Ausgabe 
9.9.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 2,1 Zweites Blatt

163. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieEichener Zamilienblätter" werden dem Anzeiger' Biennal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erfcheinen monatlich zweimal.

Giehener AMtger

General-Anzeiger für Oberheffen

Dienstag, 9. September 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitäls - Buch- und Steindruckerci.

R. Lange, Gießen.'

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: ol.

$Rebaftion:e^H2. TeU-Adr.: AnzeigerGießen.

lieber die Tätigkeit öcs Gewerbeoereins ffir bas Großherzogtum Hessen

hat soeben am Schlüsse des 77. Vereinsjahres die Großh. Zentral - stelle für die Gewerbe einen ausführlichen Bericht veröffentlicht, aus welchem wir zunächst entnehmen, daß in der ^^Nederzahl wieder ein Aussteigen zu verzeichnen ist auf rund 10 700. xer Bericht, ivelchcr als Vorlage für die Hauptversammlung des Landesgewerbevereins am 14. <september zu Laitterbach erltattet ist, nimmt zunächst Bezug auf die Arbeiten des Lanbesgewerbe« Vereins und seiner Zentralstelle und erwähnt die bedeutende An­regung, welche diesen aus der vorjährigen Hauptveriammlmrg zu Bingen durch den Vortrag des Herrn Geh. Regierungsrat Tr. Tietz-Tarrn stabt über:Tuberkulosebekämpfung int Mittelstände" zuteil geworden ist. Ein neuer Wirkungskreis nmrde hiermit den Verbänden von Gewerbevereinen und Handwerkervereinigungen eröffnet, insbesondere durch die Forderung der Gründung eines Uiitcrstützungsfonds für ihre Mitglieder, welcher im Falle der Tuberkuloseerkraniung wenig bemittelten Handwerlern und Ge­werbetreibenden, sowie deren Familienangehörigen den Kuraufent­halt in einer Heilstätte ermöglichen soll. Einstimmig wurde be­schlossen, die aus den Versicherungsabschlüssen mit großen Ver sichern ngs g esellscha ft en dem Landesgewerbeverein zufließenden Pro­visionsankeile zu kapitalisieren als Hhlfskasse zur Bekämpfung der Tuberkulose. .

Ter Ausschuß des Landesgewerbevereins verfolgte mit großer Aufmerksamkeit die Fürsorge für die gewerbliche Ju­gend und empfahl besonders denjenigen Gewerbevereinen, die über eigene Schulhäuser verfügen, sich mit dieser Frage ein gehend zu befassen, im übrigen aber, wo ein selbständiges Vor gehen untunlich erscheint, sich den Bestrebungen gleichgesinnter ört­licher Vereinigungen anzuschließen.

Weiterhin wurde neu eingerichtet eine Rechtsauskunsts- [teile, wodurch den Mitgliedern des Landesgewerbevereins Rat in solchen Fragen erteilt werden soll, die nicht bedeutend genug erscheinen, um deswegen einen Rechtsanwalt anzugehen. In Fällen von allgemeinem Interesse wird das Gewerbeblatt die erteilte Auskunft veröffentlichen. Finanzielle Schwierigkeiten sind in dem Voranschlagswesen der gewerblichen Unter­richtsanstalten insbesondere dadurch entstanden, daß eine Reu­belastung durch die Beiträge zur Hessischen Fürsogekasse uni) zur reichsgesetzlichen Angestellten Versicherung erwachsen ist, wozu die vorhandenen Mittel nicht ausreichen. Diese Beiträge^für Lehrer und Angestellten belaufen sich in ihrem Anteil für die Schulklassen auf mehr als 10 000 Mark jährlich

Bezüglich der Verbesserung des Wahlrechts der in den Gewerbevereinen organisierten Handwerker zur Handwerks­kammer schloß sich der Landesgewerbeverein einem Antrag des Verbandes Deutscher Gewerbevereine und Handwerkervereinigungen an das Reichsamt des Innern au. Weiterhin erklärte sich der Ausschuß einverstanden mit der Mitarbeit der Zentralstelle für die Gewerbe an der Organisation einer Zentralanstalt für Arbeits­und Stellenvermittlung in Hessen. Ter Aufnahme werb­licher Gewerbetreibender in den Landesgewerbeverein und die Ortsvereine soll erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet wer­den, nachdem die Bestimmungen der Gewerbeordnung über Lehr zeit, Gesellen- und Meisterprüfung auf weibliche Gewerbetreibende im Handwerk ausgedehnt worden sind. Infolge dieser Bestimmung erscheint es zum weiteren Ausbau der Organisation des Hand­werks geboten, weiblichen Gewerbetreibenden die vorhandenen Or­ganisationen zugängig zu machen.

Die Abhaltung praktischer Meisterkurse durch die Zentralstelle für die Gewerbe hat im abgelaufenen Jahre bedeu­tend an Umfang zugenommen, besonders durch den starken Zu drang zu den neueingerichteten eletrotechnischen Fachkursen, die der weiteren Ausbildung von Handwerksmeistern, in deren Ge­werbebetrieb auch Jnstallationsarbeiten einschlagen, dienen sollen. Wie sehr hiermit die Zentralstelle einem Bedürfnis entsprach, beiveift die Zifser von 87 Anmeldungen zu einem solchen Fach­kurse in Mainz, welcher jedoch nur mit 37 Teilnehmern abge­halten werden konnte. In gleicher Weise erfreuten sich die Kurse zur statischen Berechnung von Baukonstruktionen, insbesondere von Eisenbeton eines zahlreichen Zuspruchs. Im übrigen er­streckten sich die Meisterkurse auf die Gewerbe der Schneider, Satt­ler, Maler, Schreiner und Holzschnitzer; auch für Aktzeichnen wurde ein Kursus für Gewerbetreibende abgehalten. Die Dauer der Kurse betrug durchschnittlich 3 Wochen, in einzelnen Fällen mehrere Monate. Tie Zahl der Teilnehmer belief sich aus 190.

In wirtschaftlicher Beziehung war der Landes­gewerbeverein bemüht, seinen Mitgliedern besondere Vorteile zu bieten durch eine Sterbekasse und durch Meistbegünstigungsverträge aus dem Okbietc der Haftpflicht-, Unfall-, Lebens- und Feuer­versicherung und anderer. Tie Sterbekasse für Mitglieder des Landesgewerbeverems und des Verbandes Deutscher Gewerbe­vereine hat im Berichtsjahre einen Vermögensstand von 145 000 Mark aufzuweisen. Tas Jahr schloß mit einem namhaften Ueber- schuß ab.

Zur Unterstützung für bedürftige Lehrlinge besteht ferner bei dem Landesgewerbeverein und bet 6 Ortsgewerbevereinen die Eckhardt-Stiftung mit einem Vermögen von rund 18 000 Mark.

Zur erleichterten Einjährig-Frerwilligen- Prüfung nach § 8f), 6 a und b brr Wehrordnung konnten von der Zentralstelle für 16 junge Leute Zeugnifse ausgestellt )ver- ben, auf Grund deren sie von dem Nachweis der wissenschaftlichen Befähigung enwunden wurden.

lieber die Vereins ZeitschriftGewerbeblatt für das Großherzogtum Hessen" sind in dem Tätigkeitsbericht eingehende Mitteilungen veröffentlicht worden hinsichtlich des Inhalts und insbesondere auch der künstlerischen Bestrebungen, welche durch die MonatsbeilageHeimatliche Bauweise" gepflegt werden. Tas Gewerbeblatt wird jedem Mitglied kostenlos ins Haus gelie­fert. Es enthält ausgedehnte Mitteilungen über das getarnte Gewerbewesen, über geioerbeteestnische Fragen; es ist das Veröf­fentlichungsorgan der Handwerkskammer und enthält eine unent­geltliche Lehrstellenvermittlung, sowie Bezugsguellenliste für kunst­gewerbliche Leistungen.

Die Bibliothek des Landesgewerbevereins mit ihrer Aus­legestelle deutscher Patentschriften, der Vorbildersammlung und Lichtbildersammlung, sowie der Einrichtung eines Mapvenum- lauf« bei den Ortsgewerbevereinen, hatte sich eines regen Zu­spruchs zu erfreuen. Der Lesesaal bei der Zentralstelle für die Gewerbe war von 6500 Personen besucht, der Vorbildersaal von 1640. Die Auslegestclle der deutschen Patentschriften wurde von 350 Personen in Anspruch genommen. Ausgeliehcn wurden 2646 Bände und 8420 Vorbilder Ter Bericht enthält die Aufzählung der Neuerwerbungen, die vor ihrer ersten Ausleihung 4 Wochen im Lesesaal zu jedermanns Einsicht aufliegen.

Das Gerne rbemuseum erfuhr in seinen 5 Gruppen eine Erweiterung durch Ankauf von 132 Nummern, wobei eine be­sondere Sorgst lt im Berichtsjahre dem Ausbau der buchgewerb­lichen Gruppe gewidmet war. Sonderausstellungen sanden im ganzen 9 statt, darunter 3 von größerem Umfang: eine Ausstel­lung stinterind scher und indonesischer Kunst, ferner von Puppen und künstlerischem Spielzeug zur Weihnachtszeit und schließlich eine Erinnerungs-Ausstellung von Möbeln und Gebrauchsgegen­ständen aus der Zeit vor 100 Jahren, Die Besucherzahl des Mu­seums aus rund 14 000.

Ter Landesgewerbeverein, welchem seit 11 Jahren die Vor ortschast und Geschästsleitung des Verbandes Deutscher Gewerbe­vereine und Handwerkervereinigungen obliegt, steht durch diese Tätigkeit in innigster Verbindung mit den großen, dem Ver­bände angehörenden 17 Landesverbänden und 9 Einzelvereinen in Deutschland, die zurzeit 150 000 Mitglieder zählen mit rund 100 000 Handwerkern, lieber die Tätigkeit des Verbandes enthält der vorliegende Bericht eine gedrängte Uebersicht: sie erstreckte sich auf fast alle die Organisation des beuflehen Handwerks be treffenden Fragen, insbesondere das Wahlrecht der Vereine zur Handwerkskammer, das Berechtigungswesen der gewerblichen Unter«1 richtsanstalten bei der Meisterprüfung und dem einjährigeren willigen Dienst, Versicherungswesen, Vergebung von Arbeiten, Lehrlings- und Jugendfürsorge, die Verleihung der Rechtsfähig­keit an gewerbliche Berufsvereine und anderes melyr.

Der zweite Teil des Tätigkeitsberichts handelt von den Be­zirksverbänden, den Lrtsgewerbevereinen und ihren Leistungen, insbesondere auf dem Gebiete des Bildungswesens. In. den Ortsgewerbevereinen wurden im abgefaufenen Jahre, größten­teils mit Unterstützung der Zentralstelle, 135 Wintervorträge abgehalten, worunter allein 39 das neue Gemeindeumlagengeletz betrafen. Einige Gewerbevereine unternahmen Ausflüge zur Be­sichtigung gewerblicher Unternehmungen und Ausstellungen. - - In Verbindung mit dem Gewerbeverein Gießen ist eine H a n d - iv er ker zentrale entstanden, bereit Aufgabe es fein soll, den Handwerker-Mitgliedern in gewerblichen Angelegenheiten beratend zur Seite zu stehen. Von den im Lande vorhandenen 125 Orts- gewerbevereinen, die sich in 13 Bezirksverbände vereinigen, haben 93 Vereine für 2207 Lehrlinge Gesellenprüfungen abgehalten. Ueber den Verlauf der Prüfungen bringt der Tätigkeitsbericht einige kritische Betrachtungen, aus denen hervorgeht, daß die Veranstaltungen teilweise in mustergültiger Weise, durchschnitt lich zur Ziisriedenheit abgehalten wurden, daß aber auch m ein­zelnen Fällen über Saumseligkeit der Vorstände und der Prü- fungsmeister zu klagen war.

Eine ausführliche Betrachtung ist in Abschnitt 3 dem ge- w er blichen U n t e rr i ch t s w e sen und zunächst den 119 Handwerlerschulen gewidmet. Die Zahl der,Schüler hat sich hier um 228 im abgelaufenen Jahre vermehrt, sie betrug 7084 Roch günstiger gestaltete sich die Beteiligung von Schülern der Hand- werlerschulen am Unterricht der mit 39 derselben verbundenen gewerblichen Fortbildungsschulen. Hier ergab sich eine Zunahme von 672, was insbesondere der bei 10 Handwerkerschulen einge­führten Verlegung des Sonntagsunterrichts auf Werktage zuzu- schreiben ist, wobei die Schüler neben dem Zeichenunterricht auch an einem gewerblichen Fortbildungsunterricht teilnehmen müssen. Der günstige Einfluß des Werktagsunterrichts auf die Pünkt lichkeit und Regelmäßigkeit des Schulbesuchs, den Eifer und das Interesse der Schüler, sowie auf die Unterrichtsergebnisse bildet bas beste Mittel für eine weitere Ausdehnung dieser neuen Ein­richtung. Es hat sich dabei teilweise ermöglichen lassen, daß bic Fachlehrer an den Gewerbeschulen auch an den ihnen benach­barten Handwerkerschulen den Zeichenunterricht übernehmen, ber somit die beste Gewähr bietet für eine gründliche theoretische Unterweisung der Lehrlinge. Von den Mitgliedern des Hand­werkerschulausschusses, welchem u. a. die Direktoren und Vor­stände der Tagesschulen angehören, wurden im abgelaufenen Jahre 56 Handwerkerzeichenschulen ein- und zum Teil mchreremal be­sichtigt und zwar in Starkenburg 32, in Oberhessen 18, in Rhein­hessen 6. Gewerbliche .Fortbildungsschulen in Verbindung mit Handwerkerzeichenschulen sind 39 im Lande vorhanden, wovon 8 den Gewerbe- und Kunstgewerbeschulen angegliedert sind und unter Leitung der betreffenden Großh. Hauptlehrer und Direk­toren stehen. Von den übrigen 31 Schulen wurden im Laufe des Jahres durch die Handwerkerschulkommission 11 besichtigt. Tie Ergebnisse dieser Besichtigungen find in gedrängter Kürze in dem Tätigkeitsbericht wiedergegeben und bilden eine interessante Kritik der Schulleistungen.

Die Gewerbe-, Kunstgewerbe-- und Fachschulen waren von 2219 Schülern besucht. Einzelne Schulen haben eine Abnahme des Besuches zu verzeichnen, während insgesamt eine Zunahme von 125 gegenüber dem Vorjahre vorliegt. Bei den 10 Gewerbe­schulen des Landes konnte eine günstige Weiterentwickelung und ein Anpassen der Unterrichtsgestaltung an die örtlichen Bedürf­nisse des Gewerbestandes anerkannt werden. Auch über Fleiß und Verhalten der Schüler iflt fast nur günstig zu berichten. Die Veranstaltung von Abgangsprüsungen beschränkte sich auf zwei Gewerbeschulen, zu Gießen und Nidda. Da mit diesen Prüfungen, denen ein Staatskommissar beiwohnt, die .seit Jahxen erbetenen Berechtigungen noch nicht in Verbindung gebracht wurden, finben bic Abgangsprüfungen nur geringen Zuspruch. Bezüglich des Berechttgungswesens ber gewerblichen Unterrichtsanstalten steht Hessen anberen Staaten zurzeit nach. Währenb bic Gewerbe­schule zu Darmftabt feit Jahren unter ben sich immer un­günstiger gestaltenben räumlichen Verhältnissen schwer zu leiben hat unb in ihrer Entwicklung mehr und mehr gehemmt wird, konnten bic Technischen Lehranstalten zu Offenbach im abgelaufenen Jahre ein von der Stadt mit dem Aufwand von 750 000 Mk. errichtetes musterhaftes Schulgebäude beziehen. Es ist/nach den Plänen des Direktors der Technischen Lehranstalten, Professor Eberhardt, erbaut und erfreute sich des wiederholten Besuches unseres Großherzogs und einer Besichtigung des Prinzregenten Ludwig von Bayern. Auch die bei der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule zu Mainz bestehende Raumnot wird im lausenden Jahre noch beseitigt werden durch Ucberlassung von Räumen in dem früheren Justizpalast zu Mainz. Es folgen in dem Bericht noch Mitteilungen über die Großh. Fachschule für Elfenbein­schnitzerei zu Erbach i. O., die Großh. Webschule zu Lauterbach, und über ein von der Zentralstelle ftir die Gewerbe verösfent- lichtes Werk von Schüleraufnahmen alter mustergültiger Bau- denkmale.

Der vierte Teil des Berichts enthält interessante Aufschlüsse über die finanziellen Verhältnisse der Großh. Zen­tralstelle für bic Gewerbe unb bes Landesgewerbevereins, sowie der Chemischen Prüfungsstation für die Gewerbe unb bas ge­werbliche Unterrichtswesen, welche in ben Kapiteln 84, 85 unb 86 des Hauptstaatsvoranschlags, soweit bie Staatsbeiträge in Betracht kommen, enthalten sinb. Hier mögen nur einzelne wenige Zahlen als Zusammenstellung ber Einnahmen im Geschäftskreis der Zentralstelle für die Gewerbe herausgegriffen sein. Die eigenen Einnahmen insbesondere an Schulgeld betrugen 225 072 Mk., der gesamte Staatsbeirrag 397 288 Mk., die Beiträge von Orts- aerocrbeDercinen 54 066 Mk., von Gemeinden 153 490 Mk., von Kreis- und Sparkassen 34 220 Mk., von Privaten und sonstigen Kassen 6329 Mk. Von ber Gesamteinnahme von 870 465 Mk. wurden 397 288 Mk. ober runb 45,7 Proz. aus Staatsmitteln aufgebracht. Ter Prozentsatz bes Staatsbeitrages hat sich im Vergleich zum Vorjahre um 0,9 Proz. erhöht. Nach einer stati­stischen Nachweisung über bie finanzielle Lage ber gewerblichen Unterrichtsanstalten für bas Schuljahr 1911/12 hat der Schul- betrieb insgesamt eine Barausgabe von 658 395 Mk. erfordert, wovon 493 536 Mk. auf persönliche Ausgaben entfallen. Die kostenfrei gestellten Schulräume, ober die Zinsen bes hierfür auf- aeroenbeten Kapitals, sowie Naturalleistungen für Heizung und Beleuchtung sinb auf weitere 67 456 Mk. zu veranschlagen. Tie Gesamtausgabe ber gewerblichen Unterrichtsanstalten stellt sich hiernach auf 725851 Mk.

Die Großh. chemische P r ü s u n g s st a t i o n für bic Gewerbe ist im fünften Abschnitt des Berichts behandelt unb zeigt eine Erweiterung ihres Arbeitsgebiets burch die Aufnahme regelmäßiger Untersuchungen technisch-pharmazeutischer Präparate, indem dasWarenzeichenunternehmen des Deutschen Apotheker- Vereins" aus Grund eines Vertrages die von seinen Mitgliedern l-ergestellten Präparate der Konttolle der Prüfungsstation untcr- stellte. Die Zahl der eingesandten Proben, der Sonbergutachten und ber Auskunstserteilungen vermehrte sich auf 2944. Untersucht wurden 2726 Gegenstände, darunter 1487 organische Präparate. Tie Prüfungsstation wurde von 906 Behörden, Körperschaften, Firmen und Einzelpersonen in Anspruch genommen, bic sich auf 463 Ortschaften verteilen unb auf bic Bunbesstaaten Hessen, Preußen, Bayern, Württemberg, Baden, Sachsen und Mecklen­burg; auf das Ausland kommen 22 Orte. Für das Jahr 1913 ist eine wesentliche Erweiterung der Arbeitsräume ber Prüfungs­station zu erwarten, welche für bereu Arbeiten in hohem Maße förderlich sein wird.

Vier Anlagen zu dem Tätigkeitsbericht enthalten Verzeichnisse der Mitglieder des Ausschusses des Landesgcwerbevereins, der tx-r«- storbenen Mitglieder, der Ortsgcwerbevereine nebst Zahl ber ge­haltenen Vorträge unb ber geprüften Lehrlinge, sowie ber gewerb­lichen Unterrichtsanstalten.

Siebzehnter christlich-sozialer Parteitag.

X Vieles elb, 7. Sept.

Mit einer etwa 1000 Mann starken Begrüßungsver­sammlung in Brinkhoffs Tonhalle,würbe heute nachmittag ber 17. christlich-soziale Parteitag eröffnet. Der Parteivorsitzenbe D. Philipps- Charlottenburg behandelte in längerer Rede die große Zeit der Befreiungskriege vor 100 Jahren, dabei Vergleiche ziehend zwischen einst unb jetzt.

Im Anschluß daran erstatteten die Reichstagsabgcorbneten Behrens-Essen und Lic. Mumm-Berlin denParla­mentarischen Bericht". Abg. Behrens, der bie nationalen Fragen zu erörtern hatte, verbreitete sich ausführlich über die Heeresergänzungs- und Deckungsvorlagen im Reichstage, unb erläuterte die Stellungnahme ber christlich-sozialen Abgeordneten dazu. Diese hätten im einzelnen u. a. gestimmt für bie Reform bes Einjährig-Freiwilligen-Dienstes auf Grunb von Fackausbilbung, für die Entschließung auf Einführung eines ein­heitlichen Turnunterrichts unb für bic Aenberung bes Militärstraf­gesetzbuches. Dagegen sei von ihnen ein Antrag abgelehnt worben, der bezweckte, ben Juben unter allen Umständen die Offizierslaus­bahn zu öffnen. ,Auf Anregung der Wirtschaftlichen Vereinigung seien bei Beratung der Deckungsvorlagen bie gemeinnützigen Gesellschaften vom Wehrbeitrag befreit unb bic (Ort­ner e i e n ber Lanbwirtschaft gleichgestellt worben. Die christlich- sozialen Abgeorbneten hätten ferner gestimmt gegen bic Forterhe- bung ber Zuckersteuer in ber bisherigen Hohe, sowie gegen bic Auf­hebung bes Reichsanteils an ber Zu wachs st euer; bagegen seien sie eingetreten für bic Beseitigung bes S ch e ck ste m pel s, bes G r u n b ft ü ck s u m s a tz ft e m p e l s, bie Erhöhung ber Einnahmen aus bem Erbschaftssteuergesetz unb bie Erhöhung des Kriegsschatzes.

Abgeorbneter Lie. Murn m berichtete über bic sozialen Fragen. Ter Redner beklagte lebhaft, daß in letzter Zeit auf dem Gebiete der Sozialpolitik eine Menge Fehlschläge zu verzeichnen seien (Rechtsfähigkeit der Berufsvercine, Arbeitskammergesetz, Wohnungs- frage, Konkurrenzklausel usw.). Sehr bedauerlich sei auch die Mel­dung, daß das Reich auf ber internationalen Arbeitcrschutzkonferenz gegen bie Heraufsetzung bes Jugenblichen-Schutzalters auf 18 Jahre, ben es 1890 selbst vorgeschlagcn habe, Einspruch erheben wolle. Es scheine, als wenn einseitige Arbeit­geberinteressen auf gewisse amtliche Stellen stärker ein» wirkten, als mit bem Staatswohl vereinbar sei. In bie Sozial­politik, bic auf das tote Geleis zu kommen brohe, müsse wieder ein großzügiger Geist einziehen, wie ihn bic Botschaft bes alten Kaisers von 1881 unb bic Februarerlasse Wilhelms II. von 1890 atmen.

Weiter sprachen noch Pfarrer Fritsch-Ruppertsburg über bie Pflege der christlichen Familie eine wichtige christlich-- soziale Ausgabe", unb Generalsekretär Rüfser - Charlottenburg überKampf unb Sieg bes christlich-sozialen Gebankens".

+ Biekefelb, 8. Sept.

In geschlossener Sitzung begannen heute vormittag bie ge­schäftlichen Beratungen bes Parteitages. Geschäftsführer Thic - n e s - Barmen erstattete ben Jahresbericht. Tiefer stellt ein weiteres Wachstum ber christlich-sozialen Bewegung im Be­richtsjahre fest. Daraus sand die Wahl bes Hauptvorstan- bes statt. Der allgemeine Vorstand wurde durch bic Neuwahl ber Herren Sekretär Hartwig-Bethel, Psarrcr Fritzsch- Nuppertsburg unb Generalsekretär Rüfser - Charlottenburg er­gänzt. Als Tagungsort für ben nächstjährigen Parteitag wurde Dillenburg bestimmt.

Tic nunmehr folgende Aussprache über den parlamen­tarischen Bericht ergab im wesentlichen Einstimmigkeit mit dem Standpunkt der Berichterstatter.

Tic Beratung der Anträge führte u. a. zu folgenden Beschlüssen:

1.Ten Abgeordneten wird der Tank dafür ausgesprochen, daß sie für eine angemessene Anwendung des § 89, 6 der Deutschen Wehrordnung cingetretcn sind. Sic werden gebeten, dies auch fernerhin zu tun unb überhaupt alle Bestrebungen zu unter­stützen, bic dahin gehen, ben Bildungswegen durch das prak­tische Leben bie ihnen gebührenden staatlichen Berechtigungen zu verschaffen."

2.Der Parteitag spricht ber Wirtschaftlichen Vereinigung ihre Zustimmung zu ber getätigten Vertretung ber Mrtlei­st anbsinteres sen unter besonderer Berücksichtigung des Kleinhandels aus, bedauert, daß der Mittelstandsantrag der Wirtschaftlichen Vereinigung nur teilweise Zustimmung fand, und bittet bie Abgeorbneten ber Partei, in derselben Richtung weiter tätig zu sein." <

3.Die Abgeordneten des Reichs- unb Landtags werden ge­beten, dasür einzutreten, daß ben Reichs- unb Staatsbeamten ein Wohnungsgelb gewährt wirb, bas auf bie Anzahl ber Fa­milienangehörigen Rücksicht nimmt, jedenfalls aber dahin zu wir­ken, daß die Beamten mit Familie ein höheres Wohnungsgelb er­halten als solche ohne Familie"

4.Tie Mgeorbneten werden gebeten, bahin zu wirken, daß ben nicht geistlichen Kirchenbeamten ber preußischen Lanbeskirche, soweit sie zur Zahlung ber vollen Kommunal steuern verpflichtet sind, bas passive kommunale Wahlrecht zuerkannt wirb."

5.Die Abgeordneten werden gebeten, in Gemeinschaft mit ben übrigen Abgeorbneten ber Wirtschaftlichen Vereinigung mit aller Energie für bie enblidjc reichsgesetzliche Kürzung der Arbeitszeit in ben Kontoren unb Bureaus einzu­treten.

In ber Nachmittagssitzung hielt Reichstagsabgeordneter Liz. Mumm-Berlin einen Vortrag überK ron - und Volks- r e ch t c". Tie Verfassung werbe heute mehr von links als von rechts bebroht. Ohne bie Mängel ber Verfassung in Reich und Staat zu leugnen, müsse gegen die Versuche Front gemacht werden, bic Thronrechtc zu schwächen Daß Deuflchland einen machtvollen Kriegsselbheirrn habe, sei unser großer Vorzug gegen-