Nr. 185
Der «ietzener Anzeiger erscheint tätlich, aitfier Sonntags. - Beilagen: viermal roödienilidi GiefoeMrSanHlienblätler; -wriinal wochentl.Areir- dUttlsür-enAreir Sieben (TicilStag lind Sicuiiqj; zweimal monail. Land- wirtschaftliche Zeitfragen tveniiprcch - AnsdUuste für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Tcpelchen:
Anzeiger (Äirfecn.
Annahme van Anzeigen für die TageSnnmnier bis vormfttagS 9 Uhr.
Erstes Blatt
165. Jahrgang
5am§tag, 9. August 1915
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
votatlonröruck und Verlag der vrühl'jchen Unio.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange.
Reöaflion, Lrpedition und Druckerei: Zchulstratze 7.
Eeschäftrstelle Büdingen, vahnqofstrahe sba.
'S c \ n q • o r e i > : monatlich 75 viertel-
lährtid) Mk. LLO: dnrch 'Jlbbole- il Zweigstellen monatlich 6& Pf.; durch die Bost viertel- fährL anSschl. Beitellg. ZeilenvreiS: lokal l&i't, airsiväna SO Pfennig. Chesredakleiir: 21 Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: Aunutt Goetz: für .JeuiUe- ton', , Vermischte»' und ^Deiichtssaal': SL Ren- ralb; für ,Stadl und Vnnb**: Qc.('|fb; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.
Tagcskalcnder aus dem Iayre 1813.
16. August Aufkündigung des W a s r c n st i l l sta n d es Rotschwitz. Ausnahme der Feindseligkeiten am 15. August.
politische wochenscharr.
Gictzen, 9. August.
Aus dem Balkan ist endlich der Friede geschlossen tvordeu, ein Friede, den alle Welt mit Gelassenheit aufnehmen konnte, außer den enttäuschten Bulgaren, die sich die Vorherrschaft erträumt hatten. Denn es ist dafür gesorgt worden, daß die vier Hauptstaaten Serbien, Bulgarien, Griechenland und Rumänien ungefähr gleichen Besitztum erhallen, und es wäre bei der gegenn ärtigen Staatenpolilik, ‘ wie sie sich während der letzten Attischen Monate offenbart hat, schwer zu sagen, welche der Grossmächte durch eine solche Besitzverteilung sich geschädigt sehen wollte. Von | Rußland hat man nicht erfahren, wem seine innersten ; Empathien gelten, den Serben oder den Bulgaren, und | Oesterreich wollte wohl, wie man wußte, die ferbisck-cn Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen, hatte aber auf der andern Seite keine Veranlassung, die zweifelhafte ' Freundschaft des Königs Ferdinand zu gewinnen. Denn dieser geht nicht nach Sentimentalitäten, sondern ist » n kluge rj Rechner, der sich freie Hand für jedes Vorgehen vorbehalien hätte. Und doch scheint man in der Donaumonarchie nach einer Revision des Fricdcnsvertrages zu streben, um Bul- earii'ii zu stärken Auch Rußland ist bei der schwierigen Rechnung noch nicht völlig ins Reine gekommen und fiin- digt an, es wolle die Bukarester Abmachung zugunsten i Bulgariens nachprüfen helfen. So setzen die' beiden gc- I nannten Großmächte augenscheinlich auf das Reich F^rdi- »nands größere Zulunsrshoffnungen als auf dessen CKquer: f ob aber die österreichisch-russische Kundgebung mehr ist als ! eine platonische Erklärung des Wohlwollens, muß doch in »Frage gestellt werden. Rach einer neuesten Meldung aus Bukarest nxir es Rumänien, das in Wien und Petersburg die diplomatischen Vorbehalte cingefädelt hat, um ^.Bulgarien eher dem 9kachgeben geneigt zu machen. Im gclieimcn neigt man in Wien und Petersburg doch viel- : leicht mehr Zu jener Auffassung hin, die in der amtlichen italienischen Presse geäußert worden ist und wonach ein » geduldiges vorläufiges Abwarten sich empfiehlt. Man muß | den erschöpften Staaten Zeit lassen, sich auf sich selbst zu K besinnen, und die Arbeit der Diplomatie kann in ihre ! Rechte treten. Bis dann eines Tages vielleicht wieder die ■ Stunde kriegerischer Llbrechnung kommt, wenn neue Saat I,heran gereist ist. Denn als unerschütterliche Tatsache steht \ nach den beiden Balkantriegcn wieder einmal fest: -nicht internationale f^rechtigteit, nicht Friedenskonferenzen entscheiden über Staatentonflikte und Staatenrechte, sondern das Schwert, die Macht des Stärkeren. Das muß auch die Türkei wieder ersahreu, die hinter die Linie Enos—Midia zurück soll, nicht weil sie kein Recht daran hätte, ihr altes Gebiet wieder zu besetzen, sondern weil ihre Machtmittel niedrig eingeschätzt werden. Der Sckstvache und Hilflose findet kinc Bundesgenossen. Auch diese Erkenntnis eifert dazu an, die Mstungen immer weiter auszubauen.
Allenthalben sehen wir, wie nach diesem Rezept gehandelt wird. Frankreich ist sich über die dreijährige Tienst-
zrit einig geworden, und der Senat hat mit 214 gegen nur 3ß Stimmen dem Wehrgesetz zuAestimmt. Oesterreich plant gleichfalls wieder eine Heeresverstärkung. Und England gibt unserem französischen Rachbar an Mißtrauen gegen das deutsche Erstarken nichts nach: es baut Luftschiffe und rückt den Plan einer Untcrtunnelung des Kanals seiner 23er- wirktichung näher. Der Ministerpräsident Asquith hat sich nicht geniert, sich wieder einmal ganz offen an die Seite von Deutschlands (Gegner sich zu stellen und die Konstellation zu erörtern, die eine kriegerische Verwicklung der Entente- Mächte mit dem Dreibund zur Folge haben würde. In Frankreich ist man von dem Unteetunnelungsprojekt begeistert. Das wäre in der Tat die Krönung der Verbrüderung zwischen beiden Staaten, die alle früheren englischen Regierungen zu vollziehen bisher gezögert hatten. Das In- selland fichlie sich am sichersten in seiner Abgeschlossenheit und wollte auch den Franzosen lerne Einsallspforte darbie- ten. Augenblicklich sind zwar die beiderseitigen Beziehungen höchst eng und freundsck)aftlich, unb Herr Asquith ließ uns mit dem Hinweis hierauf nneder einmal deutlich werden, daß die deutschen Vorsichtsmaßregeln und namentlich Deutschlands Selbständigkeit zur See in London höchst mißgünstig angesehen werden. Trotzdem glauben wir nicht, daß die Engländer mit dem Tunnelbau so bald Ernst madjen werden. Herr Asquith hat sich zwar bei der Abordmutg,
• jte, auch schon über die Kosten erkundigt, aber er pflegt sich oftinals in Demonstrationen zu gefallen, denen ein ernster Hintergrund schließlich doch fehlt. Er ließ sich, mit der Versickerung, die Regierung werde den Plan „aufmerksam verfolgen", belehren, daß zwei eingleisige Paralleltunnels von Dover nach Calais in einer Länge von 36 Milometern 320 Millionen Mark kosten würden und in sieben Jahren erbaut werden könnten. Dann wäre jährlich auf eine Million Fahrgäste zu rechnen, und vierzig Personenzüge und ebensovielc Gülerzüge könnten täglich durch den Manat fahren. In Deutschland wird man sich über diese Tunnelgefahr nicht sonderlich aufregen. Vielleicht wird in sieben Jahren die Luftschiffahrtstechnik so weit fortgeschritten sein, daß solctze unterirdischen Verkehrswege keine so bedeutsame Rolle mehr spielen. Einen so schönen Gedanken aber, der auch kulturelle Verbesserungen verspricht, konnte Herr Asquith überhaupt keinesfalls mit schroffen Worten von der Hand weisen.
DaS Berliner kriegsgerichtliche Urteil gegen einige Militärbeamte wegen Bestechlichkeit unb damit im Zusammenhang stehender Vergehungen har eine gelinde Beruhigung der Oeffcntlichkcit herbeigeführt. Tic Strafen sind allgemein als gerecht anerkannt worden, aber man hat zugleich erkannt, daß es eine ungeheuerliche Uebertreibung war, wenn ganz allgemein von einem Panama-Skandal in der Heeresverwaltung gesprochen worden war. Es mag sein, daß noch ein oder der andere „Fall" unentdeckt geblieben ist: das gestattet aber keineswegs die Annahme, dc^ß im „Snstem" etwas faul ober brüchig sei. Es war auch eine wenig geschmackvolle Redewendung des Anklagevertreters, nxmn er in Bezug auf die Angeklagten von „feilen Schreiberseelen" gesprochen har. Tie* Berufsgenossen haben in einem Berliner Blatte berechtigten Widerspruch dagegen erhoben. Die Verurteilten haben gefehlt, das ist wahr, unb moralische Mängel ihres Charakters konnten nicht in Abrede gestellt werden. Wer aber von „feilen Schreiberseelen" sprächt, der überhäuft damit ihren ganzen Stand mit verachtender Gering
schätzung, denn cs wirb damit doch auch an ihren dienstlichen Fähigkeiten Kritik geübt unb angedeutet, daß ihre Tätigkeit nur in belangloser Schreiberei bestanden habe. Das saloppe Dort des Anklagevertreters verdient in der Tat eine Zurückweisung. Ter Prozeß bar keineswegs erwiesen, daß im Dienste der Heeresverwaltung ungeeignete <Sub- alternkräfte besckfiiftigt würden. Im Gegenteil, Herr Brandt, der Beaustragte der Firma Krupp, flammte ja auch aus derselben Beamtensphäre, und es ist vom (Berichte mehrfach auf seine ungewöhnliche Intelligenz hingewiesen worden. Herr Brandt wird ja nun in einigen Wochen nochmals auf seine Qualitäten geprüft werden, und mit ihm sollen auch höhere Beamte der Firma Krupp auf der Anklagebank erscheinen. Darum kann die Beurteilung des Verfahrens, das von der Kruppschen Berliner Vertretung eingeschlagen worden ist, einstweilen kurz gefaßt werden. Wir bleiben bei unserer früheren Meinung, daß auch die Leitung der Welt- firma von schwerwiegenden Vorwürfen nicht befreit werden lanii. Sie Hai die Bestechungen und unlauteren Wege, die ibr Vertreter auf sein Gewissen genommen hat, wenn nicht angestiftet, so doch geduldet ober, bewußt oder unbewußt, gefördert. Gerade bei dem für die Firma Strupp so ehrenvollen Verhältnis zu der Heeresverwaltung berühren diese Tinge doppelt peinlich.
politische Tagesschau.
Cpionknhyslerie in England.
Schon seit längerer Zeit haben wir in Deutschland nicht mehr das Vergnüadn gehabt, eine englische Enthüllung über angebliche deutsche Lpähcrei zu lesen. Der Londoner Standard hat sich verpfiickstet geglaubt, diesem tiefgefühlten Bedürfnis abzuhelfen, und erzählt heute der Welt folgende Schwinbelgeschichte:
Deutsche Spione besckäfligleii sich lebhaft mit der Beobachtung der Flottenmant i1 r, die türzli
lüfte Englands fiatifanb'n. Dieses Spähergeschist betrieben der Fischereikreuzer Zielen unb der deutsche Zerstörer D 8, der ebenfalls zur Ueberwackrung der Fischerei dient Der Zieten ist ein aus Eisen gebauter Kreuzer von 994 Tonnen, mit einet Besamung von 115 Mann. D- 8 ist ein Schiss mit 23 shioten Geschwindigkeit, mit 40 Mann. Bei den britischen M a n ö v e r n galt es, die Möglichkeit eines feindlichen lieber- falls auf bie Oft lüfte fest- u stellen, was ein ganz besonderes Interesse für Deutsckzland bot, den einzig möglichen Eindringling für diese Gegend. Diese Versuche, wie der Standard allein zu inelden wußte, ergaben die Möglichkeit der Landung einer fcinbhd:en Streitkraft an der englischen Ostküste, sowie infalg •' dessen des Angriffs auf die loeftlicben Schissahrtskurse nach Großbritannien durch die angenommene fcinblid * Flotte. Für deutsche Zuschauer waren die Manöver daher besonders lehrreich. 'Ter Offizier indes, der den D 8 kommandierte, ließ sich durch lieber- eif.r beim Betrieb des Spionagegosckäfts verleiten: sein Schiff wurde unweit von Blyth in Nonhumberland bcobadüct, als c4 bei Rächt ohne Lichter in unmittelbarer Nähe eines manöDrierenb.m britischen Geschwaders dampfte. Drei britische Zerstörer wurden auSgesandt, um sich mit dem Eindringling zu beschäftigen. D 8 dampfte dem Tyne zu und wurde an dessen Mündung verfolgt 'Das arickah in der Nacht zum Mittwoch, 30. Inti, und der deutsche Zerstörer ankerte in der Tynemünduny am Ton- nerstag, dem 31. Gestern noch (mar er da. Unterdes streichle der deutsch? Jifckiereikreuzer Zielen weiter in bem Bereich der Flottenmanöver, die am Samstag beendet wurden. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen tarn Zielen an demselben Tag am Tyne an; es wir nicht länger nötig, daß er in der Nordsee kreuzte. In Flottenkreisen Hal die raUbfünge Mülnf^il dieser Betätigung stoss zu vielen Erörterungen gegeben.
Bilder als Heiratsvermittler.
kommt nicht selten vor, daß sich Männer in die bildlichen Darstellungen von Frauen verlieben, aber daß Bilder aus diese Weise wirklich zu Heiratsvermittlern werden, ist doch recht selten Jüngst soll ein Fall dieser Art in den Vereinigten Staaten vorgekommen fein: Betty Peters malte eines Tages tm Ateller ibres Vaters einen Ingenieur namens Brown ans Nevada, ^hr Bild gelang vorzüglich und bald mar es in einer großen Ausstcl- lung zu fehen. _ . _ ... .. -
Eine-' Tages besuchte eine Dame in den Tretwgern bie Aus
ÜcHunq vor dem Bilde des Herrn Brown blieb fic bclroncn flehen, sie stellte aus dem Katalog fest, daß es fick um einen Herrn Sromii aus Revada handelte unb erschien nun -lag mr Lag und betrachtete das Bild, so daß sie beinahe in den Verdacht geriet, sie wolle es stehlen. Eines Tages kam die Malerin, Fräulein Peters in die Ausstellung, zwischen ihr unb der Bewunderin des L Bildes entspann sich *n Gespräch, >»e Folge war eine Em^dung I zu der Malerin: die Dame in den Dreißigern lernt: Herrn Bnwn persönlich kennen, und letzt sind die beiden längst verherratet I Ter umgekehrte Fall, das; ein weiblickies Bildins etnen Mann anüeht, ist viel häufiger: man braucht nur an Herkomers - ^-ame in Weiß" zu denken, die dem Original, Eatherme Grant vor beinah, drei Jahrzehnten eine ganze Reihe von Heiratsantrageii "nbrachte. Auch die Saharet, die berühmte Tanzerm, gehört,m dic Reihe der Frauen, die durch ein Portrat ihren Gatten ^^unden haben. Fritz von Frantzius ans Cbikago beiuckte eines o.ages^ wie der New Bork American" erzählt, in München das Atelier ?rranz von "Stucks und sah hier zi;m erstenmal die ichone ’J1
Er verliebte fick auf den eriten Blick in ne- Er errubr, bie Saharet tanze gerade in Brüssel, eine stunde ipaur io« er (fdioi^in der Eisenbahn und gleich nach 1 einer Ankunft ,n Brunel such/e er die Saharet im Theater aui, um^ibr einen berratsanvrag Eb mrtrfien Tie Saharet wollte das Tanzen nicht auigeben, von Frantzius verlangte das auch gar nicht, aber trotz^m war die - änzeKi eine Zeitlang unentschlossen. Als ste nach.New ^)ork am Sier emmin«. warne mxb immer im- pnfirfiloiien aber Frantzius meinte kurzerbam. , .
Mir werden uns heute noch verheiraten, und 'o geschah es. Ein 'äkmlicher Fall hat fick in Paris abgnpiclt: Ein, vornehmer, engtifth aussehender Herr verliebte sich "i einer KunstausUellung in e n Tamenbildnis, das der Katalog als „-tarne ur Gelb be* zeichnete Tage lang stand er vor dem Portrat, geduldig nagte er leben Besucher, ob er ihm den Namen des Originals verraten könne und am neunten Tage schließlich nmrbe leine Witzbegier acftillt Ein Amerikaner verriet ihm nämlich, die dargenellte Dame sei ein Fräulein Spotlswood aus Vngin»a. -ter Seiminbcter hes Bildes, Graf E. von Scornbron Buckheim ioll )ie bald daraus
bat n. Geradezu romanlisch n»ar die Jagd, er ein New Parker Milliardär, William Harrison, nach dem Original eines Bildes anstellte. Ec kaufte eines Tages für seine Gemälde iammhing ein Bildnis einer Schnitterin, verliebte sich in das abgebildete Mädchen und sandte nun ein ganzes Heer von Detektiven' aus, um der Schönen habhaft zu werden. Das mar keine Kleinigkeit, denn selbst der Maler wurde erst nach langem Suchen ausgefunden, und er wußte nur, daß er das Mädchen aui irgend einem Felde bei der Ernte gemalt habe. Dem Eifer der Detektive gelang es schließlich aber doch, das edle Wild zu stellen: sic fanden sie als Schnitterin bei der Ernte, der Milliardär reifte sogleich hin, machte ibr einen Heiratsantrag und wurde erhört. Die einstige Schnstterrn gehört jetzt zu den oberen Zehntausend New Borks.
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— D i e E m sNas sauer Stein-Festspiele zum Ge- däcklnis des Reichsfreiherrn vom und zum Stein, die im Juli zu Füßen der Stammburg derer von Stein bei Nassau 'Lahn statt- fanden, find von vielen tausenden begeifterter Zuschauer besucht worben. Trotzbem die Spielzeit zum Teil vom Wetter nid t begünstigt war, ist ein namhafter Reinertrag erzielt worden, der für eine Stein-Gebäd/msstiftung zu Gunsten der Beteranenfürforge und der Jugendpflege beftimmt worden ist.
Ti. Ein Vaudeville von Richard Wagner. Die literarische Beilage des „Figaro" bringt einen musikalischen 2d er. Wagners in Erinnerung und zwar das Vaudeville im Geschmack der siebziger Jahre mit dem Titel „Eine ttavitulatüm". Das Werk weist durchaus burleske Züge auf und diente wohl ausickließlich der persönlichen Zerstreuung des Komponisten. Wagner hat sich an den Ereignissen des Jahres 1870.71 inspiriert und bat eine ganz sonderbare Handlung zusammengestnlt. Viktor Hugo bringt durch, die Kloaken in das Innere der belagerten Stadt ein und wird der obnmädKigc Zeuge der großen Verwirrungen der Kommune. Wagner behandelt ibn mit scharfer Ironie und zeichnet außerdem eine unbarmherzige Karrikarur der drei .Jules" — Jules Grevv, Iulos Simon, Jules Favre, — unb von Gambetta. Das Volk von Paris ist in rwci Lager geteilt, bie sich gegenseitig zerfleischen; das eine betreibt bie Vroklamatim des Atheismus, das andere denkt an nickits anderes, als an die Bekämpfung des bösen Feindes und verlangt nach Pulver und Blei. Die Behörde weiß, ridn, auf welche Seite sie ritf> stellen soll. Als die Verwirrung am höchsten ist, gibt Jules Simon den genialen Rat, die allgemeine Sage durch die Diedererösmung der Over zu retten. Der zweite Att ftnelt in der Over. Der Vorhang soll lidi eben erheben, als eine Schar von Lärmbrüdern und Taugenichtsen in das Theater einbringt. Das Publikum will Entfliehen. Eh entsteht eine große Verwirrung und eine gewaltige.Schlägerei.
Es würde zu einer fürchterlichen Äntastroph? kommen, wenn nicht int letzten Augenblick der LpereNenkonwonist Offenbach, den Wagner bekanntlich gehaßt hat, erüfcincn würde. .Hanni das er onftritt, so beruhigen sich die erhitzten Gemüter, die Parteien versöhnen sich und aus dem Souffleurkasten fried -n die Attadiees der (Gesandten und die Direktoren der großen deutsclen Theater heraus und tanzen, nach Osfenbachschcn Musikmotivcn, in wilden Gruppen mit der begeisterten Menge. Dann fällt der Vorhang.
— Vorgeschichtliche Goldplomben unb -Siro- n c n. Aus New Bork wird berichtet, das; Professor Marshall Saville, der Archäologe der Columbia Universität, in der Provinz Esmeraldas im nordwesUichen Ecuador ein paar prähistorische Schädel ausgesunden habe, die die Kenntnis der .jahnheilkunde bet den Ureinwohnern Südamerikas in neues Licht nicken. Es handelt sich um Schädel eines vor den IncoS anzusetzenden südameri- kani'chen Jndianerstammes, deren Zähne Goldarbeiten enthalten sollen, die den besten modernen Arbeiten an die Seite gestellt werden können. Im einzelnen wird angegeben, Professor Saville habe nickt nur Goldsüllungen aufgefunden, sondern auch Zähne mit Gold kapseln, lieberbied sollen einzelne Schneidezähne (vold- ornamente in Form von Sternen und Halbmonden in Filigranarbeit ausgewiesen haben. So unwahrscheinlick) diese Nachrickit zunächst erscheint, ganz unglaubwürdig ist sie nicht, denn es ist bekannt, daß im Altertum auch europäische Völker, so y B bie Etrusker, sich schon auf zahnärztliche Goldarbeiten und goldenen Zahnersatz verstanden haben.
— lieber bie Blinbdarmentzündung der Kinder. In der Liverpool „Medical Assoetalion" berichtete G C. E. Simpson -.1 te dieser Erkrankung, daß sich ,
Auszeichnungen des Kinderkrankenhauses von Liverpool aus den Jahren 1876 bis 1891 kein Fall von Blinddarmentzündung ver- zeicknet findet. Dabei betrug bie jährliche Durchschnittszahl der Patienten etwa 15000. Im Jahre 1892 wurde ein Fall von Blinddarmentzündung verzeichnet, und seitdem hat die Zahl dieser Kranken ständig zugenommen. Ter Vortragende riet oringend, bei der Blinddarmentzündung der Kinder srüh zu operieren, da die Krankheit bei den Kindern eine größere Neigung zur Ausbreitung bat, als bei den Erwachsenen. In der Diskussion bestätigten A. Stookes und F. T. Paul, baß die Blinddarmentzündung der Kinder früher zweifellos viel seltener war. R. 23. Murray machte daraus ausmerksam, daß auch der Verlaut der Krankheit viel bösarfiger geworden sei, vor 15 Jahren hätte er noch zur Behandlung der Blinddarmentzündung bei Kindern ein abwartendes Verhalten und Verwendung von heißen Umschlägen empsohlen; heutigen Tages müßte er aber zur schleunigen Operation rate».


