Ur. H8
Zweites Blatt
162. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».
General-Anzeiger für Gberhefien
Tie „Gießener ZaMiliendlStter" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da» „Hüllblatt für den Kreil Siehe»" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Zeit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Mittwoch. 26. Juni 1912
SRolaliontbnxrf und verlai, der BrLdl'sch« Unroerfttälf - Bnch- und etcuibrudera.
R. Lange. Lietzen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: S<dul-
stratze 7. Expedition imb Verlag:
Redaktion: e^»S US. IcL-?lbr.:'?lnietger<»ic6tn.
England und seine Zlottenvermehrung.
London, 25. Juni. Die Erklärung des Schatz- kan z i ers über die Verwendung des Budgctübcr- s ch u s s e s findet in der Presse eine günstige Aufnahme, lieber die Verwendung von 1 Million Pfd. Sterling für die Flotte schreibt „Daily CH r o nie le":
CS ist der Gegenstoß gegen die Extraausgabe, die Deutschland nach dem neuen Flottengesetz auf sich genommen
Verwendung von Kaufleuten mit Handelrhochschulbildung.
Der Verband der Inhaber deutscher Handel s-H o chs chu l-D i p l o m e hat an die Handelskammern em Rundschreiben gerichtet, in dem er darauf hinweist, daß, als vor ungefähr 13 Jahren die erste d.nlschc Handels-Hochschule, welcher im Laufe der Zeit weitere sechs gefolgt sind, gegründet ward, man von dem Gedanken geleitet wurde, durch diese neue Institution dem Kauf- manne die Möglichkeit zu geben, den gesteigerten Anforderungen unserer Zeit durch ein vertiefendes Fachstudium gerecht zu werden. Leider begegne man in der Oeffent- lichkeit noch vielfach Ansichten, die auf eine völlige Ver kennung über Zweck und Ziele des kansmännisä-cn Stu diums schließen lassen. Am bedauerlichsten sei es, daß auch ein großer Teil der Kaufmannschaft dem Hochschulstudium gegenüber sich noch immer ablehnend verhalte. — Der Verband der Inhaber deutscher Handels-Hochfchul- Diplome wendet sich deshalb an die Handelskammern als die berufenen Vertreterinnen des Ztaufmannsstandes mit der Bitte, die weitgehende llnterstützung, die fie bisher dem Handcls-Hochschulgedantcil entgegengedracht haben, auch den Absolventen der Hochschule zuzuwcnben imb durch geeignete Maßnahmen die in ihrem Bezirke ansässigen Kaufleute und Industriellen auf die Diplominhaber chn- zuweisen.
Die Handelskammer Bochum hat darauf erwidert, daß sie bei den größeren Firmen und Werken des Bezirkes eine Umfrage veranstaltet habe. Sechs- undzwanzig Firmen, darunter viele große industrielle Gesellschaften, haben mitgeteilt, daß sie bisher nicht in die Lage gekommen seien, mit Angestellten, die auf Handelshochschulen oorgebildet waren, eigene Erfahrungen zu machen. Die wenigen Firmen, welche solche Angestellte beschäftigt oder aiibenueitig beobacl)tet haben, äußern sich zum Teil recht abfällig über deren Lei st un gen, Verwendungsfähigkeit und Bernfsfrcudig- keit. Rur Don zwei Seiten sind anerkennende Urteile über den Wert der Handelshochschulbildung eingelaufen.
„Da die Handelshochschulen", jo heißt cs in dem Schreiben der Bochumer Handelskammer wörtlich, „seit ihrem Bestehen von Taufenden junger Kaufleute besucht worden sind, so ist es erstaunlich, daß im hiesigen Bezirk bisher so wenige derselben Anstellung gefunden haben. ES scheinen sich aber auch nod» nicht viele um Stellungen bei hiesigen Firmen beworben zu haben. Ein großes Werk der Eisenindustrie z. B. teilt uns mit, daß sich auf die Don ihm un Laufe der Jahre ausgeschriebenen Stellen bisher noch kein Kaufmann mit Handelshodychulvorbildung beworben habe. Von dieser Firma wie auch von anderen Firmen wird die Vermutung auSgesproclxn, daß die akademisch vorgebildeten Kaufleute von vornhereiii zu hohe Anforderungen stellten und nicht gewillt seien, gleich den akademisch vorgebildeten Technikern ihre kaufmännische Lausbahn mit unteren Stellen zu beginnen."
Das gewiß wohl erwogene Urteil der Bochumer Handelskammer ist recht betrübend für die Handelshochschulen. Mit Rücksicht auf daS geringe Beobactst-ungsmaterial ent- Ijält sich die Kammer eines abschließenden Urteils, erklärt aber auch gleiäjzeitig, nicht in der Lage zu sein, F-irmen ihres Bezirks aus die Diplonnnhaber empfehlend hinzuweisen.
bat. Tiefe Ausgaben geben keine Veranlassung für unangebrachte Besorgnisse, aber uifoicrn die Lage dadurch geändert wird, müsse man Gegenmaßregcln ergreifen.
Tie „T a11y News" beklagen die neuen Ausgaben und erklären sie al5 eine Folac der falschen auswärtigen Politik Englands, die in 12 Jahren daS englische Flottenbudget von 13 aus fast 50 Millionen Pfund Sterling gebracht habe. Diese Entwickelung könne nur durch eine Aenderung der Politik aufgehalten werden.
Ter „Daily T e l e g r a p h" fuhrt aus, dÄG die Zuwendung von einer Million Pfund Sterling für die Admiralität zunächst keine Vermehrung des Flottenetats bedeute, da die Admiralität im vorigen Etatsjahre 1,6 Mill. Pfund Sterling von der vorn Parlament bctoilliatcn Summe nicht ausgcgcben habe. Das Blatt besorgt, daß bie Regierung nicht mit der nötigen Energie in der Flottenfrage vorgehe.
Tie „Times" sagt:
Wenn von dem Ueberschuß des letzten Budgets nur eine Million Pfund Sterling auf die Flotte entfiele, so würde Churchill berechtigt sein, bei der Einführung des RachtragSetats locitcre Summen aus dem laufenden Budget zu fordern: man müsse erwarten, daß er das entweder tun oder überzeugende Gründe Vorbringen werde.
Im Unterlaufe
führte Lloyd George zur Begründung der Aufwendung von einer Million Pfund Sterling für Britisch-Ostasrika und Uganda aus: Ttc Produktion dieser Gebiete namentlich von Weizen und Baumwolle befindet sich in einer außerordentlichen Entwickelung und hat sich in zwei Jahren mehr als verdoppelt. In diesem Jahre werde eine Ausfuhr von 105000 Zentnern Baumwolle aus Uganda erwartet. Tie Eisenbahnen, Tampsdoote und die Straßen ständen gänzlich außer Verhältnis zu diesen neuen Produktionsmengen Der Eisenbahnverkeln habe sich gewaltig vergrößert und dasrollendeM ater ial m ü f f e notwendig vermehrt werden In den Lagerhäusern und in den Lagerrampen gingen große Mengen der Produktion zu Grunde. Infolge des Mangels an Straßen könnten die Eingeborenen ihre Erzeugnisse nicht an die See bringen und würden dadurch entmutigt. Aus diesem Grunde beantragte Lloyd George, dem Kolonialamt eine halbe Million Psund Sterling vorzustrecken Er erwartet davon eine Verzinsung von 31,» Prozent.
Der italienifd]4ürti|d)e Krieg.
Die Vertagung btt italienischen Kammer.
Rom, 25. Juni. Tie Kammer hat sich auf unbc stimmte Zeil vertagt.
Vor der Vertagung der Kammer dankte Laciva dem Kammerpräsidenten und dem Ministerpräsidenten Giolitti. Er habe zahlreiche wichtige Vorlagen, darunter die Wahlreform, zur Annahme gebracht. Er danke auch dafür, daß er in der gegenwärtigen Zeit das Prestige und das Renommee Italiens so hoch gehalten habe. Lang an haltender Beifall.) ScÄießlich dankte der Redner den Kämpimi in Lybien und int aegäischen Meere, mit dem Wunsche, daß ihre Tapferkeit mit Sieg gekrönt werde. (2Ln- baltenbcr, allgemeiner Bestall.)
Giolitti erwiderte, mit Stolz könne er die Ruhe und die Festigkeit feststellen, mit der die Kammer in diesen bewegten Zeiten eines der erhabensten Probleme lösen konnte, die ein freies Volk interessieren. (Lebhafter Beifall.) Die Kammer zeigte sich als würdige Vertretung des ruhigen, selbstbewußten Heroismus des italienischen Volkes. (Die Mitglieder der Kammer und des Ministeriums erheben sich von ihren Plätzen.)
Ter Präsident pries das große Werk Giolittis und seiner Mitarbeiter. Er wies darauf hin, roctcbc Einmütigkeit des Willens sich beim König, der zum Heil Italiens dem Meuchelmörder entgangen sei (Donnernder Beifall; Rufe: Es lebe der König!), der Königin und der Königin-Mutter, wie bei sämtlichen Parteiführern gezeigt habe. Tem Heere und der Marme zolle die Kammer Bewunderung, ebenso dem ganzen Volke, daS erhaben über jeden Egoismus sich zu den größten Opfern bereitgefunden habe in dem Bewußtsein, daß nur der moralische Kredit des Vaterlandes sein Geschick sichern könne. (Allgemeiner, an dauernder Beifall: Rufe: Es lebe der König! Es lebe Italien!)
Tie Flage de» dtiebrnl|d)luffcl.
Konstantinopel, 2 Juni. Ter „Tanin" besaßt sich mit der Frage des Friedensschlusses und weift den Gedanken zurück, daß der Friede deslpilb ntcht geschlossen worden sei, w il Italien für Tripolis nicht tu das Reaime habe einwilligen wollen, das dem in Aegypten und Tunis analog wäre. Das Blatt fährt meitcr fort: Tie Türkei futb: keine Ausflüchte, um aus der TripoliSaffäre heranszukonttnen. Wir vergießen fein Blut für eine Schattenjouvcränität, sondern verteidigen eine luiröidK Souveränität. Italien könnte nur dann mit Recht eine Eroberung von Tripolis beanspruchen, wenn es ganz Tripolis besetzt hätte: dann könnten wir auch nach einem Weg für eine Verständigung suchen. Heute kann Italien ein Eroberungsredft bloß für die von ihm besetzten Punkte an der Küste beanspruchen. Die Verhandlungen könnten sich bloß mit der Souveränität für diese besetzten Punkte befassen
Aus IHarotfo,
Paris, 25. Juni Aus Fez wird gemeldet: In den Moscheen wurde ein Schreiben Mulay HafidS verlesen, nwrin dieser seine glückliche Ankunft in Rabat anzeigt und mitteilt, daß die Stamme, denen er auf seiner Reste sein Uebercinfommcn mit Frankreich angekündigt hübe, ihm überall die beste Aufnahme bereitet hätten.
Int llergatal ist ein neuer Prätendent auf- getaucht, der die dortigen Stämme gegen Frankreich auf- stachelt.
Paris, 25. Juni. Tie Kammer nahm einen Betrag ;'on 1373 545 Franken ftjr die m ili t ä rißchon Operationen in Marokko an.
Die Vorbereitungen zur Präsidentenwahl in Amerika.
Baltimore, 25. Juni. Bryan hat im Kampfe um die Kontrolle des dkrtionalkonvents feine erste Niederlage erlitten. Der Konvent Nstihlte den früheren Richter Parker mit 579 Stimmen zum zeitweiligen Vvrsitzen- >en, während Bryan, der selbst für das Amt des Bor- itzenden kaitdidierte, 506 Stimmen erhielt. Vor der Ab» tintmung herrschte wildeste Unruhe. Bryan erklärte, 'ieselben räuberischen Interessen, die den Chicagoer Kon-^ Dent zu einer Farce gestaltet hätten, seien letzt auch hier tätig.
Infolge der großen Unruhe und der Ermüdung bet Delegierten sowie der Zuschauer wurde der Konvent dir heute abend vertagt.
Kirche und Schule.
Kreis-Lehrerkonferenz deS Kreises Gieße».
△ Gießen, 25. Juni. >
Die Kreis-Lehrerkonsercnz des KrerseSGießen sand heute hier auf der Licbrgshöhc statt. Geheimerat Provinzial- Direktor Dr. 11 f i n g c r betonte, baß sich die zbreiskonferen-ew feit ihrer Einführung sehr bcivahrt hätten, sie brächten einen Aus-, tausch beruflicher Erfahrungen. Zum erstenmal sei eine Aus»' Heilung von Scbu l c r a r b e i t c n im Zeichnen damit verbunden, die eine recht schöne Leistung der Volksschulen deS Kreises oarüelltciL Er hoste, daß auf dem Gebiete des Zeichnens immer; mehr geleistet werde, da es Menschen und Charaktere bilde und.' im Leben außerordentlich notwendig sei. Anstelle des verhinderten Prof. Dr. Gisevius werde Dr. Wolf spreck)en über Wetterkunde. Gerade die Lehrer würden auf dem Lande auskläreud n-irfen können im Interesse der Allgemeinheit. Der zweite Vortrag beschäftige sich mit der staatsbürgerlichen Erziehung. Diese- ctcbiet müsse in der Volksschule immer mehr berücksichtigt werden. Die Masse der Bevölkerung muß mit den Rechten und Pflichten,
Johannes Schlaf.
In diesem Jahre werden mehrere unserer begabtesten modernen Dichter 50 Jahre alt. Tas gibt mir Veranlassung, auf den bedeutendsten unter ihnen hinzuweiscn, der in den bewußten , weiteren Kreisen" noch völlig unbekannt ist: den am 21. Juni 1862 geborenen Johannes Schlaf. Schlaf hat auf die Entwicklung der modernen Literatur (nickt nur der naturalinischen B» ncgungi einen Einfluß gehabt wie kein anderer lebender Dichter. Aus «Lcküafs Zusammenarbeiten mit Arno Holz Eitde der 80 er Jahre gehe ich nicht naher cm. Diese Perwde ist bereits „hi storifch" und wiederholt dargestcllt. Sie zeitigte die in den neuen Gleisen" gesammelten Novellen, Studien und das Drama: JSXe Familie Selicke". Um dieses Dramas willen sollten aud) hic literarisch interessierten Laien das Buch lesen. Dre „Familie Solide" ist das klassische, naturalistische „Familien-Drama" von einer Lebensechtheit der Milieuschilderung, an die vaupi- mann mit seinem „Friedensscst" nicht beranrcid)!. Mit incicm «tüd begann der Siegeslauf der naturalistischen DranmS. l-chlas ging als Bahiibredier voran. (Der Anteil von Holz an dem *stud ist wohl nur gering.) Aud» Hauptmann ist fein bänder' Und diese Stilrichtung zeitigte zwei reue Kunitroerk. die bleiben werden, Gipfel der gesamten mobmten DramaNk: LMais „Meiner Lelzc" unö die „Äebc^ von Hauptmann. Die „Weber kennt jeder halbwegs Gebildete. Wer kennt den „Meuter Oelzc , Meister Letze" ist em Charakterdrama. 3ud»_ hier ilt sorg faltigste Milieuschilderung, aber iic ut nicht mehr «elbitzw«!, tritt zurück hinter der Charakterschilderung.) Ein ^uchlcrmeuter da. vor Iabren seinen Stiefvater vergiftet, um ibn m beerben Ina loeilt seine ^tiesschwestcr, die damals leer ausAing, un Eltern bau', ikie niinmchr Meister Lolze gelwrt. ^le abni den ge:?ai.- samen Tod des Vaters und null Oclze sein Geheimnis entreitzcii Zwischen den Geschwistern entbrennt cm unerbittlicher '
jedoch nidn assen geführt wird. Von ihr mit Icheüibar ^in- losen, versteckten Anspielungen, von ferner «euc kaltem Hchm Die Schwester treibt den Bruder m Den aob. !
Sterbelager sucht sie ihm ein Ge iandmS al zurrngen. ^ber JJeiftir Oelic bleibt stark. Und als sein Verstand zu idumnden beginnt, als'er zu phantasieren anfangt, da ruft er den geliebten ^ohn ans Bert zu Schutz und Schirm und mrbt in doiien Armen , ÄS Der 3. Auszug des Dramas, der das Sterben schildert, ist für mich der Höhepunkt modernen, bramati men ^Gleichzeitig mit dieser düsteren und grandiosen Tragödie erschien Schluss Buch: „In Dingsda". Hier zeigt er »uh von echer ga^ andere, Seite: als Jsvlliker, als pocue- und nun- Ädl« SAibxrer UnMid«. Älrinlrft
Menschen. Bücher ähnlicher Art ftnd: Weil n und
Frühlingsblumen' und seine beiden OkDidubanbe: „öellbunfel L Ä '.Sommerlied". Alle diese BüMcr und geboren aus
schwärmerischer Liebe zur Natur. Kein Dichter ist so ganz eins mit der Natur wie Sdiüif. Er versteht ihre lausend Stimmen und macht sie uns fühl- und hörbar. Tas kleinste und das größte findet seine Liebe. Wie er den Sturm und Aufruhr der Natur schildert, so kann er auch stundenlang versinken in die Betrachtung einer Blume, eines Schmetterlings. Nirgendswo hat die monistiiche Weltanschauung, das monistijchc Weltgcfühl einen tieferen, poetischeren Ausdruck gefunden als in diesen Büchern. Bücher des „angewandten Monismus" hat sie mal einer tressend genannt. Die Bücher sind auch nicht ohne Einsluß auf einige der jüngsten Dichter gewesen. Ich glaube und hoffe, daß sie ihre stärkste Wirkung noch in der Zukunft ausüben werden. Neben diesen rem poettschcn Werken und einer Anzahl feiner, psychologisch vertiefter Novellen, die Schlaf den Namen des „deutschen Maupassant" cingcbracht haben, — (ich nenne die Bände: „Lenore", „Sommertod", „Kuhmagd", „Der Narr"?) „Ter alte Herr Weißmann", „Frcndcrchen"--) — hat Schlaf noch einige Trarnen und eine Anzahl Romane geschrieben. Diese Dramen sind: „Ttc Feindlichen", „Gertrud" und der „Bann" (das letztgenannte, feinste, kleine zrvciakttge Trama ist in den Novellenband „Die Kuhmagd" enthalten, der übrigens auch einige sehr amüsante Stücke bringt. Die Dramen ftnd rein psychologisch. „Aeußcre Handlung" ist kaum vorhanden. Intimste, seelisch« Vorgänge geben sie wieder. Feine, vage Beziehungen zwischen Mann und Weib. Untertöne. Und da? geschieht in der sprachlich und mimisch deukdar bifferenjierteften Weise. Hinter den Dialogen, hinter kurzen, abgehackten c-ätzen, gleichgültigen Worten und Geilen, hmier Stottern und Räuspern glaubt man einen Anderen Dialog zu hören: die nackte Aussprache der Seelen. Für eine Fort- und Höberemwicklung des modernen Dramas sind m. E. diese Dramen von höchster Bedeutung. Hier sollten unsere Jüngsten an- knüpien, statt in „Neuromantil", in literarischen „Ausgrabungen", in ach so billigen „Umdichtungen" von Griechen und Engländern zu matien. Es gehört allerdings etwas mehr dazu, einen „Bann" zu schreiben, als eine „Medusa" oder „Medea", hier behängt man irgend ein altes Stuck mit dem Flitterkleid einer sogenannten glänzenden und klingenden Sprache: fertig. Dort wurde eindringlichstes Menschenstudium und feinstes $erftänbni5 für die A Utagsfprachc und die Art des Ausdrucks seelischer Zustände verlangt.
In seinen Romanen ringt Schlaf um eine moderne Weltanschauung. In den innerlich zusammenzehörenden Romanen , Tas dritte Reick". ,.Tie Suchenden" und „Peter Boies 5reite"1) versucht Schlaf ,?ne Psychologie des eigenen Typs" zu geben. Emanuel Licseganz, (rrbart Falke, Peter Boir, — die .Melden" her drei Romane — sind diese Typen, deren jeder fofgenbe eine
!) Schlesische Verlagsanstalt (Dorrn. Schottländer, Berlin W.
-) Grechieiu &, Co., Left^ig.
höhere Stufe der Entwicklung bedeutet. Von „Träumer und Seher einer neuen Synthese", den „das gwße, überwältigende^ neue Werden vermchlel", zum Talmenscheu, der „modern ist. ohne Skrupel und Zweifel", trotz Philosophie und Skepsis, die ihm nicht fremd find. 'Der Roman „Tie Suchend)en" enthält — nebenbei bemerkt — lyrisch höchst reizvolle Partien.) Wohl sein feinstes, psychologisch vertiestestes Bud» ist „Ter Kleine", iu dem Schlaf tne Probleme des HypnolismuS unö des Magnetismus in den Vordergrund stellt. Es folgt ein glänzender Erziehungsroman: „Ter Prinz". „Am toten Punkt" ist dio c)iefchichte der Beziehungen und der Auseinandersetzung zweier entgegengesetzter Naturen: einer unfruchtbaren, verneinenden und einet, lebenskräftigen und lebenstüchtigen, die die Zukunft für sich und im Blute bat, die Ziele unö Wege sieht zu neuen Vollendungen. .Dieses Mono zieht sich fast durch alle Romane Schlafs.) „Aufstieg" heißt sein letzter Roman. „Vom Handwerksburschen zum Millionär" könnte man ihn minder geschmackvoll nennen. Di« Geschichte eines „Emporkömmlings". Tie seelischen Beziehunfietr zu den Menschen, die Ltt aus feinem Lebensweg begegnen, ihn fördern und hindern: das ist das Thema des Buchs, nicht etwa die Wiedergabe „fpannenber" Ereignisse.
lieber Schlaf als Kritiker will ich nicht sprechen, obwohl « auch hier große Verdienste hat. So war er einet der ersten Vorkämpfer Walt Whitmanns und — neuer» dings — Verharrens- Seine wissenschaftlichen Arbeiten kenne ich nicht, könnte mir da auch fein Urteil erlauben.) Schlaf ist für mich der moderne Dichter, der die organischste Entwicklung Hinter sich bat Eine Entwicklung zur Höhe. „Aufttiea'/. Scftlaf ist eine Kamp*natur. Er kennt kein Ausruhen. Ständig ringt er um neue Werte, um neue Ausdrucksformen und Möglichkeiten. Deshalb ist auch sein Lebenswerk noch nicht abgeschlossen. Seine reimen Werke werden noch kommen. Er hat sich noch nicht „ausgeschrieben". Und gerade eine gewisse Langsamkeit feiner Natur, möchte ich sagen, ourch bie manche Wiederholungen, bas durücfgreifen und Wiederaufrollen früher erörterter Pobleme und Motive — namentlich in seinen Romanen — bedingt sind, bietet uns eine Gewähr dafür, daß Schlafs Weg auch weiter aufwärts führen wird.
Jean Jacques Rousseau.
(3um 200jährigen Geburtstag.)
Ta, wo der Rhon-sttom pfeilschnellen Laufes dem blauen Genfer See in seiner südwestlichen Ecke enteilt, hebt sich zwischen der Montblancbrücke und dem Pont des Berges ein kleines, von Bäumen überschattetes Eiland aus den klaren Fluten. Aus ihm steht, im Angesichte der Alpenkette und des Montblanc, ein 1834 errichtetes, von Pradier geschaffenes Erzstandbilb des Mannes, der sich in spateren Jahren mit Stolz „Uitoyen de Geneve“ $u nennen pflegte, des berühmten Philosophen und SchriftjtrilerA


