Nr. 260
Erstes Blatt
162. Jahrgang
Montag, 4. November 1912
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die heutige Nummer umfafjt 12 Seiten.
Europa in den Dardanellen.
Die Massakerfurcht in Konstantinopel hat den Mächten Europas b-en mehr oder minder willkommenen Anlaß zur Entsendung von Kriegsschiffen gegeben. England stellt die Kreuzer Yarmouth, Barham, Weynwuth und Medea, Lester- reich den Panzer Maria Theresia, Holland Herr Kreuzer Gelderland. Frankreich und Rußland bleiben natürlich nicht zurück und das Deutscl>e Reich wird ebenfalls einige Schiffe cntfprcdjenb beordern; beim das Stationsschiff Loreley, das den Exschah 2lbdul.Hamid nach Konstantinopel brachte, kann nicht als Kriegsschiff gelten. Bon wem ging die Anregung zu diesen Schifssbewegnngen aus? K i a m i l Pascha, der Großwcsir s e l b st, habe, so heißt es, die internationale Hilfe erbeten, und auf dem Schreibtisch des Sultans soll ein Jrade xur Unterschrift liegen, daß der englischen Flott en division, die bisher vor Tenedos lag, freie Einfahrt durch die Dardanellen gestattet. Damit wär wieder einmal das Papier der Meer- cngenverträge Lerrisscn und dieDardancllenfrage aufgerollt. Das Dardanellenrecht ist über einhundert Jayre alt, also älter als man aewöhnlich liest und schreibt. Schon 1809 kam England mit der Pforte dahin überein, daß kein nichttürkisches Kriegsschiff durch die Dardanellen und den Bosporus laufen dürfe. Dieses Ucbereinkommen, 1841 zwischen den fünf europäischen Großmächten und der Pforte ausdrücklich bestätigt, wurde 1853 zu Beginn des sog. Krimkrieges zum ersten Male verletzt, als eine cnglisch-französi sche Flotte in die Dardanellenstraße einlief und in der Beikvsbai Anker warf. Im Anhang zu den Pariser Friedensartikeln von 1856, also am Ende des für Rußland mrglücklichen Krimkrieges, wurde der Vertrag von 1841 abermals bestätigt und die Dardanellenenge von der Pforte ganz bedeutend stärker befestigt. Das Londoner Protokoll von 1871 bestimmte die Schließung der Dardanellen von neuem. Dennoch liefen während des russisch-türkischen Krieges 1878 englische Kriegsschiffe durch die Dardanellen in das Märrnaramoer, um Konstantinopel gegen eine Eroberung durch die Russen zu schützen. Das war die zweite Durchbrechung des Dardanellenrechts. Der Berliner Vertrag vom 13. Juli 1878 legte dem Sultan von neuem die Pflicht auf, kein fremdes Kriegsschiff die Dardanellen passieren zu lassen. Zum dritten Male wurden die Dardanellen in diesem Jahre 1912 von den Italienern während des Tripoliskrieges aufgebrochen. Und nun wird sich sozusagen ganz Europa auf dem sonst verbotenen Terrain versammeln.
Durch die Dardanellenverträge war für Rußland das Schwarze Meer bisher ein Binnensee. Die Verträge begründeten Englands Herrschaft und Uebermacht im Mittel- meer. Wie der Fcuerfunke darauf sinnt, sich zu ent fesseln, so beschäftigt sich die russische Diplomatie seit Jahr und Tag damit, das Dardanellengefängnis zu sprengen. Rußland hatte bisher nur das Recht, seine Handelsschiffe, auch wenn sie der russischen freiwilligen Flotte angchor- ten, oder Truppen an Bord führten, die Dardanellen passieren zu lassen. Von diesem Rechte hat Rußland stets sehr ausgiebigen, ja man muß sagen ein wenig skrupellosen Gebrauch gemacht. So durch fuhren während des russisch-japanischen Krieges die beiden Kreuzer der russischen freiwilligen Flotte „Petersburg" und „Smolensk" ganz friedlich unter der Handelsflagge die Meerengen. Sobald sie aber im Mittelmeer angelangt waren, wurde die Kriegsflagge gehißt und die Geschütze demaskiert. Große Freude erlebten aber die Russen an diesem Schnippchen, das sie dem internationalen Uebereinkommen damals schlugen, nicht. Die beiden genannten Schiffe setzten nämlich
Gietzener Aonzertverein.
Gießen, 3. Nov.
1. Konzert: Solistcnabend.
Die Sommertage mit ihren heuer etwas verwässerten Natursreuden sind verflogen und die winterlichm Kunstgenüsse treten in ihre Rechte. Besonders verheißungsvoll regt es 4ich, wieder im Reich der Töne, und die Freunde edler Musik dürfen mit Freude einer stattlichen Reihe von Darbietungen entgegensehen, die unser Konzertverein in seinem wirklich großzügigen und vielseitigen Programm für 1912 13 in Aussicht stellt: Momimentalwcrke wie Beethovens große Messe, Berlioz' Requiem, Symphonien von Beethoven und Bruckner, daneben hervorragende Solisten- und Kammermusik-Abende — da bleibt nur das eine noch zu wünschen, daß Hörer wie Mitwirkende in ausdauernder Anteilnahme die Bestrebungen des Vereins (und damit auch die, Aussicht auf Gewinnung eines eigenen Konzerthauses) werktätig fördern helfen.
Einen vielversprechenden Anfang machte heute das Konzert des Künstler-Ehepaares Josef und Marie Pemba u r - Leipzig und Fräulein Gertrud Geycrsbach, Hofopernsängerin, in Darmstadt. Prof. Pembaur, vom Vater her mit echtem Künstlerblut begabt, beherrscht das Klavier durch souveräne Technik und,— was noch mehr und mit Virtuosität nicht immer gepaart ist —, durch scclenvollen, sein durchgeistigten Vortrag, der alles Kraft- vrotzentum verschmäht und besonders über ein Piano und zart hjsgehauchtes Pianissimo von bestrickendem Reiz verfügt. In der selten gehörten Barcarole und in dem dämonischen H-Moll- Scherzo von Chopin bewies' er übrigens, daß ihm auch der Ausdruck männlicher Kraft und Leidenschaft nicht versagt ist. Ungemein poetisch wirkte die Stelle, wo die rührend flehende Tongestalt am Schluffe des Mittelsatzes im „Scherzo" unter dem schroff anstürmendcn Hauptthema zusammenbricht; wir hören hier das Klavier fast mit Menschenflimme sprechen und fühlen (mit Hans v. Bülow zu sprechen, wie das Geheimnis des Reizes und der Wirkung der Bortragskunst schließlich immer auf dem nachschöpserischen „Eigenen" beruht, welches die Individualität des Ausführendcn allein zu geben vermag. Als würdige Part nerin steht dem Künstler seine Gemahlin zur Seite. In idealem Zusammenspiel hörte man zwei Glanzstücke der — leider wenig
ihren Eifer darein, im Roten Meere deutsche und eng lischc Dampfer wegen angeblichen Führens von Kontra bande zu belästigen und damit die Sorgen der russischen Regierung durch diplomatische Schwierigkeiten zu vermeh reu. Auch heute bereiten die Dardanellen der russischen Diplomatie große Sorge. Rußland sagt sich, daß es mit dem Ersatz der im Japankriege verloren gegangenen Flotte doch immer noch seine gute Weile hat. Das Lslseegeschwa der ist nur noch der Schatten einer Seemacht. Also wäre eine rasche Verstärkung durch die Schwarzemeerflotte in Ernstfällen von höchster Bedeutung. Und England? Man weiß in Downinastreet ganz genau, daß von der russischen Marine auf Jahre hinaus nichts zu fürchten ist. Man kann aber andererseits russische Schwarzcmcerschiffe zur Unterstützung im Mittelmeere ganz gut brauchen. Der wachsenden österreichischen Marine mochte man gerne eine min bestens gleiche Schiffszahl ber Entente gegcnüberstellcn.
Der Notschrei der Orten.
Was cs mit ben letzten Siegesmelbungcn aus Konstantinopel auf sich hatte, erkennt man daraus, daß die Pforte wegen der Einstellung der Feindsttigtciten die V c r - Mittelung der Mächte an gerufen hat. Gleichzeitig gibt man jetzt in Konstantinopel zu, daß die türkische Armee genötigt wurde, sich aus die T s ch a t a lisch a - C b c n c zurückzuziehen. Gleichwohl gefiel man sich noch am Samstag darin, die Lage in rosigem Lichte darzustellen, und der Großwesir soll der türkischen Obcr- kommandicrenden nicht nur zu militärischen Erfolgen beglückwünscht, sondern auch mit Genugtuung auf diplomatische Erfolge hingewiesen haben. Wo diese liegen sollen, ist zunächst recht schleierhaft. Man rechnet in Konstantinopel auf England, aber dieses wird kaum die Verteilung der europäischen Türkei verhindern können oder wollen.
Konstantinopel, 3. Nov. (Reuter-Meldung.) Die Pforte bittet die Mächte nm ihre Vermittelung wegen Einstellung der Feindseligkeiten und Einleitung von Friedensverhandlungen.
Konstantinopel, 3. Nov. Amtlich wird gemeldet: Die türkische Armee sah sich genötigt, sich auf die Tscha T a l d s ch a-Lin i e zurückzuziehen.
Sofia, 3. Nov. Unbestätigte Gerüchte besagen, Torgut h Pascha )ei mit einer Division auf der Höhe östlich von S c r a j von den Bulgaren eingeschlossen luorben. Er habe sich jedoch nach verzweifeltem Kampfe durchgeschlagen und auf Tataldschau zurückgezogen.
Aus Sofia wird ergänzend hinzugefiigt, die bereits bei T s ch o r l u an gelangte bulgarische Hauptarmee sei dem Feind hart auf den Fersen.
30 Bulgaren und drei Griechen, die türkis cheVerwundetemassakrierenwollten, wurden kriegsgerichtlich verurteilt und erschossen.
W i e n , 3. Nov. (W. B.) Der Kriegsberichterstatter, der „Reichspost" bei der bulgarischen Armee meldet von gestern:
Tic in der Schlacht von Lule Burgas Wisa geschlagene türkische Armee setzt ihren Rückzug entsprechend den beiden Hauptkamps gruppen im großen und ganzen auf zwei Linien, nämlich über Tschorlu und westlich von Saras fort. Die nördliche Kolonne versucht die Linie über Sarai auf Stranza, die südliche jene auf Tataldscha zu gewinnen, um in den dortigen befestigten Stellungen nock/mals einen Widerstand zu versuchen. Die unmittelbar nach dem Kampfe in voller Auflösung geflüchteten Truppen haben, durch das Ein- treffenzwciertürkischenTivisionen westlich S t r a n- z a und bei Kerkeskoej unterstützt, sich teilweise zu sammeln begonnen. Die Bulgaren sind bestrebt, durcl Verschieben ihrer Vorposten über Sarai nach Stranza und Kerkeskoej den Türken
den Rückzug zu verlegen. Das Vorrücken der Bulgaren erlitt eine Verzögerung durch die Kämpe im Waldgebiet süd- Schlich Wisa, es wird jedoch nach Zurückwersen der dort befindlichen türkischen Truppen mit größter Energie weiter fortgrfcfl werden. Im Kampfe bei Lule Burgas ivurde einetürkisä e T i v i s i o n von dem Gros der Armee nach Süden abgebrängt und zersprengt. Die Eisenbahnverbindung der Türken nach Tataldscha und mehreren anderen Stellen ist unterbrochen. Die Grausamkeiten, welche die Türken aus ihrem R ü ck z u g e verüben, sind entsetzlich. Alle T ö r fe t werden uicdcrgcbrannt, alle Christen ermordet. Dutzende von Frauenleichen findet man mit auf- geschlitzten Leibern. Namentlich die anatolischen R e d i f s hausen wieiwilde Tiere.
Türkische Schönmalerei.
Konstantinopel, 3. Nov. Gestern abend ist hier amtlich bekanntgegeben worden, daß nach einer Depesche aus de in Hauptquartier vom 1. November abends die ?lrmeekorps, die sich im Zentrum des linken Flügels befanden. Befehl erhielten, ebenfalls offensiv vorLu gehen.
Konstantinopel, 2. Nov. Während die Nachrichten vrmr Kriegsschauplatz in Thrazien erkennen lassen, daß dort dem" Vordringen der Bulgaren Halt geboten wurde und daß allem Anscheine nach die Türken sogar Vorteile bei Wisa errungen.'' haben, gilt die Lage Mazedoniens als hoffnungslos, imddem daS fünfte Korps durch.die Serben bei Kurnanowo vernichtend geschlagen und das zu Hilfe eilende sechste Korps oorr den Bulgaren besiegt ist. Die Trümmer beider Korps sind später infolge blinder Panik geflohen, so daß der Weg nach Salo nika den Verbündeten offen liegt. Zugleich mit der Vernichtung der Warda-Armee wurde die den Griechen gegen« überstehende Armee besiegt, so daß am Mittwoch den Griechen keine irgendwie nennenswerte Streitkräfte entgegengestellt werden konnten. Dazu kommt, daß die griechische Flotte bedeutende griechische Banden auf der Halbinsel CHaiti di ke organisierte, deren Wachtfeuer bereits auf den Höhen über Saloniki zu sehen waren. Sie erwarteten allem Anscheine nach den Anmarsch der griechischen Armee, um in Saloniki einzudringen. Dort sollen sehr bedenkliche Zustände herrschen. Verschiedene Mordtaten versetzten die Bevölkerung in Angst. Auch die europäische Kolonie befürchtet das Schlimmste und erwartet deshalb sehnsüchtig fremde Kriegsschiffe. Angeblich sind 30 000 Flüchtlinge aus Mazedonien in Salonik, meist Gesindel, von deut man Plünderungen befürchtet. Seit gestern nacht sind hier wieder Regengüsse niedergegangen, die die Operationen in Thrazier erschweren dürften: doch ist die Stimmung gebesserte
Nach einer Depesche des Kommandanten der Westarmee, vom 30. Oktober ist bei einem Angriff, der nordöstlich von Skutari gegen montenegrinische Truppen in Stärke von über 4300 Mann unternommen wurde, der Feind zerstreut worden. Mehr als 1000 Montenegriner wurden getötet. Ein Hauptmann und acht Mann wurden gefangen- eine Anzahl von Gewehren und Zelten sowie Munation erbeutet.
Die türkischen Blätter bestätigen die Wieder« ein nähme von Bunar-Hissar durch die Türken. Die „Jeni Gazetta" bringt folgende Einzelheiten iiber die Schlacht:
Nach dem Kampf am 22. Oktober entwickelte die zweite bulgarische Armee ihre Front mit dem rechten Flügel bei Babä 'Eski, dem Zentrum vor Bunar-Hissar und dem linken Flügel vor Wisa. Die Armee bildete so einen weiten Bogen. Die türkische Armee batte sich gegen Luele-Burgas konzentriert über Tschuerenli, Ta- tarli, M>med Gey, Sakizkocj bis Babaeski. Tie Tage vom! 22. bis 25. Oktober vergingen mit Vorbereitungen und Erkundungen beiderseits. T ie S ck> l a ch t b c g a n n a rn 2 6. O k t o b cr mit dem Vorrücken derTürken anfWisa und dehnte sich auf die ganze Linie bis Luelc Burgas aus. Vorgestern und gestern (am 81. Oktober und 1, November- leisteten die Türken heldenhaften. Widerstand gegen die Bulgaren, welche die Verteidigungslinie Wisa-Luele Burgas sprengen wollten. Gestern gingen die Vereinigten Streitkräfte bei Luele Burgas zum Angriff über und warfen die Bulgaren bis Tschongara zurück und drangen nach heftigem Kampf bei Karagatsch bisBunarHissar vor. Nach in der Nacht aus Samstag eingelaufenen Meldungen besetzten die Türken Kawaklue südöstlich von Kirk Ki- lisse. Tie bulgarischen Streitkräfte sind auf der ganzen Linie
umfangreichen — Literatur für zwei Klaviere: das Andante mit Variationen des Klavierpoeten par exeellenee, Rob. Schumann, und die wirkungsvollen Variationen über ein Beethovensches Thema von Saint-Saens. Wie befriedigend und wie anregend ist es für den Hörer, wenn er wie hier, durch das Verdienst des Komponisten wie der Ausführenden, unter den bunt wechseln den Gewändern der Variationen immer noch das wohlvertraute Gesicht des Themas zu erkennen vermag.
Neben diesem Künstlerpaar hatte die Sängerin keinen leichten Stand. Tie beiden Lieder von Brahms sind stellenweise ziemlich spröde, und erst das Schubertsche „Gretchen am Spinnrad" brachte etwas mehr Wärme, die sich dann in den späteren Nummern, vor allem in den tiefempfundenen Mörike-Liedern von Hugo Wolf wohltuend steigerte. Frl. Geycrsbach verfügt über einen tadellos geschulten hohen, etwas kühlen Sopran, der durch absolute Reinheit, sicherstes Bilden und Festhalten des Tons, wie durch vorzügliche Aussprache fesselt. Leider verliert das Darmstädter Hoftheater diese Künstlerin an die Wiener Bühne, und wir dursten hier nur noch ihren Abschicdsgesang hören.
Tas Publikum war mit Recht sehr animiert und dankbar und errang sich einige gefällige Zugaben. Professor Trautmann bewährte wieder seine Meisterschaft als feinsinniger Begleiter. Tie Aula war dicht gefüllt; etwas mäßigere Heizung wäre wünschenswert. P.
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— Thomas „Mag t>af ena" im Darmftäbter Hof- thcater. lieber die gelegentlich ihrer Uraufführung von uns ausführlich besprochene Bauerntragödie von L. Thoma erhalten wir aus Tarmstadt, 2. November, folgenden Bericht: Der Wert der Tragödie liegt in der Wahrhaftigkeit der Gestalten und in der scharfen Beobachtung der Umwelt. Man kann sich an dem feingeschlifseneit Dialog erfreuen, aber den theatralischen Schluß ablehnen. Wenn der alte Paulimann zum Stoß ausholt, werden wir uns bewußt, daß wir im Theater war en während sich vordem ein Menschenschicksal uns offenbarte. Tie Darstellung hatte mit Recht darauf Bedacht genommen, die Typen zu zeichnen. Herr Wagner spielte den alten Mayr und war besonders dann groß, wenn er sich und sein Haus von dem Makel der Tochter
reinwaschen wollte. Tas scheue Aushorchen, wenn von draußen Stimmen kamen, war eine verständnisvolle Kleinarbeit. Die Lene gab Frl. Alsen. Das weltenfremde Kind machte sie überzeugend. Aus der Tiefe kam die Sehnsucht nach einem Menschen. Den Knecht Loreitz spielte Herr Baumeister, der auch die Regie führte. Ich muß mehr den Regisseur als den Darsteller diesmal loben. Die Herren West ermann und Heinz hatten dankbare Ausgaben. Besonders Herr Westermann als intrigierenden Bürgermeister gefiel mir. Frau Müller- Rudolph gab als Mangin eine fein durchdachte Episodenrolle
— Ein Vischer-Zimmer in Ludwigsburg. Man schreibt uns aus Stuttgart: Die Vaterstadt von Mörike, Kerner, David Friedrich Strauß und Friedrich Theodor Vischer, Ludwigsburg bei Stuttgart, ist durch das Entgegenkommen von Geh.-Rat Robert v. Vischer in Göttingen in den Besitz des einstigen Studierzimmers des Dichters und Aesthetikers Fr. Th. Vischer gelangt, dessen Sohn der Göttinger Kunsthistoriker ist. Tas Zimmer, das dem historischen Verein der Stadt zur Verwaltung überwiesen wurde und in dem früheren „Schulbau" an dem berühmten Marktplatz untergebracht ist, macht in seiner Einfachheit einen tiefen Eindruck von der Bedürfnislosigkeit und Schlichtheit des kunstsinnigen Tichters. Das bescheidene Mobiliar besteht in einem Schreibtisch mit Bücheraufsatz, Stehpult mit Bücherbrettern, einer Kommode und einem runden Tisch mit Sofa und Polsterstühlen. Ebenso einfach sind die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Trinkglas, Stcinfrug, Tintenfaß, Tabakskasten, Pfeife und Zigarrenspitzen. Handschriften, Tiplome und ähnliches sind in den Schubladen aufbewahrt. Als Schmuck sind einige Nachbildungen plastischer Werke vorhanden, so eine Madonna von Michelangelo, Tanneckers Ariadne, Peter Vischers den der Dichter als Vorfahren schätzte) Nürnberger Gänsemännchen: dann ein Tefreggerbildchen und ein paar kleine Gipsreliefbildchen von Vischers Lehrer Hegel und von Lichtenberg. Als guter Patriot hat Vischer bann in seinem Studierzimmer auch seine Uniform von der Bürger wehr von 1848 aufgehängt, sowie ein beim ersten Frankfurter Schützenfest von 1862 heraus- geschosscnes Gewehr und andere Waffen, zu denen sich verschiedene Reiseerinnerungen gesellen.


