Sonntag, den 21. Januar 1912, nachmittags 3 Uhr, im großen Saale des Kolosseums
Kandidatur
Tages-Ordnung:
Redner: Herr H. Wcinschild, Berlin und Herr Stadtverordneter Ed. Krninm, Gießen.
Zu dieser Dersammlunq hat jedermann Zutritt und ist freundlichst eingeladen.
Freie Aussprache! v'7, Der Einberufcr: H Noll, Kicken
Habt Ihr das Wort
Ohne Gefahr für seine Existenz kann fein taitcr oder Llooisorbeiter soziolSemolratM ivöhlku!
Die ncncntetünc Behauvtuna des anonvmcn Inserenten in Nr. 15 dies. Zeng. kann ick nicht unividersorochen lassen, obwohl ich kein ausacsprochcner „Slntiicuiit" bin.
K in Beamter od. Staatsarbeieer darf die Partei der Kaiser- und
schon vergessen, das Euch im Jahre 1907 Dr. Werner an den Kopf schleuderte? Wollt Ihr ihn trotzdem wiederwählen? 0511
(Sin Liberaler.
Reichstagswähler Uonsumente» Genossenschafter!
Seit Jahren treten die Abgeordneten verschiedener Parteien in den Parlamenten in Rücksicht aus bestimmte kleinhändlcriichc Wäblcrkrcise für eine ausnahmc- acscpliche Behcmdluna der Genossenschaften, insbesondere der Konsumvereine, ein. Zur Abwehr dieser ausnalnnc- gcfctzlichcn Bestrebungen sah sich die unterzeichnete Ab- webrkommission veranlaßt, sämtliche Kandidaten über ihre Stellung zu diesen Bestrebungen zu befragen. Die Beantwortung der gestellten Fragen verpflichtete keineswegs sich zu einer Förderung des Genossenschaftswesens zu bekennen. Es sollte damit vielmehr lediglich die Bercit- lvilligkcit des Kandidaten, eine ausnabmegcfcvliche Behandlung der 2ti00 Konsumvereine Deutschlands mit nahezu 2 Millionen Mitgliedern abznlehncn, ausgesprochen werden.
Herr Dr. Ferd. Werner
hat die gestellten Fragen
ablehnend
beantwortet; er ist also als Anhänger der Bestrebungen, die Gcnosscnschastsbcwcgung, insbesondere die Konsum- genossenschastsbewegung durch Ausnahmegesetze zu erdrosseln, zu betrachten.
Wir fordern alle gerechtdenkenden Wähler, insbesondere alle Llonfumvereinsmitglieder und Anhänger des Genossenschaftswesens auf, bei der Stichwahl obigem Kandidaten keine Stimme zu gehen 3it Mmhlkmssion für Mn nnd Schn-NaPi
I. A.: Joses Bauer, Geschäftsführer, Mainz. D^/1
Pad ein Beamter sozialdemokratisch wählen?
Diese Frage wird angesichts der bevorstehenden Stichwahlen wieder aufgeworfen und die Antisemiten beeilen sich, s'.e unter Hinweis auf den „Treueid" zu verneinen. Verständige Leute wird man mit solchen Mätzchen nicht irre machen können.
Natürlich dürfen Beamte sozialdemokratisch wählen! So gut wie jeder andere Staatsbürger, wenn das seiner lleberzeugung entivricht. Nirgendwo ist ihm das verboten und es wäre verfassungswidrig, wenn ihm dies verboten mürbe.
On Baden haben bei den letzten Landtagswahlen die Beamten bis zu den höchsten hinauf sozialdemokratisch gewählt, in Bayern werden sie eö tun bei den bevorstehenden. Und zwar handeln sie damit im Ontcrefie des Volkes und zugleich des Staates. Lasse sich also kein Beamter durch die kindischen Redereien uom „Diensteid" abbatten, seiner lleberzeugung gemäß zu wählen. D1- ,
Reichsseinde unterstützen, sei es durch einen sozialdemokratischen Stimmzettel oder durch Wahlenthaltung!
Durch das anonyme Inserat ist nur bezweckt, ilnwificnben Land in die Angcn zn strencn, besonders durch den völlig unzutreffenden Vergleich mit Baden und Bayern. [0499
von Bültzingsloewen, Postinspektor.
Achtung Liberale!
Wie die Antisemiten über die Liberalen denken, denen sie jetzt in ihren Stichwahlnöten den Bart streicheln, sagen sie in den Aufklärungsschriften des Reichsverbandes der deutsch-sozialen Partei, z. B. in Nr. 1 vom Januar 1912:
„Noch bei keiner Wahl ist von den liberalen in so gemeingefährlicher Weise das deutsche Bolt mit Lügen überschwemmt worden, als es diesmal der Fall ist. Die unglaublichsten und tollsten Dinge über alle, die nicht zum Pülowblock gehören, werden zutage ge° fördert. Es ist ja viel Dummheit dabei im Spiele aber leider sehr viel noch schlimmeres, denn den meisten Wahllttgen sieht man es an, dast sie wi der besseres Wissen aufge- stcllt werden.
"An Rohheit und Verworfenheit, übersteigt die liberale Wühicrc» weit die berühmte Skrupellosigkeit der Sozialdemokratie usw.
Und an anderer Stelle des Blattes:
„Wie sic schwindel«, nämlich die liberale Aussichtsratspartei" usw. — „Zwischen Nau-- mann und Basscrmann ist bei ihrer unverantwortlichen Demagogie kein Unterschied, um schäbiger Parteivorteile halber Hetzen sie Reich und Staat aus Rand und Band." So sieht die Partei des ordnungsparteilichen Dr. Werner die Liberalen an. Jede» Liberale, der noch einen Funken von Ehrgefühl hat, wird sich bedanken, diese Schimpsbrüder zu wählen. d’%
Das sozialdemkratische
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Bitte Flugblatt und Schaufenster zu beachten. 0347
Der Wahlausschuß.
D»/i
Unsere Freunde versammeln sich am Wahltagabeud im W* Lenz scheu Felsenkeller in Giesten zur Entgegennahme des Wahlergebnisses.
Aufforderung 111 alle lilirailru Win In Uebereinfttrnrnung mit der von der Jentralleitung unserer Partei und dem hessischen Landesansschns; ausgegebenen Parole bitten wir die Wähler des Wahlkreises Gießen- Erünberg-Nidda dringend, auch in der Stichwahl das
Ziel vor Augen zu halten, um welches der Wahlkampf geführt wurde, und zu verhindern, daß wieder ein Vertreter der Reaktion, ein Mitglied des antisemitischen Vündlertums als Abgeordneter unseres Wahlkreises in den Reichstag gewählt wird.
Wir fordern daher
alle unsere Mitkämpfer in der Hauptwahl, inbesondere unsere
Parteigenossen und Freunde auf, Mann für Mann ihre Stimme dem Kandidaten der sozialdemokratischen Partei, Herrn
Krankcnkassckontrolleur Georg Bethau in Gießen
zu geben.
Eießen, 19. Januar 1912.
ilit MliiMMiiMl
Orr FslWittliiM MksMlki.


