Ausgabe 
2.5.1913 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ülea.

-dti

verboten.

et.-ZK

wenig teurer.

. . Mk. 2.20

stehen sich Stiefelchen

. . Mk. 2.40

rabe

1.4:5 J .50

22

23 4

t I felep1

(»*/» erledifft

lh.»'s6

PfUNv

«nns

6un8

Nr. 101

Zweites Blatt

163. Jahrgang

Erscheint ISgilch mit Ausnahme des Sonntags.

DieLietzener Zamiliendlatter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ,.Krcis6latt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit* fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

Aeneral-Anzeiger für Sberheffr»

zr-tt-g. 2. Mai (9(3

Rotationsdruck und Verlag der Briihl'schen ilnioersitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» strahe 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:s^ll2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

Die neuen zormationen der Wehrvorlage.

Berlin, 30. April.

Ter B udg etaus schuß setzte die Beratung der neuen Formationen bei der Wehrvorlage in seiner heutigen letzten Sitzung vor Pfingsten fort und ;-ivar bei der Forderung der 3 4 neuen Eskadron s. Ein nationalliberales Mitglied tritt unter Hinweis auf die gestrigen Ausführungen des Kriegsministers für die Bewilligung ein. Es scheinen doch in der Tat für die Kaval­lerie-Tivisionen nicht gatügeitb Formationen vorhanden fru sein. Int Reichstag und im Volk sei allerdings keine besondere Neigung zur Vermehrung der Kavallerie vorhanden, vielleicht weil gerade bei der Kavallerie viele feudale Regimenter vorhanden seien. Tas würde aber gerade für die neugeschaffenen Regimenter nick>t zutreffen, schon weil die Standorte sich fairnt für die Entwicklung feudalen Wesens eignen würden.

Ein volksparteiliches Mitglied erklärt sich als noch nicht vollständig von der Notwendigkeit überzeugt. Man sollte dieprivilegierten" Kavallerieregimenter an die Grenze schieben. Graf W a l d e r s e e sei auch der Auffassung gewesen, daß eine weitere Vermehrung der Kavallerie nicht not­wendig sei. Tiese Forderung sei deshalb auf das Notwendigste zu prüfen. Weit wichtiger als die Vermehrung der Kavallerie erscheine ihm die Frage der Bewaffnung und der Uniformierung. Tie Vereinheitlichung wäre von größter Bedeutung. (Zuruf des Kriegsministers: Tas ist doch im Kriegsfall vorgesehen.) Es müßte aber schon im Frieden die Buntscheckigkeit aufhören. Tie geforderte Zahl von sechs 'Regimentern sei and? teilbar durch zwei oder drei: vielleicht genüge ein Teil der Forderung. Die defi­nitive Stellung seiner Partei hänge von weiteren Mitteilungen ab.

Ein Sozialdemokrat bestreitet die Notwendigkeit wei­terer Kavallerie vollständig. Alle angeführten Gründe seien nicht stichhaltig. Die russische Kavallerie habe im russisch-javanischen Kriege völlig versagt. Es sei unmöglich, daß sie in so kurzer Zeit eine völlige Veränderung erfahren habe. Man könne die Grenzen auch anders sperren als bind) Kavallerie; oder man Möge die Innensavallerie, insbesondere die feudalen Regimenter an die Grenze nehmen.

Ein Z e n t r u m s M i t g l i e d erinnert daran, daß bei jeder Militärvorlage der Hauptstreit um die Kavallerie gehe. In der technischen Beurteilung sei natürlich der Reichstag im' Nachteil. Dagegen könne man als Mgeordneter immerhin auf die Cw- fahrungen der Geschichte Hinweisen. Im siebziger Kriege habe die Kavallerie in den Gefechten nie eine tntscheidende Rolle gespielt. Seither habe sich die Lage kaum zu Gunsten der Kavallerie ge­ändert.

Ter K r i e g s mi n i st er tritt diesen Einwendungen entgegen. E i n Ersatz der Kavallerie durch L u f t s ch i f f und Flieger fei nicht möglich, denn die Kavallerie müsse auch fechten, müsse den Feind aufhalten. Durch, Dislokationen lasse sich der Mangel an der Grenze nicht beseitigen. Es sei doch notwendig, in den größeren Truppenteilen die verschiedenen Waffen möglichst wie im Ernstfälle zu mischen. Nur das gäbe die richtige Friedens­ausbildung. Es liege außerdem die Hauptentfcheidung bei den nach den ersten Zusammenstößen herankommenden Infanteriedivisionen, die auch ihre .Kavallerie brauchen. Die «Erfahrungen früherer Kriege müssen mit der entsprechenden Vorsicht nutzbar gemacht werden, da die Verhältnisse sich ändern. Z. B. hatte die Attache der Brigade Bredow bei Metz die Aufgabe, den Vorstoß der franzö­sischen Armee aufzuhalten. Tie Aufgaben der Kaval­lerie seien nicht verschwunden, sie feien nur schwe­rer durchführbar geworden. Dafür brauchen wir üe st g eg l i e d e rt e Formationen. Man habe heute im Verhältnis erhcklick weniger Kavallerie als 1870. Wesentlich sei auch ihre ^lufgabe in der Verfolgung des Feindes.

Ein konservativer Redner unterstützt die Forderungen der Heeresverwaltung. Tie zahlreichen Aufgaben der Kavallerie einerseits im Grenzschutz, andererseits in der Unterstützung der Infanteriedivisionen erfordern eine ausreichende ZciU von For­mationen.

Ter Kriegs m i n i ft e r begründet die Forderungen noch weiter durch den .Hinweis auf französische Urteile. Ganz aus­geschlossen sei es, im Grenzschutz die Kavallerie durch Maschinen- geroetyre zu ersetzen. Er führt weiter zahlreiche Gründe an gegen die Verlegung von Kavallerieregimentern aus denr Innern an die Grenze. Es wird das gerade die Aufstellung von neuen: Formationen erschweren.

Ter b a y e r i sch e M i l i t ä r b e v o l lmäch t i g t e begrün­dete die Forderung der vier baherischen Eskadrons. Ein An­trag der Volks Part ei will statt sechs neuer Re­gimenter deren drei bewilligen, davon zwei im Osten und eins im Westen.

Ein Zentrumsmitglied ist der Meimmg, daß sich die Begründung des Kriegsministers mehr gegen eine etwaige Ab-

schaffung der Kavallerie gerichtet habe, aber für die Vermehrung sei die Begründung nicht ausreichend. Er verweist auch auf die Ergebnisse von 1870 und den Balkankrieg, die nicht dafür sprechen, daß die Kavallerie eine erhöhte Bedeutung habe. Tie zwingende Notwendigkeit für die Begründung der sechs Regimen­ter sei nicht gegeben.

, Der Kriegs mini st er erklärt dem gegenüber, es sei die einheitliche Ausfassung sämtlicher ver- antwortlicherStellen,daßdieseVerm ehrungnot­wendig sei. Er bittet dringend, die militärischen RücksiMen zu beachten, die in den Berichten der Grenzkommandeurs zum Ausdruck kommen. Tie an Zahl sehr geringe japanische Kaval­lerie habe in der Schlacht bei Mulden Erfolge errungen, und auch aus dem Balkankriege könne man ähnliches anführen.

Ein Sozialdemokrat wendet sich gegen den Antrag der Volkspartei, der nur eine Halbheit sei. In dem letzten Kaisermanöver habe die sächsische Kavallerie völlig versagt.

Ein nationalliberales Mitglied äußert sich dahin, daß doch die Verlegung von Kavallerie-Regimentern aus dem Innern an die Grenze ernstlich geprüft werden müsse. Es sei doch ein großer Vorteil, wenn diese Regimenter im Falle der Mobilmachung schon an der Grenze sich befinden. Erwägenswert wäre das besonders für einen Teil der Gardekavallerie.

Ter Kriegs mini st er hält das nickst für möglich, da man dadurch den Armeeaufmarsch sehr erschweren würde, und begründet dies durch vertrauliche Ausführungen. Ein polnisches Mitglied hält zwar die Kavallerie für eine wertvolle Waffe, aber es könnte durch Dislokationen Abhilfe ge­schaffen werden.

Dagegen bezeichnete ein konservatives Mitglied nicht bloß die geforderten sechs Regimenter für notwendig, sondern bezweifelt, daß diese Vermehrung ausreichend sei.

Ein Vertreter der Volkspartei erllärt, seine Partei stehe in der Frage der Grenzverteidigung doch wesentlich anders als die Sozialdemokratie. Auch ihm seien zahlreiche Nachrichten zugegangen, wonach im Osten erhebliche Bedenken bestehen gegen­über der Kavallerieanhäufung jenseits der Grenze. Es können in der Tat durch Einfall von Kavalleriemassen ungeheure volkswirt­schaftliche Werte zerstört werden. Die Dislokationen allein können wohl nicht aushelfen, da in der Tat die Regimenter im Innern für die glatte Durchführung der Mobilmachung notwendig seien.

Ein Zentrumsmitglied erllärt den Nachweis immer noch nicht für erbracht. Wenn die Not so groß wäre, dann hätte dock auch schon im letzten Jahre das in Erscheinung treten müssen. Der Kriegsmini st er erllärt darauf, er gebe seiner­seits die Vergangenheit Preis: man habe im letzten Jahre aus­drücklich nur das allernotwendigste gefordert; seitdem habe sich viel verändert.

Ein national! r'berales Mitglied hält die Notwendig­keit des verstärkten Grenzschutzes für erwiesen. Das Auseinander- reißen der Korpsverbände halte er immerhin für bedenklich. Nun ließen sich vier Regimenter logisch begründen, für die, die nicht alle sechs Regimenter bewilligen wollen. Bei der Garde könnten zwei Regimenter herausgez-ogen werden und mit vier nenbewil- ligten hätte man dann die sechs Regimenter.

Nach wiederholter warmer Verteidigung der Kavalleriesor- derungen der Regierung durch den Kriegsminister kommt es zur

Abstimmung über die neuen Kavallerieregimenter.

Das Ergebnis der durch den ständigen Wechsel der Abstim- mung innerhalb des Zentrums verwickelten Abstimmungen war die Ablehnung der Regie-rungsforderuna von sechs Regimentern. Ebenso wurden der nationalliberale Antrag, der vier Regimenter statt der abgelehnten sechs bewil­ligen wollte, abgelehnt, diesmal nicht wie die Regierungs­forderung mit 16 gegen t2 Stimmen (in der Mehrheit die So- zialdenwkraten, die Volkspartei,, die Elsässer und Polen und die Hälfte der Zentrumsfraktion), sondern mit 15 gegen 13 Stimmen, weil diesmal auch Erzberger mit der Minderheit stimmte.

Angenommen, wieder mit 16 gegen 12 Stimmen, wurde dann der volksparteiliche Antrag, der drei neue Regimenter bewilligt. Dr. Spahn, der als Vorsitzender des Ausschusses für die Regierungsforderung gestimmt hatte, ge­sellte sich jetzt zur Minderheit.

Der Ausschuß vertagte sich in der Mittagsstunde auf Diens­tag, den 20. M a i.

Die gesetzgeberische Tätigkeit Öes preutz. Eanötaas.

Das preuß. Abgeordnetenhaus hat am 30. April seine Arbeiten abgeschlossen, während das Herrenhaus noch einige Plenarsitzungen abhalten will, um das übrig bleibende Material im Sinne des Abgeordnetenhauses zu verab­

schieden. Der Landtag hat 61/2 Monate getagt und in dieser Zeit eine große Reihe von Gesetzesvorlagen verab^ schiedet. Die rechtzeitige Fertigstellung des Voranschlags war infolge der Ueberlastung durch andere Arbeiten auch in diesem Jahre nicht gelungen, der Voranschlag konnte nur mit einmonatlicher Verspätung fertiggestellt werden. Im übrigen stand die Tagung int Zeichen der wasser­wirtschaftlichen Vorlagen, die alle erledigt wer­den konnten. In erster Linie ist hier das umfangreiche Wassergesetz zu nennen, dem sich, ein Entwurf über die Entwässerung des linksrheinischen Industriegebiets, das Schleppmonopolgesetz, der Entwurf über den Ausbau v-on Wasserkräften im Quellgebiet der Weser, ein Rawagesetz, ein Entwurf betreffend die Verbesserung der Qderwasserstraße unterhalb Breslau, ein Entwurf über die Bereitstellung weiterer Geldmittel für die Regelung der Hochwasser-, Deich- und Vorflittverhältnisse an der oberen und mitt­leren Oder, ein Ruhrreinhaltungsgesetz, ein Ruhrtalspeitren- gesetz, das Seselogesetz, anschloß. Neben einer Reihe klei­nerer Gesetze (Amtsgerichtsverlegungen, Errichtung neuer Amtsgerichte, Stadtcrweiterungen, Grenzberichtigungen) sind im Abgeordnetenhause noch verabschiedet worden das Sparkassengesetz, das Moorschutzgesetz, die Hinterlegungs­ordnung, eine Novelle zu den rheinischen Zusammenlegungs- gesetzen, ein Entwurf über die Dienstverhältnisse der Anrts- änwaltschaft, eine Novelle zum Berggesetz, ein Entwurf betr. die Ällisdehnung der Haftpflicht des Staates aus die Lehrer, ein Nachtragsetat von 60 Millionen Mark zur Verbesserung der Berkehrsverhältnisse in Rheinland-West­falen, das ländliche Fortbildungsschulgesetz, das Ausgra- bungsgesetz, das Eisenbahnanleihegesetz, das Eisenbahn­anliegergesetz, das Ostmarkengesetz, das Moorlolonisations- gesetz, der Entwurf über die Bewilligung weiterer Staats­mittel zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der Staatsarbeiter.

Unerledigt geblieben sind die Steuernovellen, der Nachtragsvoranschlag von 6 Millionen Mark zur Erwer­bung eines Gartengrundstü-cks für das Abgeordnetenhaus, ein Entwurf über die Hannoversche Iagdordnung.

Die Beratung von Anträgen hat gegenüber diesem Material sehr zurücktreten müssen. Es sind nur wenige Anträge vollständig erledigt worden und etwa 70 An­träge ganz unerledigt geblieben. Auch die An­träge auf Reform der Geschäftsordnung be­finden sich unter den unerledigten Anträgen. Von den zur Besprechung gelangten Anfragen seien folgende genannt: Die Enteignungsfrage, die Fleischteuerung, der Wagen­mangel int Ruhrrevier, die Winzernot und der Berliner Feuerwehrstreik. 'Daneben ist noch eine größere Reihe von Bittschriften beraten worden.

Deutsche Kolonien.

Eine Strafexpedition in Guinea.

Berlin, 30. April. Die Expedition gegen die Mörder der im Oktober 1912 auf der Insel Uniboi (Deutsch-Guinea) ermordeten Pflanzer Gebrüder Weber ist vom Kaiserlichen Bezirksamt Friedrich-Wilhelrnshafen in der Zeit vom 25. Febr. bis 4. März ausgeführt worden. Dabei ist nach dem soeben eingetroffenen Bericht des Gouverneurs festgestellt worden, daß die Tat von den Kumlungan, einem Bergstamm auf der Südwestseite der Insel, wohl aus Habsucht nach den Waren­vorräten der Gebrüder Weber, begangen worden ist. Die an der Ermordung unmittelbar beteiligten Eingeborenen, deren Namen vorher ermittelt waren, fielen in dem Kampfe gegen d i e Truppe: ein Mörder wurde bei dieser Ge­legenheit lebend ergriffen und standrechtlich er­schossen.

Aus Stadt uud Lund.

Gießen, 2. Mai 1913.

Bon der Straßenbahn.

Das Verkehrsbild der Straßenbahn für Januar bis April zeigt einen kleinen Fortschritt. Im ganzen wurden rund 5000 Personen mehr befördert als im gleichen Zeit­raum des Vorjahres, davon entfallen 1000 Personen auf die rote und 4000 auf die grüne Linie.

Wie sich der Verkehr gestaltet, zeigt die nachstehende

Erinnerungen an die Schlacht bei Groh-Görschen.

(2. Mai 1813).

Am 15. April früh verließ der Kaiser Napoleon das Schloß St. Cloud, westlich Paris. Am 17. früh traf er in Mainz ein. Zu einer Zeit also, wo es noch keine Eisenbahnen gab und man nur im Wagen reisen konnte, hatte er es durch cm gutes System von Relais zuwege gebracht, in 44 Stunden etwa 560 Kilometer zurückzulegen. In Mainz betrieb er bis zum 24 April auf das energischste die Rüstungen, fuhr am 25. bis Erfurt und stand am 28. hinter feinen Vortruppen in Weimar. In Weimar stieg der Kaiser zu Pferde und fetzte fick bis- zum Waffenstillstand in kein Gefährt mehr. Er wollte diesen Feld- zug als General Bonaparte und nicht als Kaiser machen, um anzudeuten, mit welcher Energie er zu handeln gedenke.

Napoleon verfügte über 120 000 Mann, während die Ver­bündeten 90 000 Mann unter Waffen hatten, die von Wittgenstein befehligt wurden. Zum erstenmal trafen die Verbündeten auf dem Schlachtfeld von Lützen mit Napoleon zusammen, nachdem am 2. April ein französisches Korps bei Lüneburg die Waffen gestreckt und am 5. April bei Möckern ein Treffen gegen den Vizekönig stattgefunden hatte.

Die Zeiger der Uhren näherten sich der Mittagsstunde, als Blücher mit gezogenem Degen zum Oberbefehlshaber der ver­bündeten Truppen, zum Grasen Wittgenstein, ritt. Den Degen senkend, bat er um die Erlaubnis zum Angriff.Mit Gottes Hilfe", entgegnete Wittgenstein in deutscher Sprache. Und nun brach der Held mit feinen Tapferen los. Im Süden des festen Dörfervierecks Großgörschen, Kleingörschen, Caja und Rahna, das den Schlüsselpmikt der Schlacht darstellte, stand Blüchers erstes Treffen . . . Neun, zehn, elf, zwölf!" die Kirchturms uhren von Großgörschen und Kleingörsck)en kündeten die zwölfte Stunde. Da, gerade nwchte der zwölfte Schlag verhallt sein, als ein ohrenbetäubender Lärm losbrach. Dreißig preußische Ge­schütze spieen Tod und Verderben auf Großgörschen. Die ersten Kanonenkugeln schlugen ein. Wie ein aufgescheuchter Ameisen­haufen liefen die überraschten Franzosen in den Lagern durch­einander. Geraume Zeit dauerte es, bis zwölf sianzösische Ge­schütze ausfahren und das Feuer der Preußen erwidern konnten. Bald aber brachte sie eine preußische reitende Batterie, die in der französischen Flanke aufgZahren war, zum Schweigen. Drei feindliche Geschütze wurden demontiert; die übrigen zogen sich

zurück. Das war der erste Erfolg. Jetzt galt 'es, den von der Artillerie errungenen Vorteil auszunutzen. Mit Wucht dran­gen die. Schützenzüge der freiwilligen Abteilungen der nieder- schlesischen Brigade gegen Großgörschen vor. Wohl warfen sich, als der preußische Sturm beranbrauftesie tarnen heran mit mehreren Kolonnen von schwarzer Tiefe, der Horizont wurde durch sie verdunkelt" heißt es in dem malerisch geschriebenen kaiserlichen Bulletin einige französische Bataillone im Hohl­wege von Großgörschen den Preußen entgegen. 9tbcr im Nu waren sie bis an den Dorfrand zurückgedrängt. Da gab's fein Halten mehr in den französischen Reihen. Hundert Gefangene fielen im Handumdrehen den Preußen in die Hände. Nicht anders war's bei Kleingörschen. Hier drang die oberschlesische Brigade des Generalmajors von Zieten vor. Ein ungemein zäher Kampf entbrannte auch hier um das Dorf; hatten sich doch die Fran zoseu in aller Eile vortrefflich zur Verteidigung eingerichtet. Ein Bataillon der Brigade Zieten, so schreibt Theodor Rehtwisck in seinenSchlachtenbildern der Befreiungskriege" ging östlich um das Dors l/.wum. Hunderte von Gefangenen, junge milchbärtige Franzosen, welche der wütende Stoß der Preußen aus dem Dorfe hinaiisgeworfen hatte, fielen in seine Hände. Im Dorfe selbst Ivar ein Kampf Mann gegen Mann in den Garten, Straßen und Höfen. Voller Ungestüm und Feuer reinigten die Preußen das Dorf von den Feinden. Großgörschen und Kleingörschen waren in den Händen der Preußen.

Wie war's mäljrenb des Kampfes in Blüchers .Hauptguartier? Gneisenaus Adjutant von Hüser hat's uns geschildert mit fol­genden Worten:Blücher hielt meist in der größten Ruhe an mehr oder minder gefälwlichen Stellen, unermüdlich seine Pfeife rauchend. War sie ausgeraucht, so stteckte er sie hinter sich und rief:Schmidt!" Worauf seine Ordonnanz, ein Husaren- unteroffizier, ihm eine frisch gestopfte reichte und der alle Herr gemütlich iveiter rauckste. Eine Zeitlang hielten wir ganz nabe an einer russischen Batterie. Eine Granate fiel dicht oor uns nieder.Euer Exzellenz! eine Granate!" rief alles.I, so laß doch den Deubel! sagte Blücher ganz ruhig, sah zu, bis sie krepierte und begab sich dann erst an eine andere Stelle."

Wohl waren drei Dörfer des Vierecks schon genommen. Wohl schien es schon, als ob die Verbündeten die Schlachtenlinie Na­poleons durckchreckren würden, da setzte dieser seine Garden ein und das heftige Ringen um Caja war die Folge.DaS Dors Caja war (in den Nachmittagsstunden) ein wahrer Hexenkessel

von pfeifenden Gewehrkugeln, von mit Kracken springenden Gra­naten, von todbringenden Bajonettstößen, von franzöfischemEn avant!"- undVive l' Empor «rr! "-Geschrei von preußischen und deutschemHurra!" (sckweibt Rehtwisch). Es war ein furcht­barer Kampf. Immer und immer wieder brachen die preußischen Kolonnen vor. Ohne Erfolg! Ganze Bataillone mähte der Schnitter Tod unerbittlich nieder. Einmal sieht es aus, als ob dennoch Cgja wieder in die Hände der Preußen kommen wird. Schon sind sie in die ersten Häuser cingebrungen. Ta wirft sich ihnen der Marschall Ney entgegen. Ein furchtbarer Dorfkampf entbrennt, ein Kampf, der den Preußen den inert vollsten Mann, dieSchönste Heldenlanze" kostet. Eine Kugel zerschmettert dem General Scharnhorst das Fußgelenk, als er mitten im Getümmel, den Degen in der Faust, mit versprengt. Es sollte des großen Sckstackstendenkers Todeswunde sein. Ein tragisches Geschick Nwllte es, daß der, welcher den Grund legte zu Preußens Siegeszuge, Preußens Fahnen nimmer glücklich sehen sollte."

Dock schließlich mußten die verbündeten Truppen trotz aller Tapferkeit weichen. Noch ein letzter stürmisckier Reiterangriff des alten Blücher, der voller Zorn den Befehl zum Rückzüge mit angehört hatte! Auch er war vergeblich: wenngleich auch nicht viel gefehlt hätte, daß im Dunkel der Nacht der Korse selbst in die Hände des MarschallsVorwärts" geraten wäre. Es war ein Rückzug aber ein Rückzug in straffer Ordnung. Man fühlte sich n i ch t Wiegt. Besonders Gebhard Leberecht Blücher nicht. Als er an den Marschkolonnen der preußischen Bataillone ent­lang ritt, da rief er seinen Soldaten zu:Guten morgen, Kinn er, dit Mal hat et gut gegangen, die Franzosen fint et gewahr geworden, mit wem sie zu duhn haben . . . uns ist bat Pulwer alle geworden, darum gehen wir zurück bis ackster die Elbe. Da kommen beim mehr Kameraden und bringen uns wieder Pulwer und Blei. Und dann gehen wir wieder ruff uff die Franzosen, bat sie die schwere Not kriegen! Wer nit seggt, bat wir retirieren, bat ist cn Hundsfott, een schlechten Kerl! Guten Morgen Kinners!"

*

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen- schäft. Tie 70. ordentliche Hauptversa m m I u na des Naturhist0rischenVereinSder prenßisck c n Rhc t n- lande und Westfalens Habet vom 12. bis 15. Mai 1913 in Düsseldorf statt.