Nr. 254
Zweites Blatt
165. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Siebener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Nreirblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberheffen
Montag, 6. Moder 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^@51.
Redaktion:S-^ 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
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daß bei der gegenwärtigen Haltung der Fortschrittspartei deren wirtschaftspolitisck-cs Ideal noch immer der Freihandel ist lind die heute den allmählichen Abbau der Zölle fordert, nicht zu denken ist, so bedauerlich dies auch sein mag. Tie nationalliberale Partei wird sich natürlich solchen Versuchen widersetzen: sie wird aber ebensowenig für übertriebene Forderungen zu haben sein.
„Wir können," so schließt Dr. Stresemann seine Artikel, „aus den Zolldebatten der nächsten Jahre ohne leidenschaftliche Erregung der Menge, ohne Ausspielung eines Berufsstandes gegen den anderen herauskommen, wenn sich alle bürgerlichen Parteien diesen Standpunkt der nationalliberalen Partei aneignen würden." Ganz unsere Meinung.
Der Antrag Schönbergers, Aushebung der veMrkaffen in Hessen betreffend.
Ein Finanz beamt er schreibt uns:
Der Schwerpunkt des Antrags Schönberger liegt u. E. in der Frage: Können die Städte und Gemeinden verpflichtet werden, die Erhebung der Staatssteuern im besonderen und der Staatseinnahmen im allgemeinen unentgeltlich vorzunehmen? Wenn ja, dann hätte man diese Verpflichtung schon bei der Einrichtung der Untererhebstellen aussprechen sollen, denn letztere decken sich in der Hauptsache mit den Gemeindekassen. Um Ersparnisse für die Staatskasse zu erzielen, würde es dann einfach genügen, den Untererhebern, soweit sie Gemeindeeinnehmer sind, die Hebgebühren zu entziehen, dagegen da, wo es sich um selbständige Untererhebstellen handelt, diese aufzuheben und an die Gemeindekassen anzugliedern. Hiermit wäre mit einem Schlage die Staatskasse von den Kosten der vielumstrittenen Untererhebstellen entlastet, nicht aber wären dies auch gleichzeitig die Steuerzahler. Wenn es auch möglich fein sollte, die Gemeinden zur Uebernahme der staatlichen Erhebungen zu zwingen, so kann dieser Zwang nicht ohne weiteres bis auf die Gemeindeinnehmer ausgedehnt werden, welche zu ihrem Arbeitgeber in einem ieder- zeit kündbaren Vertragsverhältuis stehen und nach bem, Grundsatz von Leistung und Gegenleistung sich ihrer Arbeit entspreckfend bezahlen lassen. Den Zugang der staatlichen Erhebungen werden diese nicht ohne entsprechende Vergütung hinnehmen, welche, wenn der Staat sie ablehnt, von den Gemeinden zu übernehmen wäre. Also: Entlastung des Staates, Mehrbelastung der Gemeinden. Gerade in diesem Zeitpunkt wurden in der letzten Zeit von den Kommunalvertretern heftige Klagen geführt und hervorgehoben, der Staat treibe Sparpolitik, indem er einen Teil seiner Lasten auf die Gemeinden abwälze oder letztere in verstärktem Maße zu staatlichen Leistungen nötige. (Erhöhte Heranziehung der Gemeinden zu den Lehrerbesoldungen, den Oberförsterbesoldungen, Erhebung von Gebühren der Rechnungsrevision usw.)
Der Gedanke, Staatssteuern von den Gemeindekassen erheben zu lassen, ist nicht neu, er wurde auch schon von dem Herrn Oberbürgermeister unserer Residenz ausgesprochen. Nachhaltig weiter verfolgt wurve er aber nicht, wohl deshalb, weil man sich von dessen Unausführbarkeit überzeugte. Voraussetzung für die gemeinsame kostenfreie Erhebung von Staats- und Gemeindesteuer wäre deren Anforderung auf einem Zettel, was sich aber bis jetzt bei den Veranlagungsbehörden als undurchführbar erwiesen hat, da die Unterlagen für die Gemeindesteuerausschläge, die Gemeindevoranschläge, so spät fertiggestellt werden, daß mit dem Ausschlag der Staatssteuern hieraus nicht gewartet werden kann.
Der Herr Antragsteller nimmt sich Preußen zum Vorbild. Es fei deshalb gestattet, die dort bestehende Einrichtung eingehend zu beleuchten. In Uebereinstimmung mit Hessen ist in Preußen das Kassenwesen auf das glatte Land hin, in inniger Fühlung mit den Pflichtigen, verzweigt. Tie Erhebung der Staatsgefälle geschieht durch die Gemeinderentmeister unentgeltlich und zwar als Gegenleistung für die Ueberlafsung der Realsteuer an die Gemeinden. Slblieferungspflichtig sind diese Stellen an die Kreisrentmeister, deren Dienstbezirk sich mit einem Kreise, je nach Größe auch mit mehreren, deckt und welche ungefähr mit den Bezirkskaffen in Hessen übereinstimmen. Der Aufbau nach oben gipfelt in Preußen in den Regierungshauptkassen als Zentralen, in Hessen in der einzigen Hauptstaatskasse. Die Zuständigkeit der hessischen Bezirkskassen reicht aber bedeutend weiter als die preußischen Kreiskassen, da sie noch die Gerichtskosten, gerichtlich anerkannte Strafen usw., ferner Domanialgefälle aller Slrt zu erheben haben, wofür in Preußen Gerichtskasfen, Forstkassen und Domanialkasfen bestehen, welche sämtlich an die Regierungs- hauptkafsen ablieferungspflichtig find. Wo sonach in .Hessen als Vorinstanz zur Zentrale ein einziges Kassensystem besteht, sind es in Preußen deren vier.
Und nun soll nach Ansicht des Herrn Sch. dieses eine Institut überflüssig sein, es soll die Möglichkeit vorliegen, etwa 1000 Gemeiudekaffen in ein direktes Ablieferungs- und Abrech- nnngsverhältnis zur Hauptstaatskaffe zu bringen? Diese Frage stellen heißt sie verneinen. Es ist gar nicht auszudenken — auch für den fernerstehenden nicht — welchen Ausbau die erwähnte Behörde erleiden müßte, um der Ausgabe gewachsen zu sein, die ihr für die Zukunft gestellt würde. Herr Sch. hat es eilig. Er wünscht, daß seine Gedanken schon in Bälde umgesetzt werden, übersieht aber hierbei, daß man etwa 40 bermafige Bezirkskassiere nicht ohne weiteres ihrer Stellung entheben kann. Diese sind pensionsberechtigt und würden im Falle ihrer Zwangs- pensionierung die Staatskasse mit etwa 150 000 Mark Ruhegehältern belasten. Ob es mit der Sparabsicht des Herrn Antragstellers in Einklang zu bringen ist, drei Dutzend rüstige, arbeitsfähige und arbeitswillige Beamten zur Untätigkeit zu verurteilen, ihnen aber dafür Bezahlung zu geben, möge füglich bezweifelt werden. Ms s. Zt. die Miguelschen Reformen in Preußen cingefübrt und durch Ucbertragung der Staatssteuererhebung auf bie Gemeinden viele Beamten entbehrlich wurden, konnte man diese als Lotterieeinnehmer unterbringen. In Hessen wäre ähn- liches gegenwärtig nicht möglich. . '
Ob sonach der Antrag Sch., auf Ersparnis,e abzielend, prak- tisch durchführbar und namentlich ersparnisbringend sein wird, bleibt noch zu beweisen. Mle diejenigen, welche der bestehenden Organisation Verständnis entgegenbringen, glauben dies mit nein beantworten zu sollen.
£an6tag$abgeorönekr Dr. heydenreich f.
bs. Darmstadt, 5. Oft.
Am Samstag abend gegen 6 Uhr starb in seiner Wohnung, Eichbergstraße 24, nach kurzem Krankenlager der Landtagsabgeordnete und Direktor der Zentralgenossenschaft der hessischen Landwirtschaftlichen Konsumvereine Dr. Aug. Heydenreich. Der Verstorbene stand int 67. Lebensjahre; er wurde geboren am 8. Juli 1846 zu Affolterbach i. O. Er besuchte die höhere technische Schule in Darmstadt sowie die Universitäten Gießen, Halle und Heidelberg. Sein Hauptbetätigungsfeld war die Landwirtschaft. Er volontierte auf verschiedenen Gütern und arbeitete vom Jahre 1869 an bis 1887 als praktischer Landwirt auf dem Gute feiner Eltern, das er 1880 als Eigentum übernahm. Von 1887 ab stand Heydenreich im Dienste der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften. Seit 1881 war er Mitglied des Vorstandes des landwirtschaftlichen Provinzialvereins Starkenburg und. feines Ausschusses. Ferner gehörte er dem hessischen Land- wirtschaftsrat an. Bis zu seiner Nebersiedlung nach Darmstadt im Jahre 1887 war er auch Mitglied des Kreistages des Kreises Heppenheim und des Provinzialtages der Provinz Starkenburg. Seit dem 28. Oktober 1893 gehörte Heydenreich der Zweiten Kammer an, auch war er Mitglied der hessischen Landwirtschaftskammcr. In der nationalliberalen Partei, der der Verstorbene angehörte, nahm er die Stellung eines stellvertretenden Vorsitzenden ein. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in der Hauptsache ein Vertreter der landwirtschaftlichen Interessen zu fein. Aber auch in steuerpolitischen Fragen hörte man gern den Rat Dr. Heydenretchs. Er vertrat den Wahlkreis Wald-Michelbach. Der Verstorbene gehörte dem Finanzausschuß der Zweiten Kammer und der Kommission zur Beratung über die Vereinfachung der Staatsverwaltung an.
Die Beisetzung der Leiche soll am Mittwoch in Affolterbach stattfinden.
Unser imperialistisches Zeitalter habe die Reibüngssläckien unter den Nationen immer größer werden lassen. Klar habe das heute das deutsche Volk ernannt und die Konsequenz daraus gezogen, indem es gewaltige Opfer für die Stärkung unserer Wehr brachte. Das sei nicht tzuletzt ein Erfolg der nationalliberalen Politik. Zeit ihres Bestehens habe die nationalliberale Partei diese Gedanken ins Volk getragen. Einst war sie fast Prediger in der Wüste, mußte sie sich des Hurrapatriotismus zeihen lassen, heute sei die klare Erkenntnis von Iber Notwendigkeit einer kraftvollen, durch eine machtvolle Rüstung gestützten auswärtigen Politik Gemeingut des gesamten Bürgertums. Und das stolze Bewußtsein, diese Erzie- lMngsarbeit selbstlos geleistet zn haben, Wune der nationalliberalen Partei niemand rauben. Auf diesen Bahnen unserer Partei wollen wir weiter arbeiten. Eine Politik der Resignation auf dem Gebiet der auswärtigen Politik darf es nicht geben. Wir wollen Opfer nicht umsonst bringen, sondern wollen unfern Platz an der Sonne haben. — In der inneren Politik rückte Herr Bassermann die Neuregelung unserer Handelspolitik in den Vordergrund. Mit Recht werde man an jede Partei appellieren : Wie stehst du zu den Fragen der Wirtschaftspolitik? Für uns ergebe sich die Antwort, wenn wir uns vergegenwärtigten, welchen Aufschwung das deutsche Volk in den letzten Jahren wirtschaftlich genommen. Dieser Aufschwung zeige, daß die Grundlagen unserer Wirtschaftspolitik gesund sind. Deshalb werde die nationalliberale Partei fest halten an den Grundlagen, die sie 1902 mitgeschaffen habe, einig in allen ihren Gliedern, Her deut - schen Volkswirtschaft den Schutz der nationalen Arbeit zu erhalten. — Die Partei bleibe sich aber auch bewußt, daß sie in allen Fragen eine Politik der mittleren Linie verfolgen müsse. Das führte Herrn Bassermann zu einer nachdrücklickten Betonung auch des liberalen Teils des nationalen Programms. Gesetzgebung und Verwaltung wollen wir, so sagte er, mit liberalem Geist durchdringen, und dieser Aufgabe wollen wir neben der nationalen nachstreben. Guten Mutes, unbekümmert um hämische Angriffe von rechts und links, wollen wir unser Ziel zu erreichen suchen: eine kraftvolle nationale Politik, getragen von liberalem Geist, der letzten Endes doch Herr werben muß über Klassen- und konfessionelle Streitigkeiten.
Eine Reihe weiterer Reden, künstlerische und turnerische Darbietungen verstärkten den Eindruck der Feier. — Am Sonntag folgten Besichtigungen, sowie ein gemeinsames Essen, am Montag eine Fahrt nach Rüdesheim.
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Die Geschäftsstelle der „Freien Vereinigung hessischer Nationalliberaler, Mainz", schreibt uns:
In ben gegenwärtig eifrig betriebenen wirtschaftspolitischen Erörterungen rückt bie Haltung ber nativnalli beraten: Partei gegenüber unserer heutigen Wirtschafts- und Zollpolitik immer mehr in den Mittelpunkt. Es ist bies wohl im Hinblick auf die wichtige Rolle, die die nationalliberale Partei bei den aus Anlaß der Neuregelung der Handelsverträge im Reichstage ftattfinbenben Bei Handlungen spielen wird, bis zu einem gewissen Grade verständlich. Eigentlich ist bie wirtschaftspolitische Stellung ber Nationalliberalen Partei aber keine Frage mehr, denn es steht längst fest, baß unsere Partei in die Phalanx ber schutzzöllnerischen Gruppen gehört unb unter allen Unist ä n b e n an bem bestehenden maßvollen Schutzzollsystem f e st h a l t e n will. Auf diesen programmatischen Standpunkt hat sich die Partei durch die Erklärungen ihrer Fraktionen, die Kundgebungen ihrer Parteitage unb bie Aenße- inugen ihrer verantwortlichen Redner wiederholt sestgelegt, so daß jeder objektive Politiker mit dieser Stellungnahme wie mit einer gegebenen Tatsache rechnen sollte.
Wenn gleichwohl in bet agrarkonservativen Presse systematisch die Meinung verbreitet wird, daß die gegenwärtige deutsche Wirtschaftspolitik in Gefahr stehe, zugunsten sreihändlerifcher Tendenzen geopfert zu werden, da bei ber dem Gedanken des allgemeinen Abbaues geneigten Haltung verschiedener unter dem Einflüsse des Hansabundes stehender nationalliberaler Abgeordneter auf bie nationalliberale Partei kein Verlaß fei, so entspringt ein solches» Vorgehen durchsichtigen Gründen. Aus der Haltung der nativ n a l l i b e r a l e n Partei in Sachen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Zollpolitik wird sich aber, darüber sollten sich eigentlich bie führenden Kreise des Bundes der Landwirte klar sein, fein Kapital schlagen lassen, denn sie ist unangreifbar. Daran ändert auch selbstverständlich nichts bie Zugehörigkeit natio- nallibcralcr Parteimitglieder zu dieser ober jener, wirtschaftspolitischen Organisation. Wenn dies der bekannte Syndikus Dr. Stresemann im „Deutschen Kurier" in Abwehr der erwähnten agrarkonservativen Angriffe mit Nachdruck betont, so kann man sich in Anbetracht seiner Beziehungen zum Hansabund über.eine solche Feststellung nur freuen. Wertvoll ist vor allen Dingen das von Dr. Stresemann für den Hansabund — dem wir, wie wir ausdrücklich bemerken, als politische Partei vollständig unabhängig gegenüber ft eben — abgegebene klare und unumwundene Bekenntnis zur heutigen Schutzzollpolitik.
Wie bie für die Erkältung der Grundlagen unserer heutigen Wirtschaftspolitik eintretenben Kreise haben den natürlichen Wunsch, daß sich bie Reihen ber zum Schutze ber nationalen Arbeit Bekennenden um neue Gruppen verstärken möchten. Daraus erklärt es sich auch, daß von Dr. Stresemann es als wünschenswert betrachtet wird, wenn auch die Fortschrittliche Volkspar- t e i von einer Agitation auf Herabsetzung der Zölle absehen unb sich den Schutzzöllnern auschließen würbe. Wir glauben aber,
wiederholt funbgegebenen Stellung lehnen wir einerseits den Abbau der bestehenden Schutzzölle, welchen Industrie unb Lanb- wirtsck-ast ihr Erstarken unb ihre Blüte verbauten, anbererfeits extreme Schutzzollsorberungen ab, weil solche eine Erschwerung ber Lehenshaltung unseres Volkes herbeiführen unb den an sich schon cküvierig gewordenen Mschluß guter Handelsverträge, bie wir ür bie Stetigkeit unserer volkswirtschaftlichen Entwicklung für unbedingt notwendig erachten, gefährden ober unmöglich machen würden."
Die Beratung ber Frage des Arbeitswilligen- s ch u tz e s endete mit der Einsetzung eines Ausschusses, der bas bereits vorhandene reichhaltige Material verarbeiten und die Grundlage für die weiteren Entschlüsse der Fraktion schaffen soll. Ueber die Bestrebungen auf Schaffung eines Staatsarbeiterrechts wurde ebenfalls Beratung gepflogen. Man einigte sich dahin, im Reichstag einen Antrag einzubringen, aus Vorlegung einer Denkschrift über die rechtlichen Verhältnisse der außerhalb des Beamten-Ver- hältnisses in den Betrieben des Reichs beschäftigten Personen.
Die Prüfung der schwebenden Fragen der Gewerbe- und Handwerkerpolitik wurde einem dreigliedrigen Ausschuß übertragen, der der Fraktion bei ihrem Wieder- zusammentritt Bericht zu erstatten hat.
Am Samstag abend fand eine Begrüßungsfeier statt, die einen glänzenden Verlauf nahm. Im Mittelpunkt stand eine politische Rede des Reichstagsabgeordnete n V a s s e r m a n n, der an den Wiesbadener Parteitag von 1907 erinnerte, damals die Zeit erfolgreicher Blockpolitik, heute dagegen eine Zeit gärender Unruhe im Innern und nach außen.
Die diesjährige Tagung
der nationalliberalen Reichstayssrattion die am Samstag und Sonntag in Wiesbaden stattfand, erfreute sich wie die des Vorjahres in Heidelberg, eines zahlreichen Besuchs. Etwa 30 Abgeordnete hatten, teilweise mit ihren Damen der Einladung Folge geleistet. Erörtert wurde zunächst die auswärtige Politik, weiter die braunschweigische Thronsolgefragc; hierzu wurde folgende Ent- s ch l i e st u n a angenommen:
Die nationalliberale Fraktion des Reicl)stags hat von ber PutfATieüuna ber uationalliberalen Lanbesorganisatiou Hannovers sti der Frage der braunschweigischen Thronbesteigung Kenntnis stellt fest, baß bie bann ausgesprochenen B e- f ir A unaeu durch das Don ber Seifenpartei in ber turöHungctt Verhalten in vollem Umfang ge-
JprfSp? worden find. Sie billigt unb teilt den in ber 3Le Als er t i gt gebrachten Staubpunkt unb ist bereit,
Entschließung zum - - Gebote stehenden parlamentarischen
’&tÄS bm X" jungen zur Geltung zu brilT9C<?n her Besprechung der wirtschaftlich en Frag en hnflpßirimütigfeit. Gegenüber den fortgesetzten ^e.Ke^' AnarMenwurde der Standpunkt der Fraktion gegnerifchen Angrissen w cinma( niedergelegt:
in na^OtSnnaIlibLaie ^ralnon des Reichstags wirb bei ber • Zolltarif Novelle unb künftigen Han-
^Ȁnbben ^Grundlagen unserer bisherigen, in Jahr- zchntrn b-wahrtru Mirti-lu-ftsp-littl f-MlKn. 3n Verfolg dreier
Ans Stadt rrnv LanH»
Gießen, 6. Oktober 1913.
T r intet- Fürsorge stelle für Stadt und Landkreis Gießen, Gießen Asterweg 9. Sprechstunde jeden Dienstag abend 6*/3 bis 8 Uhr. *
** Personalnachri chten der Ober-Postdirektion in Darmstadt. Verliehen: den Charakter als „Rechnungsrat" dem Ober-Postsekretär Röder in Darmstadt; ferner: anläßlich des Scheidens aus dem Dienste das Hessische Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" dem Landbriefträger Scholl in Fränlisch-Crupibach und das Hessische Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Dienste" dem Postagenten Peter Kunz I. in Erfelden. Versetzt: Der Post- inspektor Klingelhöffer von Darmstadt nach Kassel unter Uebertragung einer Vizepoftdireitorenstelle; der Postinspektor Quenzlein von Duisburg-Ruhrort nach Darmstadt, der Postsekretar Schreiber von Mainz nach Koblenz unter Uebertragung einer Bureaubeamtenstelle 1. Klasse, die Postsekre- täre Bonarius von Berlin nach Darmstadt und Reining von Mainz nach Trier, der Ober-Postassistent Vöhl von Nidda nach Friedberg, der Postverwalter Lapp von Ehringshausen nach Seligenstadt (künftiger Amtstitel Ober-Post- assistent), die Postasfistenten Lehmann von Langen nach Jena, Ermrath von Bad-Nauheim nach Frankfurt (Main), Frank von Lauterbach, Friedr. Müller von Bad-Nauheim, Richard Becker von Ober-Ingelheim und Uebel von Sprendlingen (Kr. Offenb.) nach Berlin, die Telearaphengehilfinnen Schramm von Jena nach Gießen und Schreiber von Frankfurt (Main) nach Darmstadt. E r n a n n t: Die Postsekretäre Kabey in Darmstadt, Schäfer in Mainz und Schmidt in Bensheim zu Ober-Postsetretären, der Postsekretär Keller in Oppenheim zum Postmeister und der Telegraphensekretär Seibel in Offenbach zum Ober-Telegraphensetretär. Etatsmäßig a n g e st e t l t: Ter Postassistent Scholz aus Friedberg in Lauterbach, der Telegraphenassistent Hechler aus Witten in Darmstadt und die Telegraphengehilfin Clara! Frank in Worms. Angenommen: zu Telegruphen- gehilsinnen die Anwärterinnen: Born, Friedrich, Heil und Nebhuth in Darmstadt, Ober in Mainz, Bangert und Flohn in Worms, zu Postagenten die Landwirte Schäfer in Ehringshausen, Peter Kunz II. in Erfelden, Tritsch in Pfaffenbeerfurth und Wegstein in Zellhausen. Freiwillig ausäeschieden: Tie Postagenten Treusch in Pfaffenbeerfurth, Keck in Zellhausen und die Postagentin Genzlinger in Bürstadt.
** Gießener Stadttheater. „Sündenböck e".- Die erste SonutagsvorsteUuug, bie Schätzler-Perasiuis Sünden- böcke in einer von Herrn Dworkowski geleiteten, tadellosen Aufführung brachte, hatte einen ganz außerordentlichen Lacherfolg. Das mit allen Schwaukmittelu arbeitende Stück ergötzte bie Zuhörer so außergewöhnlich, daß sie sich mit ihren Beifalls^ bezeugungen gar nicht genug tun konnten. Es gibt da einen Stadtrat, ber sich im Süden als sein Freund, Kircheurat Zacharias Zacke ausgibt, mit einer jungen Tänzerin, die er als Tochter ausgibt, zufammeulebt, unb bann in ber Heimat als diese Verwirrung über sich ergehen lassen muß, unb schon froh ist, baß er mit einigen blauen Scheinen bavon kommt. Mehr von bem Inhalt zu erzählen, ist nicht gut möglich, beim alles wirbelt fo toll unb fo bunt burdjeinanber, baß man kaum noch den Faben finben kann, aber immer lachen muß. Damit ist ber Zweck bes Stückes erfüllt unb ber Kritiker kann lebiglich den Erfolg feststellen, einen Erfolg, der sich vermutlich in zahlreichen Wiederholungen äußern wird. Die Aufführung holte das Mögliche aus dem Stück heraus und war an bem Erfolg stark beteiligt. Herr Goll als Stadtrat in tausend Noten war in Maske und Spiel von ausgezeichneter Komik. Nicht miiiber Herr Vo ick als richtiger Kirchenrat, der schon durch seine Maske das Publikum stark erweiterte unb immer wieder beklatscht wurde. Fach


