' £3c Sen unsere Söhne darum Soldaien, Laß sie int eigenen Hause !.. schimpft werden können? Zahlen mir darum Steuern, um uns blaue Bohnen in den Bauch schießen zu lagen? Wie Kollege Roser schon ausgeführt hat, hat der Königs- leutnant v. Forstner gesagt, daß die Leute, wenn sie non einem Wackcs angegriffen werden, ihn nicderschicßen müssen, und daß sic dafür zehn Mark erhalten. (Hört! Hört!) Es ist also eine Prämie a n f den T o t s ch l a g ausgesetzt. Wenn der Sergeant auch noch einen Taler beitragen will, so wirft das auf die Unteroffiziere ein eigentümliches Licht. Demselben Herrn Sergeanten hat man d'c Wahl gelassen, ob er lieber Prügel haben oder sich als E ck st e i n benutzen lassen wolle. Er hat das letztere borgezogen. (Hört! Hört!) Der Belagerungszustand sollte verhängt werden; 45 000 Patronen waren bereit zur Verteilung. Am Mittwoch, den 26. November, also zwei Tage, bevor der Kriegsminister seine Entschuldigungsrcde hielt, hatte das Militär sich bereits die P o l i z c i g c w a l t angcmaßt und sie der Zivilbehörde genommen. (Hört! Hört!) Das ist eine flagrante Gesetzesverletzung, und dann stellt sich der Kriegsminister hin und hält eine Entschuldigungsrcde, die selbstverständlich öcrrn v. Forstner und diejenigen Leute, die mit ihm geistesverwandt sind, ermutigen muß. (Sehr richtig!) An demselben Tage sind dann die Glsetzesverlctzungen vorgekommen. Wenn der Herr v. Forstner sich unter Bedeckung von vier Mann mit aufgepflanztcm Seitengewehr Schokolade kauft, so soll das kein Bild zum Lachen sein! Das ist ein Bild für den ,S Y m p l i z i s s i rn n s " !
Wir lachen selbstverständlich darüber, wenn der Leutnant Pralinces kauft unter Bedeckung von vier Mann mit aufgcpflanztem Bajonett. Die Bevölkerung hat ihr Vergnügen daran, und zlvar mit Recht, wenn die Fortbildungsschüler, Bürschlein von 14 bis 16 Jahren, nur wenig jünger als der Leutnant v. Forstner, ihm ein Wort nachrufen, das er andern zugerufen hat, tvenn sie ihm einmal Bcttbcsch mutzer nachgcrufen haben. (Heiterkeit!) Da passierten ihm Dinge, die er selbst in der Jnstruktionsstundc sagt, nur daß sie auf die französische Fahne gehen. Wenn der Spott der Straßenjugend sich dieser Affäre bemächtigt, kein Gesetz im Deutschen Reich gibt es, das ihm das Recht verleiht, den Belagerungszustand mit Flinte und Bajonett zu verhängen. Er mag sich an den Richter wenden, wie wir, und Klage erheben. Da hat man 15 Menschen durch einige 50 Soldaten zerstreuen lassen. Eine eigentümliche Art der Kriegsbetätigung. Nicht der Leutnant, sondern ein 50jähriger Oberst läßt scharf laden, das erste Glied niederk.iien, das zweite anlegen und er selbst bleibt hübsch hinter der Front, — wie kann man solche Dinge nur verteidigen? Jn Zabern herrscht die Säbeldiktatur. Hohenlohe- Schillingsfürst, ein Vorgänger des Reichskanzlers, ein gut konservativer Mann, hat schon einmal geschrieben: Man will die Elsässer zur Verzweiflung treiben, um einen Aufstand blutig niederschlagen zu können.
Als die Militärbehörde socingriff.hatsie direkt Hochverrat begangen. Wenn cs nicht das war, so Ivar cö nervöser Vcrfolgungswahnsinn. Nach diesem Muster müßte gcg-en eine französische Patrouille ein ganzes Armeekorps aufmarschieren. Wenn das deutsche Heer keine besseren Soldaten hat, als in Zabern, dann bedauere ich den Kriegsminister. (Sehr richtig! links.) Warum spricht der Reichskanzler nur von der Autorität der Ordnung, nicht von dem Rechte, das mit uns geboren ist? WaS soll noch die lange Untersuchung? Nur bei Bc- lagerungszustäno-en oder wenn die Zivilverwaltung cs verlangt, ist ein Einschreiten der Militärbehörde gestattet. Also Anarchie innerhalb dieses Reiches der Ordnung und des Gesetzes. Der Kriegsminister hat in seiner Entschuldigungsrede (Heiterkeit) gewissermaßen den Leutnant gedeckt. Hin 1 Uhr sprach er hier, um ■4 Uhr kannte man die Rede in Zabern und um 7 Uhr ging der Leutnant Schokolade kaufen. (Heiterkeit.) Hat General Deimling ihn überhaupt über die Vorgänge unterrichtet? Steht die Erklärung des Kriegsministers nicht mit der des 99. Regiments in offenem Widerspruch? Sie wußten wohl, daß „Wackes" nicht bloß einen Messerstecher, einen sittlich minderwertigen Menschen bezeichnet, sondern die Elsässer überhaupt.
Es ist bereits das Wort von der Weltfrcmdheit gefallen. Es ist doch wirklich merkwürdig, daß jemand vier Jahre in einem Lande lebt und dann dort nicht Bcschcid weiß, und daß man ausgerechnet einen solchen Mann, der in vier Jahren nichts gelernt hat, dann zum Kriegs- m in ist er macht. (Große Heiterkeit links.) Herr von Forstner behauptet, er hätte den Sinn des Wortes „Wackes" nicht gekannt. Dann wollte er also die ganze elsaß-lothringische Bevölkerung tob schlagen lassen. Diese Worte vom Niederschlagen der Wackcs erinnern an daS Jahr 1525, wo man in Zabern 18 000 Bauern niedcrschlug mit dem Schlachtrusc: Schlagt drauf, der Herzog erlaubt es! lLachen rechts.) Das war auch einer der Ihrigen, der daS erlaubt hat. (Lachen rechts.) Der Kriegsminister meinte: Jugend hat keine Tugend! Muß aber ein solcher Mann, der sich so wenig beherrschen kann, ausgerechnet ins Elsaß kommen? (Schi richtig!) Ein solcher Mann, der den Revolver neben sich legt, wenn er ißt, und der die Sveimkarte mit dem Degen ausspießt, weil er darauf das französische Wort „Poularde" findet. (Große Heiterkeit links)
Mit der unglaublichen Milde des Kriegs m i n i st e r s gegen die Ausschreitungen des Leutnants von Forstner verträgt sich die strenge Beurteilung der Rekruten sehr schlecht. Ter Herr Kriegsminister vermag auch nicht, wie er cs zu tun versuchte, die Verantwortung für die Vorfälle in Zabern abzulehnen und die vorgesetzten M'litärpersoncn als die allein Verantwortlichen hinzustcllcn. Er ist uns nach dem 6>csetz vielmehr für alle diese Dinge hier Verantwortung schuldig. (Sehr richtig! links.) Schnoddrige Redensarten eines unreifen Burschen können doch nicht durch das Dienstgeheimnis und durch dcn Fahneneid ged.ckt werden. (Lebhafte Zustimmung bei den Soz.) Merken Sie denn nicht, daß dadurch der Fahneneid zur Farce herabgewürdigt wird?
Präsident Tr. Kaempf:
Sie dürfen nicht sagen, daß der Herr Kriegsminister den Fahneneid herabwürdigt.
Abg. PcirotcS (Soz):
. Ich habe den Herrn Kriegsminister weder erwähnt noch gemeint. Und kann so ein junger Leutnant ja nicht beleidigen. Wir würden ihm höchstens ein großes wollenes Tuch kaufen, um ihn gründlich trocken zu legen. Es wird vorgeschlagen, man sollte die Elsässer nicht in elsässischen Garnisonen lassen, sondern sie möglichst an die russische Grenze versetzen. Wir könnten das nur begrüßen, wenn sic dort bu* Kultur der O st c l b i c r kennen lernen würden. (Stürmische Zurufe von der Rechten.) Die Worte dcö Leutnants von Forstner haben nur daS Faß zum Uebcrlaufcn gebracht. Glauben Sie, daß auf solche Weise die Liebe zum deutschen Vaterland erweckt wird? Die Hauptschuld an den Erregungen trägt neben dem Kriegsminister der Herr von Deimling, der S'.egcr aus dem H c r e r o l a n d. (Große Unruhe links, stürmische Zurufe rechts und Hochrufe auf Deimling.) Ich kann mir Ihre Begeisterung für die Hcrerokämpfc schon erklären. (Zuruf rechts: Gehen Sic doch hin!) Das würde Ihnen so passen, dazu habe ich keine Veranlassung. Gehen Sie doch mal hin, Herr Dr. Oertcl. (Präsident Dr. Kämpf ersucht den Redner, in gemäßigterem Tone fortzufahren. — Große Unruhe im ganzen Hause und ironische Zurufe der Rechten, die aber m dem Lärm unverständlich bleiben.)
Diesen TvpuS einer übermütigen Soldateska, diesen Hern von Deimling, dessen Auftreten hier im Reichstag schon stürmische Entrüstung hcrvorgcrufcn hat, setzt man uu8 hin. (Zurufe: Das ist unglaublich, unerhört! — Zuruf rechts: Zur Ordnung!) Sind Sie denn hier Präsident. (Präsident Dr. Kaempf ersucht die Herren, sich zu beruh.gcn, da in dieser Weise die Ver
handlung unmöglich fortgesetzt werden könne.) Ich toiti mich so viel als möglich mäßigen. Der Regierung gilt der jüngste Leut- lant mehr als die Ruhe und der Friede im Lande. (Sehr richtig! bei den Soz.) Heute kann man schon nicht mehr von einer Nebenregicrung dcs Militärs reden, heute ist das Militär die Regier u r g. (Sehr richtig! links.) Seit den letzten dreißig Jahren sind die Verhältnisse im Elsaß nicht besser geworden. DaS Volk unter die militärische Knute zu bringen, dafür ist Herr von Deimling allerdings der richtige Mann. Er ist mit schuld daran, daß die Ruhe und die öffentliche Ordnung gestört wurden; er ist mit schuld an dem unerhörten Rechtsbruch; er ist mit schuld daran, daß die persönliche Freiheit der Bürger nicht geschützt ist und daß in Elsaß-Lothringcn Gesetz und Recht von der Militärdiktatur mit Füßen getreten wird. Diese Vorgänge in Zabern, das ja doch auch zu Deutschland gehört, beweisen, daß nicht das Gesetz, sondern die Diktatur dcs Säbels in Deutschland herrscht.
Man erzählt, daß Herr von Deimling von der Neben- rcgicruug ein Telegramm erhalten hat, worin ihm das volle Einverständnis mit seinem Vorgehen ausgesprochen wird. (Lcbh. Hört! Hört!) Ich frage den Herrn Reichskanzler, ob das richtig ist. Allerdings weiß ich nicht, ob der Herr Reichskanzler, wenn er Zugreifen will, auch wirklich zugreifen kann. (Sehr richtig! bei den Soz.) Denn stärker als er ist ja das Militär. Der Reichskanzler sollte vor seinem kaiserlichen Herrn hintreten und erklären, daß er die Verantwortung für solche Dinge, die an daS 16. Jahrhundert erinnern, nicht länger tragen könne. Wenn Sie den Weltfrieden einigermaßen garantieren wollen, dann müßten Sie vor allen Dingen auf die Aussöhnung der elsässischen Bevölkerung hinarbeitcn und die Säbeldiktatur beseitigen. Frankreich hat in diesem Fall nicht mit dem Säbel gerasselt. Ich möchte mal sehen, was in der sogenannten nationalen Presse Deutschlands für ein Geschrei entstanden wäre, wenn der Fall umgekehrt gewesen wäre. Hier ist ein ganzes Volk in schmählichster Weise beleidigt, 30 Personen unschuldig verhaftet worden. Wir verlangen die Bestrafung dieser Gesetzesverletzer, dieser Hochverräter (Stürmische Entrüstungsrufe von rechts.) Gewiß nd daS Hochverräter. Wie Sie sie bestrafen wollen, das ist Sache.
Wenn in Venezuela oder Mexiko einem deut scheu Staatsbürger der Hut cingctricbcn wird, bann erhebt sich hierzulande ein rnörberischcs Geschrei, bann ist bie deutsche Ehre besudelt und ein deutsches Kriegsschiff muß in See stechen. Soll der deutsche Staatsbürger aber nicht auch innerhalb der Reichsgrenzen geschützt werden? Der Rcichskanzler muß dafür sorgen, daß den Beleidigten volle Genugtuung wird, und daß die Hochverräter (Gr. Unruhe rechts), jawohl es sind Hochverräter, gebührend bestraft werden. (Beifall links.) Tun Sie das nicht, Herr Reichskanzler, so rangiert Deutschland in den Augen des Auslandes noch hinter Venezuela und Mexiko (Lachen rechts.) Dann wird der stolze ci vis germanus, von dem der Kaiser gesprochen hat, zu einem verächtlichen Ding. (Unruhe rechts.)
Präsident Dr. Kaempf:
Ihre Ausführungen sind beleidigend für den Reichskanzler und für das deutsche Volk. (Lebh. Widerspruch b. b. Soz.) Wenn Sic auch nicht direkt eine Beleidigung ausgesprochen haben, so lag doch jedenfalls eine Beleidigung in dem Sinn der Worte, ich rufe Sie zur Ordnung. (Beifall rechts, Gelächter b. d. Soz.)
Abg. Pcirotes (Soz.):
Ich will das deutsche Volk nicht beleidigen, sondern vor Bc- Icibigungen schützen. Herr Reichkauzler, holen Sie nach, was Sic und Ihre Vorgänger bisher versäumt haben. Bestrafen Sie die Schuldigen und arbeiten Sic mit uns (Gelächter rechts) an der Umgestaltung des Deutschen Reiches zu einem modernen freiheitlichen Staate. (Beifall b. d. Soz.)
Abg. Haust (Elsässer):
Wider Gesetz und Recht hat man in dem herrlichen Vogcsen- städtchen die Militärdiktatur erklärt, würdige Bürger verhaftet, Frauen und Kinder mißhandelt und sich gebärdet wie eine wilde Horde. (Sehr richtig! links.) Der Oberst des Regiments war ja der Anführer, und General Deimling deckte ihm offensichtlich den Rücken.
Tie einzige Entschuldigung des Kricgsministers war die Jugend des Leutnants. Dies Kind — kein Engel i st so rein — soll eurer Huld empfohlen fein 1 (Heiterkeit.) Es ist erstaunlich, wie die Militärbehörde den psychologischen Augenblick zur Beilegung der Sache verpaßt hat. Hätte sie rechtzeitig erklärt, daß die Sache gründlich untersucht wird, bann hätte eine solche Erklärung Wunder gewirkt. Im Gegenteil wurde aber der Leutnant energisch in Schutz genommen. Tie elsaß-lothringische Bevölkerung hat von dem General v. Deimling nichts erwartet. Sie versteht cs aber nicht, daß auch der Kriegsminister kein Wort dcs Bedauerns gefunden hat. Dabei gehört bie Zaberner Bevölkerung zur ruhigsten bcs Landes. Sie hat jahrelang den Rcichs- parteilcr Höffel in den Reichstag geschickt. Der treue Fridolin d cs Leutnants war sein Sergeant Höflich, der sci- nem Namen wenig Ehre gemacht hat und der sogar vor Gewalt- tätigfiiten nicht zurückgcschreckt ist. Einsicht, Reife und Selbstzucht sind Begriffe, die dem Leutnant v. Forst- ncr völlig fremd sind. Hm so mehr ist das Maulheldentum bei ihm ausgeprägt. (Sehr richtig! links.) Er hat die französische Fremdenlegion mit einem Ausdruck belegt, der so niedrig im Kurse steht, daß ein anständiger Mensch sich schämen sollte, ihn in dcn Mund zu nehmen. Ein solcher Vorgesetzter vergeht sich nicht nur gegenüber seinen Soldaten, sondern auch gegenüber seinem Stande. (Sehr richtig! links.)
Allerdings ist von Forstnir nicht in der Sage gewesen, hinter seinem Vorgesetzten die richtige Belehrung zu finden. Dieser ist nicht geeignet, Helden zu erziehen. Gleich kam er bei dem kleinsten Tumult mit tönenden Worten: Er werde jeden zur Strecke bringen, der sich zur Wehr setze. Er hat gegen daS Gesetz verstoßen und im Zaberner Anzeiger Hausfriedensbruch verübt. Das Betrübendste ist, daß er sich auf höhere Stellen dabei berufen kann. (Hört! Hört!) Auch in Altdeutschland ist man jetzt der Ansicht, daß solche Zustände in Elsaß-Lothringeu nicht länger bestehen bleiben können. Das gibt ein nationalliberales Blatt wie der „Hannoversche Courier" mit offenen Worten zu. W i r kennen ja im Reichstag den damaligen Ober st en von Deimling vom I u h r c 1 906 her. Damals sagte der Abg. Müllcr-Sagan: So rede die Soldateska. (Lärmender Beifall links.) In diesen sieben Jahren hat Deimling nichts gelernt und nichts vergessen. Tic Ziviloerwaltung soll versagt haben? Sie war ohnmächtig, aber höchstens gegen die Soldaten. Ist es nicht zum Lachen, wenn vier Soldaten von Forstner zum Schokolabekaufen begleiten müssen? Bebauerlich, baß Soldaten sich zu einem solchen Mummenschanz bergeben müssen.
In bic Begleitung Forstners gehören keine Soldaten, sondern ci n c Amme zum Trocken legen. (Heiterkeit.) Im Manöver hätte er damals tun sollen, wa8 andere in solchem Falle tun, und schleunigst verschwinden müssen. (Heiterkeit.) Tic armen Rekruten haben ja ihre strenge Strafe erhalten und sind ins Exil gewandert. — Einer nur ist unbehelligt, Leutnant von Forstner. Anderswo wäre der Schuldige schnell über bie Grenze geflogen, wie 1882 in Clbcnburg ein Leutnant, ber bie Rekruten pibcnburgcr Ochsen genannt hatte. Die Ochsen wurden fuchsteufelswild. Warum geht das nicht auch in Elsaß-Lothringcn? Die loyalgesinnten Elsaß-Lothringer sichen heute auf dem Trümmerfeld langjähriger Versöhnungsarbeit. Auch die Altdeutschen im Lande sind darin mit ihnen einig. Die Aufregung ist nicht künstlich gemacht. Die französischen Zeitungen haben die Angelegenheit mit größter Zurückhaltung behandelt. Wir hoffen aber, eß gibt noch Richter in Deutschland. (Beifall links und bei den Elsässern.)
Reichskanzler Dr. v. VcLhrnann HoMveg-
Nach dcm Ergebnis ber Ermittelungen stellen sich die Vorgänge in Zabern wie folgt dar, wobei ich vorweg bemerken will, baß im unmittelbaren Anschluß an meine Ausführungen ber Kriegsminister ergänzend bas Wort ergreifen wird: Der Leutnant von Forstner hat in einer Jnstruktionsstunde einem Rekruten Anweisung gegeben, wie er sich verhalten soll, wenn er angegriffen würde. Im Hinblick auf bic mancherlei ernsten und traurigen Ereignisse in den letzten Jahren hatte der Leutnant wohl Ver- anlagung. dies zum Gegenstand der Instruktion zu machen. Er hat bei dieser Gelegenheit für dcn Eintritt einer bestimmten Even. tualität eine Geldprämie ausgesetzt, die her gleichfalls an- wcscnde Unteroffizier erhöht hat. Diese Aussetzung einer Geld- Prämie war selbstverständlich eine Ungehörigkeit. Der Leutnant hat bei der Gelegenheit denjenigen, der sich an den Rekruten bergreifen sollte, einen „Wackcs" genannt. Weiterhin hat derselbe Leutnant in der Jnstruktionsstundc: seine Rekruten vor dem Eintritt in die Fremdenlegion gewarnt. Tas war sein gutes Recht. Er hat aber dabei mit Bezug auf 'ben Dienst in ber Fremdenlegion einen durchaus ungehörigen Ausdruck gebraucht.
Tie Pressemeldung — und diese Pressemeldung ist von einem der Vorredner heute hier im Reichstag vertreten worden — die Meldung, daß der Leutnant die französische Fahne ber schimpft haben soll, ist nach dcm Ergebnis der Untersuchung un- richtig. (Hört! Hört!) Ta diesem Ergebnis von gewisser Seite widersprochen ist, es aber unbedingt notwendig erscheint, daß in dieser Beziehung Klarheit geschaffen wird, ist die Untersuchung wieder ausgenommen worden, aber noch nicht abgeschlossen. Bc- [cibigungen einer Armee, mit der wir vor bi er • Zig Iah ren in chrcnboller Weise bic Waffen gekreuzt haben, würben s e l b st b e r st ä n d l i ch in der deutschen Armee nicht geduldet werden. (Leb- haste Zustimmung.) Endlich hat derselbe Leutnant in der In- struktionsstundc dreimal Elsässer als „Wackcs" tituliert. Ein Nekrut hat sich auf Befehl der Unteroffiziere beim Offizier melden müssen mit dem Ausdruck: Ich bin ein WackeS. (Hört! Hört!) Für die borgefommenen Ungehörigkeiten ist der Offizier rckti- fiziert und bestraft worden, ebenso der Unteroffizier. (Zurufe links: Aber wie?) Auch das ist eine Selbstverständlichkeit. Die Vorgänge in der Jnstruktionsstunde sind von beteiligten Mili- tärperfonen in die Oeffentlichkeit getragen worden, und zwar die Vorgänge rucksichtlich der Fremdenlegion durch ein mit Namen unterzeichnetes Schriftstück an die Presse. Wegen dieses mit der militärischen Disziplin absolut unvereinbaren Vorgehens gehen die Schuldigen ihrer Bestrafung entgegen. (Zustimmung rechts.)
.Ich habe diese ersten Vorgänge noch einmal kurz skizziert, weil sic schließlich die Quelle all der Dinge geworden sind, welche sich hinterher ereignet haben. Ich will ebenso, wie cs dcr Kriegs- minister getan, weder etwas beschönigen, noch verheimlichen. Aber was liegt bei diesen ersten Vorgängen vor? Ungehörig, teilen ein.es jungen Offiziers, begangen in den Wänden der Kaserne, unerfreulich, aber do ch nicht weltbewegend. (Sehr richtig!) Mit dcr verhältnismäßig geringen Bedeutung dieses Anfanges der Dinge steht die spätere Entwicklung in keinerlei Verhältnis. (Erneute Zustimmung!) Bezeichnend ist. daß der Malin unter den ersten gewesen ist, der die Sache in seinem Sinne verwertet hat. Durch Artikel in der Lokalpresse ist bann bic Erregung in Zabern und über Zabern hinaus weiter geschürt worden. Die elsässische Bevölkerung hat sich durch den Gebrauch des Wortes „Wackes" beleidigt gefühlt. Man hat dabei von einem gewollten öffentlichen Affront der Bevölkerung gesprochen. Davon kann ja selbst, verständlich nach all den Umständen, die ich angegeben habe, unter denen das Wort gebraucht worden ist, keine Rede sein. Aber schließlich: das Wort ist gefallen. Tie Presse hat lange Erörte- rungen über die Bedeutung des Wortes angestimmt. Ich bin bemüht gewesen, mich bei Elsäffern selb st über die Sache zu informieren Danach scheint mir bie Sache boch folgender, maßen zu liegen: Das Wort „Wackes" wird bald gebraucht für die Bezeichnung eines Herumtreibers, eines nichtsnutzigen Men. 'scheu, bald gilt cs als ein Spitzname für den Elsässer. (Lebhafte Unterbrechung der Elsässer durch Zurufe: Niemals!) Ich kann ja die Quelle nennen, mir hat das der Abg. von Calker gesagt, (minutenlanges Gelächter bei den Elsässern und links.) Ich zieh« daraus feine weiteren Folgerungen. Wenn Sie mich anhören, werden wir, glaube ich, in dieser Beziehung einer Meinung fein. Mir ist mitgeteilt worden, es würde als Spitzwort gebraucht, und zwar gebraucht es der Elsässer selbst im gutmütigen Sinne seinen Landsleuten gegenüber. (Zurufe: Nein.) Ver« letzend wird es erst im Munde eines Nichtelsässers.
Ich halte es für müßig, darüber zu streiten, ob der Elsässer eine Berechtigung hat, zu sagen, daß er durch das Wort beleidigt wird; tatsächlich fühlt er sich beleidigt. Früher ist der Gebrauch des Wortes ausdrücklich untersagt worden an einzelnen Stellen, und ich kann in llcbereinftimmung deö Herrn Kriegsministers die Erwartung aussprechen, daß nach den jetzigen Vorkommnissen und Erfahrungen daS Wort in Zukunft nicht mehr g e. braucht werden wird. (Bravo!) Aber, meine Herren, ich trete den Herren doch wirklich nicht zu nahe, wenn ich meine, die Elsässer sollten doch nicht empfindlicher fein als andere. (Sehr richtig!) Der Elsässer nennt den Deutschen, wenn er von ihm spricht, mit Vorliebe einen Schwaben. (Große Unruhe. — Abg. Ledebour (Soz.) ruft: I n einer so ernsten Sache solchen Kohlzu reden! — Die Alldeutschen regen sich darüber nicht auf, ebensowenig wie wir uns aufregen, wenn unS von Bayern ober Sachsen bedeutet wird, daß wir (Zurufe: Saupreußen!) — Preußen und keine Bayern oder Sachsen sind. (Heiterkeit.) Man sollte das nicht für ernst nehmen. Aber sei dem wie ihm wolle, die Elsässer haben sich tatsächlich beleidigt gefühlt. Das aber bildet doch noch in keiner Weise irgend eine Rechtfertigung dafür, daß in der Folge tatsächlich Offiziere oder Mannschaften beleidigt werden. (Hört! hört!) Das ist tatsächlich geschehen! Ich will dabei vorweg bemerken, daß die Behauptung, die von einem der ßerren Vorredner hier ausgesprochen worden ist, nämlich, von einem mißhandelten und besudelten Unteroffizier, eine Erfindung ist. Sie ist nicht richtig. (Hört! hört!)
Im übrigen hat sich nach der dienstlichen Meldung des Generalkommandos, auf bie ich mich beziehe, bic Angelegenheit folgendermaßen abgespielt: Am 29. November, als Leutnant von Forstner durch die Stadt ging, fanden Ansammlungen statt; Kinder warfen mit Steinen nach ihm. (Ruf bei den Loz.: Kinder!) Am Nachmittag desselben Tages sammelte sich eine johlende Menge vor der Kaserne. Auf die beiden Mann- schaftsvcrtreter, die Leutnant v. Forstner nach seiner Wohnung begleiteten (Hört! Hört! b. b. Soz.), wurden Steine aus ber Menge geworfen. Am 10. November schreien und johlen etwa 100 Brenschen, hauptsächlich junge Leute, hinter Offizieren auf der Hauptstraße her. Am 26. Novcmb-er werden mehrere Offiziere in ber Nähe be3 Schloßplatzes von Arbeitern, Kanal- schifsern und Jungen umringt und angeschrien. Zwei von den Schreiern werben vom Militär festgenommen und an die Polizei


