Ausgabe 
11.8.1913 Erstes Blatt
 
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geworden ist. Aber Euer Mut und Eure StandhaftigLit haben unser Vaterland nicht nur groß, sondern auch geehrt, geachtet und ruhmreich vor aller Welt gemacht. Ich l>eklage tief, daß viele Waffengefährten meine Worte nicht hören, aber ihr Blut wurde nicht unnütz vergossen, ihr Andenken wird unvergänglich lern. 'Euch Lebenden drücke ich meine Bewunderung und meinen Stolz au§, ian der Spitze einer solchen Armee und Flotte zu stehen, '^ven Teilnehntern an den beiden Kriegen sollen DenknninzM. verliehen werden, aber darüber hinaus bin ich gewiß, daß in dem Herzen jedes Einzelnen das Gefühl lebt, er habe Griechenland groß ge­macht. Doch unser Werk ist nickt .vollendet. Griechenland muß stark, sehr stark werden. Ich werde ohne Unterlaß auf dieses Ziel hinarbciten. Die von Euch unter den Fahnen bleiben, werden mir dabei treu wie auf dem Schlachtfelde helfen, und ihr, die ihr voll Stolz und mit Triumph an den häuslichen Herd zurückkehrt, bewahret und gebt weiter den unverrückbaren Entschluß, Griechenland militärisch sehr stark zu machen zur Achtung für seine Freunde und Mr Furcht für seine Feinde.

Die letzte Sitzung der Konferenz.

Bukarests. Aua. Die Fr i e d ens k0 n f erenz hielt heute vormittag ihre Sitzung ab. Ristitsch verlas die Er- klärung, Serbien behalte sich das Recht vor, die Prü­fung der Entschädigung dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. Die gleiche Erklärung gab Venizelosab. Die Konferenz fuhr oann in der Beratung der Artikel des Friedensvertrages fort. Artikel 5, betreffend Demobilisie­rung, wurde angenommen. Der letzte Artikel 6 handelt von der Räumung des bulgarischen Gebiets durch die Heere. Die Räumung findet erst nach der bulgarischen Demobilisierung statt.

Tontschew verlas eine Erklärung, die besagt, daß Bulgarien gewünscht hätte, daß die Teilung des Gebiets nach dem Nationalitätsprinzip erfolgte. Trotzdem nehme Bulgarien das Uebereinkommen auf der Grundlage der tat­sächlichen Lage an in der Hoffnung, daß sich die Mächte für das Schicksal Bulgariens mit Rücksicht auf die von diesem gebrachten Opfer interessieren würden.

P 0 l i t i s erklärte, Griechenland unterzeichne den Vertrag in der Heberzeugung, daß er auf dem gerechten Gleichgewicht gegründet ist und nicht auf der tatsächlichen Lage. Sp a la i- kow its ch führte aus, der Vertrag sei ein Werk der Gerech­tigkeit; er glaube der Dolmetscher der einmütigen Gefühle der Konferenz zu sein, wenn er hervorhebe, daß'die ab­gegebenen Erklärungen den Wert des abgeschlossenen Frie­dens, der die Grundlage des endgültigen Friedens sei, nicht verringerten und äbschwächten. Sodann wurde die Sitzung aufgehoben. Die Unterzeichnung des Friedensvertrages findet morgen früh 9 Uhr statt. Daran schließt sich ein seier- Äches Tedeum in der Kathedrale.

Bukarest, 10. Aug.Agcnce Roumaine". Heute vormittag 101/2 Uhr wurde in der Schlußsitzung der Friedenskonferenz der Friedensvertrag unterzeichnet. Geschützdonner und Glocken­geläut begleiteten den Akt. Die Stadt ist beflaggt.

Ansprache bei einem Festessen in Bukarest.

Bukarest, 10. Aug. Der Ministerpräsident und ! Syrau Major esc u gäben im Ministerium des Aeußern ein Gala- dincr zu Ehren der Delegierten der Friedens­konferenz. Auch die rumänischen Minister und ihre Gemah­linnen waren geladen. Ministerpräsident Majorescu brachte einen ! Trinkspruch aus, in dem er u. a. sagte:

Die Uebereinstimmung, die in so kurzer Zeit erzielt wurde, und die Einheit der Gesichtspunkte, die bei dieser Gelegenheit fest­gestellt werden konnte, kennzeichnen eine neue große Macht in 'Europa. Dieses Ergebnis ist erreicht worden ebenso durch die unermüdliche Arbeit, wie durch den Geist der Versöhnlichkeit, von dem die Mitglieder der Konferenz Beweise gaben. Wir erheben unsere Gläser auf die Gesundheit unserer erhabenen Mitarbeiter am qroßen Friedenswerke.

Ministerpräsident P aschitsch antwortete, die.Mitglieder der Friedenskonferenz können Rumänien und seinem erha­benen Herrscher nicht besser huldigen, als dadurch, daß sie den Balkanvölkern für die Zukunft die Wohltaten des Friedens sicherten. Die erste Psticht der Friedensdelegierten sei, der gastlichen Hauptstadt Rumäniens, vor allem der erhabenen Person des Königs Carol, dessen hohe Tugend, Weisheit und Rechtlichkeit Rumänien Au einer Höhe von Kultur und Macht er­hoben hätten, die es Mm ersten Faktor in der Politik Südost- europas machten, den aufrichtigen, tiefen Dank ausMsprechen. Der König von Rumänien erwarb sich unvergäng­lichen Anspruch aus die Dankbarkeit der Balkan­völker durch seine hochherzige Teilnahme am Werke chrer Be­freiung und durch seine außerordentlich wirksame Tä­tigkeit zu Gun st en des Gleichgewichts auf dem Balkan, wodurch er für die Wohlfahrt dieses Teiles Europas neue Grundlagen geschaffen habe. Paschitsch dankte sodann auch Majo- rescn und den andern rumänischen Staatsmännern und schloß: Ich wünsche, daß Rumänien stets an der Spitze der Nationen bleibt, die wir vertreten, und ihnen den Weg der Ordnung, des Friedens und des Fortschrittes zeigt. Ich erhebe mein Glas auf die Gesundheit und den Ruhm Seiner Königlichen Majestät, auf sein erhabenes Haus, die königliche Regierung und auf die Größe des schönen Rumänenlandes.

Das Verhalten der Türkei.

DieDeutsche Tageszeitung" meldet aus Paris: DerPe­tit Parisien" meldet, daß der türkische Botschafter bei dem Minister des Aeußern erschien, um diesem im Auftrage seiner Regierung zu erklären, daßdiePforteauf keinen Fall Adrianopel wieder Herausgeber werde, selbst nicht um den Preis weitgehender wirtschaftlicher und territorialer Zugeständnisse. Da das genannte Blatt bekanntlich sehr gute Beziehungen zum Quay d'Orsay hat, wird seine Information schon stimmen.

DieBerliner Morgenpost" meldet ferner aus Paris: Nach einer Depesche aus Konstantinopel ist die türkische Armee in Thrazien durch fortwährenden Zuzug von Truppen aus Kleinasien auf die Stärke von 400 000 Mann gebracht worden. Die Jungtürken und ihre Organe erklären, die Türkei sei jetzt in der Lage, den Besitz Adrianopels gegen alle Angriffe zu verteidigen.

Der Kaifer in Rostock und Lübeck.

Rostock, 10. Aug. Der Kaiser und das Gefolge trafen zum 125jährigen Jubiläum des Großh. mecklenburgischen Füsilier-Reaiments Nr. 90 Kaiser Wilhelm" um 11 Uhr auf dem Bahnhof ein. Am Bahnhof wurde er u. a. empfangen vom Herzog Paul Friedrich und dem Prinzen Heinrich der Niederlande, welcher ä la suite des jubilierenden Regiments steht, und dem Großfürsten Georg Michaeliowitsch und Umgebungen mit Gefolge. Um 11 Uhr trafen die Großherzogin, die Großherzogin-Mutter Anastasia, die Kronprinzessin mit ihren beiden ältesten Söhnen sowie die Herzogin Marie Antoinette ein. Nach der Vorstellung der beiderseitigen Gefolge begann der Gottesdienst, der mit dem Niedev- ländischen Dankgebet schloß. Sodann hielt der Großherzog an den Kaiser eine Ansprache, in der er für den Besuch des Kaisers dankte. Der Kaiser erwiderte mit kurz-en Worten des Dankes für den warmen und herzlick)en Empfang, drückte seine Freude darüber aus, an der Spitze des Regi- nrents Nr. 90 die Stelle des Chefs innezuhaben und brachte ein Hurra auf den Großherzog aus. Dann wurden die Auszeichnungen bekanntgegeben.

Zum Bau der neuen Offiziersmesse schenkte die Stadt Rostock 10 000 Mk. Nach Ueberreichung der Ehrengeschenke /fand ein Festessen statt, im Anschluß daran die Aufführung eines von oem Hauptmann der Reserve Schniidtgen ver­

faßten Festspieles, das in der Vorführung lebender Bilder aus der Regiments geschieh te bestand. Den Schluß des Abends bildete ein Zapfenstreich. 7

Nachdem ein Vorbeimarsch des Regiments und der alten Soldaten erfolgt war, wuroen der Kaiser und der Groß? Herzog vom Bürgermeister im Rathaus empfangen. Hier hatten sich der Rat und die Bürgervertretung versammelt. Geheimer Kommerzienrat Bürgermeister Clement hielt eine Ansprache, in der er darauf einging, daß Rostock die Regierung des Kaisers zu seinem Aufschwung habe aus­nutzen, Handel und Wandel fördern und die Einwohner­zahl habe verdoppeln können.

Der Kaiser erwiderte:Ich bitte die Herren, meinen herzlichen Dank entgegenzunehmen für die freundliche Be- grü feurig in dem alten, ehrwürdigen Rathaus. Dem Groß­herzog bin ich sehr zu Dank verpflichtet für die gnädige Einladung zum heutigen Tage, die es mir vergönnt, in den Mauern Rostocks zu weilen. Ich freue mich der^ guten alten Beziehungen, die meine Füsiliere mit der Stadt immer gehabt haben, und hoffe, daß diese auch künftig erhalten bleiben. Ich bin von hoher Freude erfüllt und dankbar bewegt über den freundschaftlichen rauschenden Empfang, den mir die Bürgerschaft beiderlei Geschlechts hat zuteil werden lassen. Ich hoffe, bafe, es der Stadt Rostock vergönnt sein wird, sich fernerhin in friedlichen Zeiten weiter zu entwickeln und freue mich, der Geschichte und der Bedeutung der Stadt Rostock dadurch habe Ausdruck geben zu können, daß ich ihren Namen neben anderen Namen großer deut­scher Städte in meiner kaiserlichen Marine verewigt habe. Möge Handel und Wandel der Stadt weiter gedeihen und blühen unter Gottes Hand.

Der Kaiser besichtigte noch die Marienkirche und trat eine Rundfahrt durch die Stadt an, die ihn zur Universität führte. Bei der Universität wurde der Kaiser empfangen von dem Vizekanzler Wirkt. Geh. Legationsrat Dr. von Buchka, dem Rektor Prof. Dr. Koerner und den De­kanen. In der Aula hatte der Lehrkörper Aufstellung ge­nommen sowie die Chargierten der studentischen Verbin­dungen in^Wichs mit Fahnen und gezogenen Schlägern. Der Kaisers der in Begleitung des Großherzogs erschien, wurde vom Rektor mit einer Ansprache empfangen, puf die der Kaiser erwiderte:

Eine Kaiserrede.

Ach bitte Sie, meinen herzlichsten Dank entgegenzuneh­men für die freundliche Begrüßung seitens des Herrn Rek­tors und der Herren Professoren und Studenten. Ich freue mich außerordentlich, meinen Fuß in die Aula dieser ehr­würdigen Universität habe setzen zu können, deren Geschichte Sie eben so vortrefflich skizziert haben. Wir haben gerade jetzt 10 0 Jahre hinter uns, seit der Zeit, wo die Wieder­geburt und Wiedergenesung des Volkes Preußens und des Sen deutschen Volkes einsetzte, das den Fuß des korsischen

erers von seinem diacken äbschüttelte. Bei der aufblühen­den Begeisterung, die damals das ganze Volk ergriff, war die st u d e n t i s ch e Jugend in e r st e r Reihe, und ich hoffe, daß dieser Geist auch noch heute lebendig ist. Wenn wir an jene Zeit zurückdenken, so treten vor allem zwei Bilder vor unsere Augen: das.große Bild des Feldmarschalls, dessen Standbild hier vor der Universität steht und das Bild der Königin Luise. Warum? Ich glaube, der Grund ist der, weil beide, die hochselige Königin und mecklenburgi­sche Prinzessin, und der Feldmarschall Gebhard Leberecht v. Blücher, die einzigen waren, die damals, als unser Vaterland zusammenbrach, unter der Uebermacht der Korsen, nie daran gezweifelt haben, daß er zu Fall zu bringen fei. Die Königin ist. mit der Hoffnung gestorben, der Feldmarschall hat die Hoffnung in die Wirklichkeit über­setzt. Wir wissen, daß er der Träger und die Seele der Bewegung war, daß er immer von dem einen Gedanken be­seelt war, den Korsen niederzuwerfen, der ^Deutschland so gedemütigt hatte. Diese Bilder möge unsere Jugend immer vor Augen haben, und wenn, sie sich auch in die klaren Ge­wässer der Wissenschaft vertieft, so soll sie doch auch den Blickauf die Gegenwart richten können. Rostock liegt nicht weit von der See, und der Blick über das Wasser auf die allgemeine Weltgeschichte schärft unser Auge für die Auf­gaben der Gegenwart. Das mögen die Herren den jungen Studenten zu Gemüte führen. Wir brauchen Männer für unsere Zeit und dazu möge Gott seinen Segen geben."

Der Kaiser besichtigte darauf nach der Vorstellung der Professoren die Urkunden und das alte Szepter der Universi­tät. Darauf folgte das Frühstück im großherzoglichen Palais. ;Um 3.30 Uhr erfolgte die Abreise des Kaisers.

Lübeck, 10. Aug. Der Kaiser traf um 5 Uhr 37 Min. hier ein und wurde namens der Stadt von Bürgermeister Dr. Eschenburg, den Senatoren und Regierungsrat Dr. Geise empfangen. Sodann fuhr der Kaiser in Begleitung des Bür­germeisters nach der Marienkirche. Dort fand eine musika­lische Aufführung statt, die durch ein Präludium eingeleitet wurde. Bon der Marienkirche aus begab sich der Kaiser mit Begleitung zu Fuß nach dem Rathaus. Dort hatten sich im Audienzsaal eingefunden: mit dem Bürgermeister die Mitglieder des Senats und die Wortführer der Bürger­schaft, des Bürgerausschusses, Vertreter des Offizierkorps und andere.

Aus Hessen.

Die Wirkung des Gemeindesteuergesetzes.

rm. Darmstadt, 10. Aug. Der Abg. Dr. Osann hat bei der Zweiten Kammer über die Wirkung des Gemeinde- steuergesetzes einen Antrag eingereicht, nach welchem die Großh. Regierung ersucht werden soll, über die bet der ersten Veran­lagung oes Gemeindesteuergesetzes hervorgetretenen Mißstände, Be­schwerden und Klagen der Kammer umgehende Mitteilung zu machen.

Deutsches Reich.

Die Zahl der Straferlasse beim Jubiläum des Kaisers.

TieNordd. Allgem.' Ztg." schreibt: Die Amnestie vom 16. Juni anläßlich des Regierunasjubiläums ist nunmehr im wesentlichen durchgeführt worben. Die Zahl der Straf­erlasse beläuft sich auf ungefähr 2 4 00 0.

Deutsches Reich.

Zu der £111160iller Affäre.

Der zu einer mehrwöchentlichen Hebung znm Pionierbataillon Nr 14 in Kehl einberufene in der Nähe von Straßburg beheimateten Landwehrmann Schneider, der zuletzt in Lunüvillö alls Schlosser gearbeitet bat und dem laut einer telegr. Nachricht feiner dort zu­rückgebliebenen Fran zwei Arbeitskollegen in seiner Abwesenheit seine Möbel demoliert haben, nachdem sie in die Wohnung ciu- gedrnngen waren, ift znr Ordnung seiner Angelegenheit drei Tage vor 91 bl auf seiner Hebung ans dem Militärdienst entlassen worden und sofort nach Lunöville nbgereift, nm Frau und Kind zu holen. Er hat bereits in einem badischen Wert so'ort wieder Stellung gefunden. Ob französischer Chauvinismus bet der Sache beteiligt war, ist noch nicht feftgestellt.

Ausland«

Heber neue Marinevorlagen -in Frankreich führt derMatin" aus: Der französische Marineminister wird demnächst der Kammer zwei neue .Vorlagen unterbreiten. Die erste verlangt, daß am 1. Januar 1915 ein fünfter Heberdreadnou^ht von der Normandie-Klasse auf Kiel gelegt werden soll. Er toll 25 000 Tonnen Wasserverdrängung haben, und mit 12 340 Milli­meter-Geschützen armiert werden, nebst der dazu gehörigen Artille­rie selbstverständlich. Die französische Marineoerwaltung wird dem­zufolge im Januar 1915 nicht weniger als 10 Dreadnoughts im Bau haben. Gleichzeitig wird die Kiellegung eines Aufklärungs­geschwaders verlangt, das nach dem jetzigen Programm erst für 1919 vorgesehen war. Jedes Schiff dieses Geschwaders wird 6000 Tonnen Wasserverdrängung haben. Die zweite Vorlage enthält die Forderung nach einem Ausbau pes Kriegshafens Lo­ri e n t, wofür ein Kredit von 65 Millionen Franken gefordert werden soll, ferner die Einrichtung von Flugzentren in Byzertas, Tunis und bei Marseille für je drei Luftschine starren Systems von großen Dimensionen nach dem Vorbilde der Zeppeline.

Hus Stadt und Land.

Gießen, 11. August 1913.

Etienne Laspeyres.

Wirkt. Geh. Rat Prof. Dr. Adolf Wagner, den wir gebeten hatten, uns einiges über seinen verstorbenen Fach- töllegen Laspeyres mitzuteilen, ist unserer Bitte nachgekom­men und hat uns folgende schöne Nachschrift zum Abdruck übersandt:

Der am 4. August im Alter von bald 79 Jahren ver­storbene Nationalökonom und Statistiker war bereits 1901 aus seiner Gießjener Professur in den Ruhestand getreten. In unseren jüngeren Jahren waren wir, in fast gleichem Alter stehend, vielfach in persönlichett und s ach wissen schaft- lichen Bestrebungen verbunden gewesen. Wir haben beide zeitweise in Livland gelebt, wo Laspeyres in Dorpat mein Nachfolger in der statistischen Profffsur gewesen war (1869). Später vertauschten wir beide Livland Mit Baden. Auf Reisen, Kongressen u. dergl. haben torr uns noch einigemal gesehen, so 1867 wochenlang in Paris auf der WettauA- stellung häufig zusammen verkehrt, späten, 1887, auf dem internationalen statistischen Kongreß in Rom. Ich sah ihn dann noch einmal "vor längeren Jahren in Gießien, leiberr- seitdem nicht mehr.

Ich habe ihn als ausgezeichneten Privatstatistiker und Nationalökonomen hochgeschätzt. Unsere wirtschaftspolitischen Richtungen hatten sich wohl verschieden entwickelt, aber das hat auf unsere persönlichen Beziehungen nicht störend ein­gewirkt. Der jetzigen jüngeren Generation ist Laspeyres wohl fremder geworden. Ich habe ihn in lebhafter Erinnerung, wie früh er sich zu einer anerkannten Stellung in der Wissen­schaft erhoben hat. Mit seiner noch'heute wertvollen Preis­schrift der Jablonowskischen Gesellschaft in Leipzig hatte er eine von W. Roscher gestellte Preisfrage nach deffen maß­gebendem Urteil vortrefflich gelöst. Er wurde, wohl auf Ro­schers Empfehlung, schon früh) 1863 oder 1864, Ordinarius für Nationalökonomie in Basel. Bald begann er die Bearbei­tung seines Hauptgebietes, die Preisstatistik, der statistischen Untersuchung des Geldwertes, namentlich der lÄnwirkung der Goldvermehrung, die seit 184850 eine so große Bedeu­tung für die moderne Welt gewonnen hat. Auch statistisch­methodologische Forschungen knüpften sich an, die zwischen ihm und Drobisch zu Diskussionen führten. Später kam Laspeyres zu werrvoUen, streng exakt und minutiös genau durchgeführten Untersuchungen über den Einfluß gewisser indirekter Steuern auf die Preise der Steuerobjette. Seine Arbeiten über den Einfluß der preußischen Mahl- und Schlachtsteuer und deren Aufhebung auf die Preisbildung gehören zu den eindringlichsten und speziellsten bezüglichen Untersuchungen. Preisstatistik und Preistheorie blieben lange, fast fein ganzes Leben hindurch, das Hauptarbeits­gebiet von Laspeyres. Vielfach spröde Objekte, aber in deren Behandlung Laspeyres einer der ersten Namen wurde und bleiben wird. Auch manche gute zusammensassende und syste­matisierende Aufsätze und kleinere Aufsätze rührten in seinen jüngeren Jahren von Laspeyres her. Mir ist noch heute eine gute Erinnerung z. B. <m seine Abhandlung über Staats­wirtschaft im Bluntschli-Braterschen Staatswörterbuch ge­blieben, in der manche grundlegende Gedanken und Erörte­rungen enthalten waren.

Ich schreibe diese Zeilen unterwegs auf der Reise, ohne Bücher und literarisches Material zur Hand zu haben, nur aus dem Gedächtnis. Aus Laspeyres' späterer Lebens­zeit habe ich feine Arbeiten nicht mehr so genau verfolgt und nicht so vollständig int Kopf. Aber schon allein auf Grund feiner früheren Arbeiten hat L. den Anspruch, als statistischer und Nation alötonomischer Fachmann von blei­bendem Ansehen anerkannt zu werden. Ich widme ihm, dem Jugendgenossen, gern diese Worte, nur bedauernd, daß uns das spätere Leben nicht mehr so wie in der Jugend zusammengeführt hat. Noch habe ich in besonders dankbarer Erinnerung einen freundlichen Brief, den er mir vor einigen Jahren nach Berlin geschrieben, den ich immer hatte beantworten ober burch einen persönlichen Besuch bei ihm in Gießen hatte erwidern wollen; dazu ist es nicht mehr gekommen. Jetzt schmerzt mich das vollends, wo das Versäumnis nicht mehr gut zu machen ist. So geht's ja im Leben, vollends im Alter von ehemaligen Jugendgefährten öfters, ohne irgendwelche böse Absicht, Ich habe an Etienne Laspeyres eine warme Erinnerung, an feine Persönlichkeit, auch an feine äußere Erscheinung. Er war als junger Mann, aber catch im späteren und höherett Alter eine ungewöhnlich schöne Erscheinung, mit ausdrucksvollem Kopf und in Erinnerung bleibenben Zügen. Noch weiß ich, wie er in Rom 1887 in dieser Hinsicht allgemein Aufsehen erregte. Nun ist auch er dahin. Um alt werdende Leute wirb es immer einsamer. Einer nach dem andern, die einem einst in der Jugend nahe standen und deren man sich aus ihrer vollen Kraftzeit erinnert, werden dahingerafft. Ich rufe dem Altersgenossen ein warmes Wort der treuen Erinnerung und aufrichtiger Anerkennung ins Grab nach. Möge ihm die Erde leicht sein.

Berlin, 10. August 1913. Adolph Wagner.

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**Einensozialen Kursus veranstaltet der Evang. Arbeiterverein in Gemeinschaft mit mehreren Nachbar- vereinen in der Zeit vom 6. bis 8. September l. I. in Gießen. Während am Begrüßungsabend (6. September) Professor Dr. Vogt-Gießen überBedeutung von Heer und Flotte für unser Voltswohl" spricht, ist für Sonntag vormittag ein Vortrag über dieAufgaben und Einrich-^ tungen der deutschen Volksverficherung" vorgesehen. Abends findet ein öffentlicher Vortrag von Werkmeister Bärrn- Frankfurt a. M. über dieZwecke und Ziele der Evang. Arbeitervereine" statt. Der letzte Tag (Montag) ist der Jugendpflege gewidmet. Vormittags spricht Oberlehrer Dr. Klein-Gießen überAlkohol und Jugend", nachmittags Oberbibliothekar Dr. Heuser-Gießen überNeuere For­men der Jugendpflege. Am Sonntag nachmittag ist außer­dem eine Besichtigung sozialer Einrichtungen vorgesehen.