseitigung des Wohnungsgeldes überhaupt zu verlangen und durch Zuschlag eines mittleren -einheitlichen Wohnungsgeldsatzes zu dem Gehalt eine gteid^e Besoldung der ländlichen und der städtischen B-eamten herbeizuführen. Wie aber bereits aus dem oben Gesagten hervvr- geht, würde ein solcher Beschluß den Wer 2000 in den Städten wohnenden Beamten gegenüber zweifellos eine große Ungerechtigkeit bedeuten.
poliftfc^c Tagesschau.
Die türkisch-französisch-deutschen Verhandlungen über Kleinasien.
Zu den bereits gemeldeten Eisenbahn- und Hafenkonzessionen, die zwischen dem Minister des Aeußern Pichon und Dschawid Bei hier verhandelt worden sind, bemerkt der „Temps":
, Die hauptsächlichsten Konzessionen, die bereits Gegenstand von Verträgen mit gewissen Finanzgruppen sind, sind in Syrien der Bau der Häfen von Jaffa, Haiffa Und Tripolis und eine Zweigbahn von Reyak nach Lydda. In Armenien erhalten wir ein Eisenbahnnetz von gegen 1000 Kilometern, dessen .Hauptader durch die Linie Samsun—Erserum—Trapezunt gebildet wird. Dazu werden sich auch noch einige Häfen am Schwarzen Meer gesellen. Rußland, das durch sein Abkommen von 1900 von der Türkei Rechte erworben hat, hat darauf zu unserem Nutzen vernichtet. Wir nehmen als Gegenleistung für diese Vorteile be- lanntlich die Erhöhung der Zölle um 4 Prozent an, die die Türkei seit langer Zeit fordert, und erleichtern ihr eine bedeutende Anleihe in Frankreich. Diese Abmachungen stehen in enger Beziehung mit den Plänen des Einvernehmens, die zwischen Paris und Berlin hinsichtlich der Unternehmungen der beiden
Länder in Türkisch-Asien ausgcarbeitet wor:en sind. Wältrend wiL an Deutschland unsere Jnterefscn an der Bagdadbahn zurückgaben, vierzichtet gleichzeitig letzteres daraus' unsere Vorrechte in beit Gebieten von Syrien und Armenien zu bestreiten, in denen unsere Interessen kraft des französisch-, ürlischen Abkommens vorwiegend sind. Tas deutsch-französische Abkommen ergänzt also und bestimmt genauer das französisch-türkische Abkommen, indem es zwischen Frankreich und Deutschland Wettbewerbsfragen aus der Welt schasst, die unsere finanziellen Interessen mit denen Deutschlands in Nebenbuhlerschaft bringen. Dieses Abkommen wird, wenn es verwirklicht ist, die deutschen und französischen Beziehungen wegen Kleinasiens richtig gestalten und zwischen den beiden Regierungen Quellen des Streits zum großen Nutzen der Beziehungen zwischen den beiden Landern beseitigen.
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Zur Frage des Kanaltuunels.
In Antwerpen hat sich soeben die Vereinigung der britischen Handelskammern für d e u K a n a l - tu nnel ausgesprochen. Ein desto schärferer Vorstoß ist nun in der „Times" gegen den Tunnelbau erfolgt, und es scheint, daß Oberst Repington, der diesen Plan hier so lebhaft bekämpft, dies zugleich im Wanten der Regierung tut. Oberst Repington prüft, wie wir der „Köln. Ztg." entnehmen, die Gründe, welche die Verfechter des Planes gellend machen; sie sagen, die Tunnelanlage müßte die Kapitalisten wie kein anderes Unternehmen anziehen: sie schwelgen in marinen Worten für die Einheit der Völker, etwas für empfängliche Seelen; sie verweisen ans die guten Beziehungen zu Frankreich, bei denen es ausgeschlossen sei, daß das Tunnelende auf englischem Boden in feindliche Hände übergehen könnte; sie halten den Seeleuten vor, daß es mit der vielgepriesenen Jnsellage zu Ende sei, seitdem Angriffe durch Luftschiffe möglich seien; die Männer von der Armee suchen sie durch die Erwägung zu gewinnen, daß eine fortlaufende Eisenbahnver- bmdung das Zusammengehen des britischen und des französischen Heeres erleichtern würde, und zu guter Letzt wird hervorgehoben, daß in diesen Tagen der bescheidenen Geschäfts- geroinne eine Ersparnis in den Ueberladungs und Seeversicherungskosten England große Vorteile bringen würde.
Diese Gründe sucht Oberst Repington zu widerlegen. Zunächst gibt er die theoretische Möglichkeit des Durchstichs zu, läßt indes die Frage offen, ob der Boden allgemein so» günstig beschossen sei wie an den beiden Enden, was erst durch die Bohrung erwiesen werden könne. Die Kapitalisten müßten jedenfalls viele Jahre warten, bevor sie auf einen Ertrag aus dem Tunnelbetrieb rechnen könnten. Was die Völkerverbrüderung betrifft, so sei es fraglich, ob England durch eine Erleichterung der Einwanderung von bedürftigen Elementen seiner Volkswohlfahrt nützen würde. Die Landwirtschaft und manche Industriezweige des Vereinigten Königreichs hätten schwer zu leiden, wenn die rasche Einfuhr von Nahrungsmitteln und gewissen anderen Waren erleichtert würde. Nicht zu sehr solle man auf die Freundschaft mit Frankreich bauen. Jenseits des Kanals habe man immer den Tunnelbau gewünscht, von dem man voraussichtlich auch Vorteil haben werde, diesem Vorteil aber dürften die britischen Interessen nicht geopfert werden. Zwar sei das politische Einvernehmen fest und so dauerhaft, wie es sich nur voraussehen lassen könne, allein die Geschichte ergebe, daß die Beziehungen zwischen den Staaten sich öftmals, dazu noch in einem Jahrhundert, verändern können, und man dürfe nicht darauf bauen, daß die englisch-französischen Beziehungen immer so blieben, wie sie gegenwärtig gestaltet seien. Es komme auch nicht nur auf die Freundschaft oder Gegnerschaft gerade Frankreichs an. Es sei nicht ausgeschlossen, daß eine dritte, England feindlich eMachtinBesitzvonCalaisgelange, was man besonders jetzt erwägen müsse, wo die kontinentalen Strategen sich so viel mit der Möglichkeit eines deutschen Vorswßes durch Belgien beschäftigen. Dann heißt es:
Gesetzt, wir hätten einen oder mehrere Tunnels gebaut und unseren Sechandel dementsprechend zugunsten der Eisenbahnen gelähmt. In welcher Lage befänden wir uns dann, wenn in Kriegs- zeitcn ein Feind unseren Handel unterbände und beim Friedensschluß uns Frachtsätze auflegte, wie sie nach seinem Gutdünken für uns paßten? Ein einziger Durchstich würde unseren Seehandcl zu-
Reliquien aus der Zeit der Zreiheitsttiege.
Kurz vor der Jahrhundertfeier der VölkerscUacht, am 13. und 14. Oktober, findet bei Karl G. Hierscmann in Leipzig die Ver- -fteigerung einer großen Sammlung von Erinncrungsgegenständen an' Napoleon I. und den deutschen Befrciungskamps statt. Den .Grundstock der Versteigerung bildet die berühmte Leipziger Sammlung von Buhrig, der mit großem Geschick und vielem Sammelglück Autographen, Kostüme, Bilder, Karikaturen, Medaillons, Düsten, Münzen, Kuriositäten, Uhren, Dosen, Porzellan- und .Steingutgegenstände, Unisormitückc, Waffen usw. gesammelt hat.
Das interessanteste Stück der Versteigerung, das einem beim Durchblättern des Katalogs aufstößt, ist wohl aus der Abteilung Gold gab ich für Eisen" ein Kreuz aus geschwärzter Bronze, mit einem in Eisen gegossenen Medaillonporträt der Königin Luise das auf dem Revers in einer vergoldeten Kapsel eine Haarlocke der Königin Luise enthält. Die Echtheit der Locke ist durch eine schriftliche Beglaubigung bestätigt. Danach schenkte die Königin °uiic selbst dieses Kreuz mit der Haarlocke der Gräfin Reichen bach-Gcschölz, geborene Gräfin Solz. Nicht minder interessant, eine Seltenheit ersten Ranges, ist ein Hut unb Säbel Bonapartes aus der Beit der Republik. Der Hut ist ein Zweispitz von 53 Bentimctcr Länge, mit aufgeschlagenem Rand. Ter Säbel sitzt in einem rechteckigen, vergoldeten Gefäß mir cinfackicm Bügel, her in einen Telphinkopf ausgeht. Ter Knauf besteht aus einem Löwenkopf Als Beleg für die Herkunft der beiden Stücke liegt ein Schreiben des Antiquitätenhändlers Carl Eduard Schulze aus Straßburg vom 16. April 1833 bei, der die Sachen sernerzeit direkt von dem Senator Zarnclli in Mailand erworben und von ihm auch einwandfreie Belege über Herkunft uno Authentizität erhalten lmtte Es find nur neun Wavoleonhüte erhalten, von denen nur einer aus der Konsularzeit stammt. Besonderes Interesse verdient auch ein Originalminiaturbildnis Theodor Körners, das feine Schwester Emma Körner gemalt hat. Das Bildchen, das den Sanger der Freiheitskriege in der schmucken Uniform der schwarzen Jäger darstellt, stammt aus dem Nachlasse von Körners Pflegebruder, des Hauptmanns Gottfried Arnold Ullrich. Interessant ist auch ein eigenhändiger Brief Blüchers aus dem Jahre 1811 nn eine „Gnädigste Frau". Er enthält eine lustige Stelle, die in -der sonderbaren Orthographie Blüchers folgendermaßen lautet: „Sie haben uns eine unbeschreiblig frohe stunde gemagt, fahren :ftc doch ja fohrt, dem Paltz Grasen Angst und bange zu machen . . Hatzfeld seine Sendung ist einzig, aber es geschehen heutte zu •5Eage lauhter Dinge, die die Vernunft nicht einmal ahndet. . ." Don Körner werden vier eigenhändige Schriftstücke ausgeboten.
Ein Brief an seine Eltern aus dem Jahre 1809 bespricht eine bevorstehende Wanderung nach Schlesien und das Urteil seines Lehrers Werner darüber. Als eine große Seltenheit ist ein Kol- legienhest des Bergstudenten Körner zu bezeichnen. Es trägt die Anfichrift „Nachgeschrieben in der Geognosie. Theodor Körner." und stammt aus dem Wintersemester 1809/10 in Freiberg.
Sehr zahlreich sind die Autographen von Heerführern und Dfrisieren der Freiheitskriege, namentlich der österreichischen und der preußischen Armee. Reichhaltig ist auch die Abteilung der Napoleon-.üarikaturcn, unter denen die von Schadow, unter dem Warnen Gilrai — um auf den berühmten englischen Karikaturisten Gillray hinzuleiten — die wertvollsten sind. Sie bestehen aus vier Teilen: 1. Napoleon bespricht mit seinen Generälen die Aufteilung Preußens. 2. Satire auf die prahlerischen Bulletins: Fama reitet rücklings auf einer Sau. 3. Napoleon diktiert einem Marschall : Emparez-vous de Berlin: vorn ist der Heereszug, die Leitung als dickes Wech auf einem Esel, der Grand-Sappeur usw., im Hintergründe Soldaten. 4. Märkische Landwehrleute und der Berliner Bär in Uniform verteidigen das Höllische Tor gegen die Franzosen. Raritäten ersten Ranges sind auch die eisernen Trauringe mit der Aufschrift „Gold gab ich für Eisen". Sic kommen im Handel fast nie vor. Ferner verdienen iwch erwähnt zu werden eine große Napoleonbibliothek, Ehrendegen, die Napoleon feinen Offizieren verliehen hat, und ferner einige interessante Funde vom Schlachtfeld bei Leipzig, die beim Ackern oder Bebauen zum Vorschein gekommen sind.
— Ein Deutscher als Entdecker der ersten biologischen Radiumwirkung. In allen physikalischen und chemischen Abhandlungen, sowie in den Tagesblättern wird gewöhnlich angegeben, daß der französische Forscher Becquerel unb zwar ganz zufälligerweise die erste Wirkung einer Radiumbestrahlung auf lebendes Gewebe gefunden habe, als er ein Radiumpräparat in der Westentasche getragen habe. Er habe danach eine Hautrötung bekommen, die in ein kleines Geschwür überging, das, erst nach 40 Tagen verheilte. Wie nun Pros. Dr. Walk- hoss-München in der „Münchner meb. Wochenschrift" mitteilt muß demgegenüber festgestellt werden, daß Prof. Walkhosf schon ein Jahr vor Becquerel, nämlich im Jahre 1900 ui München in einem Vortrage über „Unsichtbare photographisch wirksame Strahlen" auf „bemerkenswerte physiologische Eigenschaften" des Radiums aufmerksam gemacht hat. Prof. Walkhosf sagte damals, daß „eine zweimalige I0 Minuten dauernde Bestrahlung des Armes eine mehrere Wochen bestehende Hautentzündung erzeugte,
welche ganz dieselben Eigenschaften aufwies, wie sie nach lang- dauernden Röntgenbestrahlungen auftreten". Prof. Walkhosf erwähnte dabei auch, daß im Münchener hygienischen Institute schon damals Untersuchungen von ihm angestellt wurSen, welche die Wirksamkeit der Radiumsttahlen auf Bakterien darlegten. Leider iDurbert diese Versuche abgebrochen, weil der damalige Direktor des hygienischen Jnstttutes, Prof. Buchner, das Radium und dessen Eigenschaften „für Schwindel und ganz bedeutungslos" erklärte. Bezüglich der ersten Feststellung der biologischen Wirkung radioaktiver Substanzen gebührt also jedenfalls Prof. Walkhosf die Priorität und zwar geschah diese Feststellung nicht wie spät-r bei Becquerel durch Zufall, sondern mit bewußter Ueberlegung auf rein ^experimentellem Wege.
— Spätwirlungen des Mesothoriums. In der Gynäkolog. Gesellschaft zu München stellte Prof. Döderlein eine Patientin vor, die wegen Gebämiutterkrebs 4 Wochen lang in der Klinik behandelt worden war. Da die Mesothoriumeinlagen keinen Erfolg gehabt hatten, war die Patientin roicoer nach Hause geschickt worden. 6 Wochen danach stellte sie sich wieder vor und wie die Untersuchung zu allgemeiner Ueberraschung ergab, war sic geheilt. Diese Spätwirkung des Mesothoriums hat Pros. Döderlein jetzt schon des öfteren gesehen, weshalb er cs für nötig halt, auf diese Eigenschaft des Mesothoriums besonders aufmerk- sam zu machen.
o, - — . Wcuc <5benben für die Wissenschaft. Das Pa)teunn)titut in Paris hat von einem ungenannten Geber die Summe von 90 000 Frs. erhalten, die zur Stiftung eines Preises für die beste Originalarbeit über die Behandlung der Gehirnhautentzündung verwandt werden soll. Die Bundesregierung von Australien hat beschlossen, eine weitere Summe von 100000 Mark zur Unterstützung der australischen Südpolarexpedition unter Dr. Mawson aufzuwenden, nachdem sie zuvor schon einmal eine Summe von gleicher Höhe dafür bewilligt hatte. Es wird ertoarret, daß die Arbeiten der Forschungsreise einschließlich der Heimkehr der Teilnehmer damit zum Abschluß gebracht werden können Die Expedition hat bereits so reiche Ergebnisse gebracht, daß diese Förderung als gerechtfertigt betrachtet werden kann. Der vor einigen Wochen verstorbene berühmte Erdbebenforscher Milne hat der britischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft seine gesamte Bücherei nebst Photographien unb wissenschaftlichen Instrumenten vermacht, außerdem eine Summe von 20 000 Mark, ide von derselben Vereinigung zur Förderung des Studiums der "Geophysik unb verwandter Wissenschaftszweige verwertet werden soll.


