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Erstes Blatt
165. Jahrgang
Die heutige Nummer umfaßt 20 Seiten.
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L 9. 1911
(Dienstag unb Freiing); zweimal monntl. Land: wirtschaftliche Zcitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Nedaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Grefzener Stadttheatev.
Emilia Galotti.
Gießen, 8. Febr.
politische Wochenschau.
Gießen, 8. Febr.
nicht von Schaden gewesen. Darüber hinaus war sie von an- inutiger Mtürlichkeit und klugem Wesen. Herr Kliewer baute einen rauhbeinigen, in seiner derben Gradheit prächtigen Odoardo auf, aber er kam einigemal in ein unvorteilhaftes Pathos. Ten Prinzen spielte Herr Jensen mit ritterlichem Anstand, ein leichtlebiger Fürst voll jugendlichen Ucberschwanges, der eigentlich kein Bösewicht ist, den aber die Leidenschaft zum schwanken Rohre macht. Ein Meisterwerk in seiner Art war der Marinelli des Herrn Dworkowski; kein „Teufel", eine einfache, gewölm- liche Turchschnittsseele, 'eine Lakaiennatur, die schließlich alles tut, wenn ein anderer die Verantwortung trägt. Keine einzige menschliche Leidenschaft stach bei ihm besonders hervor — ein Dutzendmensch, eine feile Hofschranze — und darin scheint mir gerade die Bedeutung seiner Darstellung zu liegen. In der an sich nicht großen, aber ungewöhnlich bedeutungsvollen Rolle der Gräfin Orsina, die das Vorbild der vielen weiblichen Doppelnaturen unserer Literatur geworden ist, offenbarte Fräulein Riza Bajor wieder ihr kraftvolles, sieghaftes Naturell. Sie war voll wilder Leidenschaft, melancholisch, grausam in ihrem Wunsch nach Rache und auch wieder lieb und gütig, voll reicher: Zartgefühls — und doch schien mir etwas an Vollendung zu fehlen. In ihrer Wut übernahm sich diese Orsina mitunter sehr — und ich glarrbe nicht, daß eine Frau von ihrer Bildung in fremdem Hause in Gegenwart des ihr kaum bekannten Odoardo sich derart vergibt. Auch die wuchtige Stelle, da sie von ihrer Rache an dem Prinzen spricht, wo sie davon schwärmt, in seinen Eingeweiden nach seinem Herzen zu suchen, erscheint meinem Empfinden viel gewaltiger, wenn sic nicht geschrien, sondern in verhaltener Wut mit einem gewissen wohllüstigen Behagen ausgestoßcn wird. Tcr Graf 2lppiani des Herrn Bruchwitz litt an einer unvorteilhaften Maske: einen Mann von seine,: Anschaimngen stelle ich mir vor mit lockigem, nngepuderten Haupthaar, wie cs, schon in Mode gekommen, der Maler trägt, der von Herr,: G ross er - Braun mit schönem Anstand und weiser Zurückhaltung verkörpert wurde, dlppiani ist der feinfühlige, vorurteilslose Aristokrat, ein kernhafter Mann, eine vornehme Natirr, und auf diese Vornehmheit hätte Herr Bruchwitz eine,: stärkeren Nachdruck legen dürfe::. Als ängstliche, zaghafte Claudia war Fräulein Brehm voll mütterlicher Sorge. Den abgefeimten Spitzbuben Angelo spielte Herr Grosser mit tenrperamcittvoller Beweglichkeit. In seiner Besorgnis etwas allzusteif war Herr Gerhardt als Pirro. K. N-
sich in sein neues Amt noch nicht v ollständig ein- gearbeitet". .
Das Hingt nicht vielversprechend, darf aber reine Vorurteile erwecken. Man muß den vielen neuen Männern, die wir gegenwärtig auf den wichtigsten Posten haben, Zeit zur Einarbeit lassen. Daß dies die Sage Deutschlands uni) feine Aussichten bessert, kann man allerdings nicht
Samstag, 8. Februar 1915
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Es Hingt durch die Königsberger Rede des Kaisers wieder etwas ivie eine Warnung vor Schwarzsehern, von Lenen das Reichsoberhaupt früher bekanntlich in schärferen Tönen sich losgesagt hat. „Wie glücklich hat sich das Zeitbild geändert!" Unb wieder lobt der Kaiser den „fest zefügten Bau des Reiches", in dem die Friedens werke gedeihen könnten. Es war eine Erinnerungsrede von Wohl- Wender Beschaulichkeit, wie wir sie in unterer wafftn- klirrenben Zeit auch einmal ganz gerne vernehmen. Wir sollen in den vergrämenden Betrachtungen, wie „ekel, schal unb unersprießlich" die Welthändel gegenwärtig seien, die Freude am Wirken und Schaffen nicht verlieren. Es ist der Ruhm 'des deutschen Volkes, daß es eher die Welt Les Geistes sich erobern will, als fremdes Land. So werden auch die Worte von der s i 11 l i ch e n K r a f t im Zolle, die letzten Endes besser als kriegerische Lorbeereft die Zukunft sichern, starken Widerhall finden. Der Kaiser schilderte mit gewohnter Beredtsamkeit die Vorgänge vor 1.00 Jahren, und er vergaß nicht, so wenig er an die heutigen politischen Bedürfnisse rührte, hervorzuheben, worin sich die sittliche Kraft, die opferwillige Treue der Vorfahren am meisten bewährte: sie bewaffneten dem Könige auf eigene Kosten eine Landwehr, stärkten die Kriegsmacht, durch die später die Erfolge lgewonnen wurden. Damals war der König Friedrich Wilhelm III. ein Schwarzseher: er ließ nur mit Zaudern Freiwillige aufrufen, da er meinte, es würden keine kommen. Wilhelm II. hat bei dem 'Ausbau der allgemeinen Wehrpflicht ein größeres Vertrauen auf die Opferwilligkeit des Volkes. Und diese Erwarttnig, Sie er an der Königsberger Festtafel ausdrückte, steht in enger Beziehung zu feinen vorherigen Ausführungen über die sittliche Kraft des Volkes. Man weiß es jetzt mit Gewißheit: zur Erkämpfnmg kriegerischer Lorbeeren wird das .Heer nicht verstärkt, sondern es soll eine Bürgschaft dafür geschaffen werden, daß wir den kulturellen Zielen in Frieden weiter nachstreben können.
Die Rede hat auch im Auslande gewirkt. Der „Temps" hat, wie wir berichteten, erklärt, Kaiser Wilhelm habe iricht bloß für seine Untertanen gesprochen, er verdiene auch jenseits der Grenzen gehört zu werden. Gewiß; die sittliche Kraft eines Volkes zeigt sich nicht in schandervollen Metzeleien, wie sie von den Helfern der Bälkanstaaten an unschuldigen Fremden verübt worden sind Und die zahlreichen Neider des Reiches mögen es wsissen. daß Deutschland auf feiner Hut sein will. Auch der bekannte Daily Telegraph" lobt die Gedanken des Kaisers und ttndmet dem deutschen Vetter freundliche Worte. Bei dem englischen Blatt klang noch etwas hinein, wozu gestern im Budgetausschuß des Reichstags der Staatssekretär to. Tirpitz bei der Beratung des Marinevoranschlags eine bedeutsame Ergänzung geliefert hat. Er erklärte nämlich, Laß er ein Kräfteverhältnis der englischen unb deutschen Flotte von 16:10, ebenso wie der englische Marineminister, jur annehmbar halte. Waren die amtlichen Kreise in London schon davon verständigt? Hat darum der „Daily Telegraph" geschrieben, die Beziehungen zwischen Berlin und London hätten heute „eine befriedigendere Grundlage tdtd zu irgend einer Zeit in den letzten zehn bis zwölf fahren"? Heute darf nun auch noch einmal an die Kaiser- »Oeburtstagsrede unseres Botschafters in London erinnert werden. Fürst Lichnowski hatte das friedliche Zusammen- «rbeiten Englands und Deutschlands sehr stark unter»
politiicheu Teil: August
........ Anzeiger für Oberheffen ZWM
T°°">nün'n'" Rotafionsörutf und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Skinöruderci R. ränge. RedaNion, Expedition und ©ruderet: rchttlstratze 1. «“nb": b=n
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strichen, und wir können heute mit mehr Glauben an» nehmen, daß seiner Rede die tatsächliche und praktische Richtung der beiderseitigen Politik entspricht. Bei den Balkankonferenzen war in amtlichen Kundgebungen auch schon das gute deutsch-englische Einvernehmen hervorgehoben worden. Aber daß dem deutschen Standpunkt dabei große Zugeständnisse gemacht worden seien, davon ist bisher nichts herausgekommen. Hoffentlich macht es Herr v. Bethmann Hollweg nicht wie jener Bauer in dem Märchen, der fein Pferd auf den Markt bringen wollte, es unterwegs aber gegen eine Kuh austauschte, die er bann für ein Schaf fortgab, bis er, nach weiteren Händelu,. nichts mehr hatte als einen Sack voll verfaulter Aepsel. Er wettete bann sogar noch mit zwei reichen Engländern, daß er von seiner Alten zu Hause nicht Prügel, sondern Küsse erhalten würde. „Immer bergab und immer lustig!" sagten die Engländer, Sie in dem Märchen die Wette verloren. Wir haben schlechte Vorahnungen, wenn unser Bauer Reichskanzler auf den Markt geht. Der deutsche Opttmismus ist nicht mehr ganz grenzenlos. Wir haben zwar keinen Anlaß zu verzweifeln, aber so manches Mal hat sich zur amtlichen RechnungHablage ein Kopfschütteln erhoben: „Immer bergab und immer lustig!" Mit Rechen- exempeln kann der handfertige Zauberkünstler ganz artige Gesellschaftsspiele zustande bringen. Es fällt dabei manchmal etwas unter den Tisch, oder es verschwindet im Aermel. Sind die zahlreichen Lektionen über Flottenverständigung, die schon Fürst Bülow öfters erteilte, ganz in Vergessenheit geraten? Ein englisches Blatt, die „Evening News", macht nach einer telegraphischen Meldung heute schon Ein- toenSungen: „Es sei verfrüht, zu sagen, daß eine dauernde Besserung der deutsch-englischen Beziehungen vorauszusehen sei. Möglicherweise bestehe Deutschland darauf, die kolonialen Dreadnoughts als einen Teil' der organisationsmäßigen englischen Seewehr zu betrachten." Wenn Deutschland heute die kolonialen Schiffsbauten Englands außer Acht lassen wollte, so bedeutete dies allerdings einen UmfaU gegen früher und käme dem Tauschhandel des Bauern gleich, der schließlich die verfaulten Aepfel nach Hause trug. Tröstende Hoffnungen kann mau nur an die Tatsache knüpfen, daß es der Staatssekretär v. Tirpitz war, der im Ausschuß den deutschen Standpunkt vertrat. Nach dem Bericht eines Blattes soll er auch nur davon gesprochen haben, daß der englische Vorschlag für die nächsten Jahre annehmbar fei. Der Ausschuß des Reichstags, der unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit über bk Regierungsabsichten sich wohl informieren konnte, wird es wissen, ob man der neuen Reise Vertrauen schenken darf, oder ob man die Hand am Stecken halten muß.
An der Seite des Staatssekretärs v. Tirpitz war auch der neue Staatssekretär des Auswärttgen zum ersten Male vor den deutschen Parlamentariem erschienen, um beruhigende Erklärungen ab zu geben. Wir können über den Eindruck, den er machte, heute nur ein einziges Zeugnis an führen, nämlich aus dem Berliner „Lokalanzeiger". Es heißt da, er wäre ob feiner kleinen, fast unscheinbaren Gestalt beinahe übersehen worden, fei aber bann mit einer wohlformulierten Erklärung recht frisch und sicher aufgetreten. In der Aussprache, heißt es in dem Blatte, ^verfügte er aber nicht mehr über die anfängliche Gewandtheit und Sicherheit. Als er schließlich seine für die Presse bestimmte Erklärung zu Papier brachte, wurde aus der Kommission heraus eine nicht u n w e s e wt l i ch e diplomatische Korrektur an bem Kommunique vorchnom- men. Alles in allem lautet bas Urteil der bei feinem (ersten Debüt anwesenden Parlamentarier: Herr von Jagow hat
Aus diesen Erwägungen heraus muß sich die Darstellung vor dient der sorgfältigsten Sprachbehandlung befleißigen, sie muß sich ebenso fern vom Deklamieren wie von dem sog. Konverlatwns- lon halten, und Wan wird gern gestehen, daß die gestrige Jnp «ührung, von einigen kleinen Unebenheiten abgesehen, darin cm naßes und gutes leistete. Auch die Darstellung der Charaktere leigte die glückliche Hand eines tüchtigen Regisseurs, und Herr Tworkowski, der das Spiel leitete, darf mit diesem Erfolg wllauf zufrieden sein. Fräulein Dagny gab der Emilia liebliche Zuge, aber ein klein wenig mehr südliche Leidenschaft Ware
Steppenlänöer öes nordöstlichen Veutsch-Gftasrika.
Gießen, 7. Febr.
Ueber „Steppenländer des iwrdöstlichen Deutsch-Ostafrika und' ihre Bewohner" sprach in der „Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde" Privatdozent Tr. E. Obst aus Marburg. Deutsch-Ostafrika baut sich von Daressalam aus in drei Stufen nach Westen hin auf: Die Küstenzone, das Zirndgebirge und das innerafrikanische Hochland. Tropischen Charakter zeigt nur die Landschaft an der .Küste und einzelne Teile der Abfallzone nach dem Jndisckxm Ozean. Wegen der größeren Seehöhe und seiner Ebenheit ist das Hochland naturgemäß den pflanzens eindli Yen Winden in erheblichem Maße, ausgesetzt, so daß dadurch, in Verbindung mit Wassermangel, geschlossene Vegttationsformen in größerem Maßstabe selten sind. Vorherrschend ist die Steppe, unterbrochen von Dornbusch und salzhaltigen Sumpsgebieten. Aus der teilweise vegetationslosen Ebene ragen wie Inseln runde Felskuvpen aut, die als Ueberreste zertrümmerter Gebirge anzusprechen sind.
In den Jahren 1910 und 1911 unternahm der Vortragende eine Expedition in jene Gebiete, um zu erforschen, welche Kräfte bei der Einebnung dieses, ehemaligen Gebirges tätig gewesen seien. Es konnte dabei einwandfrei festgestellt werden, daß eine Erosions- erscheinung vorliege. Tie Reise nahm die Militärstation Kili- matinde zum Ausgangspunkt und führte zunächst zur Landschaft Turu, in der der Volksstamm der Wanjatnru seßhaft ist. Sie stellen ein Mischvolk dar, das seinen nsprünglichen Negerthpus infolge von Ueberflutungen durch andere Völker im Laufe der Zeit fast eingebüßt hat. Nur bei den Frauen lassen sich die Merkmale des Bantunegers noch deutlicher erteimen. Ter Reichtum dieses Vollsstammes besteht in stattlichen Herden des einheimisck>en Buckelrinds. ohne daß dieses jedoch planvoll gezüchtet würde. Die Besitzer haben keine Ahnung von der Verwertbarkeit ihrer Viehschätze. Ihre Bedürfnislosigkeit läßt auch den Wunsch nach einem Umsatz ihres Eigentmns nickst aufkommen. Eine Perlenschnur, die durch Trägerdienste leicht zu ertoerben ist, bildet das Höchste, was der Wanjature an Ansprüchen stellt. Zu ihren Tänzen tragen die Frauen hübsche Rückenbänder, die sie selbst flechten. Sie begleiten den Tanz mit ihren nickst unmelodischen Gesängen. In Ermange- lung von Musitinftnimenten schlagen sie Messingspiralen, die den Unterarm umhüllen, rhthmisch aneinander.
Die Nachricht, daß in dem Gebiet von Jssansu eins der sagen - haften Zwergvölker Hause, veranlaßte beit Forsckstr, dorthin aus- zubrechen. Nach imühevollem Umherwandern gelang es schließlich, im Njarasagraben den Stamm der Wassendiker zu erkirnden und in der Nähe die Zelte anzusiedeln, um ihn zum Gegenstand ein-
Die Türkei in doppelten Nöten.
Bei den Kämpfen in Gallipoli und Tschtaldscha ist noch keine Entscheidung gefallen. Die Türken verharren in der Defensive. Die Bulgaren aber gehen zielbcwußt vor. Jeder Tag des Säumens bringt den Türken weiteren Schaden. Die Truppenlandungen bei Rvdvsto und, wovon heute gemeldet wird, bei Midia am schwarzen Meer sind jedenfalls unbedeutend. Adrianopel kann sich sicher nicht mehr lange halten. Wie unter diesen Umständen die Pforte noch auf Finanzoperationen Hoffnungen bauen will, ist unverständlich.
Die Beschießung Adrianopels.
Sofia, 7. Febr. Amtlichen Nachrichten zufolge ist die fortdauernde Beschießung Adrianopels erfolgreich. Vor Tschataldscha kamen bisher nur unbedeutende Vorpostengefechte twr, welche ergebnislos o erlauf en find.
Laut Nachrichten aus Sofia wird cut allgemeiner Sturm auf Adrianopel in zwei oder drei Tagen erfolgen. Wie die bulgarische Regierung erfahren haben will, soll Adrianopel, falls es jetzt nicht eingenommen wird, neutralisiert werden. ,
Konstantinopel, 9. Febr. Auf dem Kriegsministerium wird erklärt, daß das B o m b agr b e m e n t auf Adrianopel wie das Erwiderungsfeuer der Belagerten mit unverminderter Heftigkeit fortbauere. Türken wie Bulgaren haben schwere Verluste. Der bulgarische Rückzug von Tschataldscha auf Tschorlu dauert an.
Die „Kölnische Zeitung" erhielt em längeres Telegramm aus Dedeagatsch, bas besagt, daß nach Briefen cms Adrianopel, die durch Ueberläufer angekommen sind, sich dort alle Reichsbeutschen wohlauf beftnben.
Konstantinopel, 7. Febr. Wie amtlich aris K a l> i- fratia gcmelbet wird, besetzten die türkisch en Truppen gestern die Station Baktscheiköj an der Bahnlinie nach Tschataldscha sowie die dem rechten Flügel der ttirkischcri Armee gegenüber gelegenen Höhen. Die türkischen Erkundungsabteilungeii sind mit dem Feinde in Fühlung.
Landung kurdischer Reiter an der Küste des Schwarzen Meeres?
Die etwas phantasttschc Berliner „Morgeirpost" meldet aus Konstantinopel: Vor drei Tagen landeten bei Midia 10000 irreguläre kurdische Hamedie- Reiter aus Trapezunt', die Ordre haben, das bulgarische Okkupationsgebiet mit Feuer und Schwert zu verwüsten und die christliche Bevölkerung ausnahmslos zu massakrieren unb als Aufklärungstruppe für einen Entsatz womöglich bis Abrianopel vorzudringen. Den Bulgaren soll es gelungen sein, die östlichen Befestigungswerke Adrianopels zu erstürmen und zu zerstören.
Nach einer Blättermeldung aus Konstantinopel begab sich der Kreuzer „M e s s i d i e h" mit zwei Torpedo-
Nr. 55
Der Gießener Anzein-r erscheint täglich, ai-M^ Sonntags. — Beilagen: viermal wöcbenllicl GiehenerZamiUenblätter. zivennalwöchenll.N»ei§- blatt fiirden Nreis Gießen
Die Leidenschaft, die den Verstand ausschaltet oder doch in feinem Wirken lähmt, ist wohl der eigentliche Grundgedanke, der das Trauerspiel von der Emilia (tzalotti bewegt unb schließlich aud) den tragischen Ausgang herbeiführt, wenn anders man nicht die Notwendigkeit des Schlusses leugnet und ihn damit gleichzeitig als untragisch unb undramatisch erklärt. Mehr als zu Lessings Zeit steht man heute auf dem Standpunkt, daß der Dichter mit scharfem Verstände zwar unb mit geilwollcr Bered- fimfeit die Geschehnisse zu begründen versuchte, daß er aber mit Lieser etwas frostigen Kunst doch nidn zu überzeugen vermag. Zwar versucht Bulthanpt den Nachweis, daß Lessing ganz folgc- nickstig gehandelt habe, aber er muß schließlich doch zugeben. Laß die Motivierung spitzfindig, die Tat Odoardos nicht frei oon ! Aebertreibnng sei, und daß Lessing wohl selbst nicht von der Notwendigkeit der Geschehnisse überzeugt geivesen wäre. Auch sonst aoch hat sich Lessing kleine Unwahrscheinlichkeiten ge>tattet, tote . B. in deni Verhalten des Dieners Pirro, der alles ausplaudert I rnb bann erst stutzig wird, obtoolst er den Angejo längst als Spitz- - Lüben kennt Ebensoweiiig hätte Marinelli einen Grund, der «Gräfin einiges von dein Ueberfall zu erzählen, aber dann ivare die (Landlung auf il/rem toten Punkte angelangt. Diese Ausstellungen werden aber durch eine vortreffliche Charatterscknlderung, eine Tirtuofc Bühnentechnik und nicht zuletzt durch die unvergleichliche »Eprache Lessings tocit ausgewogen. Zwar erscheint uns Heutigen 1 schon manches an dieser Ausdrucksweise veraltet, wir smd daran lewöhnt, daß ein jedes Geschöpf des Ticksters seine eigene Sprache -lebet — aber zur Zeit als Lessing schrieb, Falt ferne Sprache, Die wir u. a. von Ramler wissen, als „die Sprache der mannig-


