Nr. 255
Ter Siebener Anzeiger erschein« täglich, nutzer Sonntags. - Beilagen: viermal roöcbenilid) Girbener.^amilienblätler, zweimal wöcheml.Ureis- blattsiirdenNreirSiehtn ($teii6taqunbnreimii); zweimal moimll. Landwirtschaftliche Zeitfrazen «xervipred) - Anschlüße: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
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Donnerstag, 5. Oktober 1912
162. Jahrgang
Erstes Blatt
Gieß ener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
monatlich 75Bs., vierteljährlich Alk. 3.20; durch Ab ho le- iu Zweigstellen monatlich 65 Vf.; durch die Bost picrtel- jährl. ausschl. Beileug. Zeilenvrei-s: lokal 15Ps, auswärts 20 Pieuuiq. C hefredakleur: 91 Goetz. Vcranlivortlich für den politischen Teil: Auczust Goetz; für .Feuilleton', .Vermischtes' und .Gerichtssaal": 51. Neurath; für .Stadt und VanD": E.Hey; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Vriihl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruüerei H. Lange. Redaktion, Srpedition und Druckerei: Zchuistratze 7. Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße Iba.
Die heutige Nummer umsatzt 10 Seiten-
Noch keine Vermittlung -er Grofzinächte.
Mit der Einigkeit der Großmächte ist cs, wie es scheint, doch nicht so weit her. Sonst müßte doch eigentlich schon etwas lvic eine gemeinsame Vorstellung an die Balkanmächte, vielleicht auch an die Türkei, fertig sein. Heute hat sich an der spaitnenden Lage noch nichts geändert. Serbien hat angeblich nun auch seinerseits türkisches Kriegsmaterial angehalten, und die Türkei, deren Presse nicht zum Kriege hept, ihn aber auch nicht fürchtet, sondern eher für heilsam hält, hat griechische Handelsschiffe in den türkischen Hafen zurückgehalten. Tas wären also neue Zwischenfalle, die den Krieg immer wahrscheinlicher machen. Zwar heißt es, Frankreichs Ministerpräsident habe den Balkanbotschaftern in Paris in ernster Weise vorgehalten, daß sie.in einem Kriege nichts gewinnen könnten, aber das wird in Belgrad, Sofia und Athen wohl keinen großen Eindruck machen. Tort hofft man insgeheim doch noch auf die Hilfe des großen russischen Bruders. Herr Sasonow reist in der Welt umher und überläßt die versteckte Unterstützung der kleinen Balkanstaaten offenbar den unverantwortlichen Kreisen. Dann könnte, wie im Jahre 1878, die künstlich aufgestachelte Meinung Rußlands dessen Regierung zu Schritten treiben, die diese gegenwärtig ablehnt. So veröffentlicht die Petersburger Slawische Wohltätigkeitsgesellschaft in der „No- woje Wremja" einen Aufruf, dessen erster Absatz wie folgt lautet: • '
„Aus den der Gesellschaft zugekommcnen verbürgten Nachrichten geht deutlich hervor, daß Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland am Vorabend eines Krieges stehen. Tie Nichterfüllung der von der Türkei vor 34 Jahren versprochenen Reformen in den christlichen Provinzen der Türkei hat zur Anarchie in diesen Provinzen geführt. Tas Blut fließt dort in Strömen, die Vernichtung von Hab und Gut hört nicht auf. Aus russischen Gebeinen und aus russischem Blut i st Bulgarien e n t st a n d e n , durch dBfes Blut wurde auch die Vergrößerung Serbiens und Montenegros erzielt. Wir haben auch den Berliner Vertrag unterzeichnet. Tie Zukunft dieser Länder kann für uns nicht gleichgültig sein: unser eigenes „Ich" läßt das nicht zu."
Darum hält man auch in den Berliner verantwortlichen Kreisen die Lage für ernst und gespannt. Es wird sogar gemeldet, die Einberufung des Bundesratsausschusses nie auswärtige Angelegenheiten stehe für die nächsten Tage bevor.
Tie „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt:
Angebliche oder nnrkliche türkische Mobilmachungsmaßregeln haben den B a l k a n st a a t e n Grund oder Vorwand zur Mobilisierung ihrer Streitkräfte gegeben. Ob es sich nur um einen Gcgenzug gegen die türkischen Vorkehrungen oder um ernstliche Kriegsabsichtcn handelt, läßt sich zurzeit mit Bestimmtheit nicht erkennen. Unter allen Umständen haben die von den Balkan- regterungen ergriffenen Maßregeln die Möglichk.eit eines kriegerischen Zusammenstoßes mit der Türkei nähergerückt. Tie Bemühungen der Mächte, den Frieden zu erhalten, dauern fort. ÜL'ic sehr cs auch zu bedauern wäre, wenn diese Bemühungen erfolglos blieben, fo ist doch auch in diesem Falle für die d e u t s che n Interessen ein Anlaß zu unmittelbarer Beuilruhigung nicht gegeben. Tics ist um so weniger der Fall, als mit Bestimmtheit zu hoffen ist, daß der etwaige Konflikt auf seinen Herd beschränkt bleiben ivird. Tic letzten Ereignisse haben, wie gesagt, die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts erhöht. Mit dec Möglichkeit eines solchen mußten die europäischen Kabinette aber schon feit geraumer Zeit rechnen, eU haben daher auch alle Zeit gehabt, sich untereinander über ihre Stellung zu einer solchen
Eventualität auszusprcck)cn. Bei dem feiten Dillen aller Machte, die Ausdehnung des Konfliktes hintanzuhalten, kann eine endgültige Verständigung nicht ausbleiben. Wenn auch die nahe Möglichkeit eines Zusammenstoßes auf dem Balkan nicht von der Hand zu weifen ist, so darf doch zuversichtlich erwartet werden, daß em wcitergehendcr Wcltbrand, in den die europäischen Großmächte hincingezogen werden können, vermieden bleibt.
Ei'i gemeinsames Nllimatum der Balkanstaatcn?
Der „Berliner Lokalanzeiger" meldet aus Belgrad: Im hiesigen Auswärtigen Amt wurde erklärt, daß Bulgarien, sowie Serbien, Griechenland und Montenegro der Türkei am Donnerstag mittag ein gemeinsames Memoran- )um überreichen werden, in dem für Kreta, Albanien, Mazedonien und Alt-Serbien innerhalb dreier Tage die Gewährung der Autonomie verlangt wird. Im Falle der Ablehnung soll die Aufforderung wiederholt, den Signa tarmüchten eine Kollektivnote übergeben und nach weiteren drei Tagen der Krieg erklärt werden.
Auch das „Berliner Tageblatt" will aus Wien wissen, dort sei in diplomatischen Kreisen die Nachricht eingegangen, daß die vier Balkanmächte der Türkei morgen ein Ultimatum mit dreitägiger Frist stellen wollen.
Nach einem Telegramm aus Sofia haben Griechenland, Serbien, Monienegro und Bulgarien König Ferdinand zum obersten Kriegsherrn der vereinigten Armeen der Verbündeten ernannt. Man glaubt, daß mindestens 10000 russische Frei- willige sofort beim Ausbruch der Feindseligkeiten sich den Bulgaren anschließen werden.
Sofia, 2. Okt. Die Ausfuhrvon Korn, Mehl und Futter über die Südostgrenze ist durch königlichen Erlaß verboten worden. Tie Be g eister ung i|t ungeheuer. Fünfzehntauseiid in Amerika als Auswanderer lebende Freiwillige sind bereits unterwegs.
Dasselbe Blatt meldet aus Belgrad: In einer Veröffentlichung des Regierungsblatts über die Intervention der Großmächte wird mitgeteilt, daß die serbische Negierung auf ein sofort nach Veröffentlichung der Mobili- sationSorder durch die Großmächte gestelltes Ersuchen, die Truppen nicht in der Nähe der türtischen Grenze zu konzentrieren, geantwortet habe, die Truppenkonzentrierung falle in den Bereich des Oberkommandos und die Verteilung der serbischen Truppen hänge von der türkischen ab. Jegliche Herausforderung werde vermieden werden, und die serbische Regierung habe von der Abberufung ihres Gesandten in Konstantinopel Abstand genommen, auch wenn er betreffs der Durch- lassung des serbischen Kriegsmaterials keinen günstigen Bescheid erhalte.
:/: Köln, 3. Okt. (Priv.-Tel.) Nach einem Telegramm der „Köln. Ztg." aus Athen herrscht dort infolge der Mobilisierung lebhafte Bewegung. Tie Truppen werden an die Grenze befördert, wodurch eine Stockung im Geschäftsleben eingetreten ist, da die Eisenbahnen fast nur noch Militärtransporte ausführen. Tie Kreter haben ein Freiwilligenkorps gebildet, das sich bet Regierung zur Verfügung gestellt hat. • Auch zahlreiche in Amerika lebende Griechen wollen zurückkehren, um als Freiwillige den Feldzug mitzumachen.
Die griechische JR ejg i c ru n3 hat vier Torpedoboote an gekauft, die in Liverpool für eine andere Macht gebaut und fast vollendet sind.
:/: B e lg r a d , 3. Okt. (Priv.-Tel.), Alle Verkehrsmittel dienen der Mobilisation de-s Heeres, so daß der übrige Verkehr fast ganz eingestellt ist. Tie Telegramme und die Zeitungen unterliegen einer sehr strengen Zensur.
Die bulgarische Cobranje
ist zum 5. Oktober zu einer außerordentlichen Session cin- berufen worden, um den proklamierten Belagerungszustand zu sanktionieren und die durch die Mobilisierung der Armee notwendig gewordenen außerordentlichen Ausgaben zu bewilligen.
Türlifches Kriegsmaterial in Serbien beschlagnahmt.
Am Hauptbahühof in Belgrad wurde nach der „Franks. Ztg." ein großer für die türkische Armee bestimmter Transport von Kriegsmaterial, darunter drei Waggons mit Flugmaschinen, beschlagnahmt. Ter Transport wird als Pfand für die von der Türkei ange- haltene serbische Munition zurückbehalten.
Die Hoffnung der Griechen.
Paris, 2. Ott. Ter hiesige griechische Gescurdte erklärte einem Mitarbeiter des „Siöcle", die Griechen blickten in der gegenwärtigen furchtbaren Krisis vertrauensvoll nach Paris. Es sei dies auch begreif- lich, denn die französische Regierung habe vor zwei Jahren eine Anzahl I n st r u k t i 0 n s 0 f f i z i e r e nach Griechenland entsandt und das griechische Heer sei demnach ein Schüler des französischen Heeres.
Konstantinopel, 2. Okt. Der griechische Ge- sandte Grgparis erhob bei der Pforte gegen die Zurücks Haltung der griechischen Schiffe Einspruch.
Der König der Hellenen in Wien.
Wien, 2. Ott. Kaiser Franz Joses stattete heute vormittag dem König der Hellenen einen dreiviertel st rindigen Besuch ab. Täe Begrüßung der Monarchen war sehr herzlich. Ter Kaiser wurde bet seiner Fahrt durch die Ringstraße vom Publikum stürmisch begrüßt. Auch Gras B e r ch 10 l d stattete nachmittags dem König der Hellenen einen ein stündigen Be- s u ch ab.
eine Warnung Frankreichs an die Battanmächte.
Wie die „Ageuce Havas" meldet, wies der französische Ministerpräsident Poinears bei dem Diplomatenemp- fang am Mittwoch nachmittag die Vertreter Bulgariens, Serbiens, Griechenlands und Vrontenegros in der unzweideutigsten und bringettbjlen Form auf den Ernst der von ihren Regierungen ergriffenen Maßregeln hin. Er erklärte ihnen, daß die vier Mächte gerade im Interesse des von ihnen verfolgten Zieles von allem ab sehen sollten, was den Frieden gefährden könnte. Auch mit den Botschaftern Englands, Deutschlands, Italiens und Rußlands unterhielt sich Ministerpräsident Poincare sehr lange über die Lage auf dem Balkan. Um 10 Uhr abends empfing Poincarö den russischen Minister des Aeußern Sasonow.
Die Einmütigkeit des türkischen Volkes.
Konstantinopel, 2. Ott. Eine amtliche Veröffentlichung begründet die Mobilisierung mit der Mobilisierung lund Konzentrierung der Balkanstaaten. Alle Parteien beschlossen, zu erklären, daß sie einhellig die Regierung unterstützen werden. Tie Regierung requirierte alle Transportmittel und Schiffe.
Konstantinopel, 2. Ott. Von überall her werden die Einberufungen der Rediss des zwei-
Gieszenev Ktadttheater.
Mathias Göttinger
von O. Blumenthal und M. Bernstein.
Gießen, 3. Oktober 1912.
Matthias Gollingcr ist ein Münchener Brauereibcsitzer, eine treue bicrehrliche Haut, ein tüchtiger Kerl, der cs für eines der bayrischen Rcfervattechtc hält, über die Preußen im allgemeinen und die Berliner int besonderen nach HcrzenSlust zu räsonieren. Trotzdem verheiratet er sein einziges Töchterlein mit einem Berliner Baumeister und treibt die Selbstlosigkeit so weil, den Berlinern sein schönes Bicrle zu verkaufen. Er fühlt sich sogar sehr wohl in Berlin und findet, daß cs „eine sehr eine schone Stadt" ist — bis er seinem Schwiegersohn durch seine biedere Geradheit einen bedeutenden Bauauftrag verdorben hat. ^Ta gehl er denn wieder, nicht ganz freiwillig, und nimmt feine Tochter nut, an der ihr Mann beständig hcrumgedokterl hat. Und zuletzt kommt dann der vcrlafscne Ehemann wieder und alles wird wieoer gut.
Oskar Blumenthal und Max Bernstein haben aus diesen geringfügigen Ereignissen einen lustigen und unterhaltsamen Schwank gemacht, der bei seiner gestrigen Aufführung viel Heiterkeit erregte und in seiner liebenswürdigen Anipruck-slosigkeit ganz darnach angetan ist, ein paar vergnügte Stunden zu bereite». Mit Witz und Humor haben die Verfasser nicht gespart und auch das Tränenkrüglcin haben sic schlauerweise nicht vergessen, so daß ein wohl gestimmtes Publikum jederzeit auf seine Rechnung kommt und sich einmal tüchtig auslachcn kann.
Herr Goll hatte das Stück flott eingerichtet und die Mitwirkenden taten ihr bestes, um einen guten Erfolg zu sichern. An erster Stelle Herr Goll, der den Bierbrauercibcsitzer Gol- linger zu einer ganz famosen, lebensechten Eharakterfigur machte, an der kein falscher Zug war. Mit unverwüstlicher Laune und vornehmem Geschmack schuf er einen Menschen voller Saft und Kraft und fand auch herzliche, innige Töne. Jedenfalls werden wir von ihm in diefem neuen Fach noch manches bedeutende zu erwarten haben, wobei nicht verkannt werden darf, daß der Uebcrgang vom Liebhaber zum Vater recht schwierig ist und manche gefährliche Klippe birgt. Herr Willy Brüdjam als Baumeisler erinnert in seiner molligen Art sehr an Willi L 0 h r und zeigte sich als gewandter, feinfühliger Dantellcr. ötaulcui de Bruyn hat sich wälsrend des Sommers sehr vervollkommnet und war erfreulicherweise auf eine sorgfältige Pflege ihrer Sprache bedacht, so daß sie gestern ihr Talent aufs fchonitc entfalten konnte. Herr Kliewer spielte den Vater des Baumeisters sehr geschickt, und Herr Grösser zeigte sich tu der Rolle des Assessors wiederum als ein vielseitiger, scharf beobachtender Künitler. Fräulein Dagny war eine anmutige Hedwig. Von den übrigen
Darstellern, die in kleineren Rollen beschäftigt waren, sind Fräulein Scholz als Veronika, Herr V 0 l ck als Kommerzienrat, Herr Gerhardt als Buchhalter, Herr G r 0 s s e r - B r a u n als Hausknecht und Fräulein Weber als Mali zu nennen. Besonderer Hervorhebung verdient cs, daß einer klaren und deutlichen Aussprache die ihr zukommcnde Beachtung geschenkt wird, wodurch eine der schlimmiten Untugenden unserer Schauspieler glücklich überwunden scheint. K. N.
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Aus der Naturschutzparl-Sewegung.
In einer beachtenswerten Zuschrift an den Verein Naturschutzpark in Stuttgart erklärte Peter Rosegger: „Der Naturschutzpark sollte sich über ganz Europa erstrecken, anstatt nur wenige Geviertmeilen vor modernem Raubbau zu schützen. Immerhin i|t wenig mehr als nichts." Und zahlreiche andere namhafte Pcr- fönlichkeiten aller Berufe und Stande sprechen sich in dem gleidjen zustimmenden Sinne aus. Trotzdem wird von gegnerischer Seite immer wieder der Versuch gemacht, Bedenken gegen die Naturschutzparke wachzurufen, deren Haltlosigkeit indes bei näherer Betrachtung sofort zutage tritt. So erschien kürzlich in oer sonst so gut geleiteten Zeitschrift „Tie Gartenkunst" ein Artikel, m dem der Lüneburger Hcidcpark erwähnt und sogleich die Mahnung daran geknüpft wird, die preußische Forstverwaltung müsse berücksichtigen, „daß der geregelte Forstbetrieb nicht darunter leiden darf, was geschehen würde, wenn zu große Strecken für Natur- fchutzparke reserviert und dadurch dauernd der Kultur entzogen werden". Wir halten diese Warnung in der Tat für gänzlich überflüssig und |ind ber_ Meinung, daß die preußische Foriiver- waltung ganz genau weiß, was sie zu tun hat. Tavon abgesehen, zeugt jene Bemerkung aber auch von einer unbegreiflich kleinlichen Anschauung gegenüber der von allen Freunden und Kennern der Heide so freudig begrüßten Schaffung eines ausgedehnten ^chutz- gebietes in jenem sagenumwobenen Landstrich. Ist es denn wirklich in Tcutschland so weit gekommen, meint der „KosmosHanb- weiscr für Naturfreunde", daß wir nicht einmal mehr cm ver- hättnismäßig verschwindend kleines Stück ursprünglicher Natur unseren Nachfahren sichern können, ohne daß sofort Bedenken dagegen erhoben werden, weil möglicherweise ein paar tausend Mark jährlich der Forstverwaltting verloren gehen könnten? Sollen mir kleinlicher denken als die Schweizer, die einen — im Verhältnis zu ihrem Lande — dreißig- bis vicrzigmal größeren Park schützen, als wir in der Heide wollen^und keine Axt barm dulden? Ebenso die Holländer und die Schweden und andere Nationen. Was würden wohl die praktischen Amerikaner aus den heißen £iicflcn des Pellowstone-Nationalparks, aus den endlosen Wäldern des Posemitetales und aus den sieben oder acht anderen Parken machen können, wenn sie einen regelrechten Geschäfts
und Forstbetrieb dort einrichten würden? Allein wir glauben nicht, daß auch der „smarteste" Panker es wagen würde, einen derartigen Gedanken auszusprechcn. In Deutschland aber tritt man von der wohlbekannten, der Naturschutzpartbewegung abholden Seite immer wieder damit hervor. Tie bereits erzielten Erfolge geben uns jedoch Die Zuversicht, daß dies fruchtlos bleiben und daß die Naturfchutzparkbewegung immer weiter schreiten und immer volkstümlick)cr werden wird.
lieber die Errichtung eines bayerischen Naturschutzparkes verlautet:
„Bekanntlich hat der Verein Naturschutzpark von vornherein sich die Schaffung von drei ausgedehnten Naturschutzparken als Ziel gesetzt. Neben dem Alpenschutzpark in den steirischen Alpen und dem Hcidcpark in Der Lüneburger Heide, zu denen ja bereits der Grundstock gelegt wurde und die beide als gesichert gelten bürten, würbe ein britter als Park für bas Mittelgebirge und Hügelland in Süd- und Mitteldeutschland, namentlich in Bayern, in Aussicht genommen, doch sind die Vorbereitungen zu seiner Gründung noch nicht über einleitende Besprechungen und Nack)- sorschungen nach einem geeigneten Gelände hinausgediehen. Alle Freunde des Naturschutzparlgebankens werden daher gern davon Kenntnis nehmen, daß kürzlich dieser Gegenstand auch in einer Sitzung Der bayerischen Kammer der Abgeordneten zur Besprechung gelangt ist. Ter Abgeordnete Tr. Müller-Hos richtete an die Regierung die Ansragc, wie sie den beachtenswerten Bestrebungen bezüglich der Errichtung von Naturschutzparken gegenüber stände. Er gedachte der tatkräftigen Unterstützung, die die preußische Regierung der Erwerbung eines großen Areals in der Lüneburger Heide angebeiben läßt, und fuhr bann fort: „Von weiten Kreisen deutscher Naturfreunde wird angeregt, in einem deutschen Mittelgebirge einen derartigen Naturschutzpark einzurichtcn. Es soll dazu der Bayrische Wald, und zwar ein Territorium bei Zwiesel am großen Falkenstein, gewählt werden. Es wäre für ganz Bayern von großer Bedeutung, wenn es vielleicht mit Unterstützung des Reichs und anderer Bundesstaaten gelänge, in einem, bayerischen Mittelgebirge einen derartigen großen Naturschutzpark zur Erhaltung unserer Fauna und Flora cinzurichten. Es und solche Bestrebungen auch bezüglich Der Erhaltung eines Gebietes im Hochgebirge im Gange; es wird auf die Abgrenzung eines Bezirkes im Berchtesgadener Land, eventuell im Allgäu, hingewicsen." Darauf erwiderte der Staatsminister Tr. Frhr. v. Soden, daß er die Bestrebungen für Naturschutz soweit wie nur möglich unterstütze. „Ich kann nur wünschen," fügte er hinzu, „daß auch das Reich gleich rote bei der Lüneburger Heide uns einen Zuschuß gibt. Es wurde die Gegend von Zwiesel als günstiger Platz für einen Naturpark genannt, wo bekanntlich noch ein Rest von Urwald erhalten ist. Diese Gegend scheint mir gleichfalls die richtige zu sein. Allerdings wird daneben auch


