Erstes Blatt
165. Jahrgang
Die heutige Nummer umfaßt 26 Seiten
der
(teuer muß ohne Bedenken unb1 Rücksichtnahme eingelöst werden.
Nach dem gestern veröffentlichten amtlichen Bericht über den Untergang des Torpedobootes S 178 wäre es schlecht angebracht, in Angriffe auf das „System" cruszn- brechen. Der Unfall ist nach Beendigung der Seenranover, bei der Rückkehr auf den Ankerplatz, erfolgt, und daß sehr stürmisches Wetter geherrscht hat, erforderte ja nicht etwa die Einstellung der Uebungen. Die Ursache des Zusammenstoßes war darin zu suchen, daß das Boot S 178 wegen des Sturmwetters sich nicht in der Marschformativn hatte halten können und, um mit seiner Halbflottille den Ankerplatz erreichen zu können, versucht hatte, am Bng des! Kreuzers „York" vorbeizufahren. Es war ähnlich, wie toemi jemand beim Herannahen einer elektrischen Skraßen- bahn noch rasch den Straßendamin überschreiten will. Daß den Kommandanten des Kreuzers „York" kerne Schuld trifft, steht fest, denn es heißt in dem amtlichen Berichts daß er sofort die Kollisionsgefahr erkannt und alle erforderlichen Anweisungen gegeben hatte. Wer aber wollte der: mit seiner Mannschaft ins nasse Grab gesunkenen Führer von S 178 der vollen Schuld bezichtigen? Die Manövrierfähigkeit seines Schiffes war wegen des Sturmes beeinträchtigt, und so handelt es sich in der Hauptsache um einen Unglücksfall, der auch dem tüchtigsten Schiffsführer begegnen-konnte. Unglücklicherweise hatte der größte Teil der Mannschaft sich schon zum Schlafe zurückgezogen, so daß nur 15 Personen gerettet wurden. Bei aller Notwendigkeit kriegsmäßiger Uebungen wird doch vielleicht aus Anlaß dieses Falles Anweisung zu erteilen sein, daß künftig im allgemeinen größere Vorsicht angewendet wird, um die Gefährdung von Schiffen und Menschenleben ziu verringern. Die Engländer haben zu dem Unglück sehr sympathische Kundgebungen ihrer Teilnahme abgegeben, aber das darf uns daran erinnern, daß die englische Marine in den letzten Jahren verhältnismäßig selten grvßsei Schiffsunfälle zu verzeichnen hatte.
Nk. 57
Der «etzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich GichenerZamilieicklätter zweimal mochentl.BreiL- dlatt fiirden Kreis tökfcen (Dienstag und Freilach; zweimal nwnatl. £anb-. wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
Annahme van Anzeigen für die Tagesnuininer vis vormittags 9 Uhr.
Reichstag zu vertraulicher Besprechung über die Wehrvorlage. In der Konferenz hielt zunächst der Kri c g sMini ster einen Vortrag militärtechnischer Natur, im Anschluß hieran sprach der Reichskanzler über die politische Lage; über diese Mitteilungen wurde strengstes Stillschweigen auferlegt. Dem „Berliner Lokalanzeiger" zufolge verlautet soviel, daß die bisher genannte Höhe der Ko st en und zwar der einmaligen mit einer Milliarde und der dauernden mit 200 Millionen jährlich ihre Bestätigung findet. Im Laufe des Samstag dürften weitere vertrauliche Besprechungen mit den Parteien im Reichstag stattfinden. Auch das intime Diner, das der Reichskanzler Freitag abend einigen namhaften Parlamentariern gibt, soll diesem Zwecke dienen, lieber den Plan der einmaligen Vermögensabgabe, die noch ergänzt werden soll durch eine einmalige Besteuerung der großen Einkommen, vielleicht von 15 000 Mk. aufwärts jährlich, verlautet, daß durch diese Kriegs st euer 800 Millionen aufzubringen für möglich gehalten wird.
Besprechungen der Reichskanzlers mit den Parteiführern.
Berlin, 7. März. Der Reichskanzler lud die Führer bürgerlichen Parteien heute nachmittag drei Uhr nach dem
Feststellung des offiziösen „Lokalanzeigers", daß in der Vorlage keine Bestimmung über die Heranziehung der Bundesfürsten zu der einmaligen Vermögensabgabe enthalten ein werde. Die Beiträge der Fürsten sollten vielmehr eine freiwillige Tat darstellen. Das gibt dem „Vorwärts" Stofs zu einigen boshaften Glossen, die aber in der Agitation auch nicht recht ziehen werden.
Die Reichsregierung hat nun die Aufgabe, tapfer und energisch durchzuchalteu. Die Konferenzen, die der Reichskanzler gestern mit den Führern der Parteien begonnen hat, dürfen den großen Plan nicht zerstückeln. Bei der ersten Veröffentlichung war der Vorzug möglichster Einfachheit bei der Staffelung der Vermögensabgabe hervorgehöben worden. Hos- entlich bleibt die Regierung dabei. Im „Tag^wird „von einer in Steuerangelegenheiten zuständigen Seite" vorgeschlagen, daß die Steuer erst bei einem Vermögen von über 200 000 Mark V« v. H., von über eine Million V- v. H. überschreiten, dann aber auf 4 v. H. bei den größten Vermögen steigen soll. Gestern aber hieß es wieder im „Lok- Anz.": „Weder ist man sich zunächst an maßgebenden Stellen schon über die vorzuschla-genden Sätze, noch darüber einig, ob man eine Staffelung oder einen einheitlichen Satz wählen und von welcher Höhe der Vermögen an man die Abgabe erheben soll".
Auch die Frage der B e s i tz st e u e r, durch die man die laufenden Ausgaben der Heeresvorlage zu decken beabsichtigt, macht viel Kopfzerbrechen. Entgegen den Angaben in unserer Nummer vom letzten Mittwoch heißt es neuerdings in der „Germania", nicht 50 000 Mann würden für den einzelnen Jahrgang mehr als bisher eingestellt, sondern 84 000; bei der zweijährigen Dienstzeit also insgesamt 168 000 Mann. Da würden also mindestens 200 Millionen jährlich zu decken sein, so rechnet das Zentrumsblatt. Was gestern über die Konservativen und die Erbschaftssteuer anaedeutet wurde, bestätigt die „Germania", indem sie schreibt: „Leider läßt sich nicht verkennen, daß die Aussichten der Erbanfallsteuer gegenüber der Vermögenszuwachssteuer günstigere sind. Der Bundesrat sollte sich aber, bevor er sein letztes Wort spricht, reiflich überlegen, ob er gut daran tun wird, in so schweren Zeiten aufs neue den Zankapfel der Erbanfallsteuer, die zweifellos eine Brüskierung der rechtsstehenden Parteien bedenten würde, unter die bürgerlichen Parteien zu werfen." Erb- anfällsteuer, verbunden mit Wehrsteuer, sollten nach den Plänen der Regierung 70 Millionen bringen. Daneben kämen noch Mvnopolplline und die Uebertragung der Stempelsteuern auf das Reich in Betracht. Auch die „Kreuzzeitung" ist über den Plan der Erbanfallsteuer beunruhigt und empfiehlt dagegen einen Vorschlag des „Dresdener Anzeigers", die Deckung lieber durch Beiträge der einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe ihrer Bevölkerung anfzu- bringen. „Jedenfalls könnte", so meint das führende konservative Blatt, „bei Uebertragung der Aufgabe der Besitzbelastung an die Einzelstaaten den verschiedenartigen Verhältnissen, namentlich auch in parteipolitischer Hinsicht, weit besser Rechnung getragen werden." Wie aber steht es mit der alten Forderung der Zentrumsorgane: Zuerst die Deckung, dann erst die Wehrvorlage? Wir denken, die Regierung hat heute freieren Spielraum. Sie wird, so hieß es, ihre Vorlagen mit einem Aufruf an das Volk und Hinweis auf die Vorgänge vor 100 Jahren begleiten. Die Parteien müssen ihre Empfindlichkeiten zurückstellen, und das Versprechen der Regierung einer gerechten Besitz-
Samstag, 8. März 1915
Bezugspreis: monatlich 75Pf„ vierteljährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2.—viertel- fährt, ausschl. Bestetlg. Zeilenpreis: lokal 15Pf., auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den
politifetyc Wochenschau.
Gießen, den 9. März.
_ Im Reichsschatzamt herrschen jetzt arbeitsreiche Tage. Erst am 25. Januar hat der deutsche Kriegsrat in Berlin die neuen großen Rüstungen beschlossen, und wenige Tage danach begab sich der Reichsschatzsekretär Kühn auf die Reise zu den bundesstaatlichen Autoritäten. Er hatte dabei Die Stimmung festzustellen, die über den plötzlich entstandenen Gedanken einer einmaligen Vermögenssteuer in den Bundesstaaten besteht, und daß der Gedanke alsdann auch in die Presse durchsickerte, war vielleicht doch nicht ganz ungewollt. Es war im Volle sehr oft beklagt worden, daß der Reichskanzler sich und seine Pläne hinter zugezogenan Vorhängen verstecke, und flir eine Wehrvorlage braucht man doch das Volksverständnis. lieber den Erfolg der bisherigen Veröffentlichungen brauchen die Offiziösen sich nicht zu beklagen. Die einmalige Abgabe vom Vermögen, die dem Reicke die einmaligen Mehrausgaben von rund einer Milliarde schaffen soll, ist in der Oefsentlichkeit mit überraschend viel Zustimmung begrüßt worden. Daß der Gedanke neu und unbeschwätzt war, hat ihm genutzt. Hier soll ja nun das verwirklicht werden, was breite Volksschichten immer und immer wieder verlangt hatten, daß nämlich die steigenden Lasten endlich auch auf die leistungsfähigen Schultern gelegt werden möchten. Und für die Parteien der Rechten gab es kein Ausweichen: durch eine Ablehnung in diesem Punkte wurde man sich der lauen! Haltung in einer patriotischen Sache sehr stark verdüchttg gemacht Haden. Und bleiben nicht noch die laufenden Deckungsausgaben, für die ebenfalls wieder Steuerpläne gefunden werden müssen? Das sinanzstrategische Vorgehen der Reichsregierung hat diesmal eine glückliche Hand gezeigt. Ohne daß man über die Durchführung der einmaligen Vermögensabgabe etwas Bestimmtes weiß, hat das gesamte Volk fein Jawort gegeben: alle Parteien haben durch ihre Organe zugestimmt. Grundsätzliche Bedenken wurden hier und da ganz schüchtern geäußert, und es waren sowohl linksliberale wie rechtsstehende Blätter dabei beteiligt. Bon den fortschrittlichen Blättern hat die „Voss. Ztg." sich über den Plan sehr ärgerlich ausgesprochen; die „Frankfurter Ztg." ist etwas milder gestimmt, hat an der Sache indessen auch feine reckte Freude. Das sind aber Ausnahmen; überall sonst in der liberalen Presse hat man die neue Richtlinie begrüßt. Auch das Zentrum hat eine erfreuliche Haltung gezeigt; nur der klerikale „Bayerische Courier" teiltet über die „Blutabzapfung", über die „Brandschatzung des Sparers" und schilt über die steigenden Anforderungen des Militarismus. In sächsischen konservativen Kreisen hat sich auch etwas Mißstimmung bemerkbar gemacht, aber die sächsische Regierung soll keine Bedenken erhoben haben. Die agrarische „Deutsche Tageszeitung" verwahrte sich in ihrer gestrigen Nummer gegen mißverstandene Auffassung ihrer Ausführungen (die allerdings etwas verklaufuliert geklungen hatten); sie habe vielmehr „ihre grundsätzliche und uneingeschränkte Bereitwilligkeit ausgesprochen".
Es ist also eine arge Entstellung, wenn der „Bor- teärts" feststellt, der „Katzenjammer", der die Bürgerlichen feit der Veröffentlichung des „Kriegssteuerplanes" erfaßt habe, werde immer größer. Das Zentralblatt der „Genossen" reitet sein altes Steckenpferd und freut sich über die
politischen Teil: August
Heneral-Anzeiger für Oberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. J E.Heß; für den Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a.Anze.genleü: p. e
Greszener Stadttheater.
Der Revisor.
Komödie von Nikolaus W. Gogol.
Gießen, 8. März.
Fast 80 Jahre alt ist! der gute Revisor geworden und trotzdem strahlt er noch in jugendlicher Frische, fast wie damals, als sich bei seinem ersten Erscheinen alle beamteten Russen vorschriftsmäßig über ihn entrüsteten, weil er mit schonungsloser Satire die auch heute noch sprichwörtlichen Schäden des russischen Beamtentums an den Pranger der Lächerlichkeit stellte. Schon Großvater und Großmutter haben sich an dieser lustigen und doch so bitter ernsten Komödie ergötzt und mit gleicher Heiterkeit sehen heute wir Enkelkinder diesen sorglosen Springinsfeld die biederen Würdenträger enter russischen Provinzstadt an der kupferroten'Wuttkinase herumführen, als ob solche Geschehnisse bei uns ganz unmöglich wären. Und doch sind auch bei uns derartige Fälle nicht eben selten, wie nicht nur die betrübliche Köpemckiade, sondern auch der Straßburger Alarm beweisen kann. Man sieht daraus, wie scharf Gogol die Welt betrachtet hat, indem er sich mitten aus dem Beamtentum heraus einen Komödienstoff geholt hat, der einen gewissen Ewigkeitswert besitzt, weil er auf allgemein menschlichen Schwächen aufgebaut ist. Darin liegt denn auch zu allererst die unverwüstliche Zugkraft des Stückes, das trotz seiner wenig straffen Technik beständig in Atem hält und in jedem Zug den eck)ten Dichter erweist.
Die hiesige Aufführung, die von Herrn Dworkowski geleitet wurde, entsprach allen Anforderungen, die man billigerweise stellen darf. Es war nicht nur in der Gesamtheit, sondern auch im einzelnen eine erfreuliche Einheitlichkeit, der denn auch der starke Erfolg nicht mangelte. Man hätte sich vielleicht manches anders denken können, so vor allem die Anordnung der Sitzenden, die allzusehr die Rücksicht auf die Zuschauer bekundete, oder die von Uebertreibungen nicht freie Nachlässigkeit int Anzug einiger Darsteller; aber als Ganzes betrachtet, konnte man feine rechte Freude an der Ausführung haben. Herr Kliewer gab dem von der Reinheit seines Gewissens sehr wenig überzeugten Gouverneur der guten und getreuen Stadt Ix eine sehr gute und sehr wirkungsvolle Haltung; nicht gerade männlich, wie dieser Held nun einmal nicht ist, aber doch sympathisch in all seiner un- verscl>ämten Selbstsucht. Seine Frau und seine Tochter wurden von Frl. S ch o l z und Frl. Dagny mit geschwätziger Lebhaftigkeit und blitzsauberer AnMut dargestellt. Der Rektor des Herrn V o l ck war lauter Unterwürfigkeit, und der Kreisrichter, den Herr Dworkowski vorzüglich spielte, schien wirklich im Augenblick vorher die Hetzpeitsche aus der Hand gelegt zu haben. Als Hospitalverwalter gab Herr Brüdj aM einen pappigen Streber, und den schnuddeligen Postverwalter brachte Herr .Bruchwitz
sehr wirkungsvoll zur Geltung. Ein edles Freundespaar bildeten die Herren Conradi und Norden als dummschlaue Gutsbesitzer. In der führenden Rolle des Revisors holte sich Herr Jensen mit seiner flotten, burschikosen Darstellung, die so recht lebenslustig in den Tag hinein schwernötette, bei offener Bühne einen starken Sonderersolg. Sein getreuer Diener Ossip, der in manchen Zügen lebhaft an Tellheims derben Just erinnert, wurde von Herrn Grosser mit verschmitzter Kaltblütigkeit und vortrefflicher Biedermannsmiene ausgestattet. In einem kleinen Austritt brachte sich Herr Goll als Polizeiinspektor sehr gelungen zur Geltung. In mehreren Rollen betätigten sich die Herren Gerhardt und Grosser-Brann.
*
Ludwig Zufti über die Zukunft der Nationalgalerie.
IM Verlage von Julius Bard zu Berlin erscheint soeben eine Veröffentlichung von Professor D-r. Ludwig Justi, dem Nachfolger Tschudis in der Leitung der Berliner Nationalgalerie, die bei allen deutschen Kunstfreunden lebhafte Aufmerksamkeit erwecken wird. Die Schrift trägt den Titel „Der Ausbau der Nationalgalerie", und sie umfaßt zrvei Denkschriften, die Justi dem preußischen Kultusminister eingereicht bat. Die erste davon entstammt dem Jahre 1910 und entwickelt und motiviert eingehend die neuen, seitdem durch alle zuständigen Instanzen gebilligten Maßnahmen zur Reform der Nanonalgalerie, durch die die Anfänge der Aera Justi ihren Charakter erhalten haben. Es find dies hauptsächlich die jetzt ihrer Vollendung entgegen» sehenden Umbauten im Erdgeschosse der Galerie, die Aussonderung der Schlachtenbilder aus ihren Beständen, die Gründung einer nationalen BildnisfämMlnng, endlich die Bewilligung einer jährlichen AnkaufssumMe von 40 000 Mark für ausländische Kunst. Die zweite der in bem Bande veröfsentlicksten Denkschriften läßt sich des Atäheren über die Aufgabe und den Umfang der erwähnten Deutschen BildnissaMmlnng aus. Eine Fülle von historischen, künstlerischen, nationalen und museumstechnischen Erwägungen und Interessen ist in diesen Denffchriften mit Einsicht und Besonnenheit behandelt. Einige Partien daraus sind für die ganze weitere Entwicklung uuseres Museumswesens von ganz ungewölmlickier Bedeutung; und dazu gehört in erster Linie, was Justi über die F orts etzu nader vielumstritten en Sammlung ausländischer Werke in der Nationalgalerie sagt. Er hebt dabei als merkwürdig hervor, daß die Kunstsammlungen für das 19. Jahrhundert im allgemeinen die fremdländische Kunst viel mehr unberücksichtigt lassen, als es für die früheren Jahrhunderte geschieht. Das entspricht, meint er, nicht prinzipieller Absicht, sondern erklärt sich anZ der Entstehung der modernen
Sammlungen. Prinzipiell dachte man bei der Gründung der Bev> liner Galerie zunächst nicht daran, die Ausländer auszuschließen, erst allmählich trat der Gedanke mehr und mehr hervor, daß man hier die eigene vaterländische Kunst pflegen wollte, und der gewaltige politische Aufschwung jener Jahre trat dann mitwirkend hinzu. Justi fährt nun fort: „Es iväre jedoch falsch, die Sammlung ausländisck>er Xhmft (der Nationalgalerie), die jetzt bereits nach vorsichtiger Schätzung einen Wett von etwa V/s Millionen Mark hat, nicht weiter zu führen, und es wäre andererseits nicht im1 Interesse einer weitsckxm enden Museumstätigkeit, wenn man sie auf diesem Gebiete, wie bisher, lediglich auf zufällige Geschenke anwiese. Für die früheren Jahrzehicke und Jahrhunderte wird die Kunst und das Kunstgewerbe aller Kulturvölker gesammelt, bis zum fernen Ostasien hin; außerordentlich hohe Summen iverben dafür ausgegeben. Und aus dem 19. Jahrhundert werden im Völkermüseum Produkte der entlegensten und pttmitivsten Völker- schaften gesammelt, kostspielige Expeditionen nach den fernsten Inseln gemacht, um Gerät und Götzenbilder der Wilden nach Berlin^zu bringen. Es wäre absurd, wenn es daneben in Berlin keine Stelle geben sollte, an der man erfahren könnte, wie sich die uns so viel näher liegenden SMturnationen in den letzten Jahrzehnten künstlerisch betätigt l)aben — zumal da doch tausend und abertausend Fäden von dort zn unserer eigenen Kunst hinüberführen. Freilich erhebt sich gegen das Sammeln auswärtiger Kunst der Gegenwart eine Schwiettgkeit besonderer Art, nicht nur in Berlin: die Opposition eines Teiles der Künstlerschaft, die auf den verschiedensten Wegen mit mehr oder weniger Leidenschaftlichkeit zu verhindern sucht, daß das fdyöne Staatsgeld nach einem anderen Kiinstzentrnm fließt oder gar nach dem Auslände. So ergibt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich nicht der mindeste Widerspruch regt, wenn für die Ettverlmng botokudischer Produkte ansehnliche SuMmen ausgegeben werden, daß dagegen den verantwortlichen Stellen große nnd oft unüberwindliche Schwierigkeiten gemacht werden, wenn in Berlin Münchener Kunst oder in München Berliner Kunst gekauft wird oder gar ausländische. Es ist zweifellos Pflicht einer starken und weitaus-- schauenden ztzunstpolitik, hier fest zn sein.
„Der oft erhobene Einwand, daß andere Nationen nur selten deutsche Kunst kaufen, daß es also töricht sei, wenn wir Böses mit Gutem vergelten, ist gelinde gesagt, kurzsichtig. Auf den Londoner und Pariser Bühnen wird Schiller und Goethe nickt gegeben; aber sollen wir uns dadurch rächen, daß wir auf Shakespeare und Moliöre verzickten? . .
Die gleiche liberale und weitausschauende Gesinnung, die Justi in diesen Erwägungen bewähtt, legt er auch dann an den Tag, daß er den Plan eines „Museums des 20. Jahrhunderts" in seiner Denkschrift ins Auge faßt und bespricht. Er hebt hervor, daß alle von ihm vorgesck-lageuen Ernzelmaß-


