Der Erlaß der Kriegsproklamation rief bei der Devökke-- ntnfl lebhafte ^efriebtgiinq hervor, weil er trotz der beklagenswerten SBertnikrffunq die unerträgliche Ungewißheit beendet und die Lage, wenn auch irr ernster Richtung, geklärt hat.
(£ c tin i c, 9. Juli. Aus amtlicher montenegrinischer Quelle verlautet: Der Minister des A c u ß e r n beantwortete die Rote, in der der bulgarisch.' (Gesandte im Auftrage seines Monarchen die Abreise aus Cetinje notifizierte, mit folgender Nate Dem 8. Juli, die an den mit dem Schube der bulgarischen Interessen betrauten russischen Geschäftsträger gerichtet ist:
Mit dem am 17. (30.) Mai 1913 in London unterzeichneten FriedenSvertrage zwischen den vier verbündeten Balkanstaaten Und der Türkei trat letztere an Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Serbien und somit an die Verbündeten sämtlicher westlich der Linie Midia—Enos gelegenen Gebiete der europäischen Türkei ab. Alle diese (Gebiete wurden erworben dank der übermenschlichen Anstrengung der Verbündeten und sollten unter ihnen in einer der Billigkeit entsprechenden Weise und im Verhältnis zu den Opfern, welche jeder von ihnen gebracht hatte, aufgeteilt werden. Die bulgarische Regierung dachte jedoch anders. Nach der Unterzeichnung des Londoner Friedens erhob sie immer neue Ansprüche, die sich ans einen mit der serbischen Regierung' vor dem Beginn des Krieges der Verbündeten mit der Türkei abgeschlossenen geheimen Vertrag stützten. Ta dieser Vertrag der montenegrinischen Regierung von ihren serbischen und bulgarischen Verbündeten niemals j(ur Kenntnis gebracht worden war, sah die Regierung des Königs von Montenegro ihn für nichtig an, insoweit er Bestimmungen über die Teilung des Kondominiums der Vrrbünoeten enthielt, und schichte auf die Nachricht, daß die bulgarische Regierung Truppen konzentriere, um bei den Verbündeten den Vertrag mit Gewalt durchzusetzen, eine Armee an den Wardarsluß, um ihre Interessen zu wahren und ihre Verpflichtungen gegenüber den serbischen und griechischen Verbündeten zuOerfüllen. Indem Bulgarien auf feinen rechtswidrigen Forderungen besteht und einen Schiedsspruch des Kaisers von Rußland unmöglich macht, griff es zu Mitteln der Gewalt, um mehr zu erlangen, als ihm im Londoner Vertrag zu- gesprochen worden war, und am 17. (30.) Juni um 3 Uhr früh wurden unvermutet seine Verbündeten aus der Wardarlinie und der südmazedonischen Linie in der Absicht angegriffen, sie durch eine Ueberrumpelnng der Frucht ihrer ungeheuren Opfer zu berauben. Bulgarien führt den Krieg fori, ohne ihn erklärt zu I>aben. Konseguenterimise erteilte, die bulgarische Regierung ihrem Vertreter in Montenegro den Auftrag, Cetinje zu verlassen, >vas dieser auch einige Stunden darauf, ebenso wie das Personal der Gesandtschaft, tat, ohne cs zu wagen, seine Abreise zu begründen, welch'- in weiterer Folge entweder den Abbruch der diplomatischen Beziehungen oder eine bloße Unterbrechung würde bedeuten können. Unter diesen Umständen ist die montenegrinische Regierung der Ansicht, daß die Mission des Vertreters des Königs von Bulgarien bei dem König von Montenegro beendet ist, und daß die diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und Montenegro seit gestern zu bestehen aufhörteu. Ich habe die Ehre, Sie, Herr Geschäftsträger, zu bitten, diese Role der bulgarischen Regierung auf dem kürzesten Wege zur Kenntnis zu bringen.
Wien, '9. Juli. Die „Neue Freie Presse" erfährt von besonderer Seite- Tie bulgarische Regierung richtete durch ihre. Vertreter eine Z i r k u l a r n o t e an die Mächte, in der sie sich gegen den Vorwurf verwahrt, sie habe den Ausbruch des Kriege s v e r s ch u l d e t. Die Verantwortung treffe Serbien und Griechenland. Gleichzeitig erklärt sich Bulgarien bereit, auf G r u u d. des Vertrages über die friedliche Lösung der Konflikte zu verhandeln.
Weitere Nachrichten vom Balkankricg.
Wien, 9. Juli. Essad Pascha ist heute vormittag hier eingetroffen.
Budapest, 9. Juli. An zuständiger Stelle vertritt man die Ansicht, daß der Z w i s cho n f all, der durch die Abgabe von Schüssen durch rumänische Soldaten auf einen österreich-ungarischen Dampfer hervorgerufen worden ist, leicht erledigt werden wird, da man ihm keine besondere Bedeutung beilegt.
Bukarest, 9. Juli. Tie Ausfuhr von Tieren und tierischen Produkten ist verboten worden.
*
Die Organisation der albanischen Gendarmerie.
Rom, 9. Juli. Die „Agenzien Stefani" meldet aus London: Bei der gestrigen Botschafterkonferenz sprachen die Botschafter den Wunsch aus, die Mächte möchten in Stockholm Schritte tun, um die s ch w e d i s ch e Regierung zu veranlassen, einen höheren Offizier zu bezeichnen, der die Gendarmerie in Albanien organisieren und den Oberbefehl übernehmen soll. Außerdem' soll die schwedische Regierung aufgefordert werden, eine Anzahl von Offizieren zu wählen, welche dem höheren Offizier bei der Organisation zur Seite stehen. Ter höhere Offizier soll ersucht werden, sich nach Albanien zu begeben, sobald die Kontrollkommission eingesetzt wird.
Deutsches Reich.
Cuxhaven, 8. Juli. (Durch Funkspruch vom „Imperator".) Der „Imperator" steuerte gestern Helgoland ab und wendete dann mit dem Nordwcstkurs um 9 Uhr abends zur Rückfahrt um. Heute morgen nach dem Frühstück verließ der Kaiser mit seinem Gefolge den „Imperator" und kehrte an* Bord der „Cobra" zur „H o h c n z o l l e r n" zurück. Der neuernannte Kriegsminister von Fakten Hayn traf zur Meldung ein.
Brunsbüttel, 9. Juli. Ter Kaiser trat an Bord der „Hohenzollcrn" heute nachmittag um 2.35 Uhr mit den Begleitschiffen „Kolberg" und „Slcipner" die Nordlandreric an. Die „Hohenzollern" geht zunächst nach Bergen, wo ihre «Ankunft bei guter Fahrt am Donnerstag gegen Äbeird erfolgen wird.
Eichstätt, 9. Juli. Der Reichstagsabgeordnetc Domkapitular Kohl (Ztr.) ist.heute abend nach längerem Leiden gestorben. Domkapitular Kohl ist seit 1898 Vertreter des Wahlkreises Neu markt (Oberpfalz!, der zu den sichersten Zentrumssitzen gehört und stets Zentrumsabgeordnete wählte. Bei den Wahlen von 1912 erhielt Kohl 13 740 Stimmen gegen 1435 nationallibe- rale, 661 sozialdemokratische und 28 reformerische Stimmen.)
Ausland.
Haag, 9. Juli. Wie das Niederländische Korrespondenz- Bureau^ erfährt, ist die Lieferung der Geschütze für die neuen Forts von Vlissingen, Kijkauin usw. an die Firma Krupp in Essen vergeben worden.
Paris, 9. Juli. Die H e e r e s k o m m i s s i o n der Kammer sprach sich mit allen gegen eine Stimme gegen die Einstellung von Rekruten mit 20 Jahren aus.
London, 9. Juli. Oberhaus. Lord Lansdowne kündigte an, daß er am 12. Juli bei der zweiten Lesung der H o m e- r u l e - B i l l den Antrag stellen werde, daß das Oberhaus n b - lehnen möge, mit der Erörterung der Bill fortzuiahren, bis die Wählerschaft Gelegenheit gehabt hätte, ihr Urteil über sie abzugeben.
Ans Stadt und Land.
Gießen, 10. Juli 1913.
Bon der städtischen Straßenbahn.
Jin abaelaufcnen 2. Vierteljahr stellt sich das Ver- fehrsbild unserer Straßenbahn gegenüber dem gleichen Zeit raunt des Vorjahrs wie folgt (die Zahlen bedeuten die beförderten Personen):
Rote Linie Grüne Linie beide Lmren zns. 1913 1912 1913 1912 1913 1912
Avril ' 56 074 63154 40 984 43 270 97 058 106 424
Mai 75 059 65 088 48 843 45 391 123 902 110 479
Juni 110 742 74 815 50 596 44 867 161338 119 682
2.ELuartal 241875 203 057 140423 133 528 382 298 336 585
1913 mehr 38 818 6895 46 713
Täglich wurden im Durchschnitt befördert auf der roten Linie: 2658 Personen (2242 im Jahre 1912), auf der grünen Linie 1543 Personen (1465). Tas Mehr der roten Linie beträgt täglich 416 Fahrgäste, was wohl in der Haupt- sache auif das Regimentsfest zurückzusühren ist. Tie Verkehrszunahme auf der grünen Linie mit täglich 78 Personen w-ird, wie Eingeweihte sagen, auf die Sprechstunden des „Wunderdoktors" in der Marburger Straße zurückgeführt. Die Zunahme im 2. Vierteljahr beträgt durchschnittlich 500 Fahrgäste am Tag gegen 2. Vierteljahr 1912.
Die Einnahme aus dem Personenverkehr für April, Mai, Juni stellt sich int ganzen auf 37 388 Mk. gegen 32883 Mk. im gleichen Zeitraum 1912, was sich durch ein Mehr von 4505 Mf. ausdrückt, aber nicht etwa mehr- verdient wurde.
*
* * Tageskalendcr: 5. Abonnementskonzert der Regimentsmusik in Steins Garten. Anfang 8'/. Uhr.
*
* * Aus dem Militär-Wochenblatt. Oberkt. Henke im Füs.-Megt. v. Gersdorff (Kurhess.) Nr. 80, unter Beförderung -zum überzähligen Hauptmann, in das Inf.- Leibregt. Großherzogin (3. Hess.) Nr. 117 versetzt.
* * Fortbild un gs kurs für Gemeinde- und V e r s i che run as beamte. In der Zeit vom 28. Juli bis 2. August 1913 findet an der Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung in Kö ln"ein Fortbildungskurs für Gemeinde- und Versicherungsbeamte statt. Im ganzen werden 15 Vorträge gehalten über die Organisation der Kranken-- kassen, die Krankenversicherung der neueinbezogenen Berufszweige, Neuerungen im Verfahren der Unfallversicherung, die Kassenangestellten, die Angestelltenversicherung, die Unfallverhütung, die Arztfrage, die allgemeinen Wirkungen der sozialen Versicherung und verwandte Gegenstände.
* * Elektrische Ueberlandanlage. Nachdem ein großer Teil der Fernleitungsanlagen der elektrischen lieber - landzentralen Wölfersheim und Gießen in Betrieb genommen worden ist, kann nicht oft genug vor dem Berühren der Drähte gewarnt werden. Ganz besonders ist die Warnung jetzt am Platz, wo die Zeit der Obsternte beginnt. Beim Abnehmen von Obst in der Nähe der Fernleitungen muß die größtmöglichste Vorsicht geübt werden, damit'kein Berühren der Leitungen mit Stangen, Baumscheren usw. stattfiudct. Jede Berührung ist mit Lebensgefahr verknüpft.
** Fünftes Sommer-Abonnementskonzert. Ter uns vorliegende 'Spielplan verspricht heute uuserem musikliebendeu Publikum einige genußreiche Stunden, denn er ist geschickt zusammen gestellt. So fommen u. n. zum Vor-, -trag: Finale der Symphonie triomphale von Schulz mit dem Schlußsatz „Großer Gott, wir loben dich", „Vorspiel zum Bühnenweihfcstspiel Parsifal" von R. Wagner, Natiönal^ Lieder in Form einer Suite von P. Tschaikowsky, Ouvertüre zur Oper „Mignon" von H. Thomas u. a. m. Auch ist zu diesem Konzert der von vergangenem Jahre her bestens bekannte Pistonbläser Wiggert von der Königs. Hofkapellc Dresden gewonnen, der über eine ganz hervorragende Technik und seelenvollen Vortrag verfügt. Hoffentlich ist das Wetter so, daß das Konzert wieder im Freien stattfinden kann.
** Gerhart Hauptmanns Festspiel. Vom Alldeutschen Verband wird uns geschrieben: Als der Ablauf der Schutzfrist des Parsifal näher rückte, erhob sich in einem Teil der Presse ein Sturm gegen die Freigabe des Stückes; sogar der Reichstag wurde bemüht. Wie die Entweihung eines nationalen Kunstheiligtums wurde es betrachtet, falls das Wert' an .einem andern Orte als in Bayreuth aufgeführt würde. Man hat fast den Eindruck, als ob eine ähnliche Empfindung das Gerhart Hauptmannsche Festspiel unerläßlich mit Breslau verknüpft sein ließe; andernfalls wäre es kaum zu erklären, daß viele wirklich an eine Gefährdung und gewaltsame Unter drückiurg der Dichtung infolge ihrer Absetzung vom Spielplan geglaubt haben. Tatsächlich steht allen Vereinen und Bühnen frei, das Stück zur Aufführung zu erwerben; jede Bühne, vielleicht mit Ausnahme einiger Hofbühnen, kann es nach wie vor seinem Spielplan cinvcr- Icibcn, wenn sie von seiner Zugkraft und seinem Wert überzeugt ist, und int Buchhandel kann es sich jeder um billiges Geld taufen. Ob die Ausschaltung dos Festspiels aus der Breslauer Jahrhundertfeier sachlich gerechtfertigt war, und ob daher so etwas wie schnöde Verkennung eines nationalen Kunstheiligtums im Spiel war, darüber sich selbst ein Urteil zu bilden, soll die morgen Freitag abend 8 Uhr stattfindende vom Alldeutschen Verband veranstaltete Lesung des Festspiels dienen. Als Vortragender wurde Herr Th. Stiefen- hofer vont Stadttheater Aschaffenburg gewonnen, der als Orcst am letzten Montag gut gefallen hat.
** E i n Militär-Bauamt wird unsere Stadt in allernächster Zeit erhalten; es wird mit vier Beamten besetzt, ohne die Hilfskräfte, welche nach Bedarf angenommen werden. Ter neuen Behörde werden die militärischen Zwecken dienendett Bauten der Garnisonen Gießen, Butzbach, Friedberg, Wetzlar und wahrscheinlich auch Marburg unterstellt werden.
Starkenburg und Rheinhessen.
na Offenbach a. M., 10. Juli. Zu dem Projekte der Ueberlandzentrale der Stadt Offenbach, mit bent sich die Stadtverordneten-Versammlung nächsten Freitag in nichtöffentlicher Sitzung beschäftigen wird, hat die Vereinigung elektrotechnischer Spezialfabriken mit bem Sitz Berlin an bie Zweite Kammer ber Landstände eine Eingabe gerichtet, in dec sie bittet, den Vorgängen im Kreise Offenbach besondere Auf- merksamkeit zuzuwenden, und die Großh. Staatsregierung zu ersuchen, Maßnahnien zu ergreifen, daß die Elektrizitätsversorgung des Kreises Offenbach auf rein kommunaler Grundlage unter Ausschluß jeder Beteiligung einer Privatgesellschaft erfolgt. Zu diesem Zwecke wären die Pläne der Stadt Offenbach auf Ausbau ihres Elektrizitätswerkes zu einer Ucberland- zentrale für den Kreis Offenbach nach jeder Richtung hin zu fördern und die Nachgeordneten Behörden mit entsprechenden Anweisungen zu versehen.
ä. Mainz, 9. Juli. In der heutigen Sitzung dec Stadtverordneten wurde der Erlaß einer Ordnung über die Preisfeststellung beim Markthandel mit Schlachtvieh, mie eine solche inWiesbaden besteht,beschlossen. EineStiftting von 2000 Mark, die den Ranien I. und E. Di cm er-Stiftung, tragen soll und deren Zinsen alljährlich auf Weihnachten an unbemittelte Insassen des JnvalidenhauscS zu verteilen sind, wurde angenommen. Für die Errichtung einer Schulzahnklinik und eines Museums für Säuglingsfürsorge wurden 11 700 Mk. bewilligt. Die Loge zur Eintracht übernimmt die Einrichtungskosten für das Museum für Säuglingsfürsorge. Die übrigen Punkte der Tagesordnung betrafen Bausachen.
Hessen-Nassau.
zv. Kassel, 9. Juli. Heute vorntittag fuhr ein Straßenbahnwagen • in voller Fahrt die abschüssige Bahnhofstraße hinab, entgleiste am Lutherplatz und stieß mit voller Wucht gegen ein Hau8. Der Wagen wurde vollständig zertrümmert. Der Führer und eine Frau erlitten Rippenbrüche und ätlßerc Verletzungen, ein Knabe leichtere Verletzungen. Ein Schaffner wurde durch Glassplitter am Kopfe erheblich verletzt.
sc. Fulda, 9. Juli. Tie Konferenz der deutschen Bischöfe — ausgenommen die bayerischen — wird voraussichtlich am 5. August hier beginnen.
-------- . ' —■ ............. J
Universitäts-Nachrichten.
Der a. o. Professor und Direktor des technologischen Instituts an der Berliner Universität Geh. Regierungsrat Dr. £)ermann Wichelhaus ist zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt worden. Geheimrat Wichelhaus, ein geborener Elberfelder, steht int 72. Lebensjahre.
Gerichtssaai.
Zwei Jahre unschuldig im Zuchthaus.
zf Neustrelitz, 7. Juli. Ter Drogist Arthur Greve in Neubrandenburg wurde am 1. Februar 1908 wegen Sittlich- leitsverbrechens zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, auch wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren aberkannt. Tic Revision gegen dieses Urteil blieb ohne Ersolg. Greve hat die Zuchthausstrafe vom 10. März 1908 bis 10. März 1910 voll verbüßt. Es war ihm zur Last gelegt worden, sich an der Tochter des Oekonomierats Kruse, die damals 13 Jahre alt mar, vergangen zu haben. Das Mädchen chen gab in der Verhandlung eine Darstellung der Straftaten des Greve, so daß das Gericht trotz einiger Widersprüche ii. der .^ssage der Belastungszeugen zu der Feststellung kam, daß der Antzerlagte sich im Sinne des § 176 Ziffer 3 Strafgesetzbuch schuldig gemacht habe. Der Angcllagtc beteuerte bei seiner Vernehmung seine völlige Unschuld. Mit Rücksicht auf dieses vermeintliche hartnäckige Leugnen und ferner mit Rücksicht darauf, daß das angebliche Opfer des Greve den beffercn Ständen angehörte, glaubte das Gericht trotz der gänzlichen Unbescholtenheit des Angeklagten auf die schwere Strafe von zwei Jahren Zuchthaus erkennen zu müssen. Greve hat vom ersten Tage der Verbüßung seiner Strafe an mit allen Mitteln versucht, ein Wiederausnahmeverfahren durchzusctzen. Er hat aud> eine Reihe von Wiederaufnahme-Anträgen gestellt, sie blieben aber sämtlich ohne Erfolg. Schließlich hat die damalige Zeugin Kruse, die als Novize und Hilfskrankenschwester in einem Krankenhause Anstellung gefunden hatte, von Gewissensbissen gepeinigt, ihrer Oberin gegenüber erklärt, daß sie den Greve zu Unrecht bezichtigt habe. Tie Oberin gab das Geständnis weiter und nunmehr wurde dem Wiederausnahmeantrage, den Rechtsanwalt Walter Bahn (Berlin) gestellt hatte, sosort stattgegebcn. Tie Kruse wurde vor Gericht vernommen und erklärte, daß ihre seinerzeitigen Angaben sämtlich unwahr gewesen seien. Greve habe sich ihr gegenüber niemals in unsittlicher Weise genähert, die belastenden Angaben habe sie unter dem Zwange ihrer Erzieherin gemacht. Auf Grund dieser Angaben sand der Hauptverhandlungs- termin int Wiederaufnahmeverfahren vor dem hiesigen Landgericht statt. Hier wiederholte die Kruse als Zeugin den Widerruf ihrer früheren Aussage unter ihrem Eide. Nach achteinhalbsttindiger Verhandlung hob der Gerichtshof das frühere Urteil auf und sprach den Angeklagten unter Uebernahme der Kosten auf die Staatskasse frei. In seiner Begründung stellte das Gericht fest, das-, nach den eidlichen Bekundungen der Kruse ein begründeter Tatverdacht nicht mehr vorliege. Greve hat somit auch die ihm gesetzlich zustehende Entschädigung wegen unschuldig erlittener Strafe von dem Staate zu beanspruchen. Grepe ist durch die Verbüßung der zweijährigen Zuchthaussttafe körperlich und geistig fast zusammengebrochen. Nach dem Gesetz ist es unmöglich, bafr man die Zeugin Kruse wegen ihrer früheren uucidlichen, unwahren Angaben vor Gericht, auf Grund deren Greve die Zuchthausstrafe erhielt, gerichtlich zur Verantwortung ziehen kann.
* * Baugesuche. Unter den vorn Hochbauamt im vergangenen Vierteljahr genehmigten 16 Baugesuchcn handelt es sich um sieben neu zu errichtende Wohnhäuser gegen 18 Baur;esuche mit 11 Wohnhäusern im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.
* * Eine originelle Danksagung. Einem Ehemann, der spät geheiratet und dem nach mehrjähriger Ehe kürzlich ein .Knabe geboren wurde, giugm so zahlreiche Glückwünsche aus diesem Anlaß zu, daß er sich entschloß, seinen Dank dafür durch eine gedruckte Karte auszusprechen. Diese schüttelten allerdings über die originelle Danksagung verwundert den Kops, denn der glückliche Vater dankte für die freundliche Teilnahme bei der vollzogenen Geburt seines Kindes. So ift's, wenn jemand, wohl in der Zerstreutheit, eine Geburt mit einem Trauer sali verwechselt.
* * T i e Findigkeit der Post ist nicht immer aus der gepriesenen Höhe. Wir erhielten heute einen aus Gießen abgesandten Brief, der an innere Redaktion gerichtet war, aber als Ortsangabe versehentlich Frankfurt a. M. auf wies. Der Brief ging pflichtfchnldigff nach Frankfurt a. Main, wurde dort mit dem Stempelvermerk: Empfänger in FrMtkfurt ('Kaiin nicht ermittelt, und mit dem Hand- fchriftlick)en Zusatz versehen: Versuchsweise Gießen und an den hiesigen Absender zurückgegeben, dessen Adresse am Kopf des Umschlages außgodruckt ist. Selbstverständlich kostete der Brief auch 15 Pfg. Strafporto.
Saarbrücken, 9. Juli. Dic^ Strafkammer sprach nach dreitägiger Verhandlung den Notar Iustizrat M a y c r von bet Anklage des Betrugs, des Betrugsversuchs, der Unterschlagung und der Untreue frei, sprach den Angeklagten aber des Kon- kursvergchens schuldig und erkannte unter Versagung mildernder Umstände auf eine Gefängnisstrafe von 9 Monaten.. Gegen den Angeklagten wurde Haftbefehl erlassen.
Vermischtes.
* V o m Wetter. Aus der Zentral- und O st s ch w e i z laufen Nachricksten über Unwetter ein. Verschiedene Alpen- ftationen melden Schneefälle bis in 1500 Meter Höhe, sowie bedeutenden Temperaturfall. — Auch in den bayerischen Bergen ist ein großer Wettersturz cingctrctcn. Auf den Höhen von 1000 Meter liegt Neuschnee. Es herrscht eine ungewö l> n - liche Kälte. Durch den Schneedruck sind die Wälder geschädigt. — Aus Bre g e n z wird gemeldet: Infolge starker wolkenbruch- artiger Regengüsse und Hagclschläge ist der Bodensee über Nacht um 9 Zentimeter gestiegen Tie Stadtkanälc sind verstopft, die tieferen Lokale überschwemmt Tas Wetter ist trostlos. (In Gießen auch. Tie Red.)
' Reliquien Goethes. Vor dem Bezirksgericht in Petersburg imrb sich ein interessanter Kriminalprozeß ab- spielen. Die zwei Schwestern Böhme, die vor Jahren aus Weimar hierher übergesiedelt waren, waren durch Verlegenheit gezwungen, zwei R-cliguien, eine Locke und ein Aquarell Gocihcs für eine unbedeutende Summe bei einem Bekannten zu versetzen. Als sie ihr Eigentum auslöstn wollten, erfbitte der Betreffende,


