Erstes Blatt
163. Jahrgang
General-Anzeiger für Oberheffen
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Die heutige Nummer umfaht 12 Seiten.
Zur Lösung der landwirtschaftlichen Eenossenschastrkrisis.
Von mehreren Mitgliedern der hessischen Ersten Ständekammer, den IS) er rett Exzellenz Frhr. v. Hehl zu Herrnsheim, Fürst I s e n- o u r g - Birstein und Graf Kuno Stolberg-Roßla ist heute folgender Antrag cingebracht worden:
„Hohe Erste Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen um Vorlage eines Gesetzentwurfs, der yunt Gegenstände hat:
I. Die Errichtung einer Zentralgenossen- schaftskasse nach dem Vorbild der preußischen Zentralgenossenschaftskasse, die unter Aufsicht und Leitung der Großh. Negierung steht und folgende Aufgaben hat:
1. Eine Kreditquelle und Ausgleichsstclle für die Erwerbs- Und Wirtschastsgenossenschasten im Großherzogtum Hessen ;,,i sein: in dieser Eigenschaft den genossenschaftlichen Personalkredit fördert, sich aber Vor. Immobilien- und Kreditgeschäften vollkommen frci- halt.
2. Den Gläubigergenossenschaften der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank ein Darlehen zu geben von 50 Prozent ihrer Forderungen an die Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank gegen eine mäßige Verzinsung, sowie gegen Verpfändung der Forderungen an die Landw. Genossenschaftsbank und des Stimmrechts auf den Aktienbesitz.
3. Die Förderung der Liquidation der Genossenschaftsbank durch Ausübung der Gläubiger- und Aktionärrcchte.
II. Die für diesen Zweck erforderlichen Mittel durch Inanspruchnahme des Staatskredits zur Verfügung zu stellen.
Diesem Antrag ist eine sehr ausführliche Begründung beigegeben. Es wird darin auf die in der Gläubigerversammlung der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank vom 1. Sept. d. I. gefaßten Beschlüsse hingewiesen, den Beschluß einer Abschreibung von 50 Prozent, die Zahlung von IVe Prozent des Guthabens usw., so das; also in nächster Zeit überall von den Genossen Barzahlungen zu leisten seien. Was dies für das Land in einem Augenblick be- bcutet, in dem die weinbautreibende Bevölkerung auf einen nahezu völligen Verlust der Ernte gefaßt sein muß, die Steuerlasten außerordentlich hoch seien und die Getreidepreise eine sinkende Tendenz' zeigten, lasse sich kaum ermessen. Es müßten von den 14 Millionen rund 7 Millionen als voraussichtlich verloren bezeichnet werden, ebenso das ganze Aktienkapital von 2V» Millionen. Die im Jahre 1883 gegründete Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank habe 1910 einen Gesamtumsatz von nahezu 316 Millionen gehabt; von den Genossenschaften ivaren ihr in diesem Jahre rund 46 Millionen Mark zugeflossen, rund 3Ve Millionen waren ausbezahlt worden. Die LGB. sollte ursprünglich ein Geldcrusgleichsinstitut sein, ähnlich mie die Preußenkasse und sie habe in dieser Beziehung zweifellos ihre großen Verdienste gehabt. Während aber für die Preußen- Zeiltral-Genossenschaftskasse ausdrücklich das Verbot von Jmmo- biliar-Kreditgeschästen bestehe, habe sich gerade die LGB. durch ihre Verbindung mit der Verwaltungs- und Verwertungsgesellschast und mit der Reichsgenossenschaftsbank, die ihrerseits wieder mit der landwirtschaftlichen Kreditbank in Verbindung stand, in die gewagtesten Immobilienkreditgeschäfte eingelassen. Es wird dann weiter auf die „erstaunliche Personalunion" hingcwiesen, die in der Person der Herren Haas und Ihrig bei den genannten Geldinstituten bestand. Aehnlich wie diese Personalunion bestanden auch enge finanzielle Beteiligungen der verschiedenen Institute untereinander, und gerade diese Beteiligungen hätten den Uebcrblick über den Stand der verschiedenen Banken außerordentlich erschwert und
schließlich zum Zusammenbruch des ganzen Systems geführt. Es sei auffallend, daß sich diese auf rein genossenschaftlicher Grundlage errichteten Zentralkassen bezw. Zentralbanken nicht bewäl)rt haben, während die 1895 gegründete „Preußische Zentralgenosfenschafts- kasse", die ähnlich wie die Reichsbank unter staatlicher Aufsicht und Leitung steht, eine erfreuliche Entwickelung genommen hat und ihre Aufgaben in vollem Umfange erfüllt.
Die geschilderten Ereianisse hätten unabweisbar den Gedanken nahe gelegt, eine ähnliche Kasse auch für Hessen ins Leben zu rufen und damit den landw. Genossenschaften eine Ausqleichsstelle und Kreditauelle zu schaffen, die ihren Bedürfnissen Rechnung trägt und ihnen die Vorteile gewährt, die ihnen die großen Banken, welche im wesentlichen industriellen und gewerblichen Unternehmen dienen, nicht geben können. In Hessen habe sich ein Eingreifen des Staates und eine Staatshilfe in diesem Auaenblick als gerechtfertigt erwiesen: es müsse der Wiederkehr solcher Zustände vorgebeugt werden. „Die Interessen des Landes stehen auf dem Spiel: der Wohlstand des selbständigen Mittelstandes, jenes Trägers des Staates, hängt davon ab, daß ein Institut geschaffen wird, welches nicht unkundigen oder gar vcrbv'ck'erischen Händen einzelner Leute iiber- '1 assen wird. Auch die ins Leben gerufene Zentrakkasse der hessischen landw. Genossenschaften kann, wie es sich jetzt schon gezeigt hat, ohne Hilfe des Staates ihre Aufgaben nicht erfüllen. Die Versuche, mit der Preußenkasse in eine enge Verbindung zu treten, scheinen auf einen raschen Erfolg dieser Bestrebungen nicht rechnen zu lassen. Dagegen haben wir für den vorliegenden Antrag ein Vorbild in der Preußenklasse, welches volle Nachahmung verdient und welches sich im Sturme der Zeiten bewährt hat." Zur Entwirrung der heutigen Situation bedürfe es der energischen Unterstützung Sachkundiger, über den Parteien und Einzelinteresscn stehender Personen. Das Direktorium der neu zu schassenden Kasse hätte auch die Liquidation der Landw. Genossenschaftsbank zu fördern, und dazu erfcheint es den Antragstellern zweckmäßig, daß die neue Kasse die Mtionär- und Gläubigerinteressen der einzelnen Genossenschaften zur Förderung der Liauidation wahrnimmt. Um aber der schwer betroffenen landwirtschaftlichen Bevölkerung und den zahlreichen von ihrem 'Wohlergehen abhängigen Erwcrbsständen in diesem Augenblick flüssige Mittel zur Verfügung zu stellen, die es ihr ermöglichen, den Genossenschaftsbetrieb ohne sofortige Zubuße ihrerseits weiterhin zu erhalten, ist in Aussicht genommen, 5 0 P r 0 z. der Forderungen an die Genossenschaftsbank den Genossenschaften nach Prüfung ihrer Kreditwürdigkeit gegen Verpfändung ihrer Forderungen und Äktionärsrechte an die L. G. B. als Darlehen zu mäßigem Zinsfuß zu geben, damit die Genossenschaften in der Lage wären, ihrerseits ihren Mitgliedern Geld zur Bezahlung der jetzt angeforderten Einzahlungen aus den Geschäftsanteil ebenfalls zu mäßigem Zinsfuß zur Verfügung zu stellen, damit diese in der Lage wären; ihren GeschäftÄetrieb aufrecht zu erhalten < > f
In der Begründung wird dann betont, daß das Darlehen durch Inanspruchnahme des Staatskredits zu einem Zinsfuß zu beschaffen fein würde, der für den Staat Aufwendungen nicht erforderlich macht. Eine derarttge Tätigkeit des Staates würde, so meinen die Antragsteller, nicht nur die landwirtschaftliche Bevölkerung von einer Katastrophe befreien, sondern auch für das ganze Land von größtem Vorteil fein. Zum Schlüsse heißt cs: „Der wesentlichste Teil der der L. G. B. angeschlossenen Landw. Genossenschaften sind die Spar- und Darlehnslassen. Diesen gehört aber nicht nur der landwirtschaftliche Mittelstand an, auch alle sonstigen Kreise des ländlichen Mittelstandes sind in diesen Genossenschaften zahlreich vertreten. In dem Maße, in welchem es durch die vorgeschlagcncn Maßnahmen gelingen würde, den katastrophalen Zustand auf dem Lande zu beseitigen, wird man aber nicht nur den schwer betroffenen Kreisen der ländlichen Bevölkerung geholfen nnb die derzeitige Krisis beseitigt haben, man wird vielmehr auch dem städtischen Handel und Gewerbe und damit also auch dem ganzen Lande erhebliche Vorteile zuführen. Bei dem engen Jneinandcrgreifen von Handel und Verkehr zwischen den Städten des Großherzogtums und dem Lande, und bei der großen Bedeutung, welche die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung und deren Gedeihen für Handel und Verkehr in den hessischen Städten hat, kann von den vorgeschlagenen Maßnahmen nur eine große
Förderung des allgemeinen Wohls erwartet werden. Nur nebenbei sei bemerkt, daß eine solche staatliche Genosscnschaftskasse, welcher, wie schon gezeigt, sehr bedeutende Summen zufließen, auch bei der Hebung der Rente der Staatsanleihen eine erhebliche Rolle spielen könnte."
Die türkisch-griechischen Verhandlungen.
Saloniki, 9. Ott. In hiesigen maßgebenden Kreisen wird die in den tür kis ch-griechischenVerhand-» lungen eingetretene Pause als Zeichen eines gewissen Abflauens der scharfen Krise betrachtet. Es herrscht die Ansicht, daß die Aussichten für eine friedliche Austragung der Meinungsverschiedenheiten gestiegen sind. Es wird her- vorgehoben, daß der Ernst der Lage noch nicht aanz geschwunden ist und daß Ueb'erra-schungen immerhin noch eintreten können.
Der vejuch des Präsidenten von Frankreich in Spanien.
Madrid, 9. Okt. Nach der Rückkehr von Toledo speisten die Majestäten und Präsident P 0 i n c a r 6 gestern abend in intimem Kreise und begaben sich sodann in das dingliche Theater, wo zu Ehren des Präsidenten ein Fest-- konzert stattfand. Der König von Spanien und der Präsident Poincare sind Donnerstag abend von Madrid nach Carthagena abgereist.___________________________________
Deut-ches Reich.
Der Kaiser
wird mit seinem Jagdbesuch bei dem Erzherzog Franz Ferdinand in Konopischt einen Abstecher nach Wien verbiw den und wahrscheinlich am 26. Oktober den Kaiser Franz Josef in Schönbrunn besuchen. Die Dauer des Aufenthalts in Schönbrunn steht noch nicht fest.
Der Bundesrat
hat bent An t r,a g! Sachsen s fretr. die weitere Prägung vonDenkmünzenzu.rEinweihungdesVölker- s chlachtdenkmals in Leipzig zugestimmt. Ferne'' wurden angenommen: Die Vorlage betr. den Zollverwal tungsetat für Elsaß-Lothringen, den Entwurf einer Bekanntmachung betreffend den Begriff von vorübergehenden Dienstleistungen im Sinne des Paragraphen 434 der RVO., die Vorlage betr. die Vorschriften für die Rechnungsführung der Krankenkassen und die Vorlage betreffend die Prägung vor weiteren Zehnpfennigstücken in Höhe von fünf Millionen Mk.
Amtsrichter Knittel
hat gegen das Urteil der Gleiwitzer Strafkammer Revision beim Reichsgericht eingelegt.
AuslairS.
.Churchill über die deutsch-englischcn Beziehungen.
Aus London wird berichtet: Der erste Lord der Admb ralität Churchill, hielt in Dundee eine Rede, in der er ausführte: Während die Entwicklung der britischen Seemacht fortschritt, besserten sich unsere Beziehun- g e n zu dem m ä ch t i g e n D e u t s ch l a n d bis heute ständig. Wir stehen auf einer durchaus befriedigenden Grundlage. Für die Nationen und die Weltnationen drohte die Gefahr, daß zwischen ihnen Feindschaft entstehe, vielmehr von der Panik als von der ruhigen Sicherheit ihrer Stärke.
Neue Sprengversuche mit flüssiger Lust.
Beim Bau des Simplontunnels (1898—1905) ist flüssige Luft als Sprengmittel in größerem Maßstabe angewandt worden, allein die Handhabung dieses Sprengmittels war damals ziemlich schwierig, und deswegen hat man es bei anderen Gelegenheiten kaum angewandt. Neuerdings ist auf dem Gebiete der Sprengung mit flüssiger Luft nun ein bedeutender Fortschritt erzielt koordcn und feit den Versuchen, die unlängst in den Rüidersdorfer Kalksteinbrüchen erfolgreich ausgeführt worden sind, kann man sagen, baf; flüssige Lust als Sprengmittel ein gefährlicher Nebenbuhler Eer übrigen Sprengmittel geworden ist. Früher ging durch Verdampfung sehr viele flüssige Lust verloren, und die Vorbereitungen auf die 'Sprengungen waren sehr zeitraubend. Gegenwärtig ist die Handhabung sehr bequem, wie aus folgendem Bericht über die Rüdersdorser Sprengungen in den „Naturwissenschaftm" heroor- geht:
Als Patronenhülle wurde bei den Versuchen eine Papierhülse" von 40 Millimeter Durchmesser und ctiva 35 Zentimeter Lärme verwendet: sie wurde mit einer Mischung von .Kieselgur und Petroleum im Verhältnis von 60:40 gefüllt. Durch die Längsachse der Papierhülse geht ein 10 Millimeter weites Rohr aus feinmaschigem Drahtgewebe, das von der Mischung frei bleibt nnb bei der Auffüllung der flüssigen Luft dazu dient, diese durch die ganze Masse hin zu verteilen. Das Besetzen des Bohrloches geschieht nun in der Weise, daß die Patrone, in welche eine Svrenakavfel mit elektrischem Zünder eingeführt wurde m das Bohrloch eingeschoben wird. Befindet sich die Patrone in der Tiefe t>c3 ^oches so wird eine Räumnadel eingebracht und dann der Besatz hinei'ugeschoben und festgestampft. Zieht man jetzt die Raum- nadel wieder heraus, so ist die Patrone mit flüßiger Luft zu laden. Die ftüffige Luft wird in einer nach dem Dewarschen Prinzip getauten Sanne, die mit einem festen -isemen Gesäße umgeben ist an die Sprengstrecke herangebracht Da die.flußige Luft ständig verdampft, darf die Kanne nicht fe>t verichlonen fern. Zum Füllen der Bohrlöcher wird in der Kanne mit Hilfe einer daran angebrachten Handluftpumpe em geri'kger Ueberdruck von 0,4 Atmosphären erzeugt, der genügt, uni die flüssige Luft aus der auf dem Erdboden stehenden Kanne durch eine Papprohrenleitung in das Bohrloch hinaufzudrücken und die Patronen zu futtern Hierbei nimmt die flüssige Luft Warme auf und verdampft anfangs ziemlich rasch. Die entstehenden Dampfe treten aus bw?Tntrcen Enbe der Patrone ans und entweichen ^durch die Oeffnuna zwischen Patrone und Bohrloch. Hierbei umipulen die kalten Dämpfe die Patrone und schützen so die FluNigkeit m der Patrone gegen Wärmeaufnahme vom Gestein her: es wird auf idefe Weise eine sehr gute und für den Erfolg der Sprengung
sehr wcsentlickw Wärmeisolierung erzielt. Bei den Versuchen in Rüdersdorf wurden nach oben ansteigende Sprenglöcher von 1 Zentimeter Tiefe und her gewöhnlichen Weite gebohrt. Drei Sprenglöcher wurden immer zu gleicher Zeit gefüllt, und die ganze Arbeit zum Laden der drei Patronen dauerte nur ungefähr eine Minute.
Die Wirkung der Detonation mit flüfliger Luft war die gleiche wie bei dem sonst von der Bergwerksverwaltung verwendeten Ammon-Cahüeit, was auch mit den früher beobachteten Ergebnissen übereinstimmt. Für einen Schuß wurde etwa 1, Liter flüssige Luft verbraucht, zu deren Herstellung ein Energieaufwand von 2,5 ?8-Stunden erforderlich ist. Bei der Wiederholung der Versuche ergaben sich verschiedene wesentliche Verbesserungen des Verfahrens, so wurde eine Füllflasche konstruiert, die keinerlei bewegliche Teile besitzt und daher von jedem Arbeiter leicht bedient werden kann." Das Verfahren ist zwar noch verbesserungsfähig. Es ist aber bereits — selbst wenn eine Transportflasche, zerbrechen sollte — vollkommen gefahrlos: die Betricbssicherhett der Gruben wird dadurch wesentlich erhöht, und schließlich kann bet Verwendung in Kohlengruben die flüssige Luft an Ort und Stelle berge stellt werden, so daß Sprengen mit flüssiger Lust auch billiger ist, als das mit anderen Sprengmitteln.
*
— Ein neues Denkmal für Justus von Liebig. Man schreibt uns aus Darmstadt: In seiner Vaterstadt Darmstadt setzt die chemische Industrie Deutschlands und des Auslandes ihrem großen Meister ein Denkmal, das jetzt feiner Vollendung entgegengeht und in diesen Tagen enthüllt wird. Die Anregung zu dem Denkmal, gab der am 12. Mai 1903 gefeierte 100. Geburtstag Liebigs, an dem das bahnbrechend? Wirken Liebigs für die Wissenschaft und für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nicht nur, sondern auch der ganzen zivilisierten Welt anerkannt ward. Es besteht sckwn ein Liebigdenkmal in Darmstadt, eine früher in Anlagen versteckte, jetzt — bedingt durch die Verlegung des Hauptbahnhofes — an der Liebig-Oberrealschule ausgestellte, schlichte Büste, die „nach Meinung maßgebender Kreise" der Bedeutung Liebigs nicht entspricht. Es wurden Sammlungen eingeleitet, an denen sich außer Privaten die gesamte chemische Industtie beteiligte und die etwa 50 000 Mark ergaben. Professor Jobst von der Darmstädter Küuftlerkolonie erhielt den Auftrag zur Schaffung des neuen Denkmals und der Künstler hat seine Aufgabe in ebenso eigenartiger wie künstlerisch geschmackvoller Weise gelöst. Das neue Liebigdenkmal ist im ganzen 6,50 Meter hoch. Davon entfallen auf die sitzende Hauptfigur 2,10 Meter. Als Material wurde Cuviller Kalkstein verwendet, welcher aus den Brüchen kommt, die in der Nähe von Commerey, Ostsrankreich, liegen; dieser Stein wurde deshalb gewählt, weil er neben seiner erprobten Metterbeftändigkeit ein so feines Korn hat, daß man
auch kleinere Formen klar darstellen kann; schon die Römer haben ihn dieser Vorzüge wegen gern zu ihren Denkmälern verwendet. Das Denkmal zerfällt in seinem Auflau in eine Standplatte, in einen unteren Sockel, in ein Mittel- und Hauptstück und in die Bekrönungsfiqur. In das Mittelstück ist der Liebigkops auf der Vorderseite überlebensgroß eingemeißelt: ehern so sind die beiden Seiten mit Neliefdarstelliingen geschmückt, du von vorn gesehen rechts Liebig als Lehrei' in Gießen mit einem feiner Schüler darstellen, links den alten Liebig als Universitätslehrer in München, ebenfalls mit einem Schüler dar gestellt, zeigen. Die Rückseite ist mit einem Fruchtkranz geschmückt; das Ganze ist von der Hauptfigur gefrönt, die Wissenschaft darstellend, welche in ihrer Rechten ein entschleiertes, vielbrüstiges Figürchen hält, ein Symbol auf die Chemie, die uns die Natur und ihre Geheimnisse enthüllt. Das Denkmal steht gegenüber dem Palais des Großherzogs vor der Merckschen Apotheke. Die Merck- sche chemische Fabrik hat bekanntlich am tatkräftigsten Liebigs Errungenschaften die praktisthe Verwendbarkeit geliehen.
Max Streese.
— Der Direktor des Nürnberger Stadttheaters, Hofrat Balder, ist plötzlich schwer erkrankt und mußte in eine Nervenheilanstalt gebracht werden. Sein Zustand gab bereits in der letzten Zeit zu Bedenken Anlaß. Diw Unfall, derben Tenor des Stadttheaters, Pennarini, betroffen hat (er wurde durch Absturz in einen Lift verletzt), und durch den Hofrat Balder feinen ganzen Spielplan der Saison gefährdet sah, hat bei dem Hofrat eine gefährliche Nervenkrifis hervorgerufen. Sein Zustand ist nicht unbedenklich.
— Das Rh ein-Mainische Verbandst hea ter hat feine diesjährige Winterspielzeit am 4. Oktober durch eine gut besuchte Aufführung von „Kabale und Liebe" in Fechenheim a. M. eröffnet. Am 6. Oktober gelangte das Moliöre'sche Luftfpiel „Der eingebildete Kranke", übersetzt von Ludwig Fulda, int neuer Einstudierung und Ausstattung in Frankfurt a. M. vor ausverkaustem Hause zur Darstellung, und erregte stürmische Heiterkeit. Der Spielplan für die erste Hälfte des Winters weist ferner Shakespeares „Lustige Weiber von Windsor", „Götz von Berlichingen", den „Meineidbauer" von Anzengruber, „Andreas Hofer" vor. Walter Lutz, eine geistvolle Komödie des vielgenannten Bernard Shaw „Der Teuselsschüler", sowie endlich als Weihnachtsmärchen „Hänsel und Gretel" auf.
— Ein altgermanische Gräber st ätte entdeckt. Aus E s ch w e g e wird uns geschrieben: Von Prosessor N ö m b e I b werden gegenwärtig in iber Umgebung des Dorjes Niederhone archäologische Ausgrabungen vorgenommen, da man nach verschiedenen zufälligen Funder Grund zu der Annahme hatte, einer alt-


