Ausgabe 
8.3.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 57 Zweites Blatt

M. Jahrgang

Erscheint ligKch mit Ausnahme des Sonntags.

DieGiehener Familienblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreilblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen4* erscheinen monatlich zweimal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesien

Samstag, 8. MLrz |9|5

Rotationsdnlck und Verlag der Brühl'schen Universitäls - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

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hessische Zweite Aainmer.

bs. D ar mstadt, 7. März.

Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 9^/z Uhr. Es wird fortgefahrcn in der Beratung über den Hauptvoranschlag und tzwar über die 10. Hauptabteilung, Ministerium der Finanzen. Als erster hierzu nimmt das Wort

Finanzminister Dr. Braun:

Zu den in Betracht fontmcnbeit finanzpolitische Fragen gehört vor allem die des Kurses unserer Staats­papiere. Die Maßregeln zu dem Zweck, auf ihn unmittelbar von Staats wegen einzuwirken, haben wir, was zunächst die vier- prozentigen Lessen angeht, seit November 1911 eingeschränkt. Außer der Ungunst der Marktlage gab den Anlaß hierzu die Wahrnehmung, daß gerade das Hochhalten des Kurses der hessi­schen Anlehen manchen Besitzer veranlaßt habe, diese Papiere abzustoßen. Auch war damals das aufgenommcnc Material in vierprozcntigen .Lessen dabei auf einen Bestand angewachsen, der nur allmählich und nicht ohne erhebliche Kursopfer wieder ver­kauft werden konnte. Auch bei Abstaubnahme von einer Kurs­regulierung haben sich aber die Kurse der vierprozcntigen Lessen demnächst nicht ungünstig entwickelt. Es darf hier im Gegenteil festgestellt werden, daß die älteren Anlehcn in der letzten Zeit zu Ende des Vorjahres und Anfang des laufenden Jahres int Vergleich zu andern Staatsanlehen wiederholt höher bewertet wurden als die gleichartigen Reichs- und preußischen Anlehen, auch der günstige Kurs der neuen vierprozcntigen Hessen ist vielfach beachtet worden. Noch vor wenigen Tagen hat eine andere Bundesregierung bei uns angefragt, ob der stetige Kurs­stand der neuen vierprozentigen Lessen auf besondere Schritte unsererseits zurückzuftihren sei. Zu solchen hat uns aber erst in den letzten Tagen der bekannt gewordene Anleihebedarf des Reichs und Preußens veranlaßt; nähere Auskunft hierüber kann ich allerdings nicht geben. Außer den vierprozentigen brauche ich nur zu erwähnen die d r ei Prozentigen Hessen. Für sie begann unsere Jnterventionstätigkeft im Sommer 1911. Seitdem wurden von ihnen insgesamt rund 7 Millionen Mark aus­genommen. Hiervon wurden getilgt oder zu Tilgungszwecken zurückgestellt rund nom. 1750 000 Mark. Es gelang indessen nicht, das ständige übrigens in der Natur der Verhältnisse liegende Weichen der Kurse aufzuhaltcn. Der Kurs der dreiprozentigen Hessen war im Januar 1912 noch 79,70 Prozent. Er ging bis Ende März auf 78 Prozent zurück, hielt sich auf dieser Höhe bis in die zweite Hälfte Juni, sank dann auf 77,50 Prozent trotz ständiger Aufnahmen bis auf ca. 75,50 Proz. zurück. Die Situation zu Beginn dieses Winters hatte cs uns geraten erscheinen lassen, die baren Bestände der Hauptstaats- kasse zu schonen und nicht mehr für eine Maßnahme zu opfern, die nach der ganzen Markt- und politischen Lage aussichtslos erschien. Wir haben daher von weiteren dahinziclenden Maß- nahnien in den ersten Tagen des Monats Dezember 1912 zu­

nächst abgesehen. ,

Die Maßregel, nichthessische, für Mündelsicher erklärte Papiere Mit einer Abgabe zu belegen, hat Exz. v. Ewald gestern bereits besprochen. Auch mir scheint sie nach der Seite ihrer rechtlichen Zulässigkeit zweifelhaft. Sie scheint auch wirtschaftspolitisch be­denklich, insofern der zu vermeidende Anschein einer finanziellen Notlage und der Unmöglichkeit des freien Wettbewerbes unserer hessischen Papieren mit fremden Papieren hervorgerufcn wird. Nach Mehr als einer Richtung wird es einwaildfreier sein, neuen Emissionen nichthessischcr Pfandbriefe die Mündelsicherheit künftig

überhaupt nicht mehr zu verleihen.

Die Frage der Anlage von Sparkassegeldern in Staatspapieren gehört formell zur Zuständigkeit des Mini­steriums des Innern. Mit ihr daher schon in meinem früheren Amt befaßt, habe ich damals schon von dem Versuch eines gesetzlichen Zwangs gegenüber den Sparkassen wegen Anlage der Spargelder in Staatspapieren Abstand genommen. Meine Bedenken sind inzwischen nickt geringer geworden. Daß die Bestände der Sparkassen tatsächlich nicht genügend flüssig angelegt sind, um denjenigen Eventualitäten gerecht zu werden, um derentwillen manLiquidität" verlangt, unter­liegt keinem Zweifel. Die neueste in Nr. 930 der Mitteilungen unserer statistischen Zentralstelle enthaltene Sparkassenstatistik lehrt dies zum Teil deutlch. Ich schicke voraus, daß in Hessen die Sparkasseneinlagen, die im R e i ch s d u r ch s ch n i t t 258 Mark auf den Kopf der Bevölkerung be­tragen, sich auf rund 373 Millionen Mark und auf den Kop f der Bevölkerung auf 291 Mark berechnen. Die hessischen Sparkassen haben nun von der

gewaltigen Summe von 373 Millionen im Durchschnitt nur rund 9 Proz. ihrer Spargelder in Jnhaberpapicrcn angelegt. Eine Sparkasse in der Nähe von Darmstadt hat überhaupt keine Jnhaberpapicrc, zwei andere nicht einmal 2 Prozent. Nur 10 unter 33 Sparkassen gehen über 10 Prozent hinaus. Was speziell die Anlage in hessische u Staatsan leh en anlangt, so ist diese noch erheblich geringer. Zusammen haben sämtliche hessischen Sparkassen nur 2,68 Proz. der Spareinlagen in hessi scheu Staatspapieren angelegt. Da man annehmen muß, daß in wirklich krisenhaften Zeiten unzweifelhaft erheblich mehr als nur 9 Prozent der Sparläpitalicn von den Einlegern zurückverlangt werden, so erhellt hieraus unbedingt, daß die Sparkassen für diese Fälle ungenügend gerüstet sind. Denn int Kriegsfälle können die Sparkassen nur dann auf die Hergäbe von Barmitteln durch die Reichsbank und die sonst etwa einzurichtenden Kasse- stellen rechnen, wenn sic l o m b a r d f ä h i g e Werte als Sicher­heit hinterlegeti. Hierzu gehören aber Hypotheken nicht. Diese ungenügende Liquidität besteht keineswegs allein bei den hessi­schen Sparkassen, cs gilt dies vielmehr auch für diejenigen anderer Bundesstaaten.

In den Gesamtkomplex der von mir zu vertretenden finanz­politischen Maßregeln gehört auch die Verwendung der Mittel zur Tilgung der Staatsschuld. Auch hiernach ist be­reits in der Generaldebatte und zwar von Herrn Abgeordneten Dr. Osann gefragt worden. Dazu Folgendes: Für die Jahre 1909 und 1910 sind zu Tilgmigszwccken fast 2 Millionen Mark üerroenbet worden, davon rund 1 Million zum Ankauf 3proz. Hessen, ferner annähernd 400 000 Mark zur Tilgung der vor­mals Isenburger Schuld und etwa 550 000 Mark durch M- schrcibung am Anleihesoll der Serie XV unserer Staatsschuldoer­schreibungen. Für 1911 und 1912 sind zur Tilgung zu ver­wenden rund 3 680 000 Mark. Hierauf sind zu verrechnen 350 000 Mark als weitere Tilgung auf die vornials Jsenburgische Schuld und 518 000 Mark für zurückgekaufte nom. 674 000 Mark 3proz. Schuldverschreibungen, so daß noch rund 2 810 000 Mark verfügbar sind. Ob dieser Betrag für die bezeichneten drei. Zwecke wie bisher oder zur Verrechnung auf außerordentliche Kredite verwendet werden soft, darüber haben wir uns noch nicht schlüssig gemacht. Eine Notweitdigkeit hierzu besteht auch nicht. Nach Artikel 6 und 12 des am 1. April in Kraft tretenden Tilgungs- gcsctzes, dessen Grundsätze wir bisher schon für uns hatten maß­gebend sein lassen, hat die Regierung wegen der Art der Ver­wendung der Tilgungsmittel freie Hand, und ebenso sind die für das eiirzelne Etatsjahr verfügbaren Tilgungsmittel erst spä­testens bis zum Ablauf des dritten aus ben Bücherschluß.folgenden Etatsjahres zu verwenden. Bon dieser Befugnis, nicht sofort effektiv zu tilgen, glauben wir gerade zur zech Gebrauch machen zu sollen. Bei der augenblicklichen wirtschaftlichen unb politischen Lage ist es jebenfalls richtig, neben ben sonst verfügbaren flüs­sigen Geldbestänben möglichst auch bie vorhandenen Tilgungs- mittcl zurückzuhalten unb bainit auch für ben schlimmsten Fall größtmöglichste Barbestänbe für bie Staatskasse sicherzustellen ober bereitzuhalten.

Zu beachten ist endlich, daß die Zeit der Aufnahme einer neuen Staatsanleihe, die auch für 1913 vor­aussichtlich nicht erforderlich wird, durch die möglichste Fest­haltung parater Mittel noch in 1914 weit hinausgeschoben wer­den kann, was bei der Lage des Geldmarkts von anderen Dingen abgeseheir doch unzweisclhaft höchst erfreulich iväre.

Das hiermft von mir Gesagte beweise die Vielgestaftigkeil und Wichttgkeit der für die Finanzverwaftung zu beachtenden Gesichtspunkte. Daß unsere Aufgabeir nicht geringer werden, brauche ich gerade in diesen Tagen nicht hcrvorzuheben. In Rerch und Land, für Reich 'und Land können wir Schweres,und Schwer­stes, wir müssen es nur ernstlich wollen. Im Lande kann ernstes Wollen der Finanzverwaltung freilich nur segensrcick>e Tat wer­den und bleiben, loenn es gleichzeitig gestützt wird von dem Vertrauen der Stände.

Mg. M olthau (Ztr.): Die Finanzlage hat sich sehr günstig gezeigt. Wenn der Finanzminister seine Ausführungen schon während der Generaldebatte gemacht hätte, hätte man nicht nötig gehabt, von einem Abbau der Steuern M sprechen. Ein evft. Anspruch des Reiches auf bie Stempelsteuer würbe zu Konsequenzen führen. Ter Ausfall müßte durch eine neue Steuer gedeckt werden. Der Wunsch nach einer stärkeren Schuldentilgung besteht im ganzen Hause, er ist aber nicht realisierbar, 'weil es an Mitteln fehlt. Den Sparkassen müßte der Anlauf der Staatspapicre ohne gesetz­lichen Zwang empfohlen werden.

Abg. Dr. Stephan (natL) bleibt unverständlich.

Abg. Reh (fortschr. Vp.i: Tie Ausführungen des Finanz!- Ministers wären noch interessanter gewesen, wenn in ihnen auch etwas von ben Ncusorbcrungen des Reiches mitgeteilt worben wäre. Man muß sich gegen ben Versuch wehren, un s bie Stempelsteuer wcgzunehmcn. Tie Mittel müssen durch eine Besitzsteuer aufgebracht werden. Einen Zwang aus die Sparkassen auszuüben, wäre ein Eingriff in die Sclbstver- nmllung. Tie Frage der Liquidität wirb in Kürze geregelt werben. Der Hessische Sparkassenverband wird am1 15. März zusammentreten. Er will freiwillig diesen Weg betreten.

Tie Kapitel 98101 der X. Hauptabteilung, Ministerrum der Fmanzenn werden ohne Aussprache erledigt.

Zu Kapitel 102, Kataster, fordert Abg. W o l s - Stadecken (Sbd.) Zurückstellung aller Gehaltsfragcn bis zum Sommertagung.

Abg. Ur stabt (fortschr. Vp.): Seine im vorigen Jahre gestellte Frage, ob bas hessische Vermessungswesen wirklich rück­ständig sei, sei inzwischen in einer Festrede des Professors der Geodäsie an der Teckmischen Hochschule mit ja beantwortet wor­den. Gleichzeitig weise Prof. Hohenner nach, daß den Angaben für die Verbesserung auch große Ersparnisse durch die erfolgte Verbesserung gegenüberstehen würden. Wenn durch Einführung der fachmännischen Leitung, wie cs die Geometer wünschen, eine Verbesserung erreicht werde, so koste das auch auch keinen Pfennig mehr.

Die Lage der Geometer 1. und besonders 2. Klasse sei sehr schlecht, besonders wegen der ungünstigen Anstellungsverhältnisse. Die Zahl der befinititien Stellen müßte unbedingt vermehrt werben. Seine Fraktion sehe nur diesmal von bestimmten An­trägen ab, weil nicht alles auf einmal gemacht werden könne, aber bei der ersten passenden Gelegenheit, spätestens nächstes Jahr, werde sie damit hcrvortreten. Einstweilen müsse jede Ge­legenheit benutzt werden, ben Geometern Beschäftigung unb An­stellung zu verschaffen, z. B. in den Kolonien. Die Regierung möge doch dafür eintreten, daß die hessischen Geometer L und 2. Kl. hinter ben preußischen Landmessern nicht zurückgcsetzt »vürden. Ter Redner bittet die Negierung um! Auskunft, wieviel hessische Geometer in den Kolonien tätig seien.

Geheimrat Dr. Becker teilt mit, daß drei Geometer 1. iutb zwei 2. Klasse im Kolonialdienst sich befinden. Die hessischen Geom'eter werden nicht auf bie Seite geschoben. Auch im Reichs- unb preußischen Dienst sinb hessische Geometer beschäftigt. Die- Anftellungsverhältnisse sinb in ber Tat ungünstig. Ter Redner verbreitet sich bann näher über Organisationsfragen.

Kapitel 102 wirb barauf einstimmig genehmigt.

Bei Kapitel 103, Bauwesen, kommt es zu einer Aussprache über bie Beibehaltung ber Haltestelle in Frei-Weinheim. Die Kosten bafür betragen 14 000 Mk., 11000 Mk. werden vom' Staate unb 3000 Mk. von den Gemeinden übernommen. Hierzu sprechen die Abg. Molthan (Ztr.) und Adelung (Soz.). Ministerialrat Kratz gibt Auskunft über den Stand der Ange­legenheit unb über die Verteilung oer Kosten.

Nach ber Pause finden bie Abstimmungen über bie Anträge betr. bie mittleren Justizbeamten unb bie Schreibgehilfen statt.

Mg. Grünewalb gibt namens feiner Fraktion folgende Erklärung ab: er habe vorgestern erklärt, die Forischritts- partet werde nicht für den Antrag Adelung stimmen, weil der­selbe in seinem Ergebnisse nicht die Sicherheit biete wie der Ausschußantrag (30 Prozent). Nun habe aber Abg. Adelung gestern erklärt, daß sein Antrag in Bezug auf die Grundlage (40 Prozent der am 1. April 1912 vorhandenen Gehilfen) so ver­standen fein softe wie der Ausschußantrag. Damit entfalle das Bedenken unb die Fortschrittspartei werde nunmehr in erster Linie für den sozialdemokratischen Antrag, eventuell aber für den Kompromißantrag stimmen.

In namentlicher Mstimmung wurde sodann der Antrag Melung, für den geschlossen die Sozialdemokraten, die Fort­schrittspartei und das Zentrum ftimmten, angenommen. Von den Nationalliberalen stimmte keiner für den weitergehenden Antrags dem Bauernbund nur die Abgg. Hauck und Genossen.

Für die 58 Gerichtsschreiberstellen ftimmten die Sozialdemo­kraten, Fortschrittler unb bas Zentrum mit Ausnahme des Abg. Molthan.

Es wird hierauf atigcftim'mt über das aus dem iJüstizetat zurückgestellte Kapitel 89, Gerichte. Hierzu liegen ver­schiedene Anträge zur Regelung der S ch r e i b g c h i l f en frage vor. Zunächst wird abgeftim'mt über den Ausschußantrag, der cinftim'mig angenommen wird. Ein Antrag der Mg. Lutz und Gen., die Regelung der Schreibgehilfen-Frage bis zur Besol-

Iudiläumr-AussteNung der Akademie der Aünste.

Als erste Huldigung zum Regierungsjubiläum des Kaisers erscheint die Berliner Akademie der Künste mit einer Ausstellung, bereu Pforten soeben in feierlicher E-inweihung ber Allgemeinheit geöffnet worden sind.Ein Bild des gegenwärtigen deutschen 'Kunstschaffens" sott hier geboten werben, unb so hat man sich denn nicht auf den engen Kreis von Künstlern beselsränkt- der der Mademie angehört, sondern man bat Einladungen ergehen lassen, bei denen bis zu einem gewissen Grade auch die nichtamtliche Kunst berücksichttgt wurde. EinigeSezessionisten" find in die Kallen dieses Kgl preußischen Jnstttuts cingezogeu, von denen man es kaum erwartet hätte, so Lovis Eorinth, der temperamentvolle Leo Putz, der geniale Plastiker Georg Kolbe. . Wenn man aber auf diese Weise dem altgewordenen Körper der Akademie neues frisches Blut zuführen wollte, so ist doch ein leidiger Kompromiß entstanden, durch den ein zwiespältiger Eindruck der ganzen Aus­stellung hervorgerufen wird. Es bekommt den ehrwürdigen Rmmn der Akademie, dem Grafen Harrach oder Scheurenberg z. B., nicht gut, wenn sie sich neben starken Werken der Jungen zeigen müssen; andererseits sind manche bekannten Meister, bie stch zum erstenmal in biefer vornehmen Gesellschaft zeigen, so z. B. Stuck, gar nicht gut vertreten. Sei reit man stch aber von dem Gefühl eines bunten und unorganischen Turchemanbers, bas von den Wänden ausgeht und viellcickst gerade cm chaiaktenststches Merkmal des gesamten heutigen Kunstschassens barstellt, so stnbet man eine Fülle einzelner bebeutenber Arbeiten, wie das ,a auch nicht anbers zu erwarten war, wo so bebcutenbe Maler, Bild Hauer, Architekten unb Rabierer sich bereinigt haben.

Der Schwerpunkt dieser Jubiläumsschau liegt im Bildnis. Man wollte wohl zugleich so etwas wie eine Galerie führender Persönlichkeiten zusammenbringen, die unter der Regierung des 'Kai ers wirken unb gewirkt haben.

Von ben Großmeistern ber mobernen Kunst leien zunächst Thoma mit zwei prächtigen Landschaften, Max Klinger und Liebermann genannt. Allbekannte Meister, wie Kall- morgen, Schonleber, Dill u. a. schließen sich mit vor­trefflichen Arbeiten an. Von ben Genremalern der älteren Schule erfreuen durch besonders gutgelungene Bilder Sans von Bar­tels, Paul Metz er he im unb Claus Meyer. Ern vor­zügliches Kosakenbild gibt Josef von Brandt Ueberraschend modern erid/eint bet alte Schilbetet Berlins Julius Jakob, der sich aus Italien die schönste impressionistische Palette mit- gebracht hat Wuchtig unb großzügig wirken auch bie beiben Bilder von Hans' H errmann. Im Ehtensayl prangt der alte Laibl-Schüler Karl Hagem ei st er, ben man plötzlich entbectt bat; seineWelle" ist eine vorzügliche Meerstudie in ber Art Couvbets, während in bemjReh" bet Mangel an Kompositions­

krast sehr dciitlich hervortritt. Zügels mächtige Frcilichtstudien sind beste Proben guter Moderner Malerei. Hell unb wuchtig zugleich ist die Studie von Leo P n tz, mit dem sich die Münchener Hengeler, Angelo Jank unb Iosse Goossens zu einer prächtigen Gruppe vereinen.

Von Werken ber Gorßplastik ist wenig zu sehen. Eins ber hübschesten Werke ber Ausstellung ist ein echt gotisch aus- gebauter unb doch ganz modern empfunbener Brunnen von I g - liatius Taschner mit berben Äindergestalten. Die Por- trälbü ste ist wie das gemalte Bildnis besonders reich vertreten. Viel Bedeutendes birgt auch die A,r ch i t e k t nr-Mteilung, aus der die Modelle Bruno Pauls, das einfach gemütvolle Haus Hainerberg und das anmutig zierlick/e ,,Damenstift" mit dem reizenden Dachreiter, besonders erwähnt seien.

Zum Schluß sei erwähnt, daß auch diese Ausstellung deutscher Kunst die Ausländer nicht gaiwi ausschcidet. Freilich wird man weder in den altmeistcrlich kälten Bildern von W aut ers noch in den Süßlichkeiten eines Dagnan-Bouveret und Oulcß eine Bereicherung erblicken. Nut die Porträts von Anders Z o r n gehören zuM Schönsten, was die Ausstellung bietet. :Dr. P. L.

*

künstliche Jungfernzeugung.

Seit beinahe sieben Jahrzehnten weiß man, daß in der Natur Jungfernzeugung, die «Entwicklung unbefruchteter Eizellen, vor- kommt. T z i e r z o n war der erste, der dies für die Biene nackgcwicseu hat. Die neueren Forscher haben erkannt, daß auch bei anderen Tieren diese Jungsernzcugmig vorkommt, unb bie Forschung der jüngsten Jahrzehnte hat nachgewiesen, daß auch künstliche Jungsernzeugüng möglich ist.

Der erste, dem e3 (1899) gelang, unbefruchtete Eier zur Entwicklung zu bringen, war der Amerikaner I. Loeb vom Rockcfeller-Jnstitute in New Port. Welche Fortschritte dieser Zweig ber zoologischen Wissenschaft inzwischen gemacht hat, zeigt ber- Heidelberger Forscher Curt Herbst, ber selbst einschlägige Versuche ausgeführt hat, in einem vorzüglich unterrichtenden Auf­sätze des nächsten Heftes berSüdbeutschen Monatshefte". Loeb hatte zuerst bie Entwicklung ber unbefruchteten Eier des Seeigels bis zum Stadium ber schwimmenden Larven gebracht. Gewisse Chemikalien, bie in Gegenwart von Sauerstoff auf die Seeigel- eier einwirken konnten, bewirkten bei seinen Versuchen die künst­liche Jungfernzeugung (Parthenogenese Das zuerst verwendete Salz, Magncsiumck lorid, konnte auch kurch andere Salze, solche des Natriums, des Kaliums unb des Kaiziums verwendet werden, ja selbst Rohrzucker unb Harnstoff wirkten in gleichem Sinne auf die Eier, unb schließlich sah Loeb ein, baß nicht die Natur des chemischen Stoffes das «Entscheidende sei, sondern nur die Erhöhung

des osmotischen Druckes des Austauschdruckes wie man wohl sagen könnte, die durch Zusatz von Chemikalien zum Seewasser eintrat. Loeb folgerte hieraus, daß die Entziehung von Wasser aus der Eizelle der eigentliche Erreger ber Entwicklung sei. Neben dieser osmotischen Methode" der künstlischen Jungfernzeugung sanden andere Zoologen, z. B. Mathews und Morgan auch andere' Arten: Sauerstoffmangel, Erwärmung, Abkühlung, Anwesenheit von Aethcr, Alkohol und Chloroform bewirken die «Entwicklung der unbefruchteten Eier. In manchen Fällen ist es gelungen1, die unbefruchteten Eier bis zur vollständigen Entwicklung zu verfolgen. Delage z. B. bat zwei fertige, allerdings noch stachel lose Seeigel von 15 und 22 Millimetern Durchmesser aus unbefruchteten Eiern aufgezogen. Bei diesen Versuchen spielte' sich jedoch die Entwicklung etwas anders ab, als bei natürlich, befruchteten Eiern, indem die Entwicklung nicht mit der Ab­scheidung ber sogenannten Tottermembran beginnt. Tie Bildung ber Tottennembran kann jeboch nach den Brüdern Hertwig auch künstlich hervorgerusen werden, z. B. durch Chloroform, Herbst hat nachgewiesen, daß Nelkenöl, Ltzreosot, Benzol, Toluol und Xylol, ia auch geringe Spuren Silbers, die Abhebung ber D-otterhautz bewirken. Loeb bat sich hierauf ebenfalls ber künstlichen Er­zeugung von Dottermembranen zugewandt und entdeckt, daß eine ganze Reibe anderer Stoffe, z. B. tierisches Blutserum, Organ­extrakte und Fettsäuren zur Bildimg einer Dottermembran führen,' wie sie nach der natürlichen Befruchtung gebildet wird. «Er hat auch als erster die beideii Methoden vereint und auf diese Weise viel bessere iSrfrige erzielt, als vorher.

Tic Versuche^ wurden in der Folge auf andere Tierarten ausgedehnt und icitbcni' ist es möglich, nicht nur unbefruchtete Ewr von Seeigeln, sondern auch die von Seesternen, von manchen Würmern, von Muscheln und Schnecken zur Entwicklung zu bringen '^er Franzose Bataillon hat dann als erster diese Versuche am das Reich der Wirbeltiere ausgedehnt und hierbei bie sog traumatische Parthenogenese" entdeckt, bei der die Verletzung dm Zetthaut eines -Ties vom F-rosck bie Entwicklung herdvr- rief. Auf diesen Gedanken ist Bataillon durch Bastardierungs­versuche gelangt, bei denen er die Sanirirfäben von Molchen, die hakenförmige Spitzen haben, zur Befruchtung von .Kroteneiern verwenden wollte. Wenn hierbei die Samenfäden auch nicht in die Eizelle cinbrangen, begann dock die Entwicklung. Indem! Bataillon Froscheier mit Glas- ober Platinnadeln anstach, regte er die Entwicklung auf gleiche Wrise an, und in menigen Fallen (3 'unter 10 0001 entwickelten sich die unbefruchteten Eier bis zu fertigen Fröschen Frösche sind bisher die im System nm höchsten stehenden Tiere, bei denen das Hervorrufen künstliches Jungfernzeugung gegllickt ist.