162. Jahrgang
Drittes Blatt
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Samstag, 20. Januar 1912
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91 8 an g e. Liegen.
linden Witterung sei jedoch für Bauhandwerker, welche z. B. in ihrem Geschäft keine Arbeit haben, Gelegenheit geboten, Beschäftigung in den Weinbergen zu finden. Diese Bemerkung bezöge sich natürlich nur aut Einlwimische, fremde Arbeitskräfte fönnten nicht beschäftigt werden. Stuck aus Mittclheim wird bcriditet, daß intolge der günstigen Witterung und der guten Weinernte in der Landwirtschaft voll gearbeitet werde, so daß die einheimischen Ar beiter alle gut beschäftigt seien. Besonders vermerkt wird noch, das eine Aufhebung der Bervt'l gungsstation vom 1. April 1911 eine bedeutende Slbnahme der Turchreisenten zur Folge gehabt habe und baß der ganze Verkehr sich aut die hessische Seite gezogen habe.
Aus dem Buchdrilckcrgewerbe wird aus Kassel berichtet. das, burd- die Weihnächte zeit und durch die Wahlbewegung der Beschäftigimgsgrad ein günstiger gewesen sei. Frankfurt, berichtet ebenfalls von einem befriedigenden Geschäftsgang, cs seien jebod) vor den Festtagen mehr als 40 Entlassungen vorgekommen.
In Worms waren für Maschinisten, Heizer und Fabrikarbeiter nur wenige offene Stellen gemeldet. Audi tür Ha us b urschen,Taglöhn er undErdarbeiter ging die Zahl der offenen Stellen zurück, allerdings auch die Zahl der Arbeitsuchenden. Mainz berichtet, daß für tüchtige Erdarbeiter dauernd Besdräftigung vorhanden gewesen sei. In Kassel herrschte groser Andrang von ungelernten Arbeitern: von der Ober- poftbircition seien eine große Anzahl Leute bei der Weihnachts- paket-Beförderung beschäftigt worden. Im, G a ft w i r t S g e - werbe war der verflossene Monat flau. Nur für Anshilssarbeiter war nnd) bem Frankfurter Bericht infolge ber Feiertage und einiger größerer Festlichkeiten reichlich Arbeitsgelegenheit vorhanden. Aus dem weiblichen A r b c i t s m a r k l ist zu berichten, das in Mainz gegen Weihnachten die Nachträge nach Putzfrauen nicht gedeckt werden konnte. Worms teilt mit, das der Mangel an tüchtigem weiblichen Kockpersvnal sich empfindlich bemerkbar mache. Ter Andrang von Puh-- und Waschfrauen sei, wie immer vor den Festtagen, stark gewesen. Kassel berichtet von einem Mangel an Arbeitsangebot von Fabrikarbeiterinnen.
Stimme de»
Die „•Iffcenei £emflienbiatter*' rcerben bem «Anzeiger* viermal wöchentlich betgdegt, bat „Krtisfclatl für ötn Kreis Sieben*' zweimal vsöchenltich. Die „Landvlrtlchaftlichev LeU- tragen" erscheinen mxmathd) zweunat.
ftebaftun. (EypebUton anb Druckerei:
(träte 7. «trpebuion und Verlag ÖL
Redaktion: e-MK112. Leb-AbraStnze'gerLiehen.
Ter Fußbailsport i’t den Friedberger Slraßenjungeil so in Fleisch und Blut überlegangen, daß sie jeden beweglichen Gegenstand, sei es ein Stuck Holz oder ein Steinkohlen- stück ober seichst ein alter verloren gegangener Hut als Fußball ansehen und ihtt geschickt mit der Fußspitze Herumstoßen. Jetzt bieten die verloren gegangenen Gisstücke willkommene Objekte für diesen Sport und wer lein Glück hat, dem fliegt so ein Eis stück auch einmal an den Kopf.
Der Himmel bedeckt sich. Einzelne Schneeflocken wirbeln in der Luft. Aber das Barometer steigt neuerdings. Die Bierbrauer werden nervös, noch gähnen ihnen die Eis ■ feiler leer entgegen. Es ist noch manche Frostnacht nötig, um sie zu füllen. Besonders das langerwartete erste Eis des Winters muß unter Dach und Fach um jcbeit Preis, ehe der Tauwind vom Mittagsmeer kommt. Die Arbeiter fühlen das mit, sie fdjtoingcn die Axt höher, lösen viele Ouadrat meter große Eisflächen ab. Auf diese schwimmende Fläche schwingt sich ein junger firer Mensch mit der langen mit dem Eislmken bewehrten Stange. Er steuert die Eisscholle wie der Mainflößer sein Holzfloß zum. Hafen an dem das Eis herausgeflscht und auf die stets bereiten Wagen befördert wird. Der Fuhrmann bringt seine Pferde durch munteren Zuruf in eine raschere Gangart. Alles ist besorgt, das Eis so rasch wie möglich zu bergen.
Auch wir, die scheinbar uninteressierten Zuschauer, haben ein Interesse daran, daß Eis in großen Mengen zur Aufbewahrung kommt, damit in heißen Sommertagen der Eis verbrauch auch dem möglich ist, der im Schweiße seines Angesichts sein «Lirot verdient.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gderheffen
formet wiederholte, ließ sie ostentativ diese Worte fort. Vor der Tür aber erwartete das junge Ehepaar eine Schar begeisterter Frauenrechtlerinnenen, die jubelnb Fahnen schwengten unb das Verhalten der Brant als Heldentat feierten.
kf. Vierzig Jahre Ehescheidungen in den Vereinigten Staaten, lieber die Häufigkeit unb Leichtigkeit ber Ehescheidung in den Bereinigten Staaten kommen zu uns von Zeit 3u Zeit die unglaublichsten Berichte., Daß diese aber kaum übertrieben sind, zeigt eine jüngst veröffentlichte Statistik, die fick mit den Ehescheidungen in den Bereinigten Staaten während Der vier Fahrzehnte von 1867 bis 1906 beschäftigt. Die Kurve der Ehescheidungen — es handelt fick u. a. and) um eine bildliche Darstellung — steigt während der 4 Jahrzehnte stetig an, unb ihr Anstieg wird immer steiler, was bedeutet, daß der Zuwachs der Ehescheidungen von Jahr zu Jahr größer wird. Die entsprechende Kurve, die den Zuwachs der Bevölkerung angibt, steigt viel schwächer an. Nur einmal in der ganzen betrachteten Zeit, nämlich in den Jahren 1883 81 ist ein ganz schwacher Rückgang der Eheschei- cmngShäufigkeit festzustellen, der jebod) burd) die Zunahme in Dem folgenden Jahre sogleich wieder wettgemacht wird. Im Jahre 1867 betrug die absolute Anzahl der Ehescheidungen in den Bereinigten Staaten noch weniger als 10 000. Vier Jahrzehnte später betrug sie mehr als das siebenfache dieser Zahl, nämlich genau 72 062 im Jahre 1906. 1870 tarnen auf 100 000 Ehen 81 Setei - Dungen, 30 Jahre später bereits 200. Die Zehntausend wurde bereits int Jahre 1868 überschritten, 1881 waren die Amerikaner oci 20 000 Scheidungen im Jahre angelangt, 1889 hatten sie Die 30 000 überschritten, 1895 die 40000, 1899 die 50 000 und >ckon 2 Jahre Darauf Die 60 000. Dann dauerte es nur vier Jahre, bis sie schließlid) mit runb 72 000 auch die 70 000 überschritten, unb gegenwärtig beläuft sich die alljährliche Scheidungszahl in den Bereinigten Staaten auf runb 80 000. Zu dieser Statistik ist hinzuzufügen, daß in Den westlichen Staaten mehr Ehescheidungen vorkommen, als in den Oststaaten.
kk. FrauennachrichtenausallerWelt. Die Frauen der Türkei send eitrig daran, sich zu emanzipieren. Sie tun dies zunächst hauptsächlich in Form bedeutender Verbesse-
Frauen-Fernlleton.
— Die Frauenrechtlerin. Aus London wird berichtet: Noch im letzten x?lugenblicfc sind die temperamentvollen 'uglischen Frauenrechtlerinnen um einen Triumph gebracht roor> -en, den sie bereits vorher mehr lad) bis zur Neige ausgekostet hatten. Bor dem Traualtar der königlichen Kapelle in Savon, London, erschien an der Seite ihres Bräutigams die Nichte des Viscount Deel, die Tochter des obersten Dugdale, Fräulein Una Stratford Dugdale, die als ein hervorragendes Mitglied des politischen Frauenklubs bekannt ist. Der Trauung watzdii langwierige Ver- aanblungen mit dem Geistlichen der Hoftapelle, Dem Reoereird Hugh Ehapman voraufgegangen: die Braut wollte bei der Trau- imgsforiucl unter allen Umständen die Formel von dem Gehorsam der Ehegattut f o r t g e l a s s e n wissen und der gutmütige geistliche Herr hatte sid) schließlid) auch bereit erklärt, bas verpönte Wort auszulassen. Aber int letzten Augenblicke mußte er seine Zusage zurückziehen; durch die Zeitungen hatte der Erz- bildjof von Eanterbury davon erfahren, das; die seit Jahrhunderten iiblidie alte christliche Trauungsformel einem jungen Brautpaare zuliebe geändert werden solle, und dazu nod) in einer königlichen Kapelle, die Eigenttnn des britiidjen Herrscherhauses ist. Die Folge war, daß der Reverend Eharm.m vor der Trauungszeremonie i n Der Kirche folgende Erkürung machte: „Bor Beginn des Gottes- doienftes möchte ick) erklären, daß ick) auf Grund der Mitteilungen ter Presse mich genötigt gesehen habe, mich im letzten 'Jlugcnblirf mach über die rechtliche Gültigkeit einer Trauung zu unterrichten, bei ber gewisse Worte ausgelassen werden. Ich habe erfahren, : tetß die Gültigkeit einer solchen Trauung in einer königlichen Rapelle, die ausschließlich bem König gehört, zumindest zweifelhaft teeibt und so sind wir übereingekommen, aus Lohalität für Seine Majepät bem König die alten Worte beizubehalten." Aber zu- . Mich drückte der geistliche Herr die Hoffnung aus, daß in Zukunft -Ms der Trauungsformel gewisse Ausdrücke beseitigt werden möchten, die die Gesühle einzelner Ehefaitieß enter verletzen tonnten. Xann mürbe die Trauung vollzogen, das böse Wort „gehorsam" und ...gehorchen" hallte burd) den Raum, als die Braut aber die Eides-
rungeit des Unterrichte, wofür in letzter Zeit allerhand geschehen ist. Es ist nicht nur bereits ein türkisches Mäbchengyrnna- frurn gegrünbet worden, sondern eine Jndierin, E. S. Ka b o o r i e, hat eine große Stiftung für eine höhere Mädchenschule gemacht, unb außerdem hat die Verkörperung dieser Schulreformbewegung, in der Türkei, Frau B a ha n di n, eine Studienreise nad) Europa unternommen, um die westlichen Unterrichtsarten kennen zu lernen. Zunächst hat sie sich nad) England und zwar nach Eambridge begeben und beabsichtigt, im Wintersemester dort zu studieren. — Eine wicktige Neuerscheinung im Buchhandel, die namentlich auf die Geschichte ber Frauenbewegung in England in ber viktorianischen Epoche mancherlei Aufschlüsse geben wird, steht unmittelbar bevor. Die Testamentsvollstrecker der vor einiger Zeit oerftorbenen Florence Nightingale sind nämlich gegenwärtig mit der Vorbereitung zur Herausgabe ihrer Briefe beschäftigt. — Im norwegischen Parlamente ist jüngst ein ltesetzesvorschlag eingebrodit worden, ber bas Eherecht betrifft. Es handelt sich Darum, irgendwie eine gesetzliche Eheprüfung festzulegen, bei, der Bräute bartun sollen, das; sie ber Ehe, d. h. den Aufgaben der Mutterschaft sowohl wie,der Führung eines Haushaltes burchans .gewachsen sind. Eine französische Zeitung, die diese Nachrickt spöttelnd mitteilt, schlägt das männliche Seiten irüd dazu vor, will also auch die männlichen Ehekandidaten einer Eheprüfung unterworfen wissen. — In F r a n k r e c ck m a ch t b i e F r a u e n - bewegung außerordentliche Fortschritte. Der jüngst ins Leben gerufene Frauenstimmrechtsverein in Lyon hat es in zwei Monaten bereits auf 400 Mitglieder gebracht. Als Kuriosum hierzu fei hinzugefügt, baß sich in Pan ein A nt i sti m m r ech t s v er e i u gegründet hat, für den namentlich die Damen Schlumberger, Mirabanb unb Belle unb Herr de Breuil tätig sind. Die Vorträge, die sie im ganzen Lande halten, arbeiten, allerdings ohne Absicht ter Bortragenben, für die Sache der Frauen. — In Portug -a l, w o bie Frauenbewegung noch recht jung ist, hat sich ber portugiesische Verein für Frauenstimmrecht jüngst bem Weltbünde für Frauenstimmrecht angeschlossen unb damit dessen Mit-» gliebei^ahl auf '26 gebracht.
Gefiederte wintergafte.
Die kalte Jahreszeit, die unsere einheirnisck)en Vögel nadi dem Süden treibt, bringt an ihrer Stelle eine ganze Reihe gefiederter Wintergäste aus tem Norden zu uns, die an den Beeren einen reichlich gedeckten Tisch finden Dr. F. Marshall gibt in einem hübschen Aussätze ber „Natur", ter Zeitschrift der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, ausführliche unb anschauliche Schilderungen dieser Wintergäst.', die merkwürdigerweise vielen, besonders den etäbtern, wenig bekannt sind. Tie ziemlicki auffälligen Sdntccammem, die in schneereichen Wintern aus Island unb Lappland zu uns kommen und sich auf freien Plätzen oft mitten in den Städten Herumtreiben, werden von den nagel unkundigen Großstädtern häufig verkannt unb für absonderlich gefärbte Spatzen gehalten. Tie Schneeammer, ein* zu den Sperlingvögeln gehöriger Bogel, hat ein rotgelbes, unten weißes, sckwarzgeflecktes Winterkleid. Früher Wurdcit die Schneeammern übrigens gefangen, gemästet und verzehrt. Tie meisten unserer gefieberten Wintergäste machen sich bei uns nütz lick) ober richten wenigstens keinen Schaden an. Eine Ausnahme davon bildet die Saatgans, die ter Landwirt deswegen besonders haßt, weil sie ihm das Winterkorn verdirbt. Wenn bei uns die Felder burd) Schnee verdeckt sind, zieht die Saatgans weiter südlich bis nach Nordafrika.
Unser berühmtester und im finsteren Mittelalter berüchtigter Winter gast ist der Seiden sch w a n z, der Pestilenz- und Kriegs- Prophet unserer Allen. Nack) den Bauernregeln ist das Eintreffen des Seidenschwanzes ein Vorbote eines strengen Winters: manchmal aber erweist er sich als trügerischer Winterprophet. Ter Seidenschwanz, ein Angehöriger der Sperlingsvögel, ist etwa 20 cm lang, seine Hauptfärbung ist rötlich-grau, ein Strick burd) das Auge lund bie Kehle sind schwarz, ebenso ber Schnabel unb bie Füße; die Stirn unb bie unteren Schwanzteckfetern sind tief rotbraun, bie Spitzen der Flügelbecksebern unb Daunen- federn sind weiß, die Spitzen ter Schwingen sind außen gelb, innen weiß unb die Arm schwing en endigen in roten Hornblättchen. Der Hauvtschmuck des Seidenschwanzes ist eine rötlich-graue, 4 cm hohe Haube auf dem Kopf; nach dieser Beschreibung Dr. Marshalls dürfte wohl jeder den Seidenschwanz erkennen. Bisweilen ist dieser Vogel bei uns übrigens sehr häufig. Darüber teriditet schon der alte Eonrad Gesner. Im Winter 1552 sind nad) seinen Angaben zwischen Bingen* und Mainz bie Seidenschwänze so zahlreich geflogen, „daß sie einen dunklen Schatten gaben". Der Seidenschwanz, ter in seiner norbifd)en Heimat ziemlich abgeschieden lebt, ist aus diesem Grunde dem Menschen gegenüber, den er kaum kennt, wenig scheu unb gilt daher fälschlich für dumm.
Die bekanntesten unserer Winter,)äste sind die Kreuze s ch n ä b e I, von denen der Kieferkreuzschnabel, ber Fichtenkreuz-> schnabel unb seltener ber Weißbindenkreuzschirabel bei uns zu f mb eit sind. Häufig ist ter Kreuzschnabel auch bei uns Standvogel, gewöhnlich aber sind sie zur Winterszeit in unseren Wäldern häufiger, weil sie durch Zuzug von auswärts verstärkt werten. Tie Kreuzsd)näbel brüten übrigens mitten im Winter trotz Schnee unb Eis, und selbst bie ärgste Kälte hält sie bavon nicht ab. Bechstein erzählt, baß im Winter 1794/95 bei heftiger Kälte
Mtterbilder ans ßriMerg.
— Friedberg, 18. Jan. Eis herbei! Das Straßenbild hat sich mit dem eingetretenen strengen Frost geän-, bert Stall der leichten Lommerüberzieher und Mäntel hat sich jetzt jedermann in den schweren Winterüberzieher gehüllt, den Kragen aufgeschlagen, den Hut oder die Pelzmütze rief ins Gesicht gezogen, in dem die rote Nase Kirnte gibt, was der Spazierenlaufende trotzdem auszuhalten hat.
Eisblumen an den Fenstern, Eis auf allen Plätzen und stehenden Gewässern. Tie jungen und alten Schlittschuhläufer freuen sich, nicht zum wenigsten die Bierbrauer. Hängt doch für diese sehr eng die natürliche Eisbildung im Winter mit der besseren oder schlechteren Bilanz zu-- fammen.
Es ist Mittags 2 Uhr. Mann, Weib und Kind eilen mit den Schlittschuhen in den gut behandschuhten Händen zur Eisbahn in die Seewiese. Tas ist der Spiel- und Sportplatz der hoffnungsvollen Friedberger Jugend in der guten Jahreszeit, zu der ich auch die frostklaren Wintertage rechne. Auf der Seewiese spielt alles, huldigt die Jugend dem Sport. Alle Schulen sind vertreten, nicht zum wenigsten die Schillerschule mit ihrer Heranwachsenden weiblichen Jugend, deren Spuren im Eise der errötende Gßmnafiast folgt. Es wimmelt auf der großen Eisfläche von lleuisten Wesen, die erst Menschen werden wollen und den Halb- und Ganzerwachsenen. Von freiem Lauf ist da keine Rede mehr, es wimmelt wie in einem überfüllten Ballsaal alles eng durcheinander.
Seit gestern fahren die Eiswagen. Die spekulativen Landwirte'in Sckstadt — dies Dorf ist gleichwertig in seiner fleißigen wirtschaftlichen Betätigung mit dem Dorf Wieseck bei Gießen — haben alle Teiche in dep Gemarkung Ockstadt von der Gemeinde erpachtet für die Eisgewinnung. Sie boten den hiesigen Brauern 'den Zentner Eis frei Friedberg für 30 Pfg. an, fanden aber keine Gegenliebe. Sie werden herunlergegangen fern auf 24 Pfennig, denn heute folgt von Ockstadt her ein Eiswagen dem andern. Die Wagen sind geschickt hoch beladen. Eine zweispännige Fuhre enthält 48—60 Zentner Eis. Eine andere Brauerei hat ihren eigenen Eisteich ganz nahe derselben. Von dem 10 000 Quadratmeter großen Eist eich, in dem es außerdem von Edelfischen wimmelt, wird eben die erste Eisdecke geerntet. Drei solcher Ernten genügen dem Bedarf. Vierzig Menschen und sechs zweispännige Fuhrwerke sind damit beschäftigt, die ca. vier Tage zu dieser einen Ernte brauchen. Das Eis hat eine Stärke von 8—10 Zentimeter, je nach der Lage des Teiches.
Die tage öes Mrbeitsmarttes in Hessen, Heficn-Nassau und Waldeck im Dezember 1911
Ter Beschäftigungsgrad vilcgt im Dezember stark herunter zu oehen, so daß Bergleick>e mit tem vorhergehenden Monat unzulässig sind. Wir muffen deshalb Den Dezember des Vorjahres als Vergleick) heranziehen unb da ergibt fick, baß der BefchäftigPigS' grab burchaus günstig ist. Das gilt zunäckft von ber Metall- inbustrie. Die Nacksrage nach tüchtigen älteren Bauschlossern war in Frankfurt so stark, daß ein Teil Der Unternehmer auch mit jüngeren Leuten vorlieb najpn Beklagt wirb, baß größere Werke oie Arbeitsnackweisstelle nicht in Ampruch nahmen, so daß die Leute gezwungen sind, an verschiedenen Stellen um Arbeit nach5 zusragen. Ein Streik in einer Präzisionswerkzeugsabrik ist nod) nicht beendet. Der Metallarbeiterverband teilt mit, daß alle Hroeige ber Industrie voll beschäftigt sind. Nach tem Bericht teä Arbeitsamts Mainz war bie Nachfrage nach Bau schlossern, Spenglern und Jnstallateureit besonders lebhaft. Offenbach bezeichnet den Besdiäftigungsgrab in ter Maschineninduftrie als sehr gut. Von Worms wirb berichtet.Haß bie Zahl ber Arbeitsud-endeu in die Höhe gegangen sei, während bie onenen Stellen etwas ab genommen haben Trotzdem betrübe Mangel an tüchtigen unb leistungsfälftgcn JVräften. Von den Arbeilsuctenben bestünde ber größte Teil aus Zugereisten. Besonders vermerkt wirb, das; das l>eimifche Gewerbe zum Teil auf auswärtige Arbeitskräfte angewiesen sei und nur bie ung'lernten Arbeiter die einzige Bc ruiSgruppe barstellen, bei welch r bauernb ein Ueberangebot von Arbeitskräften vorhanden fei. Kassel mclbet starken Andrang von Maschinenschlossern.
Aus «der P a Pi er i nb u ft r ic wirb berichtet, baß die Buchbinder burd) die Arbeiten an ben Adreßbüchern und anberen größeren Arbeiten bis Mitte Dezember gut beschäftigt gewesen ||feien, daß bagegen zu Weihnachten Entlassungen vorgenommen wurden. Tie Lage in ber Portefeuilleinbustrie in i Offenbach wird als nicht günstig bezeichnet. Nach Sattlern anb T apezierern war bie Nachfrage bri ber Arbeitsna . weis- stelle Frankfurt gering. Das gleiche wird aus Worms berichtet. Aus ter Industrie ter Holz- und Schnitzstoffe wird ver- \ Ej.crft, für Sckneiner war in Frankfurt etwas weniger Arbeits- »elegenheit vorhanden. Für Glaftr unb Rahmen macker, Wagner anb jVüfcr war jebod) reichlich Arbeitsgelegenheit vorhanden. Für zxhreincr auf Kuickscliaftsarteit war ter Beschäftigungsgrad in ter ersten Hälfte deö Ntonats günstiger als in ber zweiten. In WormS nahm in der Holzindustrie bie Zahl ber offenen Stellen erheblich ab, aber and) die Zahl der Arbeitsuchenden ging etwas zurück. Der Arbeitsnachweis der Holzarbeiter in Frankfurt teilt int, bas; gegen den Vormonat die Zahl ber offenen Stellen . iurüdgegnngen, ter Airdrang dagegen stärker geworben sei. Ties nirb zurückgeführt auf die in der Weihnadstszeit öorgciwmmcnen Inventuren und Kesselreinigungen, mit denen meistens Aussetzern i>er Arbeit verbunden sei. Neue Arbeitskräfte würben nidtf eingestellt. Aus Mainz wird nod) von tem Bildhauer verein be- I richtet, daß ter Gesckmftsgmtg im Dezember noch schlechter ge- roefen sei als im Boniwnat. Ain Ende des Monats waren 11 Bildhauer außer Arbeit. Der Lolzavbeillrverband in Tarmstadt rill mit, baß bie int November stark zurückgegangene Konjunktur in ter Ällibeliirdustrie sich gegen Mitte Dezember stark gebessert habe. Durch die Unsicherheit ter Beschäftigung, intern einmal starker Bedarf an Arbeitskräften sei, dann wieder MasseneMlas- inngen uorgeiiommen würden, sei es sehr schwer, den Wünschen ;rad) tüchtigen Mobelschreinern stattzugeben. Hanau teilt mit, das; ein in einer Möbelfabrik bestehender (Streit feit Mitte Dezember b eigelegt nrorten sei.
Für Schuhmacher unb Schneider wirb aus Mainz i Mangel an offenen Stellen berichtet, nur ein größeres Konfektionsgeschäft unb Schuhfabriken suchten durch Annoncen Arbeiter. Aus Offenback wirb mitgeteilt, daß in den Schuhfabriken durch die Fertigstellung der int Frühjahr lieferbaren Aufträge stark ge- : arbeitet werte und der Beschäftigungsgrad ein sehr guter sei. i Vereinzelt würden auch Ucberftunbcn geleistet. ?lus Worms wirb berichtet, daß Schneider unb Schuhmacher wenig Arbeit finden. Aus Frankfurt wirb vom Friseurgehilfenverband noch gemeldet, daß für bie Samstage und Sonntage 64 Gehilfen iverlangt worden feien, die and) besetzt werden lonntcn. Das Baugewerbe hatte natürlid) einen geringeren Beschäftigungsgrad zu verzeichnen. Aus Worms wird mitgeteilt, baß für 51 Tüncher unb Anstreicher nicht eine einzige offene Stelle vorhanden gewesen sei, dagegen seien Maurer unb Zimmerer noch gut unterzubringen gewesen. Kassel beridjtct, baß bie Bautätigkeit, der Jahreszeit enttprechend, bedeutend nachgelassen tebc, daß jedoch teilweise noch Erdarbeiten unb Kanalarbeiten ausgeführt würben. Aus Darm stabt wirb beuchtet, baß die Bautätigkeit zwar immer nod» sehr gering fei, daß jebod) die Fertigstellung des Bahnhofes für einige Zeit den L>eschäftigungsgrad etwas belebe. Mainz meldet, daß im Bau- 1 Gewerbe alle Berufe, mit Ausnahme der Maler und Tünck;er, genügend Arbeit hätten. In Offenbad) war die Bautätigkeit ziemlich fdjwadi: ebenso in Wildungen, wo nur ein größerer Hotel bau feiner Vollendung entgegengeht. Rüdesheim meldet, daß bie Bautätigkeit im Dezember sehr gering gewesen sei. Infolge ber ge-
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