Ausgabe 
7.3.1913 Drittes Blatt
 
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Nr. 56

Echchevtt StgNch mit Ausnahme bei Sonntag*.

DirSfeBenet LmniliendlSUer" werden dem ^Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das JCfebblati Mr des Kreis Lietzen- «roeimal wöchentlich. Die «ranvwtnschastltchev rett- ßTOgev- erscheinen monaUtch iroctmaL

163 Iahraang

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhejjen

Freitag, 7. März 1613

Rotationsdruck an* Verlag der 8rüblicher UntversilLtS Bruch- und Sietndruüerrt.

ÖL Bange. Dießen.

Redaktion. Expedttton und Druckerei? Schul- stratze 7. Expedition und 93erlag; es^5L Redaktiow^sKIlL TeU-Adr^AnzetgerGreßen,

Mb. Deutscher Reichstag.

127. Sitzung, Donnerstag, den 6. März.

Am Tische des Bundesrates: Dr. Solf, Kühn, 6. Iagow.

Präsident Dr. Kacmpf widmet dem verstorbenen Kollegen v. Kaphengst (Kons.) einen warmen Nachruf; das Haus ehrt das Andenken des Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen.

Der Nachtragsetat wird in dritter Lesung verabschiedet.

Die zweite Lesung des Elat-Nolgesetzes.

Die Vorlage wird ohne Aussprache nach den Beschlüssen der Budgetlommission unverändert angenommen.

Ser Kolomaletal.

(Zweiter Tag.)

Die Diamantenfrage soll erst beim Etat für Südwest­afrika behcmdelt werden.

Arg. Erzberger (Zentr.):

Herr Henke will unser.' Kolonien an den Mindestbietenden verkaufen. Das muß gerade seine Heimatstadt Barmen inter­essieren, die doch von den Kolonien großen Vorteil hat. Die Er­fahrungen und Errungenschaften der letzten zehn Jahre lassen erhoffen, daß wir in Zvkun't beträchtliche Mengen von Roh­stoffen aus den Kolo-'icn beziehen und einen respektablen Absatzmarkt an unseren Kolonien haben werden. Deshalb hat auch die Arbeiterschaft ein erhebliches Interesse an den Ko­lonien, das die abfällige Kritik des Herrn Henke unberechtigt er­scheinen läßt. Jck> bin überzeugt, daß die Zeit kommen wird, wo in der Sozialdemokratie nur noch eine Säule von der ver­schwundenen Pracht der Kolonialfeindschaft zeugen wird Herr Henke. Und dann wird wohl der kolonialfreundliche Dr. Quessel hier die erste Kolonialrede halten.

_ Das System Rechenberg, das man früher so eifrig belämpft hat, findet jetzt immer mehr -Anklang. Und selbst Herr Gouverneur Schnee, den man zur Bekämpfung dieses Systems entsandt hat, hat sich in seinem Gutachten ganz in den Bahnen Rcchenbcrgs bewegt. Da könnte man in Variation des bekannten Wortes sagen: Es fiel ein Schnee in der Frühlingsnacht. (Zuruf: Reif!) Das ist doch dasselbe wie Schnee. Die Hauptsorge muß die Pflege und Er­ziehung der ei 7i geborenen Bevölkerung sein. Der Eingeborene darf nicht länger als der Feind des deutschen Volkes betrachtet werden. Es gibt bei uns so vieleFeinde", wir haben Reichsfeinde, Flottenfcinde, deninneren Feind" nur von einem Steuerfeind habe ich noch nichts gehört. (Heiterkeit.) Wir müssen uns als Vormund und Erzieher der Ein­geborenen fühlen und müssen uns hüten, an die Stelle der alten Sklaverei die moderne Sklaverei, den Arbeitszwang der Eingeborenen zugunsten der Weißen zu setzen. In allen Plantagengebieten ist ein erheblicher Geburtenrückgang zu kon­statieren. Die ganze Frage der Arbeiterbeschaffung muß neu geregelt und besonders darauf gesehen werden, daß die Frauen mitgehen, wenn ihre Männer angeworben werden.

Unser Schutztruppen sh st em hat in Südwestafrika rund 50 000 Menschenleben gefordert. Es wurde in die Ein­geborenen, die an gar keinen Angriff denken, hineingeschossen. Solche Expeditionen dürfen nie wieder unternommen werden. Wir verlangen, daß die Schutztruppen dem Gouver­neur unterstellt werden. (Sehr richtig! im Zentr.) Es darf nie wieder vorkommen, daß ein Vorgesetzter der Schutztruppe seine Offiziere zusammenruft und erzählt, welchenKa m p f" mit dem früheren Gouverneur er gehabt habe. (Hört! hört! im Zentr.) Verwaltung und Schutztruppe müssen getrennt werden. Ich begrüße den Tag, an dem der Staatssekretär ohne militärische Begleitung hier erscheint. (Sehr gut!) Wenn wir die Haussklaverei energisch bekämpfen, so treffen wir auch den Islam.

Segensreich ist die Tätigkeit der Missionare und der Missions­schulen. Die Pflanzer sagen geradezu: Die größten Laus­buben kommen aus den Regierungsschulen. Ein evangelischer Missionar sagte, die Entscheidung über den Islam im schwarzen Erdteil wird in Deutschostafrika fallen. Man begünstigt geradezu die Mohamedaner. (Hört! Hört!) Man baut zwar keine Moscheen mehr, aber als Ortsvorsteher zieht inan Mohamedaner den Christen vor. (Hört! Hört!) Die Leute denken geradezu: Wenn du der Regierung eine Freude machen willst, bann werde mohamedanisch. Man sollte den Leuten klar machen,-daß das deutsche Reich kein mohamedanisches Reich ist, sondern ein christliches, daß Christen die Steuern aufbringen. Wir verlangen lein Geld für d i e Missionare, aber Zollfreiheit für alle Artikel, die sie brauchen. Man soll auch nicht kleinlich und engherzig fein, wenn die Missionare Land haben wollen. Ein Quadratmeter Land ist doch dort nicht so kostspielig, wie in der Leipziger Straße in Berlin. Wenn nun in Deutschland neue Stationen mit Schulen für Missionare ge­gründet werden, so soll man keine Schwierigkeiten machen und nicht gleich Zähneklappen und K n i e s ch l o 11 e r n bekommen. Wenn wir Weltpolitik und Kolonialpolitik treiben wollen, dann darf man nicht kleinlich sein, dann muß man den verantwortlichen Stellen in Preußen und anderswo den Stand­punkt einmal klar machen.

Wenn wir die Kolonien durch Eisenbahnen er­schließen, so kommen wir rasch vorwärts. DieDeutsche Tageszeitung" hat sich ein Verdienst erworben, daß sie den Forscher Emil Zimmermann zu Erkundigungsreisen in Neu­kamerun und anderen Teilen des Schutzgebiets veranlaßt hat. Solche Reisen sind wertvoller als die, die auf Neichskosten veran­staltet werden. Die verheerende Alko Holpe st darf durch den Bahnbetrieb nicht weiter verbreitet werden. Man sollte den Alkohol ganz vom Transport ausschließen. Für die neuerworbenen Teile von Kamerun wünschen wir Handelsfreiheit für bie deutschen Kaufleute und die Schaffung von Eingeborenenreser- baten. Neu-Kamerun ist kein Paradies, aber cs ist nicht schlechter ur aussichtsloser als Alt-Kamerun vor 20 Jahren. Das Geld, das wir in Alt-Kamerun gesteckt haben, rentiert sich bereits. Die großen Gesellschaften müssen zu einem recht er­heblichen Teil zu ben Verwaltungskosten herangezogen werden. Unsere Kolonien bedangen schwere Opfer, trotzdem werden wir nie bereuen, daß wir sie erworben haben. (Beifall.)

Abg. Dr. Semler (Natl.):

Der Vertreter von Bremen gönnt uns die Kolonien nicht. Hand in Hand mit den Eingeborenen will er dem Staatssekretär den Standpunkt klar machen. Der Redner weist bann an ber Hand bet Statistik nach, baß bic Kolonien bauernb vorwärts kommen. Es ist also unwahr, daß bic Kolonien nur die Taschen der

Großkapitalisten füllen. Ungeheure Mengen deutscher Ar­beiter haben Verdienst dabei. Ich will einmal feststellen, wieviel Löhne für die Arbeiter herauskornrnen. Die Vorteile der Unter­nehmer sind leicht festzustellen. Es handelt sich nur um den Woer- mann-Kon^ern und bic Ostafrikalinien. Millionen schwimmen da herum, unb ben großer Vorteil Haber toicber bic Arbeiter. Nicht nur die jungen Leute in biefen Betrieben haben Interesse an ben Kolonien, auch unsere deutsche Landwirtschaft. Und wieviel Kakao und Kautschuk brauchen wir in Deutschland! Ist cs nicht wünschenswert, daß wir uns von den Kautschukmärktcn in London und Antwerpen frcimacher?

Wünschenswert ist, daß das Kolonialamt mit allen kauf­männischen unb industriellen Kreisen der Heimat in gutem Einvernehmen steht. Leider geht die Entwicklung mancher Rcichsämter dahin, daß sic jeden Petenten für einen lästigen Menschen halten. Diese Verknöcherung Der Be­hörden ist sehr bedenklich. Darum freuen wir uns, daß der Staatssekretär sich die D?ngc in ben Kolonien selbst angesehen hat. Es war uns birelt peinlich, baß Herr Henke von einerBierreise" gesprochen hat. Das wäre in England mit feiner alten Kultur nicht möglich. Bei uns ist bas leider nochjunge" Kultur. Im Vertrauen auf ben Staatssekretär werden immer mehr Leute in die Kolonien gehen. Wir fordern mehr Geld für Schu lzwecke und für bic Fischerei.

Warum will Herr Erzberger von ben militärischen Herren nichts wissen? Die Militärstationen sind alle sehr gut verwaltet. Wenn die Soldaten zur Sühne auszogen, dann mußte der heilige Zorn über sie kommen! Wo bleibt das Kolonialdenkmal?

Wir verwerfen das unglückselige Expeditionsprinzip, unter dem unsere Kolonien gelitten haben, durch das sie entvölkert worden sind. Wir haben also auch die Eingeborenen schützen wollen. Wir haben aber nicht Hand in Hand mit den Eingeborenen der Regierung Schwierigkeiten gemacht. Wir haben aber uns gegen jedes unnütze Blutvergießen ausgesprochen, gegen unnütze Grausamkeiten, gegen alle Härten.

Wir müssen jetzt über die Kolonien Klarheit bekommen. Wir müssen wissen, wohin die Reise geht! Die Mittellandbahn in Kamerun muß an b x e belgische Kongobahn ange­schlossen werden, bann wirb sie sich rentieren. Das muß ge­macht werden nicht gegen die Belgier, sondern mit ben Belgiern. So werben wir Zentralafrika erschließen. Kolonialpolitik ist ein Teil ber Weltpolitik, die uns zwingt, unsere Exporterzeugnisse nach fremden Ländern zu bringen. Wir denken, daß wir auch mit ben Englänbern in ein Verhältnis kommen, das unseren Waren möglichst wenig oder gar keine Beschränkungen schafft.

Staatssekretär Dr. Solf:

Ich möchte jetzt nur bic Frage wegen bes Kriegevbenkmals beantworten. Die Angelegenheit liegt, wie Sie sich benken können, sehr am Herzen. Ich möchte aber sagen: wenn je in ber Geschichte Krieger ein Denkmal verdient haben, so siird es die armen Opfer, die fern ber Heimat auf afrikanischem Sanbe ihr Leben bcrloren haben. (Beifall.) Die geschäftliche Erlcbigung ber Sache gehört aber zum Reichsamt bes Innern. Mir finb 60 000 M. aus Neichs- mitteln zur Verfügung gestellt worben. Im ganzen sind jetzt 64 000 M. vorhanden. Der Gesamtbetrag ber erforberlichen Summe wirb auf 320 000 M. geschätzt. Gegenwärtig verhanbeln wir mit ber Stabt Berlin wegen der Platzfrage. Sobald diese ge­regelt ist unb es ist Aussicht, daß sie günstig geregelt werde, so soll ein engerer Wettbewerb ausgeschrieben werden. (Beifall.)

Abg. b. Böhlcndorff-Kölpin (Kons.):

Wir freuen uns über die Erklärung des Staatssekretärs, daß bas Denkmal für unsere afrikanischen Helben zustande kommt. Im letzten Jahre haben wir fast in allen Gebieten höhere Ein­nahmen erzielt. Das verdanken wir zum großen Teil dem Aus­bau ber Eisenbahnen. Die Entwickelung unserer Schutzgebiete steht und fällt mit dem Ausbau eines Kolonialeisenbahnnetzes. Wir haben hier alte Sünbeir gutzumacherr. Es ist ein Vorzug, daß die Kolonialpolitik heute dem Parteistandpunkt entzogen ist, nur für die Sozialdemokratie gilt das nicht. Die Art der Kritik, die der Abgeordnete für Bremen an die Kolonialpolitik legte, ent­spricht nicht ber Würbe, die wir ber Verwaltung schulbig finb. Wir protestieren ganz entschieden dagegen. Das wichtigste in den Kolonien ist augenblicklich die Arbeiterfrage; wir haben leider in allen Kolonien Arbeitermangel. Die Eingeborenenkulturen sind nach Möglichkeit zu fördern. Die koloniale Hochschule ist not­wendig. Volkswirtschaftliche Studien sind ihoe Vorbedingung. Unsere Schntztruppen verdienen alle Anerkennung. Das Reichs­amt des Innern sollte oie Bestrebungen der Kolonialverwaltung möglichst nachhaltig unterstützen. In der nächstjährigen General­debatte über die Kolonien werden wir hoffentlich sagen dürfen: das Jahr 1913 war ein guter Anfang.

Abg. Wnldstcin (Vp.):

Die Auswanderung ist bei uns immer zurückgegangert, die Zuwanderung ist erheblich größer. Aus einem Menschen expor­tierenden Lande ist Deutschland ein Waren exportierendes Land geworden, unb bazu brauchen wir bic Rohstoffe, unb müssen wir in ben Kolonien Sicblungslanb sehen. Die Schutztruppe muß lediglich ein Instrument ber Verwaltung fein, Untergebene bes Gouverneurs. Äkan bars den preußischen Fiskalismus nicht in die Kolonien verpflanzen. Nickst militärische Expeditionen, fonbern Verkehrs w^ g e unb Eisenbahnen, das ist bic Haupt­sache in ben Kolonien. Wir finb nicht für den Arbeitszwang, sondern für die Erziehung zur Arbeit. Wenn b i e sozial­demokratische Partei wirklich ein Kulturfaktor sein will, was sie ja auch in gewissem Grade ist, so wäre es ihre oberste Pflicht, eine verständige Kolonialpolitik zu treiben. (Sehr richtig!) Ansätze dazu sind ja bei ihr schon vorhanden. Erzieherische Arbeit an den Schwarzen ist die Hauptsache. (Le be­ll o u r (Soz.): Haben wir alles schon gehört, schon ehe Sie im Hause ivaren!) Herr Lebebour, wenn Sie hier nur Dinge sagen wollten, die kein anderer vor Ihnen gesagt hat, dann mürben die meisten Ihrer Neben ungehalten bleiben! (Lebh. Heiterkeit.) Die Sozialbemokraten predigen ben Individualismus der Völker. Einige haben noch die Gewohnheit, Menschen aufzufressen. Wenn Sie, Herr Henke, einmal in solche Hände fallen sollten, werden Sie bann im letzten Moment auch noch rufen: pereat Henke, vivat principium! (Heiterkeit.)

Die Selbstverwaltung, bic überhaupt wohl nur für Südwest- afrika in Betracht kommt, leistet noch nicht bas Gewünschte. Allerbings scheint bic Verwaltung die Schulb baran nicht zu haben. In Ostafrika hat ber neue Gouverneur Dr. Schnee anerkennen müssen, baß bic Eingeborenenpolitik Rechenbergs im großen unb ganzen eine berftänhige Politik war. Eine Rebe wie bie Henkes gehört zum eisernen Bestaube ber sozialdemokratischen Kolonialpolitik. Sie hat nur bas eine Gute, daß ihre Widerlegung Aufklärung schafft. Kolonialpolitik ist eine liberale

Aufgabe, wenn sic den Zweck hat, Kultur in der Welt zu ver­breiten. Bezeichnend für die Zuverlässigkeit der Henkeschcn An­gaben ist die Behauptung, daß die Sterblichkeit uuicr ber weißer: Bevölkerung in ben Kolonien 28 Prozent betragen habe. Es sind tatsächlich nur 28 pro Mille. (Hört! hört!)

Abg. v. Liebert (Np.):

Allgemeine Ueberzeugung herrscht: Eisenbahnen finb ber wichtigste Kulturfaktor. Ein Riefengebiet toie Deutsch-Ost­afrika dürfen wir nicht auf einen Hasen und auf eine Bahnlinie setzen. Wir müssen für die englische Ugandabahn am Viktoriasee eine Konkurrenzbahn schaffen. In Südwest haben wir ein ge­schlossenes Eisenbahnnetz. Aber bas Ovambolanb muß aufge­schlossen werben. Ein Zwang bars auf bie Arbeiter nicht ausgeübt werden, keine Andeutung von Sklaverei darf sich zeigen. Unsere Kolonien sollen nicht bloß afrikanische Gingeborenenlolonien fein. Es müssen deutsche Gebiete werden. Das Land muß be­siedelt werden. Ich rechne es dem ehemaligen Staatssekre- t ä r Dernburg hoch an, daß er feinen Unterstaatsfekretär nach Oftasrika schickte und ihm sagte: Untersuchen Sie das Land soviel Sie wollen und stellen Sie fest, ob Besicdlungsmöglichkciten möglich finb! Unb baraufhin rüstete später Lindequist eine Expebition aus, bie feststellte, baß 6 Millionen Hektar in Deutschostafrika geeignet finb für beutfdje Befieblung. (Lebh. Hört! Hört!) Das weiß ber Reichstag gar nicht, benn biefer Bericht ist vergraben in ben Schriften bes Vereins für Sozialpolitik. Das Serbien ft ber Sch u h - truppe bars nicht geschmälert werben. Ich weiß, was sic 1890 geleifttet hat, als bas ganze Land im Kriegszustand war, als ber Krieg aller gegen alle erklärt war. Immer war sic von einem glänzenben militärischen Geist beseelt. (Beifall.)

Herr Noske hat mir vorgehalten, ich hätte mich an einer Kolonialgesellschaft beteiligt, bei der anbcrc Leute Gelb verloren hätten. In ber Zeit ber Hochflut ber kolonialen Begeisterung forberte mich Dernburg auf, einer Baumwollgesellschaft bei- zutreten. Da ich bie Gcgenb, um bie es sich hanbelte, als günstig kannte, trat ich mit anderen alten Afrikanern bei. Notwendig sind deutsche Münzen für Deutsch-Ostafrika. (Beifall.)

Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. Solf:

Ich möchte auch in diesem Jahre ben Wunsch wiederholen, man möchte bie Kolonialpolitik außerhalb ber heimischen P o l i t ik lassen. Ich habe während der Ver­handlungen in bet Budgetkommission und hier im Plenum mich des Eindrucks nicht ganz erwehren können, als ob gewisse Ge­sichtspunkte von Ihnen anders borgetragen worden wären, wenn Sic sie nicht vom Parteistandpunkt aus betrachtet hätten. Mein anfangs geäußerter Wunsch ist mein ceterum censeo, solange ich hier vor Ihnen stehe. Der Abg. Henke hat mir allerdings bas Prognostikum gestellt, daß bas nicht mehr sehr lange sein würbe unb hat sich alle Mühe gegeben, mir meine Tätigkeit zu vergällen. Ich lasse mir aber meine Begeisterung für bic kolo­niale Sache nicht so leicht rauben. (Beifall bei ben bürger­lichen Parteien.)

Wollte man ben Gebauten des Abg. Henke folgen, so müßte man ben Vereinigten Staaten von Amerika ben Rat geben, Ame- rifa ben Jnbianern zurückzugeben. Aber ein Kapitel feiner Aus­führungen hat mich außerordentlich sympathisch berührt, bas war bas Kapitel ber Eingeborenen und das Ver­hältnis der Sozialdemokraten zu ihnen. Aber er ist doch entschieden zu weit gegangen, ivenn er sagt, daß zwischen ben farbigen Arbeitern unb den Sozialdemokraten eine gewisse Jnteressensolidarität bestehe, unb baß bentschc unb schwarze Ar­beiter Brüber seien. Mit biefer Deduktion, daß alle Menschen gleich finb, unb daß deshalb bie Schwarzen genau basfelbe sind wie wir Europäer, kann man mit dem besten Willen in unseren Kolonien nichts machen. (Abg. Henke: Das habe ich auch nicht ge­sagt.) Wir müssen mit ber allergrößten Humanität bic Eingebore­nen behanbeln. Da fast bic ganzen Vcrhanblungen in ber Bubgct- kommission unb im Plenum von ber ©ingeborenenfrage erfüllt waren, so möchte ich hier nochmals meinen Standpunkt barlegen.

D i e Eingeborenen sinb unsere Schutzge- n o s s e n unb bie beutsche Regierung hat um beswillen bie Ver­pflichtung, bie berechtigten Interessen ber Eingeborenen zu den ihrigen zu machen, benn wir wollen bic Eingeborenen nicht aus- rotten, fonbern erhalten. Das ist bic Anstandspflicht, die wir mit der Hissung ber beutschen Flagge in Afrika unb in ber Südsee übernommen haben. Die Ausübung dieser Pflicht ent= spricht auch ber Klugheit, benn fic allein ermöglicht eine ver­nünftige Wirtschaftspolitik unb damit bie Grund­lage unserer Betätigung. Ich will hier nicht den Grundsatz von Herrenvolk unb bienenber Rasse aufstetten. Die Regierung muß sich ben Eingeborenen gegenüber stellen wie ber Vormund zum Mündel. Räumt man dem Eingeborenen ohne weiteres die freie, Verfügung über seine Ländereien ein, so wird er seine Ländereien in kurzer Zeit vergeuden und verarmen. Gibt die Regierung bann noch ben Genuß von Alkohol frei, so gesellt sich zur Verarmung die Verlumpung. unb die Eingeborenen ver­kommen. So kann man schließlich auch kolonisieren unb bas wollen auch viele.

Ebensowenig wie bie auf ben Hanbel, bie Jnbustric unb bie Lanbwirtschaft gerichteten Bestrebungen, bic Aufgaben ber heimi­scher! Verwaltung erschöpfen, ebensowenig bebeutet kolonisieren lediglich eine wirtschaftliche Ausbeutung ber Kolonien. Bei bem selbstverstärtblichen Wunsch des Hcimatlanbes, Vorteile zu er« zielen, bürfen wir nicht vergessen, baß wir ben Eingeborenen Schutz versprochen haben, unb wir müssen baher für sie sorgen. (Zu­stimmung.) Hieraus erwachsen anbcrc, ebenso große Aufgaben für bic Kolonisatoren. Die Völker, mit benen bie Kolonisation arbeitet, stehen auf einer nichtigeren Kulturstufe, teilweise tief unter uns. Nicht nur bie legale Verpflichtung, bie uns als Schutzherr aufliegt, nein, unsere Stellung als Kulturstaat zwingt uns, vom Stanbpunkt der zivilisierten christlichen Weltanschauung aus, diesen Völkern zu helfen und ihnen bessere Lebensbedin- gungen zu verschaffen. Erziehung zur Kultur ist eine ber wichtigsten Ausgaben eines jungen Staates. Unb so mutz auch her Kolonisator seine Arbcitsmcthobc banach einrichten. Die Eingeborenen sind unwissenb, müssen unterrichtet werben; sie sind faul, müssen arbeiten lernen; sic finb schmutzig, muffen gewaschen werben (Heiterkeit!), sic sind krank mit allerlei Ge­bresten, müssen geheilt werben, sic finb leichtgläubig, müssen er- leuchtet unb erzogen werben, sie finb große Kinbcr und bedürfen der Leitung. Diese Grundsätze sind ungemein Praktisch, sind die Kardinalpolitik in den Kolonien. Welche Maß. nahmen man er greift, das hängt vom jeweiligen Stand der Eilige- borencn ab, von ihrem Charakter, Moral unb Bilbung. Dieses Problem muß in jehern Schutzgebiet für sich gelöst werben, von hier aus geht cs nicht. Für die Pflanzer wie die Kaufleute gibt c§ in den Kolonien nur eine Politik: das ist bic Politik der Erhaltung her Eingeborenen, ber Nutzbarkeit ihrer