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9.7.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 158

Ms Gegenleistung für seine, dem Vaterlande und dem Staat geleisteten Dienste erhält er den Zivilversorgungsschein und damit ein Anrecht auf Versorgung im Zivildienste. Die Würdigkeit und körperliche Brauchbarkeit des Miliiäranmärters zum Be­amten wird durch den Zivilversorgungsschein gewährleistet und die Verwendbarkeit in der Zivilstclle während der Probezeit, bczw. durch die an deren Schlüsse abzulegende Prüfung festgestellt. Beide Voraussetzungen zur Ausfüllung einer Zivilstelle sind ba­nnt erfüllt, und es ist deshalb nicht erklärlich, warum der Schreiber eine Aenderung des NamensZivilversorgungsschein" empfiehlt.

5 aatsdienst und Zivilversorgung.

Aus Militäranwärterkreisen geht uns folgende Erwide­rung zu: 1

Das in der Ueberschrift angegebene Thema behandelt einen in Nr. 147 desGießener Anzeigers" erschienenen Artikel. 2^ Schreiber behauptet, daß die Klagen der Militäranwärter, daß ihnen zu wenig Stellen zur Verfügung ständen, nicht gerechtfertigt seien und weist darauf hin, daß nur eine verhältnismäßig kleine Zahl der Zugführerstellen bei der preußischen Eisenbahnverwaltung mit Militäranwärtern besetzt sei. Da die Zugführer, wie aus­drücklich anerkannt ist, mittlere Beamte smd, hat diese Tatsache in Kreisen, die die näheren Verhältnisse nicht kennen, Befremden hervorgerusen. Als vermutlichen Grund des Nichtbegehrens der Zugführerstellen wird behauptet, daß es den Militäranwärtern nicht passe, im Rangierdienst beschäftigt zu werden. Es mag sein, und es ist auch wohl leicht verständlich, daß Kameraden vor­handen sind, die aus diesem Grunde aut die Laufbahn verzichten. Sicher ist aber, daß die meisten Militäranwärtcr, die vielleicht die Absicht gehabt haben, einst Eisenbahnzugführcr zu werden, sich eines anderen besannen haben, weil ihnen die Art der Be­schäftigung während der Ausbildungszeit und oft auch nach be­standener Prüfung als angestellter Schaffner nicht zusagte. Es ist dies besonders die dreimonatliche Beschäftigung als ganz ge­wöhnlicher Arbeiter, oder, wie es in der Prüfungsordnung heißt, im Dienste eines Rangierarbeiters.

Man braucht gar nicht überempfindlich zu fein, um zu be­greifen, daß diese Art der Ausbildung einem alten Unteroffizier, der lange Jahre als Vorgesetzter tätig gewesen ist, nicht gefallen kann, und zwar umsoweniger, als gar keine dringenden Gründe vorliegen, die diese Beschäftigung im buchstäblichen Sinne des Wortes verlangen.

Ferner wird behauptet, daß die Militäranwärter nur solche Stellen begehrten, in denen sie neben einer guten Besoldung auch noch ein bequemes Leben führen könnten.

Diese Art der Heruntersetzung des Militäranwärterstandes weisen wir zurück. Der Militäranwärter versieht seinen Posten, aut 'ben er gestellt ist, jederzeit und allüberall mit der ihm anerzogenen Pflichttreue und .Hingebung. Aber er wird als Ein dringling, vielfach als ein gewisses Uebel angesehen, den man leider, durch das Gesetz gezwungen, den Eingang in das bürgerliche Leben, in eine Zivilstellung, gestatten muß. Wodurch der Militär­anwärter sich dieses Recht erworben hat, wird nicht beachtet, darüber geht man stillschweigend hinweg, und damit festigt und verbreitet sich die Voreingenommenheit gegen einen Stand ehr­barer Männer.

Der Militäranwärter scheidet nach einer aktiven Militärdienst­zeit von über 12 Jahren aus dem Truppenteil aus, in der Regel mit durch den Dienst verursachter gesundheitlicher Schädigung.

Aus Stadt und Land»

Gieße n , 9. Juli 1913.

Bauerrrblumeu.

Wenn man jemandem eine schönblühende Schwertlilie, eine Paeonie oder einen knallroten, türkischen Mohn als! Gartenschmuckpflanze empfahl, so bekam man, und das ist noch gar nicht so lange her, ganz gewiß die AntwortSolche Bauernblumcn will ich in meinem Garten nicht haben". Es wurden dann die neuesten Knollenbegonien., (Sanna oder Kaktusdahlicn angepflanzt, und wer etwas auf sich.hielt, mußte ein Tcppichbect haben. Ob das zur Umgebung paßte oder nicht, blieb sich meistens ganz gleich, es war Mode, und was Mode ist, gefällt, und ir-enn die Baucrnblnmen nicht gar so anspruchslos gewesen wären, so wären sic in dieser Zeit ausgestorben. So aber haben sie die schlechte» Zeiten überdauert und wieder bessere gesehen, wo das WortBauernblumen" viel von der ehemaligen Gering­schätzung verloren hat, wo man die leuchtenden Farben der mannshohen Ritterspornarten, die flammendroten Büsche der brennenden Liebe, Lychnis chalcedonica, das intensive Neurot der Jupiterblurne, Lychnis Flos Jovis, wieder schön findet. Damit ist der Zeitpunkt gekommen, wo man die Hausgärten mit wenig Mitteln vielseitiger ausgestalten kann, wenn man es versteht, die rechten Arten auf den richtigen Platz zu stellen. So anspruchslos die Bauernblumen auch sind, in den Gärten der Stadt finden sie oftmals nicht das, was sie brauchen, nämlich Licht und Nahrung. Auf dem Laude ist beides gewöhnlich reichlich verhandelt, die .Häuser sind nicht so dicht beieinander, sie sind nicht so hoch, und gedüngt wird der Garten regel-, mäßig, denn der Bauer weiß, daß er sonst aus seinem Garten nichts erwarten kann, und bei dem Düngen des Gartens fällt auch für die Blumenrabatte gewöhnlich etwas mit ab. Aber wer düngt in der Stadt! Das ist unästhetisch und riecht nicht gut, und wer es ausführen lvollte, hätte keine Gelegenheit. Mit den Düngerpulvern aber kommen nicht viel Nährstoffe in den Boden. Wer also an aus­dauernden Phlox, an Sonnenblumen, Astern, Bartuelkeu, Goldruten, Eisenhut, Lavendel, Schleifenblume und wie die Blumen aus Großmutters Zeiten her alle heißen, seine Freude haben will, darf sic nicht in dunkle Winkel, unter Bäumen und Gebüsch anpflanzen, sondern gönne ihnen

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e=a©51. Redaktiom^TK 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Mittwoch, 9. Juli rW

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'fchen Unioersiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Erscheint täglich mti Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. DidLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Seppdins 75. Geburtstag.

r i 1 d)?Xa fe n ' 7- Juli. Zur Feier des 7 5 j ä h -

r 1 ? oburtstages des Grafen Zeppelin ver- ^ute im >lurgarten-dotcl auf Enuladuug Zeppelin die Familienmitglieder des Gra,en, eine Abordnung des Ulaneuregiments Nr 19, Ver­treter der staatlichen und städtischen Behörden, hervo'-- ragende Vertreter der Luftschiffahrt, der Technischen hoch- !SS*e ^ruttgart und die Beamten des Luftschiffbaues Festmahles erinnerte v. Gemmingen an die ^utersttchrrng welche Graf Zeppelin beim Kaiser und beim König von Württemberg gefunden habe. Seine drei Hurras den beiden Herrschern. Direktor Colsmanu begrüßte

Ltc Gaste mit herzlichen Worten. Er dankte dem Grafen namens der Beamten und überreichte ihm ein prächtig qe- m dem die Tätigkeit des Luftschiffbaues geschildert und der Zeppelinsponde gedacht wird. Die Rede schloß mit einem dreifachen hoch auf Zeppelin, in das die Versammelten begeistert einsttmmten. Graf Zeppelin dankte in bewegten Worten und gedachte dankbar seiner treuen Mitarbeiter. Generalleutnant v. d. Gol-tz drückte den Dank der Gaste aus, Geheimrat Albert den Dank der Reichsbehör­den. er gedachte der Worte des Kaisers, der den Grafen Zeppelin als den größten Mann des 20. Jahrhunderts genannt habe. Graf Zeppelin erfreue sich heute der Mit­arbeit ganz Deutschlands, vor allem aber dcr Liebe des deutschen Volks und der Bewunderung des Auslandes. Dcr Graf dankte in launigen Worten. Er erinnerte an die -^urüct- hyeijimg, die er in erster Zeit an den maßgebenden Stellen erfahren habe, aber auch an die Erfolge, die er besonders v- Trrpitz, v. Einem und dem Reichskanzler v. Bcthmann- hollweg verdanke. Der Reichskanzler habe ihm folgendes Telegramm gesandt:

Ew. Exzellenz bitte ich zur Vollendung Ihres 75. Geburts­tages die herzlichsten GUickwünschc entgegcnzunehmcn. Nach lan­gen wahren mühevollerMrbeit bleibt nunmehr in der stetig an- wachsenden Luftflotte der glänzende Erfolg Ihres auf die Er­schließung der Luft für den menschlichen Verkehr gericksteten Den­kens und Strebens. Möge das Geschick, das Ihnen nach harten Kämpfen das stolze Glück des freien Fluges gönnte. Sie in rüstiger Kraft und Schaffensfreude dem Vaterlande noch lange erhalten.

Nach dem Festmahl fand ein Fackelzug der Beamten und Arbeiter, Feuerwerk und eine Beleuchtung des Seeufers statt. Der Graf war Gegenstand begeisterter Kundgebungen.

Von 11 llhr an war im Buchhorner Hof ein Festessen veranstaltet, das von Direktor Eolsrnann eröffnet wurde. Stadtschulthe- Mayer gab den herzlichsten Glückwünschen der Stadt für den Grafen Ausdruck. Liebe und Vertrauen seien das Band, das die Bürger mit dem Grafen verbinde und stets verbinden werde. Die Stadt Friedrichshafen habe beschlossen, ein Zeppelinmuseum zu gründen.

Graf Zeppelin dankte mit ganzem Herzen seinen Mit­bürgern und Mitarbeitern für die herzliche Begrüßung und betonte fein Bestreben, für die Arbeiter zu sorgen, von deren Mitarbeit so vieles für das Gedeihen des Werkes abhänge. Dafür zeuge die heutige Stiftung des Luftschiffbaues von je 10000 Mr. für Wohlfahrtszwecke der Arbeiter und Be­amten. Mit Stolz erfülle es ihn, Ehrenbürger der Stadt Friedrichshafen &u fein. Da er nun nicht wisse, was er machen solle, ob er die Arbeiter auffordern solle, auf das Wohl der Stadt zu trinken, ober die Bürger von Friedrichs­hafen, auf das Wohl des Luftschiffbaues ihr Glas zu leeren, so sei es wohl das beste, wenn die einen die andern leben lassen. Das launige Hoch des Grafen fand freudigsten Widerhall.

Von der innigen Verehrung, bereu sich Graf Zeppelin bei seinen Arbeitern unb in allen Kreisen der Bevölkerung erfreut, zeigte auch der weitere Verlauf bes Banketts, teils durch eine von den Arbeitern gebrachte prachtvolle 2lpo- theose, teils burch bie folgende Rede des Vorsitzenden des Luftflottenvereins, Exzellenz Eckcnbrecher. Dieser sprach den Wunsch ans, daß -eine starke deutsche Luftflotte jetzt und immerbar das Ziel sein möge. Der Vorsitzende des Ar­

beiterausschusses Reichard dankte dem Grafen Zeppelin für seine soziale Gesinnung und überreichte bas in Aluminium ausgeführte Mobell eines Luftschiffes. Als es Mitternacht schlug, rief Exzellenz Freiherr von der Goltz: Der historische Moment ist gekommen! Das Geburtstagskind lebe hoch! Be­geistert stimmte die Versammlung ein. Graf Zeppelin bestieg wiederholt mit fast jugendlicher Elastizität seinen Stuhl, um sich für die immer neuen Kundgebungen treuer Anhänglich­keit herzlich zu bedanken. Er ging von Tisch zu Tisch und unterhielt sich mit seinen Mitarbeitern. Inzwischen wechsel­ten wohlgelungene turnerische Vorführungen und Gesangs­vorträge mit gemeinschaftlich gesungenen Liedern ab. Es war ein erhebender Augenblick, als der Graf voll jugend­licher Begeisterung: Preisend mit viel schönen Reden! an­stimmte. Es war 2 Uhr geworben, als der Jubilar mit noch­maligen Dankesworten.ben großen Kreis feiner Verehrer und Mitarbeiter verließ.

Dem Grafen find, zahllose Glückwunschschreiben unb Tele­gramme zugegangen. Der K a i f ie r hat folgendes Telegramm gesandt:

Brunsbüttelkog, 8. Juli. Meine wärmsten Glück­wünsche zur heutigen Vollendung Ihres 75. Lebensjahres. Kaiser und Reich sind stolz auf den kühnen Beherrscher des Luftmecres. Mögen Sie sich Ihrer jährlich wachsenden Erfolge noch recht lange in Gesundheit und Jugendfrische erfreuen! Wilhelm I. R.

Das Telegramm des Prinzregenten von Bayern lautet:

Zu Ihrem 75. Geburtstage spreche ich Ihnen, mein lieber Graf, meinen herzlichsten Glückwunsch aus. Mögen Sie sich noch viele Jahre der großen Erfolge Ihres arbeits­reichen Lebens erfreuen! Ludwig, Prinzregent.

Zweites Blatt M. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheßen

Arbeiterbewegung.

X. Hanau, 8. Juli. Tie organisierten hiesigen Etyi?» arbeiter haben an die Arbeitgeber das Ersuchen um Neuregckung ihrer Lohnderhältnisse gerickstet. Von der Vereinigung der Hanauer Etiiissabrnanlen ist das Gesuch jedoch abschlägig beschieden wor­den, unter Hinweis aus Die vor 3 Wochen erfolgte anßerorDentliche Lohnerhöhung. Auch der Antrag der Arbeiter, Das .Gcwerbe- gericht als Einigungsamt anzurufen, ist abgelehnt worden.

Johannesburg, 8. Juli. Alle Eingeborenen sind nun» 'nehr zur Arbeit z u r ü ck g e k e h r t.

New dort, 8. Juli. Auf der Konferenz, die im Zusammen­hang mit dcr Ausstandsbewegung bei Den östlichen Bahnen von den Vertretern der Bahngesellschaften und der Gewerlschaft der Bahnangestellten abgehaltcn wurde, wurde angekündigt, daß von 76 683 B a h n s ch a f f n e r n und anderenAngestell- ten94Pro z. für den Aus st and stimmten. Tie endgültige Ent­scheidung wird in einer Versammlung der Angestellten am Sams­tag fallen.

R e w Port, 8. Juli. 100 000 Zügst'ihrer und Schaffner von 52 Oybahnen beschlossen, in den Streik zu treten, ialls ihre For­derung auf Lohnerhöhung und kürzere Arbeitszeit nicht bewilligt würde. Die Eisenbahnqesellschasten verhallen sich al lehnend

Ali5 der eisernen Zeit: Liider vom Prager Kongreß.

Es war wohl der seltsamste Kongreß, der jemals stattge­sunden hat, dieser Kongreß von Prag, Der in der ersten Hälfte des Juli vor 100 Jahren zu tagen begann. Niemand, der um diese Zeit nach der viettürmigcn Hauptstadt Böhmens kam, wäre gewahr geworden, daß hier noch einmal, wenn auch freilich mit unzulänglichen Mitteln, das ungeheure Wett des Friedens versucht würde, der nad) einem Menschenalter voll Ktteg der Welt die Ruhe wiedergeben sollte. Tic Verhandlungen wollten nicht in Gang kommen. Am 5. Juli sollten sie beginnen. Aber erst am 12. Juli langten Metternich und Humboldt an, der österreichische und der preußische Bevollmächtigte: der russische Abgesandte An stell war schon früher gekommen. Aber noch war kein Franzose da, denn Narbonne, der bereits in Prag weilte, hatte leinen offiziellen Auftrag. Erst am 19. Juli er­nannte Napoleon die.Bevollmächtigten, Eauleineourt und Narbonne, und erst am 29. Juli traf der Herzog ein und entfaltete nun jenes ganze Gepränge, wie es einem Bevollmäch tiqtcn Napoleons und Großwürdenträger des Kaiserreiches zu­kommen mochte. Bis dahin war alles still, merkwürdig still. Die Verhandlungen wurdeii ganz im Geheimen geführt. Man sah nur hie und da Humboldts und Anstetts einfache Wagen durch die Stadt rollcn, so ruhig, als ob es schlechterdings für Diplomaten gar nichts zu tun gäbe: diese Mietskutschen hatten nicht Auffallendes, und Humboldt war ent am Ende des Monats so weit Daß er seinem Bedienten eine Livree anschaßte. Bis dahin batte er einen Lohnbedienten angenommen und hoffte, mit dieseni ' sehr zu imponieren. Aber als er in Begleitung des neuef! Mannes in Der Stadt herumgefahren ivar, wurde er Dann, ttne .Cr selbst in einem Briefe an seine Frau erzählt, gefragt, warum er denn keinen Bedienten habe.Und es fmbet sich, daß ber Lohttbediente Bürger von Prag ist, als solcher es unan­ständig findet, hinten aufzustehen,-und daher alle meine Visiten in "kurzem Trab nebenher zurückgelegt hat!"

Humboldt wohnte im Palais des Fürsten Windischgrätz und hatte zwei Schildwachcn norm Hanse. Die meisten attstokratischen Häuser aber waren verlassen, und das gesellschaftlich/: Leben kon- 'entrierte sich fast nur in dem Salon der jungen schönen Fürstin Esterhazy, die von Wien nach Prag gekommen war, um die .Honneurs des Kongresses zu machen. Sonst trafen sich die Ge­sandten mir noch beim Fürsten Metternich, mit dem Humboldt in ein intime» Verhältnis trat. ,^Jch bin auf seine Bitten noch gestern um 10 Uhr abends zu ihm gegangen," erzählt Humboldt

seiner Frau,und er scheint das sofort einführm zu wollen, da er mich heute wieder gebeten hat, unb wir sino bis 1 Uhr, er, Gentz und ich, spazieren gegangen. Wir haben immer über diese wichtigsten Dinge gesprochen, und Tu würdest das Gespräch merkwürdig genug gefunden haben. Wenn man aber auch mit Metternich nicht immer einerlei Meinung ist, so hört er immer, geht immer ein und ist nie unbillig." Seltsam war so der äußere Rahmen dieses Kongresses, ohne offizielle Zusammen­künfte, ohne lange Debatten: aber noch seltsamer war sein ganzes Wesen und sein Verlauf. Es war zwischen Metternich, Humboldt und Anstctt abgemachß daß alle Verhandlungen mit Napoleon lediglich schriftlich und durch die Vermittlung Oesterreichs ge­führt werden sollten. An dieser Formalität, die Metternich mit einer größeren Beschleunigung der Geschäfte motivierte, mußte sich das Friedenswerk zerschlagen. Jede persönliche Beeinftussung war ausgeschlossen: alles vollzog sich in der Form eines Noten­wechsels, durchunnützes Geschreibe", wie Humboldt sagt. Na­poleon, entrüstet überOesterreichs Perfidie", die er unter allen Umständen bestrafen wollte, zornig über die Wahl des rusfischech Bevollmächtigten, der als geborener Elsässer und Untertan Frank- reick)s in den Augen des Kaisers ein Ueberläufer war, erschwerte in trotzigem Unmut zunächst die Verhandlungen, indem er seinen Abgesandten erst verspätet schickte. Aber als man schließlich in Besprechungen eintrat, zeigte der feste und entschiedene Ton Hum­boldts, daß man mit eijtem Frieden gar nicht mehr rechnete. Dennoch war der Beitritt Oesterreichs zum vreußisch-russisck)vn Bündnis bis zum letzten Moment nicht völlig sicher.Wenn man Metternich reden hört, so ist an nichts anderes, als an den Krieg zu denken," schreibt der preußische Staatsmann am 25. Juli, mir ist die Sache für Oesterreich aber doch noch nicht ganz entscksteden." Immer rascher und dramatischer drängt daun alles dem Höhepunkte zu, denn am 10. August Läuft der Waffenstill­stand ab:Wenn ich das stille pnd äußerlich bedcuttlUgSlsss Leben bedenke, mit dem wir unser Zusammensein begannen, so kann ich manchmal nicht von dem Staunen zuttickkommen, daß wir uns jetzt müssen in den ktttischsteu Momeitt Europas verwickelt finden, in dem jede Stunde jetzt die größesten Ereignisse lierbeisührcn kann. Bis zum 10. muß das Dringendste und Höchste entschieden fein. Nie hat eine kürzere oder gleich kurze Zeit so großen Ereignissen die Besttmmung gegeben." Und int letzten Moment, am 6. August, versucht Napoleon, von Rußland und Preußen zurückgestoßen, noch einmal mit Metternich anKuknüpfen. Noch einmal macht Oesterreich bestimmte Vorschläge, die der in sDresden weilende Napoleon bis zur Mittemachtsstunde des

10. August beantworten müßte. Lange, bange Stunden der Er­wartung an diesem schicksalsreichen 1,0. August! Um 12 Uhr nachts ist noch keine französisch? Antwort Da: mit dem letzten Glockenschlage erklären Humboldt und Anstett, ihre Vollmacht sei nun erloschen.

Der Kongreß ist beendet, ohne recht eigentlich airgefangen zu haben. Eine Stunde später, um 1 Uhr nachts, geht Hum­boldt von Metternich fort, mit der festen Zusicherung, oaß Oester­reich sich auf alle Fälle den Verbündeten anschließe. Und nun kann er die Feuerzeichen auf: lammen lassen. Die Dem Haupt- gnartier die Kunde vom Abbruch der Unterhandlungen über­mitteln. Ein neuer Akt des weltgeschichtlichen Dramas bricht mit diesem Signal an: der ungeheure Entscheidungskampf um Die Freiheit ganz Europas beginnt, und zum ersten Mal steht dem Weltbedrücker nun jener große europäische Bund in Waffen gegen­über, an dessen Gründung die Staatsmänner feit 18 Jahren ver­geblich gearbeitet hatten. Die vier alten Großmächte, dazu Schwe-' den und die wiederbefreiten Staaten der ibettschen Halbinsel hat Napoleon nun gegen sich.

*

Eine französische Privataussührung des Parsifal". Aus Paris wird berichtet: In dem Heinen, ge­schmackvollen Theatersaal, den der bekannte französische Mil­lionär Henry Deutsch de la Meurth: auf seinem schönen Gute in Romainville errichten ließ, hat am letzten Sonntag eine Privatausführung des 2. Aktes vomParsifal" für die Pariser Gesellschaft und die Mitglieder der Gesellschaft der Opernkünstler und -Opernfreunde stattgefunden und einen stürmischen Erfolg davongetragen. Felia Litvinne fang die Kundry, Rousseliöre den Parsifal und der Dan den Klingsor. Die Blumenmädchen wur­den von ausgewählten Mitgliedern der Großen Oper dargestellt. Die Tekorattonen hatte Frey entworfen unb die R^gie führte der Regisseur Stuart von der Großen Oper, der im lommenden Jahre das Werk auch in der Pariser Großen Oper einstudieren will. Da eine Ausfühning mit Orchester ohne Zustimmung der Familie Wagner vor dem 31. Dezember nicht möglich ist, war man auf einen eigenartigen Ausweg verfallen. Henry Deutsch hatte Raoul Pugno und Nadia Boulanger gebeten, eine Bearbei­tung für 2 Klaviere aus der Partitur herzustellen. Von den Fach­leuten wird diese Klavierbearbeitung als ausgezeichnet gerühmt: Raoul Pugno selbst und Nadia Boulanger begleiteten an zwei Flügeln die Aufführung.