Ausgabe 
3.10.1912 Zweites Blatt
 
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Nr. 255

Zweites Blatt

162. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Diechiehener FamilienbläNer" werden dem Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Zeit­sragen" erscheinen monotlid) zweimal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Donnerstag, 5. Gttoder 1912

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläls Buch- unb Sleindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Spedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:«^ 112. Tel.-Adr.:AnzelgerGreßen.

Erster nationalliberaler Frauentag.

Tin nationalliberaler Frauentag, der erste in seiner Art. Wurde, wie wir schon kürz erwähnten, am 1. Dl tober in Weimar unter starker, Beteiligung von nationalliberalcn Frauen aus ganz Deutschland, darunter der, Gattinnen der bekannten Parteiführer, abgchalten. Tin Frauen ausschuß, der sich in Berlin gelegentlich des allgemeinen Frauen- kongrcsscs gebildet hatte, halte Einladungen zu diesem national- liberalen Frauentag ergehen lassen. An der Spitze dieses Frauen-- auSschusses stand Frau Julie B a (se rm a n n-Mannheim, die Gattin des Partcivorsitzenden, und außerdem gehören dem Fraucnaussclmß nationalliberale Frauen aus Berlin, Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Köln, Karlsruhe, Magde­burg, Mannheim und Stuttgart an.

Frau Bassermann eröffnete den Frauentag mit einem Hin­weis darauf, daß sich den nationolliberalen Frauen fetzt die Pforten der nationalliberalen Vereine öffnen. Sodann hieß namens der Parteileitung Generalsekretär Breithaupt -Berlin den Frauentag willkommen: Wir sinden uns jetzt einer ganz neuen (Situation gegenüber. Zweifellos ist die heittige Tagung ein bedeutungsvoller Vorgang für die nationalliberale Partei, für die damit ein weiterer neuer Abschnitt ihrer politisch: Tätigkeit einsetzt. Wenn wir bisher die Tomen auf unseren politischen Festen als Schmuck begrüßen durften, so stehen wir uns heute ganz anders gegenüber. Sic klopfen an die festverschossenen Türen der national­liberalen Partei, um 'Einzug zu halten in die Reihen der Partei selbst und mn dort politisch mitzuwirken. Wenn heute die Partei­leitung entschlossen ist und durch mich offiziell erklären läßt, daß wir die Pforten der Partei gern und freudig den nationglliberalcn Frauen öffnen, so ist das ein Beweis dafür, daß wir uns flar darüber geworden sind, daß wir die Mitarbeit der Frau in der Folgezeit nicht mehr entbehren können. Möge die heutige Tagung ein verheißungsvoller Anfang sein.

Vorsitzende Frau Bassermann: Ts ist von großer Be­deutung, was die Parteileüung uns sagen läßt. Nun dürfen wir aber auch die Parteileitung nicht enttäuschen und wollen alle kräftig Mitarbeiten. (Beifall.) Frau Basserinann verlas sodann ein Telegramm ihres Gatten:

Ter Tagung nationalliberaler Frauen meine herzlichsten Grüße und Wünsche für besten Erfolg zunr politischen Kampf, der von Jahr zu Jahr schwerer wird."

Sodann sprach Frau Geheimrat Steinmann -Bonn über die Aufgaben der nationalliberalen Frauen: Eine große Zahl von Frauen gehört bereits politischen Parteien an. Es gibt dasür mannigfache Ursachen. In der Hauptsache ist cs darauf zurückzusülzren, daß durch den Eintritt der Frau in das Erwerbsleben sich der Gesichtskreis der Frauen erweitert hat. Ist nun das Interesse der Frau an der Politik wirklich innerlich berechtigt oder entspricht es nur der mobcrncn Unruhe oder dem Reiz an der Neuheit? Und was kann es eine große politische Partei kümmern, wie die Frau über politische Tinge denkt? Man begegnet noch heute vielfach der Auffassung, daß die Frau sich um Politik nicht zu kümmern braucht. Wer so spricht, redet ans einer vergangenen Zeit heraus, die mag man es begrüßen oder bedauern sich flicht mehr zurückrufen läßt. Tie Millionen erwerbstätiger Frauen haben wirtschaftlich-e Interessen zu ver­treten, die nicht dieselben zu sein brauchen, wie die ihrer männ­lichen Berufsgenossen, ja unter Umständen direkt entgegengesetzt sein können. Andererseits haben diese Frauen durch praktische Erfahrungen in ihrem Beruf sich Kenntnisse erworben, die ihnen ein fachiches Urteil über viele Tinge ermöglichen. Gerade die beiden großen Versicherungsgesetze, die jetzt in die Praxis um- gcsetzt werden sollen, haben zu den Ereignissen gehört, die das politische Interesse der Frauen geweckt. Bei beiden Gesetzen sind die Wünsche der 'Frauen nicht in allen Punkten erfüllt worden, und diese Tatsache .zeigt, daß cs den Frauen nicht gleichgültig sein kann, wie die Parteien sich zu solchen Forderungen stellen. Tas Tcmuncnbc Reichstheatcrgesetz ist auch ein Gesetz, das für weite Kreise der Frauen Interesse hat. Aber nicht nur aus der Berufsarbeit erwächst das politische Interesse der Frau, auch die freiwillige soziale und ehrenamtlich Tätigkeit führt die Frauen in das öffentliche Leben ein. Tiefe Frauen haben ein besonderes Interesse für das Rcichswohnungsgcsetz und für ihre Zulassung als Beisitzerinnen zu den Jugendgerichten und als Laienrichterinnen überhaupt. Wir haben erst in den letzten Tamm wieder mit Bedauern sehen müssen, daß mit dem Entwurf des

Jugendgerichtsgesetz.es die Frau als Beisitzerin nicht vorgesehen ist. Hoffentlich läßt sich da nod) Wandel schaffen. Wir müssen weiter verlangen die Gleickibcrechtigung in der Zulassung zu k o m m u n a l e n Kommissionen. Tie nationallibcralc Partei bat noch nicht zu allen diesen Fordcrtingeu Stellung genommen Aber wir glauben uns mit diesen Forderungen aui der bisherigen Bahn der Partei zu bewegen. Eine der wichtigsten Forderungen der Frauenbewegung ist die Einführung der obligatorischen Berufsfortbildungsschnle für Mädchen. Wir ver­langen auch die Zulassung der Mädchen zu den höheren Knaben­schulen in kleinen Städten, wo es keine höheren Mäbchnschulen gibt. Auch das liegt durci-aus im Sinn einer liberalen Ausgestal­tung des Unterrichlswefens.

Jedoch nicht nur berufstätige und int öffentlichen Leben stehende Frauen, sondern auch die Hausfrauen müssen Ijeutc politische Interessen haben. Tas große Gebiet der Zölle und Steuern greift vielfach unmittelbar in den Wirtschaftsbereich der Haus­frau ein. Gerade diese letzten Fragen haben in jüngster Zeit vielfach im Mittelpunkt der Politik gestanden und sind eine der Ursachen gewesen, daß die politisch.-n Interessen der Frauen allent halben gesteigert worden sind. Tiefes Interesse ist stets gewachsen von der Reichfinanzreform her bis zu diesen Tagen der Fleisch- teucrung. Uebcr allen materiellen Fragen stehetr uns aber auch die nationalen und ideellen Fragen. Wir deutschen Frauen fühlen uns als Glieder des deutschen Volkes, und jede einzelne von uns ist an ihrem bescheidenen Teil für das Ganze mit verantwortlich. Wir sehen auch hier, daß es letzten Eitdes Weltanschuungsfragen sind, zu denett wir Stellung nehmen müssen. Wir erkläret: uns gegen die materialistische ^Geschichtsauffassung.

Wir wollen nicht vergessen, daß es mich für uns gilt, geistige und sittliche Güter zu verteidigen. Wir sind aber der Meinung, daß nur in der Verbindung der beiden Kulturmächte national und liberal Teutschland eine Zukunft hat. Nur auf diese Weise kann es seine Mission erfüllen. Wir wollen mcljr als bisher praktisch in der Politik mitarbeiten. W i r w o l l e n agitieren und wir wollen durch unsere Mitarbeit auch den anderen Frauen zeigen, daß ein Zusammenarbeiten von Mann und Fran in der nationolliberalen Partei möglich ist. Wir wollen vor allem wirken für die Schaffung und Erhaltung einer liberalenTradition in der Familie. Hier sind gegen uns Ultramontane und Konservative noch weit im Vorsprung»

Darauf sprach Rcickrstagsabgeordneter Freiherr v. Richt- hofen über die politisch Lage. Er kam im Laufe seiner ?lns fübrungen auch auf die auswärtige Politik zu sprechen und wies auf die gegenwärtige gespannte Lage hin, die derart gestaltet ist, daß die nächsten Tage entscheiden werden, ob die deutschen Fraueit das kostbarste Gut, das sie besitzen, ihre Männer und Söhne, ins Feld werden schicken müssen. Tie Frauen müssen also auch an der auswärtigen Politik ein reges Interesse nehmen. (Lebhafter Beifall.)

An den Vortrag schloß sich eine Aussprache über den Stand der nationalliberalen Frauenbewegung in den verschiedensten Ge­genden Teutschlands und es wurden im einzelnen Vorschläge für die praktische Agitation gemacht. Ter Frauenausschuß, der den Frauentag einberufen hat, soll nach Möglichkeit erweitert werden und Frauen aus allen Landesteilen umfassen.

Darauf schloß Frau Bassermann den Frauentag.

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Hauptversammlung ötsBunöes deutscher§rauenvereine

In Gotha wurde am Mittwoch die zehnte Hauptversamm­lung des Bundes Deutscher Fraucn-Vereine in Anwesenheit der Herzogin von der Bundesvorsitzenden Tr. Bäumer eröffnet.

Die Vorsitzende Tr. Gertrud Bäumer hielt einen Vortrag über die FrageW arum müssen die Frauen Politik treiben?"

An der Aussprache beteiligten sich zahlreiche bekannte Vertreterinnen der Frauenbewegung, z. B. Frl. Lüders, Frl. Lisch newska, Fran Stritt, Frau Voß-Zietz und die Frau des national- liberalen Abgeordneten Bassermann. Am Schluß wurden die Leitsätze der Frau Bassermann angenommen, von denen besonders der dritte interessant ist. Er lautet:

Für die Teilnahme der Frau am politischen Leben, auch ohne die Voraussetzung des Stimmrechts, sprechen folgende Gründe: a) Sie ist bei einer großen Zahl von Frauen der Ausdruck eines natürlichen Interesses und erwachenden staats­bürgerlichen Bewußtseins, das gepflegt und nicht zurückge­halten werden sollte: b) sie ist eine notwendige Vorschule für die künftige volkspolitische Mitverantwortlichkeit: c) die ge­

meinsame Arbeit mit den Männern für gemeinsame Ziele ist ein uncrläßliclxs Gegengewicht gegen frauenreebtliche Ein­seitigkeit: d) kein anderes Mittel ist geeigneter, als Vorur­teile gegen die Mitarbeit der Freuen im öffentlichen Leben zu zerstreuen und Verständnis für ihre Notwendigkeit zu er» tvccken. Tie politische Mitarbeit ist der beste Weg, um die Parteien für die Berücksichtigung der Frauenintercffen zu ge­winnen.

Weiter wurde folgende Entschließung angenommen:

Tie 10. Generalversammlung des Bundes bcut)d>er Frauen­vereine sieht in der Mitarbeit der Fraucn in der üolitifdxm Partei eine notwendige Konsequenz der Frauenbewegung und einen seit Erlaß des Reichvercinsgesctzes gebotenen Weg staats­bürgerlicher Pflichterfüllung. Angesichts der vorhandenen Ge­fahren, die der Frauenbewegung drohen, erklärt der Bund, bei Aufrechterhaltung seiner absoluten politischen Neutralität, mit allen Kräften dafür eintreten zu wollen, daß die zunehmende Politisierung der Fran zugleich der Förderung der Frauen- intcressen dient, die durch die organisierte Frauenbewegung vertreten werden.

Nachmittags folgten die Damen des Gesanttvorstandes, des Ortsausschusses sowie verschiedene delegierte einer Einladung der Herzogin auf Schloß Friedenstein.________________________

Aus Hessen.

Nenkinteilnng der hkssisckeu DberforReteien.

(rm.) Darmstadt, 2. Okt. Die Organisation der Großh. Oberförstereien wurde durch das Finanzministerium einer eingehenden Prüfunb unterzogen. Dabei wurde eine Reihe von Aenderungcn mit Genehmigung des Großherzpgs getroffen. Danach werden an 28 Heftischen Oberförstereicn in Starkenburg und Oberhessen andere Zuteilungen ge­troffen und drei Oberförstereien in Groß-Umstadt, Trebur und Wies eck bei Gießen vollständig aufgeteil, sie gehen damit ein.

Deutsche Kolonien.

Neue Unruhen in Sndwestasrika?

Keetmanshoop, 1. Okt. Die Kopper-Leut? tauchen nunmehr auch im Keetmanshooper Bezirk auf. Am Montag wurde eine etwa 30 Mann starke Bande nördlich von Heigasib geseüen. Nach Aussage fliehender Buschmänner find die Leute durchweg mit Schuß­waffen versehen. Die Schutztruppe trifft umfassende Maßnahmen zur völligen Säuberung der Ostgrenze.

Aus Stafct und Land.

Gieße n, 3. Oktober 1912.

'* Aus dem Militärwochenblatt. Der Studierende, der Kaiser Wilhelms-Akademie Buch hold ist zum Unterarzt des aktiven Dienststandes beim Großh. Artillerie-KorpS, I.Heff. Feldartillerie-Negiment Nr. 25 ernannt.

" Zentralstelle für Gewerbe. Der Groß Herzog hat am 28. September d. Js. de:n Konservator und Biblio­thekar bei der Zentralstelle für1 die Gewerbe, Gewerberat Gottlieb Wagner zu Darmstadt auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, in de« Ruhestand versetzt und ihm auS diesem Anlaß daS Ritter­kreuz 1. Klasse deS Verdienstordens Philipps des Groß, mutigen verliehen; ferner den KustoS am LandeSmufeum zu Darmstadt, Dr. Herrn. Kien z le, zum Direktor des Gewerbe- mnfeumS und der Bibliothek der Zentralstelle für Gewerkt ernannt.

Vom Schlachthof. Der Tierarzt Hahn, ein ge» borener Gießener, ist gestern am Schlachthof als Volontair- 9lffiftent eingetreten. Er beabsichtigt, den Betrieb der Anlage in allen Teilen kennen zu lernen, um später die Stelle eineß Leiters eines Schlachthofes annchmen zu können. Durch das Entgegenkommen der Schlachthofsdirektton ist im Einverständnis mit der städtischen Verwaltung hier jetzt eine Stelle geschaffen,

was Sonnenthal von Laube erzählt.

Das Burgtheater ist wieder einmal ohne Direktor unb eine jener Krisen brofyt über bent alten, ehrwürdigen Institut, bereu cs in den letzten Jahrzehnten so viele durchgemacht hat. Seil langem jammert man über den Rückgang dieserersten deutschen Bühne", unb sehnsüchtig wenbcn sich bie Blicke nach ber klastischen Zeit ber Burg, bie burch bie ausopsernbe Tat eines einzigen Mannes herausgcführt würbe. Laube ist der Schöpfer dos Weltruhmes dieser Bühne gewesen; er lebt in unserer Erinnerung fort als ber ibealc Theaterbircktor, unb deshalb ist jede neue Kunde von ihm von JMercsse. Unb besonders, wenn biese Kunde von einem seiner getreuesten Mitarbeiter kommt, von einem großen Meister der Schuspiclkunst, der durch Laube und unter Laube die feste Grundlage für seine Größe schuf, von AbolfSonncn- tha l.

In der Deutschen Revue veröfsenllicht die Tochter des genialen Bühnenkünstlers, Hermine v. Sonnenthal, eine Anzahl bisher unbekannter Briefe von unb an ihren Vater, unb ber schnste unter diesen ist unzweifelhaft das ausführlich Schreiben, m dem Sonncnthal auf Anregung seines Freundes Speidel über ,Laube in Hemdärmel n" berichtet.Da, der interne Laube Sie begreifen, wenn ich Laube sage, meine ich das Theater. Das interne Theater, bas war sein Element, seine Lebenslust. Ter Dichter, ber Politiker waren nur Mittel zum Zweck, er nützte sie nur fürs Theater. Dort arbeitete er mit Lust, mit Liebe, mit Leidenschaft, mit Geist und Verstand. Ec war, wenn ich so sagen darf, der theoretisch Schauspieler, und ich glaube, bei einiger maßen äußerer Repräsentation wäre er der größte darstellende Künstler geworden. Ich hatte Gelegenheit, int Lause der Jahre ihn in den heterogensten Charakteren für die jeweilig abwesenden Darsteller die betreffenden Rollen markieren zu sehen unb zu hören, und mit welcher Vollendung und mit welcher Leidenschaft tat er dies! Es ereignete sich einmal, daß zu einer Duo-Szene der be­treffende Herr und die Tarne fehlten; die Szene Eonnie einfach überfragen werden. Laube ließ sichs aber nicht nehmen, er markierte, vielmehr spielte, beide Rollen: wir traten alle in die Kulissen unb waren entzückt. Und wie arbeitete er in den Proben! Er legte dem Schauspieler erst die Rolle zurecht durch Stteichen, Aendern, Umarbeiten des Stückes er nannte dies: zu Faden fragen. Tann kam die feinere Ziselierung, unb ba mußte alles heraus, was in der Rolle war, bis aufs letzte J-tüpselchn. Er war darin keineswegs so eigensinnig, wie man ihm vorzuwerfen pflegte, er trug immer der Individualität des Künstlers Rechnung." So trat das Stück von Probe zu Probe immer flarer und fertiger heraus, und wenn Laube bann zuletzt feinen Hut aufsetzte unb sagte:Es wird gehen! Guten Morgen!", bann war ber künst­lerische Erfolg bes Abends gewiß.

Wie er mit bem Theater, mit dem Schauspieler lebte, bas konnte man so recht am Abend einer Premiere sehen. Ich hatte oft Gelegenheit, ihn in solchen Fällen von ber Theater löge aus zu beobachten. Ich glaube, er hatte noch mehr Lampenfieber als wir unten, denn er zagte unb zitterte für jebra Einzelnen, er spielte jede Rolle in seiner Loge mit, er war im Theater ber Vorlacher und Vorweiner (ja, ber Vor meiner bei einer leisen Biegung ber Stimme liefen ihm bie hellen Tränen über bie Wange, schon in ber Probe) unb wenn nun gar ber erhoffte Applaus ein wenig auf sich warten ließ ober gar ausblieb, ba schlug er ungestüm in die Hände so lange, bis das Publikum mit einstimmte, und bann stürzte er zum Abschluß freubestrahlenb auf die Bühne, pflanzte Jid) bort in der Mitte auf, trocknete den Schweiß manchmal auch den Angstschweiß von der Stirne, wir grup­pierten uns um ihn, wie jun einen Feldherrn, um bie Parole zu empfangen, unb bie lautete kurz unb bünbig:Gut ists gegangen!" __

Die Zwischenaktmusik begann, unb er saß schon wieder in seiner Loge. Oftmals aber auch, wenn nur der kleinste Fehler geschah wie ein Sturmwind sauste er bann auf die Bühne und gleich auf den Betreffenden zu:Was haben Sie heute? Sind zerstteul, haben eine Pause gemacht?"Aber, liebster Direktor, ein Pünschen"Ach, bie Szene hat durch Sie ein Loch gekriegt, machen Sies im nächsten Akt wieder gut" unb weg war er. Und so Tag für Tag, Abend für Abend, Theater, nur Theater. Er mußte schon sehr krank sein, wenn er einen Abend fehlte und alles, auch bie kleinste Rolle von bem Neinsten Schauspieler, interessierte ihn, zumal wenn er sie zum ersten Male spielte. Ick) war eines Tages zu seinem gewöhnlichen Emp­fang zwischen sechs und sieben Uhr in seinem Salon. Um sieben Uhr meldete ber Diener, ber Wagen sei ba.Was machst du denn heute im Theater?" frag seine Frau.Verstl spielt zum erstenmal den Bedienten". Stand auf und ließ uns alle ver­blüfft zurück.

Unerschöpflich war Laube in kühnen Experimenten. In der Zeit, da Sonnenthal als jugendlicher Liebhaber seine Wiener Lehr­zeit burchmachte, beflagtc er sich eines Tages bei Laube wegen Mangel an Beschäftigung. 5r hörte mich ruhig unb wohlwollenb an, bann machte er eine Pause unb sah mir lange ins (Besicht. Endlich sagte er ganz trocken:Studieren Sie den Franz Moor." Aber, Herr Dftcktor," rief ich erschrocken,den Franz Moor?" ,La, ich brauche einen Franz Moor."Liebster Direktor," erwiderte ich,ich wollle eben um den Romeo petitio­nieren und Sie tragen mir den Fran- Moor an?"Tann müssen Sie eben noch ein wenig Geduld haben!" Unb mit einem freundschaftlichen Händebruck entließ er mich.

Line moderne Operette.

Eine Satire von Franz Molnär.

Der Theaterdirektor: Was ist das?

Der Theateragent: Das ist eine moderne Operette. Ein kolossales Werk! Entzückend! Glänzend! Grandios! Wenn Sie wollen, kann ick) Ihnen das Sujet hersagen. '

Der Direktor: Also hören wir.

Der Agent: Ter Titel istLord 58lunr". Dieser Lord Blum ist ein alter Junggeselle, der eben im Begriffe steht, nach Kairo zu reifen. Seine alte Tante ist freilich dagegen und sie ist freilich auch in einen Zirkusakrobalen verliebt.

Der Direktor: Großartig.

Der Agent: Sein Freund, Lord Pilitz, entwendet jedoch den Wechsel, um dann ungehindert die Bank von Monaco sprengen» zu können.

Der Direktor: Die Bank?

Der Agent: Ich glaube, ich spreche deutlich genug. Graf Pirnitzer, der während der ganzen Szene hinter dem Tivan stand, sendet nun rasch einen Diener zum Major, der freilich berfteti vor Wut. < f

Der Direktor: Ah, jetzt beginne ich zu verstehen.

Der Agent: Doch als Dritter stellt sich Dr. Moriturk der Sache entgegen, jener berühmte Augenarzt, der einmal wegen einer Wechselfälschung gerade bei der Bank Lord Pilitz' nicht in bie Sache einwilligte. Verstehen Sie?

Der Direktor: Gewiß! Natürlich!

Der Agent: Folgt ber zweite Aufzug. Ter Vorhang hebt sich. Wir sehen lärmendes Markttreiben. Lord Mum plaudert als GrünzeughäMerin mit bem Admiral Weißenstein. Von jenem stellt cs sich ipater heraus, daß er fein anderer ist, als Graf Pirnitzer. Freilich folgt ihm auch feine Gattin hierher unb bann fingen sie das Duett. Lord Pilitz ist entrüstet.und Lilla ebenfalls

Ter Direktor: Wer ist diese Lilla?

Ter Agent: Tie wird vom Schnürboden im zweiten 'Auszug bcrantergelaffen. Freilich die Tante erfährt alles und schwör; dem Lord Vogler Rache.

Ter Direktor (gefoannt): Nun, und der dritte Aufzug?

Der Agent: Haben Sie's denn noch nicht erraten?

Ter Tirektor: Nein.

Der Agent: Ter dritte Auszug ist glänzend. Denken Sie nur, Lord Pilitz kehrt aus Karro zurück, wohin Lord Blum gleich­falls nicht reisen fonntc, die Jungen fallen einander um dew Hals, bie Tante wirb vom Schlag gerührt, Graf Pirnitzer ver­zichtet zu Gunsten seines jüngeren Bruders, da stürmt ber Schiffs- kapttän Herrin und schreit auf:Lorb Pilitz, eilen Sie nach Dause, ein Sohn wurde Ihnen geboren!" Stellen Sie sich vor, wie zornig hierauf Lord Blum wird, er zerreiß das Testament