Ausgabe 
2.10.1912 Drittes Blatt
 
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Nr. 252

Drittes Blatt

162. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Dieeigener Zamtlienblätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Ziehen" zweimal wöchentlich. Tie ..Landwirtschaftlichen Selb |rageu* erscheinen monatlich zwennal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Mittwoch, 2. Gttober lyf2

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts - Auch- und Sleiudruckerei.

R. Lange, Gieren.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schub straße 7. Expedition und Verlag: öl.

9iebaftion:e^ll2. Tel.-Adr.: AnzeigcrGießen.

Dar normale Wetter im Gilover.

Ter starke Rückgang der Temperatur, den wir schon im normalen September vorfinden, verstärkt sich noch mehr im Oktober. Während in den mitteldeiltsctzcn Tälern und Ebenen des Main- und Rheingebiets am 1. des Monats noch mit einer mittleren Tages temperatur von rund 13 Grad gercdjnct werden kann, dürfen am 31. nur noch 7 Grad erwartet werden. Tas bedeutet einen Wärnreabsall von 6 Grad gegen 4 Grad im Lause des September. Im Mittel des zehnjährigen Zeitraums von 19011910 wurden folgende mittlere Mouatstemperaturen im Großherzogtum Kessen sestgestellt: Tarmstadt 9,7, Gießen 9,1, Bad Rauheim 8,9, Rlainz 10,2, Offenbach 9,3, Michelstadt 8,5, Sclwtten 8,9, Worms 9,9, Alzey 9,2 Grad.

Tie mittleren Monats temperaturen liegen demnach zwischen 9 und 10 Grad in den Niederungen; in Höhen von 1000 Meterri herrschen dagegen nur noch 45 Grad Warme, so daß die Gebirgslagen im Laufe des Monats jdyoit vielfach winterlichen Charakter anzunchmen Liegen. Roch stärker als der Rückgang der mittleren Tagestemperaturen ist das Sinken der mittleren Nachmittags wärme, die von etwa 18 Grad am 1. auf 10 Grad am 31. Oktober im normalen Mittel zurückgeht. Tage mit mehr als 20 Grad Wärme wurden seit 1857 nach dem 20. -Oktober nicht mehr beobachtet. Tie R a ch t temperaturen sinken von 1) auf 45 Grad am 31. ds. Mts Nachtfröste pflegen in der zweiten Monatshälfte schon zahlreid) aufzutreten. Tic tiefste Oktobcrtempcratur mit 67 Grad Kälte wurde am 30. Oktober 1869 beobachtet. Dennoch pflegt die mittlere Zahl der Frost- tagc in den wärmeren Tallagen die Zahl 1 nicht zu übersteigen; doch konnten int Oktober 1869, der sich durch grosse Kälte aus zeidmete, bereits 10 Frosttage notiert werden Sommertage mit höherer Temperatur als 25 Grad kommen im Oktober nur ganz ausnahmsweise vor. 1874 und 1903 wurde je ein Sommer tag beobadstet.

Tie Bewölkung nimmt im Mittel weiter zu, um 4k kanntlich im Tezember ihr Maximum zu erreid^eit. Ebenso werden die Rebel häufiger. Im Mittel können 45 Rcbeltage ein­treten, dock) wechseln die Rebelverlzältnisse stark mit der Lage der Beobachtungsstation. Tie hohe Bewölkung ist in gesundheitlicher Beziehung von ungünstigem Einfluss.

Auch die Rieders dzlags mengen zeigen gegen den Sep­tember eine Zunahme, die im November wieder in Abnahme übergeht. Tasselbe gilt für die Riederfchlagstage, die von 12 auf 14 im Oktober steigen. Nachfolgende mittlere Niederschlags mengen wurden von 19011910gemessen: Worms 40, Mainz 41, Alzen 37, Bingen 42, Bensheim 53, Gernsheim 43, Gross-Gerau 40, Langen 49, Tarmstadt 48, Offenbach 43, Schotten 63, Grün­berg 53, Lich 42, Bad-Nanhcim 43, Friedberg 51, Herdzenhain 100, Gießen 44, Grebenhain 88, Herbstein 74, Alsfeld 45.

Gewitter werden sehr selten und beschränken sich auf Wirbel gewitter beim Vorübergang stürmischer Zyklonen. Von 1857 bis 1907 Tarnen 20 Gewitter vor (238 im Juli). Tage mit Schnee sind aud) in den wärmsten Lagen möglid). 1869 und 1892 wurden je 3 Schncetage aufgezeichnet, die im ersten Jahre sogar von einer Schneedecke begleitet waren. Im übrigen können nur die Gebirgslagen oberhalb 700 Meter mit einer gelegentlich ein- tretenben dauernden Schneedecke rechnen.

In der Oktoberwitterung können wir in großen Zügen zwei Hauptwctter typen unterscheiden, die meist längere Zeit anhalten und dem Monat ihr charakteristisches Gepräge verleihen. Die eine ist eine S chl e ch t Wetterlage und wird durch das Vor­herrschen von Tiefdruckgebieten hervorgerufen. Ziehen diese im Nordwesten des «Erbteils vorüber, dann werden Regenfälle bei starken Südwestwinden für Mitteldeutsdzland in Frage kommen, ohne das; aber die Temperatur besonders tief sinkt. Mildes Regen Wetter ist vorherrschend. Oft aber wandern die nordwestlichen Zyklonen südostwärts, etwa über die Nordsee, Dänemark nad) Russisd>-Polen. In diesem Falle kommt unser Gebiet aus die Rückseite dieser Wirbel zu liegen, wo kalte West- bis Nordwest­winde wehen, die rauhes Wetter mit sich führen, oft schon Schnee auch in den geschützten Tallagen. In«beiden Fällen aber können sid, außerordentlich kräftige Sturnnvirbel bilden, die für unsere Küstenschisfahrt sehr verderblich werden. Es sei nur an den orkan­artigen Sturm des 14. Oktober 1881 erinnert, der im Gefolge einer tiefen Zyklone in ganz Nord- und Süddeutfdzland wütete. In der Nacht 'trat an der Küste Sturmflut ein. Ta im Bereiche der Tiefdruckwirbel die Temperatur sehr stark mit der Höhe abnimmt, bedeutet diese in den Niederungen durck) Regen ausgezeichnete Schlcchtwetterlage für die Gebirge von rund 700 Meter aufwärts das Einsetzen von Schneefällen, die oft länger anhalten. Tie zweite Haupt Wetterlage des Oktober deckt fid> meist mit dem im Volksmunde bekannten Altweibersommer. Hoher Luft­druck über Teulschland ober dem angrenzenden russischen Kon­tinent ruft trockene, am Tage heitere, morgens häufig nebelige Witterung hervor. In der Nacht sinken die Temperaturen durch

die Wärmeausstrahlung der Erde regelmäßig unter den Gesrier punkt, während die Tage sonnig und mild o erlaufen. Nur wenn das russische Hochdruckgebiet sehr kräftig ist, so daß die Ostwinde fein' lebhaft werden, dann bleiben aud) die Nachmittage rauh und unfreunMid). Ganz 'anders wie bei der ersten Haupt Wetterlage verhalten sid) die Temperaturen mit steigender Höhe. Ta als KMequelle für die Luft der durd) Strahlung sich abkühlende Erd hoben in Frage kommt, wird der Einfluß dieser Kälteguelle mit steigender Erhebung geringer, so dast jetzt die Temperatur mit der Höhe zunimmt und am Boden am tiefsten ist. Tiefe Tem­peraturumkehr wird besonders im Gebirge angenehm empfunden. Tic Höhen sind sonnig und warm, während in den Niederungen kalte Nebel lagern, die erst mit höher steigender Sonne «sich auflösen.

Der vergangene September brachte in ganz Deutschland anormal kühle Witterung. Aus;er in Ostdeutschland, wo das Wärmedesizit nur 23 Grad betrug, lagen überall die Tempera turen 45 Grad unter dem langjährigen Mittel, ganz besonders in Südwest- und Nordwcstdeutschland Niederschläge waren nur in der ersten septemberhälfte zahlreid), erreichten aber in den meisten Landesteilen bei weitem nicht die normale Menge. Nur Norddentsd land hatte normale bis übcrnormalc Regenfälle.. Die Witterung stand bis etwa zum 12. September linier der Herrschaft nordöstlicher Zyklonen. Am 13. drang ein kräftiges Hoclsdruck gebiet von Westeuropa vor und hielt unl?r mannigfachen Um­formungen bis Monatsende stand. Born.19. an zog der hohe Truck langsam über Nordeufopa nach Nordösten und bedingte von der Nordsee bis zu den Alpen )dauere nördlich? Lustbewegung, die völlig trockene Witterung brachte. Tie kühlen Nordwinde verursadtten im Verein mit nächtlicher Wärmeausstrahlung an verschiedenen Tagen leichte Reiff röste. Audi in höheren Lagen sank die Temperatur wiederholt sehr stark, so dast im Hochgebirge.scharfe Kälte herrschte. In 2000 Meter Höhe wurden folgende Tem- Vcr*aturen gemessen: 2. September8, 3.2, 6.4, 9.5, 19. 7, 28.8 Grad. Eine ausgesprochene Temperaturumkehr trat am Morgen des 30. September ein; die Wärme nahm mit der Höhe ständig zu und lag in 500 Meter 45 Grad über der Erdbodentemperatur. Gleichzeitig trat ein Witterungsumschlag ein. - 1 .......... --

2Ius der Rechtsprechung des Reichsgerichts.

IV.

Verpfändung des Ehrenworts im Dienstvertrag mit Ange­stellten besonders zur Sicherung der Erfüllung eines Wett­bewerbsverbots geht gegen die guten Sitten und macht bas Wettbewerbsverbot ungültig. E. d. Rg. 78/259. Der Beklagte trat 1904 bei der klagenden Aktiengesellschaft als Bureau- d'cf in Stellung. In dem Tienstvertrag verpflichtete er sich, allen seinen Obliegenhesten pünktlich nachzukommcn, über die Geheim­nisse, Bezugs- und Absatzgebiete während seines Dienstverhält­nisses und drei Jahre nad) seinem Ausscheiden Stillschweigen zu bewahren und nach Beendigung seines Dienstverhältnisses während dreier Jahre innerhalb gewisser Länder in keiner Weise für ein Konkurrenzunternehmen tätig zu werden alles dies bei Meidung einer Vertragsstrafe von 10 000 Mark. Die Ge­sellschaft verpflichtete sich zur Zahlung des Gehalts von 6000 Mark und Einhaltung gewisser Kündiguitgsbedingungen. Am Schlust des Vertrags bekannten sid) beide Teile zu den darin eingegangenen Verpflichtungenfeiernd) auf Ehren- und Mannes wor t". Im Jahre 1906 schied der Beklagte in Un­frieden aus seiner Stellung bei der Klägerin aus und übernahm in 1907 eine Stellung als Prokurist und Bureauchef bei einer Konkurrentin der Klägerin. Die Klägerin verlangte von dem Beklagten die festgesetzte Vertragsstrafe von 10 000 Mark. Das Oberlanbesgerickt sprad) ihr dieselbe unter Herabsetzung auf den Betrag von 5000 Mark gemäß § 343 B.G.B. zu. Das Reichs gericht wies die Klage ab. Es erklärte das Wettbewerbsverbot wegen der Verpfändung des Ehrenworts als gegen die guten Sitten verstoßend und gemäß § 138 B.G.B. nichtig. Die Verpfän­dung der Ehre für die Erfüllung einer vermogensreckstlichen Ver­bindlichkeit widerstrebe dem heutigen sittlichen Empfinden, in­sofern die Verletzung einer solchen Verbindlichkeit den Schuldner stets einer Ehrenminderung aussetze auch dann, wenn ihn der Vorwurf eines unehrenhaften Handelns nid)t treffe. Nur zum Schutz einzelner besonders wichtiger Interessen gegen wirklich ehr­lose .Handlungen sei die Verpfändung des Ehrenworts zulässig. Tie Verpfändung des Ehrenworts zur Sicherung aller speziell aus dem obigen Dienstvertrag sich ergebenden Verpslid)tungen sei hiernach ein sittlid) unzulässiger Gewissenszwang. Es gehe auch nicht an, lediglich die Verpfändung des Ehrenworts als Neben­abrede Wegfällen zu lassen, im übrigen aber das Wettbewerbs- Verbot mit der Vertragsstrafe in Geltung zu erhalten. Die Ehrenwortsverpfändung sei vielmehr mit der Vertragsstrafe die einheitliche Grundlage für das Wettbewerbsverbot.

21ns Statt mit Cant.

Gießen, 2. Oktober 1912.

** Tic hessische Anw alts kam m er hält ihre I a h r e s v c r s a m m 1 u n g in D a r m st a b t am 5. Oktober ab. Auf der Tagesordnung steh.m außer Erstattung des Gc- sckstistsberichts und Ablegung der Rechnung für 1911 12 sowie Vorlage des Voranschlags für 1912 13 usw. ein Antrag des Justizrats Soldau-Mainz, die Anwaltskammer wolle in die Geschäftsordnung folgende Bestimmung aufnehmeu: Bei jeder Neuwahl zum Vorstand ist die Hälfte der zu wählenden Mitglieder, mindestens aber ein Mitglied aus denjenigen Kammermitgliedern zu wählen, die im letzten Jahre "vor der Wahl dem Vorstand nicht angehört haben. Ist die Zahl der ausscheidenden Mitglieder ungerade, so ist der der Hälfte am nächsten kommende kleinere Teil mit neuen Mitgliedern zu besetzen." Justizrat Lichton-Mainz wird über die Reform bedürftigkeit der hessi­schen Gebührenordnung, Iustizrat Grünewald über die Versicherung der Anwaltsgehilfen spreckwn. Wegen einer Eingabe des Vorstandes an das Justizministerium wegen der Verhältnisse des Anwaltstandes wird Iustizrat ,Dr. Schmitt-Mainz sprechen.

** Jubiläumsvereinigung ehem. 116er. Am letzten Sonntag tagte in Gießen der Vorstand der großen J.-V. ehem. 116er. Aus dem Bericht, den der 1. Vorsitzende R.-A. Kaufmann in Gießen erstattete, war folgendes zu entnehmen: Es bestehen jetzt insgesamt 35 feste Vereine und lose Vereinigungen, die der J.-V. angegliedert sind. 24 davon haben ihre Mitglieder mit zusammen rund 7500 Mann schon angemeldet, die Anmeldung von 11 Vereini­gungen steht noch aus. Nach Mitteilung des Herrn Regi­mentskommandeurs hat der Kaiser bei der letzten Parabe in Mainz sein Erscheinen zum Fest bestimmt zugesagt. Die Vorbereitungen für das Fest selbst sind in vollem Gange. Ten rein militärischen Teil hat das Regiment übernommen, die Herrichtung des Festplatzcs, die Sorge für die Ein­quartierung und Verpflegung ist dem Verein ehem. 116er in Gießen übertragen worden, während die J.-B. die ehem. Kameraden sammeln und den Verkehr zwischen dem Fest­ausschuß und den einzelnen Vereinen und Gruppen ver­mitteln soll. Da selbstredend nur die ausreichend gcf.orgt werden kann, ist allen ehern Angehörigen des Regiments anzuraten, sich den örtlichen Vereinigungen ihres Bezirks anzuschließen. Vom Regiment ans wird im Spätjahr eine Aufforderung zur Teilnahme am Jubiläum in allen Zeitungen erlassen werden. Neu gegründet haben sich lose Vereinigungen in Elberfeld, Hanau und Helden- bergen. Am Sonntag, 27. Oktober, findet in Gießen die erste große Vertreterversammlung der J.-V. statt, bei dec die Form des Festes im einzelnen festgelegt werden soN>.

** Die Jahreshauptversammlung des Stenographen-Verein Stolze-Schrey Gießen fand bei zahlreichem Besuch am 28. September im Vereins­lokal statt. Ter Vorsrtzende erstattete den Geschäftsbericht über das ab gelaufene Jahr, der ein Bild von emsiger und erfolgreicher Vereinsarbeit gab. Die Uebungsabende und Tebattenkurse wurden gut besucht, auch die Anfängerkurse erfreuten sich lebhafter Beteiligung. Die Bücherei erfuhr durch eine große Anzahl neu erschienener Bücher weiteren Zuwachs und wurde fleißig genutzt. Bei den Vereins-/ sowie auswärtigen Wettschreiben beteiligte sich eine große Anzahl von Mitgliedern mit bestem Erfolg. Die Kassen­verhältnisse sind denkbar günstig und der Voranschlag für das kommende Jahr wurde glatt bewilligt. Zur 9teu' anfchafsung einer Schreibmaschine setzte die Versammlung die Summe von 400 Mk. aus. Bei der VorstandswahL wurden Karl Reitz als 1. Vorsitzender, H. Hoerster als 1. Schriftführer und Otto Knörr ab! Rechner einstimmig wied'ergewählt. Die seitherigen Ausschußmitglieder Roth, Nrauskopf, Reiber, Jäggle, Brink, Hörle, Karn, wurden in ihren Aemtern bestätigt und als Vertreter der Orts­gruppen Leihgestern und Großen-Linden wurden Strack und Faber ernannt.

** Künstler - Einjähriger. Herr Philipp Becker aus Rödgen, der tut Frühjahr 1910 das Schluß­examen auf der Herzog!. Baugewerkschule in Holzminden mit dem Prädikat 'Mit Auszeichnung" bestanden hat, hat

Neue Briefe von Gottfried Keller.

In der schweren Zeit, die Gottfried Keller in Berlin durch­zumachen hatte, trat er in Verbindung mit dem Verleger Franz Duncker und dessen Gattin Lina Tuncker, einer in jeder Weise ausgezeichneten Frau. In diesem Hause lernte er Betty Tenbering, bie jüngste Schwester ber Frau Tuncker, kennen. Sie wurde das Urbild für Törtchen Schönsund imGrünen Heinrich" und hat Keller in arge Herzenswirren gestürzt. Das tritt auch in den Briesen, die ungemein charakteristisch sind und jetzt von Ermatinger im Oktoberheft derDeutschen Rundschau" zum ersten Male veröffentlicht werben, hervor. Hier stehen höchst interessante Aeuße rungen Kellas über seine Werke und sein Leben. Da fdyreibt er über dieGalatca-Rovellcn":

Meine Erzählungen habe ick) Ihnen nicht geschickt, weil id) glaubte, Vieweg stelle berVolkszeitung" ein Exemplar zu, was er mit dem Roman auch ohne meine Aufforderung getan hat. Jetzt habe ich kein Exemplar mehr und Sie müssen das Buch halt ungelesen lassen, wenn Sie es nicht aus der Leihbibliothek be kommen. Jedoch sind alle Wunderwerke, die ich bis jetztge­schaffen", wahre Wischlappen im Vergleich zu den Novellen von vollendeter Klassizität, die jetzt mit noch ganz klein wenig Ge­duld zu erwarten ich Sie bitte. Nächstens werden Sic erfolgen Göttlich sind sie, von strengem Scelenabel, von endloser Grazie und getaucht in das ewige Hallunkentum schnöder Verliebtheit, Vergißmeinnicht und rationelle Seidenzucht. Sic und Ihre hoch geratene, nach Süden gaffende Schwester können dann barum würfeln, welcher ich das Werk dedizieren soll, und je nachdem werde ich einen Widmann schreiben (d. h. eine Widmung^, die sich gewaschen hat. Oder lieber will ich, in Amehung der Fran; Dunckerschen Verlagskasse, für Ihre gelockte Sorella Betty -len bering eine eigene Novellensammlung machen zu Papuloten, jur jede Locke eine Joelle und für den Zopf zwei, )ie soll nur nur die Zahl schicken und nicht zu große Locken drehen, damit ich mehr Honorar herausschlagc. Daß Eine Schmidt und -tyraulein v. Schlichtkrull (die Momanschriftstelleriktt nach London und, habe ich in ber Zeitung gelesen. Wenn diese beiden Schrullen Gottes mit ihrem Bettschirm nur nicht den Prinzen Albert betören, oder den alten Lord Fircbrc.nd (Palmerstoitt, daß bie Welt aufs neue in Flammen gerät! Auch würde ich unter bewandten Umständen den Fränzchen um keinen Preis länger in London

lassen, sonst kommt er nicht nur arm am Beutel, sondern auch krank am Herzen nach Hause. Es streckt mir, indem ich schreibe, ein großer Moosroscnslrolch die grünen Hände dicht ans Fenster und der Buchs wird geschoren wie ein Mönch, von einem Burschen mit einer grünen Scyürze.

Leben Sie wohlest und bleiben Sie gewogenst Ihrem er­gebensten Gottftted Keller.

Zürich, den 11. ober 12. Juni 1856.

Meine Mutter läßt sich Ihnen aud) empfehlen, d. h. sic ist gerade nicht zur Hand und ick) sage das nur so aus unbestimmter Vermutung."

Auf Frau Dunckers launige Antwort erwidert Keller:

Es ist sehr human von Ihrer Fräulein Schwester, daß sie gelaunt ist, mir durch ihre geehrten Bemerkungen Gelegenheit zu einigen Komplimenten zu geben. Ich kann mich wohl auch dazu herbellasseii, da ich so viele Unhöflichkeiten gut zu machen habe. Also erstens, wenn von ihrer Person gar nichts übrig bleiben würde, als allein die Stimme, Wie bei der unglücklichen Echo, so wäre diese allein noch wert, daß man ihr ganze Bib­liotheken widmete. Denn nicht nur ihre Singftimmc, welche ich nie hörte, sondern auch die Sprechstimme hat mir ausnehmend Wohl­gefallen, und das ist ein ganz aufrichtiges Kompliment, id) habe deshlab den Svinnensrefscr immer gerne in der Nähe gehabt, weil er Ihre Schwester am meisten sprechen machte. Ucbrigens ist der Vergleich mit den Simsonschcn Locken für mich kein schmeichelhafter. Simson verlor seine Macht mit seinen Locken gegenüber den Philistern, und zu dieser Nation gehöre ich nicht. Indessen, wenn die Locken fort sind, so kann man allerdings auch keine Pavilotten brauchen. Sic könnte aus den Novellen daher ein Nachtmützchen machen, um sich einzuschläsern, wenn der Gram über den Lockcnverlust ihr den Schlummer fernhält. Tenn zu allen Zeiten haben schleck)te Erzählungen den Schlaf befördert. Dock) genug der Dummheiten. Nichts soll mir für diesmal die heuchlerische Demut der Fräulein ohne Locken entlocken. Ich habe nachträglich von ber Schreckensgeschichte in Ihrem Dause gehört und bebauerte Sie sehr. Ich muß jetzt abbrechen, ba ich sehr aufgelegt bin zum Fleißigfein, b. h. erst will ich, wenn ich bie Briefe zur Post trage, noch eine Taffe Kaffee trinken, in­mitten meiner Brüber, und eine Zigarre rauchen, da es jetzt viel Spaß gibt auf den Kaffeehäusern, wegen des verunglückten Put-

sches in Neuschätel. Dies ist jetzt besorgt und ausgehoben für immer, der Graf wirb seine Diener nicht loben.

Ihr ganzes Haus ergebenft grüßend

Zürich, den 8. September 1856. Ihr Gottfried Keller." Tas Schlußwort hat die einst Geliebte in einem kurzen, halb lustigen, halb etwas bitteren Billett:

Einen Gruß von einer Bekannten aus sandigen Zeiten schicke ich der Bitte vor, inliegenden Brief meiner Schwester irgendwo nachzusenden. Sollten Sie das nicht zu tun imstande sein, so muß ich Sie noch belästigen mit dem Entzünden eines Schwefelholzes oder mit dem Hinabsenden in das .Küchenfeuer. Sollte Ihnen das gar sehr lästig sein, so verzeihen Sie es, ich weiß nicht warum? Betty Tenbering."

Gezuckerte Schuhsohlen. Auf der Tagung der Lederchemiker in London sind dieser Tage dem Stiefelkäufer aller­lei kleine Geheimnisse von der Entstehungsweise unserer Fuß­bekleidung verraten worden. Tie Fragen, mit denen sich die Tagung beschäftigte, sind in ber Tat von allgemeinem Interesse, benn es handelt sich um die Herstellung des Sohlenleders, also um einen Artikel, den wir alle täglich zu benutzen gezwungen! sind. Man hat in den letzten Jahren oft klagen^hören, daß die modernen Schuhsohlen den Vergleich mit den Sohlen aus der guten alten Zeit" der Handarbeit nicht mehr aushalten. Die Sohlen sind zioar beim Ankauf ber Stiefel schön poliert, sind geradezu eine ästhetische Freude, aber mit ihrer Haltbarkeit liegen die Tinge ganz anders. Sie laufen sich erheblich schneller durch als die alten Sohlen. Nun gibt uns ein Vortrag eines Leder­chemikers einige Aufklärung über die Mängel mancher Sohlen. Tas Sohlenleder wird im Großhandel nach dem Gewicht g-o handelt und nicht nach dem Quadratmaß. Die Folge ift ba§ manche Händler und Fabrikanten ihre Sohlenleder künstlich schwerer zu machen suchen. Und um dies Mehrgewicht zu erzielen, wird dem Leder vor allem Zucker zugesetzt. Tiefe gezuckerten Sohlen sind poröser, aber leider auch weniger haltbar. Außerdem wird bei der Behandlung des Leders hin und wieder übermäßig viel Tannin verwandt. Tie Folge davon ist, daß das Leder die Feuchtigkeit: durchläßt. Besonders bei weißen Stiefelfohlen wird die Schön­heit durch das Opfer der Zweckmäßigkeit erkauft: um die Sohlen heller scheinen zu lassen, ist ein Bleidmngsprozeß nötig, und dieser verringert wiederum die Widerstandskraft der Schuhsohlen.