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7.1.1913 Erstes Blatt
 
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Nr. 6

Erstes Blatt

163. Jahrgang

Dienstag, 7. Januar WZ

Der Siehener Anzeiger erscheint täglich, aufcev Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich EiehenerZamilienblätter, zweimal wöchenll.Nreis- blattsürdenNreisSiehett (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expeditioi, 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

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General-Anzeiger für Oberhessen

Annahme von Anzeigen Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7. bis vornrittags 9 Uhr. Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a.

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Die heutige Nummer umfahr 10 Selten

Die vorläufige Entscheidung in London.

Die Balkanstaaten erfüllen ihre Drohungen einstweilen nicht. Die Antwort der türkischen Delegierten entspricht ihren Forderungen nicht, und so wurden die Verhand­lungen einstweilensuspendiert", ohne damit aber einen endgültigen Abbruch Ku erklären. Im Gegenteil, die Balkan­vertreter erklären ganz ruhig, warten zu wollen, bis die Türken sich eines besseren besonnen hätten. Das aeschieh-t zweifellos im Hinblick auf die äußerst kritische Lage in Adrianopel. .Heute liegt eine Meldung des Festungskom­mandanten Schükai Pascha an den Großwesir vor, wo- ' nach der Widerstand der Festung fernerhin unmöglich sei. Es sollen schon Verhandlungen zur Uebergabe stattsinden. Wenn die Türken nun noch mit einem Eingreifen der Groß­mächte zu ihren Gunsten rechnen, so haben sie ganz sicher auf Sand gebaut. Was die Türkei auf militärischem Ge­biete eingebüßt hat, das haben ihre Diplomaten nicht wett­zumachen gewußt, im Gegenteil, sie haben neue Schlach­ten verloren. Wir erhalten folgende Meldungen:

London, 6. Ian. Die Friedenskonferenz trat\ heute nachmittag 4 Uhr wieder zusammen. Die türkischen | Delegierten unterbreiteten neue Vorschläge. Um 5 Uhr war die Sitzung beendet.

London, 6. Ian. Ueber die heutige Sitzung der Friedenskonferenz erfährt das Reuterbureau: Resch id Pascha unterbreitete folgende neue Vorschläge der Pforte:

1. Die Türkei ist bereit, int Norden von Adrianopel einige Zugeständnisse an Gebiet zu machen, jedoch mit Ausschluß Adria nopels selbst.

2. Die Türkei begibt sich ihrer Rechte auf Kreta unter der Bedingung, daß die Abtretung keiner anderen Inseln von ihr verlangt wird.

Die MitgliederdertürkifchenMissionver- ließen darauf den Konferenzsaal, während die Delegierten der Bolkanverbündeten zurückblieben und nach längerer Beratung zu folgendem Beschluß kamen: Tie Vorschläge der türkischen Delegierten entsprechen nicht den von den Verbündeten in der vorhergehenden Sitzung for­mulierten Forderungen und die Verhandlungen auf der vorgeschlagenen neuen Grundlage waren nicht derart, daß iis> iir ü.',', Abkommen führen könnten Die Dele­gierten der Verbündeten sehen sich daher ge­nötigt, die Arbeiten der Konferenz zu sus­pendieren.

Nach der Rückkehr der Türken in den Saal verlas der Präsident No w a ko w itsch die Antwort der Ver­bündeten und hob die Sitzung auf. Die Türken pro­testierten und erklärten, der Präsident sei nicht da­zu berechtigt, die Sitzung aufzuheben. Nach- lym die formelle Sitzung beendet war, wurde den Türken in der folgenden allgemeinen Unterhaltung erklärt, die Verbündeten beabsichtigten nicht, den A b - bruchderVer Handl ungen herbeizuführen. Da * aber eine zufriedenstellende Antwort auf die Vorschläge der Verbündeten- vom Freitag nicht eingegangen sei, sus­pendierten sie die Arbeiten so lange, bis eine zufriedenstellende Antwort erfolgt sei.

Im weiteren Verlauf der nicht formellen Unlerhal tung erklärte Resch id Pascha, er beabsichtige, über die Verproviantierung Adrianopels zr sprechen,

sei aber der Gelegenheit beraubt worden, dies zu tun. Es wurde ihm gesagt, die Angelegenheit sei bereits in der früheren Sitzung besprochen worden, in der erklärt worden sei, daß die Konferenz, nichts mit den Bedingungen des Waffenstillstandes zu tun habe. Die Türken verließen so­dann etwas erregt den Palast.

In der türkischen Antwort, die Reschid Pascha verlas, heißt es u. a.:

Wenn wir die Abtretung Adrianopels verwe'gern, so geschieht das u. a. deshalb, weil sie vom Gesichts­punkte der Sicherheit Kon st anti nopels und der Dardanellen aus ein Ding der Unmöglichkeit ist. Außer­dem müssen wir sagen, daß wir in der festen Absicht hier­her gekommen sind, einen dauerhaften Fri.den zu schließen^ unter-Bedingungen, die geeignet sind, freundschaftliche Be­ziehungen zu sichern und beiden Parteien Nutzen bringende Handelsbeziehungen zu erleichtern. Wir sind auch heute noch bereit, über Grenzlinien zwischen der _ Türkei und Bulgarien zu diskutieren; diese Greuzen müssen Adria- nopelan ft ürkischemGe bietbelassen. Um einen neuen Beweis von unserem versöhnlichen Geiste zu geben, willigen wir ein, uns unserer Rechte auf Kreta zu begeben, wohl verstanden unter der Bedingung, daß dann von den Verbündeten die Abtretung keiner weiteren Insel des Aegäi- schen Meeres verlangt wird. Wenn bie Verbündeten trotz dieser ungewöhnlichen Opfer dadurch, daß sie jeden Ge- dauken eines Zugeständnisses abweisen, die Verhandlungen abbrechen wollen, wird alle Verantwortung für die Folgen des Abbruchs auf sie fallen. Sollte diese Mög ichkwt ein­treten, dann erklären wir hiermit die Zugeständn.sse, die wir bis zum heutigen Tage gemacht Haben, für null und nichtig.

Wie das Reutersche Bureau erfährt, waren die Dele­gierten der Volkanstaaten der Meinung, daß die Ver­tagung der Konferenz über das griechisch- orthodoxe We ihn achtsfest hinaus den Türken zu weiterer Ueberlegung Zeit geben wird, so daß es ihnen möglich ist, bei der nächsten Sitzung annehmbare Vor­schläge zu machen. Die nächste Sitzung findet voraus­sichtlich am Freitag statt, vielleicht schon am Donners­tag. Es ist möglich, daß inzwischen unter den Dele­gierten der beiden Parteien privateVer Handlungen gepflogen werden.

Die türkischen BlätterJeni Gazetta" undSabah" wollen wissen, daß die Großmächte eine Formel ssir eine Vermittelung gefunden^ hatten.'Taswtri Efriar" ver­sichert, Marsch all. von der Goltz werde, falls der Krieg wieder beginne, aus der deutschen Armee ausscheiden und den türkischen Oberbefehl übernehmen. Es war dieser Tage schon einmal der Rücktritt des Marschalls von der Goltz dementiert worden. Die vorstehende Nachricht klingt natürlich auch höchst unglaubhaft.

Die Botschafterversammtung unter dem Vor­sitz Sir Edward Greys tagte heute nachmittag im Aus­wärtigen Amt. Vor der Sitzung hatten der türkische Bot­schafter und der Staatssekretär eine Besprechung.

vie bevorstehende Kapitulation der Heftung Adrianopel.

Laut Meldung derNeuen Freien Presse" aus Sofia treten auf Berlaugen des Festungslommandanten vou Adrianopel am 8. Dez. bulgarische und türkische Delegierte ',u B e r h a n d l u n g e n zusammen, die, wie man annimmt, die Kapitulation Adrianopels betreffen. Ein

Radiotelegramm des Kommandanten an den Großwesi- bezeichnet die Lage der Festung als hoffnungslos.

Der See-Krieg.

DerLokalanzeiger" will aus Konstantinopel wissen: Die türkische Flotte hat heute den Kampf vor Chios von neuem ausgenommen.

Ter Widerstand von Skutari.

Aus Belgrad wird gemeldet: Der türkische Komman­dant von Skutari erklärte serbischen Abgesandten, ihm sei von der Pforte von dem Waffenstillstand nichts bekannt gegeben worden. Neue Ausfälle aus der Stadt werden fortgesetzt unternommen.

Eine türkische Anleihe.

London, 6. Jan. Wie das Reutersche Bureau er­fährt, ist es der türkischen Regierung gelungen, Arrange­ments für eine sofortige Anleihe zu treffen, die durch Spezialkriegssteuern garantiert wird.

Rumänische Niistnngen.

DieDeutsche Tageszeitung" berichtet aus Bukarest: Das rumänische Kri. gsministerium bestellte dr.ngend bei einem Braunschweiger Werk 100 A u t o mo b i l l a st - zeuge nach dem Muster der österreichisch-ungarischen.

Aus Jassy wird gemeldet, Rußland führe die M o - b i l i s i e r u n g in Bessarabien beschleunigt durch. ;Drei russische Flug Maschinen stehen zur Aus- j spähung des rumänischen Gebietes bereit. Am Montag früh wurde über dem rumänischen Dorfe Stoenesti eine russische Flugmaschine gesichtet.

Streitigkeiten zwischen Griechen und Serben.

Aus Salon iki wird gemeldet: Die Serben haben den griechischen Gouverneur von Florina ge­fangen gesetzt, da er sich weigerte, ihnen die Verwal­tung des Platzes zu übergeben.

Der neue Staatssekretär.

Eine Ernennung Jagows zum Staatssekretär ist bis zur Stunde noch nicht erfolgt, trotzdem ist sie so gut wie sicher. Wir tragen aus feinem Werdegang zu unseren gestrigen Notizen daher noch die folgenden Mitteilungen nach:

Gottlieb Eugen Günther von Jagow wurde am 22. Juni 1863 zu Berlin geboren als sechstes Kind des 1888 verstorbenen Rittmeisters a. 2. und Erbjägermeisters der Kirrmark Branden­burg, auf Rühstädt, Quchobel und Friedrichswalde, aus dessen' erster Ehe mit der Freiin Luise von Gayl, die acht Ta^ nach seiner Geburt starb. Die Herren v. Jagow sind eine der ältesten Familien der Uckermark, deren Statthalter ein Hermann von Jagow bereits 1396 war. Hans v. Jagow war Oberst und Hofmarschall des Kurfürsten Johann von Brandenburg.

Nach Beendigung seiner Gymnasialstudien bezog er int Jahre 1883 die Universität Bonn, wo er dem Korps der Borussen an­gehörte. Er bestand 1886 das Referendarexamen int Bezirk des Berliner Kammertzerichts, wurde 1889 als Regierungsreferen­dar der Regierung in Oppeln zugeteilt, legte 1892 in Potsdam die Prüfung zum Regierungsassefsor ab und ging drei Jahre später zur Diplomatie über. Zunächst wurde er der Botschaft in R o m und 1896 der preußischen Gesandtschaft in München zugeteilt. Nach bestandener diplomatischer Prüfung wurde er 1897 als Legationssekretär der preußischen Gesandtschaft in Hamburg, aber sckwn int Herbst desselben Jahres der Botschaft in Rom zu- gcteilt. Dort rückte er im Dezember 1899 zum Legativnsrat auf. Nachdem er ein Jahr lang der Gesandtschaft im Haag aitgchört hatte, kehrte er int März 1901 als erster Sekretär an die Botschaft in Rom 'zurück. Bon 1906 bis 1907 war er als Wirklicher Legationsrat Vortragender Rat im Auswärtigen Amte,

Bet Gerhart Hauptmann in potioftito.

Nach den Ehrungen und Feiern der letzten Wochen ist Gerhart Hauptmann in die Einsamkeit geflüchtet. Vor drei Jahren suchte er auf der kleinen Halbinsel von Sestri sein Heim, im Vorjahre weilte er in demCastello Brown", dessen massige Granitmauern unmittelbar von den Meereswogen bespült werden; in diesem Jahre aber ist die kleine Billa Carnavon bei Portofino sein Winterheinl geworden, hoch oben' auf den sanften Hügeln, von ittut aus der Blick über blühende Gärten hinausschweift über die silberglänzende Fläche des Meeres. Hier hat ihn in diesen Tagen ein italienischer Verehrer, Alfredo Mantero, aufgesucht. In der Swmpa schildert er seinen Besuch bei dem Dichter, und beruhtet von den interessanten Gesprächen, die er mit Hauptmann führen k^Gin schmaler Fußsteig führt hinauf auf bett Hügel, zu beiden Seiten debnt sich ein Meer von Blüten, blaue Jrts, duftende weiße Tuberosen, leuchtende Geranien und Bäume, dte sich unter her Last von Mimosenblüten zu beugen scheinen. Miß Cox, Hauptmanns Sekretärin, empfängt den Besucher und erzählt ihm in ihrem den britischen Akzent rerratenbeit Italienisch, datz Hauptmann sonst keinerlei Besuche annimint; er will allein sein, ber heutige Emvfang sei eine Ausnahme. Und sie geleitet den Italiener zuni Arbeitszimmer des Dichters, einem etwas strengen, kühlen Raume. Ein weites Fenster spendet Licht, an den Wänden einige Regale mit Büchern und einige Stiche: Grill- parzer, Hebbel, Otto Ludwig, Richard Wagner. Es ist eine Atmosphäre deS Sinnens und Denkens, Stille herrscht ringsum, und in der Ferne verschwimmen die Linien der Lanbsckwft. Mit einem herzlichen Händedruck empfängt Hauptmann seinen Gast, und bald kommt das Gespräch auf die Erlebnisse ber letzten Wochen. Auf bic Frage nach bent Nobelpreis nwlbert Haupt­mann ruhig:Der Nobelpreis hat auf mich keinen Embrnck geinacht." Unb babei öffnet er ein kleines Etm, das auf feinem Schreibtische steht, und zeigt Mantero eine grote goldene Me­daille, die das Bildnis Alfred Nobels trägt Und Dabei erzählt Hauptmann in recht gutem Italienisch, deßen Ausdruckskraft er nu. hin und wieder durch einige französische Worte ergänzt, wie er nach Empfang ber Nachricht nach Stockholm gereist Jet, nach Stockholm,bicser wuiiberbaren ^tabt, dem Venedig des Nor­dens. Nach dem Branche hat mir der König selbst bei einem Bankett bei Hofe den Preis überreicht." Dann nzahlt Haupts mann von Ren Festen und Ehrungen, die ihm sein Hcunatlcmb zu seinem 50. Geburtstag erwiesen habe, aber, nach einer Pause fährt er bann fort:Aber ich liebe biescs /»astige Leben, die es fieberhafte Treiben Berlins nicht, und ich flüchte lieber, fluchte hierher nach Jhretn Portofino, auf der Suche nach der Ruhe zuch Einsamkeit." Und zurückgezogen lebt Hauptmann auch ui

seinem italienischen Asyl, nur selten betreten nahe Freunde auf kurze Zeit das Haus.Bisweilen besucht mich Ludwig von Hos- mann, der in Florenz ein kleines Haus und ein Atelier hat. Und in früheren Jahren kam auch Cosima Wagner mit ihrer Familie. Und yeben den Vesuck»en weniger Freunde genügt die Anwesenheit meines jüngeren Sohnes, um mich die Einsamkeit meines Hauses nicht zu sehr empsinden zu lassen. Benvenuto ist voller. Intelligenz, er ist mir in den Stunden ber Muße ein guter Kamerab; und er ist fröhlich und füllt das Haus mit der heiteren Munterkeit seiner 12 Jahre."

Das Gespräch kommt dann auf die Theaterverhältnisse in Deutschland und in Italien. Hauptmann spricht von den Vor­zügen, die das ständige Theater im Gegensatz zu den italienischen Wandertheatern haben, spricht davon, daß diedem ungewissen Wanderleben ausgelieserteil Schauspieler jetzt ruhig in einem Heime leben können unb sich besser geistig fortbilbcn unb verfeinern können, als wenn sie ihr Leben int einigen Zuge von Stadt zu Stadt »erbringen. Und damit gewinnt die Möglichkeit der Inszenierung, die Reichhaltigkeit des Theaters. Die Reform in dieser Richtung müßte auch das Ziel Ihres Landes sein, das so viele ausgezeichnete Schauspieler und Künstler hervorbringt." Auf die Frage nach Dem Stand des gegenwärtigen dramatischen Schaffens in Deutschland erwidert Hauptmann:Zurzeit be­sitzen wir viele begabte Dichter: Wedekind nähert sich seinem 50. Jahre und es ist ein Jammer, daß man ihn im Ausland nicht kennt, Schmidtbonn, Stucken, E n l e n b c r g, Hugo von Hofmannsthal sind- noch jung und von großer Begabung, sie breiten die Flügel zum Fluge. Ich verspreche mir viel von der Zukunft unseres Theaters." Mantei'o fragt den Dichter, ob er unter seinen Werken eines besonders lieb habe, fragt nach berVersunkenen Glocke"; Gerhart Hauptmann zuckt die Achseln unb meint schließlich: Nein, jeder Autor liebt wohl alle seine Werke ein wenig, auch jene, bic ben anberen weniger gefallen; unb in allen spiegeln sich die Probleme, bic Hoffnungen unb Zweifel seines eigenen Wesens. DieVersunkene Glocke" ist übrigens nur ein Jugendwerk."

Dann erzählt Hauptmann, daß er sich ausgezeichnet erholt habe und nun sehr viel arbeite.Wenn ich nicht arbeite, bin ich krank; Arbeit ist der Gesundheit zuträglich. Jetzt ^arbeite ich mit dieser alten Landkarte von Deutschland. Sehen Sic die Jahreszahl an: sie stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ich stu­diere diese Zeit und ihre religiösen und wissenschaftlichen Ideen. Und sehen Sie hier," und dabei zeigte er dem Gaste zwei Bronze- Medaillen, Savonarola und Erasmus von Rotterdam;Sa- vonarola geht natürlich vorauf, aber er befruchtet mit seinem Geiste den unruhigen Geist deS 17. Jahrhunderts. Erasmus von Rotterdam ist ein Skeptiker, ist ein wenig der Ausdruck unserer heutigen unklaren Zeiten, J>ie zwischen der Reformation und

der Kirche von Rom balancieren. Ich aber beschäftige mich vor allem mit den Bauernkriegen in jener 3eit. Daran arbeite ich seit 10 Jahren und langer, wenn auch nicht immer mit gleicher Intensität. Und aus jener Epoche will ich ein Werk schaffen, ein Werk ans dem Bauernkrieg. 9tber ich habe keine große Eile, selbst die Handlung ist noch nicht entworfen. Ich will vorbereiten, viel vorbereiten, mit der nun erlangten Ruhe der Jahre , . ."

Lin lklalsiker 6es Schwulstes.

Am 6. Januar sind 250 Jahre dahingegangen, daß Heinrich A n s h e I m von Ziegler und Kliphaufen, ber berühmte Verfasser ber vielgelesenenAsiatischen Banisc", das Licht ber Welt erblickte. Dieser etwas hypochondrische schlesisckw Edelmann, der, ein rechter Mensch des deutschen Barock, kränkelnd und vergrämt auf seinen Gütern saß und dabei die wildesten, blutrünstigsten und abenteuerlichsten Geschichten schrieb, hat lange Zeit, bis in bic Tage Gottscheds, für den klassischen Prosa- Schriftsteller unserer Dichtung gegolten: seine Sprache er feinen als bas unübertreffliche Muster leidenschaftlichen Ausdrucks. Wie viele Schöngeister haben nicht um bic Wende des 17. Jahr­hunderts den Anfang seines großen Romans auswendig dekla­miert und darin einen .Höhenflug der deutschen Musen verehrt!

Diese pathetische Deklamation, ein gutes Beispiel für Zieglers Stil, beginnt folgendermaßen:Blitz, donner und Hagel, als die rächenden werckzeuge des gerechten Himmels, zersaimcttere den Pracht deiner gold-bedeckten thürmc, und die rache der Götter verzehre alle bcsitzer der stadt: Walten die Götter! es könnten meine äugen zu donner schwängern wolcken, und diese meine thränen zu grausamen sünd-fluthen werden: Ich wolte mit tausend keulen, als ein fenerwerck rechtmäßigen zorns, nach dein hertzen des vermaledeyten blut Hundes werfsen, unb bellen gewiß nicht verfehlen." Der eble Stistsrat zu Wurzen, den die vielen Mühen seines ewigen Lebens und Studierens und bic Auf­regungen seiner Schriftstellcrci schon im 37. Jahre da hinraff teu, hat iveitschichtige historische Kompilationen in seinemHistorischen Schauplatz" undLabyrinth der Zeiten" geboten, beliebte Mobc- werke, aus benen man gern feine Geschichtskenntnifse entnahm; er hat in seinen biblischen Helbengeschichten Männlein unb Weiblein bcs Alten unb Neuen Testaments im hochtrabend bom­bastischen Ton Hofmannswaldaus einander anschwärmen lassen; Adam korrespondiert mit Eva, Moses mit Zipora, Holofernes mit Judith usw.; der biblischen Liebespaare ist fein Ende. Aber all diese Exerzitien hätten Ziegler nicht berühmt gemacht. Dies tat sein RomanAsiatische Banisc, Oder blutiges doch muthiges Pegn, In Historischer und mit dem Mantel einer Heiben- unb Liebes-Geschichte bedeckten Warheit beruljieubc". Die Banisc war das Licblingsbuch der deutschen Lesewclt von 1690 -1730. Sie erschien immer wieder in neuen Auslagen, die letzte iwch 1766. Eine Fortsetzung lieferte Joh. G. Hamann, Es fehlte