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5.11.1913 Erstes Blatt
 
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Nr. 260

Ter Siebener Anzel-rr erscheint täflfid), a öfter Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Eiehener,^amilienbl«tter; -ivennal wöchenkl.Xreir- Natt färben Kreis Sieben «Dienstag und Freiing); Äroeimtd monatl. Land­wirtschaftliche Zettfragen ^emfpred) - Anschlüsse: für btt Redaktion 112, Verlag u. ExPedibon 51 Adresse für Depeschen:

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Erstes Blatt

Mittwoch. 5. November M3

163. Jahrgang

Tietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

MeznqSvr iS: momttlich75<Bf.,oicvtcl* jährlich Alk. 2.20; durch Avhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Bi.; durch dieBost Aik.2. viertel» jährl. ausschl. Bestellq. Zeileupreis: lokal 15Ps^ auswärts 20 Bienuiq. (Sbefrcbnftcur: 91 (tzoetz. Verantwortlich für deit polit. Teil: Ang. Goetz; für("ycuifietoir, ,Ver- mijcbteS' uitd.Gcrichts- faal": Karl Nettrath; für ,Slabt und 2anb":

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch: und 5teindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7. Anzeig^nlett:' H? Beck'.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seilen.

Tageskalender aus dem Jahre 1813.

,5. Nvvembcr Kaiser Franz von Oesterreich passiert Hanau und besucht den in der Schlacht bei Hanau am 30. und 31. Oktober verwundeten bayerischen General v. Wrede.

Wilson und Huerta.

Was nach der Ablehnung des Ultimatums Wilsons an Huerta geschehen soll, hat dre Regierung von Washington bisher weislich verschwiegen. Sonderbarerweise läßt der Staatssekretär Bryan, etwas verblümt, durch einige Presse­organe erklären, es sei gar kein förmliches Ultimatum an Mexiko gerichtet worden. Niemand begreift so recht diese Zwiespältigkeit und Aengstlichkeit, und dem amerikanischen Generalstab scheint die Geduld gerissen zu sein. Er läßt erklären, daß er einem Feldzug gegen Mexiko mit größter Zuversicht entgegensetze. Eine reguläre Armee, bestehend aus 65 000 Mann, sei bereit, in Mexiko einzufallen; der erste Ein fall von 40 000 Mann werde über Veracruz nach Mexiko City gehen, während eine andere Armee in die 5 mexikanischen Nordstaaten ein falle.

Haben die Amerikaner vergessen, mit welchem Fiasko ihre Truppenkonzentration an der mexikanischen Grenze während der Revolution von 1911 geendet hat? Es war ihnen nicht möglich, auch nur 8000 Mann zusammen zu-- bringen. Es kamen dabei Fälle vor, daß irgend ein Truppen­teil seinen Bestimmungsort nicht erreichen konnte, weil sich der Führer mit der betreffenden Eisenbahngesellschaft über^ die Beförderung seiner Truppe nicht einigen konnte, Zustände, die nach unseren deutschen Begriffen schwer vor­stellbar sind. Gewiß, die normale Stärke der amerikani­schen Armee besteht aus, sagen wir 60000 Mann, die über das ganze gewaltige Gebiet der Union verteilt liegen. Es sind 25 000 Mann Infanterie, 12 700 Mann Kavallerie und 5200 Mann Artillerie, wozu noch Küstenartillerie und Drain kommen. Dieses kleine Heer ist derart zersplittert, daß man die letzten Reserven herbeiholen müßte, um auch nur 20000 Mann zunächst nach Antonio in der Nähe der mexikanischen Grenze zu konzentrieren. Die Aufstellung eines amerikanischen Geschwaders in Galvestone wäre zwar leichter, aber bei der großen Entfernung von den Land­truppen imwirkfam. Hat man aber endlich wie bei dem 'Kriege vor 66 Jahren einen Marsch von Veracruz nach der Hauptstadt Mexiko im "Auge, so rechnet man nicht mit der diesmaligen Stimmung der Bevölkerung in Mexiko und mit dem Aufmarsch, den Huerta hier der amerikani­schen Invasion, und wenn noch so viel Schiffe der Yankees dahinter schwimmen, entgegenstellen kann.

Huerta hatte, als er sich zu Anfang dieses Jahres der Regierung bemächtigte, über kaum 10000 Mann regu­lärer Truppen zu verfügen, da Madero aus Zorn gegen das Heer, das ihn unter Porfirio Diaz so energisch bekämpft hatte, den größten Teil der Truppen entlassen hatte. Huerta hat es aber verstanden, in acht Monaten ein Heer von 100 000 Mann zusammenzubringcn und in recht harter Schule zu üben. Es ist doch nicht zu leugnen, daß er mit die­sen seinen Truppen die Anarchie, die zu Maderos Zeiten ausgebrvcheu war, in großen Gebieten erfolgreich bekämpfte und daß er die von Nordamerika subventionierten Rebellen der Nordstaaten geschlagen und vollständig vertrieben hat. Die Hauptbanken des Landes, die kanadische Bank und viele reiche Privatfirmen der Kaufmannschaft haben ihm 15 Mil­lionen zur Verfügung gestellt, sodaß er trotz seiner großen Finanzsorgen fürs allernächste, d. h. für einen Krieg nicht auf dem Trockenen sitzt. Die Kriegsflotte Mexiko ist .freilich kaum nennenswert und kommt nicht in Betracht.

Umsoweniger aber können ihm die Amerikaner zu Wasser et­was anhaben. Das Erscheinen der amerikanischen Kriegs­schiffe vor Veracruz hat für einen Kriegsfall wenig prak­tischen Wert. Unsere deutschen Schiffe, die Kreuzer Hertha, Bremen und Nürnberg sind ja nur alsDemonstration" zum Schutze der deutschen Interessen hinkommaudiert wor den, und deren Befehlshaber werden die ankommenden Amc- rikaper sehr wahrscheinlich dahin aufklären, daß marincstra- tegisch dort keine Lorbeeren zu holen sind.

Der Vorsitzende des Senatsausschusscs für auswärtige Angelegenheiten, Bacon, erklärte im Senat zu Washington, der Regierung und dem Volke der Vereinigten Staaten liege nichts ferner als der Gedanke der Eroberung oder des Er­werbs mexikanischen Gebietes. Wozu anders aber haben die Amerikaner die Revolutionen in diesem unglücklichen Lande seit drei Jahren angestiftet und unterhalten, als um sich des Landes zu bemächtigen, sobald es durch Selbstzerflei­schung soweit ruiniert ist, daß es dem Uncle Sam als reife. Frucht in den Schoß fällt. Ein Blick auf die Karte genügt ja auch, um zu erkennen, wie die Entwicklung dahin drängen muß, daß nach Panama und Nicaragua auch Mexiko ameri­kanisches Durchgangsgcbiet wird. Aber die Nuß, die dazu zu knacken wäre, ist sehr hart. Mexiko ist kein Nicaragua. Auf dem Wege eines frischsröhlichcn Krieges läßt sich dieses Riesenland nicht in die Tasche stecken. Vielleicht erst im Laufe von Jahrzehnten durch friedliche und arbeitsreiche Beein­flussung. Den Vereinigten Staaten kommt es vor allem auf dieTehuantepec-Bahn an, die dem Panamakanal eine unangenehme Konkurrenz machen dürfte, sodann auf die schö­nen Häfen der Westküste, Bahia Magdalena und Todos San­tos; diese Häfen wären nicht nur prachtvolle Stützpunkte für den Panamakanal, sondern auch notwendige Schutzfesten gegen die Japanergefahr. Letzten Grundes aber ist es der Rockefeller-Konzern, der das mexikanische Petroleum er­obern möchte und in dessen Fäden und Drähten Präsident Wilson bereits unentwirrbar verstrickt zu sein scheint. Ge-. lingt es ihm. sich aus diesen Klammern zu befreien, so könnte er einen größeren polnischen Erfolg zu seinen Gunsten buchen, als ihm jetzt in einem Kampfe gegen Huerta beschieden sein dürfte.

London, 4. Nov. Das Reuter-Bureau meldet ans Mexiko Tity: Am Montag in später Stunde hatte Huerta noch feine Antwort au f das Ultimatum gegeben. Es scheint, daß er es vor allen seinen amtlichen und intimen Rat­gebern geheim hielt. Diese glauben, daß Huerta entweder glatt ab­lehnen muß, indem er dem amerikanischen Bevollmächtigten den Paß zustellt, oder daß er offiziell ausscheiden muß. Tie Mehrzahl besteht darauf, daß er nicht abtreten dürfe, weil dies einer Unter­werfung unter die Rebellen gleichkäme. Das offizielle Mexiko zwei­felt nicht mehr, das; Washington die Sache der Aufrührer unter­stützt.

Washington, 4. Nov. In wohlunterrichteten Krei­sen wird zugegeben, daß im Einklang mit Präsident Wil­sons Entschlossenheit, den Ausschluß Huertas herbeizusiihren, Verhandlungen im Gange sind. Im Zusammenhang damit sei eine weitere Mitteilung in der mexikanischen Hauptstadt übergeben worden. Es wird jedoch erklärt, daß diese Mit­teilung nicht den Charakter eines Ultimatums hab.

Die albanische Thronkandidatur.

Unter den zahlreichen fürstlichen Persönlichkeiten, die als Kandidaten für den neuen albanischen Thron genannt wurden, galt schon seit längerer Zeit Prinz Wilhelm zu Wied als der aussichtsreichste. Man schloß besonders, aus seinem Besuche des rumänischen Königshofes im Anfänge des vori­gen Monats, daß er sich dort informieren und auch den Rat seiner Verwandten in Bukarest hören wollte. Nun haben wir bereits berichtet, daß Prinz Wilhelm zu Wied die Kan­didatur für den Thron von Albanien angenommen hat.

Der Prinz steht heute im Alter von 38 Jahren. Er ist am 26. März 1876 als Sohn des Fürsten Wilhelm und der Fürstin Marie, einer geborenen Prinzessin der Nieder­lande, geboren worden. Er genoß seine Jugenderziehung in seiner Heimatstadt Neuwied und widmete sich dann der mili­tärischen Laufbahn in der preußischen Armee. Er ist gegen­wärtig Rittmeister und Eskadronchef im 3. Garde-Ulanen» Regiment zu Potsdam. Seit dem 30. November 1906 ist er mit der Prinzessin Sophie von Schönburg-Waldenburg vermählt, die für einen besonderen Liebling der Königin Eli­sabeth von Rumänien (Carmen Sylva) gilt und in der Ber­liner Hofgesellschaft sehr beliebt ist. Der Ehe des Prinzen-, Paares ist eine am 19. Februar 1909 geborene Tochter, die Prinzessin Marie Eleonore entsprossen.

Prinz Wilhelm zu Wied hat bei der Annahme der Krone von Albanien zur Bedingung gemacht, daß die Groß­mächte die Integrität Albaniens garantieren und bei ber Organisation und Verwaltung des Landes ihre finanzielle Unterstützung versprechen. Zwischen der Annahme der Kan­didatur und der Thronbesteigung des neuen Fürsten von Albanien liegt allerdings noch einiger Zwischenraum, da zunächst die Grenzen des autonomen Fürstentums fest­gelegt werden müssen. Das heißt, die Tätigkeit des inter­nationalen Grenzausschusses muß erst abgeschlossen und von den Mächten gutgeheißen werden.

Die Krone, die der neue Fürst tragen wird, dürfte keine leichte feig. Die Freunde der Albanesen sagen ihnen viel Tugenden und ihre Gegner viele Laster nach, aber die Wahrheit wird wie zumeist in der Mitte liegen. Jedenfalls sind dieseKanadier" des Balkans vonEuropens über­tünchter Höflichkeit" bisher wenig berührt, und man sagt ihnen nicht mit Unrecht nach, daß sievon Kultur noch frei" sind. Die einzelnen Stämme leben in heftiger Fehde miteinander, und als oberstes Gesetz gilt ihnen noch die Blutrache. Die Extratouren Essad Paschas und der Streit zwischen den beiden Parteien, von denen die eine, mit der Negierung, Valona zu deren Sitz machen wollte, während die andere sich für Durazzö erklärte, haben einen Vor­geschmack davon gegeben, welche Schwierigkeiten den Für­sten von Albanien erwarten, auf dessen Tätigkeit man viel­leicht das Scherzwort der Berliner anwenden kann, wonach der Schutzmann an den Straßenkreuzungen stehe, um aufzu­passen, daß er nicht überfahren werde. Auch der Fürst, von Albanien wird gut acht geben müssen, daß er nicht unter die Näder kommt. 'Als der Battenberger einst den Fürsten Bismarck über seine Meinung befragte, ob er die Krone von Bulgarien annehmen solle, meinte der eiserne Kanzler, daß er davon wenigstens eine schöne Erinnerung haben werde. Hoffentlich werben dem Prinzen zu Wied von der albanischen Krone schönere und minder tragische Er­innerungen beschieden sein!

Deutsches Reich.

Aus dem oldenburgischen Landtag.

Nus Oldenburg wird vom 4. November berichtet: Als heute mittag bei Eröffnung des Landtages die S o z i ai­de m o k r a t e n bei dem Hoch auf den Landesfürsten sitzen blieben, wurden sie von den Führern der Agrarier und der Zentrumspartei aufs schärfste angegriffen. Der agra­rische Abgeordnete Müller nannte das Sitzenbleiben eine B e- leidigung des Großherzogs und einen Bruch desEid- schwures der Abgeordneten und rief die Hilfe der Regie­rung an. Minister Nahstrat I lehnte jedes Einschreiten mit dem Bemerken ab, dies fei nicht Sache der Staatsregierung. Der Zwischenfall rief große Erregung hervor.

Aus Braunschweig.

In der Sitzung des braunschweigischen Landtags wurde am gestrigen Dienstag zunächst die Vereidigung der Mit­

lleifcbilöer aus öem größeren Griechenland.

iAthenische Stimmung en.

Athen, 26. Okt.

Aus Schritt und Tritt begegnet in diesen Zeiten dem in Griechenland Reisenden das griechische Volk in Waffen. Das kleine Laiü>, das seit jetzt 13 Monaten die außerordentlichsten Opfer an Geld gebracht hat von den ungeheuren an Blut hier nicht zu sprechen, sieht sich durch die noch immer nicht ganz verziehenden Gewitterwolken am polittschen Himmel gezwungen, nahezu 200 000 Mann unter den 233affen zu halten. Noch ist nickst einmal der Friede mit der Türkei abgeschlossen, wenn man auch schon für die nächsten Tage das Ende der Friedensverhandlungen erwartet; noch i|t Griechenland nicht völlig sicher, ob nicht die Bulgaren im Bunde mit !der Türkei einen heimtückischen Angriff planen, und noch immer droht vom Nordwestcn her die Gefahr einer Vergewaltigung Griechenlands durch Italien und Oesterreich um der sckwnen Augen der Albanesen willen. Athen insbesondere ist em Heerlager; man trifft in den Straßen ziemlich ebensoviel Soldaten aller Wai'fen- aattunqen wie Bürgersleute, und das ganze öffentliche Leben zeigt, daß Griechenland besorgt ist, sein Schwert scharf und Jem Pulver trocken zu erhalten.

Fn einer langen llnterrebung mit Herrn Veniselos, dem Vor- sikelwen des Ministeriums, der zugleich Lkriegsminister ist, habe ick den Eindruck gewonnen, daß die griechische Regierung die Hmivtaefabr weder von der Türkei noch von den hier gründlich verachteten Bulgaren befürchtet sondern von den Italienern und in diesem Falle Hand m Hand mit ihnen gehenden Oester­reichern o Man begreift in Hellas allenfalls die Politik Italiens, die sick einfach in beit Satz verdichten laßt: Bei icder Gelegenheit ohne eigene Gefahr so viel zu erraffen, tote die Umstände und die üS? geschlossenen europatickßm Bündnisverträge crrnog- icben D^ Streben Italiens geht offensichtlich dahin,, 1 ich an der m iip SpÄ Adriatischeit Meeres entweder eigene Hasen zu ver- mX L ych in kn Säfen des noch zu schaffenden-sten- S? 9ffiHwien also in Turazzo, Valona, womöglich m Santi ÖSÄÄS» für Me Strien und Handelsmarine 5U ju» bei her mit Sicherheit zu erwartenden Unordnung u^^hnt^ick/Albaniens sehr bald, italienische Häfen werden würden Dieses Streben Italiens tst.jo naw unverhullt daß em SL «gU es erkennen muß. $te griechischen Staatsmänner Kn Sn Ä Ä wenn die rohe .Gewalt in den Sanden der

Ucbermacht jedes Unrecht durchsetzen darf, wofern nur die Länder­gier zu solchen Gewalttaten drängt, dann ist Italiens Politik in der albanisch-griechischen Grenzfrage wenn nicht gerechtfertigt, so doch vom einseitigen Standpunkte dessen, der ohne Wagnisse eines Krieges Land und Einfluß erobern will, sehr leicht begreif­lich. Kein Mensch aber in Griechenland, auch nicht Herr Veni­selos (ober der König, der mich vor eininen Tagen zu einer über­aus freundlichen Audienz empfing, begreift die Politik Oesterreichs, die tn der albanischen Frage durchweg Italiens Bestrebungen unterstützt. Mit vollem Recht setzten mir Herr Veniselos sowohl wie Herr Panas, der Minister des Acußern, auseinander, daß die Besitzergreifung ostadriatischer Häfen durch Italien in einem Schicksalsaugenblick dieEinkorkung" lembouteillemercki der öfter» reichischen Flotte bedeuten könne. Daß die österreichische Regie­rung diese Zwickmühlenpolitik Italiens nicht durchschaut, ist in Athen, aber hoffentlich auch in mancher andern europäischen Hauptstadt ein unerklärliches Rätsel.

Ich hatte gehofft, Herrn Veniselos, den genialen Schöpfer des ehemaligen Balkanbundes gegen die Türkei, ben geschickten Verteidiger der Ansprüche Griechenlands bei den Bukarester Frie- dcnsverhandlungen, den politischen Sieger über die Türken und die Bulgaren, in der heitersten Stimmung zu finden. Herr Vem- selos vereinigt den großen Staatsmann mit einem warmfühlenden, großherzigen Menschen, die schärfste Bestimmtheit uub Entschluß­kraft mit einem Gemüt, das auch in der Politik nicht gegen Ur- gesctze des Rechtes verstoßen will. Eine Behandlung z. B. wie er als Kriegsminister sic den mehr als 100 000 türkischen Kriegs­gefangenen zuteil werden läßt, geht weit über das bisher in solchen Fällen übliche Maß hinaus. So läßt er allen türkischen Ofsizieren, die noch Kriegsgefangene sind, eine fast unbeschränkte Bewegungsfreiheit und bat angeordnet, daß ihnen nicht etwa der bescheidene griechisckie Offtzicrsold, sondern der ansehnlich höhere türkische aus den griechischen Kassen gezahlt werde. Zum erstenmal genießen die mindestens 1000 gefangenen türkischen Generäle und Offiziere die Wonne, ihre Gehälter pünktlich ausgezahlt zu be­kommen, was bekanntlich in der Türker zu den vielen Unmöglich­keiten des Landes gehört.

H^rr Veniselos stammt aus Kreta; er war dort ein einfacher Rechtsanwalt gewesen, hatte sich aber in den langjährigen Kämp­fen der griechischen Bevölkerung auf Kreta gegen die türkische Herrschaft einen guten Namen gemacht und roar von seinen Landsleuten zum Abgeordneten in die athenische Kammer gewählt

worden. Bald galt er für eine der wertvollsten Kräfte des neuen politischen Geschlecksts und die glücklickß! Welle trug den richtigen Mann an die richtige Stelle. Veniselos hat das Wunder fertig» gebracht, daß es in ber athenischen Kammer so gut wie nur eine einzige Partei gibt, die seinige, die ber vaterländischen Politik. In Wahrheit hatte es in der griechischen Kammer niemals poli­tische Parteien in unserm Sinne gegeben. Was sich früher hier so nannte, war die reine Clanwirtschaft gewesen: Clan des De- lijamris, Clan des Rallis, Clan des Trikupis und des Theotokis. Erst durch einen großen Mann und große Ereignisse ist diese icdem wahren Fortschritt hinderliche kleinliche Clanzänkerei besei­tigt worden, und es sieht nicht so aus, als werde sich dieser für Griechenlands Entwickelung heilsame Zustand so bald ändern Daß im griechischen .Volke eine mit zärtlicher Liebe gepaarte Begeisterung für diesen Befreier und Einiger des hellenischen Vaterlandes herrscht, ist begreiflich. UebcraH, in Dörfern wie in Städten, lieft man außen an den Häuserwänden in Ricsenbuch- ftaben : Es lebe Veniselos! Als mir in Athen der Fahrftichljunge die Einladung zu Veniselos brachte, leuchteten seine Augen und er konnte sich vor Z-reude nicht lassen, einem Bekannten seines- geliebten Helden behilflich zu sein.Veniselos und Konstantinos find umer Leben.' (t soi mas)" flüsterte er mir glückstrahlend zu.

König Konstantin ist der erste wirklich griechisch König Griechenlands. Sowohl der bayerische Otto wie ber dänische Georg sind während ihrer ganzen langen Regierungszeit dem Volke fremd geblieben. Wie freute ich mich, aus des Königs eignem Munde Mit mit benfetben Worten zu hören, was ich vor 27 Jahren in meinenGriechischen Frühlingstagen" ausgesprochen hatte: wie leicht zu regieren ist dieses Griechenvolk! Verstehen allerdings muß man dieses durch unb durch monarchische Volk mit seinen durch unb durch demokratischen Lebensformen. Es will regiert werden, verträgt auch eine sehr feste Hand, mir will es regiert werden wie ein Volk von freien Menschen. Mit Anherrschen, gar mit Anschnauzen ist vom Griechen nichts zu erlangen, mit freund­licher, noch besser mit freundschaftlick>er Bestimmtheit alles. König Konstantin wurde von seinem ungriechisch fühlenden Vater sehr verftlmdigerweise durchaus als Grieche erzogen und an vielen großen unb Meinen Zügen im Kriege wie im Frieden läßt sich sein echtes Griechenherz erkennen. Wahrhaft genial war z. B. sein Erlaß, worin er das Heer und die Flotte zu Paten seines jüngsten Töchterleins Niki (Sieg!) nahm. Im griechischen Leben spielt der Pate, der Kumbaros, eine unvergleichlich wichtigere