Nr. 43
DienZtng, 30. Februar 1913
Eichener Anzeiger
Erschctnl tSgllch mit ÄuSnahmc brf Sonntag».
General-Anzeiger für Oberhessen
Min.
28 Zmtim. T
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die bürgerlichen
der Sozialdemo- Entwicklung der Kaiserreich, für
Bündler Sozial- geführt.
wir da»
163. Jahrgang
79
28
»en-Reisig. Hen-Reisig. lern-Reisig. itm-Reisig.
Hie „Gießener Lamiltendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich be,gelegt, da» * Kretsblatl für den Krtls Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtichastlichea Leit- tragen" erscheinen monatlich zweimal.
Präsident Kämpf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 20 mit DankeSworten an die Schriftführer. (Beifall.)
gegenzukommen und nach links zu rücken. Sie gegen dir umstürzlerische Partei gekämvft.
Wir alle sind für eine scharfe Trennung von kratie. Wir kämpfen für die gesunde innerliche
m. ■ti' b- !l
Redaktion. Eppeditton und Druckerei: Schul- strave 7. Cjpeömon und Vertag: 5L
Redaktion:112. Tet.-Adr^ AnzeigerGießen,
Sozialdemokraten gegen drei KenlrumSleute und einen durckgeholfen baden. Sie bauen ein ganze» Dutzend demokraten und ein balbeS Dutzend Welsen zum Siege Sie sind aHo nicht rosarot, sondern dunkelrot anqestricken. feit links.) ES würde viel Sckmutzwaffer geben wenn
RolaNonSdruck und Vertag der Br übliche» Unwersuät» • Buch- und Ereindruckeret. 8L Lange. Sieben.
bis
^Juten- durch, melier
*32
20,—
bestebenden StaatSordw-ng, für Monarchie und
alle nationalen @üh.r. (Lebhafter Beifall bei den Vlatumal-
einen Finger breit der Sozialdemokratie ent- Wir haben wie
r Kreisstraße Bmerkt imrbnx Holz mit dem )irb, und das ix jefefjen werden ■ mitverstcigert. ebruar 1912. x Steinbach.
erente s- englischen Flotte, nicht annehmen.
-rei.
Mb Deutscher Reichstag.
0. Sitzung, Montag, den 19. Februar.
Am Tische deö Bundesrats: Delbrück. Wermuth. £ i 6 r o , Krütke , v. Heeringen, v. Kiderlen u. a.
Auf den Tifck des Präsidenten haben neben die Glocke die Schriftführer zu Ehren de» 70. Geburtstages dcS Präsidenten einen Fliederstrauß gelegt.
Abg. Dr. Paasche (Natl.):
Von politischer Bedeutung war wohl die Erklärung deSVor- tebnerd, daß sie die E r b s ch a f t S st e u e r unter allen llmitanoen aktlehnen und sich von diesem Standpunkt nicht abbrrngen lasten
Die Generaldebatte zum Etat,
(Fünfter Tag.)
Abg. GanS Edler Herr zu Putlitz (.Ikons.):
Die Gesundung der Finanzen ist von allen Partei, tebnern anerkannt worden. Auch von Herrn v. Payer, nur dah et sich mit den Geldquellen nicht einverstanden erklärte. Vor dem Finanzprogramm der VoltSpartei findet keine Steuer Gnade, eine ist immer ungerechter als die andere. Ja, woher soll das Geld für die Bedürfnisse deö Reiches kommen? Die ErbsckaftS- steuer hat bei der Volkspartei erst Gnade gefunden, nachdem sic zu einer politischen Frage erhoben worden ist. (Sehr rich- iifll rechts.) Sie ist aber dazu aufgebauscht worden nickt durch uns, sondern gegen unS. (Sehr richtigl rechts.) Wir batten erwartet, bah die auf die Finanzreform gehäuften Angriffe reckt- zeitig wirksam zurückgewiescn worden wären. Die Behauptung von dem unsozialen Charakter der Finanzreform richtet sich ebenso wie gegen unS gegen die Regierung. (Sehr wahr! rechts.) Tatsache ist, daß die bewilligten Steuern mehr Geld gebracht haben als c3 die Erbschaftssteuer getan hätte. (Sehr richtig!) Mit Rücksicht auf die Ausführungen deö Ech a tz s e k r e t ä r S habe ich im Auftrage meiner Fraktion zu erklären, nm Mißverständnisse zu vermeiden, daß wir an unserer ablehnenden Haltung mit Entschiedenheit beharre n und uns bovon nicht werden abbringen lassen. (Hört! Hört!)
Tie Rede dcö ?lbg. Ledebour hat uns die Erbschaftssteuer ganz ftroift nicht schmackhafter gemacht. Nun die politische Lage, le Zunahmer der Sozialdemokratie. Trotz aller Mißstände, die von allen Parteien zur Sprache gebracht wurden, ist dock ein außerordentlicher Fortschritt auf allen Gebieten erzielt worden, wie in keinem anderen Lande, In der Presse der Linken und auch biet wird c8 so dargestellt, daß daS Bürgertum gar nichts zu sagen habe. Tas ist dock nicht richtig-, die Liberalen müßten uns dankbar sein dafür, daß wir in so vielen Beziehungen liberale Grundsätze in die Gesetzgebung eingc'iihrt haben. Notwendig ist eine Einheitlichkeit der Regierung, ist daS feste Gefüge von Staat und Reich. Wir sind der Thronrede dankbar und danken dem Reichskanzler, daß er sich zu dem gleichen Grundsatz iict ausdrücklich bekannt hat. (Beifall rechts.) Ich kann ihm sie Versicherung geben, daß er bei diesen Bestrebungen auf unseren vclfall rcifmcn darf. (Beifall rechts. Lachen links.) Ihr Lachen toirb das nicht ändern. Tie Kundgebung des Nationalliberalen Vereins in Bielefeld, und höher als dir Theorie steht Staat und Gesellschaft — ist unS auS dem Herzen gesprochen, und wir wün- sehen drmgeno, daß die bürgerliche Gesellschaft sich der Gefahr bewußt wird. Tie BolkSpartei hat sich in der letzten Zeit der Staatsautorität gegenüber ablehnend verhalten. WaS die Sozialdemokratie — wenn auch nur ein Teil der 4% Millionen Stimmen — will, bedeutet die Vernichtung der gesamten deutschen
ß(iniflW). . ibcnd von 5Jh' g von Lunge sanken.
usnahmemM- ihre Angchon^
Volt.
I ffristlichen und die nationalen Stimmungen werden I im Volke sich schließlich geltend macken. Da ist es aber notwendig, E daß der Staat der Agitation der Sozialdemokrat,e seine A u t o - I. t i t ä t entgegenstellt, und daß auch die bürgerliche Geiclsickaft ihre 1 baltnng ändere. Der Rausch an der großen Stimmenzahl w,rd ■ bann aufhoren. Auf monarchischem Standpunkt muffen unter » Hintansetzung der trennenden Gesichtspunkte die bürgerlichen [ B arteten zusammenarbeiten. (Beifall rechts.)
■ 26 Zentim. 2k mit 39,80 Pi ä zu 12 äentirj mit 23,85 A» zu Spalieili2
dien Mittwock ul 10 Uhr, in 'M und Annawoür versteigert wntz
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alles bis inS Einzelne festlegen wollen. Die Konservativen sind nickt mehr daS was sie 1907 waren Sie sind auch abgerückt, aber ins Reaktionäre Ein verständiger maßvoller KonservativiS- m,iS. der daS Bestehende und Bewährte erhalten wird ist völlig berechtigt. Aber wir Hatten nicht mit diesem Konservativismen zu kämvfen, sondern mit dem des Herrn v Heydebrand. deö Dr. Habn. Das war eine ganz andere Nummer. (Heiterkeit.) DaS war die engste Verbrüderung mit dem Zentrum. Der schlug eine unerhörte Tonart an. Der verfolgte rein materielle Interessen Zugleich aber spielte et fick alS Vertreter des Christentums und der ckristlicken Weltanschauung auf. im Geaensatz zu dem Materialismus und den liberalen Parteien. (Heiterkeit links.)
Sic riefen bei Ihrer Gründung den christlichen Segen auf sich herab, um zu kämpfen gegen eine materialistische Intereffen- Vertretung, und setzt sind Sic eine christliche Organisation gegen den Materialismus der liberalen Partei. Es wurde sogar behauptet: Der Materialismus ift der Freihandel im Gegensatz zum — Christentuml (Heiterkeit links.) Wie hoben nun die Herren unter dem Banner des Christentums gegen den Materialismus gekämpft? Bei einer Wahlversammlung in meinem Kreuznacher Wahlkreise sagte der ZentrumSredner: „Ich glaube an den Allmächiigen Golt und seinen Sohn JcsuS Christus — das ist mein politisches Glaubensbekenntnis!" Bei einer solchen Kampfesweise bei einer solchen Verwendung der Religion zu politischen Zwecken muß einem anständigen Menschen der Ekel kommen. (Sehr richtig! links Unruhe im Zentrum.) Darauf müßte der Reichskanzler einen Teil feiner Kritik an wenden i:rb nicht auf unk, weil wir in der Stichwahl manchmal mit den Sozialdemokraten zusammengestimmt haben.
Dr. Paasche spricht über die Präsidentenwahl. Warum soll der Reichskanzler nickt auch hier seine Kritik anS- üben? Wir kritisieren ja auch die Ernennung manchen Ministers und haben z B. kritisiert, als ein Kavalleriegeneral zum Staatssekretär des RcickSpostamteS ernannt wurde. Aber ick glaube, daß der Kanzler in feiner Kritik ein wenig z u weit gegangen ift: und wenn er nachher meinte, wir hätten einen Präsidenten gewählt, der Worte gegen das Kaiserhaus gebraucht halte, die nicht vergeffcn werden könnten, als ob wir Herrn Scheidemann in voller Kenntnis und al» Antwort auf die maßvoll gehaltene Thronrede, die ich vollständig anerkenne, gewählt hätten, so mödite ich ihn fragen, ob er, wenn ihm der Name Scheidemann plötzlich genannt worden wäre, gewußt hätte, was er einmal gesagt hat. (Oho! rechts.) Ja, meine Herren, recht wenige von uns hatten daS im Gedächtnis. Wie geht denn die Sache zu: Wenn der Präsident gewählt werden soll, so schlägt die Partei einen Namen vor, und eö ist üblich, ihn zu wählen. Kaum einer von unS hat an jene Aeußerung gedacht. Und vielleicht auch die Sozialdemokraten selber nicht. Jedenfalls bat von unS. als wir für Herrn Sch-idemann gestimmt haben, keiner an jene Aeußerung gedacht. Jetzt sehen wir seine Wahl als Tatsache an- Jetzt kann man sich auf der Rechten — und auch andern Lande sind viele Kundgebungen gekommen — nicht genug tun, um uns antinationale, revolutionäre und andere Beweggründe unterzuschieben, als ob wir dazu etwas beitragen wollten.
Redner schildert dis Verhandlungen mit der sozialdemokratischen Fraktion und betont, daß Bebel ausdrücklich erklärt habe, die Partei würde alle staatsrechtlichen Verpflichtungen deS Präsidenten ordnungsmäßig erfüllen und so namentlich bei Verhinderung des Präsidenten nötigenfalls das Kaiserhoch auSbringen und zum Kaiser gehen. (Lachen rechts.) Da» war den Herren vom Zentrum nicht genug und darum wollten sie nicht ins Präsidium cintreten. Hat nicht d i e Sozialdemokratie einR e ch t, im Präsidium vertreten z u sein? Sie ist die stärkste Fraktion im Hause. Sozialdemokraten sind schon längst Vorsitzende von Abteilungen, von Kommissionen. Daneben sitzt der Minister, die BundeSratSbcvollmächtiaten, bitten den Vorsitzenden umS Wort, führen unter feiner Leitung die Verhandlungen. (Abg. Dr. Arendt ruft: 1903 war eS aber anders!) 1903 ift die Frage gar nicht an unS herangetreten', damals hat die Sozialdemokratie selbst nicht verlangt, einen Präsidenten zu stellen. Ich erinnere Sie an daS Wort BiSmarckS: er halte eS für einen großen taktischen Fehler der bürgerlichen Fraktionen, nicht darauf bestanden zu haben, daß die Sozialdemokraten als nächst- ftärlfte Fraktion nach dem Zentrum einen Präsidenten stellten. (Hort, hört! links.) Halten Sie das etwa für einen schlechten Witz? Gerade im Jntereffe der geordneten Geschäftsführung sollten auch Sie diesen Standpunkt teilen.
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Riefer, s, uub Windinli^ ] ■ ■oufonimeniiri j beri) und ,Qm ei§ n. Vba. jf|~ j e Auskunft. ' ■ 1912.
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ftultur. (Sehr wahrl rechts.)
Da» wirtschaftliche Leben der Arbeiterschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten ja ganz außerordentlich gehoben. Mit Zu- nähme der politischen Reffe wird sicher ein Teil der Mitläufer die Konsequenzen daraus ziehen. Die Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen beruht in der Hauptsache auf der Einwirkung der öffentlichen Meinung, die von der Mauserung sprach, von der krzichung zur Mitarbeit. Gewiß, sie werden mitarbeiten, aber in der Absicht, ihre eigenen Ziele dabei zu verwirklichen. (Der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg erscheint) Tic Rede dcS Herrn v. Payer hat meine Ansicht, He ich schon in der Blockara hatte, bestätigt, daß ein Teil der Frei- sinnigen lieber mit den Sozialdemokraten als mit len bürgerlichen Parteien zusammengeht. Die Sozialdemokratie ändert sich nicht, außer für den Augenblick aus taktischen Gründen. Herr Iunck hat erklärt, daß seine Fraktion in ihrer überwiegenden Mehrheit einen Sozralde mokraten im Prä- sidium für angemessen halte. ES ist eine fBeyriffßbcr- tof zr u n a in einen Teil der bürgerlichen Keeffe eingezogen. £thb. Beifall rechts.) Nichts hat die Sozialdemokratie und ihre Organisation so gestärkt v'ic die Haltung dieser bürgerlichen Kreise im Wahlkampfe; sie sind wahrhafte Schrittmacher der Sozialdemokratie. DaS Problem der M i 11 e l st a n d S - Politik, des Schutzes der selbständigen Existenzen, hat erfreulicherweise jetzt auch auf der Linken Eingang gefunden, bei ben Nationalliberalen. Die Sozialpolitik wird wettergefuhrt werben; wir treiben sie nickt um der Sozialdemokratie wmen, ''andern weil wir daS Wohl der arbeitenden Klaffen im Auge haben. Was die Zölle anlangt, so kann ich gegenüber den Behauptungen der Linken bestimmt erklären, daß weder von den Konservativen noch vom Bund bet ~anö» Dir te eine Erhöhung der G e t r cd e zolle b erlangt worden ist. (Zustimmung und Hort, hort! rechts.)
Tic Liebesgabe ist keine agrarische Forderung (Lacken hnf6a krkundigen Sie sick, ihre Beseitigung scheitert an dem Widerspruch Jer süddeutschen Regierung. Wenn die liberalen Forderungen. Ninisterverantwortlichkeit, parlamentarische Regierung, neue SMkreiseinteilung durchgeführt werden, so wurde d.c Macht der rozialdemokratic gewaltig gestärkt werden. In welchem Land )et Welt hat der Parlamentarismus günstig gewirNk Lachen links, Zuruf: England!) In England war cr b'S ,etzt in den Händen zweier großer aristokratiscker Parteien; sehen Sie iber die anderen Länder! Am letzten Ende wird die Sozial- Demokratie an ihrem eigenen Programm zugrunde geben, Lachen der Soz.). Die zunehmende politische Reise und die
Graf Posadowsky hat erfreuliche Bemerkungen über den diplomatischen Dien st getan. AuS dem Munde eine» ManneS, der so lange mit hervorragender Sachkunde die Geschäfte des Reiches mitgeleitet hat, als Stellvertreter des Reichs- kanzlerS, hören wir, daß eine andere Auswahl und Vorbildung der Diplomaten notwendig ist. Wenn wir dasselbe sagen, erwiderte man unS von der Rechten: WaS versteht ihr vom diplomatischen Dienst. Und hier unterstreicht nun ein Sachverständiger dick daS, was meine politischen Freunde betont haben, daß, wo eS sich heute um wirtschaftliche Intereffen von Volk zu Volk handelt, nickt vor allem auf allerhöchste Eleganz und Tennisspiel und waS sonst dazu gehört, ankommt, sondern darauf, daß unsere Diplomaten in volkswirtschaftlichen und wirtschaftlichen Dingen so borge- bildet sind, daß _sie die Interessen der deutschen I n d u ft r i c und Volkswirtschaft wahren können. (Beifall links.) Ich knüpfe an die Worte, die der Reichskanzler — wir haben uns gewiß alle darüber gefreut — über die Anbahnungen besserer Beziehungen zu England gesagt hat. Aber man sollte doch nicht zu große Hoffnungen auf diesen Besuch deS Kriegsministers setzen. (Sehr richtig!)
Ich glaube wir haben ein gutes Reckt zu gemischten Gefühlen; denn daß uns Albion — ich will daS übliche Epitcwn hier nicht anwenden — Wühltaten anbietet ohne Hintergedanken, daran glauben wir nicht. (Sehr richtig.) Und ich glaube, die Geschichte der letzten Jahre hat das deutsche Volk doch gelehrt, an daS Wort zu denken: Timea Danaos et dona ferenjes-, 5>ie Enthüllungen über die Kriegsbereitschaft der ( „ über die getroffenen Dispositionen lassen doch nicht dah nun plötzlich die Söhne Englands so friedenSlicbend geworden jino, daß sie die Spione mir hierher schicken, um von dem weit- vorgeschrittenen Deutschland zu lernen 1 Wenn die Vertreter der
liberalen.) Wir sind immer für die nationalen Güter eingetreten, in vielen gäJen mchc alS die Parteien der Rechten. (Beifall bei den Nationalliberalen? Dir waren immer im Gegensatz zur Sozialdemokratie und werden daS auch weiter sein. Und wenn wir in der Taktik den bisherigen Wahlkampf anders geführt haben als früher, dann haben wir nur daS getan, was Sie von der Rechten auch getan haben. Wenn Graf Westarp sagte, daß der- jenige ein Schrittmacher der Sozialdemokratie sei, der in der Stickwabl einem Sozialdemokraten zum Siege verhalfen habe, dann sind Sie von der Rechten dreimal so viel Schrittmacher als wir. (Lebhafte Zustimmung links.)
Sic können unS nur nackweiscn. daß in vier Wahlkreisen der Sozialdemokrat mit nationalliberaler Hilfe gewählt worden ist. Die Konservativen aber haben 12 Mandate den
werden. Das erklärt er nnmenfl seiner Partei, obwohl er noch nicht weiß, welch ein Aussehen die Vorlage haben wird. Auch daS Zentrum hat ein Niemals gesprochen: nun, diese Partei bot bisher noch immet v-esianden. sich eine Türe offen zu halten (Heiterkeit). Ich nehme an. daß zur rechten Zeit Ihr patrio- tlscher G ei st erwacken und sich über doktrinäre Erwägungen und Gegensätze hinwegsetzcn wird (Unruhe rechts. Rufe links Abwarten!)
DaS Wort vom lückenlosen Z o l l t a r i f ist wieder laut geworden. Mit diesem Schlagwort haben vor neun Jahren die Agrarier, die Führer dcS Bundes der Landwirte, auch gegen die Konservativen gehetzt. Herr v. Kröcher zog damals sehr scharf gegen Dr. Hahn und Rocsicke loS. Auch unö warf man vor, wir wären nicht landwirtschaftlichfreunblick, weil wir diese Lücken- lohgkeit nicht mitmachtcn. Jetzt ist man auch auf der anderen Seite bescheidener geworden. Wenn aber von extremer Seite diese Forderung wieder vertreten wird (Abg. v. Heydebrand: Wir denken nicht daran!), dann wird daS nur d i e Reihen der äußersten Linken stärken. Nun erklären fick die Agrarier bereit, auf Liebesgaben zu verzichten. Natürlich, sic haben ja die SpirttuSzentrale. Die Liebesgaben würden eben auf andere Weise bezahlt werden. Der Konsument müßte weiter zahlen.
Gegen Herrn Wermuth sind ziemlich lebhafte Angriffe gc- richtet worden Ich muß mich ohne weiteres auf seine Seite stellen. Man sicht: ES steht ein Mann an der Spitze der Finanz- Verwaltung, der auS der Vergangenheit gelernt bat und d i e bisherige Bankrottwirtschaft nicht mehr mitmacht. Er ist auf dem richtigen Wege. Der Redner gibt eine drastische Schilderung von der Entwicklung der Schuldenwirtschaft. Wenn wir jetzt einen Staatssekreätr am Ruder haben, der fest auf dem Standpunkt steht, und den Mut bat, so kann eö nicht weiter gehen — ich meine, die Herren vom Zentrum können un- möglich ihn im Stiche lassen, wieder abgehen von der Erfüllung des SckuldentilgungsgesetzcS. Gerade daS Zentrum hat mit uns damals das drei Fünftel Prozent Tilgung auf ein volles Prozent erhöht. Viereinhalb SW i 11 i a r b c n Schulden für nicht werbende Zwecke — und waS damit beschafft wurde, ist zum großen Teil vergangen, verkommen, verdorrt, verrottet, verloren, verfault! Da fangen Sie wenig- stenS an mit der zahmen Tilgung von 1 Prozent! Die Matrikular- bciträgc sollten eine bewegliche Einnahme fein, heute sind sie eine cste Rente. Die Einzelstaaten haben jetzt deshalb gar kein Jntereffe daran, wie der Reichsetat aufgestellt wird: DaS einzige Bewegliche bei uns ist noch die Schuldentilgung. (Zuruf: Außer dieser Ihrer Klage!)
Hat die Erbanfallstcuer Schwächen und Ungerechtig- feiten; ja, gibt eS Steuern, die sie nicht haben? Wenn Sie meinen, daß nickt nur der Grundbesitz sich bc*- Steuer entzieht, nun so helfen Sic unS; wir denken ja gar nickt daran, das mobile Kapi- tat ber Steuer entziehen zu wollen. Ick verdenke Ihnen ja gor nicht, daß Ihnen die Erbschaftssteuer, nachdem Sie sie so bekämpft haben, unangenehm ist; aber sich hinzustellen als die Parteien, die so große Opfer bei der Finanzreform gebracht haben, daS geht dock über das Zulässige hinaus! (Lebhafter Beifall, links. Unruhe im Zentrum und rechts.) Das ist einfach nicht wahr. Die großen Opfer, dic Sie gebracht haben, haben Sie gebracht auf unterer L e' t e Taschen (lebhafte Zustimmung links, Unruhe rechts und im Zentrum) und die Herren Hochagrarier usw. haben sich u m b i e Steuer gedruckt vnb haben die großen Opfer nicht getragen. (Zuruf rechts: Wer hat sie getragen?) Die kleinen Leute, die die Zündholzsteuer bezahlen müssen (Zuruf rechts: Börsensteuer!), die Börse, die drückt Sie gewiß doch auch nicht, da freuen Sic sich darüber da sind Sie ja stolz darauf, daß Sie anderen Leuten was aufgepackt haben; auch oiese Umsatzsteuer trifft nickt die besitzenden Klaffen.
Dem Reichskanzler machen wir zum Vorwurf, daß cr das, was er Ihnen jetzt gesagt hat, warum er — im stenographischen Bericht eS ganz fett und dick gedruckt — die Ablehnung der Erbschaftssteuer nicht verteidigt hat, nicht schon vor den Wahlen gesagt hat. (Lebhafter Beifall links.) Wir waren die Vertreter der Vorschläge der verbündeten Regierungen, die sie auch heute noch für richtig hält. (Sehr richtig! rechts.) Und Sie haben dann so getan, als ob wir die gewesen wären, die die Regierung im Stich gelassen hätten. Nein, waS die Regierung damals mit aller Beredtsamkeit vertreten hat, ist auch heute noch unser Programm, und die ^Norddeutsche Allgemeine" hätte in ihren großen Spalten recht gut Platz haben können für die Er- klärung, daß die Regierung eS mißbilligt, daß Zentrum und Konservative die Erbschaftssteuer zu Fall gebracht haben. Dann wäre eS im Wahlkampfe viel ruhiger Angegangen. Manches wäre anders geworden, aber eS ist gar keine Rede davon, daß die Finanzreform etwa eine herrliche nationale Tat ist.
Nun hat der Reichskanzler behauptet, wir hätten über die sozialdemokratischen Siege gejubelt. Er hat keinen Beweis für diese Behauptung erbracht. Gejubelt haben einige entschieden oder ganz entschieden Liberale, aber ich kenne kein nationalliberaleö Blatt, daS die sozialdemokratische Erfolge bejubelt hätte. Wir standen ja überall im schärfsten Kampfe gegen bie Sozialdemokratie. Wir waren ja fast nur mit Sozialdemo, traten in Stichwahl. Weshalb sollten wir da jubeln? Wir hätten zehnmal mehr gejubelt, wenn die Sozialdemokraten bei 80 Mandaten stehen geblieben wären, und wir auf 120 gekommen wären. (Große Heiterkeit.) Der Reichskanzler behauptete, wir wären nach links geruckt. Dagegen muß ick für meine Fraktion entschieden Widerspruch erheben. (Lacken rechts.) Können Sie selbst diese ernsten und wicktigen Fragen nickt mit der nötigen Ruhe behan- dein? Dir haben nicht daran gedacht, im Wahlkampfe auch nur
bürgerlichen Parteien entrissen und den Sozialdemokraten zugesckanzt (Lebhaftes Hört! Hört! bei den Lid.) Fünf Mandate haben die Agrarier den Welfen auSgeliefert. (Erneutes Hört! Hört! bei den Sih.) Sind die Welfen etwa besonders treue Freunde der preußischen Monarckie? Sic nennen uni rosarot, weil wir vier
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