Nr. 220
Zweites Blatt
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. .
General-Anzeiger für Gberhessen
Tie „Sithener Familienblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für Öen Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Freitag, 19. September 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Brich- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expeditton imb Druckerei: Sckrul- straße 7. Expedition und Verlag: easä>51.
Redaktion:^E112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
politifcbc Tagesschau.
Ist eine Erhöhung der Eisenbahntarife geplant?
Tie „Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnvcrwal- tungen" veröffentlicht an der Spitze ihrer Nummer vom 17. September einen Artikel, der geeignet ist, den Eindruck zu erwecken, daß eine Erhöhung der Eiscnbahntarife mit Rücksicht auf die „allgemeine Preissteigerung" erwogen wird. Am Anfang wird dort unter der Ueberschrift „Allgemeine Preissteigerung und Eiscnbahntarife" ausgeführt:
Tie allgemeine Steigerung der Löhne und der Preise für die meisten Lebensbedürfnisse, Dir sich seit Ial-ren in allen Ländern fühlbar macht und deren Wirkung auch auf die finanziellen Ergebnisse der Eisenbahnverwaltungen nicht ausbleiben konnte, hat bereits mehrere E i s c n b a h n l ä n d e r in die Notwendigkeit versetzt, die gesteigerten Betriebsausgaben durch Tariferhöhungen auszugleiätcn.
Hierauf wird mitgeteilt, daß in England, in der Schweiz, in Oesterreich, Ungarn, Italien, Belgien, Dänemark und Rumänien in den letzten Jahren Erhöhungen der Eisenbahntarife vorgenommen sind. Im Anschluß hieran schreibt das offizielle Organ des Vereins deutscher Eisen- bahnvcrwaltungen: Nun scheinen sich auch die französischen Eisenbahnen, die bisher Bedenken getragen haben, ihre Tarife zu erhöhen, der E r k e n n t n i s nicht länger verschließen zu können, daß sie mit den jetzigen Be- förderungspreifen auf die Dauer nicht auskommen. Wenigstens wird dieser Standpunkt neuerdings von dem bekannten Nationalökonomen Colson, der ein hervorragender Kenner des französischen Eisenbahnwesens ist und den Privatbahn- gesellschasten nahesteht, verfochten.
Die „Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen" will es dahingestellt sein lassen, ob gerade in Frankreich die Notwendigkeit von Tariferhöhungen vorliegt. Sic schließt ihren Artikel mit den Worten:
Die deutschen Eisenbahnen haben es jedenfalls unter 'zum Teil weit schwierigeren finanziellen Bedingungen bisher immer noch vermieden, zu dem unerfreulichen Mittel der Tariferhöhungen zu greifen und vielmehr dem verkel/rtreibenden Publikum durch ständige Fortbildung der Tarife und der Gütcrklassi- fikation namhafte Erleichterungen gewährt, obwohl im Hinblick auf die sinkende Kaufkraft des Geldes selbst ein Gleichbleibe u der Tarife int tatsächlichen Erfolge einer indirekten Ermäßigung gleichkommt.
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Ein neues Anerbieten an Staatssekretär Bryan.
Mit Rücksicht auf das Auftreten des Staatssekretärs Bryan im Zirkus und seine Erklärung, daß er zum Lebensunterhalt und zur Bestreitung seiner Ausgaben ein Jahreseinkommen von mindestens zwanzigtausend Dollars haben müsse, als Staatssekretär aber nur zwölftausend Dollars bezieht, hat der Verlag der New Vorker „World" Bryan folgendes Anerbieten gemacht: „Wenn Sie Ihre ganze Zeit ausschließlich Ihrem Amte widmen und während Ihrer Amtszeit von Vorlesungen oder Reisen abstehen wollen, für die Eintrittsgelder berechnet werden, will Ihnen „The World" im Interesse des amerikanischen Volkes regelmäßig, solange Sie das Amt eines Staatssekretärs bekleiden, die Summe von achttausend Dollars jähr- l i ch auszahlen unter keiner weiteren Verpflichtung Ihrerseits, als der oben angegebenen Bedingung."
Es wird in diesem Zusammenhang interessieren, ein Urteil zu hören, das der Berliner Vertreter der New sJ)ort Times, Herr F. W. Wile, in der Neuen Gesellsch. Korrespondenz über Herrn Bryan und seine Stellung fällt. „Kein Wort", sagt Herr Wile, „wäre stark genug, um den peinlichen Eindruck zu schildern, den die in Europa lebenden Amerikaner von dem grotesken Auftreten des Staatssekretärs Bryan am Vortragspodium oder, genauer gesagt, auf der Bühne eines Variete-Theaters, empfangen haben." Dann heißt es weiter:
Herr Bryan ist nur dem Namen nach Staatssekretär, in Wirklichkeit hat er auf die Geschäfte des Auswärtigen Amtes so gut wie gar keinen Einfluß. Tr. Woodrow Wilson ist vielmehr, wie ich von sehr zuverlässiger Seite höre, sein eigener Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Mr. Bryan unterzeichnet die Schriftstücke und gilt der Form nach atu Leiter des Ministeriums, doch hat ihm Präsident Wilson als „Assistenten" einen außer ordentlich fähigen und geschickten Tiplomaten in der Person des Mr. John Bassett Moore an die Seite gestellt. Mr Moore, der ehemals der Columbia-Universität in New Port angehörte, gilt als eine Autorität auf dem Gebiete des Staats und Völkerrechts. Er hat an verschiedenen wichtigen internationalen politischen Verhandlungen teilgenommen, ist ein Gentleman und ein sprachkundiger Gelehrter zugleich und ein Tiplcrntt von Beruf in der vollen europäischen Auffassung dieses Wortes. Solange er die unerfahrene rechte Hand Mr. Bryans ersetzt, werden feine argen Fehler begangen werden. Und dann hat Mr. Bryan an Mr. Alva A. Adee noch einen zweiten assistierenden Sekretär, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Auswärtigen Amte tätig ist. Moore und Slbee und dazu das wachsame Ange des vorsichtigen und klugen Präsidenten Wilson selbst bieten Gewähr genug, daß unser Staatsdepart ment, sogar unter einem Mr. Bryan, Amerika nicht vor dem Auslande der Lächerlick-- keit preisgeben wird.
Herr Wile schließt jedoch mit dem Wunsche, den nach seiner Uebcrzeugung viele seiner Landsleute teilen, daß sich recht bald eine passende Gelegenheit finden möge, um Bryan nach Lincoln, in die Räume seines Redaktionsbureaus, zurückzubefördern. Dort könne er ungestraft den Clown spielen, ohne die Würde und das Ansehen einer Nation, die ernstgenommen werden wolle, zu gefährden.
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Eine Vorlage über die gesetzliche Regelung der Pensions- Verhältnisse der Altpcnsionäre des Reichs
ist int Reichsschatzamt fertiggestellt und wird dem Reichstage so frühzeitig zugehen, daß sie am 1. April 1914 in Kraft treten kann.
In Preußen sind, so schreibt man uns, Erwägungen im Gange, ob man sich diesem Vorgehen anschließen soll, da bekanntlich die Pensionsverhältnisse der preußischen Alt- pensionäre nur im Verordnungswege geregelt sind. Da Preußen und das Reich in Beamtengehaltsfragcn tunlichst in Üebercinstimmung handeln, kann man annchmen, daß auch Preußen eine gesetzliche Regelung vornehmen wird.
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lieber den Entwurf über die Haftpflicht der Eisenbahnen, der dem Bundesräte vorliegt und im Winter dem Reichstage zugehen wird, wird uns folgendes mitgeteilt:
Der Entwurf regelt die Haftpflicht von Personen- und Sachschäden für alle Arten von Eisenbahnen und unterscheidet hierbei Eisenbahnen mit eigenem Bahnkörper und Straßenbahnen ohne diesen. Für letztere sind wegen der stärkeren Kollisionsgefahr die Haftpflichtbestimmu'ngen gemildert, sie entsprechen den BestimmunHen des Automobrlhaft- pflichtgesetzes, während für Eisenbahnen mit eigenem Bahnkörper die Bestimmungen des Reichshastpflichtgesetzes mit Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse maßgebend sind. Me eigentlichen Straßenbahnen, die eigentlich Kleinbahnen sind, konnte man in diesem Gesetze als solche nicht behandeln, wollte man sie nicht ungebührlich hoch belasten. Man suchte deshalb die schweren Bedingungen des ReichShaftpflichtbesetzes zu mildern, in der Erwägung, daß Straßenbahnen tm Stadtbetriebe als Eisenbahnen nicht angesehen werden und die größere Anzahl von Zusammenstößen auf das Schuldkonto anderer Wagenführer gefetzt werden muß. Betreffs der Haftpflicht wird die Eisenbahn den Automobilen gleich geachtet, obwohl die Möglichkeit, Unfällen vorzubeugen, bei einer Schienenbahn viel beschränkter ist. Wünschenswert erscheint aber auch, nunmehr auch die Straßenbahnen in anderer Beziehung ihres Charakters als Kleinbahnen zu entkleiden und Zusammenstöße mit ihr nicht für andere Wagenführer als „Gefährdung eines Bahntrans
portes" zu behandeln. Dies ließ sich im Rahmen des Haftpflichtgesetzes jedoch nicht erreichen.
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Ein neuer deutsch-griechischer Zentralverband zur Förderung der wirtschaftlichen Interessen wird sich am 8. Oktober im Hotel Esplanade in Berlin bilden. Der Geh. Legationsrat v. Jacobs, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Levante-Linie, hat den Vorsitz in dem Ausschuß übernommen, der die Gründung des Verbandes betreibt. Die Bestrebungen des neuenstVerbandes, die nicht zuletzt in Anbetracht der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland gerade jetzt Beachtung verdienen, werden wesentlich dadurch erleichtert, daß die Unterstützung der Deutschen Levante-Linie gesichert ist.
In Griechenland sollen korrespondierendeStel- l e n im Sinne der deutsch-griechischen Bestrebungen eingerichtet werden, und in Athen ist in dieser Richtung bereits ein mit den Verhältnissen genau vertrauter Hamburger Kaufmann tätig. Später sollen solche Stellen in Saloniki, Patras, Piräus, Syra, tianca auf Kreta usw. entstehen. Zu begrüßen ist es, daß der Berliner griechische Gesckstiftsführer Theotoky dem Unternehmen das größte Wohlwollen entgegenbringen will. Auch das Auswärtige Amt ist über die Bestrebungen des Zentralverbandes informiert worden. Sehr erwünscht wäre im Interesse der Belebung hes Handelsverkehrs und der Auftragerteilung an die deutsche Industrie, daß die deutsche Bankwelt sich der Angelegenheit nach Möglichkeit annimmt. Dies erscheint um so notwendiger, als bereits andere Länder eifrig am Werk sind, um in Griechenland die Konjunktur auszunutzen. Es sind dies in erster Linie England und Frankreich, weiter aber auch Amerika und Belgien. Gerade in den neuen Gebieten sind ganz bedeutende Schätze an Mineralien und landwirtschaftlichen Produkten vorhanden, und der deutschen Industrie ist reiche Gelegenheit gegeben, sich an den neuen größeren Unternehmungen, die nach dem Friedensschluß ins Leben treten, zu beteiligen.
Alle Interessenten erhalten nähere Auskunft beim Syn dikus Dr. Brauer, Friedenau, Beckerstraße 8.
Deutsche Kolonien.
Togoarbeiter für Südwest.
Durch die Blätter geht die Meldung, das kaiserliche Gouvernement von Südwestasrika habe sich, um dem fühlbar werdenden Arbeitermangel abzuhelfen, an das Gouvernement von Togo mit der dringenden Bitte um Entsendung bon H i n t e r la n d a rb ei t e r n gewendet. Das entspricht den Tatsachen. Infolgedessen hat sich der Verein der Togo-Kaufleute mit der Frage der Entsendung von Arbeitern nach Südwest befaßt und beschlossen, beim Reichskolonialamt energischen Einspruch gegen die Ausfuhr von Togoarbeitern nach Südwestafrika zu erheben. Dieser Schritt des Vereins ist sicherlich gerechtfertigt, muß aber den Anschein erwecken, als ob das Gouvernement von Togo einer für Togo so einschneidenden Frage gleichgültig gegenüber- gestanden habe. Deshalb stellt das „Amtsblatt für Togo" fest, daß das Gouvernement bereits im November 1912 und weiter im April d. I. die Wünsche des Gouvernements von Südwestasrika betreffs Einführung von Togoarbeitern endgültig abgelehnt hat. Die Frage hatte atfo schon ihre Erledigung gefunden, bevor der Verein der Togo-Kauflente sich mit ihr befaßte.
Der sozialdemokratische Parteitag.
~ Jena, 18. Sept.
Vor Halbleeren Tribünen und einem sehr mäßig gefüllten Parkett begann heute die 4. Sitzung des Sozialdeinokrattsckxm Parteitages, die von Bock-Gotha mit einigen geschäftlichen Mitteilungen eröffnet wurde. Es nahm dann sofort Timm- Müitchen das Wort zu einem Vortrag über die Arbeitslosenfürsorge. Die hierzu vorliegende Entschließung war zurückgezogen und durch nachfolgende ersetzt worden:
„Die zurzeit herrschende und noch ansteigende ungewöhnlich große Arbeitslosigkeit fordert schleunige Maßnahmen zur Linderung der Not der Arbeitslosen. In allen öffentl. Körperschaften
Aus Jafob Grimms Berliner Seit.
Zu feinem 50. Todestage, 20. September.
Der 30. April 1841 war ein großer Tag für die Berliner Studentenwelt. An diesem Tage hielt nämlich Jakob Grimm seine Antrittsvorlesung an der Universität. Dies war ein Ereignis, das vielleicht weniger wegen des Stoffes, den der Gelehrte vortrug, als wegen der Geschicke, die er erlebt hatte, in den weitesten Kreisen Aufmerksamkeit erregte. Es sind über diese erste Vorlesung mehrere Auf- zerchnungcn vorhanden, von denen hier einige mitgeteilt werden sollen. Am ausführlichsten hat wohl Bettina von Arnim in einem Bries an ihren ältesten Sohn darüber geschrieben:
„Den Fricdmund (ihr zweiter Sohn) wird sehr freuen, zu erfahren, daß Jakob Grimm mit unendlichem Jubel bei seinem Eintritt ins Kolleg empfangen wurde. Es waren an 600 Studenten, das größte Auditorium mußte eröffnet werden. Als er den Gang entlang kam, riefen die Studenten, welche an der Tür standen: „Vivat!" Sogleich erscholl mit ungeheurem Feuer das Vivat im Saal, die Studenten sprangen auf die Bänke, schwenkten die Mützen, riefen und tlatschten noch einmal! Und so hörte es während 10 Minuten nicht auf zu donnern. Der Jakob war leichenblaß, konnte sich in diese lieberra)d)ung, die er nicht geahnt halte, gar nicht finden. Er hielt die Hand vor die Augen, um sich zu sammeln, und sagte: „Ich weiß, dies gilt nicht mir, sondern meinem Schicksal, das mich nicht gebeugt hat, und dem ich auch nun zu danken habe, daß es mich in Ihre Mitte führt!" Dies wurde mit großem Llpplaus auf- genommen, aber der gute Jakob konnte sich nicht mehr sammeln, und er war so bett'egt, daß er oft Pausen machen inußte. Auch kam er schwer angegriffen nach Hause und war den andern Tag krank."
Auch Georg Curtius, der sich unter den Zuhörern dieser denkwürdigen 'Antrittsvorlesung befand, berichtet von der großen inneren Bewegung, die den großen Gelehrten, den Deutschesten aller Deutschen, wie ihn Gervinus genannt hat, erfaßt hatte. „Die Bewegung des Herzens," schreibt Curtius, „das bei ihm stets sehr lebhaft schlug, hemmte den Fluß feiner Gedanken. Nach einigen Sätzen trat eine längere Pause ein, aber völlig ruhig und sinnend blickte
der Gelehrte in die Kastanienbäume unter dem Fenster, und lautlose Stille herrschte unter den Hunderten, bis er das Wort wiedergefunden hatte."
Der starke Zudrang zu den Vorlesungen ließ zwar bald nach. Bereits nach einigen Tagen, berichtete Bettina wieder ihrem Sohne, bestand die Znhörrerschaft aus ungefähr 200 Personen, die sich im Laufe der Zeit noch mehr verminderte. Im Juli 1841 schrieb Jakob Grimm selbst, daß sich die neugierige und teilnehmende Menge nunmehr verlaufen habe. Es seien ihm nur einige dreißig zahlende Zuhörer geblieben. Dies sei allerdings für ein Kolleg, wie das (einige, das nicht gehört zu werden brauche, immerhin aller Ehren wert. Er sei auch darauf gefaßt, daß die nächsten Winter, wo er deutsche Grammatik lesen werde, die Zahl noch mehr zurückgehen werde. Aber auch jetzt versichert er: „Die Empfindung beim ersten Wiederauftreten soll mir teuer und unvergeßlich bleiben."
An dem raschen Abnehmen der Zuhörerschaft Jakob Grimms war dieser vielleicht selbst schuld. Er war durchaus fein Lehrer und besaß die Gabe des Vortrages durchaus nicht. Treitschke sagt über die beiden Brüder: „Jakob war der größere Forscher, aber der schlechtere Lehrer. Er war eigentlich gar Fein Lehrer, er war so unruhig, daß man seinem Vortrag nicht folgen konnte, während Wilhelm ein ausgezeichneter Lehrer gewesen ist." So fremd und modern Berlin den stillen ruhigen Gelehrten anmutete, so fühlte er sich doch bald heimisch darin und hat die guten Seiten der Großstadt bald herausgefunden. Seine größte Freude war der Tiergarten, den er auf täglichen Spaziergängen durchwandelte, in tiefes Nachdenken oder in ein Buch versunken. Er hat darüber selbst in der wundervoll abgeklärten Rede „lieber das Alter", die er am 26. Januar 1860 in der König!. Akademie der Wissenschaften zu Berlin gehalten hat, geschrieben: „Für den Greis wird jeder Spaziergang zum Lustwandel... auf allen Schritten .. . bei jedem Atemzug aus der reinen Luft schöpft er sich Lebenskraft und Erholung. Dazwischen gehen die eigenen Gedanken ungestört und unbeeinträchtigt immer fort: ich habe es wohl an mir erfahren, daß, wenn entlegene Pfade mich über Flur und Aecker führten, gute Einfälle mir zuflossen, waren irgendwo Zweifel zu Hause hängen geblieben, plötzlich wurden sie . . . gelöst und unter
wegs einem lieben Bekannten zu begegnen! Wie freute mich innig im Tiergarten auf meinen Bruder, wenn er plötzlich von der anderen Seite her kam, au stoßen. Nickend und schweigend gingen wir nebeneinander vorüber: das kann nun nicht mehr geschehen." Sein Bruder Wilhelm war ein Jahr vorher gestorben. Es war dies der größte Schlag, der den füllen Gelehrten treffen konnte. Er schrieb ihm in die als Familienchronik dienende Familienbibel einen warm empfundenen Nachruf. Am 4. April 1863 folgte ihm fein Bruder Ludwig, der jüngste der Geschwister, im Tode nach, dem Jakob ebenfalls ,chas Kreuz ins Hausbüchcl" machen mußte und nach dessen Tod er resigniert schrieb: „Nun bin ich nur noch ganz allein da."
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— Eine Gerichts satirevon Sir Jam es Barrie. Der geniale schottische Dichter Barrie, der schon so oft feinen frischen .Humor bewiesen, bietet in seinem neuesten Werk „Die angebetete Einzige", das am Londoner Duke of Bork- Theater seine Uraufführung erlebte, eine übermütige stellenweise grotesk sich überschlagende Travestie des ehrwürdig alten, noch mit so manchem Zopf gekrönten britischen Gerichtswesens. Das Beste dieser „Legende aus Old Bailey" ist der erste Akt, in dem ein Gast zu früh in den Salon seiner Wirte tritt und erfährt, daß er mit mehreren Damen zusammen eingeladeu fei mit einer Suffragette, einer „wahren Mutter", einer Frau mit Humor, einer Kokette, einer Heldin und einer — Mörderin. In einer bald darauf erscheinenden Dame erkennt er nacheinander all diese Typen, zuletzt die Mörderin. Sie hat in einem Ervreßzug einen Herrn, der trotz einer schweren Erkältung ihres Kindes ein Fenster geöffnet, zur Ture hinausgestoßen und so feinen Tod verursacht. Und der Herr, der zuerst über diese £at entsetzt ist, Unterliegt bald dem verführerischen Zauber der „angebeteten Einzigen" so völlig, daß er ihre Verteidigung vor Gericht übernimmt. In den beiden anderen Akten, die die Gerichtsverhandlung darstellen, werden sämtliche Juristen ebenfalls von ihr besiegt, sprechen sic frei und huldigen ihr. Tas ist mit unnachahmlicher Grazie und Keckheit dargestellt. Das zweite neue Werk Barr«s, das am selben Abend feine Uraufführung erlebte, heißt „D a s Testament" und schildert ein Ehepaar, das zuerst ganz jung, bann älter und zuletzt ganz alt beim Rechtsanwalt erscheint und in seiner zunehmenden Verknöcherung und Herzensoerhärtung die verderblichen Folgen des Reichtums darstellt. Es ist eine bittere Predigt über Habsucht und Eitelkeit, die Barrie hier hinter seiner Kunst reifer Menschendarstellung verbirgt.


