Ausgabe 
20.9.1913 Erstes Blatt
 
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Nr. 221

Ter Siehenrr Anzeiger erscheint täglich, auüer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SietzenerZamilienblätter, zweimal wöchenll.Areir- »lattsürden Ureis Hietzen ETienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zeitsragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

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SrsLs Blatt

165. Jahrgang

Samstag, 20. September 1915

SieMner Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

Notationsdruck und Verlag der Vrühl'fchen Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei - Schulstrahe 7.

Geschäftsstelle Büdingen, Bahnhofstraße 16a.

Hczuqsprei». monatlich 75Ps., viertel­jährlich Dtt. 2.20; durch Abhole- iu Zweigstellen rnonatlich 6b Pf.; durch diePost Mk.2.viertel- jährl. ausfchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal IbPf., arrswarts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz Verantwortlich für bei politischen Teil: Auguf Goetz; fürFcuille« ton", .Vermischtes" und ^Gerichtssaal": K. Dien- ralh; für .Stadt und Land": E.Heß; für den Anzeigentell: H. Beck.

Die heutige Nummer umfaßt 18 Seiten.

Tagcskalender aus dem Jahre 1813.

2 0. September. Bei K Öfen (Kreis Naumburg a. d. Saale) überfällt der russische General Thielemann eine französische Reiterabteilung von 6000 Mann, wobei 4000 Franzosen aus dem Platze bleiben und 200 Wagen erbeutet werden.

politische Wochenschau.

Gießen, 20. September.

Ter Genosse Scheidemann hat in seinem Schlußwort, das die Erörterung über den Massenausstand abschloß, das Leitmotiv für die Zukunft angestimmt. Tie sozialdemokrati­schen Fraktionen in Preußen und im Reichstage werden noch lautere Töne gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft an- schlagen als bisher, und offenbar hofft man durch die rauhere Tonart den bei manchen Parteigenossen nicht mehr recht beliebten Parlamentarismus wieder populär zu machen. Tas ist ein kleines Kontpliment vor den Amazonen Rosa Luxem­burg und Klara Zetkin und ein beruhigendes Zugeständnis an die 112, die den baldigen Massenausstand wünsch­ten, mit ihrer Entschließung jedoch von der Zweidrittelmehr­heit des Parteitages überstimmt worden sind.

Diese Auseinandersetzung über den Massenausstand und rhr Ergebnis drückte der diesjährigen Tagung ihr Merk­zeichen aus. Was dann noch folgte, waren kleinlaute, theore­tische Kongreßerörterungen. Ter Parteitag hat mit den Un­zufriedenen abgerechnet, denen die Taktik des Vorstandes gegen den Strich ging und die sogar von einem Sumpf sprachen, in den das sozialdemokratische Heerlager hinein­geführt worden sei. Die Mißstiminung über den inneren Stillstand in der Partei und über ihre äußere Erfolglosig­keit hat sich sogar in revisionistische Kreise hinübergeschlichen, und es war äußerst bezeichnend, daß der Revisionisten­führer Tr. Frank aus Mannheim der Entschließung des Vor­standes zwar keinen Widerstand entgegensetzte, jedoch sicht­bar fternüht war, aus den Aschenhäufchen des erkalteten Par­teiofens noch ein paar Flamnien herauszublasen. Er war wohl in Verlegenheit darüber, daß er es gewesen ist, der dieses Scheit des Masi'enstreikgedankens neuerdings wieder in das Gesprächsfeuer geworfen I>attc, und schien sich dessen bewußt zu fein, daß der Partei durch solche nutzlose Strei- tereicH wahrlich nicht genützt werde. Darum streckte er dem radikalen Flügel die versöhnende Hand entgegen und machte ciire Geste anfeuernder Zielbewußtheit. Aber wenn man das Ergebnis richtig zusammenfaßt, so kann man wohl folgen­des Urteil ausfprechen: die Unzufriedenen sind nur schwach getröstet. Der Parteitag hat festgestellt, daß es kein beson­deres Mittel gibt, die Lohe der Begeisterung für das sozial­demokratische Endziel im Lande neu zu entfachen, und er l)at eingestanden, daß an die Veranstaltung eines Massen­ausstandes vorläufig nicht zu denken ist. Man war also den Bürgerlichen gegenüber sehr offenherzig, und wenn in den Beschlüssen der Jahre 1905 nnd 1906 die Massenausstands­idee noch einigen Propagandawert behielt, so hat man ihr int Jahre 1913 in der Hitze des Gefechts gänzlich das Mark aus den Knochen geschlagen. So haben denn die bürgerlichen i Parteien keinen Anlaß, diesen Vorgang in Jena mißgünstig anzuschauen. Es war ein nicht reizloser Anblick, wie hier.

Wasser in, den altzuroten Wein gegossen wurde, wie die Revisionisten die heiligsten Parteiguter gewahrt haben und wie der Gewerkschaftsführer Bauer die streiklüsterncn Radi­kalen mit schonungsloser Kritik von den Parteigeldsäcken zurückwies. Dabei hat es auch an heiteren Wirkungen nicht gefehlt, und einige führende Genossen haben in der Erkennt­nis, daß der fatale Stoff gewürzt werden müsse, einen ganz guten Humor entwickelt? Je ernster und drohender Rosa Luxemburg ihre Keule schwang, desto boshafter trieb man seinen Scherz mit ihr.Laß' sie schwätzen", das sei die Pa­role in den Gewerkschaftskreisen, meinte der Genosse Bauer. So war es kein Wunder, daß die gereizte Frau dem Haupt­redner des Parteivorstandes, Herrn Scheidemann, das be­rühmte Donnerwort entgegenfchleuderte:Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht nrir!" Es war ein absonder­liches Satyrspiel mit Goetheworten, das die beiden Ton­angebenden hier trieben; nur wäre es der Situation viel­leicht besser angepaßt gewesen, wenn Scheidemann, statt des gelinden Spruches aus Tasso die Begrüßungsworte aus der Hexenküche zur Erwiderung gewählt hätte:Sieh her, das ist das Wappen, das ich führe!"

Tie Jenaer Konferenzen haben sodann wieder einmal das schwierige Problem der Arbeitslosenversicherung ange­schnitten. Tie Herren Genossen machen es sich dabei sehr leicht: was fragen sie nach den: Urteil der Reichstagsmehr­heit! Die wird selbstverständlich sich nicht beeilen, die in der Jenaer Entschließung empfohlene Gewerkschastspolitik mitzumachen, und daher war, so nötig es sein mag, die Not der Arbeitslosen zu lindern, der sozialdemokratische Vor­schlag nicht viel mehr als ein Schlag ins Wasser. Tie Ge­meinden werden sich kaum beeilen, den Gewerkschaften die Beutel zu füllen, und wenn das Problem wirklich seiner Lösung näher gerückt werden sollte, so wird man an dem Jenaer Wegweiser sicherlich vorübergehen.

Die Auseinandersetzungen über die Steuerfragen, die vorgestern und gestern den Parteitag beschäftigten, haben dasselbe Ergebnis gehabt wie der Streit ums Massenaus­standsproblem. Der Parteivorstand hatte zwei Streiter ins Feld gestellt, die sich in 4Vs Stunden abmühten, der Rosa Luxemburg und ihrem Anhang klarzumachen, daß die Frak­tion bei der Erledigung der Deckung zur Wehrvorlage die Interessen der arbeitenden Klasse wahrgenommen hätte. Selbstverständlich erhob sich auch hier die wilde Radikalistin zu ihrer vollen Größe, und die Herren Stadthagen und Ledebour hielten ihr dabei den Schild. Es ist noch nicht festgestellt, wieviel Stimmen für oder gegen die Entschließung des Vorstandes abgegeben wurden. Die maßgebenden Führer spielten als Trumpf einen letzten Brief Bebels aus, der seiner Ansicht dahin Ausdruck gegeben hatte, der Debatte müsse im Parteiinteresseder Hals um­gedreht" werden. Schließlich ist dieser Rat ja auch durch einen Schlußantrag befolgt worden, aber es bleibt doch die Feststellung, daß der Jenaer Parteitag von 1913 im wesent­lichen nichts besseres zu tun gewußt hat, als tagelange Strei­tereien an Dinge zu verschwenden, die nach Bebels Ansicht eine Diskussion überhaupt nicht verdienten. So bleibt es denn auch fernerhin bei dem von den Radikalisten beklagten innerenStillstände", bei der Unzufriedenheit großer Par­teiströmungen mit dem Parteivorstande, bei derOhn­machtserklärung der Sozialdemokratie", wie Rosa Luxem­burg sich ausdrückte. Daß anstelle Bebels ein friedsamer

Genosse namens Ebert zum Parteivorstande berufen wurde, ist auch ein Zeichen der Zeit. Es ist eine Zeit der inneren Parteigährung, die für die nächsten Jahre keine Siegeszüge verspricht. ____________________

§rhr. von der Goltz

über die neue türtisch-bulgarische Grenze.

ImTag" antwortet Generalfeldmarschall Frhr. von der Goltz ausführlich auf einen Aufsatz des Ministers Rasch- dau, der im selben Blatte die Wiedcrerwerbung Ädrianopels durch die Türken als ein Unglück für die Türken bezeichnet hatte. Frhr. v. d. Goltz wendet sich gegen diese Ansicht nut folgenden Ausführungen:

Ter Londoner Kongreß hatte für die Türkei auf europäischem Boden die Grenzlinie MidiaEnos bestimmt, die, in der Luft­linie gemessen, 200 Kilometer lang, wie man zu sagen pfleytt qucrbect vom Schwarzen zum Aegäischen Meer gezogen werden sollte. Es war die unglücklichste Grenze, die man bei sorgsamem Nachsinnen wohl hätte aussirrdig machen können. Sie mit Erfolg zu verteidigen, wäre unmöglich gewesen, denn, abgesehen vom äußersten rechten Flügel, durchschnitt sie sämtliche Stellungen, die für eine türkische Armee hätten brauchbar sein können. Sie lag nur 90 Kilometer, also drei mäßige Märsche, von der be­kannten Tschataldschalinie entfernt, die den letzten Schutz für Konstantinopel bildet. Von der Nordküste des Marmarameeres war sie gar nur durch einen einzigen starken Marsch getrennt^ obwohl der Kongreß dem Türkischen Reiche den Schutz der Meer­engen, der von dort aus leicht gefährdet werden konnte, and) weiterhin noch ausgebürdet hat. Bei Tschataldscha hätten die Türken in der Zukunft auf Vorposten stehen müssen in unaufhör­licher Spannung, wann der Feind erscheint. Ties hätte nicht nur militärisch einen großen, dauernden Aufwand erfordert, sondern auch politisch die Aufmerksamkeit der Hohen Pforte unaufhörlich gefesselt. Ihr Bemühen würde immerfort dem Schutz der Haupt­stadt haben gelten müssen. Für Bulgarien würde andererseits in der Nähe dergoldenen Stadt" und der Agia Sofia eine mächtige Versuchung gelegen haben, auf dem Marsch nach vorwärts, der diesmal unterbrochen werden mußte, bei günstiger Gelegenheit den letzten entscheidenden Schritt zu tun.

Bei Mustapha-Pascha sind die Bulgaren gegenwärtig dem ersehnten Ziel um 120 Kilometer Luftlinie ferner gcxückt. Vor ihnen liegt das befestigte Adrianopel, das zum mindesten einge­schlossen werden muß, und auf dem Wege lns zur Kongreßgrenze ist eine Anzahl starker Geländeabschnitte zu überschreiten, deren Verteidigung selbst bei nur schwacher Besetzung von. türkischer Seite den Vormarsch erheblich verzögern hriirbc. Darüber gewinnt die Türkei Zeit, und in diesem Zettgewinn liegt für sie vieles, wenn nicht alles. Sie kann ihre Armee zum Schutz der Hauptstadt versammeln, ordnen und ausrüsten und infolgedessen ruhiger in die Zukunst blicken, ohne die unausgesetzte Sorge um die Sicher­heit Konstantinopels.

Wer den Türken rät, Adrianopel aufzugeben, müßte ihnen folgerichtig auch anraten, auf den jetzigen Regierungssitz zu ver­zichten und diesen ins Innere Kleinasiens zu verlegen; doch damit wird eine von mir mehrfach behandelte Frage berührt, die von' neuem zu erörtern hier zu weit führen möchte.

Zu Adrianopel rechne ich natürlich auch Kirk Kilisse und Demotika; denn diese drei Städte gehören der Lage nach mili­tärisch zusammen. Kirk Kilisse, zur Verteidigung eingerichtet, würde den Vormarsch der Bulgaren nod) mehr schwächen. Bliebe Temotika in bulgarischen Händen, so ließe sich Adrianopel von dort her leicht umgehen und seiner Bedeutung für die türfifdyc Verteidigung berauben. Kirk Kilisse-Adrianopel-Dernotika bilden die braud)bare Vorhutstellung für das türkische Reich in der neuen Begrenzung.

Die entscheidende Verteidigung wird freilich immer weiter rückwärts liegen, entweder bei Seraj und Rodosto oder bei

Sauft erster und zweiter Teil im Darmstadter hostheater.

Man wird nicht erst die Forderung erheben, eine voll­ständige Faustaufführung rein zu genießen. Es wird selbst bei der besten Aufführung immer ein ungelöster Rest bleiben. Bald wird uns das Poetische gemindert, bald das Szenische unvollkommen erscheinen. Und mögen sich auch tausendHände regen, mögen die besten Maschinen benutzt werden: der Faust in feiner tiefsten Wirkung 'bleibt undarftellbar! Es ist lobens­wert, wenn trotzdem ein Theater den Versuch macht, wenig­stens das Erreichbare zu erreichen. Doppelte Anerkennung aber verdient ein Theater, das auf einen umfangreichen Spielplan bedacht sein muß und nicht Zeit finden kann, ein so kühnes Unternehmen in Ruhe vorzubereiten.

In vier Theaterabenden hat das Hostheater eine voll­ständige Faustaufführung versucht. Wenn auch im ersten Teil der Riß schmerzlich empfunden wird, so überwiegen doch die Vorteile einer solchen Trennung. Unter der Leitung des Regisseurs Hans Baumeister wurde die diesjährige Theater­saison mit demFaust" eröffnet. Im vorigen Fahre wurden Die Erwartungen durch die Hebbelsche Nibelungen-Trilogie übertroffen, in diesem Jahre öfter blieb das Gebotene hinter dem Erwarteten zurück. Leider weit zurück. Man könnte aus den vier Abenden einzelne Bilder herausgreifen, die wenig­stens dem Beschauer Erfreuliches boten. Hierher gehören die Walpurgisnacht, die Schlacht und der Himmel. Dazu gesellen sich aber Szenen, die Widerspruch herausfordern. So hatte man Marthe Schwertleins Garten auf die Straße verlegt, und dort kosten die beiden Paare. Vor dem Hause war ein Platz mit Brunnen und dem Bildnis der Mater dolorosa. Man müßte also annehmen, daß ein gewisser Verkehr herrsche. Der Regisseur konnte natürlich Feine weiteren Per­sonen auf der Buhne brauchen, und das führte ihn zu dieser mißratenen Szene. Freilich, den Szenenwechsel hatte er sich erspart, dafür aber der Grctchentragödie Teile der Poesie genommen. Mehr aber als szenische Schwächen empfand man das lose Aneinanderreihen der Bilder. Auf das Ganze kommt es an, aus die Einheit. Der dritte Abend war solch ein (bunter Bilderbogen. Der vierte Abend, der zu den besten zählt, war leider nicht frei von lebenden Bildern. Wenn, wie in den Helena-Austritten, die statierenden Tarnen wie auf Kommandowort den Blick zu Boden senken oder wie auf schlechten Genrebildern die Hand an den Kops legen, so macht das. einen, kitschigen Eindruck, den man vermeiden sollte.

Ebenfalls vermeiden muß man, wenn der Vorhang gefallen ist und bei Beifall sich wieder hebt, daß das letzteBild stehen bleibt". Das überlasse man Vereinsfestvorstellungen.

Von den TarfteHern trat keiner 'besonders hervor. Alle vollbrachten tüchtige schauspielerische Leistungen. Herr Bau­meister als Faust muß sich noch vom hohlen Pathos befreien. Heute läßt sich der Faust mit dem Worte allein nicht mehr er­schöpfen. Dem Mephistopheles des .Herrn Westermann fehlt es an Beherrschung der Situationen. Es fehlt seiner Dar­stellung der Grundton, der immer mitschwingen muß. Bei der Begabung des Künstlers öfter darf man hoffen, daß er diese schwere Aufgabe auch einmal auf seine Weise lösen wird. Das Gretchen spielte Frau Meißner; zu stark griff sie zu und nahm so der uns lieben Gestalt etwas von ihrem Schimmer. Ein guter Valentin war Herr Ehrle, und Frau MüllerMudolph eine gute Marthe. Dem Frl. Pils hätte man_nic()t die Helena geben sollen. Weder im Aeußeren noch im Spiel ließ sie das Jdealweib ahnen.

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Rasche Lösung der Theaterkrisis in Frankfurt.

Frankfurt a. M., 19. Sept. Unsere gestrige Mit­teilung von der bevorstehenden Ernennung des bisherigen Regisseurs Karlheinz Mar t i n zum einstweiligen Lei­ter des Schauspielhauses hat sich heute bereits bestätigt. Mar­tin wurde vom Aufsichtsrat der Theater-Aktiengesellschaft mit der provisorischen Leitung des Hauses betraut, ihm zur Seite stehen Verwaltungsdirektor Arnold und ein Mitglied des Aufsichtsrats. Voraussichtlich führt das Provi­sorium Martin zu einem Definitum, denn dann hätte das seit Monaten dauernde Elend im Schauspielhaus mit einem Schlag ein Ende erreicht.

Der Selbstmord einer Stadt. Eine erschüt­ternde Tragödie, deren Opfer eine ganze blühende Stadt war, hat sich m diesen Tagen, wie bereits kurz gemeldet, in Mazedonien abgespielt: Tie Bewohner von Melnik haben, um nicht Bul­garen zu werden, wie es der Vertrag von Bukarest ihnen auf­erlegte, ihren Wohnsitz in Brand gesteckt und ihn dann verlassen, um in Grieck-enland, ibrem bisherigen Vaterland, Zuflucht zu suchen. Der Korrespondent der Illustration Jean Leune teilt nähere Einzelheiten mit über diesen herrlichen Fleck Erde, der nun durch einen Att heroischer Selbstverwüstung zu einem öden Trümmerhaufen geworden ist. Die alte, schöne und reiche Griechen stadt, deren Gründung bis in die Tage von Byzanz zurüctteicht, hatte durch die fruchtbare Spende ihres Bodens einen beson­deren Segen erhatten. Ein berühmter Wein gedieh hier und machte das Leben den Bewohnern der Stadt leicht und angenehm.

I Es gab keine Armen in Melnik. Die Legende erzählt, daß, bevor die Stadt entstand, hier eine entzückende Prinzessin lebte, I von Barbaren gefangen gehalten. Sie starb aus Kummer, und die Erde, die die reizende Tote bedeckte, erhielt dadurck) geheime Kräfte, die lebendig wurden in dem süßen Feuer und dem schweren Dust der emporwachsenden Reben. An dem steilen Gestade, durch das ein reißender «Strom sich Balm bricht, entstand dann in byzanttnischer Zeit eine jener zahlreichen Festungen, die die Kaiser von Byzanz errichteten, um das Land gegen die Einfälle der bulgarisck)en Serben zu schützen. Die Ruinen ragten als ein Wahrzeichen über die Stadt, die sich zu Füßen der Felsen immer blühender und glücklicher entfaltete. Melnik wurde damals ein Verbannungsort für Großwürdenträger, die sich den Unwillen der byzantinischen Herrscher zugezogen hatten. Jeder von ihnen baute sick) ein prächtiges Hans und für seinen persönlichen Ge­brauch eine Kapelle; 48 dieser alten Gotteshäuser standen nod), und die 30004000 Einwohner waren stolz auf diese Denk­mäler einer großen Vergangenheit, bewahrten mit frommer An­dacht zahlreiche sehr wettvvlle Kirchenschätze, goldene Kruzifixe, silberne Weihbecken und herrliche gestickte Kirchenaewänder. Im Gestein liegen viele von Reben übersponnene Höhlen: Galerien führten über diese Grotten, und all das gab der Stadt einen malerischen, unvergeßlichen Zauber, eine Stimmung, gewoben aus Glanz altbyzanttnischer .Herrlichkeit und fruchtbarer Lebensfülle der Gegenwart . . . Und dieses liebliche Juwel ist nun ver­nichtet. Wo die lachende alte Stadt lag, da gibt es nur noch Asche und geschwärzte Ruinen. So sehr die Einwohner von Melmk an dem glücklichen Fleck Erde hingen, in dem ihre Väter und Großväter den ewigen Schlaf schlafen, sie fühlten sich doch vor allem als Griechen nnd wollten keine Bulgaren iverben. So_ opferten sie denn ihrer Vaterlandsliebe alles, was ihnen sonst nod) heilig und teuer war. In gemeinsamem Entschluß kamen sie zu der Überzeugung, ihre Stadt verlassen zu müssen. Nachdem sie das Beste ihrer Habe zusammengepackt hatten, führten die Männer ihre weinenden Frauen und Kinder aus den Häu­sern. Mit zitternden Händen zerschlugen sie die großen Fässer, aus denen das Rebenblut in Strömen floß und die Erde wieder tränt der es entsprossen; sie gaben so gleichsam dem Lande die Seele wieder, die sie so lange erfreut und beglückt. Dann zer störten sie die Weinberge, rissen die einzelnen Stöcke heraus und verwüsteten die Felder. Und danach legten sie selbst den Brand an die Stadt, die sie geboren und die ihre Toten barg. Sie schürten die Flammen und blickten von den Höhen, auf die sie sich vereinigt aus dem Flammenmeer gerettet, mit zerrissenem Herzen hernieder in das lohende Feuer, das ihr teures Melnik in seinem blühenden Grabe begrub. Tann zogen sie fort mit dem wenigen, was ihnen geblieben, arm und stolz einer unge­wissen Zukunft, aber auch zugleich dem geliebten Vaterlande entgegen.