Ausgabe 
4.10.1913 Fünftes Blatt
 
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Nr. 255

Muster Blast

165. Jahrgang

i Gießener Anzeiger

Erscheint tS-lich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhejsen

DieSiehener Zamtlienblätter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigeleot, das Krcisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Somstog, 4. Moder 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition unb Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: 112. Tel.-Adi.:AnzeigerGießen,

Die Kapujiner in ponape.

Man schreibt uns:

Unser hessischer Landsmann, der Geheime Regie­rungsrat Georg Fritz (ein geborener Alzeyer), früherer Bezirksamtmann in Saipan, Jap und Ponape auf unse­ren Kolonien in Mikronesien, setzt seinen Kampf gegen die Mission der Kapuziner auf den Karolinen in entschiedener, mannhafter Weise fort.

In Ponape, dem Verwaltungssitz der Ostkarolinen, war gegen Ende des Jahres 1910 ein blutiger Aufstand der Ein­geborenen ausgebrochen, der mit deutschen Waffen in einem schweren Buschkriege beendet wurde. Fritz hatte bei früheren Unruhen unter den Eingeborenen die Erfahrung gemacht, daß die Ursachen der Aufstände in konfessionellen Gegen­sätzen beruhten. Peil er bei seinen weiteren Nachforschungen über die Gründtz^dieser Unruhen zu der Ueberzeugung ge­kommen war, daß zwei Patres der Kapuzinermission dabei eine bedenkliche Rolle gespielt hatten, so verlangte er vom Reichskolonialamt die Entfernung des einen aus Ponape, und nach entsprechenden Verhandlungen mit der Ordenslei­tung war von dieser auch dessen Abberufung dem Kolonial­amt zugesagt worden. Der Kwpuzinerpater Venantius a Prechtal, apostolischer Präfekt für die Karolinen und Pa­lau, der die erforderlichen Maßnahmen durchführen sollte, kam bei der von ihm erneut angestellten Untersuchung im Gegensatz zu dem Bezirksamtmann Fritz zu dem Ergebnis, daß an dem Verhalten der beiden Patres nichts auszusetzen sei und strebte nun dahin, die Abberufung des Patres Cres- cenz von Ponape wieder rückgängig zu machen. Der politische Gegensatz, der sich so zwischen der Verwaltung in Ponape und der dortigen Kapuzinermission herausbildete, führte nun im weiteren Verlaus zu einer Verurteilung des Paters Ve­nantius durch das koloniale Bezirksgericht in Ponape wegen verleumderischer Beleidigung des Amtman- n e s F r i tz zu einer Geldstrafe von 100 Mark. Auf eingelegte Berufung verurteilte das Obergericht als höchste Instanz am 12. März 1913 den Pater zu einer Geldstrafe von 900 Mk. wegen bewußter Verleumdung seines politi­schen Gegners zu ganz bestimmten Zwecken." Zwar wurden dem Angeklagten mildernde Gründe zugebil­ligt, aber in den Urteilsgründen heißt es, daßdie Straf­tat als eine sehr schwere Verfehlung betrachtet werden muß, die gerade an der Grenze dessen steht, was mit Geld gesühnt werden kann." Das Kolonialamt in Berlin aber fügte sich dem Wunsche des Kapuzinerordens, nahm seine auf Entfer­nung des schlimmsten Zeloten gerichteten Beschlüsse zurück und verleugnete seine Beamten, so daß Fritz seine Entlas­sung nahm.

Herr Fritz erhoffte nun von einer politischen Macht­verschiebung im deutschen Reiche durch die letzten Reichstags­wahlen eine Besserung der Zustände auf dem Gebiete der kolonialen Verwaltung, und um ähnlichen Unheil künftig vorzubeugen, wandte er sich in einer Schrift, betiteltAd mu- jorem Dei gloriam" an die Öffentlichkeit, in der er nach einer Schilderung von Land und Leuten und den Zuständen unter der spanischen Herrschaft (18851899) und denjeni­gen unter deutscher Herrschaft (seit 1899) die Vorgeschichte des Aufstandes in Ponape von 1910/11 und seine Tätigkeit als Bezirksamtmann darlegt. (Leipzig Dietrich'sche Verlags­buchhandlung.) An einer Stelle dieser Schrift heißt es:

Auch die Kapuziner in Ponape haben in ihrer Mehrheit be­wiesen, daß sie ihre Tätigkeit nicht auf das religiöse Gebiet beschränken wollen, sondern imstande sind, unter Mißbrauch des ihnen vom Staat geschenkten Vertrauens die Eingeborenen unter- cinanter zu verfeinden und gegen die Regierung aufzuspielen, Beamte, sogar Ordensbrüder, die ihren ultramontanen Zwecken nicht dienstbar sind, mit allen Mitteln zu verfolgen, ja, daß es ihnen auf einen blutigen Aufstand nicht ankommt, wenn es Gläulnge zu gewinnen gilt. Die katholische Mission ist mit- schuloig an dem in Ponape vergossenen Blute. Alle ultramontanen

Bestrebungen dienen dem Ziel der Kirchen- und Mönchsherrschaft und der Geistesknechtschaft.

Fritz hatte, um der deutschen Sprache Eingang zu ver­schaffen, noch zur Zeit der spanischen Mönche, die auf eine Lehrtätigkeit unter deutscher Herrschaft verzichteten, auf Sai­pan eine Regierungsschule und Schulzwang eingeführt. Und diese Todsünde haben ihm die Ultramontanen deutscher Zunge nie verziehen.

Fritz hat vergeblich darauf gewartet, daß die beschuldig­ten Kapuziner ihm Gelegenheit geben würden, seine Angriffe vor einem deutschen Gerichte zu vertreten. Die Mönche haben aber diesen Weg verschmäht und sich mit einer Verteidigung begnügt, die der Sekretär der Kapuzinermission in Ehren­breitstein, Pater Kilian, unter dem TitelPonape im Son­nenlichte der Oeffentlichkeit" bei I. P. Bachem in Köln 1912 erscheinen ließ. Darauf hat nun Fritz in einer zweiten Bro­schüre:Die Kapuziner in Ponape", Leipzig Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 1913 in ausführlicher Weise erwidert und das Treiben der politisierenden Patres zur Ausbreitung ihrer Macht geschildert. Er uErstützt die Forderung der Häuptlinge der protestantischen Stämme auf Abgrenzung der konfessionellen Propaganda. Während der Pater Kilian den protestantischen Häuptlingspastoren mehr Schuld an den Auf­ständen und Unruhen zuschreibt, als allen spanischen und deutschen Kapuzinern zusammengenommen, erblickt der Amt­mann Fritz dagegen die Ursache des in Ponape potentiellen Zustandes der Unruhe in der von den Spaniern herbeige­führten und von den Kapuzinern geförderten konfessionel­len Spaltung. Die Boston-Mission habe wohltätig gewirkt, so lange sie allein war: es gab unter ihr keine Stammes- kriege mehr. Mit der Ankunft der Spanier und Kapuziner aber lebten unter der Flagge der Religionsverschiedenheit die alten Stammesfehden wieder auf. Die Kapuziner unter­stützten die politischen, katholisierenden Häuptlinge, so daß die protestantischen Staaten aus Gründen der Selbsterhal­tung das Eindringen des Katholizismus bekämpfen mußten. Der Ponapemann kennt keine religiösen Vorurteile und steht in dieser Hinsicht moralisch über den ultramontanen Zeloten und ihrem verhetzten Gefolge in Europa, deren gan­zes Wesen und Streben durch alle Jahrhunderte die kirch­liche Unduldsamkeit gewesen ist und heute noch ist."

Unter der Etikette der Gewissensfreiheit schlich sich in unser Schutzgebietgesetz eine Bestimmung ein, die es der Re­gierung unmöglich macht, die Propaganda der verschiedenen Konfessionen räumlich zu trennen, selbst wenn die schranken­lose Konkurrenz auf kleinstem Gebiete natürlich zur Beun­ruhigung der Bevölkerung und zu Friedensstörungen führt, wie die Geschichte von Ponape auch denjenigen lehrt, der nicht an eine direkte oder indirekte Schuld der Patres glaubt. Nun sind die Kapuziner auch in das protestantische Mis­sionsgebiet der Mortlockinseln und auf Truk eingedrungen: unter dem Firnis der Religionsverschiedenheit werden auch unter jener kriegerischen Bevölkerung die alten Stammes­fehden wieder aufleben und das deutsche Reich zu kostspieligen Eingriffen nötigen. Darum sind die Missionen als reine Privatunternehmen zu behandeln und in ihren nicht immer heilsamen Einflüssen besonders da zu überwachen, wo ver­schiedene Missionen tätig sind. Dies ist auch der durch Jahrhunderte alte Erfahrungen gewonnene Standpunkt der englischen Kolonialpolitik: selbst die spanische Regierung hatte sich ein Aufsichtsrecht über die katholischen Missionen ge­wahrt, und in den holländischen Kolonien gärt es unter der mohammedanischen Bevölkerung Indiens, der man christliche Schulen aufzwingen will.

Landwirtschaft.

Frostspanner!

Von Tr. Hans Hoffmann -Friedberg.

Vielen tauben Ohren wurde im vergangenen Jahre über das Auftreten der Frostspanner gepredigt! Die Belehrungen und Mah­nungen sielen auf unfruchtbaren Boden! Män wußte alles besser

als der Fachmann. Die Praxis hat aber in diesem Frühjahr beu. Beweis für die Richtigkeit der Worte der Obstbautechniker er­halten. Der Beweis wurde in manchen Gemeinden mit 20 000 bis 30 000 Mk. bezahlt! In manchen Gemeinden beläuft sich der Schaden noch höher! Es seien darum alle einsichtsvollen Obst­züchter jetzt rechtzeitig ermahnt: Obstzüchter legt Anfang Oktober Klebgürtel an!!

Damit sich Obstzüchter über das Wesen des Frvskspanners unterrichten können, sei hier eine ausführliche Besprechung des Frostspanners und seiner Bekämpfung aufgesührt: Otto Hins- b e r g-Nackenheim schreibt darüber in seinem Ratgeber für Krankheiten und Schädlinge:

Ter am längsten er- und bekannte Obstbaumschädling ist der Frostspanner. Seine Bekämpfung wird mit Erfolg schon seit 1770 geübt.

Er ist ein merkwürdiges Tier. Während andere Schmetter­linge nur in den warmen Sommerinonaten fliegen, wartet dieser, bis der erste Frost gefallen. Auch die Ausbildung seiner beiden Geschlechter ist nicht nach der Regel. Männchen und Weibchen sind durchaus verschieden voneinander. Ersteres hat Flügel von hellbrauner mit Weiß verwaschener Farbe, die etwa 25 bis 30 Millimeter groß sind, letzterem fehlen die Flügel fast ganz. Es hat an ihrer Stelle nur kleine Stummel, dafür aber sehr lange Beine. Sein Leib ist kräftig entwickelt und mit einer großen Anzahl von Eiern gefüllt. Beide Geschlechter haben ihre Puppen­ruhe in der Erde durchgemacht. Meist in den letzten Tagen des Oktober beginnen die Schmetterlinge auszuschlüpfen. Ihr Er­scheinen dauert bis halben Dezember. Die Weibchen können mit ihren verkümmerten Flügeln nicht fliegen. Deshalb müssen sie zu den Knospen in der Krone, wo sie ihre Eier ablegen wollen, zu Fuß gehen und zwar ist der einzig mögliche Weg am Stammle hinauf. Unterwegs sucht das fliegende Männchen das Weibchen auf. Der Hauptflug und Aufstieg findet am Abend und in der Nacht statt. Das Weibchen legt 200 bis 300 Eier einzeln an den Knospen ab. Dieselben haben zuerst eine hellgrüne Farbe. An der Lust werden sie erst fleischfarben, nachher grau-braun. Die Eichen werden im Frühjahr von der Sonne ausgebrütet. Die daraus entstandenen grünen Spartnerräupchen fressen sogleich die hcr- vorbrechenden Blätter und Blüten ab, bohren sich auch später in kleine Früchte (Kirschen und Aprikosen) ein. Sie erreichen bis Ende Mai eine Länge von 20 bis *5 Millimetern und ver­puppen sich um diese Jahreszeit in der Erde. Man sieht die Bäume durch sie vielfach entblättert. Der Schaden des Frost­spanners ist deshalb so sehr groß, weil er nicht allein die Ernte des laufenden Jahres zerstört, sondern auch die Aus­sichten für das kommende zunichte macht, indem er die Blätter die Lungen der Bäume aufsrißt. Mehrjähriger Befall durch den Frostspanner kann die ftärfften Bäume zum Absterben bringen.

Auf die Flugunfähigkeit der Frostspannerweibchen hat man ihre einfache Bekämpfung aufgebaut. Man legt um den Stamm einen klebrigen Ring und fängt auf diese Weise die auffteigciy den WeiMew ünb auch viele Männchen.

Herr E. B. in Freilaubersheim fing an einem Baume, den ihm der Frostspanner jedes Jahr vernichtete, 396 Frostspanner- männchen und 415 Weibchen. Ein kleinerer Teil der Weibchen bleibt ratlos unterhalb des Ringes fitzen und legt da feine (Sier in Schnüren ab.

Es ist nicht gut', den Leim direkt auf die Rinde zu streichen, sondern auf ein fett- und wasserdichtes Unterlagepapier, das ine Rollen von entsprechender Breite zu haben.

Im nachstehenden einige Winke, wie man sich in den dringen­den Herbstarbeiten einrichtet, um die Arbeit des Leimringe-Än- legens ohne große Mühe und rechtzeitig zu erledigen. Nach dem Durchschnitt der letzten 15 Jahre erscheinen die ersten verein­zelten Männchen vom 25. bis 31. Oktober. Drei oder vier Tage danach die ersten Weibchen. Die Hauptzeit beider ist vom 10. bis 30. November. Bis 15. Dezember läßt der Strom dann ganz nach. Westn früh anhaltender Frost eintritt, kommen Nachzügler auch _ noch im Frühjahr. In ausgedehnten Anlagen geht man nun so vor, daß man im Oktober an irgend einem freien Tage die Papiergürtel anlegt. Man nimmt zwei Zentimeter Papier mehr als um den Baum unbedingt erforder­lich ist und bindet den Gürtel mit zwei dünnen Schnüren je einen Zentimeter vom oberen und unteren Rande entfernt fest. An einer Stelle, wo nach dem Auftreten der Raupen im Früh­jahr sicher Schmetterlinge zu erwarten sind, bringt man auf einigen Gürteln auch den Leim schon an. Rückt der 25. Oktober heran, so beobachtet man diese geleimten Stämme. Sobald dann das erste Ndännchen gefunden wird, oder am Abmd schwärmt, ist der Augcn-

Frauen-Run-schari.

Neue Tanzlveishcitcn der Pawlowa.

Anna Pawlowa, der hellste Stern in der Welt der russischen Tänzerinnen, weilt gegenwärtig in London, und bei dieser Ge­legenheit veröffentlicht die berühmte Künstlerin imStrand Magazine" allerlei neue Tanzweisheiten aus ihrer Erfahrung. Man hat sie z. B. nach ihrem Urteil über die Tanzkunst der einzelnen Völker gefragt und hierüber äußert sie sich folgenber- E^Man hat mir oft die Frage vorgelegt, welches Volk die traurigsten und welches die fröhlichsten Tänzer habe. Aut bie erftc Frage müßte ich antworten: die Russen. Am ausgelassensten tanzen die Spanier: dann kommen die Italiener, die Fran­zosen sind lustig und unbekümmert, die Deutschen fröhlich, aber etwas schwerfällig, und die Russen können Melancholie, Trauer und die entgegengesetzten Extreme, Süssigkeit, Freude und Ans- qelassenheit, besser als irgend ein Volk auf der ganzen Welt im Tanz ausdrücken." Hier fehlen die Engländer, und von diesen meint die Pawlowa, sie habe englische Kinder gesehen, die es zur höchsten Vollendung in der Tanzkunst bringen würden, doch prfrfüene ihr ein englischer Ballsaal unterhaltend, aber nicht wür- dia Dies geht wahrscheinlich auf den Cakewalk zurück.C'est borrible" lagt sie von diesen amerikanischen Tänzen. Sie erklärt hierüber könne sie urteilen, denn im Turkey-Trot hat fip sich selbst versucht. Sie meinte, alles verstehen heiße alles Treiben unb lernte in Amerika den Turkey-Trot, um biete nfte Weisheit auf ben Tanz anzuwenden. Aber der Turkey-Trot siel ihr auf die Nerven und noch heute denkt sie an biete Er- fnhritna mit Schauber". Ten Tanz faßt die Pawlowa als eine Limit au? bie b?r Dichtkunst und der Musik verwanbt i)t. Ter ey' ift aber abhängig von ber Lebensweite/ und noch mehr hn« her Tracht Als Beweis hierfür nennt )te bie griechischen Tcwze bie nur durch bie klassische Tracht ermöglicht wurden, bi? Eße Bewegungsfreiheit liest ferner bie steifen gravitatsichen her Krinolinenzeit und als britles Beispiel nennt sie bie wSxn Tän,° ä- in tf>rer Msg-l-ss-nh-it Mdjttamit btt ESaät ber Schotten harmonieren. Was nun insbesondere chm Tänze angeht, so meint die Pawlowa, hier könne arten roerten: man sollt ixm Tanz nicht als einen der Gymnastik und des Sportes lehren sondern cs mit it« ^»r.mterrickit ähnlich rote mit dem Musikunterricht halten. Als Vorbild^ stellt sie bann ben russischen Tanzunternchl hin, p? 4« her kaiserlichen Ballettschule erteilt wird, worüber lic « Ln mebNMks geäußert Hot Wer es im Tanze wirklich u mul seine HLten Jahre der Tanzkunst

widmen und es so wett bringen, d-tz er ..nicht mir mit den Seinen tanzt, sondern mit den Augen, den Händen und dem

Hals, bem Kopf, mit den Annen und dem Mund, kurz mit dem ganzen Körper." Die russischen Jünger des Tanzes, so erklärt sie weiter, üben deswegen außerordentlich viel: sie kannte z. B. einen jungen Tänzer, ber 6 Stunden täglich tanzte, unb eine ihrer Freunbinnen, bie jetzt als Tänzerin hochangesehen ist, pflegte in ihrem Sommeraufenthalte täglich 4 Stunben unter Aufsicht ihres Bruders, auch eines angesehenen Tänzers zu tanzen.

Besonders interessant ist, was die Pawlowa von ben bereits erwähnten schottischen Tänzen sagt. Tic schottischen Tänze haben zwar nicht, wie manchmal behauptet wirb, Aehnlichkeit mit den russischen, doch ist bie Pawlowa überzeugt, baß ein schottisches Nationalballett nicht nur in Großbritannien ungeheure Erfolge erzielen würde, sondern in ber ganzen Welt begeistert aufgenom- men werben würde.

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Eine indische Aerzte schule für Frau en. In Delhi wird jetzt eine Hochschule für Frauen erbaut, in der Jndierinnen eine fachmännische Ausbildung in der Medizin er­halten werden. Die Kosten für dieses erste Institut dieser Art in Indien ist durch Sammlungen aufgebracht worden, bie unter ber Leitung der Vizekönigin Laby Harbinge veranstaltet würben. Die Aerzteschule soll bie Basis bilden für eine großzügig ge­plante Versorgung ber weiten indischen Gebiete durch weibliche Aerzte. Die Hilfe, die die englischen Aerzte den Eingeborenen angedeihen lassen können, ist ganz ungenügend und deshalb wei­tere Hilfe Heilkundiger dringend notwendig. Zudem gibt es eine große Anzahl von sogen. Purdah-Frauen, b._ h. von Frauen hinter dem Schleier", die streng an den Vorschriften der moham­medanischen Religion festhalten unb sich vor keinem Manne sehen lassen. Für biese ist bas Vorhanbensein weiblicher Aerzte drin- genb erforderlich. Die indischen Frauen, die sich bereits von altersher viel mit Heilkunde beschäftigen, eignen sich vortrefflich zur Ausbildung in den Heilwissenschaften, und so wird sich das Institut eines großes Zuspruches und guter Erfolge erfreuen. Die Einrichtung erfolgt nach bem Muster der Aerzteschule für Frauen in London; die Regierung hat ben Bauplatz zur Ver­fügung gestellt unb gewährt dem Unternehmen, bas sie außer- orbentlich begünstigt, einen jährlichen Zuschuß von 200 000 Mk.

Kf. Neues von der japanischen Frauenerzie­hung. Im alten Japan bestand bie Frauenerziehung darin, baß bem Mädchen von früh auf diedrei Gebote des Gehorsams" eingeprägt wurden, nämlich der Gehorsam gegen die Eltern, später gegen ben Gatten und noch später gegen den ältesten Sohn. Diese Gesetze ber Erziehung waren ein Ausfluß der buddhistischen Lehre. Sett Dielen Jahren ist dies jedoch viel anders geworden: die moderne japanische Frauenzeitung erkennt die PeZönüchkeit und das Recht zur Perantworelichkeit und Selbstbestimmung der

Frau an, demgemäß wird der Unterricht erteift, unb gegen­wärtig gibt es im japanischen Reiche über 200 höhere Mädchen­schulen, bie durchschnittlich 500 Schülerinnen haben. Die meisten dieser Schulen, so berichtet Frau Jisiio Naruze, bie Leiterin ber japanischen Frauenuniversität in berOriental Review" be­reiten bie Japanerin auf das praktische Leben, auf ben Beruf vor. Im Jahre 1901 ist bie japanische Frauenuniversität ins Leben getreten, ein Institut, bas. gegenwärtig rund 1100 Stu­dentinnen zählt. Diese verteilen sich vorläufig auf vierFakul­täten", nämlich Pädagogik, Nationalliteratur, englische Literatin unb häusliche Fertigkeiten. Es sollen aber binnen kurzem weitere Fakultäten angegliedert werden, zunächst solche für Medizin, Musik unb Zeichenkunst.

Kf. Perlenarbeiterinnen. Seit ber mysteriösen Perlenhalsbanbgefchichte hat bie Erzeugung falscher Perlen, bie ihren Hauptsitz in Paris hat, einen neuen Aufschwung genom­men, benn einmal ist jetzt Mode geworben, Nachbilbungen des berühmten gestohlenen Perlenhalsbanbes zu tragen, andrerseits aber lassen sich bie Besitzer wertvoller Perlenketten Nachbildun­gen ihrer Schmuckstücke Herstellen. Die ZeitschriftNos Loisirs" erzählt deswegen einige interessante Züge aus ber Welt der Perlenarbeiterinnen. Die Herstellung falscher Perlen liegt näm­lich fast ausschließlich in den Händen von Arbeiterinnen, und in Paris sind etwa 8000 Frauen damit beschäftigt. 2000 Arbeitesin­nen stellen die durchsichtigen Glasperlen her, und jede von diesen verdient damit täglich 46 Franken. Diese Rohperlen kommen nun in die Hände berNacreuses", etwa 800 .an ber Zahl, die den Perlmutterüberzug ber Glasperle Herstellen. Je nach ihrer Geschicklichkeit verdienen sie 48 Franken am Tag. DiS jetzt weißen Perlen werden denLimeuses" anvertraut, bie ber Perle den letzten Schliff geben. Es sind etwa 200 an der Zahl. Ihre einfachere Arbeit wirb mit 312 Franken täg­lich bezahlt. 500Enfileuses" stellen bie falschen Perlen bann zu Perlenketten zusammen, eine Arbeit, bie runb 4 Franken am Tage einbsingt. Alle biese Angaben beziehen sich auf die wirk­lich guten, oft täuschenben Perlennachahmungen, unb bie In­dustrie, die diese herstellt, beschäftigt an die 4000 Arbeiterinnen, die nicht so gut bezahlt werden, wie die oben erwähnten. Wirklich gut nachgeahmte Perlen sind ziemlich teuer unb kosten, je noch ber Größe, das Stück 1 bis 5 Franken. Ties ist ber Preis der Fabrikware. Durch ben Zwischenhandel werden die falschen Perlen natürlich bedeutend verteuert unb besonders in ben Lüben der vornehmen Boulevards bezahlt man für falsche Perlen ganz ansehnliche Preise. Noch teurer werden bie falschen Perlen be­zahlt, wenn es sich um bestellte Nachbildungen befhmmter echter Perlenketten handelt.