162. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 97
Erscheint tL-Nch mit Huinabme »H Konntag».
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Revisor M ü 5 l e r (Charlottenburg) tritt für Parochialzwanges nach dänischem Muster ein.
Pfarrer D. Grosisch (Barmen) meint, die
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ein Programm für unerläßlich Das Kirchenregiment ioürbc nur seine Pflicht tun, wenn eS die unbeugsamen Elemente auS der Kirche entfernte.
Nach einem Schlußwort des letzten Vortragenden wurden die Verhandlungen vertagt.
den Erbsündegedanleu
Der moderne Geist kennt keine Wunder mehr und er kennt keinen Christus mehr und es gibt in der Welt, wo Christus fort ist, nur noch einen Menschengeist, und einer dieser Menschengeiste ist Jesus von Nazareth, vielleicht ein Abschluß einer religiösen Entwicklung nach Wellhausen und Tröltsch, ein normaler Charakter nach Harnack, ein heldenhafter Charakter nach Baumgarten, vielleicht ein versonnener Charakter nach Frenssen, ein unnormaler Charakter nach Iatho, vielleicht auch ein Schwächling, vielleicht auch eine ziveisclhaste und pathologische Natur. Dieser Christus ist aber nichts sekundäres, das in den Hintergrund zu treten hat, diesen Christus müssen wir vielmehr erhalten, und es ist ein Gottessegen, daß uns der religiöse Sturm unserer Tage nötigt, um das Letzte und Entscheidendste im Christentum zu kämpfen. Wir kämpfen nicht um ein Buch, sondern wir kämpfen um Christus, wir wollen keine vagen, verschwommenen Gedanken: man spricht vom Erleben Gottes und man nennt dies die Vollendung der Offenbarung. Aber um ihn erleben zu können, muß er uns zugängig sein, zugängig ist er uns aber lediglich,in dem geschichtlichen Christus, der Gott in Christus ist die tiefste Bejahung unseres Menschendaseins. Weltweit ist wirkliches Christentum, wie Gott weltweit ist. lLebh. Beifall.)
Auch diesem Vortrag solgte eine Aussprache, an der beteiligt waren Generalsuperintendent Glaub (Posen , Pastor Philipps «Charlottenburg), Professor Tunkmann (Greifswald), Rektor Sell- schop «Rostock, Pastor Lorenz (Stettin).
Zum Schluß sprach Professor Tr. Kropatschek (Breslaul über das Apostolische Glaubensbekenntnis in seiner dauernden Bedeutung für die Gemeinde.
In der Besprechung meint Geh. ftirdjenrat D. Haack Schwerin, wenn etwas in dem Apostolischen Glaubensbekenntnis zu korrigieren sei, so werde dies die Kirche von selbst tun. Generalleutnant Graf Roon hält als Laie und alter Soldat
Donnerstag, 25. April 1912
•Utettentbnid und Verlag der Vrüblich«» Untxrfuäl« - Buch- und Stetnbrudml 9t Sange, Liehen.
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Heer und Flotte.
Zusammenstoß eines Torpedobootes mit einem Paoz-rkreuier.
Saßnitz, 24. April. Das Torpedoboot „G> 113" ist bei einem Durchbruchsmanöver gestern mit dein Panzerkreuzer „Friedrich Karl" z u s a m m e n q e - st oßen. Der vordere Teil des Torpedobootes wurde jn einer Länge von fünf Metern zusammen gedrückt und rechtwinklig nach Steuerbord umgebogen. Der Mann- schastsraum lief voll Wasser. Personen sind nicht verletzt worden. Das beschädigte Boot wurde von dem Torpedoboot „G 111" in den Hafen geschleppt.
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Stuttgart, 24. April. Herzog Robert von Württemberg, Oberst des Dragoner-Regiments Nr. 26, ist seiner Stellung enthoben und ä la suite des Regiments gestellt worden. Dem Staatssekretär von Kider len-Wächter, Major bei der Landwehr-Infanterie II. Aufgebots, ist der Abschied mit Erlaubnis zum Tragen der bisherigen Uniform bewilligt worden. — Der Kommandant von Stuttgart, Generalleutnant von S ch a r p f f, ist. zur Disposition gestellt. An seine Stelle ist Oberst von Steinhart vom Kriegsministerium unter Beförderung zum Generalmajor zum Kommandanten von Stuttgart ernannt worden. — Generalmajor von Tognarel li, Kommandeur der 14. Feld-Artillerie-Bri- gäbe in Wesel, ist unter Verleihung des Charakters als Generalleutnant zur Disposition gestellt worden. — Oberst von Hofacker, Chef des Generalstabs des 18. Armeekorps in Frankfurt a. Main, hat den Rang eines Brigadekommandeurs erhalten.
Kirche und Schule.
Erz bisch of von Abert m Bamberg ist gestorben.
Tr. Friedrich Ritter v. 9lbert Erzbischof von Bamberg und Mitglied der bayrischen Reichsratskammer, ist, nahe 60 Jahre alt, gestorben, nachdem er neun Jahre den erzbischöflichen Stuhl iime- qehabt hat. Seit dem Jahre 1890 war er als Professor der Dogmatik an der rheologischen Fakuliät Würzburg tätig. Am 8. Februar 1905 wurde seine Berufung nach Bamberg veröffentlicht. Es ist dem verstorbenen Kircheniürsten, dessen Andenken schon wegen des schönen Wortes: »Toleranz üben, heißt nicht nur den Andersdenkenden ertragen, sondern ihn lieben" gesichert erscheint, nicht vergönnt gewesen, die hohen Gedanken verwirklicht zu sehen, die ihm bei der Uebernahme des Bamberger Stuhles vorgeschwcbt haben. Im Kahre 1907, gelegentlich der Stichwahlen zum Reichstag, hatte Erchischof Abert, in Uebereinslimmung mit dem Münchener Erzbischof, öffenilich erklärt, daß er vom oberhirtlichen Standpunkt aus das zwischen Zentrum und Sozialdemokratie geschlossene Wahlbündnis enischieden mißbilligen müsie. Er halte im weitern Verlauf als sich gegen den greisen Erzbischof v. Stein die wüstesten -.'Ingriffe richteten der klerikalen Presse gegenüber durch eine öffentliche Erklärimg die Berantivortung für diesen Schrill der beiden Würdenträger auf seine, die »jüngeren Schultern" genommen. Bon diesem Zeitpunkt an begann, so schreibt die »Köln. Ztg.", das Zentrum jenes stille Wühlen gegen Abert, dessen Erfolge der Ver- laiii der Fälle Graiidinger unb Tremel mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt haben. In beiden Fällen stellte sich das Domkapitel zivischen den milden imb gerechten Erzbischof und die Geistlichen, die fiel) vertrauensvoll an ihn gewandt hatten.
ewigen Gemeinschaft als Haupt der erlösten Nack dem Wundervroteft kommt der Protest gegen
Siitzrahm- . Met f 145 Pfg.
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Redaktion. Expedition unb Druckerei! Schul- straffe 7. ErvediNon und Verlag: 6L
RedakkiowE-E l lL. r«l.-Adr^AnzeigerLieffen.
Die „Oletzeirer LamMendlätler" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Krtisblatt fir ben Krell Lietzen" zweimal wöchentlich. Die .^avöwiktschaftllche» Leit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Der Kampf um da; Bcfennlnis.
~ Berlin, 24. April.
Der allgemeine positive Verband, der im Januar Vorigen Jahres auf einer Konferenz der kirchlich positiven Bereinigung in Eisenach gegründet wurde, und heute 21 Organi fationeii mit ungefähr <55000 Mitglieder umfaßt, die über das ganze Deutsche Zieich verstreut sind, trat hier zu seiner ersten allgemeinen Hauptversammlung zusammen. Eine Begrüßungsansprache des
Vorsitzenden Pfarrers 23 er n bed (Okarben in Hessen) leitete die Tagung ein. Bernbeck führte aus:
Die gegenwärtige Zeit stehe nicht bloß auf politischem, wissen schastlickx'm und sozialem Gebiete unter dem Zeichen des Kampfes, sondern auch auf kirchlichem unb kirchlich politischem Gebiete, unb zwar eines Kampfes, wie er heißer ju feiner Zeit der Geschichte des C h r i ft e n t u in ? geführt wurde. Seit einem Jahrzehnt habe, der kirchliche Liberalismus, der sich bis dahin in der Verteidigungsstellung befunden habe, begonnen, in die An griffSlinie vorzurücken. Tie wisschaftlichen Vertreter dieser Richtung, die theologischen Professor en u n s e - rer Hochschulen, haben diese neuen Ideen in die Köpfe ihrer Zuhörer hineingepflanzr, und diese haben sie auf der Kanzel unb in der Schule weiter gegeben. Und eine weitverzweigte Dresse, und gerade bic Presse, die vermöge ilsrer^Eigenarr sich in der Behandlung kirchlicher unb kirchen-politischer Fragen eigentlich eine gewisse Zurückhaltung auserlegen sollte, habe sich willig tn den Dienst dieses Liberalismus gestellt. So sei eine traurige Verwirrung in den evangelischen Gemeinden entstanden. _ Besonders bedauerlich sei, daß gerade in den geistig h o ch st e h e n den Kreisen der kirchliche Liberalismus den größten Erfolg 8u verzeichnen habe. Ter Liberalismus kämpfe heute nicht mehr »m Duldung, sondern um die Alleinherrschaft, höchstens wolle man nom den alten Glauben als einen harmlosen Mechanismus 6er geistig niedrigstehcnden Kreise des Volkes dulden. An diesem
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Kirche komme von der Unentschiedenheit der positiven Freunde her, die den Kampf meiden. Man dürfe nicht aus Liebe das Schwert stumpf halten, oder in der Scheide lassen. (Bravo.) Die Positiven seien feine Partei in der Kirche, sondern seien die Partei der Kirche. (Beifall.) Ter Positivismus sei die geschichtliche Fortsetzung der Reformation, und darum gehöre ihm die Kirche. (Lebh. Beifall.)
Im weiteren Verlauf der Tagung sprach Professor D. S chä der (Kiel) über
wirkliches Christentum.
Er führte aus: Verlieren wir die Heilsgeschichte, so verlieren wir das wesenhaste Christentum. Die protestantischen Theologen wollen die Heilsgeschichte und müssen sie wollen. Die Frage ist: Glaube, ober Geschichte, wie sie von Harnack, Tröltsch, oder Busse u. a. formuliert worden ist. Die Zersetzung der Heilsgeschichte hat zunächst begonnen mit der Antastung des Wündercharakvers der Heilsgeschichte, wie es Straus tat. Gegen diesen Super- Naturalismus wandte man sich und dann kam der Kampf gegen die wahrhaftige Auferstehung Christi. Die Wunderflucht hat aber ein Dogma gezeitigt, das die Gegenwart beherrscht, nämlich den Entwicklungsgedanken. Man berauscht sich an diesem Gedanken. Demgegenüber müssen wir betonen, daß keine Wissenschaft der Welt darüber etwas ausmachen kann, ob in der Geschichte der Menschheit nur die endliche menschliche 23ernunft, und in der Natur nur natürliche Größen ihr Spiel treiben. Wenn die Wissenschaft derartiges dekretiert, so fängt sie an zu glauben, oder mit anderen Worten, ein Dogma zu werden. Dringt die Wissenschaft wirUich ins Innerste der Natur und der Geschichte, was sie nickst tut, dann könnte sie Richterin über die Heilskunde unb den Wunderglauben sein. So aber hat der Glaube der Wissensckwft gegenüber ein freies Feld. Freilich wollen wir nicht Wunder in beliebiger Zahl annehmen. Wir haben das lebensnotwendige Interesse an der gesetzlickien Naturordnung, hinter der Gott steht. Unser Wunderglaube kennt nur das Zentralwunder, mit dem er steht und fällt; nicht jedes biblische Wunder ist ein Zentralwunder. Das Zen- tralwunder ist der große Bund des gottgeborenen königlick^en Retters, der aus der Ewigkeit in bic Welt gekommen ist unb das Wunder seiner Rückkehr in das wahrhaftige Menschenleben zur
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Aus Heften.
Zur Besoldungsvorlage.
bs. Darmstadt, 24. April. Die Beamtenbesoldungsvorlage, die voraussichtlich am 7. Wat zum ersten Male im Plenum der Zweiten Kammer behandelt werden wird, begegnet nach wie vor mancherlei Bedenken in parlamentarischen Kreisen. Hier und da werden Stimmen vernehmbar, die eine glatte Ablehnung dieser Vorlage wünschen. Da aber die Regierung großen Wert auf die Annahme der Vorlage und zwar in Gemeinschaft mit dem Schuldentilgungsgesetz legt, wird man einigermaßen gespannt sein dürfen, welchen Ausgang die Verhandlungen nehmen werden.
Die „NeuenHefsischen Volksblätter" bringen in ihrer heutigen Nummer einen Leitartikel, der wohl mehr dem Wunsche der Regierung Ausdruck gibt als der Ansicht des Blattes selbst. In diesem Artikel heißt es:
„Auf die Vorlage im einzelnen einzugehen, möchten wir heute noch vermeiden, aber bas eine sei doch wieberholt betont, baß wir bie Idee, bie Vorlage als Mantelgesetz aufzubauen, nicht für sehr glücklich erachten, immerhin halten wir diesen Fehler nicht für so groß, um bas ganze Gesetzgebungswerk darüber stolpern zu lassen, denn wir meinen, baß es mit einer wirklich beamtensreunblichen Neigung ber Volksboten schlecht bestellt sein muß, wenn man aus kunstvoll zusammen getragenen Einzelmängeln ein kategorisches Nein konstruieren wollte. Bisher hat noch jebe Gesetzesvorlage bei ihrer Einbringung nachbrückliche Mängel gehabt, bie aber bei objektiver Behandlung im Parlament auf Grunb einiger Kompromisse größtenteils zu einem sehr brauchbaren Gesetz geworben sinb. Warum sollte bies nicht auch bei ber hessischen Beamtenvorlage ber Fall fein können? Wir selbst halten bie am meisten bemängelte prozentuale Ausbesserung ebenfalls für burchaus ungenügenb, aber wir verkennen auch keineswegs bie ursächliche Bebeutung ber Vorlage: in Anbetracht ber Daucrnben Steigerung ber Lebensbebingungen den Beamten möglichst schnell eine finanzielle Besserstellung zu verschaffen. Unb eben weil wir diese Tendenz ber Vorlage anerkennen, so erklären wir uns dahin, baß man zunächst versuchen muß, das zu bekommen, was von ber Regierung nach gewiß reiflichster Ueberlegung bargeboten wirb. Sicherlich würde bamit kein Jbealzustanb geschaffen, immerhin aber boch eine Grunblage, auf ber systematisch rocitergebaut werden kann, vorausgesetzt, daß bie Regierung von vornherein zugesteht, baß sie ben Passus in ber Vorlage fallen läßt, baß durch bas neue Gesetz bie Bezüge der Beamten „aus eine Reihe von Jahren" feftgelegt sein sollen. Geht die Regierung daraus efti, so sehen wir kein Hindernis, daß die Beamten die ihnen unbedingt zustehende Aufbesserung vorläufig zwar nur prozentual, dafür aber sofort erhalten in ber gesetzlich festzulegenben Voraussetzung, daß dies Gesetz nur die Grundlage bilden soll für bic Ausarbeitung einer neuen Vorlage unter weitestgehender Berücksichtigung der inzwischen bekannt gewordenen Wünsche auf durchaus durchgreifender unb umfassender Basis. Für den Augenblick aber vertreten wir — bas sei nochmals betont — die Ansicht, umgehend Geld für die Beamten flüssig zu machen, ein<
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gderhesjen
Zustande sei nicht nur der modische Zeitgeist schuld, i'onbeni auch bas Kirchenregiment, bas nicht zu rechter Zeit bic Gc fahren vorausgesehen habe, und viele gläubige Kreise, die aus Abneigung gegen religiöse Streitigkeiten sich allzulange abwar tenb verhielten. So seien bic Zustände entstanden, deren Syrnv tomc bic Fälle Jatkw, Traub, Hein, Fischer u. a. seien, mit ihren traurigen Begleiterscheinungen unb schwerverstänblichen Entscheidungen In dieser Not der Zeit sei der allgemeine positive Verband entstanden, ber vor aller Welt das Dasein einer macht vollen, zu den Bekenntnissen der Apostel seststehenbe Christen heit inmitten ber evangelischen Kirche Deutschlanbs dokumentieren wolle.
Hierauf ergriff der nunmehrige Professor der Theologie in Greifswald und frühere Studiendirektor in Wittenberg Lic. Tunk m a n n das Wort zu einer programmatisckwn Rede über das Thema
„T e r gegenwärtige Kamps in den Gemeinden um das Bekenntnis".
Er führte aus: Um was kämpfen wir, und wogegen kämpfen wir? Wir kämpfen um das apostolische Glaubensbekenntnis, wie es uns Luther gegeben hat, unb lote es in ber Augsburgischen Konfession unb in ber Sonforbienfonnel niebergelegt ist. Wir bekämpfen jebe sentimentale Verschwommen heit. Tie Mobernen schwelgen nur in Gefühlen. Wir kämpfen um die Mysterien ber Mysterien, um ben Glauben an die Wunder, an die Offenbarung unb an bie Auferstehung Christi. Wer nicht für uns ist, der ist wider uns. Ter modernen Treiü cinigfcit „Matrie, Naturgesetz, Entwickelung" setzen wir unsere Treieinigkeit entgegen, „den lebendigen Gott, seinen Sohn und den heiligen Geist". Möge der allgemein positive Verband sein bescheiden Teil beitragen, um dem Evangelium in der Zeit des modernen Interims zum Siege zu verhelfen. (Lebhafter Beifall.)
In der sich anschließenden
Aussprache
führte der Vorsitzende der evangelischen Konferenz in Baden, Pfarrer Murr «Brcttein aus, daß die Positiven gerade im Süden und Südwesten Deutschlands unter sehr schwierigen Verhältnissen kämpften, da dort der politische Liberalismus dem kirchlichen den Steigbügel halte und da die theologische Fakultät Heidelberg nur eine liberale Professur habe.
Pastor Nahen deck (Köln) schilderte eingehend die Kämpfe in der dortigen Gemeinde, wo ein Mann die Gläubigen mit warmherzigen Gcfühlspredigten förmlich berauschte, ein Mann, gegen den ein nachsichtiges Kirchenregiment erst spät eingriff.
Pastor Meister (Hannover): Es gibt feinen Frieden zwischen Liberalismus und Positivismus. Ter Liberalismus fraternisiert mit der Masse, mit dem Straßen pöbcl, und das ist die *2ünbc, die schon Shakespeare als die niedrigste Entartung be>-
Au; den Bcid)$tagsausfd)üficn.
:: Berlin, 24. April.
Tie Haftung der Post.
Der B i t t s ch r i s t e n - A u s s ch u ß des Reichstags be fchäftigte sich, wie kürzlich in einem anderen Falle, auch heute mit der Frage der Haftpslicht der Post. Der Bei kehrsausschuß des deutschen Handelstages ersucht in einer Eingabe um Abänderung der Postordnung dahin, daß für in Verutst geratene Nachnahmesendungen aller Art bie Post die Haftpflicht übernehme. Die Postverwaltun.g wehrt sich gegen jede Erweiterung ihrer Hastpflicht. Ihr Vertreter verwies darauf, daß bei 73 Millionen Nachnahme sendungen im Jahre 1909 und 1910 nur 60, also weniger als ein Millionstel, in Verlust geraten sei; und auch in diesen 60 Fällen sei der materielle Schaden sehr gering gewesen. Würde aber die Haftpflicht eingeführt, so mußten alle die 36 bis 40 Millionen jährlichen 'Nachnahmesendungen besonders behandelt werden: das würde eine Beamtenvermehrung und Gebührenerhöhung zur Folge haben. Ter Ausschuß stellte fid) indes in seiner überwiegenden Mehrheit nicht ans dep Standpunkt der Postverwaltun^ Er folgte den Ausführungen des Abg. M e i n h a u f e n (Vp.), daß gerade die geringe Zahl der Verlustfälle die Post so gut wie gar nicht belaste und den Beweis liefere, daß man auch ohne eine besondere Behandlung und damit ohne Ge bührenerhöhung auskommen könne. Die Eingabe des Verkehrsausschusses des deutschen Handelstages wurde daher dem Reichskanzler zur Erwägung überwiesen.
Der Wahlprüfungsausschutz setzte heute die Prüfung der Wahl des Abg. Pauly (Hage- now, kons.) fort, kam aber noch nicht zu einer Entscheidung.
Sudwestafrika im Budgetau?lchutz.
Der Budgetausschuß führte heute die Beratung des Voranschlags für Siidwestafrika zu Ende Auf die Anfrage, ob die Nachrichten über das Nachlassen des Knp- fervorkommens in Otavi richtig seien, und ob die Kolonialverwaltung seinerzeit Kenntnis gehabt habe von dem Gutachten des Kupfersachverständigen Christopher James, teilte ein Zentrumsmitglied auf Grund der ihm zugegangenen Nachrichten mit, daß die zuerst von dem Abg. Sudekurn aufgestellte Behauptung über das Gutachten U n - richtig sei. ES liege eine falsche Uebersetzung vor. Nach den Berechnungen des Gutachtens reiche das Kuvfer- Vorkommen erheblich länger für die Betriebe aus. Tie Berechnungen der Bahn beziehen sich nicht, wie behauptet, auf die Bahn bis zu den Otavi-Minen, sondern aus eine Bahn bis in das Angola-Gebiet hinein. Auch ber Staatssekretär bestätigte, daß eine falsche Uebersetzung vorliege. Das Erzvorkommen reiche nach den heutigen Schätzungen auf 10 Jahre noch aus.
Im Ausschuß wurde lebhaft der Wunsch geäußert, es möchte auch in Sudwest, wie in den übrigen Kolonien, die Zahl der Beamten beschränkt werden. Der Staatssekretär gab der Hoffnung Ausdruck, daß es ihm gelingen werde, im Anschluß an seine demnächstige Reise nach Südwest entsprechende Maßnahmen durchführen zu können. Die derzeitige, nur dreijährige Dienst- Periode der Beamten wurde beanstandet und nach langer Aussprache eine Entschließung angenommen, die eine vierjährige Dien st Periode fordert. Weiter wurde eine Herabminderung der Polizeimannschaften für zweckmäßig und durchführbar gehalten und dementsprechend 62 000 Mk. gestrichen. Weiterhin wünschte der Ausschuß, daß das Reich künftig Farmen nur verkaufen solle, wenn zuvor Wasser er bohrt sei, da der Verkauf von wafserlosem Farmenland die Farmer vielfach in Schwierigkeiten gebracht habe; es solle den Farmern ermöglicht werden, auf ihren Farmen auch von privater Seite Bohrungen vornehmen zu lassen, vhne daß sie der Vorschüsse von der Regierung verlustig gingen, die ihnen bei der staatlichen Bohrung gewährt Verden.
Auch in diesem Jahre wurde wie im vergangenen die geforderte Ortszulage für verheiratete Beamte des Bezirksamts L ü d e r i tz b u ch t von der Mehrheit des Ausschusses a b g e 1 e h n t, trotz der Schilderungen des an wesenden Bezirksamtmanns über die ungewöhnlich teueren Verhältnisse. Die Mehrheit des Ausschujses war der Meinung, daß in Bälde eine Besserung zu erwarten sei.
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