Nr. 283
Der Siebener ^Zzet-e, edd)etnf taglid, auset LonnraqS. - Beilagen: viermal rodcbenilub OiebenerZamtliendlüiler zweimal reödienll.Krfis. blatt färben Kreis ftiefjen < Dienstag imb iSretiaa), noennal menatl Land- wirtschastlicheZeitlragen Herniprech - Änschlüfte: uit die Redaktion 112, Verlag u. Expedttiou 61 Adresse lüi Teveichen:
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Erster Blatt
1162. Jahrgang
Samstag, 30. November <912
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdrnd und Derlag der vrüdl'schen Univ.-Vuch und Steinöruderet R. Lange. Redattion, Srpedition und Druderet: Schulftrahe 7.
Büöingen: Fernsprecher Nr. 269 Seschästsslelle Vahnlsossirahe (6a.
9nim«nci >. monatlich 751*1., otertel- jährlitb Dtk. 2.20. durch Mbhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Bf.; durch die lost 'Bit. 2.— viertel- läbrL ouSschl. Beilella. ßeilenpttiS: lokal 15Brw ausivan« 20 Bienniq. 6 hefredakteur: 21 uAoeh. Berank,vorllich hit den politischen Teil August 0>oeR. titx , •wuine* ioii*, »Bentttschies* und .Geiictusiaal" U. ‘Jlcu- ratl), iüt ,Skiöi und Land" C.Hev. Uit den 'Anzeigenteil L» Beck.
Die heutige Nummer umsaht 24 Seiten.
politische wocbcnschatt.
(Ziehen, 30. November.
Der Reichstag hat, ohne der doch wohl auch zu einem guten Stück blosz formalen Franc der Präsidentenwahl ilszu viel Bedeutung beßzulcgen, sich rasch und eifrig lieber an die Arbeit begeben. Tas Zentrum und die Polen Iahen weiße Zettel ab, und so richtet heute wieder Herr aempf, dem eine knappe Mehrheit ohnehin sicher war, aber Gerechtc und Ungerechte Herr Schcidemann, dessen s<räsidentenherrlichkeit int Reichstage lurz war, ist von feinen (Genossen in anderer Weise erhöhet worden: nicht aur war er der Auserwählte, der den Franzosen das viel ,-sprochcne Wort zurufen konnte, die deutschen Arbeiter hieben im .Kriegsfälle niemals auf ihre französischen Brü- )*r schießen, nein, er war auch der erste Sprecher der 112 m der Eröffnung ihres neuen Feldzuges im Reichsparla- i;cnt. Seine Anklagen gegen Regierung und Agrarier litten aber ganz und gar nicht mehr den Reiz der Neu- pt. Er klagte darüber, daß der 'Reichstag nicht aus ich selbst heraus feine Einberufung veranlagen könne und end damit vorgestern einen Widerhall auch bei dem fortschrittlichen^ Redner Dr. Wendland. Wäre aber, wenn man le schöne Sommerszeit mit dieser parlamentarischen Mobilmachung unsanft unterbrochen hätte, bei den Fleifchteue- 'ungs-Besprechungen etwas Besseres herausgekommen als i. diesen letzten Tagen? Einige Blätter der Linken, die iirf) mit zu kühnen Hoffnungen getragen hatten, haben fchon ihren starken Mißmut ausgesprochen Mit diesen ?ozialdemokraten in ihrer blinden Agitationstaktik ist nichts anzufangen. Sie beantragen ein zu radikales Miß- k ruensvotum für Herrn v. Bethmann-Hollweg, und der erste Versuch, das neue parlamentarische Recht anzuwenden, mißglückt schon und schafft in manchen minder radikalen Irittfmi der Kanzlerpolitik Mißtrauensreaungen Ter er wird indessen verbessert, und es soll die Ursprung- ich im Gesetz vorgesehene einfachere Form beantragt werden, aomit der Reichstag iundgeben soll, daß er in der Fleisch- kuerungsfrage mit der Politik der Reichsregierung nicht ll'erernstimmt. Auch dieser Versuch, über den heute abg> imntt wird, niuß fehischlagen, denn der Rcichslanzler hat ton früher im preußischen Landtag, Darlegungen gemacht, le zum Teil auch bei einem Teil der Linten Anerlennung Inden. Er sprach von der zu fördernden inneren shrfoii” " ttion, der Schaffung kleiner Bauerngüter, und meinte was er gestern niederholte), die Hauptsorgc müsse darauf ^richtet sein, daß die heimische Landwirtschaft all- -nählid) den ganzen Fleischbedarf zu decken vermag. Damit ixit er zweifellos recht. Das Ziel ist gut, wenn man auch mit allen Wegen, die vorgeschlagen sind, nicht ganz an- Ierstanden fein kann. .In der Beschräniung der Rück rstattung des Zolles aus die wenigen großen Städte sind )ic Schranicu zu willkürlich ge,zogen Es gibt dabei ,n viel benachteiligte Che, die gar nichts von den Vcr- |iinftiflungcn haben lind in der Frage der Einführung i-t-5 australischen Gefrierfleisches fallen einem immer wieder He Hinweise aus andere Staaten ein, denen diese Ein- jührunH nicht geschadet hat.
Zu einer grundsätzlichen oder auch nur zeitweisen I Rattotung unserer Zollpolitik wird eine Mehrheit im Reichstag nicht zu finden sein. Die überwiegende Mehrheit des Volkes weiß es, daß die Opfer, die es mit dem
Verzicht auf billigeres Fleisch d-er deutschen Landwirtschaft cntgegenbringt, später gute Zinsen bringen werden und dein Wohle des Ganzen dienen. Freilich, das sollte auch anerkannt werden. Tie agrarischen Zeitungen, die heute noch immer im „Schreien" ihre Ausgabe erblicken zu müssen glauben, dienen ihrer Sache sckstecht.
Gerhard Hauptmann hat vor einigen Tagen, als man feinen 50. Geburtstag feierte, in einer Zeitung geschrieben, daß Duldsamkeit die Religion der Zukunft sei. Tas ist ein gutes Wort, von dem man aber nicht weiß, ob es bald zu erfüllen sein wird. Tie „Fülle", die wir in der erangelischen Kirche letzthin gehabt haben, schreien nach dieser Erfüllung. Und der Segen, den uns die größten Geister unseres Volkes gebracht haben, führt uns auch auf diese Bahn. Houston Stewart Ehamberlain hat in seinem neuen Werk über Goethe die Weisheit des CInin Piers aus seiner Duldsaikrteit heraus gedeutet „Er ist nicht Religionsstifter, nicht Verkünder einer phi osopl ischen Toi Irin, nicht stupender Gelehrter, noch träumt er von sozial politischer Allbeglückung: vielniehr steht er zu allen der artigen Geistesrichtungen in einem Widerspruch, der ihn solchen Männern gegenüber leicht in die Stimmung des Widersachers treibt." Weisheit besitzt nach Goethe jener Geist, der „die Zustände mit Freiheit und Klugheit überschaut". Ehamberlain sagt von der Weisheit Goethes, „sie sei weder historisch, noch prophetisch, weder visionär noch schematisch: sie fuße im Erlebnis und lehne jegliches Dogma ab". War nun der deutsche Bundesrat weise, als er die Auffassung der bayerischen Regierung über den Umfang des Verbotes der Jesuitentätigkeit im deutschen Reiche ablehnte? Unduldsamleit ist ein sehr schlimmer Vorwurf, der in der Reget nur beschränkte Menschen trifft. Die „Stöbt. Bolksztg ", das bekannte Zentrumsblatt, schreibt über den gestern mitgeteilten Bundesratsbesch^uß: „Der Eharak er des gehässigen Ausnahmegesetzes ist noch nie so unverhohlen herausgesteltt worden, wie mit dieser Entscheidung " Wir meinen dagegen, daß der Bundesrat nur eine reine Rechtsfrage entschieden habe, und seine Ausgabe war es gar nicht, zu prüfen, ob 6t'r Erlaß vom 5. Juli 1872 berechtigt und zweckmäßig fei ober nicht. Darüber könnte lediglich die Voltsvertretung zu befinden haben. Die „Köln. Volkszeit." ruft aber noch aus, die Pundesratsentscheidung sei eine „Wiedererneuerung und Auffrischung des Kultnr- iampses". Seit 10 Jahren ist das Gesetz in Wirksamkeit, und das genannte Zentrnmsblati rühmt selbst „die dreißig jährige vositive-Mitarbeit- de: t^teholifchen Volkes ün trerr großen Ausgaben des Vaterlandes" — nimmt es da nicht n linder, daß daS Blatt droht, die Folgen sdes Bundes- ratsbeschliisfes) würden nicht ausbleiben können? Wer hat denn den flulturtampf wieder erneuert und wer beschwört ihn heraus? Doch nur die bayerische Regierung und das Zentrum, die das 40 Jahre gültige Gesetz durch Willkür liche Auslegung unwirlsam machen wollten. Ter Vorwurf des gehässigen Ausnahmegesetzes ist auch heute noch unberechtigt. Die „Köln. Vollsztg." beruft sich darauf, daß das Treiben der Sozialdemokratie, ja selbst der Anarchisten, int Reiche geduldet würde. Run, ein bischen Arbeit machen diese Leute der Regierung und Polizei auch. Begehen sie Uri ergriffe, so greift die Staatsgewalt zu. Das Gesetz gegen die Jesuiten beruhte aber aus langen, schlimmen Erfahrungen. Die Unterwühlung des konfessionellen Frie- dens mußte durch dieses Radikalmittel bestimpft werden. Tie Jesuiten, die einen Kampf gegen die Duldsamkeit in religiösen Dingen führen, dürfen sich nicht darüber be
klagen, daß das Reich gegen sie unduldsam sei Ter nach Chamberlain „weiseste Mann, von dem wir Siunbe^toben", würde heute auch nicht nach der Ceffnung der Tore für die Jesuiten rufen. Münftig sollen nur rein wissenschaftliche Vorträge, die Has Gebiet der Religion n i ch t berühren, nach der neuesten Auslegung des Bundesrates den Jesuiten gestattet sein Der Protest, den man vom evangelischen Bund hiergegen erwartet hatte, ist erfreu- lichenoeise sehr mild ausgefallen. Tie „Deutsch-evangelische Korrefp." verlangt nur „unverminderte ^Wachsamkeit" gegenüber der Auslegung dieses Satzes. Tas Kabinett .Hertling hatte belomitlid) verordnet, „Handlungen, die als rein priesterliche, von dem eigentlichen Ausgabenkomplc)e des Ordens losgelöste Funktionen sich darstellen und bei denen die Ordensangehörigen zum Zwecke vorübergehender Aushilfe in der «Seelsorge einer vo>t der Lrdensleitung unabtongigcii Aussichtsgewalt unterstehen", könnten außerhalb des Gebietes der verbotenen Ordenstätigkett liegend angesehen werden. Damit ists nun vorbei. Ebenso sind die sog. Konseren z c n , die ./hauptsächlich Vortrüge apologetischen ober sozialen Inhalts zum Gegenstand haben", den Jesuiten künftig untersagt. Man kann die Entscheidung des Bundesrates also wirklich als eine Niederlage der bayerischen Regierung bezeichnen. Sie ist ihr aber nur deshalb geworden, weil der Bundesrat pflichtgemäß nur rein sachlich und juristisch an die Frage herantrat. Das Zentrum ist mit seinen Jesllitenwimschen von den Hintertürchen an die große Pforte des Reichstags gewiesen worden. ______________________
Die Hriedensverhandlrmgen.
Trotzdem die bisher mitgeteilten Umrisse der 23or« schlüge für den Abschluß bes Wafsenstillstandes das Gelingen sehr in Frage zu stellen schienen, herrscht sowohl bei den Bulgaren wie bei den Türken in den amtlichen Kreisen großer Optimismus. Man spricht davon, daß fchon am Montag eine endgültige Einigung zustande kommen könne, und der einzige strittige Punkt fei noch Adrianopel.
Wir erhalten folgende Meldungen:
Konstantinopel, 29. Rov. Der Minister des Innern R e s ch i d und der Senator F e r i b Pascha begaben sich ins Hauptquartier, um an den Verhandlungen der 33e- rgllmächtigten teilzunehmen. Sie iuerben nachts hier wie- dl? "Tiiftrrffeii.' Der Munsterrak wird btc Rächt hindurch versammelt bleiben, um das Ergebnis der Verhandlungen abzuwarten, welches mit großer Spannung erwartet wird, da die Bevollmächtigten der verbündeten Balkanstaaten Gegenvorschläge bezüglich A d r i a n o p e l s ntachen müssen. In eingeweihten Mreifen glaubt man, daß, lvenn der Daffenstillstand abgeschlossen werden kann, auch der Jriedensschluß gesichert sein wird.
Der Litoarndre Ministerpräsident Geschow erklärte, wahrscheinlich würden die W a f f e n st i l l st a n d s v e r h a n d - Hingen b i s Montag beendet sein. Bulgarien sei mit dem Erreichten zufrieden. Die Verteilung des eroberte n L a n d e s an die Verbündeten sei noch nicht geregelt. Wie sich Bulgarien zit einer Konferenz, von der es noch keine Kenntnis erhalten, stellen würde, könne noch nicht gesagt werden, lieber die vielgenannte bulgarische Verstimmung gegen Rumänien und über den österreichisch-russischen Konslikt äußerte sich Geschow dahin, er wisse von beiden nichts, womit er anscheinend seiner Hoffnung auf eine gute Erledigung dieser Fragen diplomatischen Ausdruck geben wollte.
Gicszener Stadtthecrter.
Herodes und Marianine.
Trauerspiel von Friedrich Hebbel.
Hebbels machtvolle Dragödte von Hervdes unb Mariamne ft$t ihrer Darstellung außerordentliche Schwierigkeiten entgegen, .eil wir in den Hauptpersonen nid;; icibfzütigc Menschen, We.en an Fleisch und Blut vor uns haben, sondern starre, zu Charakter ,i iTiDorbenc Begriste. Nickt mit dem Herzen sind sie erschaffen, jnbem mit dem Verstand, gleichsam als hätte sie ein zweiter ianntlus des Herrn Dr. Fault in der lRetorie erzeugt unb ihnen P as ersd'ütternde Spiel um ihre Liebe unb ihr Leben als ein B Jrobkm awgegebcn, das sie nun wie zwei Dielet- mit btllcit erbentlidicit Heimlichteiten unb Finten zu geminncit lucbcn. r tubem Hebbel von vornherein jebe Crfeiibeit und alles Vertrauen | ruschen den beiden Gatten aussd/altete, war cs ihm möglich, I in Trauerspiel in dieser Gestalt zu ennvidein — nur will cs ! ns nicht menschlich dünken. .
Und doch, wir hoben Mitleid mit bicicm König, der ud) uid) seine unselige Ehersucht um alle Liebe bringt und wir ' aben Mitleid mir der schönen Königin, die — eine Vorgängerin er Nora — nid t als Sache behandelt sein will, und m ihrer erlebten Franenehre lieber den Tod erleidet, als ihren verblendeten hatten über seinen Irrtum am"Hirt. Wir empnnden die Grove k’icr Frau mit ehrfürchtigem Sdxmer, wir werden cnd)ütt:rt ‘ ou der Lauterkeit ihres Wesens, und wenn sie nch fchlwvlrch, cls es zu spät ist, dem Hauptmann Titus offenbart, da eridvim its ihr Sterben nicht mehr als Rache und ihr gesudner e.ob ■ end» nicht mehr unmensdüich, sondern übcrmeusdKich, obwohl ‘ larimnne mit ihrem Gatten zugleich auch ihre iinidntldigen (inblein bestraft. Dies sind der «ch.-.viorigkeiten viele.
Eine weitere erwachst der Darstcllting aus den Voraus'etzungen, ie das Werk an alle Beteiligten stellt, indem cs eine idxrrfc, ciiftncrrfame Beobadtting und Konzentration bei Zuschauern und fecfcnuipiclcnt verlangt. _
Taß unsere Bühne trotz dieser id/wcrwiegenden Limitanbe die 'liurführung gciMflt har, muß U?r hoch an gerechnet werden, um so höher, als die Darstellung von einer sehr anerkennenswerten 33er . lchung und Durchgeistigmtg zeugte. Allerdings i)t Bühne die ■ iiuritclluitfl in gewissem Sinne auch wieder leicht gemacht, imofmt unlieb, als die ganze Auffül rung säst ausschließlid, von Herodes rnib Mariamne getragen wird, und die übrigen Darsteller von tnn Didvter mehr nöchenartig angelegt sind, so daß sic in ihrer iöanviegeubcii Mehrheit nur mit Anstand zn sprechen und zu hmibcln haben, um sich gut in den Rahmen einzupassen.
Fräulein B a i o r spielte die Mariamne, imd wenn man an- iemglidi an ihrer Darstellung morgenländische Glut vermissen necchte, eine von Hebbel zweifellos vorausgesetzte warmblütige
Sinnlichkeit, so verschwand dieser Gedanke rasch vor der überragenden Größe ihrer edlen Fraulichkeit. Sic sdiuf ein Weib, das in seiner beargwöhnten Liebe, unb in seinem tiefen Herzeleid so rührend unb so voller Inbrunst war, daß ntnn nur mit Hoch achtung von ihrem Zuicl reden kann. Warmherzig unb hold duldet sie um ihrer Liebe willen, aber als — wie in der Nora — bas „Wunderbare" ausbleibt, als ihr Gatte doch an ihr zweifelt, da ernachl sie jäh — und mit einer überirdischen Größe nimmt sie ihr Schicksal auf sich, geht sic verUärt in den Tod, der ibr eine Erlösung bedeutet.
Eine Leistung, die auf nahezu gleicher Höhe stand, bot Herr B r u ch w i tz, der einen Herodes von klarem Ebenmaß und tici eindringender Bedeutung erschuf. Gefühlvoll und sinnlich-zärtlich in seiner Liebe, planlos unb gefährlich in seiner Leidenschaft und doch beherrschst von einem klugen Willen, der sich der Bedeutung seiner Zeit bewußt ist, gab er diesen Ttfönig, von dem uns die Bibel io schauerliche Greuel melde!, und dem die Geschidstc den Namen des Großen gegeben hat. Fräulein Brehm spielte die blutgierige Alexandra wider ihre eigene Natur, bereit hervor- stcd endster Zug gütige Mütterlichkeit ist. Fräulein R e vvo gab der Salome die liirennrtige Schmicgsamleit und eine tüdii . e Glätte, litt aber stimmlich unter einer Unpäßlichkeit. Herr K 1 iewer spielte den Pharisäer eindrucksvoll, aber mit zu viel Gesten: besonders seine Hände waren in dauernder Bewegung. Den eitlen Joses »Dielte Herr Jensen recht geschickt, aber ohne Besonderheit. Herr Bolck erfüllte als Svemus wie immer seine Rolle völlig. Die Regie führte Herr Dworkowski mit feinem Verständnis für die wuchtige Kunst Hebbels, nur die Flammenbcckett wären zu beanstanden, weil sie allzusehr ablenfm und häufig das Schauen erschweren. Daß mitunter zu leise gesprodien luurbc, sei nebenbei noch erwähnt. Ter Gesamteindruck aber war groß und nachhaltig. K. N.
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Parsisal in Paris.
Wg. Paris, November 1912.
Wird er wirklich im nächsten Jabrc am Pariser Opernvlatz absteigen, Hcrzel ibcns Sohn?. Angekündigt unter den erlauchten Gästen für die nächste Sation ist er sdion, und die Pariser, die seine Bekanntschaft auf dem heiligen Hügel von Bayreuth bereits früher gemacht haben, werden den immer noch jungen Herrn herzlich willkommen heißen. Aber er selbst? Hat er seinen Plötz fleißig durd^earbeitet? Wie wird er den moschusduftenden Damen in den benachbarten Boulevardeches zusmgkn: „Seid Zhr denn Blumen?" Da er als „reiner Tor" leicht auf diese und ähnliche schlechte Gesellschaft hineinfallen könnte, möchten wir ihm raten, sich an Landsleute nie z. B. Tannhäuser zu halten, die im Laufe der Jahrzehnte fchon ganz fcübfdje Erfahrungen auf dem Pariser
Pflaster gemacht haben. Mit Wotan kann er in der benachbarten Brasseric Wetzel ein gutes Glas Münchener trinken, und Lohen- grin ist schon so verparisiert, daß er seinen aus der deutschen. Provinz iommenden Vater mit sicheren! Takt durch die 5kr< sud-ungen von Maxim und des neuen Hörselbergcs, genannt Montmartre, geleiten wird. Llbcr wie gesagt, die Svradw? Den anderen Helden und Heldinnen Wagners hoben bisher vier menschen'- srenndliche Herren Tasch-enwörterbüdwr für die Reise nach Paris geliefert. Der erste war Wilden. Wilden wollte ctu5 dem Wagncr- text französische 3Zersc machen und dichtete gänzlid) vorbei. Seine Worte paßten nidst zu den deutsd m Worten und paßten vor allem nicht zu den Noten. 'Am meisten gebraucht wird heute die ErnsZche llebcrtragung, die sid) streng an die Wagnersche Sprache und an die nrnsilalische DeUamalion hält, dafür aber gelcgent- lid> das Jranzösisd'e grausam vergewaltigt. Dann haben wir eine Uebersetzung des Ringes von Brünn-Gaübatz, die allen Anforderungen der französischen Svrach'ssthetik genügt, ober ihrerseits nur die Dichtung widergeben will, ohne an dee mulifaliidK Verwertung ju denken Jetzt bereitet George Aneet, eine neue Französierung der Tetralogie vor, die icucohl eine französisdZc Dichtung wie eine gewissenhafte Begleiterin der musikalischen Linie sein soll. Irr den uns vorliegenden Proben vermögen wir freilich eine große poetisch? Svrachqewalr, die dem französischen Hörer einen Begriff von der herben Straft Wagners geben könnte, nicht zu entdecken Vermutlich werden dem Gralstönig im nächsten Jahre verschiedene Uebersetzungen zur geneigten Auswahl vorgelegt werden. Einen guten Rat möchten wir den Reisemarschällen Parsifals geben: sie mögen dafür sorgen, das; das Premieren- publikum bei seiner Einkunft weiß, um wen es sich eigentlich (xmbelt. Wir haben schon bei der Erstaufführung der Götterdämmerung bei den in den Ziviscbenakten ausgetragenen Diners Paillardsäier Herkunft so abionderlid)e dluSdeutungen von Tarnkappe, Ring und Zaubertrank, von Roß Gran? und Schwert Rötung zu hören bekommen — unb zwar von den Lippen sehr hübscher Pariserinnen —, daß wir fürchten, ohn? genaue Einführung des fremden Herrn könnte man ihn vielleicht für den König von Montenegro ober den neuen Sultan von Marokko halten Da die .Herren und Damen von Tout-Paris grundsätzlich niemals vor dem zweiten Akt ins Tl)?atcr kommen und unter keinen Umständen ba.iu zu bewegen sind, fid; den dritten Akt eines Stückes anzusehen, konnte man sich aui einen .Kommentar der Klingsorszene beschränken. Die Blumenmädchen werden die Pariser audi so verstehen. So kommt man um die heikle Amsorkas- wunde herum, und die Geschichte mit dem Speer, oic Frage der Herkunft Kundrys: man vermeidet auch die im gänzlich „laich fierten" Frankreich unheauemen Magdalenen- und Abcnomahl- szcnen. Freilich entgeht den Neugierigen dafür auch der famose langsame Schritt der Gralsrittergarde. An Erfolg wird es dem


