Nr. 260
Zweiter Blatt
162. Jahrgang
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Oberheffen
Die „Oiehener Zamllienblätter" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisklatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Montag, 4. November 1912
Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäls»Buch- und Steiubnicfcrei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition niid Verlag: 51.
9lebaftion:e^ll2. Tel.-Adr.:AnzelgerGießen.
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Als Argentinien sein neues ^(ottcubauprogramm durchführen wollte, waren zwei grosse Linienschiffe und zwölf Torpedoboot-Zerstörer zu vergeben und die großen Lchiffbaufirmen aller Länder bewarben sich um die Bauten Die Regierung Argentiniens ging diplomatisch vor und wollte es mit keiner der Nationen, welche stark am Handel des Landes beteiligt sind, verderben Daher kamen Aufträge von je vier Zerstörern nach Deutschland, England und Frankreich, die beiden Linienschiffe aber vergab man nach den Vereinigten Staaten, wie es hieß, aus politischen Gründen. Die Bestellungen auf die Zerstörer erfolgten Anfang 1910. In England erhielt die vier, „St. Louis", „Santa F6", „Santiago" und „Tucuman", die Firma Ecnn- mel Laird u. Co., Birkenhead, in Frankreich baute di ? Firma Brosse u. Fouchö, Nantcc „Mendoza", ,,Riojo", „Salta" und „San Juan", und von den vier für Deutschland bestimmt n erhielt die Kruppsche Germania werft „Eatamarca" und „Vuguy", F. Schicha 11 in Elbing „La Plata" und „Cordoba". Jetzt, Oktober 1912, steht es mit diesen ungefähr 1000 Tonnen großen Zerstörern folgendermaßen:
Die vier in Tentschland gebauten sind längst abgeliefert und befinden sich in der Flotte Argentiniens. Die vier in England gebauten sind an — Griechenland verkauft, und die vier Franzosen machen erbärmliche Probefahrten
Die beidcn deutschen Werften erfüllten alle Bedingungen der Kontrakte anstandslos, und die Leistungen der Fahrzeuge übertrafen weit die lontraltlick>en Bestimmungen. „Catamarca" lief am 30. Januar 1911 als erster. Die Probefahrten verliefen so günstig, daß die Abnahmekommission bei dem zweiten Fahrzeug „Auguy" auf die sechsstündige forcierte Fahrt verzichtete. Statt der kontraktlichen 32,5 Meilen hatte „Eataniarca" 6 Stunden lang im Durchschnitt 34, erzielte eine Höchstleistung von 36 Meilen. Beide Zerstörer wurden anstandslos abgenommcu.
Fast noch glänzender waren die Leistungen der beiden anderen Deutsä^Argeirtinier. „La Plata" lief irt der Danziger Bucht, voll ausgerüstet, bei 1160 Tonnen Wasserverdrängung am 26. November 1911 im Mittel 34,7, im Maximum 3lß8 Meilen, und „Eordoba" hatte am 18. Oktober 1911 im Durchschnitt 34,7 Meilen ebenfalls voll ausgerüstet erreicht. Von allen Seiten, besonders von der Regierung Argentiniens, wurden die deutsch e n U n t erne hinung c n zu diesem glänzenden Ergebnis beglückwünscht.
Und die vier Engländer? Man machte Probefahrten über Probefahrten, probierte ein Dutzend'verschiedene Pro- pellerarten, änderte an den Turbincnschaufeln — alles auj Kosten Argentiniens — aber die Fahrzeuge konnten die k v rr t r a k t l i ch e G e s ch w i n d i g k e i t n i ch t e r r e i ch c n, und der Ausschuß weigerte sich daher, sie abzuuehmen. So hat denn die Firma Eammel Laird sie kurzerhand an Gricclzenland verhökert, nicht zum Ansehen des britischen Kriegsschiffbaues.
Und die vier Franzosen? Das angesehenste Blatt Ar- aentiniens, „La Prensa" in Buenos-Ayres, läßt sich von seinem Pariser Korrespondenten schreiben, daß die Verhältnisse bei der französischen Werft noch schlechter seien als bei der englischen. Der erste Zerstörer „Mendoza" hat viele Probefahrten gemacht und bei der sechsten für kurze Zeit die Höchstgeschwindigkeit von 29 Meilen erreicht statt der lontraktlichen 32,5 als Mittel sechs Stunden hindurch. Natürlich werden auch diese Zerstörer nicht ao- genommen.
Von den zwölf argentinischen in Europa bestellten Zerstörern haben also die' englischen und französischen die kontraktlichen Bedingungen nicht erfüllt und sind minder- ivertig, während die deutschen Zerstörer Leistungen auf- gewiesen haben, die weit über die Bedingungen hinaus- gingen.________________________
Aus Stadt und Land.
Gienen, 4. November 1912.
Born städtischen Elektrizitätswerk.
Die Maschinenhalle unseres Elektrizitätswerkes ist den Sommer über während des Betriebes zu einem einheitlichen
Ganzen umgestaltct worden. Der vor 12 Jahren erbaute niedrige alte Maschinen hallenbau ist verschwunden und eine .'»0 Meter lange, 20 Meter breite hohe und lustige Hakle hcrgestellt, in der jetzt die 3150 PS habenden Maschinen ihre Tätigkeit entwickeln. Bon diesen sind zwei neu aufgestellte Dampfmaschinen mit je 600 PS nur für die Ueberlandzen- trale bestimmt und mit Drehstromdynamos gekuppelt, während eine dritte gleichstarke Dampfmaschine den Sommer über so eingerichtet wurde, daß sie auf Drehstrom und (Gleichstrom, der letztere für die Versorgung der Stadt, arbeiten kann. Die Maschine, die für die Versorgung Krofdorfs arbeitet, wird ^>urch lden starten Stromverbrauch Dieses Ortes zurzeit vollständig ausgenutzt Augenblicklich arbeitet die ganze Maschinenanlage des Werks, in den Abendstunden wenigstens, mit Hochdruck soweit es sich nicht um Neserve- maschinen handelt. Die Maschinen zur Stromerzeugung sür die Uebcrlandzentrale erzeugen Strom von 50 0 Volt, der auf eine Spannung von 20 000 Volt umgeformt, in die Fernleitung iveiter gegeben wird, um in den einzelnen Vcrbrauchsorteir vor der Abgabe in die Ortsnetze in die Ge- brauchsfpannung umgewandelt zu w rd.'n, was automit sch in den Transformatorhäuschen geschieht Die Hauptscla'.l- tasel befand sich seüler schwer übersichtlich zu ebener Erde in der alten Mafchinenlxtlle. Es ist jetzt längs der neuen Maschinenhalle eine Ga lerie angebracht, aus der die Schalteinrichtung für den sie bedienenden Beamten bequem zu handhaben ist. Die Aufspeicherung von el irischer Energie in Atlumulatorenbatterien hat heute nicht mehr die Bedeutung wie früher, da sich die Herstellung von Strom auf Vorrat wirtschaftlich für ein größeres Wer! teurer stellt, als wenn die Elektrizität uumütefbar dem Verbraucher zugeführt wird. Aus diesem Grunde wird an eine Vergrößerung der Atkumulatorelibatterie nicht ged.ubt. Trotzdem brauchen die Konsumenten nicht zu befürchten, daß sie einmal ohne Licht sein leimten Wenn wirk! ch eine Maschine den Dienst versagen würde, so sind 600 Reserve- Pferdestärken sofort in Bereitschaft. Nötig ist es, noch einen dritten Dampfkessel auszustellen. Sie beiden vorhandenen Kessel werden voll gebraust, wenn die vier Dampsmaschinen zugleich in Betrieb sind.
Unser Elektrizitätswerk, das bei seiner Errichtung mit einer Maschinentraft von 4 .0 PS proje.ti rt war, und g eich nach seiner Inbetriebnahme vor 12 Jahren durch eine 300pserdige Gastraftmaschine verstärkt wurde, hat sich in der kürzen Zeit seines Bestehens kräftig entwickelt trotz des Vorhandenseins einer leistungsfähigen Gasanstalt.
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In Audienz empfangen imirbc vom Groß- Herzog am Samstag 11. a. Lehrer Metzler von Rieder- Erlenbach.
** Ordensangelegenheiten. Der Großherzog hat dem Reichsgcrichtsrat Dr. Buff in Leipzig die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm vom König von Preußen verliehenen Roten Adlerordcns 4. Klasse erteilt und dem Bahnwärter Friede. Stein zu Kohden bei seiner Versetzung in den Ruhestand das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Dienste" verliehen.
** Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Lehrer Jakob Lippert zu Rimhorn die fünfte Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Höchst i. O. — Erledigt ist die mit einem coang. Lehrer zu besetzende Lchrerstclle zu Elimbach. Mit ihr ist Organisten- und Lcktordienst verbunden.
** Postpersonalnachrichtcn der Oberpostdirek- t i 0 n in Darmstadt. Verliehen aus Anlaß des Scheidens aus dem Dienste von dem Kaiser der Charakter als Geh. Postrat dem Postdirektor Henricy in Offenbach, der Kroncu- ordcn vierter Klasse dem Postsekrctär Sior in Babenhausen: von dem Großherzog die Krone zum Ritierkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen dem Postdircklor H c n - r icy in Offenbach, das Ritterkreuz zweiter Klaffe dem Postsekretär Schmitt in Osthofen und das Allgemeine Ehrenzeichen dem Ober-Postschaffner Wolf in Offenbach. Versetzt: Postdirektor Fritzel von Friedrichshagen nach Offenbach, die Postselrctärc Mohr von Lauterbach nach Darmstadt und Schneider von Schwicbus nach Lauterbach, die Postassistcnten Ihrig von Nierstein nach Hannover, M a n n von Hannover nach Darmstadt, Naumann von Gummersbach nach Friedberg, Oswald von Erbach nach Hannover, Vogel von Mainz nach Darmstadt und G. Wagner von Hannover nach Babenhausen. An gestellt:
Tclegraphengehilfin Wablig in Offenbach. Bestanden die Postassistentcnprüfung Postgehilsc S p i tz i a d e n in Jugenheim. A n gen 0 m men als Postanwärter Bizcseldwebel Becker in Lauterbach: als Telegravhenanwarter Bezirksfcldwebcl Budde m Mainz: als Telegrapheugehilfe der frühere Telegraphengehilse G rbnuer in Darmstadt: als Telegraphengehilsin Anna Eiden m u l l e r und Ida T r a u b in Darmstadt, Friederike Gärtner, Elisabeth Löffel und Anna Zimmer m a n 11 in Mainz; als Postagcnt Posthilfsstelleniuhaber Bopp in Hainchcn und Landes Produkten und Spezereihändler ‘ i 0 0 g in Bretzenheim Frei willig a n s g e s ch i e d e n Postagent F e k 0 n i a in Bretzenheim. I n den Ruhestand tritt Postgehiliin Friedrich in Darmstadt. Gestorben Oberpostsckretär a. D. Elsner in Bingen.
•• O b erhessischer Verein für innere Mission. Der morgen, Dienstag, abend in SteinS Garten stattftndcnde Familienabend des Oberhessischen Vereins für innere M'ssion wird diesmal allerlei besonders Anziehendes bringen. Zunächst den Vortrag des Herrn Ehr. Ahl mann, der im Auftrag des Verbandes der deutsch-evangelischen Gemeinden in Paris reist, tun durch Mitteilungen aus dem Leben dieser Gemeinden die Teilnahme dafür in der Heimat wach zu erhalten. Uns Hessen geht das umsomehr an, als in Paris von jeder ganz besonders viele Hessen lebten. Wer die Jahre 1870/71 miterlebt hat, weiß, welch ein Strom von auS- gewiesencn Hessen damals von boxt heimkehiten. Em nicht ganz geringer Prozentsatz unserer Konfirmanden in den siebziger und anfangs der achtziger Jahre waren in Paris aeboren. Später sind manche wieder dorthin zurückgekehrt. Natürlich sind unter den Deutschen, wie überhaupt im Auö- lande, auch viele deutsche Kellner. Nun hat ja nicht jeder von seinen Reifen her eine angenehme Erinnerung an die Kellner. Umsomehr bedürfen diese von ihrem heimischen Stamm verwebten Blätter einer besonderen Aufmerksamkeit unb Fürsorge. Und es sind deren mehr, als mau denkt, die dafür zugänglich und dankbar sind. Herr Ahlmann, der selbst aus diesem Stand hervorgegangen ist, weiß darin sehr gut Bescheid und wird auch dafür das Interesse wecken Sodann haben eine Anzahl sehr geschätzter hiesiger Kräfte freundlich ihre Mitwirkung zu musikalischen Vorträgen zugesagt. II. a. werden neben Kompositionen für ztvei Violinen unb solche für Klavier zwei Sätze von Telemann, einem Zeitgenossen von I. S. Bach, für 2 Violinen Cello unb Klavier zu i»ehör gebracht werden. Auch wird uns eine anerkannte Vortragskünstlerin, Fräulein Meline Müller aus Wetzlar, mit einigen Rezitationen erfreuen. So steht ein genußreicher Abend zu erwarten. Der Eintritt ist frei. Um geäußerten Wünschen entgegenzukommen, wird der Wirt, Herr Oefterlc auch Tee, Kaffee unb Kuchen bereit halten.
" Baumfällen. In der Zeit des Baumfällens werden an den Straßen und in den Ortschaften die Reichs- lelegraphen- unb Fcrnsprechleitungen durch umstürzende Bäume oder durch herabfallende Aesle häiifig beschädigt, weil die Personen, denen das Baumfällen obliegt, in der Regel die zur Sicherung der Telegraphenanlagen gegen Beschädigungen erforderlichen Vorkehrungen überhaupt nicht ober in ungenügender Weise treffen unb es unterlaßen, von ben be- vorstehenben Arbeiten der nächsten Postanflalt rechtzeitig Mitteilung zu machen. Da auch fahrlässige Beschäbigunqen bet Telegraphenanlagen im § 318 bes Reichs-Strafgesetzbuches mit Strafe bebroht sinb, wirb ben Baumbesitzern empfohlen, die nächste Postanslalt von ber bevorslehenben Baunifällung >0 zeitig zu benachrichtigen, baß bie Entsenbung eines Beamten zur Sicherung ber Leitungen veranlaßt werben kann. Daburch erspart sich ber Baumbesitzer Unannehmlichkeiten; alle Kosten für bie Sicherung ber Telegraphenleitungen trägt außerbem in biefem Falle bie Telegraphenoerwaltung.
Landkreis Gießen.
— Großen - Bufeck, 2. Nov. Bei der heutigen Beigeordneten wähl wurde der seitherige Beigeordnete, Weibbindermeister Wilh Größer III., mit 216 Stimmen wiedergewählt. Ein Gegenkandidat war nicht aufgestellt.
Mus Karl Stauffers Berliner Tagen.
Die Familienbriese von Karl Stauffer-Beru, mit deren Veröffentlichung die „Süddeutsche n M 0 n a t s h e s t e" in München jüngst begonnen haben, treten mit der in dem demnächst er- sd>einenden Novembcrhcjtc nutijetcilten Fortsetzung in eine kritische Periode dieses verhältnismäßig kurzen, aber reich und tragisch bewegten Künstlerlebens ein. Es ist seine Berliner Zeil. Im Herbste deS Jahres 18S0 traf der hochbegabte, nalursrifche Schweizer Künstler in Berlin ein, entschlossen, hier zu lernen, aber auch, hier sein Glück zu machen.
Schon ein Brief aus Dresden vom 8. Dezember deutet auf diese Triebfeder. Er schreibt da seiner Schwester: „Das, was mich nie ruhen läßt, ist, das; unsere liebe Mama noch einmal das Glück haben möchte, zu erleben, wie cs gehl, wenn man nicht immer jeden Batzen hundertmal umdrehcn muß, bevor man ihn ansgibl und anck, daß sie noch erlebt, wie ihr Sohn sich macht und berühmt wird. Ja, Söpheli, das wird noch alles kommen, wenn wir das Leben und die Gesundheit haben, und ein klein wenig Glück, denn weist Dai, in Berlin gibt eS kaum einen, der einen Kopf so malen kann wie ich, ohne mich besonders zu überheben." Verhältnismäßig schnell ist es Stauner gelungen, durchzudnngen. Im Februar nahm ihn Anton vvn Werner als seinen Scljüler auf, griff ihm in jeder Weise förderlich unter die Arme und verschaffte ihm auch den Auftrag, einen Fächer für die Prinzessin Auguste Viktoria zu malen, der ihr als HochzeitSgeschenk dar- gebrad r werden sollte. Er führte diesen Auftrag zur Zufriedenheit auS und hatte gleich die Wirkungen dieses Erfolges zu
spüren: „Hat man einmal das Interesse einer folcljen Person
wie des Kronprinzen oder Kronprinzeß erweckt, so interessiert
sich auch gleich die ganze Gesellschaft von Schranzen, Herren
Grafen und bloß Herren von und solchen, die cs werden wollen, kurz all dieser Gesellschaft, die von den Brosamen der „von Gottes Gnaden" Tafel abfallen, leben. Auf diese zwar traurige Weise macht der Künstler sein Glück." .
Wenn 'Bestellungen und Erfolg Glück heißt, so hat ja Stauffer dies in der deutschen Reichshauptstadt gefunden, aber als St mutier ist er in Berlin an den Rand des Wgrundes geraten, rndent er nahe daran ivar, ein Opfer der gesellschaftlichen Konvention und des künstlerischen Masscnbetricbes zu werden. Er selbft batte von den ihm drohenden Gefahren doch eine Vorftellung und hinter der Selbstir-niie des folgenden Brieses fühlt man den bitterlichen Ernst: „Also die Firma Stauffer von Bern hat ihr Geschäft
vergrößert und in der sashionabelsten Gegend von Berlin ist sie imstande, mit ihren Produkten den anderen Firmen Gussow usw. nachhaltig Konkurrenz zu machen. In persönlicher Verbindung mit den bedeutendsten Häusern Deutschlands (Werner, Menzel, Richter!, welche in dieser Branche arbeiten, wird sie stets bemüht sein, einem erlauchten Fürsteiistände, hohen Mel und gewöhnlichen Publikum nur das neueste 'und beste zu zivilen Preisen zu liefern . . . Aber die Kunst, die verdammte Kämst will nicht vom Fleck. 20 Orden zu malen und eine tadellose Uniform, ist wahrhaftig um einen republikanischen Christenmenschen zum Troddel zu machen, und doch muß cs gemacht sein." Zuweilen bricht sein Widernnllc gegen das Stadtleben im allgemeinen und gegen das Berliner Stadtleben int besonderen mit großer Heftigkeit hervor. „Es ist mir schrecklich (so schreibt er im Mai 18821, die.verdammlen Sonntagnaä.mittagausgchgesichter der Berliner Philister zu sehen mit den Kleidern aus ben Wandermagazinen, wo man alles 50 Prozent unter dem Ankaufspreis gekauft hat, Schustergesellen mit hohen Znlindern und Köchinnen mit seidenen Schleppen, die früher eine Gräfin vor Jahren getragen, die riesigen Finger in gewaschen gekauften, zu Keinen Glacehandschuhen, über welche das rote Gelenk verwundert hcrausschaut, ein solcher Mblick kann mir die ganze Freude verderben. Wie ganz anders sehen da unsere Berncrmcitscki in den Neidsamen Hemdärmeln und weißen Brüstli aus. Ja, ja alles hat seine 2 Seiten. Lauter .große Tiners mit Austern und Champagner, Exzellenzen, Grasen, Generälen und wer weiß was, aber keine Ruhe und Beschaulichkeit. Bin ich im Atelier, so gähnen mir meine angefangenen Sachen entgegen, bin ich draußen, sehe ich Berliner und Staub und Garde- leutnants, die alle wenigstens einen Ellstecken verschluckt haben, und den Kopf so I-otfj tragen, daß es ihnen zu den Nasenlöchern herein regnet. Tic Städter aus einer solckjcn.Stadt wie Berlin sind eine ganz merkwürdige Sorte. Manche sterben und haben nie einen Wald gesehen oder eine vernünftige grüne Frühlings- wiese, und so sehen sic diese Artikel ähiüich an wie wir etwa eine Ricscndame oder ein Kalb mit 2 Köpfen."
Zwei Jahre später — im Juni 1884 — ist er bereits so weit, daß er seinen Lieben gestehen muß: ,Lch bin vollständig auf dem sogenannten salva venia Hund, nicht jrtroa vom vielen Arbeiten, aber von dem ewigen Stadtleben. So will ich jetzt das Herz in beide Hände nehmen und ciitmal nrieber im Gebirg mein angehendes Bäuchlein weglausen und ordentlich was skizzieren, damit der ganze Kerl wieder ordentlich durcheinander geschüttelt wird."
Es dauerte aber noch eine ganze Reihe von Jahren, ehe Stauffer i'idt ganz von Berlin losmachte: für seine Entwickelung war der Abschied von Berlin eine wahre Befreiung, aber er konnte doch wenigstens als Triumphator abziehen, da ihm sein Bildnis Gustav Frcntags für die Nationalgalerie einen unbestrittenen Ersolg errang.
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— Hamburger Theater. Ein neues Lustspiel „Graf Pcpi" von Alfred Halm, dem gewesenen Direktor des Berliner Dienen Schauspielhauses, und Robert S a n d e k fand am Dcmners- tag im Hamburger Thaliathea ter ein freundlich gestimmtes Publikum. Etwas Neues und Originelles ist den beiden Autoren, die sich offenbar zu einer soliden Tauerfirma vereinigen wollen, freilich nicht eingefallen. Ihre Hauptsorge ist wohl gewesen, ein neues zugkräftiges Milieu zu finden, und so entdeckten sie den deutsch-österreichischen Krieg von 1866 für die Bühne. Allerlei liebenswürdige Gesckichtchen beleben den etwas eintönig plätsckjernden Fluß der Geschehnisse, und die blauen Uniformen biederer preußischer Garde-Ulanen geben dem Ganzen eine äußere Farbigkeit. Tie beste Figur des anspruchslosim Lusffpiels ist ein naiv-philosophischer Handclsjude, der einem schwerreichen getauften Glaubensgenossen, dem Hosbankier Sr. Majestät des Königs von Preußen, sehr ulkig den Text liest. Im ganzen.eine Sache, über die man sich weder im Guten noch im Bösen aufzuregen braucht; ein Stück, das einen Winter lang über eine Anzahl von Bühnen laufen wird, um dann vergessen zu werden. K. K.
— Die deutsche Werkbund-Aus st ellunginKöln „Kunst in Handwerk, Industrie und Handel" darf als gesichert gelten, nacktem die Stadtverordneten-Bersammlung bereits früher 50 000 Mark für die Vorarbeiten bewilligte und der Zeichnung von 500 000 Mark der Stadt Köln zugestimmt hat. Die Ausstellung, deren Gesamtkosten auf annähernd zwei Millionen veranschlagt wird, will einen umfassenden Ueberblid über das Reifste und Beste bieten, was die deutsche und österreichische Werkkunst heute vermag.
— I m Fra nkfurter Opern hause wird das Kaisers. Russische Ballett (Generaldirektor Serge von Tiaghilew), das mit außergewöhnlich großem Erfolge in Berlin, Paris, London und Wien gastierte, ein dreimaliges Gastspiel am Montag, den 4., Tienstag, den 5. unb Mittwoch, den 6. Niwember geben. Alle drei Vorstellungen finden außer Abonnement bei erhöhten Preisen statt.


