Dienstag, 4- März 1915
Nr. 55 Lrftes Blatt 165. Jahrgang
Der Gießener Anzeiger jWW M » VezugSprei >:
erscheint täglich, außer jsäSilMS» Wffl monatlich 75 Pf., viertel-
Sonntags. - Beilagen: Ä A AA «K A A A A A AL ▲▲ jährlich Mk. 2.20:durch
viermal wöchentlich M ff A /v’Sk W 48fr ^»W Abhole- u. Zweigstellen
SiehenerZamiliendlätter, 88 sHKSk W W W WW /sF’Hfr ® W ▼ inonatlich 65 Pf.: durch
zweimal wöchentl.Breis- M ®8 TSÄ W SS M W W 1/ W M W W üÄ >*L M W M LZ W dicPost Aie.2.-viertel-
blattfürdenBreisSiehen lia W W W W M W Jr W W W M {Sr^ B jährl. ausschl. Bestellg.
(Dienstag und Freitag): ■ ÄH Vl Bä WA WA W W WA M JifL MO W W W fs m W WH^ M Zeilenpreis: lokal 15Pf^
riveimal monatl. Land- WL jr KL WW^ W Wa H| WL# WW ZfflW W ÖL Li 'Oy fy auswärts 20 Pfennig,
wirtschaftliche Zeitfragen 'V M A l8 'v V Bei W Chefredakteur: A Goetz.
Fernsprech - Anschliisse: ca ®r Verantwortlich für den
für die Redaktion 112, politischen Teil: August
WS? General-Anzeiger für Gberhesse« LKsL s"»5Ä!« Notatl»ns»tuck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch. und Steindruckerei «. Lange. Nedattion, Expedition und Druckerei - Schuiftratze 7. L°"d--?E.H-b-wr d^. Vis vormittags 9 Uhr. Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfafet 10 Seiten
Der Kaiser auf Helgoland.
Bon unterrichteter Seite wird uus aus Berlin geschrieben :
Dis Reise des Deutschen Kaisers nach Helgoland, die trotz des sehr schlechten Wetters und hohen Seeganges durchgeführt wurde, hat eine hohe politische und angesichts der Rüstungsstinrmung sehr zeitgemäße Bedeutung: Die Insel Helgoland ist nahezu kriegsbereit. Lagert doch schon die gesamte, für einen Krieg notwendige Munition auf der Insel und konnte nun vom Kaiser besichtigt werden.
Die genauen Angaben über die Armierung Helgolands werden natürlich soweit irgend möglich geheim gehalten. Die Kontrolle ist jetzt umso schärfer, als die Befestigungen Helgolands nachgerade das höchste Ziel der englischen Spionage geworden sind. Bekanntlich haben die zu je vier Fahren Festungshaft verurteilten britischen Seeoffiziere Trench und Brandon gerade von den Befestigunaen Helgolands photographische Aufnahmen g macht und sich genaue Skizzen und Notizen über die Geschützstandsbezeichnnngen über das Fahrwasser, über die Lage der Heul- unb Leuchttonnen an gefertigt. Soweit seitdem zu befürchten war, daß die englische Vorspionage einen gewissen Erfolg hatte, jund soweit es strategisch angängig erschien, hat man die Verteilung und den Standort der Geschütze geändert.
Helgoland, für dessen militärischen An. bau neben dem Kaiser ganz besonders auch Prinz Heinrich gearbeitet hat, kann jetzt als die modernste, mit allen Mitteln der neuesten Waffen- und Befestigungstechnik ausgerüstete Küstensperrbefestigung gelten. Die nach dem Stande der jetzigen Technik besten, 15—20 Kilometer weittragenden Geschütze sind dort aufgestellt. Die modernsten Panzerbatterien, Panzer- kasematten und bombensicheren Kasernements mit den neuesten drehbaren Panzertürmen, Verschwindelafctten und gepanzerten Beobachtungstürmen sind auf Helgoland zu finden, wenn es eben erlaubt wäre, sie zu suchen. Von der Seeseite aus ist von den neuen Anlagen nicht das mindeste zu bemerken. Die Westmole ist jetzt in einer Länge von ungefähr 600 Meter, d. i. in ihrer ganzen Ausdehnung grundiert: sie wird ebenso wie die 400 Meter lange Ostmole in diesem Fahr 1913 ausgebaut sein. Die Quernrole und die Einfahrt, die den Hafen nach Süden gegen das Meer abschließen, werden voraussichtlich im Fahre 1914 voll aus gebaut sein. Seit, vier Fahren ist mit größtem Eifer an der Landgewinnung gearbeitet Worten, und man konnte dem Kaiser bei seiner Besichtigung bereits den ansehnlichen Zuwachs aufweisen, den die Insel durch diese Arbeiten erhalten hat. Das gewonnene Neuland ist fast so groß, wie das bisherige Helgoländer Unterland. Kaiser Wichelm bringt aber nicht nur der Landgewinnung, son- bent auch der überaus schwierigen „Imprägnierung" Helgolands, d. i. der Erhaltung des Fnselbeftandes gegen das zerstörende Seewasser, großes Interesse entgegen. Tas neue Verfahren der Fniprägnierung arbeitet mit einer Lösung von Flußspat iint) Quarz, wozu die Vorversuche im Materialprüfungsamt von Berlin-Lichterfelde angestellt wurden. Durch das neue chemische Verfahren wird das Helgoländer Gestein an seinen gefährdeten Stellen zu einer einheitlichen Felsniasse umgewandelt, die weder durch Mederschläge, noch durch Eissprengung oder durch den Anprall der See abgebröckelt tverden soll.
Somit ist die „versaufende Insel", wie sie von Nörglern und Schwarzsehern lange Fahre hindurch verächtlich be
zeichnet wurde, zu einer Bedeutung hcrangewachsen, die sich mit deni den Zugang zum Mittelmeere beherrschenden englischen Gibraltar vergleichen läßt. Helgoland wird unser Gibraltar und ist es bereits geworden. Wenn wir in einem zukünftigen Kriege den Feind an seinen Küsten blockieren und so die See für unseren Handel ossenhalten, wird allerdings der Wert des befestigten Helgolands zunächst nur gering sein. Das schöne für seine Umgestaltung zu einem befestigten Seeplatze ausgegebcnc Geld könnte uns dann zwar eigentlich leid tun; man hätte es besser auch noch in Schiffen angelegt. Immerhin teilt Helgoland darin nur das Schicksal aller Festungen, die dem eigenen Lande nichts nützen, wenn man den Krieg in Feindesland führt. Sollte es aber doch auch einmal anders kommen, sollten ü b er le g ene Se e st r e i tfr ä f t e uns gegenüberstehen, dann wird sich die teure Befestigung Helgolands in vierfacher Mchtung glänzend rentieren. Erstens ermöglicht die Insel den freien Aufmarsch der eigenen Flotte; zweitens bietet sie einen Stützpunkt für leichte Seestreitkräfte ; drittens ist sie ein überaus wichtiger Beobachtungspunkt und viertens ein Ausschlupf für Kreuzer und schnelle Handelsschiffe. Gewiß werden Helgolands Kanonen und Scheinwerfer so wenig wie die von Gibraltar ausreichen, um das Vorbeifahren feindlicher Schiffe zu ver- hindern, aber unsere Insel bildet jedenfalls für eine gegen die Flußmündungen vordringende Flotte oder deren erkundende Vorhut einen schwer angreifbaren Punkt, der entweder unter furchtbaren Opfern gctoomtcn werden muß oder als überaus gefährlicher feindlicher Posten im Rucken bleibt. Was bisher nur ein lleiner Kreis der Orientierten fest glaubte, ist allgemeine, vom Kaiser anerkannte Tatsache geworden: .Helgoland ist jetzt selbständige Fortistkation, ein mächtiges Bollwerk gegen jede Gefahr, die von der Nordsee her im Kriege drohen sollte.
Helgoland, 3. März. Die Ankunft der Kaiser- schiffe ist in der vergangenen Nacht um 11 Uhr 15 Min. bei schlechtem Wetter erfolgt. Um 11 Uhr 20 Min. vormittags ging der Kaiser an Land und besichtigte die Hafenanlagen, sodann im Oberlande die Befestigungen, insbesondere die neue Südgruppe. Wegen des starken Wellenschlages, der bei der Uferschutzmaner herrschte, mußte dort von einer Besichtigung Abstand genommen werden. Der Kaiser begab sich mit Gefolge um 12^2 Uhr wieder an Bord des Linienschiffes „Kaiser". Unter dem Salut der Batterien an der Südspitze der Insel lichteten die Kriegsschiffe um 43/i Uhr die Anker und nahmen den Kurs nach der Weser.
Wilhelmshaven, 3. März. Der Kaiser ist an Bord des Linienschiffes „Kaiser" heute abend 0i/2 Uhr bei Regen und Sturm hier wieder eingetroffen.
Die Deckung der Wehrvorlagen.
Die „Bayerische Staatszeitung" beschäftigt sich in einem Leitartikel ausführlich mit der Verlautbarung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zur Vermögensabgabe, von der sie sagt, daß sie in die zurzeit etwas! gedrückte Stimmung des deutschen Volkes einen nationalen und großen Zug bringe. Nach einigen Bemerkungen wider die Höhe der in Betracht kommenden Abgaben, von denen in der Presse erkannt worden sei, daß es sich um eine gewaltige Leistung handele, die einmalig zu bewältigen ist, fährt die „Staatszeitung" fort:
Weit über den Umfang des einmaligen Bedarfs hinaus aber erhebt sich die Bedeutung des Gedankens, der feiner Deckung zugrunde liegen soll. Es ist eine Tat von weltgeschichtlicher Größe, zu der das deutsche Volk aufgerufen wird. Eine Summe, deren Bestreitung aus lausenden Mitteln unmöglich, deren Beschaffung durch Anleihen nicht ratsam ist, soll durch eine Leistung aufgebracht werden, an der ausschließlich die besitzenden Klassen beteiligt sind. Nur einem ge
ringen Bruchteil der von dieser Leistung Erfaßten wird es vergönnt sein, sie aus ihrem regelmäßigen Einkommenzu bewirken. Die überwiegende Masse wird an die Substanz ihres Belitzes greifen müssen, um ohne empfindliche Störung ihres häuslichen Budgets den Betrag aufzubringen, der gefordert wird, ^re Gesamtheit der besitzenden Klassen würde auf dme Werse frem nationalen Gedanken ein Opfer bringen, das die Machtmittel des Reiches wirksam verstärken, dem Auslande Achtung ab notig en und der Hetzarbeit der Sozialdemokratie den Boden entziehen wurde. Daß die Anwendung dieses Prinzips nur eine, einmalige und ausnahmsweise durch die außerordentlichen Umstände bedingte lern kann und darf, darüber besteht wohl nirgends cm Zweisel. Einmal auf dem Boden der Uebereinstimmung über die große Frage würden die Parteien., und hierin liegt die wertere Bedeutung der geplanten Vermögensabgabe, leichter gemeinfame W e g c für die Beschaffung der lausenden Ausgaben finden. Der Geist patriotischen Opfersinnes, m dem sie sich, wie zu hoffen ist, zur Bewilligung der Vermögensabgabe zusammenschließ-m, wird wohl auch bann nicht versagen, wenn es gilt, die Mittel für jene Kosten auszubringen, die die verant- wortlickien Stellen im Reiche für die Verstärkung unseres Militar- etats für notwendig erachten.
Verständig und erfreulich sind die allgemeinen Betrachtungen des Hertlingschen Organs. Dagegen stammt dre Bemerkung über die Beschaffung der laufenden Ausgaben ersichtlich aus der schwarzen Tunke der Zentrumsküche. Denn da wird die Reichsregierung ganz tm Tone der Zentrumsblätter und der Veröffentlichung eines Bachem aufgefordert, ja nicht noch eine Befitzsteuer wie die Erbschaftssteuer auszuwählen. ,
Wie die „N"6onalzeitung" erfährt, beabsichtigt die Regierung bei der Veröffentlichung des Steuergesetzes sich unmittelbar au das Volk mit einer Kundgebung zu wenden, die ausdrücklich auf die Analogie der Selbstbesteuerung des Volkes im Fahre 1813 hinweist und betont, daß die politische Enttmcklung der letzten Zeit das friedliebende Deutsche Reich zwinge, für leine Wehr und Sicherheit außerordeiitliche Opfer zu bringen.
Nach der „Berliner Morgenpost" wirb die Heeresvor- lage während der R e i ch t a g s o st e r f er i en veröffentlicht werden. Die einmaligen Ausgaben sollen sich auf 750—800 Millionen belaufen. Die einmalige Abgabe vom Vermögen wird einen halben Prozent, steigend bis zu ein Prozent betragen. Die Regierung beabsichtigt die B e r - mögen bis herunterzu 10 000 Markzu erfassen, doch dürfte der Reichstag die Grenze auf 20000 Mark erhöhen. Die 800 Millionen sollen zu je 40 Prozent rpi ersten und zweiten und zu 20 Prozent im dritten Fahre aufgebracht werden. Die Vorlage wird den Deklarationsplan enthalten. Bei Grund und Boden wird das 25 fache desFahresertragesals Vermögen angenommen. Der Kaiser hat die ganze Vorlage den Bundesfürsten persönlich empfohlen. Die Anregung aus einmaligen Abgaben ist aus Finanz- und Parla- mentskreisen an den Kaiser gelangt. In der sächsischen Regierung regt sich zum Teil noch beträchtlicher Widerstand gegen die Idee.
(Eine cngli che Straf predigt für die fra Mchen (Etyaiwiniften.
Einigen Engländern gefällt das chauvinistische Gepolter in Frankreich schlecht. Denn die Folge ist ja die Wachsamkeit der Deutschen, die für die Vollständigkeit ihrer Wehrmacht sorgen. So klingen denn von den Lippen der „Times" ungewöhnliche Ermahnungen nach Paris.
Die „Times" schreibt in einem Leitartikel über „Das neue Frankreich": . m .
Wir sind sicher, daß Präsident Poineare keine Politik ins Auge fassen fvird, die nicht die volle Billigung aller Part ne L der Triple-Entente und der großen arbeitsamen Manen
__ uliiihi—ii i~nn— i
Ausländer an den deutschen Universitäten im Winter 19(215.
Bon dm 59 560 Studierenden, die diesen Winter die dmtschen Universitäten besuchen, siird 54 364 Deutsche und 5196 Ausländer, d. s. 8,8o/o gegenüber 4952 = 8,6 int Vorjahr und erst etwa 1800 = 7,0% vor 20 Fahren. Der Anteil der Ausländer am dmtschen Universitätsstudium ist demnach seit Fahren absolut itric relativ ansteigend. Die Zunahme binnen der letzten fünf Fahre um 1122 ist etwa zu einem Drittel auf dm Zuzug weiblicher Ausländer zurückzuführen, denen erst seit Herbst 1908 das Studium an den deutschen Universitätm möglich ist. Ihre Gesamtzahl mag sich derzeit auf etwa 400 belaufen, sie ist nicht genau festzustellen, da nicht alle Universitäten über die Nationalität ihrer Studentinnen Aufschluß geben. An den preußischen Universitäten sind neben 2559 Männern 217 weibliche Ausländer eingeschrieben, von benen 115 Philologie, 63 Medizin, 36 Nackir- wissensckiaftm, 8 Kameralwissmschaft und 1 Rechtswissenchaft studieren 85 sind in Rußland beheimatet, 51 stammen aus Amerika, 35 aus Oesterreich-Ungam, 8 aus England, je 7 aus Rumänien und Serbien, 6 aus der Schweiz, 5 aus Dänemark, 4 aus Frankreich An dm 3 bayerischm Universitätm studieren 7o0 Ausländer 441 an dm 2 badischen und 1229 an dm übrigen 6 einzel- staatlichen Die ' nziehungskrast der einzelnen Hochschulen aus die ausländische Studmtenwelt ist naturgemäß verschieden. Die Großstadtuniversitäten Berlin, Aiünchm und Leipzig haben in diesem Winter allein 59°/o der Ausländer angezogen und zwar Berlin 1605 (darunter 161 Frauen), Leipzig 784 und München 687 Dm Großstädtm am nächsten steht .Halle mit 315, dann folgen Heidelberg mit 264, Königsberg, dessen ausländische Be- f*r fast ausschließlich Russen sind. mtt 248 Slr-Wura imt 191 Nreibnra mit 177, Göttingen mit 1/4, Breslau mit 168, Bonn nii! 144, Jena mit 140, Marburg mit 68 Gießen mit 58, Tübingm mit 38, Erlangen mit .32' Würzburg mn 31, Greifswald und Kiel mit je 27, Rostock mit 24 und Munster mit 6 Fm Verhältnis zu seiner Gesamtstudeptenzahl hat Berlin die meisten Auslöiider, irämlich 16,3 v. h., dann folgen Königsberg mit 15,9 v. H., Leipzig mit 14 6, Heidelberg 11,6, Halle mit 10,8, Münck-m mit 10,1, Straßburg mit 9,2 Freiburg mit 6,7, Breslau mit 5,9, Bonn mit 3,4 und zuletzt Rostock und Münster mit 0,1 v. H. , ..
Wenn wir die Natioiralitat der ausländischen Studenten, die diesen Winter die dmtsck>en Universitäten besuchen, vergleichen, so sindm wir 338 Amerikaner wie iin Vorjahr, Asiatm 184 gegen 175, Afrikaner 22 gegen 28, Australier 1 gegen 5 uni) 46ol Europäer gegen 4406. Interessant sind die Amderungeu, ine
sich ffn Laufe des letzten Jahrfünfts im Zufluß der einzelnm Nationalitätm zu dm höchsten dmtsck^n Bildungsstätteir ergeben haben. Der Zustrom aus dem nahen und fernen Osten, so insbesondere ans Rußland, ®ried>enlani>, der Türkei, Serbien, Bulgarien iuid Japan erhöhte sich ganz beträchtlich, währmd der Anteil der Nackcharländer, LnreMbnrg, Spanien, Dänemark und Skandinavien ausgenommen, entweder gleich blieb oder,, wie bei Belgien, Frankreich und Italien, zurückging. Die riestge Zunahme der Russen ist umsoweniger auffallend, als der Tiefstand ihrer Hock^schulen die russische Regierung selbst dazu veranlaßte, Staatsstipendiatm nach Berlin, Tübingm und Paris zur Auv- bildung als Hochschullehrer zu mtsmden. Die Steigerung der Ausländerziffer in den letzten Fahren ist fast ausschließlich den medizinischen Fakultäten zugeflossen, die zurzeit von 2276 Aiis- länbem besucht sind, gegenüber 1774 vor zwei Fahren, Philosophie. Philologie oder Geschichte studieren 980 Ausländer gegen 990, Kameralia und Landwirtschaft 645 gegen 513, Rechtswillenschaft 488 gegen 516. Mathematik und Naturwisstnschaften 407 gegen 413, evangelische Theologie 162 gegen 164 katholische Theologie 25 geegn 31, Forstwissenschaft 22 gegen 20 und Zahnheilkunde 15 gegen 29.
*
— Sturmszenen in der Wiener Hofoper. Die Wiener .hosoper war am Sonntag, wie schon mitgeteilt, der Schauplatz eines Theaterskandals, wie ihn, in Wien wenigstens, noch kein Hoftheater erlebt hat. Man gab Meherbeers „Hugenotten". An Stelle der erkrankten Sängerin der Valentine, Frau Lucie Weidt, war im letzten Augenblick, um die Vorstellung zu er- niöglichcn, eine Fran Kempter-Farno eingesprungen. Schon in dem Duett des zweiten Aktes mit Mareell, den Herr Corvinus nicht zur Zufriedenheit des Publikums sang, kam es, wie dem „Tag" gemeldet wird, als auch der Gast infolge einer Indisposition und durch die schlechte Schulung ihrer an und für sich schönen Stimme versagte, zu lauten Ku ndgebungen des Publikums, zu Pfui- und Abzugsrusm, ,die die ganze Pause zivischen dem britten und vierten Akt durchdauerten. Insbesondere tobte die Galerie gegen Direktor Gregor, dem sie die Schuld an bat sich immer mehr häusmden ungenügenden Vorstellungen in der Oper zuschiebt. Zu Beginn des vierten Aktes konnte der Kapellmeister Reichenberger mit dem Vorspiel nicht beginnen, weil das Publikum sich nicht beruhigen konnte. Das Orchester setzte nicht ein, es mußte abgeklopft werden. Der Regisseur Herr Wymetal trat vor und wurde mit Zischen und Pfeifen empfangen, entschuldigte die Sängerin wegen ihrer Indisposition und erklärte, daß er die Oper, da sich die Indisposition gesteigert hatc, mit der Scküverterreihe des vierten Aktes schließen
lassen werbe, so baß bas große Duett mit Raoul unb ber fünfte Akt wegbleiben müßte. Auf diese Ankündigung erreichte die Demonstration des Publikums ihrm Höhepunkt. Es konnte überhaupt nur mit Mühe und Not und unter fortwährendm Teinonstratiouen (veitergespielt werden, worauf die Vorstellung dann vorzeitig mit der Schwerterreihe schloß. Die Demonsttationen wurden auf der Straße fortgesetzt, und die Polizei mußte in mehreren Fällm einschreiten.
— D ie Jahresversammlung des Verbandes Deutscher Diplom-Ingenieure wurde am 1. März im Motivhans zu C h a r l o 11 e n b u r g nbgehalten. Aus allen Teilen des Reiches waren Vertreter erschienen. Nach dem Ge- schäftsberickst, den Patentanwalt Diplom-Ingenieur Dr. Al er an der Lang (Berlin-Cl>arlottenbnrg) erstattete, beträgt die Zahl ber Mitglieder rund 3500 und die Zahl der Bezirksvereine 36. Die Wohlfahrtseinrichtungen des Verbandes, Rechtsauskunftsstelle und Stellennachweis, haben sich günstig entwickelt, insbesondere ist die Hilfskcrsse durch Ueberweisung bedeutender Beiträge seitens vermögender Berbandsmitglieder und Körperschaften großzügig ausgestaltet worden. Auch die literarischen Unternehmungen, die Verbandszeitschrift unb die „Schriften" des Verbandes find weiten ausgebaut worden.
— Einen bedeutsam en Wettbewerb schreibt die New Pork, Neiv Haven unb Hartford Railroad Co. aus, intxmt sie einen Preis von 40 000 Mk. für die beste Einrichtung gegen das Ueberfahren von Haltesignalen auf Eisenbalm en aussetzt. Wie die sehr eingehenden, von ber Zeitschrift „The Engineer" mitgeteilten Detailbestimmungen ergeben, ist als Einlieferungstermin der 1. Juli 1913 angesetzt: die wichtigste Klausel ist wohl die, daß der Preis erst erteilt nnrb, wenn sich die — gegebenenfalls unter Beihilfe der Eisenbahngesellsckwften auszuführende —■ Einrichtung praktisch im Betriebe bewährt bat. — Bei der Berliner Hoch- und Untergrundbahn sind bekanntlich seic der Katastrophe am alten Gleisdreieck 1908 ähnlickic, absolut sicher funktionierende automatische Einrichtungen eingeführt, die aber an den elektrischen Betrieb gebunden sind und deshalb nicht ohne weiteres auf bas Dampfeisenbahnsystem übertragen merben können.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. In Stuttgart ist der Kunsthistoriker Dr. Fritz Baumgarten, ordentlicher Honorarprofessor an ber Universität Freiburg i. Br. unb Direktor des Ghmnasiums in Donaueschingen tm Alter von 56^2 Fahren gestorben. — Dem Chirurgen, Universitätsprofessor, Obermedizinalrat und Generalarzt ä la suite des Sanitätskorps, Geheimen Rat Dr. Ottmar Ritter v. A n g e r e r in M ü n ch e n ist vom Prinzregenten von Saliern ber Titel eines „Königlichen Leibarztes" verliehen worden.^


