Mittwoch, 23. Oktober M2
162. Zahrgang
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
Karl Zchurz über seine Begegnungen mit Bismarck.
Die Uriegsereigniste
spielen sich noch immer im Verborgenen ab. Was bisher über Gefechte, Eroberungen, Gefangennahmen usw. berichtet wurde, ist zur Beurlri ung der Kriegslage fast wertlos. Entscheidungen sind noch gar feine gefallen Es ist bezeichnend, daß heute amtlidje Meldungen aus Belgrad und Eetinje vorliegen, in denen es heißt, daß die serbischen und die montenegriniscl>en Verluste „naturgemäß sehr ftarf" seien. Auf >der anderen Seite gibt die ninttidje türkische Kriegsbcrich erstattung zu, daß die türrifdien Truppenabteilungon bisher vorwiegend die Taltik des 3U* rückwcid;ens anwenden. Wenn schon von einer Sd)lacht bei Kirk Kilissc gemeldet wurde, so ist dies mindestens verfrüht. Richtig ist dagegen, daß türkische Kriegsschiffe bulgarische Küstenstädte beschossen und daß die griechische Flotte im Begriffe ist, türkische Inseln zu besetzen.
Türkische Meldungen.
Die türkischen Blätter melden folgende Kriegsnachrichten, deren amtliche Bestätigung ausstehl: In dem
Nr. 250
Der Otehener Snjefget erschein« täglich, ander BonntaflS. - Beilagen: viermal wöchentlich kiletzener.^amlltendläNtr, jroeimal ivöchentl.tlreü- tlattfürdenlirtirSiehen iTienetng unb ^reimq); lueinm! monoil tand- wirtschaftlich« Lrttsratztn ^etidpred) - Anlchlüsse: MJW General-Anzeiger für Gberhefsen nenahtrf von Anzeige« Botationsörud und Verlag btt vruhl'schen Univ. Buch und Stelnöruderei R. Lange. Redaktion, lkrpedition und vruderet: Schulftrahe 7. .Ä vc'nmnagiTiM vüdingtn: Sernfprcd)cr Nr. 269 Seschäslrstcllc Batjnboffirafic 16a.
BiSmarck frei genug geworden, um die nationale Gesinnung und b-c vornehme Männlichkeit des alten politischen Gegners zu würdigen. Ein Brief, den Schurz am 3. Februar 1863 aus Wiesbaden an seinen Sämmger .Heinrich Mener geschrieben hat, gibt Don seinen Besuchen bei Bismarck unter dem frischen Eindrücke des Erlebnisses eine anziehende Schilderung.
nur wenig bekannt sind, die koinpromittierendstcn Ausschlüsse über die Molivc seiner Polittt, selbst sein Ber! ällnis zum Könige und seine Meinung von dem „alten Derrn", alles das ilicht ihm so frei von den Lippen, als ob er zu einem Vertrauten iprädx, dem selbst die Folterbank das Geheimnis nicht abprcssen könnte.
Ich glaube, es gibt kaum eine wichtiae Frage der auswärtigen und inneren Politik, über die wir nicht konversiert hätten, — und über alles ließ er sich mit derselben Freiheit aus. Ans Einzelheiten kann ich natürlich hier nicht eingehen. Ich könnte Tir stundenlang davon erzählen, und es loürdc Dich überzeugen, daß man hier mit einem außergewölmlichen Kopf zu tun hat, der die Mensd-cn und die Verl-ältnissc, besonders die Deutschen und ihre Schwächen und Untugcnbcn gründlich kennt, und dessen despotcschc Neigungen Ixmpt sächlich dadurch bestärkt werden, daß er allen denen nxnt überlegen ist, mit denen er in "Kontakt 'kommt. Id) werde Drr darüber allerlei sagen, wenn wir uns erft 'eben. Nichts hätte komischer fein können als mein Erscheinen in der ministeriellen Tischgesellschaft. Natürlich kannte mich und kannte ich anfangs niemanden. Endlich, als imr uns eben niedersehen wollten, machte mich Bismarck mit Einigen bekannt. Nun ging baa Geflüster am Tisd) herum, und das Staunen schien groß tzu sein. Allmählich rourben die alten und junaen Perücken zutraulicher, und wir amüsierten uns ganz gut. Ms wir uns 'sdüicßlich im Salon versammelten und Kaffee und Zigarren gereicht wurden, batte ich schon beständig einen Kreis um mich herum. Bismarck selbst schien von dem Komischen der Situation frappiert zu je in; als er die anderen entlassen hatte und wir allein waren, sagte er- „Es ist bod) wirklich spassig, daß wir hier so ruhig (zusammen - sitzen und Zigarren rauchen. Tas hätte sich feiner von uns Beiden vor 15 Jahren träumen lassen." Und gleich darauf setzte er mir seine Zukunflspolilik auseinander."
Vielleicht ist es Bismarck leichter geworden, Karl Schurz, als diesem, den großen Staatsmann zu verstehen. Aus seinem Urteile über Bismarck, das er in denselben Tagen in einem Briefe an den alten Gesinnungsgenossen Gottfried Kinkel aussprach, fühlt man heraus, daß Bismarck ihn gleichsam wider seinen Sillen erobert Hai. Schur; schreibt an Kinkel: „Er >Bismarck» ist unzweifelhaft ein sehr, bedeutender Mensch. Obgleich seine Antc- cebenucn nidyt ansprechend find, so darf man doch Formung aus dem Umstände schöpfen, daß er einer von den energischen, impulsiven .Eharaktcren ist, deren Handlungen, wenn sie einmal engagiert sind, über ihre ursprünglichen Pläne hinausgehen. In seinen Einheitsbestrebungen wird er stramm vorwärts gehn und irre ich mich nicht, so wird er die Burecmkratte untergraben, weil sie zu fnod)crn und stupid ist, unt seinen Plänen als frrtn hinreichend gelenkes und wirksames Instrument zu dienen. Tas find
Kampfe zwischen Diskata und Elassona verloren die Griechen 5000 M ann. Das T-orf Bofl)onewze bei Ristowdo nahe der scrbisdien Grenze, oas von drei serbischen Bataillonen mit Kavallerie besetzt lvnrde, ist von den Türken mit Artillerie zerniert und besd>osscn tvordcn. Tie Serben wurden fast vollkommen aufgerieben. Tie Rüdzngslinie der Serben in der Ridstung auf Pristina soll abgefdynitten sein.
Nad; wiederholten Stürmen gegen dei montenegrinische Stellung sollen die Türken Ajelopolje wieder genommen haben.
„Sabah" erfährt, daß die Griechen bei Katerini vier Bataillone gelandet haben.
Der türkische Kreuzer „Harnidjc" belegte im Schwarzen Meer einen bulgarischen Schoner mit Beschlag.
Schwere Verluste der Serben.
Belgrad, 22. CH. £>cute vormittag sind 295Leichtverwundete hier eing.'troffen und von Abgeordneten und einem zahlreichen Publikum stürmisch begrüßt worden. — Die erste serbische Armee drang gestern bis Kumanova vor; die Höhe von Rujan wurde nach heftigem Artilleriekampf durd) einen Bajonettangriff erstürmt. Der König besichtigte gestern die Truppen bei Gilan und wurde begeistert begrüßt. Die dritte Armee rückte gleichfalls erfolgreich vor, die Vortruppen crreidjten die Ebene von Malokovo. Die Kolonne von Jbar wurde bisher burdj starken Nebel am schnellen Vormarsch gehindert. Die serbischen Vorposten sind bis vor Sjenitza vorgeschoben. Die serbischen Verluste in den letzten Kämpfen sind beträchtlich. Diejenigen der Türken sind außerordent- lid) groß.
Belgrad, 22. Okt. Gemäß der nachmittags ein- getroffenen Berichte drang die 3. Armee bis vor P r i st i n a vor, eine Kolonne der 2. Armee nahm Kratowo ein, eine andere Kolonne Ko t sch an a. Die erste Armee befindet sid) noch in Kumanowo. Tie vormittags in Belgrad verbreiteten Gerüchte über die Einnahme von Kumanowo sind demnad) nod; unbegründet.
Nach „verläßlichen Informationen" aus Konstantinopel passierten die serbischen Truppen den Ohilevopaß im Labtal, 15 Kilometer nordwestlich von Pristina und marschieren gegen Pristina.
Die Beschießung der bulgarischen Küftenftädtc.
lieber die Beschießung Kawarnas meldet die Agence Bulgare folgende Einz.llMen: Das Bombardement begann am Montag um 7 Uhr früh und dauerte drei Stunden. Ein Landungsversuch der Türken wurde durd) daö Gewehrfeuer der kleinen Garnison, die aus kaum elf Mann bestand, vereitelt. Um ’ji Uhr dampften die beiden Kreuzer ab. Einer, der sich mit dem übrigen Geschwader vereinigte, erschien mit diesem gegen 11 Uhr vor Varna und feuerte sofort. Es ist nachzutragen, daß die Kinder- h e i l a n st a l t, über welcher die Flagge des roten Kreuzes wehte, von den Türken beschossen wurde. Das Bombardement dauerte mit einigen Unterbrechungen bis 1 Uhr nachmittags und richtete in Varna keinen Schaden an.
Sofia, 22. Okt. Wahrend des heutigen Tages kreuzte das t ü r f i f di c Geschwader in der Gegend des Kap K a - l i a k n a, hielt sid) aber in ziemlich weiter Entsernung von der Küste Gegen Mittag feuerte ein türkisches Torpedoboot mehrere Granaten auf die unterhalb des Kaps gelegene Küste ab, ohne Schaden anzurichten. Frauen, Kinder und zahlreiche Fa- ■ mitten haben Varna verlassen und sid) in das Landesinnere be* : geben.
„Mein Aufenthalt in Berlin (so schreibt er) war ein sehr angeregter. Id) lernte natürlich eine Menge hervorragender Leute kennen, und fand mehrere alte Bekannte in der Kammer. Kaum bette uns Adolf verlassen, als ich von einem in dem Minittcrium des Auslvärtigen bcscixistt glen Legationsrate einen Brief bekam, ui mtl dient ich benachrichtigt wurde, Bismarck habe den Wunsch ansgesprodicn, mid) zu sehen: wenn id) es auch wünsche, so tolle ;d) es ihn nnnen lassen. Ick tat das natürlich, und Bismarck .mb eine Stunde am nächsten Abend an. Id) ging hin »und hatte eine anbertlxilbftünbigc Unterhaltung mit ihm. Er lud mich :;m Diner am andern Tage ein, wo idi mit einigen Dutzend besternter und bekreuzter Geheim-, Gerichts- und anderer Rate zusammentraf. Nad) dem Tiner verabsduedete Bismarck bic Gesellschaft, hielt mid) allein zurück, und wir »aßen pemtzhe zwei Stunden zusammen. Freitag Abend sah id) ihn wieder, -tu kannst Dir denken, wie mir das interessant gcireiai ut. trentgen Stunden habe ich einen tieferen Blick in das Arbeiten der ffle* gierungsmafchine tun können, als mir bad _ |onu durch langes I Studium möglich gewesen wäre. BiSmarck iit, was immer feine Men Eigenschaften sein mögen, iedcnfalls einaußerordent- 1 n d) c r Mensch. Ich habe )d)on viele .Staatsmänner gesehen, aler keinen, der mit so vollkomneener Ungebundenheit sich über alle Dinge ausspricht. Tatsachen, die nvd) gar nidjt oder doch
zwei große Tinge. Möglicherweise längen ihm seine anerzogenen Feudalideen nod) nach. Das ist nicht sehr gefährlich, denn in unserem industriellen Zeitalter würde der Versuch einer feudalen Reaktion doch nur eine Ton Ouixotiade sein. Man hat ilyn für einen frivolen Mensd/.m gehalten. Meiner Meinung nach ist er das nidjt, oder wenn er es gewesen ist, jo ift /er es nicht mehr.
ks. T e r R ö n t g e n h a n d s ch u h. Tie französische Akademie der Wissenschasten hat soeben eine Mitteilung erhalten, daß es L. G. Drott gelungen fei, einen wirksamen £d)ufc gegen die Gesahren der Röntgenstrahlen zu ersindcn. Trott bemerkte beim Färben von Seide, wieviel Metall Seidenstvsse ausnehmen können. Er machte hieraus mit einem Seidensabrikanten in Lyon gemeinsam eine Reihe Versuche und stellte schließlich einen metallhaltigen vandschuh her, der der Land ausreichenden Schutz gegen Schädigung durch Bestrahlung beim wissenschastlid)en Arbeiten gewährt. Diese Schutzhandschuhe sollen, wie der „Daily Telegraph" berichtet, ganz weich und schmiegsam sein. Ob sich der Schutz auf Röntgenstrahlen allein oder auch aus die Strahlungen des Radiums bezieht, ist aus der Mitteilung nicht ersichtlich.
— Eine deutsche Bibliotheksstiftung in Rom, Aus Anlaß des X. Internationalen K u n st h i st o r i s ch en Kongresses ist in Rom die B i b l i o t h e c a H e r tz i a n a im Palazzo Zuccari vorläufig eröffnet worden. Tie Bibliothek ist eine private Stiftung von Fräulein Henriette Hertz: durch Anschluß an die Kaiser-Wilhelm-Gcsellschaft in Berlin ist für ihr Fortbestehen in der Zukunft Sorge getragen. Tas Institut verfolgt den Zweck, das Studium der italienischen Kunstgeschichte in Rom zu unterstützen. Bei der endgültigen Eröffnung, die für den 15. Januar 1913 in Aussicht genommen ist, wird die Bibliothek einen Bestand von 8500 Bänden und 9000 Photographien aufwcisen. Tas Spezialgebiet der Bibliothek umiaßt die Kunst der Renaissance und des Barock. Von der Serie der Studien cuf diesem Gebiete, welche die Bibliothek unter dem Titel „Römische Forschungen" herausgibt, sind bereits erschienen: P. G. Hübner „Le Statue di Roma", Band 1 und E. Steinmann „Tas Grabmal Pauls III. in St. Peter". Die Verwaltung liegt in den Händen von Prof. Ernst Steinmann und Tr. P. G. Hübner.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. In Gegenwart des Kaisers soll am heutigen Mittwoch in Tahlem die Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Insti- tuts für Chemie, sowie für physikalische Chemie, vor sich gehen. Im Anschluß daran wird eine Hauptversammlimg bei; Kaiser-WÜhelms-Gesellschaft abgehalten.
Fünf Jahre sind jetzt seit der Vollendung jener Biographie t>eS Tcutsd>-'Amerikaners Karl Sdmrz vergangen, bic daS lcb- Ixijtcftc Interesse des deutschen Publikums gefunden hat. Jetzt erhalt nun diese Biographie eine nickst minder interessante Fortsetzung in einer Sammlung von Briefen Karl Schurz', die in diesen Tagen int Berlage von Georg Reimer in .Berlin erscheint Tic in diesem Bande vereinigten, von Agatl)e Sdmrz a..Sgewähltcn Briefe reichen vom Jahre 1841 bis zum Jahre 1869 und eröffnen einen trefflichen Blick in jene anziel ende Entwicklung des tilditigcn Mannes, die sein politisches Tenken zu immer Höherer Reise geführt bat. Einen Höhepunkt seines Lebens n Tb en immer seine Beziehungen zu Bismarck bilden, die für beide Teile ehrenvoll sind: batte sich der alte Achtundvierziger jr»,vcit diircttgerungen, daß er für die Persönlichkeit und die Ideen des genialen „märkisd>en Junkers" Verständnis gewann, so war
üalibcnrentc nach den Sätzen der ersten Lohnklasse stehcn- ben Personen von dem Beitritt zur Versid)erung befreit. Die hessisd)e Regierung würbe demnach einem Gebot der Klughett folgen und gleichzeitig ein. sehr segensvolles Werk tun, wenn sie den Staats dien st an Wärtern für den Fall der Arbeitsunfähigkeit und deren Hinterbliebenen für den Fall des Todes eine den Mindestsätzen des An gestellte nversicherungsgesetzes entspr. Reute zu- ichcru würde. Daun würbe bic oben erwähnte Frage osort gelöst fein und eine VerficheruugSpflicht für bic StaatSbieustanwärtcr nicht mehr bestehen. Gibt aber bic Staatsverwaltung jene Zusicherung nicht und cS würbe für )ic Versicherungspslichtigkeit entschieden, so würden bem Staat damit ebenso, wie den Anwärtern sd)were sinanzielle Lpser auserlegt werden.
Nach einer oberflächlichen Schätzung würden im hessischen Staatsbetriebe für die Staatsbienstanwärter etwa 180000 Mark jährlich — zur Hälfte vom Staat, zur Hälfte von den Versid)crten — als Beiträge aufgewenbct werben. Wollte man wirklich annehmen, es würden jährlid) zehn Anwärter dienstunfähig — eine Zahl, die zurzeit und nad) der Erfahrung der letzten 30 Jahre ungefähr um bas 25 fache zu hod) gegriffen ist! — fo würbe die zu gewährende Ruhe- und Hinterbliebenenversicherung den Betrag von etwa 5000 Mark jährlid; barstcllcn. Tnrd; daS Opfer von allerhöchstens 5000 Mark erreichte aber bic hessische Staatsverwaltung ein Drcisad;es: Sie gewährte ihren Anwärtern eine gewisse Beruhigung für ben Fall ber Dienst- Unfähigkeit ober des Tobes, sie ersparte für sid; unter allen Umständen alljährlich den Betrag von etwa 85 000 Mark und sie ersparte and; ihren Anwärtern insgesamt die jähr- lidjc Aufwendung von etwa 90 000 Mark, den diese ihrerseits als Veiträae zur Angestelltenversicherung aufweubeu müßten — zwecklos ob en br ein in allen den Fällen, in denen ber Versicherte nach Verlauf von wenigen Jahren zur Anstellung gelangt.
Wir möchten die ganze Frage hiermit zunächst einmal zur öffentlid;en Aussprache stellen. Wie die Dinge liegen, bürste es nur ein Akt ber Staatsklugheit sein, wenn die hessische Negierung sid; im zweifellosen Einvernehmen mit den Lanbstanden alsbald entfdstießen wollte, den Staatsdienstanwärtern die Rcntimmindestsätzi? des Angcftellten- versichcrunasaesctzes zuzusühren und fic damit von der Zwangsversicherung zu befreien.
Vczn <,41 Teil: monatlich 75111., oiertel- läbrlid) Mk. S.20, durch )lbbole- il Zweigstellen monatlich 6ö iil.; durch die Bost l’u.S.— oiertel- läbrL auo|d)L Besleug. ZcttenvreiS: lokal 15 Uu auswärts 20 lüenniq. Cibefrcbafteiir: 91 Goetz. VeraiUivorNich für den oottnichen Zeil; Anciust Goetz. für .Feuille- ton'. .Benntzchies' und „Gerichisfaal": R. 'Jlcu- rotb; für .Stabt und Land": E.Hev: für ben Aiize»aente»l: $>. Beck.
Dir heutige Nummer umfafjt 12 Seiten.
Die hessischen Staatsdienstanwärter und die Angeftelitenversicherung.
Man schreibt uns. ,
Die Kette der deutschen sozialen Furiorgcbestrcbungen ist mit ber Schaffung bcs Reichsgesetzes über die Versid;e- rung ber Privatanaestellten um ein weiteres bedeutungsvolles Glied vermehrt worben. Wenn auch ihre Wohltaten ben Versicherungsnehmern nicht sofort, unb bann and; nur gegen nicht unerhebliche Leistungen zugute kommen, so haben bic Angestellten doch die verbrieste Aussicht auf eine sichere künftige Gegenleistung. Ganz anders dagegen die Iicfsifchen Staatsbienstanwärter! Wenn sic in Klankl;cit ivid Siechtum verfallen unb demnad; erwerbsunfähig werden, so ist für die Staatsverwaltung unb für bic Anwärter der Fall crlcbigt. Zwar wird man zunächst eine gewisse Zeit hindurch Urlaub gewähren, bann aber folgt die Ent- (effung. Und das geschieht, ohne daß die Tatsache and; nur g-bacht werben könnte, baß ber Bett essende vielleicht acht ober zehn Jahre schon unter voller Verantwortlichkeit ein Amt zur ^Zufriedenheit verwaltet hat und er sid) and; Mihreub seiner Tätigkeit mit einem Einkommen bescheiden mußte, dessen Höhe im umgekehrten Verhältnis zur Bedeutung des Amtes steht, daß er seine besten Arbeitsjahre dem Staate geopfert hat. Nach dem Stande ber heutigen Gesetzgebung m u ß die hessische Staatsverwaltung so Han dein, wenn sie nidjt etwa aus einem Dispositionsfonds mehr oder weniger lange Zeit eine Art Almosen gewährt.
Bei der Ausdehnung des VersichcrungSzwanges durd) die Pensionsversicherung der Privatangestellten ist nun neuerdings die Frage aufgeworfen worden, und es wird auch zurzeit an behördlicher Stelle darüber verhandelt, ob die Staatsdienstanwärter, die bisher nicht versicherungs- pflichtig waren und als nicht pragmatisd; angestellte Be- amte aud; keine Pension beziehen, nunmehr aud; in den Bereich bcS Privatversicherungsgesetzes fallen. ES handelt sich in diesem Falle um alle Staatsdienstanwärter, z. B. and; um die Assessoren als Anwärter zu ben höheren Staats- ämlern. Würbe bie enbgültige Entschließung dahin führen, daß auch diese Staatsdienstanwärter bem Vcrsicherungs- rwang unterliegen, so würbe bie Verbesserung der Bezüge, bic diesen Beamten durch bie Bcsolbungsgesetzc des laufenden Jahres zugebilligt worden sind, zum großen Teil wieder hinfällig werden. Es erscheint aber vor allem auch sehr fraglich, ob ein solcher Versicherungszwang hier an- gebracht sein würde. Die Versicherung soll einsetzen, wenn Ser Versicherte dienstunfähig wird. Den Ansprud; hieran rtvirbt er jid; jedoch erst, wenn er eine Reihe von Jahren versicherungspflidftia war und Marlen geklebt hat. Bei ieiferen heutigen Avancernentsverlßiltnisfeu kann cs nun je allerdings Vorkommen, baß ein StaatSbicnstanwärtcr ic lange inwiefern provisorischen Dienstverhältnis verbleibt, t daß ein Anspruch auf Pension begrünbet werden könnte, aber in normalen Zeiten unb unter normalen Umständen ।vcrbcii doch bie Staatsdienstanwärter einen derartigen Anspruch Merhaupt nicht erwerben, da sie ja bie zum eTtocrb bes Anspruches erforderliche Zeit nicht versiche- rnngSpflid)tig gewesen sind. Es würbe also bei dieser VerfidicrungSpslicht der hessische Staatsdienstanwärter un» a--zählte Gelber an bic Reichstassc abzuführen haben, ohne das; andererseits bem babei in Betracht fommenben Pcr- foneitfrcid irgend ein Aeqiirvolent dafür geboten würde.
Nad) § 123 der Vcrsicherungsorbnung sind bie im Reichs ober Staatsdienst in Anwartschast auf Ruhegeld mib Witwen- resp. Waisenrente im Mindestbetrag der In


