Nr 51
162. Jahrgang
Donnerstag, 29. Februar 1912
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mti Ausnahme de- Sonntag-.
General-Anzeiger für Oberhejsen
Die ..Gießener FamlliendlSNer" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da- „Kreüblati für den Kreis Gießen- zweimal wöchentlich. Die ..ravdwirllchaftlichen Lett- fra-en" erscheinen monatlich zweimal.
Rotationsdruck und vertag der Brüblichen UnwerstlälS - Buch- und 6iehibnidcrtL 5L Lange, tttefeen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedttion und Verlag: bl.
Redaktion: 12. Tel.-Adr»AnzeigerGteßew
Mb. Deutscher Reichstag.
18. Sitzung,- Mittwoch, 28. Februar.
Km Tische des LundeSrolS: Delbrück, Caspar.
Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Min.
3n bie Reichsschulden- Kommission werden auf Antrag Basser monn (Natt.) durch Zuruf gewählt: die Abgg. Dr. S ü dekv m lSoz.), Erzberger (Zentr.), v. W > n. terfeldt (Kons.), Zimmermann (Natl), Dove tvp.j und Dom deck (Pole).
Der Etat des Reldisamfs des Innern.
lErster Tag.)
Beim .Gehalt des Staatssekretärs" findet eine allgemeine Aussprache statt.
Abg. Wurm (Soz.)S
Mit dem sozialen Geist, aus dem die ReichSversicherungSord- nung hervorgegangen ist, sind die Millionen von Arbei - tern durchaus nicht zufrieden. Man könnte sich fast wundern, daß die Massen nicht in noch schärferer Weise ihren Unwillen über die bisherige Mißw rtschaft Ausdruck gegeben haben. Alle So- zialreform stammt ''on der Sozialdemokratie. (Heiterkeit bei den bürgerlichen Parteien.) Es gibt keine Sozialpolitik, weder hier, noch in der ganzen Welt, ohne die Sozialdemo, kratie. (Lachen bei den bürgerlichen Parteien.) Ohne uns ist kein sozialpolitisches Gesetz zustande gekommen. lWiderspruch bei den bürgerlichen Parteien.) Sie behaupten, wir hätten gegen diese Ge. sehe gestimmt. (Lebhafte Zustimmung.) Sie werfen uns vor, wir verelenden die Arbeiter. (Erneute Zustimmung.) Wir haben immer den ersten Anstoß gegeben. Erst als wir in die deutschen Parlamente einzogen, begann die Sozialpolitik. Wir haben zuerst auf die Notwendigkeit einer internationalen Arbeiterschutzpolitik hingewiesen. Wir brauchen nicht erst aufgefordert zu werden, praktisch mitzuarbeiten. Im Gegenteil, Sie müssen ausgerüttelt werden, Sie müssen sich erklären, ob Sie endlich praktisch mit uns arbeiten wollen. Anträge haben Sie ia in genügender Zahl eingebracht. Wir werden ia sehen, was Sie damit machen. Es ist unwahr, daß unsere Parole heißt: Alles oder nichtsl (Lebhafte Oho-Rufe.) Wir werdet: un? aber hüten, für das Linsengericht einer kleinen Verbesierung einen Sack voll Verschlechte- rungen in den Kauf zu nehmen. Wir wissen, daß nicht alles mit einem Schlage durchgesetzt werden kann. (Hört, hört!)
Für kleine soziale Abschlagszahlungen machen die Arbeiter nicht Kusch! Die Mätzchen der Mittelstandspolitik sind ganz nutzlos. Die Statistik erweist das unaufhaltsame Fort- schreiten der Proletarisierung. Damit hängt auch die Zunahme der Frauenarbeit zusammen, die einfach durch die Not auch in bürgerlichen Kreisen diktiert wird. Anstatt an Reformen zu denken, sucht man die Arbeiterbewegung totzuschlagen.und zu der- Nichten. Gegen sie sind die Bürgerlichen alle einig, selbst der Hansa-Bund. Der Bundesrat führt die Beschlüsse des Reichstags nicht aus. Zulassung der Arbeiter zur Baukontrolle, einheitliches Bergrecht, Handelsinspcktoren, Verbot der Nachtarbeit der Jugendlichen! (Hört! hört! b. d. Soz.) Zwingen Sie doch den BundeSratl Eie haben ja die Machtmittel in der Hand. Die Gewerbeaussicht ist besser geworden, gewiß, dazu sind ja die Kritiken da, aber demgegenüber was geschehen müßte! Unsere Polizei ist zu Heldentaten ä la Moabit gewiß sehr tüchtig, aber zum Arheiterschutz absolut unbrauchbar. Weshalb zieht man nicht die beteiligten, sachverständigen Personen hinzu? Aber der Staats- sekretär stellt das unter den Gesichtspunkt: entweder sind sie Beamte des Staates, bann sind sie überflüssig, oder sie sind Beamte der sozialdemokratischen Agitation, dann sind sie vom Hebel! Der preußische Handelsminister soll sich einmal die bayerischen Gewerbeaufsichtsberichte über die Baukontrolle ansehen! Arbei- ter als Assistenten der Gewerbeinspektion haben sich bereits bewährt in Baden, in Hessen usw. Selbst baS reaktiv- näre Sachsen hat vor 14 Tagen beschlossen, drei Arbeiter Versuchs- weise anzustellen. Mit den Frauen haben Sie es früher genau so gemacht, und Aerzte werden in Preußen auch jetzt nicht zu- gezogen. In Preußen besteht immer noch die Verfügung, die den Gewerbeaufsichtsbeamten verbietet, auf Lücken im Arbeiterschub aufmerksam und Vorschläge für die Gesetzgebung zu machen, und danach richten sich die Gerichte. Wie soll ein Gesetz, zu dessen Ausführung es an den geeigneten Organen mangelt, wirken, wenn sogar dann die höchste Instanz, die Gerichte versagen? DaS ReichSamt des Innern und die öffentliche Meinung könnte Wirkung üben, aber nicht, so lange die Gewerbeaufsicht Sache der Einzel st aalen mit ihren Geldsackparlamenten ist. Das wir Ihnen Vorschlägen, sind ruhige und besonnene Maßnahmen, die längst spruchreif sind: die manchem von Ihnen vielleicht zu weit gehen — aber unsere Ausgabe ist es nicht, hinterherzulaufen hinter dem Wagen der Sozialpolitik, sondern den Weg zu zeigen. (Beifall der Soz.)
Abg. Dr. Mayer-Kaufbeuren (Zentr.)k
Drei große Fragen sind bei diesem Etat zu behandeln: die allgemeine Wirtschaftspolitik, die Sozialpolitik und die Mittelstandspolitik. Für die beiden letzten Fragen wird meine Fraktion zwei andere Redner stellen. Ich spreche über die allgemeine Wirtschaftspolitik. Deutschlands Außenhan- d e l hat sich von seinem Rückschlag vor drei Jahren erholt. Er ist stetig gestiegen und weist für 1911 Rekordzahlen auf. In diesem Jahre ist er um 1,2 Milliarden auf 17,6 Milliarden ge- stiegen. In den beiden Jahrzehnten 1891 bis 1911 ist der deutsche Warenexport von 8,1 auf 8,1 Milliarden, d. i. um 155 Proz. gestiegen, während im gleichen Zeitraum sich der Export unseres Hauptkonkurrcnten England von 5 Milliarden auf 9.2 Milliarden, d. i. um nur 83 Proz., erhöhte. Der deutsche Export verfolgt also ein doppelt so schnelles Entwicklungstempo, als der englische. 1891 betrug er 62 Proz., 1911 87 Proz. des englischen Exports, so daß der Schluß berechtigt ist, daß Deutschland tn spätestens 10 Jahren seinem Hauptkonkur- lenten auf dem Weltmärkte überholt hab?n wird. (Lebhaftes Hört! Hört!). In elektrischen Erzeugnissen sind ttrir England bereits über. Bezüglich der Roheisenproduktion ist Deutschland im letzten Jahrzehnt aus einem Einfuhrland ein Ausfuhrland geworden, mich die Bilanz für 1911 zeigt, daß der Ltoheifenimport weiter zurückgeht, während der Export wieder gestiegen ist. Wir führen heute nach den Vereinigten Staaten am meisten Roheisen dem Weltmarkt zu. Diese Ent- Wicklung wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen.
Unser AuSlcmdhandel war 1911 zufriedenstellend, obwohl cc- an zahlreichen Hemmnissen nicht gefehlt hat. Ich erinnere nur an ttie politisch bedenkliche Lage, an die hohen Baumwollpreise, den
Rückgang der Inlands- und AuSlandSemte usw. Die Textil« inbuftri- speziell hat gerade 1911 mit Rekordpreisen der Baumwolle zu kämpfen gehabt. Betrachtet man daS Schlußresultat, daS nicht in der HanoelSbilanz zum Ausdruck kommt, die begreiflicherweise nach wie vor passiv ist, sondern in der sogenannten Zah- lungrbilanz, die freilich mit den jetzigen Mitteln unserer Statistik noch nicht ganz erfaßt werden kann, so ergibt sich, daß sich die Zahlungsbilanz seit 1909 aus der Passivität, berauSgearoeitct und feit 1911 etwas aktiv ist. Allerdings ist dieser Zustand erkauft durch eine passive Forderungsbilanz, die sich in der Ausgestaltung unseres Diskonts auSorückt. Unsere Statistik in sehr mangelhaft Ter Redner führt ein drastisches Beispiel an: die Goldeinfuhr. Die Statistik führt 2437 Doppelzentner Gold an; davon handelt eS sich aber bei Dreivierteln bei 1961 Doppelzentnern, um Goldasche, die zusammen nicht mehr Wert haben, wie ein einziger Doppelzentner Neingold, aber die Statistik rechnet sie ruhig mit wie Mnn-gold. (Heiterkeit, Hört! hört!) Ein Nationalökonom fällt ja nicht darauf hinein, aber die Statistik ist doch auch für weitere flreife da. Auch die Entwicklung unserer Volkswirtschaft im Innern ist erfreulich. Unsere I n- oUstrie, sowohl die Rohprodukte, wie die weiter verarbeitende ist pollbesckiästigt, vielfach ist Arbeitermangel, die Arbeiterlöhne haben steigende Tendenz. Die Erneuerung des rheinisch» westfälischen fl o b l e n s y n d i k a t S ist ja ziemlich außer Frage gestellt, durch den Anschluß des preußischen FiSkuS; denn der Anschluß der übrigen Außenseiter und die Erhöhung der Richtpreise deS Kohlensyndikats auf dem Fuße folgen werden. Der Beitritt bcS preußischen FiSkuS zum Kohlen- syndikat ist mit oidser Erhöhung der Richtpreise volkswirtschaftlich so wichtig, daß man nicht achtlos daran vorüb.'rgehen könne. (Sehr richtig!) TaS flohlenfpndikat hat die Preise sogleich um 25 Pfg bis 1 Mk. erhöht. Diese Erhöhung bedeutet allein für die inländische Bevölkerung Preußens eine Mehrbelastung der Konsumenten von mindestens 22 Millionen. Diese Preisbildung wird Schule machen, der Mehrgewinn würde etwa 75 Millionen jährlich betragen. Im Jahre 1887, auch bei einer Hochkonjunktur kostete die Tonne Nußkohle durchschnittlich 115. dann 117 Mk., seht 137 Mk., eine Steigerung von über 12 Proz. DaS ist eine Belastung der Allgemeinheit, die vollkommen einer großen Konsum st euer gleichkommt, nur mit dem Unterschied, daß sie ohne Zustimmung des Parlaments, allerdings mit der preußischen Regierung zustande gekommen ist. Es ist daS keine preußische Angelegenheit, Deutschland hat durch daS Svndikat die teuerste Kohle der Welt. Die Gründe, daß man die Preise stabil halten wolle, treffen nicht zu. denn gerade jetzt bei steigender Konjunktur steigert man auch die Preise. Nun pat man angeblich eine Lohnerhöhung der Arbeiter in Aussicht genommen, um die Sache schmackhafter zu machen, aber diese Lohnerhöhung entspricht keineswegs der Erhöhung der Verkaufspreise. Der preußische Fisknö hat 135 Millionen in den westfälischen Kohlengruben investiert, ohne sie allerdings recht zu verzinsen.
DaS Kohlensyndikat hätte niemals diese Preiserhöhung gewagt, wenn nicht der preußische FiSkuS rnitgemacht hätte; der wollte auch einmal auS der großen Schüssel essen. Ter preußische HandelSminister hat ja dieser Tage im Abgeoronetenhaufe das ausdrücklich zugegeben; er hat erfiärt, daß ohne Mitbeteiligung der fiskalischen Zecken das Arrangement des Syndikats mit den Außenseitern aussichtslos fei. Warum hat daS Kohlensyndikat gerade die flokSpreise erhöht und damit der weiter verarbeitenden Industrie die Produktionskosten gewaltig verteuert? Der Reichstag hat 1908, 1909 und 1910 unseren Kartellantrag, den wir jetzt wieder eingebracht haben und zur Etatsresolution machen wollen, mit überwältigender Mehrheit angenommen, gegen die Auswüchse und den Mißbrauch der Kartelle die Preiskonkurrenz als Regulator zu sichern. Wozu diese Stellungnahme des Reichstages, wozu die ganze Kartellenguete, wenn der preußische Minister jetzt selber hingebt und die Preiserhöhung des wichtigsten Konsumtionsmittels der Industrie mitmacht, die ohne sein Zutun nicht möglich wäre!
Die Teilnahme unserer Industrie an den großen Syndikaten ist uns lieb, aber im Interesse der Allgemeinheit gegen bie Ausnutzung der Monopole, aber nicht zu deren Unterstützung. (Beifall im Zentrum.) DaS ReichSpe^roleum - Monopol! Alle Achtung vor den glücklichen Ideen, mit denen in der letzten Zeit die Nationalliberalen gekommen sind! Zwei Gruppen von Petrvleumlieferanten gibt es, die Fäden zwischen beiden spinnen sich schon herüber; waS soll da baS Monopol? ES würde im wesentlichen ein Verbrauchsmonopol, ein Antimonopol der Kon- fumenten sein und würde zweifellos die beiden Produzenten- gruppen sofort zur raschen Einigung bringen, zum Schaden der Konsumenten und Verteuerung des Petroleums. Auch die deutsche Landwirtschaft hat die Hoffnungen voll erfüllt, trotz beS schweren Kampfes mit der Maul- und Klauenseuche usw. In bezug auf daS Quantum des FleischgenusseS haben wir den Rang Englands bereits erreicht; baS spricht Bände! In 25 Jahren haben wir unseren Viehstand von 5 Milliarden auf 10 Milliarden gesteigerr. (Hört! Hört!)
Unter dem Schutze unserer Wirtschaftspolitik haben wir es fertig gebracht, unsere Viebversorgung von 40 auf 95 Proz. der Bevölkerung zu steigern, und innerhalb dieser Zeit den Fleisch- genuß pro Kopf der Bevölkerung zu verdoppeln (Hört, hört! rechts), und es ist nur eine Frage der Zeit, daß die beutsche Landwirtschaft auch die Getreideversorgung Deutschlands voll wird leisten können. Wie kann man da unserer Landwirtschaft, unserem Wirtschaftssystem einen Vorwurf machen? Die Arbeitslöhne sind in der Industrie seit 25 Jahren verdoppelt. (Lachen und Zurufe der Soz.) Gewiß, wir müssen da weiter arbeiten und wir wollen es auch mit Ihnen tun, aber derartige Heber- treibungen, mit denen Sie hier operieren, schädigen nur die Arbeiterschaft. Wir vertreten eine Schutzzollpolitik im Interesse der Produktion und Konsumtion, die äußere, auch die bürgerliche äußere Linke nur eine ausschließliche Konsumenten- Politik treibt Unsere Wirtschaftspolitik, die wir fortsetzen wollen, hat glänzende Erfolge. (Beifall rechts.)
Sie hat Arbeit geschaffen und Arbeitsgelegenheit und ist die notwendige Voraussetzung der Sozialpolitik. (Leb- hafte Zustimmung.) Wir müssen erst Brot schaffen, ehe wir eS verteilen. Allerdings darf der Produzentenschuh nicht zum Schaben der Konsumenten - übertrieben werben. Ter Redner polemisiert unter andauernder lauter Heiterkeit beS Zentrums unb der Rechten gegen den Abg. Gothein und dessen Rebe aus ber ersten Lesung beS Etats. Unsere Hanbwerker auf dem Lande unb in den kleinen und mittleren Städten wissen ganz genau, waS sie von GotheinS MittelstandSrede zu halten haben. (Abgeordneter Gothein ruft: Bei Ihnen find sie ja auch helle! Heiterkeit! Tie Zentrumsbayern rufen: Jawohl, bas stimmt! Große Heiterkeit!) Herr Gothein behauptet, wir hätten Herrn Heimherausgeekelt, dabei lagen ausdrücklich Erklärungen von Tr. Heim vor, daß er wegen seiner angegriffenen 0e
s undheit schon im vorigen Herbst sich entschlossen hatte, nicht mehr zu kandidieren und Herr v. Gothein habe vielleicht einen Sroßen Teil Schuld an diesem Gesundheitszustand. (Heiterkeit )
ine eidliche Aussage von Heim im Gerichtssaal liegt vor, ein ärztliches Attest. Wenn Herr Gothein damals die Kerfchen- steinerschen Fachschulen für daS Handwerk so gerühmt hat, sind unsere süddeutschen Handwerker über deren Wert sehr geteilter Meinung. Die schrankenlose Gewerbefreiheit ist Schuld daran, daß der Mittelstand nicht vorwärts kommt.
Meine Partei wird alles daranfetzen, die 30 Jahre b e • währte Wirtschaftspolitik fortzuführen, wir be- grüßen deshalb die Thronrede, besonders gerade, weil tic äußerste Linke im Reichstage so verstärkt ist. Als die vornehmste Ausgabe dieses Reichstags betragen wir die Vorbereitung der neuen Handelsverträge und haben deshalb einen Initiativantrag gestellt, in dem wir eine weitgehende Ergänzung unserer ProbuklionSstatistik fordern, weiter endliche Erhebungen über tie Produktionsverhältnisse des Auslandes, damit wir bei her Handelsverträgen nickt zu kurz kommen. Wir fordern bie (Ein- Wirkung auf bie konku rrierenden Länder hinsichtlich der Gleichstellung in der sozialen Gesetzgebung und Belastung. Wie steht eS mit der in Frankreich beabsichtigten Einführung einer Tara-Ordnung, bie gegen dir deutsch» Einfuhr gerichtet sein soll? Der Redner schließt mit dem Wunsch, daß ter Reichstag ber Vorbereitung ber Handelsverträge den nötigen Ernst und die nötige Objektivität zeigen werde, damit wir nktrf wieder eine Obstruktionspolitik und ähnliche Vorgänge wie 1902 bekommen. (Lebhafter Beifall im Zentr. unb rechts.)
Abg. Pauli-Hagenow (Kons.):
Die Frage der Abgrenzung von Fabrik und Handwerk harrt leider immer noch der Lösung. Eine all- gemeine Kommission hat darüber beraten. Welches ist der Erfolg ihrer Arbeiten? Wir bitten um Auskunft! DaS Kohlensyndikat setzt die Preise für seine Produkte fest. Dem Handwerk verbietet man baS durch den § lOOq ber Gewerbcorbnung. Dann unser SubmissionSwesen! Trotz aller Ministerialerlasse wird nach dem alten Sckema weitergearbeitet. An Reformvorscklägen fehlt eS nicht. Ick erinnere an den Hansa - Bund , an den neuen MittelstandSverband. Die Vorschläge deS Hansa-BunbeS sind allerdings nickt neu und kaum durchführbar. Auf gesetzlichem Wege braucht nicht eingegriffen zu werden, ber Verwaltungsweg genügt. Es liegt allein an dem guten Willen der Regierung. Auch beim Molenbau in Saßnitz find 75 000 Mk. nack Dänemark vergeben worben. (Hört! Hört!) Die kleinen Unternehmer vom Lande, in den kleinen Städten sollten in erftcr Linie berücksichtigt werden. Die Regierung sieht nur nach billigen Preisen und bevorzugt oft reckt zweifelhafte Firmen. Damit untergräbt sie die Existenz deS Handwerks, daS auch unter der OefänaniSarbeit zu leiden bat.
Wir find für das Fortbildungsschulwesen in jeder Hinsicht, Aber eS werden jetzt Dinge gelehrt, die den jungen Leuten gar nichts nützen, z. B. Bürgerkunde. (Lebh. Hört! hört! links.) WaS nützt es den Schüler, wenn er die Verfassung deS Deutschen Reiches kennen lernt! (EntrüftungSrufe links.) DaS bringen Sie ihm ja später bei. (Zuruf links: Und der ReligionS- unterricht?) Auch der gehört nicht hink Der Redner spricht gegen die Konsumvereine, besonders die der Beamten. Ich ermahne die Beamten, daran zu denken, daß sie auch andere leben lassen! Sie sind doch nicht allein existenzberechtigt! (Lachen links.) Die Lohnbewegungen sind durch die Tarifverträge nur noch zahlreicher geworden. Der paritätische Arbeitsnachweis wird niemals in gerechter Weise die Arbeitsstellen vermitteln, wenn er nickt unter kommunale Aussicht gestellt wird. Mit dem zweiten Teil deS Gesetzes über die Sicherung ber Bauforderungen müßte man eS doch einmal versuchen. Wie kann man denn von vornherein wissen, daß er sich nicht bewähren wirb. Die ReichSver- sicherungSordnung bedeutet einen großen Fortschritt, um den uns viele andere Länder beneiden können. In der Sozialpolitik darf nicht Halt gemacht werden. Liber wir wissen, daß die Industrie und Landwirtschaft an den Grenzen der LeistungS. f ä h i g k e i t angelangt sind. Werden neue Lasten notwendig, bann müssen sie auf die Schultern des ganzen Volkes gelegt wer- den. Wir stehen auf dem Boden des Schutze» der heimischer Arbeit. Der Mittelstand ist dankbar für unsere WirtschastS- Politik. Darum folgt er auch uns, bie diese Politik vertreten. (Lachen links.) Wir wollen vom DunbeSrat endlich Taten für den Mittelstand sehen. (Beifall.)
Abg. b. Morawski (Pole) führt Beschwerde, daß bei staatlichen Submissionen polnische Gewerbetreibende systematisch überaangen werden. Wir verlangen Parität auf allen Gebieten der Politik unb deS Wirtschaftslebens. Die Regierung hat ein gewaltiges Schuldkonto gegenüber der polnischen Bevölkerung.
Abg. Graf v. Posadowsky (b. k. P.):
Bei diesem (Etat ist man berechtigt, einen Ueberblick zu geben über unsere gesamte wirtschaftliche Entwicklung. Die Regierung ist während ber Wahlen vielen Angriffen auSgefetzt gewesen. Unsere Verhältnisse sind als sehr schlecht geschildert worden. Wer bie_ ausländische Presse verfolgt, der weiß, daß d a s AuS- land über die deutschen Verhältnisse i>'«rentlich anders denkt, und daß das Ausland unsere Entwicklung hmcibet Wenn man da deutsch« Kritiker hört, denkt man, daß für sie ber Grundsatz maßgebend ist: Jedes Landes Freund, nur nicht ber des eigenen. In Deutschland ist volle Freiheit für die Betätigung der Tüchtigkeit jedes einzelnen. Wenn daS deutsche Volk (ick mehr von der inneren Gesundheit unserer Zustände überzeugen wurde, würde eS mehr Freude empfinden, und dieser nationale Stolz würde auch unser politisches Schwergewicht im AuSlande stärken.
Die Sozialdemokraten wollen beim StaatSangehörigkeitSgesetz Ausländern den Eingang ins Reich erleichtern. TaS ist nickt human, wenn bei uns die Verhältnisse wirklich so schlecht sind (Heiterkeit.) Es herrscht ein Mißmut im Volke, der auch bei der Wahlen vielfach in Übertriebener Weise zum Ausdruck gefommer ist- Ein Beamter soll sich vor jedem politischen Mißbrauch hüten, aber er muß auch daS Publikum, mit dem et direkt in Verbindung kommt, über bie wirkli che n Zu stände des Landes auf klären, damit eS die Gesetzgebung und die Handlungen ber Regierung richtig beurteilen kann. (Hört! Hört! und Widerspruch links, Zuruf: Beamtenbeeinflussung.) So wie der Soldat das militärische Leben nur nach seinem nächsten Vorgesetzten beurteilt, so beurteilt das Publikum den Staat auch nach den Beamten, mit denen es zunächst zu tun hat. Im modernen Staat muß der Beamte mit allen (Erinnerungen an den alten Polizeistaat brechen. Der Beamte darf nicht berrschsüchtig sein, er muß sich fernhalten von aller bureaulratifcfien Ueberhebung, er muß das Gefühl haben, daß er das ausführende Organ öffentlicher Interessen ift


