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25.3.1912 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

162. Jahrgang

Die heutige Nummer umsatzt 12 Seiten.

ZentralvorftaMsitzung der HatioiialLberalen Pattei.

Tie auf Sonntag, 24. März 1912, einberufene konstituierende Sitzung des Zentralvorftandes der Nationalliberalen Partei mar, fo berichtet dieNationallib. Korresp.". vollzählig aus allen Teilen des Reiches besucht. An der Spitze der Tagesordnung stand die Wahl des Vorstandes. Es wurden die bisherigen Vor­sitzenden wiedergewählt: Reichstagsabg. Bassermann als Bor- sitzender, Landtagsabg. Dr. Friedberg als erster, Abg. Vogel Präsident der sächs. zweiten Kammer, als zweiter Stellvertreter des Vorsitzenden. Generalsekretär Breithaupt, erster Geschäfts- sührer des Zentralbureaus, nmrbc in den Zentralvorstand zu- gewählt. Die Neuwahl des Geschästssührenden Ausschusses hatte

^ksenxslotte und drei neu zn bauenden Linienschiffen. Gegen diese Verwendung der erstgenannten vier Schiffe ist nichts euv zuwenden; die des Flottenflaggschifss mutz als Verlegenheits- matznahme betrachtet werden, denn es ist nicht einzusehen, aus welchen Gründen die zweite Kampflinie kein Flottenflaggschiff braucht, wenn ein solches bei der ersten notwendig ist. Ter Neubau von drei Linienschiffen über das jetzt geltende Flotten- gesetz hinaus leidet an dem schweren Mangel, daß das erste schiss erst 1913, das zweite 1916 auf Stapel gelegt werden soll ^brenb die Inangriffnahme des dritten noch gar nicht festgesetzt rst. Ta die ersten beiden frühestens 1916 und 1919 fertig und dienstbereit fein werden, so hat es mit dem dritten Geschwader noch gute Weile. Zur Sicherung des Reiches in der gegen­wärtigen gesahrvollen Weltlage trägt es also so gut wie nichts bei, da auch nach den in der Presse bekannt gewordenen 'Jin» gaben über die Kostenberechnung wohl nur mit einem jährlichen Zuwachs von einer Linienschifjsindienststellung zu rechnen sein wird.

Ganz besonders zu bedauern ist, daß dieses minimale Er­gebnis zum Teil auf Küsten der zweiten Kampslinie erreicht werden soll. Während nach dem jetzt geltenden Flottengesetz bei bcr Reserveflotte die Hälfte aller Linienschiffe und Kreuzer dauernd in Tienst gehalten werden soll und dazu Besatzungsstämme von zwei Tritteln des Maschinenpersonals und der Hälfte des übrigen Personals vorhanden sein sollen, bestimmt die Novelle, daß die zweite Kampflinie mit der Hälfte der bisherigen Besatzung^ dämme sich begnügen müsse. Tiese Maßnahme befremdet um so mehr, als das halbamtliche Blatt selbst es für nottoendig hält, besonders aus die Schwierigkeit der Ausbildung an Bord moderner Schlachtschiffe hinzuweisen. Zieht man dazu die relativ geringe Gesamtstärke der ersten Kampflinie in Bettacht, so ist schwer verständlich, warum in so bedrohlichen Zeilen der Weit der zweiten Kampflinie gegenüber den jetzt gültigen Bestimmungen um die Hälfte herabgesetzt werden soll.

lieber die Zndiensthaltungen der Kreuzer macht dieNord­deutsche Allgemeine Zeitung" keine Angaben, auch nicht über die Lösungder Kreuzerfrage, mit der aber nach allgemeiner Ansicht die Novelle sich nicht beschäftigen wird. Bis zum letzten Augenblick hat jeder, der die Not der Flotte an modernen Panzer tteuzern kennt, der sich vorzustellen vermag, wie gerade diese Schifssklasse in unserer Lage unentbehrlich ist und durch nichts ersetzt werden kann, gehasst, daß durch Uebergang zum Drei- Schiff tempo endlich der Anfang zur Besserung gemacht würde. Jünfundvierzig englischen Panzerkreuzern, zu welchen in diesem viahre noch acht Neubauten kommen sollen, stehen elf deutsche Schiffe gleicher Gattung gegenüber, von denen drei int Kriege un­verwendbar sind, zwei höchstens für die zweite Kampslinie ge­nügen und zwei neuere in Ostasicn tätig und dort unentbehrlich sind: bleiben also für die erste Kampslinie vi>w Schiffe, zu denen nach dem jetzigen Bauplan jährlich nur ein Schiff hinzu- ireten wird. Ist es begreiflich, daß die Novelle an dieser Not vorübergeht, ohne auch nur den Versuch zu ihrer Beseitigung zu machen?

Tas ist's also, abgesehen von einer Vermehrung der Unter­see b o t e, was dem sehnsüchtigen Verlangen des deutschen Volkes nach einer Stärkung seiner Wehrmacht zur See, nach einer Sicherung gegen fremden Zwang und Bedrohung durch die Flotten- Vorlage gebracht wird.

folgendes Ergebnis: Die Abg. Bartlina, Beck Heidelberg, Tr. Blankenhorn, Hausmann, Dr. Klause. Dr. Paasche. Tr. Röcli Ijng, Schiffer-Magdeburg, Schwach, Dr. Sentier, Sieg, Prinz Lchönaick)-Earolath, Generalsekretär Breithaupt und Banldireltor Tr. Weber-Löbau.

Im Anschluß an den gedruckt vorliegenden Jahresbericht, der mit den Reick>stagsivahlen abschloß, gab Reichstagsabg. Baffer mann einen Rückblick auf die bisherigen Ergebnisse und besprach vor allem die Wehrvorlagen. Tie Lage in den letzten Wochen lei nicht erfreulich gciveien, aber es sei doch zu begrüßen, daß nunmehr durch die veröffentlichten Gnindzüge Mlarbcit darüber geschallen sei, datz in der Stärkung unserer Rüstung zu Wasser und zu Land zielbewußt fortgeschritten iverbe. Die DeckungS- Trage werde Schwierigkeiten bereiten; den Unstimmigkeiten in bcr Regierung sei bereits der Schatzsekretär Wermuth zum Spsti gefallen, dessen Rücktritt in den weitesten Kreisen bedauert werde. Fest stehe, daß die E r d a n s a l l st e u e r der u r f p r ü n g l i d> c Plan des Kanzlers gewesen sei. Tie jetzt angebotene Be icitigung der Liebesgabe werde vielleicht Millionen bringen, die allerdings vom Konsum getragen würden, dem­gegenüber die Fraktion sich il/re Stellung Vorbehalten müsse. Trotz der dadurch geschaffenen schwierigen Lage werde di" Nativ- nalliberale Fraktion im Reick)stag ihre Schuldigkeit tun, wie ste die nationalen Traditionen der Partei erforderten.

An die Ausführungen Bassermanns knüpfte sich eine aus­führliche Besprechung, die sich sowohl mit der letzten Vergangen- heit der Partei, wie auch mit der Politik der Partei gegenüber den neuen Ausgaben beschäftigte. In erster Beziehung wurde bei aller Verschiedenheit der Auffassungen in Einzel frag en fest gestellt, daß die Partei ebensoweit von grundsätzlicher Abneigung gegen ein positives Zusammenarbeiten mit allen bürgerlichen Parteien entfernt fei, wie fie die Unterstellung der Absicht, eine Großblockpolitik im Reiche treiben zu wollen, entschieden zurück weisen müsse. Bezüglich der neuen Ausgaben war man einmütig; der Ueberzeugung, daß die Nationalliberale Partei ihren Tradi­tionell gemäß alles aufbieten werde, ,um die Wehrvorlagen zur Verabschiedung zu bringen. Bei Punkt 3 der Tagesordnung wurde folgender Antrags angenommen:dem nächsten Vertreter tage den Entwurf einer Statutenänderung vorzulegen, nach welchem nur solche speziellen Vereine der Parteiorganisation angeschlossen werden können, welche ihrerseits den Landesverbänden angefchlofjen sind und nicht einen besonderen organisierten Gesamtverbatid mit eigener Spitze bilden". Ferner wurde ein Antrag angenoin men, innerhalb von sechs Äßodfcn einen Vertretertag einzuberujcn, der sich vornehmlich mit Satzungsfragen befassen soll. Die J-est- setzung von Ort und Zeit dieses Vertretertages wurde' dem Ge- schäftsführenden Ausschuß überlassen.

Wie dasBerliner Tageblatt" noch.wissen will stießen in; der Sitzung die Vertreter der beiden Richtungen sehr heftig zu sammen. Die Sitzung endigte, so schreibt das Blatt, mit dec Niederlage des linken Flügels der Partei. Bassermann wurde wiederum zum Vorsitzenden gewählt, aber bei der Abstimmung erhielt er nur 79 Stimmen, während 30 unbeschriebene Zettel abgegeben wurden. Der Führer der Jungliberalen Dr. Fischer wurde nicht wiedergewählt, ebenso unterlag Dr. Sttesemann mit 39 von 112 abgegebenen Stimmen.

Wa; an den Wehrvorlagen seh».

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Heeres- und die Flottenverwaltung in den Vorlagen das angefordert haben, ivas ihnen zum Ausbau der deutschen Wehrmacht notwendig erfchicn. Aber doch nur eben das, was sich aus Grund des seligen Standes der deutschen Rcichssinanzen und unter Hinzunehmen der Beseitigung der Liebesgabe erreichen ließ, also nur das Allernotwendigste. Deshalb kann, wenn auch die Friedenspräsenzstärke des Heeres um etwa 29 000 Mann erhöht wird, von einer Durchführung der all­gemeinen Wehrpflicht auch heute nicht die Rede sein, ob­wohl uns doch in diesem Punkte gerade das Beispiel Frank- rcichs zur Nacheiferung reizen sollte. Denn wollte man alles, was in Deutschland wehrfähig ist, zum Dienst mit der Waffe heranziehen, so würde das deutsche Reichsheer, das infolge des neuen Quinquennatsgesetzes vom Jahre 1911 jetzt eine Stärke von 586 000 Mann ausweist, um weitere 100OoO Mann emporschnellen, die jetzt der Ersatzrescrve zugeteilt werden. Von diesen nimmt die neue Heeresvorlage nun, da jvir ja immer mit zwei Jahrgängen rechnen müssen, nur 15 000 Mann in Anspruch.

Auch durch die neue Heeresvorlage wird die Frage der Reorganisation unserer Artillerie nicht gelöst. Cb es zweckmäßig ist, die Geschützzahl unserer Batterien von 6 auf 4 herabzusetzen, wie es Frankreich getan hat, um der Batterie dadurch eine größere Beweglichkeit zu sichern, kann zweifelhaft sein, weil damit auf jeden Fall eine Herab­setzung der Feuerwirkung verbunden ist. Zu bedauern aber bleibt es jedenfalls, daß man nicht, wie in Frankreich, die Bespannungen vermehrt hat. Nimmt man hinzu, daß die neue Heeresvorlage weder die Ergänzung der sogen, kleinen Regimenter durchgängig bringt, noch die Ausstellung selbständiger Kaval leriedivisionen verlangt, deren Frankreich jetzt 10 besitzt, so läßt sie manche Wünsche unerfüllt. Aber immerhin find die für die jetzige Heeres- reform erforderlichen 338 Millionen Mark gut dort ver­wendet, wo die größten Lücken klafften.

Eine Kritik der Flottenvorlage.

Die .Mitteilungen deS Deutschen Flottenvereins" stellen fest, daß der Inhalt der Wehrvorlagen .auch die bescheiden­sten Hoffnungen schwer enttäuschen inüffc*:

Die Flottennovelle nimmt sich nach der angeführten Quelle vor, zwei Mißständen zu begegnen: 1. der Notwendigkeit, in jedem Herbst ein Drittel der Besatzungen der aktiven Flotte durch Reservisten zu ersetzen und 2. dem geringen Prozentsatz der voll kriegsbereiten Sdjifie der Gesamt 'otte auszuhclfen. Beide sollen durch allmähliche Bildung eines dritten attivcn Geschwaders be­seitigt werden. An sich -ein Vorsatz, der nur mit Freuden aus­genommen werden könnte, nur unterläßt das Blatt mitzuteilen, in welcher Weise dies beim ersten liebel stand geschehen soll, während die weiteren Angaben erkennen lassen, daß bis zur Fertigstellung dieses dritten Geschwaders wohl mindestens 8 Jahre vergehen werden! Also wieder eine Z u k u n f t s h o s f n u n g.

Dem ersten Uebelstand könnte unseres Erachtens durch das dritte Geschwader nur in der Weise abgeholfen werden, wenn dieses im Herbst zwei Drittel seiner Mannschaften an das erste und zweite Geschwader abgeben und seinen Bestand durch Rekruten auffüllen würde. Es ist offensichtlich, daß es alsdann mindestens 6 Monate lang nur noch den Wert eines nicht kriegsbereiten Schulgeschwadcrs besitzen würde.

, Der Aufbau des dritten Geschwaders soll erfolgen aus den vier Linienschiffen der Materialreserve, dem Flottenflaggschiff der

Aus hoffen.

Ans der Ersten Kammer.

bs. Darmstadt, 23. März. Der Bericht des ersten Aus­schusses der Ersten Kammer über den Hauptvoranschlag der Staats­einnahmen und -Ausgaben für 1912 liegt nunmehr vor. Der^ Ausschuß tritt den in der Zweiten Kammer gefaßten Beschlüssen bei. | Nur beim Ministerium der Justiz konnte er ftch nicht dazu ent- schlicßen, der unter Titel 3 im Hauptvoranschlag aufgenommenen Bemerkung, wonach von den vorgesehenen 137 Amtsrichterstellen! 15 nur aus den Inhaber bewilligt werden sollen, zuzustimmen.. In der Einleitung zu diesem Bericht des ersten AuSfchujns heißt» es ,rach einem kurzen Rückblick auf das Rechnungsjahr 1910,' daß gegenüber den sehr pessimistischen Darlegungen der Regierung!

El iö2. Jahrgang Montag, 25. März 1912

W Gießener Ammer

?-enLPrc$I* ~ ~ V Chefredakteur:A Goetz.

für die Redaktion 112 Verantwortlich für den

u; 61 /? A r *99 zIa < ir ** politischen Teil: August

ä» General-Anzeiger für Oberhessen

Anvahme von Anzeigen HöfnHnttchntrf mmS ivuaa x.. v -5? I I f®evid)t6|aal": K.9leu-

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Gieszonor Staöttbeatcr*

Erde.

Eine Komödie von Karl Schönherr.

Gießen, 25. März.

Selten nur hat man in unserem Theater einen solchen Bei­fall gehört, wie er gestern abend dem von der Bühne scheidenden Herrn Bakof in seiner Benefizvorstellung von den zahlreich erschienenen Zuschauern nach jedem Aktschluß gezollt wurde. Ein vorlauter Verehrer des Küniuers sprach anangebradtterivcife Dankesworte unb brachte ein Hoch auf Herrn Bakof aus, dem viele Ehrengaben und Blumen überreicht wurden. Herr Bakof, der sich während seiner Wirksamkeit an dem hiesigen Theater sowohl als Regisseur wie auch als Darsteller manches

Verdienst erworben hat, hatte zu seinem Ehrenabend Karl Schönherrs Erde erwählt und brachte dieseKomödie des Lebens" in einer sehr schönen, gut abgestimmten Darstellung heraus, die auch in den einzelnen Leistungen eine sorgfältige Durcharbeitung bewies.

Die Komödie des Lebens, wie Schönherr das Werk nennt, die mit einer kleinen Verschiebung auch eine Tragödie des Lebens (aber nicht der Kunst- genannt werden könnte, berichtet von einem alten Bauern, der mit inniger Liebe an seinem Besitze hängt und den einzigen Sohn der schon sechsundvier',ig Jahre alt ist nicht an das Ruder läßt. Still und gedrückt tut der Hannes seine Arbeit, die Liebe zur Trine, die seit Jahren aur ihn wartet, ist falt und welk geworden, da erscheint an einem Markttage das Eishofbäuerlein mit seinen drei Jungen, von denen 'der älteste studieren soll, weil er der dümmste ist, und^ hält um die Mena, die Wirtschafterin, an. Er wird auf das rzrüh- lahr vertröstet, weil das Mädchen auf den Hannes hont, der im Spiel mit den drei Kindern von seiner alten Sehnsucht nach eigener Familie und eigenen Sprößlingen gepackt wird. Er bäumt ftch -auf gegen den Druck des Vaters, als ihm befohlen wird, ein störrisches Roß beim Beschlagen zu halten, und , durch ein höhnisches Wort der Mena gereizt, geht der Alte selbst. _ Der Öuf des Pferdes trifft ihn schwer aus die Brust er kränkelt den ganzen Winter lang, und mit gespannten Nerven warten die beiden Mägde auf seinen Tod. Im Frühjahr, als der ttste Kuckuck ruft, zimmert der Hannes eine Wiege, in die die Mena das Kind legen soll, das sie von ihm empfangen bat. >a tritt der Alte aus der Nebenstube, in der er sich den Winter über eingemurmelt hatte reckt sich hoch auf und nimmt das Regiment wieder in die Hand. Nun geht die Mena nut denn srtshofbäuerlein, der .Alte zerhackt den Sarg, den er |id; tm 0 erb ft anfertigen ließ, zu Brennholz und der Hannes duckt stch vieder wie seither^

Tie Jahre alte Dichtung, die bei L. Staadmann in Leipzig als Buch erschienen ist, offenbart Schönherrs sichere Cha­rakterzeichnung und seine Fähigkeiten, mit em paar Strichen ein leibhaftiges Bild von der Welt seiner Menschen zu entwerfen, sie offenbart seinen Blick für das bühnenmäßige, bühnenwirksame. Er schildert flott und sicher, der Dialog ist flusiig und nicht ohne tiefere Töne, wie sie nur dem wahrhaften Dichter zur Verfügung stehen, aber die ganze Handlung in diesem Drama wird von dem Dichter nach seinem Belieben gelenkt es ist fast nichts zwingend, nahezu alles vom Zufall abhängig. Wenn Schönherr das Werk auch eine Komödie genannt hat, so wirkt es doch zu schwer, um die Widematürlichkeit des Vorganges und die Herrschsucht dieses alten Bauern, der mit geheimem Behagen Die Jugend um sich altem und mürb werden sieht, genügend als ungesund und unfruchtbar zu kennzeichnen.

Im Vordergrund der Aufführung stand natürlich Herr Bakof, der den alten Grutz in seiner schätzbaren, klar durcharbeitenden Art mit _ einer pfiffigen Gemütlichkeit spielte, einer machtvollen Lebenslust und Heimatliebe und so dem an sich nicht gerade siunpathifchen Charakter des greifen Bauern seine beste ccüe abgewann. Eine ganz hervorragende, bis ins letzte lebensechte Mena schuf Frau B au me i st e r - F e 1 se g g: die Geste, die den Kampf mit der Trine einleitete, war prächtig ersaßt. Als Trine gab Fräulein Brehm das ansprechende Bild einer guten, treuen Seele, die das Schicksal unwirsch und bitter gemacht hat. Den gedrückten, zermürbten Hannes, in Dem plötzlich noch einmal die alte Jugend, die fast vergessene Sehnsucht nach Glück macht­voll aufsteigt, spielte Herr Bruchwiy mit sehr schönem Ge­lingen. Das Eishofbäuerlein des Herrn Gühne war sehr gut gegeben. Bon den übrigen Darstellern sind noch die Herren sckiröder als Lberknecht, Schn mack als Roßknecht und der auf dem Theaterzettel vergessene Herr VoIck als mittlerer Knecht, die alle sehr gut charakterisiert waren, und Frl. Scholz als Totemoeibele zu nennen. N.

Sranffurtcr Heues Theater.

Gastspiel von Tilla Durieux.

In dem schönen, sehr vornehm au4geftatteten Neuen Theater in der Mainzer Landsttaße, das dem Schauspielhaus ernstlich Konkurrenz macht, giot Frau Tilla Surieuj vom Deutschen Theater in Berlin gegenwärtig ein achttägiges Gastspiel, das sie als Rhodope in Hebbels Gyges begann. Tie Vontellnng, die Herr Tr. Alberty mustergültig leitete, fyob das Wort des Dichters aus seinem papierenen Grab zu edelster Bedeutung und gab der machtvoll und energisch vvrgehenden Handlung einen auf» glücklichste abgefummteii Hintergrund. Tie Ausstattung, von Shakcspeareschen.Einfachheit, war auf die unbedingt notwendigen

Versatzstücke beschränkt, und zwei in grün uni» violett vorzüglich! SU einander abgestimmte Vorhänge gaben der Bühne, die durch eine imrdfgefrenbe Treppe sehr klug gegliedert war, einen feinen,; wohltuenden Reiz. Etwas nüchtern mutete allerdings in bcr Schlußszene vor dem Altar die kahle Mauer an, Die in manchen Auftritten durch ein einfaches Bogenfenster sehr wirkungsvoll unter* brochen war.

Hand in Hand mit dieser feinfühlig erwogenen äußeren Be­arbeitung der großen Dichmng, Die wohl als die harmonischste unb grbiitc Schöpfung des immer noch zu wenig gemürbigten Tithmarschen zu gelten hat, ging die innere, den (^oigkeiiswerten des Werkes nachspürende Verarbeitung, die von unzweifelhaften^ Werten war. Frau Tilla Durieux, der voruehnllich Alfred Kerr schon manche kritische Lobeshymne geschrieben hat, und bie in Berlin als eine der tiefschürfenden, geistvollsten Darsteller­innen weiblicher Charakterrollen gilt, und sogar einen königl. preuß. Polizeipräsidenten begeistert hat, schuf als Rhodope, der engherzig in der Ueberliefenmg der Sitte befangenen Königin, eine Gestalt, die zwar der äußeren vom Dicyier verlangten Reizen antiter Schönheit in ettoas ^rmangelle, uni auch in Der Aus­sprache Der Tiphtonge manchmal itarf anProvinz" erinnerte (sie sprach mitunter ein häßliches offenes ö und ein garstiges nach ei verschlissenes äu , aber in der rein darstellerischen Hin­sicht eine hinreißende Kraft offenbarte. Wie lodernde Flammen kamen ihr manchmal die Wone vom schmerz ich gebogenen Mund und mit göttlich hoheitsvoller Gebärde heischte sie Sühne für ihre entehrte Weiblichkeit, deren Größe Hebbel m Gyges ein leuchtendes Tenkmal geschaffen hat.

Herr A. Hellmer, em Grieche von tadellosem Wuchs, goß die feinen Verse des Dichters in eine Sprache, die voller Wohllaut und Schönheit war, und zeigte sich Dem Gaste. Dem er rednerisch überlegen war, auch als Darsteller fast völlig gewachsen, wobei allerdings zu bedenken ist, daß ihm der Tichter eine un­gleich leichtere Ausgabe stellt als der Rhodope. Als Kanoaules war Herr Alberty, der, wie schon gesagt, auch die Regie führte, in seiner letzten Unterredung mit Gyges wirklich bedeutend; in den früheren Auftritten hatte er in seiner Mimik mitunter stark übertrieben, was namentlich durch eine eigenartig verzogene Mundstellung zum Ausdruck kam, woburch^auch eine unschöne Färbung feiner Sprache bedingt wurde. Sehr sein war F-rl. Go er icke als beseelte, hingebungsvolle Lcsbia und Herr A u en- zer als Thoas; auch Frl. Schaffer als Hero war vorzüglich.

K. N.

Eine Ueberpflanzung des Ellbogens. In Der französischen Akademie für Medizin entartete am Mittwochs der bekannte Pariser Chirurg, Dr, Tuffier, Bericht über zwei j