Ausgabe 
19.10.1912 Erstes Blatt
 
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namentlich auf dem sumpfigen öftlicfien Ufer des Skutari- Sees. Im Falle eines Mißcrfo>,?s sind die Montenegriner im Rücken un-gedeckt, da der hinter ihnen liegende kleine See von Hum die Verbindung mit ihrem Zentrum erschwert. Von der Nordarmee sind über 300 Verwundete hierher transportiert worden. Es macht sich bereits der Mangel an Äerzten fühlbar Aus Rußland laufen viele Opfergaben für das Rote ÄTeua ein. Tie Kron­prinzessin Militza leitet persönlich die Pflege in den provisorischen Spitälern non Tuzi, in denen die verwun­deten Türken und Malissoren untergebracht sind.

Sieiesmrldunien ans Konstantinopel.

Konstantinopel, 17. Okt. (7 Uhr abends) Mel­dungen des Kriegsministeriums besagen: Die Kämpfe bei Scania in der Gegend von Tuzi traben mit dem Erfolge der Türken geendet. Die Montenegri­ner zogen sich zurück. Auf türkischer Seite wurden zwei Offiziere und 15 Mann getötet und drei Ofs-.z-ere unb 51 Mann vernmndet. Die Verluste der Monte­negriner werden aus 500 Mann geschätzt. Die Kämpfe bei Guss in je dauern an. Die Türken haben die Posten bei Politzi besetzt und haben ein Geschütz und Munition erbeutet.

Der Berliner ,Lok.-Anz." meldet aus Saloniki: Tre Montenegriner wurden über die Grenze zu­rückgetrieben. Die Zahl der Toten ist groß, da die Erbitterten keinen Pardon gaben.

Tic türkisch-serbischen Kämpfe.

Saloniki, 18. Lkt. Tas Gefecht bei Pudujewo und Prepolatz an der serbischen Grenze nahm einen größeren Umfang an. Auf beiden Seiten trafen Verstär­kungen ein. Die Türken schlugen alle Angriffe der Serben zurück. Auf beiden Seiten wurde mit der größten Erbitterung gekämpft. Die Verluste sind unbekannt. Wie es heißt, treffen die Serben Anstalten, in der Gegend von Novibazar einen Uebergang über die Grenze zu erzwingen.

Nach einer Belgrader Meldung dauerte der Kampf zwischen Türken und Serben bei Mr dar e bis Donnerstag abend; auf türkischem Territorium wurden 2 91 tote Türken gesunden.

Ein türkischer Armeebefehl.

Konstantinopel, 17. Okt. (10 Uhr abends). Wie verlautet, erließ das Kriegsministerium infolge des Beschlusses des Ministerrats einen Armeebefehl, in dem alle an dem .Kxiea beteiligten Truppen aufgefordert werden, bei dem Einfall in feindliches Gebiet s ich jeder Ausschreitung zu enthalten. Das Ministerium des Innern beauftragte die Provinzbehörden, der muselmani­schen Bevölkerung anzuraten, sich aus Anlaß des Krieges nicht aufhetzen zu lassen, fanoeni mit den Christen in Eintracht zu leben.

Die Pforte erhob Beschwerde bei der russi­schen Botschaft, weil oas russische Stationsschiff durch feine Apparate Die drahtlosen Verbindungen zwischen dem Schwarten Meer und der kreuzenden türkischen Flotte sowie der (yicfigeit Station stört.

Eine Proklamation des Königs von Bulgarien.

Der König von Bulgarien erließ folgende Kund­gebung an das Volk:

Bulgaren! Im Laufe meiner 25jährigen Regierung habe ich stets in friedlicher Kulturarbeit den Fortschritt, das Glück und den Ruhm Bulgariens erstrebt, nur nach dieser Richtung habe ich die bulgarische Nation beständig sich entimckeln sehen ivollen. Aber die Vorsehung entschied anders. Es ist der Augenblick gekommen, wo die bulgarische Rasse berufen ist, auf die Wohltaten des Friedens zu verzichten und die Hilfe der Waf­fen anzu rufen zur Werwirklichung des großen Problems. Jenseits des Rita- und Rhodopegebirges waren unsere Blutsbrüder und Religionsgenossen bis heute, dreißig Jahre nach unserer Befreiung, nicht so glücklich, ein erträglickies menschliches Dasein zu erlangen. Der Seufzer von Mil­li o ii en von Christen mußte unsere Herzen er ­schüttern und die Herzen ihrer Stammes und Religionsge- nossen, denen wir unsere Freiheit und imser friedliches Leben der großen christlichen Befreiung verdanken, und die bulgarische Nation hat sich der prophetischen Worte des Zar-Befreiers erinnert: Das heilige Werk muß zu Ende geführt werde». Unsere Friedens liebe ist erschöpft. Um der dm ft lieben Bevölkerung in der Türkei zu helfen, bleibt und fein anderes Mittel übrig, als uns zu de» Waffen zu wenden. Wir sehen, daß dies das einzige Mittel ist, womit wir ihnen den Schutz des Lebens und des Eigentums fidiern können Die Anarchie in de» türkischen Provinzen hat selbst inner nationales Leben bedroht Nach den MassaereS in Jstip und Kotsdxma ordnete die türkische Regierung, statt den Geprüften Gerechtigkeit und Genugtuung zu gewähren, » ie wir gefordert batten, die Mobilisierung feiner militärifdkn Streitkräfte an. Unsere Langmut wurde auf eine harte Probe gestellt. Die »inisd lick.» und christlichen Gefühle, die heilige Pflicht, seinen Brüdern zu helfe», wenn sie mit der Berniditung bedroht sind, die Ehre und Würde Bulgariens legten mir die gebieterische Psliwt auf, die für die Verteidigung des Vaterlandes bereiten Sölme unter die Fahne zu rufen. Unsere Aufgabe ist gerecht, groß und Ijcilig. Im Glauben andenSch u tz u n d

rechnen, die zu Rohrbach mit einer rätfellmften Jnsckirist, die der Totenkirche von Großen do rf bei Büdiirgen aus dem Jahre 1328 und gegossen von Meister Johannes und die zu Ober-Widders heim. Dem 15. Jahrhundert gehören die Glocken von G l a u b e r g, die Gl .'le des Schulhanses am Markt platze zu Büdingen, zwei von ?d.;ell, zwei von Bisses und die von Hitzkirchen, zusanmien acht. Bis aus die eine E eb zell e r Glocke, die Heinrich Müller 1177 in Frankfurt goß. sind nndi hier Gießer und Ursprünge ort unbekannt. Ber!' ltiiismästig wenig Glocke» bat das 1<>. Jahrhundert anszuweisen, nur sechs. Es gehören dahin zwei Glocken der Jol-anniterkirci zu Nidda, eine zu Echzell, die O r t e n b e r g e r Rall ausglvck. und bi-' Glocken von H e u d> e I h e i m und G e i ß N idda Als Gießer wird auS dem IG. Jahrhundert nur ein Stefan erwähnt. Vom 17. Jahrhundert sind der Gegenwart Glocken überliefert: ihr. Meister und Guswrte sind bis aus zwei unbekannt. Die meisten Werke lieferten die Rinckers zu Aßlar. Die beiden Glocken der Niddaer Pfarrkirche und die eine der dortigen I o hauniterkirche sind nad bei Znick ri'l zu urteilen, von dem französischen Glockengießer Elaude Brochar zu Brevanne in Lothringen gegossen Dem 18. Jahrhuud. rt g.hören 21 '^locken an, deren Meister I? bekannt s »d Ti. meisten Glocken dieser Epow? goß die Familie Bad» zu Wind, len, aber auch Gießen, Hungen >,»d Frankfurt schickten ihre iiilmtöoUc» Erzeugui ie in den Kreis Büdingen. In de» Orlen B i n g e » h ei nr, ckl i sses D a u e r nh c i nt, C> c i ß N idda, Hitzkir ch e n. Leidhe ck e n, S?ber M o ck st a d t, O r t e n b e r g und S ck' w i ck a r t s t a n s e n fangen außerdem Jcbr alte Glocken, deren Sliter nichl zu ermitteln ist, da sie keine Jnsckiristen haben.

1912a, der

tcinber wurde, nähere.

dieses Iah

im Sep

Von dem neue n K o in e t c n in Australien als erster Komet berichtet die ..Umschau'' »ach weiteren Beobachtungen letzt . Dec Komet bewegt fidi zunächst schnell nacki Norden rüirlmr- lfvc,2 UI diese» Tagen aus der nördlick e» ErdlwUcku.nl fiditb.n fein .lllerdings nimmt seine Entfernung von der Sonne und von der Erde gegemv^rrtig zu jetzt 137 und IGO MiIIjene» JCilümeter), io das, der etwa wie ein Nebel lock bei fünften '< , klasse leuchtende H.mmeUki'rver zivar schon in ,incm kleineren «vernrohr deutlich pchrbar fern wird, aber mit bloßem Auge kaum zu erkennen sein bunte. ° u luu,n

Beistand des Allmächtigen bringe ich zur Kennt­nis der bulgarischen Nation, daß der Krieg zur Verteidigung der menschlichen und christlichen Rechte an die Türkei erklärt worden ist. Ich be­fehle der tapferen bulgarischen Armee, in das türkische Gebiet zu marschieren. An unserer Seite und mit uns kämpfen mit dem gl"^en Ziel gegen den gemein­samen Feind d e Armeen mit Bulgarin t rerbündet.r Balkanstaaten, Serbien, Griechenland und Montenegro. In diesem Kampfe des Kreuzes gegen den Halbmond, der Freiheit gegen die Tyrannei, iverden wir die Sympathien aller Hatzen, welch.' die Gerechtigkeit und den Fortschritt lieben. Möge, gestützt aus diese Sympathien, der tapfere bulgarische Soldat der Heldentaten seiner Väter und Ahnen eingedenk sein und der Tapferkeit seiner russischen Lehrer und Befreier! Möge er von Sieg zu Sieg eilen! Nun vorwärts und Gott mit uns!

Die Veröffentlichung ist vom König unterzeichnet und von den Ministern gegengezeichnet.

Gottesdienste in Bulgarien.

Sofia, 18. Okt. Heute morgen wurden im ganzen Kö­nigreiche feierliche Gottesdienste für den Erfolg der bulgarischen Waffen abgehalten. Als die Königin in Sofia sich nad) der Kathedrale begab, wurde ihr zugejubelt. In der Stadt herrscht große Begeisterung. Eine große Menge liest die ange­schlagene Kundgebung des Königs.

Die griechiiche Nattonalbank spendete den verschiedenen Vereinigungen zur Pflege Ver­wundeter und zur Unterstützung bedürftiger Familien von Reservisten 46 000 Francs. Der Gouverneur der Bank er­klärte, die metallischen Reserven und die Depots der Bank im Auslande seien so beträchtlich, daß jede Besorgnis aus­geschlossen sei und die Bank es nicht nötig habe, zu außer­gewöhnlichen Maßnahmen zu greifen.

Französische KricgZchiffe.

Die Agence Havas meldet aus Toulon: Fünf Kriegsschiffe werden sich bereit halten, um an die Küsten Syriens zu gehen, falls ihre Anwesenheit zum Schutz der französischen Staatsangehörigen nötig werden sollte. Zwei französische Schiffe befinden sich bereits in der Nähe.

vom Dreibund.

Tribuna" schreibt: Der rasche Entschluß Deutsch­lands und Oesterreich-Ungarns, die Souveränität Italiens über Lybien anzuerkennen, wird auf die öffentliche Mei­nung Italiens großen Eindruck machen und wird besonders in politischen und parlamentarischen Kreisen gewürdigt werden. Der Beschluß beweist die feste und aufrichtige Freundschaft, die Italien mit den beiden verbündeten Reichen verbündet. Italien wird ihnen diesen Schritt umso höher anrechnen müssen, wenn es die während des Krieges beobachtete korrekte und treue Haltung der Verbündeten während des Krieges berück­sichtigt, die mit unserem Feind in Interessen- und Freundschafts- beziehungen gestanden haben.

Was Deutsck)land anbetrifft, dürfen wir nicht seine Tätig­keit zum Schutze unserer Landsleute in der Türkei vergessen-und auch nicht die Schnelligkeit, mit der es sich dieser Ausgabe unterzog.

Graf Bcrchtolds Reise nach Italien-

Graf B e r ch t o l d verläßt am 20. Oktober Wien, um sich dem König von Italien vorzustellen und mit San Giuliano zusammenzutreffen. Berchtold trifft in Pisa am 21. Oktober, abends, in Begleitung der Gräfin Berchtold und des Kabinetts- chess Grafen Hoyos ein. San Giuliano reift am 20. Ok­tober nach Pisa. Beide Minister begeben sich am 22. Oktober nach San Rossäre und werden vorn Könige emp­fangen. Das Königspaar gibt dem Grafenpaar Berchtold und San Gjinliano ein Frühstück. In Paris werden u. a. anwesend fein: Botschafter Merey und der Herzog von Avarna.

Der Präsident der Wiener Handelskammer über die deutsche Zukunft.

z In der Sitzung der SBiener Handelskammer am Don nerstag sprach der Präsident Schöll er über den Balkan­krieg und erklärte, die Monarchie habe ausschließlich die Aufgabe, strengste Neutralität int Sinne warmer Anteilnahme an Dem Geschick der beiden kämpfenden Par­teien zu beobachten. Der Präsident fuhr fort:

In diesen Tagen der Sorge war es für uns ein erheben­des Gefühl, uns der engen Waffenbrüderschaft mit dem deutschen Reiche sicher zu wissen, die wohl heute als eine wichtige Vorbedingung ruhiger politischer und wirt­schaftlicher .Entwicklung in den beiden Staaten betrachtet wird. Das Deutsche Reick) bietet dank der Wohlhabenheit seiner Be- völkerimg das Bild eines Staates mit geradezu überraschender Evolution, so daß die Möglich- keitsgrenzen seiner weiteren Stellung in der Weltwirtschaft nicht abzu sehen sind.

Drohende Haltung Rußlands?

DieGazetta Narodowa" meldet, Muß land konzen­trier e T r u p p c n a n d e r ö st e r r e i ch i s ch e n G r e u z e.

Hebet die «urkijche Kriegsflotte

schreibt man der Tägl. Rdsch. von fachmännischer Seite: Bei der Mobilmachung der Türkei steht die türkische Kriegs- Hotte jetzt vor der Lösung neuer Ausgaben. Jrt dem nun been­deten Kriege gegen Italien konnte sie keine größere Rolle spielen, da sie gegen die italienische Seestreitmacht aus jedem Gebiet um ein vielfaches unterlegen war. Die Schiffslisten der türkischen Marine führen eine Menge -von Fahrzeugen aller Gattungen aus: prüft man aber den Gefechtswert der einzelnen Schiffe so bleibt nur eine recht kleine Seestreitmacht übrig, die sich zu Operationen über See für die heutigen Anschauungen eignet. Die im kommet 1910 von Deutschland an getauften bei den LinienschiffeKurfürst Friedrich Wilhelm" undW e i ß e n b n r g" , -die jetzt die NamenK h a i r e d - d i n Barbarossa" undT o r g n d Reiß" führen, bilden die H aiiltma ch t der türkischen Panzerflotte. Zwei moderne Trcab- noughts, die sich bei Vickers in Barrow und bei Armstrong- Elswick im Bau befinden, können noch nicht mitrechnen. Den Hauptkern der Kreuzerslotte unter dem Halbmond sind die beiden geschützten SchisseM e d i i d i j e" undH amidii e", die erst tut Jahre 1903 gebaut worden sind. Ein bei Anfeldo-Genua seiner­zeit in Bestellung gegebener dritter >ßreuzer. dieDrama" war bisher von Italien infolge des türkisch italienischen Krieges nut Be'ckuag belegt worden. Ob dieser moderne Mtcmer inzwischen sertiggestellt worden ist oder nun nach dem Friedensabschluß frei gegeben werden wird, muß abgeivartet werden. G roß ist die Zahl der türkischen Kanonenboote, die immerhin r r uppen trän spotte und den Handel im Mittel.» eer be­unruhigen können. Und auch Hie Schifssliste der türkischen ' or V e dob oo t e weist viele Namen aus Vor allem sind es hier auch wieder vier deutsche Zerstörer, die im Jahre 1910 bei cdndiou in Elbing gebaut worden sind, die ursvrünglich für die putsche Kriegsflotte gebaut wurden, aber nach Vereinbarung in den Besitz der Türkei übergingen. Jedensalls ist die türkische vriegsslotte bei den leyigen Kriegswirren den Gegnern gegen­über cm Machtfaktor zur See, mit dem gerechnet werden kann wenn die Handhabung eine sachgemäße ist.

Der Frieden von Ouchy.

Der am 18. d. M. in Ouchy unterzeichnete Frje­de n s v e r t r a q znuschen Italien und der Türkei besagt nach einer Meldung in Rom, im Eingänge, daß der Könia von Italien und der Kaiser der Ottomanen von dem gleichen TU?VC.-!?r b.lf o e udigung des Kriegs; u st a n

LA,l?tChCn ,lir? tan?crn b^elt sind, folgende Bevoll- machtlgte ernaiinten: Der König von Italien den Dcpu tierten Pi^rv Be r t o l i n i, Staatsrat Guido Fu sio t o Guiseppe Volpi, der Sultan den außerordentlichen Ge' sandten und bevollmächtigten Minister Mehemmed

Naby Ben, Rum Ben Oglu und Fareddin Bey. Diese Bevollmächtigten kamen über folgende Punkte überein:

Artikel 1: Tie beiden Regierungen verpflichten sich unmittelbar nach der Unterzeichnung des gegenwärtigen Vertrages die notwendigen Verfügungen zu treffen, zu der sofortigen und gleichzeitigen Einstel­lung der Feindseligkeiten. Tie öonbcrgcfanbtcn werden in die betreffenden Orte geschickt, um die Ausfüh­rung der eben genannten Verfügungen sicherzustellen.

Artikel 2: Tie beiden Regierungen verpflichten sich, sogleich nach Unterzeichnung des vorliegenden Vertrages ihren Offizieren und Truppen den Rückberufungsbefehl zu geben, ebenso ihren Zivilbeamten. Tie ottomanische Re- gierung für die Eyrenaika, die italienische Regierung für die besetzten Inseln im ägäischen Meere. Die tatsäch­liche Räumung der genannten Inseln von den italienischen Offizieren, Truppen und Zivilbeamten wird sogleich erfol­gen, wenn die Räumung seitens der Türken in Tripoli- tanien und der Eyrenaika durchgeführt ist.

Artikel 3: Tie KriegsgefangenenundGei- ßeln werden möglichst bald ausgetauscht.

Artikel 4: Die beiden Regierungen verpflichten sich, vollkommenen Straferlaß zu gewähren, die könig­liche Regierung den Bewohnern von Tripolitanien und der Eyrenaika, die kaiserliche Regierung den Inselbewohnern des äaäischen Meeres, die Untertanen der ottomanischen Herrschaft sind, und an den Feindseligkeiten teilgenommen haben oder sich in ihrer Stellung bloßgestellt haben sollten, abgesehen von gemeinen Verbrechern.

Artikel 5: Alle Verträge und Uebereinfünfte jeder Gattung und Art der 9-atur, die zwischen den beiden ver­tragschließenden Teilen vor der Kriegserklärung ge­schlossen oder in Geltung waren, werden unverzüglich wieder in Kraft gesetzt.

Nach den Blättern beträgt die an die Türkei zu zahlende Entschädigung für Libyen 87 000 Pfund jährlich, was ein Kapital von 50 Millionen Francs dar st eilt, das die Türkei in jedem Augenblick beanspruchen kann. Es verlautet, der Handelsminister Rechid werde zum Kadi von Tripolis ernannt.

Infolge des Friedensschlusses wird den Handelsschiffen wieder vollständig freie Durchfahrt durch die Dardanellen gewährt werden.

Der Sultan an die B wohner der Inseln drs Aegäischen Merres.

DieAgcncia Stesani" meldet aus Konstantinopel: Der Sultan unterzeichnete gestern das Jrade zugunsten der Bewoh­ner, der Inseln des Aegäischcn Meeres. Darin wird versichert.daß Reformen in der Rechtspstcge und in der Ver­waltung eingeführt werden sollen, um den Bewohnern Ge­rechtigkeit und Wohlergehen ohne Unterschied des Kul- tus und der Religion zu gewährleisten. Zu Beamten und Richtern sollen nur Personen ernannt werden, die die Landes« spräche beherrschen und volle Befähigung besitzen. Voller, un­begrenzter Straferlaß wird denjenigen gewährt, die an den Feind­seligkeiten teilgenommen haben oder sich dabei bloß stellen mit Ausnahme derer, die sich gemeiner Verbrechen schuldig gemacht haben.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 19. Oktober 1912.

Zum Erntedankfeste.

Es gibt viele Schilderungen des bäuerlichen Lebens in alter, deutscher Zeit, die farbenprächtige Bilder des Ernte­dankfestes enthalten. Wenn die leitte Garbe gebunden war und der letzte Ernteivageii nach Hause geleitet wurde, so folgten ihm Schnitter und ©dniitterinncn, singend, in fröh­lichem Zuge. Sich selbst und die Pferde, die den Wagen, zogen, hatten sie bekränzt; in Gegenden, in denen der Groß­grundbesitz vorwaltet, wurde dem Gutsherrn unb seiner Frau von einer jungen Schnitterin der Erntekranz über­reicht. Am Erntefeste selber sah man in der .Arche eine dichtgedrängte Menge feierlich gestimmter Menschen: Altar und Kanzel waren mit Feldfrüchten und Blumen geschmückt, und die Prediger legten ihrer Betrachtung die schönen alt« estamentlichen Worte zu Grunde: So lange die Erde stehet, oll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, oder: Tu lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, daß du Brot ans der Erde bringest. Am Nachmittag und am Abend trat die weltliche Lustbarkeit in ihr Recht, ^hr Fest- ntahl ließen sich die Leute, die wochenlang im Sonnen- brande gearbeitet hatten, nicht nehmen. Man lese cs ein­mal bei Jeremias Gotthelf nach, wie er in seinem unüber­trefflichen, zweiteiligen BauernromanUli der $Vned)t" und Uli der Pächter" einen Ernteschmaus schildert:Die Leute hatten tapfer gearbeitet, aßen nun auch tapfer und nicht mit der angebornen Gemächlichkeit, nicht viel anderes als das Klappern der Löffel und Teller wurde gehört. Doch nicht lange, so kam ihnen die Besonnenheit, sie gedachten, daß sie die ganze Nacht zum Essen hätten, und je tangsamer ic es täten, desto mehr möchten sie, und desto länger konn­ten sie." Aber aus rein menschlickfem Empfinden heraus agt der Dichter, der sonst wcrhrlich das Materielle nicht überschätzt hat, auch:Solche Mahlzeiten bilden die Glanz- mnkte in dem Leben so vieler, würden sie aufhörcn, wäre es über dem Leben.gar viel-er,.als Jroenü alle Sterne erlöschen würden am Himmel. Es ist traurig, wenn über einem ßeben feine andern Sterne stehen als Mahlzeiten, aber es ist dumm, wenn man ihnen Wert, Bedeutsamkeit alisprechen will." Mends ging es wohl zu nach dem Worte Schillers: Und das junge Volk der Sckfnitter fliegt zum Tanz.

Das Erntedankfest unserer Tage wird nicht mehr mit )cr naiven Fröhlichkeit der alten Zeit gefeiert. Das liegt )aran, daß die wirtschaftliche Existenz der Menschen, auch >er Bauern, nicht mehr lediglich davon abhängt, ir»as die benachbarten Giemarhingen für einen Ertrag gehabt haben, und daß eine gute Ernte uns noch nicht auf ein Jahr von materiellen Sorgen befreit. Wir sind in dieser Beziehung bon Faktoren abhängig, die über den ganzen Erdball hin- übergreifen. Die Riugbildung in Amerika, die Zollgesetz- gebuug der europäisckfen Staaten, der Niedergang ein­zelner Industriezweige, gerade jetzt das SVnattcrii der Ge- wehre auf der Balkanhalbinsel, sie wirken nachdrücklich auf Preisbildung und Lebenshaltung, und es wird niemand behaupten, daß es heute in irgend einem Berufe leicht ist, durchzu kommen.

Aber auch in unserer Zeit ist der Glaube, daß ein Gott, )cr alles lvohl führt, im Regimente sitzt, nicht im min­desten erschüttert. Unsere Landbevölkerung schaut in diesem Fahre aus eine reiche Ernte zurück. Korn, Kartoffeln, Rüben und Heu sind gut geraten, und Obst ist hinreichend da. Ammer wieder erkennt der Landmann, daß Wachstum und o ebeihen nicht in des Menschen Hand ruhen, und gerade auf öcm Gebiete des Ackerbaues erlebt man immer wieder Wunder. Jeder, der nach Gießen kommt, geht von der Babnlwsstraße durch den oberen Teil der Liebigstraße und sieht da an einem alten Gebäude angeschrieben: Liebig- Laboratorium. Ob wohl die vielen, die hier vorübergehen, daran denken, daß Gott in diesem Gebäude Wunder getan