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20.12.1912 Erstes Blatt
 
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Nr. 300

Erstes Blatt

8reitag, 20. Dezember 1912

162. Jahrgang

Bcrni-vrei »:

General-Anzeiger für Gberheffen

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scheint täglich, außer» W XA V monatlich 73M., viertel-

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snr dte Redatnon 112, W politischen Teil. August

ES General-Anzeiger für Gberheffen ML-ZL

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Buch- und Zteindruckerei H. Lange. Redaktion, Erpedition und Druckerei: 5chulstrahe 7. Loni)" :'E.Heß "ür den

bis vormittags 9 Uhr. Büdingen: Zernfprecher Ur. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: H. Bcck.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Die Neuregelung der ^<onkurrenzklaurel.

Zu den heißumstrittensten Vorlagen, die nach den Weih- itachtsfcrien den Reichstag beschäftigen werden, gehört d r Gesetzentwurf zur Aenderung der §§ 74, 75 und 76 Ab­satz 1 des Handelsgesetzbuches, der eine Neuregelung der Bestimmungen über die Konkurrenzklausel b zweckt Es haben sich auf diesem Gebiet schwere Mißstände einge­schlichen, die man durch die im «Jahre 1897 geschaffenen Bestimmungen des Handelsgesetzbuches einzuschränk n a- bofft hatte, eine Hoffnung, die sich aber nur in sehr be­dingtem Maße erfüllt hat. Was man damals durch die Beschränkung der vertraglichen Abreden in Bezug auf die ernere gewerbliche Tätigkeit des Handlungsgehilfen nach >er Beendigung des Dienstverhältnisses zu verhindern uchte, hat sich unterdessen in der Praxis immer lvicder in steigendem Maße als ein durch die bisherigen gesetz- lichcir Bestimmungen nicht auszurottender Ueb. Island er wiesen. Junge Leute, vor denen noch das ganze Leben offen liegt, unterschreiben Verträge, durch die sie sich selbst die Möglichkeit abschneiden, die Kenntnisse, welche sie er­worben haben, zu benützen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und sie verpflichten sich zu Konventionalstrafen, zu denen weder ihre gegenwärtigen noch oft genug auch ihre zukünftigen Mittel reichen.

Da die in den §§ 74, 75 und 76 vorgesehenen Bestim­mungen zur Einschränkung -es freien BersügungSrechtes über die Konkurrenzklausel sich als in Muer Weise aus­reichend zur Beseitigung der besagten Mißstände erwiesen haben, sucht hier der dem Reichstage zugegangene Gc- schentwurf eine neue Regelung zum Ausgleich der auf diesem Gebiete besonders hart aufeinander stoßenden Inter­essen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer zu schaffen Es lag hierbei in der Natur der Sache, daß eine solche gesetzliche Regelung nur aus dem Wege eines Kompromisses möglich war, und daß weder die Wünsche der Unterneh­mer noch die der Angestellten voll berücksichtigt werden Eonnten. Unter den einsichtigen Arbeitgebern hat sich die Erkenntnis immer mehr verstärkt, daß eine die Interessen Der Angestellten, insbesondere der Jüngerey, Unerfahrenen, . besser wahrende Regelung der Konkurrenzklausel unum Igänglich sei. Der dem Reichstage vorliegende Gesetzentwurf schlägt diese Regelung auf einem neuen Wege vor, nämlich auf dem der sogenannten bezahlten Karenz. Das heißt, das; die Konlürrenzvereinbarung nur dann verbind­lich ist, wenn sich der Prinzipal verpflichtet, für die Dauer Der Befchränlung eine Entschädigung zu zahlen Man null auf diese Weise verhindern, daß der Handlungsgeh lfe sich durch Verpflichtungen, die über feine Kraft g hen, suvsistenzloS macht, und man erwartet zweitens hiervon die günstige Wirkung, daß der Arbeitgeber sich, aus R.ick- sicht auf feinen eigenen Geldbeutel, in der Anwendung der Konlurreuzllausel weise Beschräniung anfeil gen wird.

Der Gedante der bezahlten Karenz, ist zweifellos gut und dürfte im Reichstage Billigung finden. Vielleicht würde es, sich empfehlen, die schwierige periodische Be­messung, wie sie der Entwurf vorschlägt, durch die ein sachere Maßnahme einer einheitlichen Regelung der Ent­schädigung für die Dauer des Konkurrenzverbotes zu er setzen.' Selbstverständlich kann es sich hierbei nicht um Die Fortzahlung des vollen Gehaltes, sondern nur um eine angemessene Entschädigung für die durch die Konkurrenz-

llausel bedingte Erschwerung des Fortkommens handeln. Lebhafte Einwendungen dürfen im Reichstag gegen die Einschränkung erhoben werden, daß eine Vergütung nicht entrichtet zu werden braucht, wenn sich die Vereinbarung auf ein Jahr und zugleich auf dem Umkreis von zwei Kilometer« beschränkt, ober wenn es sich um Gehilfen han­delt, deren jährliche Bezüge 8000 Mk. übersteigen. Wei­ter wird von den beteiligten Kreisen die Forderung er­hoben, daß die Verabredung einer KvnkurrenzNausel in den Verträgen mit Lehrlingen überhaupt fortfallen soll, und endlich wird nicht mit Unrecht eine Bestimmung verlangt, wonach die Konkurrenzklausel hinfällig werden soll, wenn der Arbeitgeber an ihrer Aufrechterhaltung erweislich kein sachliches Interesse hat.

Mit Befriedigung ist es zu begrüßen, daß Konkurrenz­verbote künftig nur bei schriftlicher Vereinbarung gültig sein und ehrenwörtliche oder sonstige, das Gewissen bin­dende Zusagen des Angestellten die Vereinbarung nich­tig machen sollen.

Alles in allem bietet jedenfalls der Entwurf eine brauchbare Grundlage, auf der es dem Reichstage hoffent­lich möglich sein wird, einen beide Teile einigermaßen be­friedigenden Ausgleich der Interessen herbeizusühren.

Die veisetzungzseier in München.

Aus München wird uns vom 19, Dez. geschrieben: Seit dem denkwürdigen Beisetzungstage des Königs Ludwig II. im Juni 1886 ist das bayerische Volk nicht mehr in so gewaltigen Massen zum letzten Trauergruß des Landes in der Residenzstadt zusammengeeilt wie heute, am Tage der feierlichen Beisetzung der irdischen Reste des Prinz­regent Luitpold in der bei der Residenz gelegenen Hofkirche zum Heiligen Kajetan. Aus ollen Gauen Bayerns und besonders auS den Bergen, d'.e der Verstorbene so sehr liebte, brachten Sonderzüge seit dm frühesten Mor­genstunden gewaltige Menschenmassen. Eine undurchdring­liche Mauer von Menschen und Leidtragenden stand in den Straßen der inneren Stadt, insbesondere in der Nähe der Residenz, auf den Straßen und Plätzen, die der Trauerzug zu passieren hatte, hinter dem Spalier der Truppen der Garnison, die zu der Trauerparade ausgerückt war. Fast allenthalben ruhte in der Landeshauptstadt die Arbeit Die meisten Geschäfte, die Läden und die Bureaus der Behörden waren zum Zeichen der Trauer geschlossen. Fast jedes ein­zelne Haus im Innern der Stadt ist schwarz beflaggt.

Ihn 10 Uhr 40 Minuten traf

der deutsche Km i s e r mit feinen Söhnen Prinz Eitel Friedrich, Prinz August Wilhelm und Prinz Oskar mit Gefolge im Donderzug von Berlin auf dem hiesigen Hauptbahnhof ein 3u seinem Empfange hatte sich Prinzreg'entAudw g m|it G folge auf dem Hauptbahnhose eing.ffund.n, ebenso Pr n, Joachim von Preußen, der bereits heute früh von Straßburg hier eingetroffen war. Als Prinzregent Ludwig mit dem Kaiser in der Residenz aus dem -ganzen Wege von dem bayerischen Volke ehrfurchtsvoll begrüßt, eintraf n hatten sich bereits in den Reichen Zimmern die sämtlichen fürstttchen G^ste imtben bayerischen Prinzen sowie deren Gefoge, ferner die Herren des diplomatischen Korps dort versammelt Unter anderem waren dort zur Begrüßung erschienen der Reichskanz­ler, die Vertretungen des Bundesrats, sämtliche bayerisckze Zivilstaatsminister und der Kriegsminist.r, dann die M^.- glieder der bayerischen Kammer der Avg ordneten und des deutschen Reichstags. Im Rittersaal Hutten sich die frem­

den Offiziers-Deputationen, die Erzbischöfe von Münckzen-- Freisings und Bamberg, dann die anderen bayerischen Bi­schöfe, die Reichsräte, die Staatsräte usw. versammelt.

Der deutsche Kaisxr und der Prinzrcgent Ludwig wur­den bei ihrer Anfahrt in der Residenz vom Großen Dienst empfangen. Sie begaben sicki unmittelbar in die Reichen Zimmer, wo der Kaiser der Gemahlin des Prinzregenten, Fran Prinzessin Ludwig und den Hinterbliebenen der kön g- lichcn Familie, sein herzlichstes Beileid aussprach, wäh­rend Prinz Ludwig die Beileidskundgebungen der erschiene­nen fremden Fürstlichkeiten entgegennahnl.

Punkt 11 Uhr erschollen Trauerfanfaren, b g'c tet von den dumpfen Wirbelschlägen b -r mit schwarzem Flor be­spannten Pauken. Die sämtlichen Glocken aller Kirchn der Residenzstadt erklangen und Kanonendonner vom Obcr- wiesenfeld kündete mit 1<)1 Schüssen du Beginn des Trauer­zuges von der Allerheiligen Hof.irche. Der Wag'n war mit acht schwarz behangenen Pferd n bc'pinnt Zur rechten Seite des Leichenwagens ritten di - Geueraladjuianlen des Verblichenen, links zwölf .Klnegliche Kammerherren, wäh­rend das Bahrtuch von den Kommandeuren d s Ordens der Ritter vom Heiligen Georg getragen wu de W itcr schrit­ten zu beiden Seiten des Sarges Stabsoffiziere der baye­rischen Regimenter, deren Inhaber Prinzregent Luitpold war. Hieraus sorgte Erzbischof Bctking r in t d r gesamten Domgeistlichkeit Münchens. Schon lange b vor der Leichen­wagen von der Allerheiligen-Hoflirche absnhr, hatten sich Truppenabtcilungen, zahllose Vereine mit ihren um lortcn Fahnen, die sämtlichen Schulen Münchens und M.öfter* kongregationen in Bewegung gesetzt Unmitt lbar hinter dem Leichemvagen wurde das Leibpserd d.s Priit reg n en geführt, das schon seit Jahren das Gnadenbrot genoß. Hinter dem Träger des 'Kreuzes folgte Prinzregent Ludwig, zu seiner Rechten der Kaiser mit dem Mar­schallstab und den Insignien des Hubertns-Drdens und zu seiner Linken der König von Sachsen, beide in der Uu form ihrer bayerischen Regimenter Hin er di seu schritt Prinz Leopold zwischen dem König von Belgien und dein Er z h e r z o g T h r o n f o l g e r v o n Oe st e r r e i ch. Prinz Rupprecht zwischen dem Großfürsten Boris von Ruß­land und dem Herzog von Teck, Prinz Earl zwischen dem Jnfanten Don Carlos von Spanien und dem Herzog von Genua als Vertreter ihrer Könige, Prinz Franz mit den Groß Herzögen von Baden und von Hessen, Prinz Georg mit den Groß Herzögen von M e ck l e n b u r g und Oldenburg. Dieser: folgten die fremd n Fürstlich­keiten und sämtliche übrigen Prinzen des bayerischen Kö­nigshauses, die Vertreter des Papstes, der Vertreter des Präsidenten Falliöres, die Abgesand en fremder Fürstlich­keiten und Regierungen, der Reichskanzler mit den Vertretern des Bundesrats und des Reichstages, das diplo­matische Korps, die bayerischen Standesherren, die Mit­glieder der buhen Kammern des Landtages u. s. f.

Als der Leichenwagen in der St. Kajetan-Kirche an- langte, empfing die gesamte Geistlichkeit den Sarg und geleitete ihn in die Kirche. In diesem Augenb ick er­tönten die Ehrensalven vom Ho'g arten heriib r, w lche von drei Bataillonen Jnsan cric uno drei B.ttterttn Art llerie abgegeben wurden. In der Kirche mürbe die Einseg­nung der Leiche durch den Erzbischof vorgenommen und der Sarg alsdann unter Voranlritt der Geistlichkeit in die Gruft getragen und mit zwtt Schlö,fern verschlossen. Damit war oie Trauerfeier beendet.

Heute nachmittag 5 Uhr sand im Barbarossasaale der

Das Kinhenoratorium dieGeburt Jesu Christi"!

Von Heinrich von Herzoge «berg.

Vom Evangelischen Kirchengesangverein wird uns zur Ein­führung in das am nächsten Sonntag stattfindende Konzert aßo geschrieben: r .

Ucbcr das Kirchcnoratortum tm allgemeinen hat lid) her Komponist selbst im Jahrgang 1896 derMonatsschrift für Gottes dienst und kirchliche Kunst" folgendermaßen ausgewrochen:

Tas Kirchenoratorium, wie es sich wohl als Frucht des 'm jüngster Zeit neuerblühenden kirchlich-liturgischen Lebens heraus gebildet hat, ist in der Kunstgeschichte eine neue Erscheinung. In einem Hauptpunkt unterscheidet es sich von allen leinen lausern, ja überhaupt von jeder anderen musikalischen Vornihr'ung. Zeriällt ein gefüllter Konzertsaal gewissermaßen in zwu Lager, die Aussührenden und die Ausnehmeirden, io ilt hier diese Trennung und die aus ihr beruhende Gegenwirkung,nur eine äußerliche und scheinbare. Demi die zu einer musikalischen Andachtsltunde nicht mit einem Kirchenkonzert zu verwechseln! in der Kirche versammelte Gemeinde verbindet in sich beide -ager zu einer Ginbeit, ganz wie es im Gemcmdegesange nicht eine imgenbc und eine dem Gesang zuhörende Gruppe gibt. *luaj der Gelang einzelner oder zu einem Chor vereinigter ganger, itromt hier aus dem Empfindungsbedürfnis der Gemeinde hervor. ~ i.ieie Nch scheinbar in Gegenwirkung zur Gemeinde itellenden rohsten und Chorsänger gehören zu ihr, ganz wie der Prediger und Liturg. Wahrlick, eine echt evangelische Blüte: keine andere Konfesiwn könnte sie gezeitigt haben! . . _

Der Komponist ein Diener der Gemeinde wie der Organist "tritt in den Hintergrund, von wo aus er unbemerkt die Leitung der Andachtsstunde übernimmt: ber -ton des Werkes wird durch die Forderung bestimmt, bau in keinem Augenblicke eine Betrachtung eingefügt, eine Empsindungsielte angelchlagen werbe, di- sich nicht in her Seele her Gemeinde unmittelbar und wie von selbst emporheben würbe, ©leicbiam aU äußeres Stunbol für bies Verhältnis wirb in so gearteten Klrchenstucken oratorifdien ober auch nur beschaulichen Charakters Don meinen ^itgenossen unb mir an wulstigen Punkten des Werkev der Ge- mcinbe selber die Zunge gelöst: l'ie tritt bann mit baifcnben Choralstrophen in den Rahmen desielben em. Um die Einheit be3 Werkes noch besser wahren zu können und au; genniic Emp- sindnngsübergänge nicht verzichten zu müssen, habe ich m dem vvrliegendeii Oratorium zu öfteren Malen das Wagnis versucht, diese Gemeinbegesänge durch Vor-, Zwilchen- und Nachipielc inniger mit dem ganzen zu verbinden. Durch den Kunstchor als Loriänger unterstützt, dürfte die Ausführung keine Schwierigkeiten

ober unliebsame Störungen verursachen."

Das erste von diesem Gesichtspunkte von Herzogeitberg ge­

botene Kirchenoratorium ist die Geburt Jesu Christi. Text aus Worten der kirchlichen Schrift und geschichtlichen Liedern zusammen­gesetzt von Friedrich Spitta. Es ist von unserem Kirchengesang- oercin schon einmal im Jahre 1896 ausgesührt worden, und steht von damals her bei allen, die es gehört haben, in bester Erinnerung. Ucberhaupt ist cs vielleicht von sämtlichen Werken Öerzogcnbergs am meisten ausgesührt worden. Es verdankt seine Beliebtheit zum Teil den vielen schönen alten Weihnachtsliedern, die mit großem musikalischen Geschick darin verarbeitet sind. Wunderbar ist darin der kindlichnaive Ton getroffen, wie cs für die Weihnachtsgeschichte paßt, sehr eigenartig ist zur Charakteristik der Hirten die Oboe verwandt. Es fehlt auch nicht an Parlicen von geradezu momcntaler Großartigkeit, wozu vor allem der ge­waltige neunstimmige Zchlußchor:Also hat Gott die Welt geliebt", in dem der Choral:Er ist auf Erden kommen arm" als cantus firmus verwandt ist, gehört. Das Werk ist von dem Kirchengesangverein ynter Leitung des Herrn Professors Traut­mann mit bekannter Sorgfalt cingeübt worden, und es darf am Sonntag eine des Werkes würdige Aufführung als schöne Einleitung unserer Weihnachtsfeier erwattet werden.

Die älteste Wallenstein-Tragödie. Jüngst entdeckte Dr. Franz Gollsch in Graz in der steiermärkischen Laichesbibliothek ein kleines schmales Bändchen, in zerschlissenes, graugeädertes Papier geheftet unter dem staubigen Wust der Elendsberichte des 17. Jahrhunderts. Der Titel lautet: Nie lai Vernulaei Fritlandns Traeoedia. Lovann. typis J. Coppenii 1637". Tas Titelblatt ist mit allegorischen Figuren geschmückt imb ein mit Sorgfalt ausgeführter Kupferstich, den Friedländer in eiserner Rüstung darstellend, ist dem Büchlein oorgeheftet. Tas Begleitschreiben zu der Tragödie ist an Peter Roose, den Konseilspräsidcnien Seiner Katholischen Majestät in Hispanien unb Belgien gerichtet, und vom 15. Januar 1637 datiert. Drei Jahre vorher, am 25. Februar 1634, war Wallenstein zu Eger ermordet worben. Ter Mann, der hier es wagte, den blutigen Schatten des großen Heerführers auf die Bühne zu '.zerren, und in diesem Trauerspiel Personen auftreten zu lassen, die damals noch am Leben waren, loar ein ehrgeiziger Professor der Beredtlamkeit an der erzkatholischen Hochschule zu Löwen in Brabant und kaiser­licher Hoshistoriograph. Wir haben es also mit einer Schultragodie in lateinifeben Alexandrinern zu tun. Nicolaus de Vemula, wie er ohne Verballhornung heißt, zeigt lediglich den ehrgeizigen Frevler, der für feine Auflehnung gegen die gottgewollte Maiestät die verdiente Strafe empfängt. Wohl ahnt er etwas von dem Kampf und Zwiespalt in dieser gewaltigen Mannesseele, aber in seinem bildneris^en Unvermögen profitiert er all die gleichsam nach außen in zwei allegorische Figurkn, einenguten" und einen bösen" Geist, die den Feldherrn unausgesetzt mit ihren trivialen

Ratschlägen und Sentenzen behelligen, zwei öde Patrone und Poltrone. Es fehlen auch der Genius Anstriaeus und die Ger­mania nicht auf dem Theaterzettel. Sonst treten noch die histo­rischen Persönlichkeiten auf mit ihren luteinisierten Rainen: Ter- l'eta, Kinskuis, Jllous, Neurnannus, Piccolorniwus, Butlerus usw. Ter erste Akt enthält Wallensteins Auseinaiidersetzung mit Senex und Lalgus Parasitus, dem guten und dein bösen Geist, der zweite Akt läßt die Verschwörung leimen, der dritte und vierte spinnt sie in endlosen Reden weiter. Tic Ermordung beim'Gastmahl im 5. Akt geht wie die Wallensteins auf offener S.zene vor sich. Genins Astriacus und Germania sprechen den Epilog mit dein Refrain: Caesar triumpha iam licet!. Tiefe Fritlanbusausgabc scheint recht leiten zu sein, denn sic wird in der Wallenstein-Literatur nicht erwähnt. Das Stück des Vernuleus, der übrigens auch vor Schiller Johanna d'Arc zum Gegenstand eines Dramas ge­macht hat, war unserem Dichter übrigens, wie der Plstlolog Gött- ling berichtet, wohlbekamit. In jenen Jahren Hal auch Paul Flemming, der fromme Liederdichter, ein Heldengedicht Wallen steins bedacht, und selbst auf der englischen Bühne erschien der General in der Dramatisiernng GlaplHorns als wüstes Scheusal. Wandertruppen brachten dann dies Stück nach Deutschland, unb 1690 ist cs von der Veltenschen Truppe im Berliner Rathausc gespielt worden.

Ft. Die erste vollständige Ausgabe von Rous­seau s ,,Confessio ns" wird demrtächst, von Georges Crös besorgt, m Paris erscheinen Tie neue Ausgabe wird eine ganze Reihe bisher unveröffentlichter Bruchstücke bringen, von denen dieRevue" jetzt bereits eins der bemerkenswertesten, einen Herzensschrei Rousseaus, mitfeilt, der als Vorrede zum zweiten Teile dient:Diese Hefte, die voller Fehler aller Art sind und die ich nicht einmal habe durch!csen können, sind ausreichend, jedem Freunde der Wahrheit die nötigen Anhaltspunkte zu geben und ihm die Mittel an die Hand zu liefern, sich ihrer durch eigene Infor matumen zu versichern. Unglücklicherweise erscheint es mir unwahr scheinlich, ja unmöglich, daß sie der Wachsamkeit meiner Feinde entgehen. Wenn sie in die Hände eines Ehrenmannes fallen (oder in die von Freunden des Herrn von Choiseul, wenn sie an Herrn von Choiseul selbst gelangen , so steht es um die Ehre meines Andenkens nicht hoffnungslos. Aber, o Himmel! Be­schützer der Unschuld, bewalxre diese letzte Nachrichten von mir vor den Händen der Damen de Bouffiers, de Berdelin und der ihrer Freunde! Entreiße wenigstens diesen beiden Furien das Denkmal eines Unglücklichen, den du ihnen zu Lebzeiten überlassen hast. Jean Jacgues Rousseau."

Kurz e Nachrichten aus Kunst und Wissen-- schäft. Wie der Telegraph aus Indien meldet, ist dort auf einer seiner ausgebefmlen Reisen der frühere Staötrat Dr. Ficks aus Freiburg i. Br. gestorben.