Ausgabe 
19.4.1912 Zweites Blatt
 
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Freitag, Itt April 1$>12

162. Jahrgang

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ton hat.

Abg. Dr. v. Golfer (Natl.):

Wir ma

Nr. 92

Erscheint »glich mit Ausnahme de» Sonntag«.

RotQttonSbrud und Verlag bet «rübllchen UntDcrfuöts - Buch» und Sletndruckerel. DL Sange. Gieren.

Nedaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strage 7. Expedition und Verlag; 6L «edaktion:'LGSIIS.rel.-AdruAn4etgerGleven.

Die ..Gletzener $amlltenblätter werden dem ,*Unieiflcr* viermal wöchentlich betgelegL da» *Kteisblati für den Krell riehen" jroetmol wöchentlich. Dierandwlrkschastltchev Leit» tragen- erscheinen monalltd) zweimal.

machungen der rche». ' sßmkkikzMW chen sind von den Arbec aren Arbeilaeber und os- :r wählbaren Arbeiter n vählen.

den zur Vornahme tei

Mai 1912,

bis abends 8 Uhr in der !lgcbäudes,GarienstrabeL

eitaebcr und Hrbtiter. bie ensjabr voücnde! und un ,bcn Wohnung oder Be­it eines 'Nen umaim

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhehen

-feßett, Milien. Jabn! irr 7. Xitel der Gewerbe gleichen Setriebfebeaim chnischen Diensileutunge bredarbeiiöverdiemt c übersteigt- Die der 5. netitcWcnW^..

t MndclienL 2 oder zu flerog ocitfleber, andernsalls c.

'^Versorgung u, oannl" mit .ZeuaniSabschrifis. !lNmnsvektiouW'E

J12» uachm. 31/, Uhr, ml=Neiiiii|

'schlag sürlAL 3.96ib- des Verbandes miut". 3 ??K°be eines Tier! 8 11 0- xie Stammbauo -rger Äucht. 7. Sörunger.

J Auktionen. Zuchiviki ltrage und Mitieilungn

-rzuchtvereins Sieben er Vieh:

Staatssekretär Dr. Lisco:

Wir Baben die Zivilprozeßordnung seit 1898 mehr­fach geändert, so daß wir erst endlich einmal Erfahrungen sammeln müssen, ehe wir langsam an ihre allgemeine Revision Herangehen können. Diese Revision muß aber und wird auch kommen. Eine Anzahl Profesioren bat in dankenswerter Weise das Material dazu auch auS dem Auslande zusammengestellt. Wir werden die Sache dauernd verfolgen und die allgemeine Revision vornehmen, sobald die Strafrechtsreform weiter vorgeschritten ist. Auch eine Aenderung der Konkursordnung muß einmal kommen, zur­zeit ist sie aber nicht beabsichtigt. Aehnlich liegt es mit dem außergerichtlichen ZwangSvergleich. Es ist aber darauf hinzuweisen, daß Anträge in dieser Richtung früher vom Reichstage abgelehnt worden sind, und zwar zu wiederholten Malen. Die Sache wird aber nicht zur Ruhe kommen, und wir werden auch diese Revision erwägen müssen, wenn wir auch g e - wisse Zwangsmaßregeln gegen die Gläubiger dabei schaffen muffen. Zurzeit'aber beabsichtigt die Reichs-

germeister-

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enTdas^'Äiieusobe^ li 1888 MarklMl-2,zo,

ganz gut Juristerei studieren können. Ich will natürlich nicht eine Agitation für daS RecktSstudium unserer grauen bcrbeiführen ganz gewiß nicht; ich stehe viel zu sehr auf dem Standpunkt einer kolossalen Hochbewertung der Tätigkeit, die unsere deutsche Frau als Gattin, als Mutter übt. (2chbaftcr Beifall.) Das Schönste, waS eine Frau als Erinnerung einst sagen kann. ist. daß sic ihre Söhne so erzogen hat, daß sie tüchtige Arbeiter im Staate werden. (Beifall.) Für die Gerichtsverfassung wünschen wir die möglich st weite Berücksichtigung b c 8 Lai- enelementes, die Heranziehung von Schöffen und Geschwo­renen aus allen Klassen unserer Bevölkerung. Wer erst mal praktisch sich daö mit angesehen hat, mitten drin in unserer Rechtspflege, wird über sie keinen so ungerechten Spruch mehr fällen nicht wahr? (Zu den Soz.) Gewiß hat unsere Ge­richtsorganisation und unser Verfahren große Mängel. Ein Teil des Entwurfs bezog sich auf das schleunige Verfahren, und daS wurde zum Teil nicht freundlich aufgenoinmen, weil man eine Verschlechterung der Justiz befürchtete. Das englische und französische Recht ist unS zweifellos Über.

Es ist ein schwerer 'Schade, wenn die Sache zu lange dauert, für den Staat und für den Angeklagten. Ich habe in der Kom­mission die Bestimmung beantragt und durchgesctzt, daß auch der Angeklagte den Wunsch nach Beschleunigung des Verfahrens äußern kann. Gestern wurde hier über S t r c i f u r t e 11 c gc- sprachen das ist eine schleunige Justiz, und dafür wollen wir dankbar sein. (Unruhe d. Soz.) Cb die Justiz zu hart war, darüber habe ich kein Urteil, ick urteile nicht nach ZeitungS. berichten. (Lebhafter Beifall.) Und ich stehe prinzipiell auf dem Standpunkt, daß unsere deutschen Richter keine Klassen rich ter sind. (Unruhe d. Soz. Lebhafter Beifall, 1 Man darf in die Rechtspflege nicht eingreifen durch Kritisierung des Urteils des einzelnen Gerichtes, ohne den Tatbestand im einzelnen zu kennen. (Sehr richtig.) Reformbedürftig ist sonders das Vorverfahren. (Sehr richt,gl) Vielfach hat man beim .Hauptverfahren den Eindruck, daß überhaupt kein Vor­verfahren war. Das mangelnde Vorverfahren macht den Richter nervös, den Staatsanwalt nervös, und der Verteidiger ist von vornherein nervös (Heiterkeit) ganz begreif- (ich, denn er und der Angeklagte sind gar nicht informiert Aber auch vielfach der StaatSanwalc nicht. Er hat nicht die £rgane; er schreibt an die Polizei, und die läßt in den verschiedenen Re- vieren ohne Verbindung miteinander die Vernehmung vornehmen; daS gibt keine genügende Orientierung. .

Ich wünsche dringend, daß die Reichsregierung anregt, daß den S taa t s a n w 5 l t e n selbständige, von der Polizei unabhängige Organe zur Verfügung gestellt werden. Gewiß, das sind verhältnismäßig kleine Sachen, aber, da daS große Mittel der Reform uns einstweilen nicht zu Gebote steht, müssen wir zu kleinen Mitteln greifen. Tas große Mittel, daS auch heule schon dem Staatssekretär zur Verfügung steht, ist, daß er Anregungen gibt, vielleicht zunächst nur persönlicher Art, die doch so unendlich wichtig sind: Für die Reform unseres Rcchtsstudiums, für die Ausgestaltung der Rechts- pflege. Wir wollen heute nicht mehr festhalten an dem harten Satz: Fiat justitia, pereat mundus sondern ihn so ändern, wie cs vor einiger Zeit ein preußischer hoher Beamter getan hat: Fiat justitia, ne pereat mundusl (Lebhafter Bei­fall.).

Abg. Dove (Vp.):

Mb. Deutscher Reichstag.

40. Sitzung, Donnerstag, den 18. April.

Am Tische des BundeSratS: Dr. Delbrück, Dr. LiSco.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min.

Die Sefuifenlnferpeilafion der nafionalliberalen.

Auf Anfrage des Präsidenten erklärt Staatssekretär Dr. Dßlbrück: Der Reichskanzler ist bereit, die Interpellation zu beantworten, und ich werde mich mit dem Herrn Präsidenten über den Tag verständigen.

Bezüglich der Wahl des Abg. Dr. Becker- Hessen (b. k. F.) werden nach dem Anträge der Wahlprüfungskommission Be­weiserhebungen beschlossen.

Der Suiffzefaf.

(Zweiter Tag.)

Abg. Dr. Belzer (Zentr.)

äußert den Wunsch, den im vorigen Jahre schon Dr. Heckscher und der verswrbcne Abgeordnete Kirsch vorgcbracht haben, daß zu den Arbeiten der S t r a f r e ch 1 S k o m m i s s i o n bei den einschlägi­gen Materien Pädagogen und Sozialpol itikcr herangezogen werden. Für eine konservative Resolution zum Schutz der Jugend gegen die Schmutz- und Schundlite- ratur werden wir natürlich stimmen. Wir fragen weiter, ob die Regierung nicht mit Benützung des vorhandenen Materials uns wieder eine Vorlage über die Refor m der Straf- Prozeßordnung vorlegen will. Sie darf nicht hinter die Strafgesetznovellc zurückgestellt werden, sonst wird kein Mitglied dieses Reichstages sie wohl erleben. Die Verfügungen, die eine Einschränkung des Schreibwerks im amtsgerichtlichen Verfahren herbeiführen sollen, begrüßen wir. Für die künftige Zivil­prozeß.Ordnung wird das österreichische Gesetz besonders als Vorbild m§ Auge gefaßt werden müssen. Unbedingt werden Laien in stärkerem Maße zur Rechtsprechung zugezogcn werden muffen. Jedenfalls wird eine Revision der Konkurs­ordnung nicht zu umgehen sein. Tie internationalen Rechts- beziehungen müssen weiter ausgestaltet werden; erfreuliche An- fange sind ja schon gemacht. Besonders wünschenswert ist die Schaffung eines internationalen L u s t s ch i s s a h r t S r e ch t c S , ebenso die eines internationalen Wechselrechts. Um die verschiede­nen Gesetzcsauslegungen zu vermeiden, würde cs sich empfehlen, eine Instanz vom ReichSjustizamt aus einzurichten, die authen­tische Interpretationen erläßt. Eine größere Einheitlichkeit der Polizeiverordnungen wäre dringend zu wünschen, aber der Wunsch, ein Reichspolizeistrafgcsetzbuch zu schaffen, schießt dock) über das Ziel hinaus.

Die Rechtsauskunftsstellen sind an sich sehr zu begrüßen; cS läßt sich aber nicht leugnen, daß dadurch vielfach den Rechtsanwälten Konkurrenz gemacht wird. ES liegt hier ein ahi^ lichcr Vorgang vor wie bei der Ausschaltung der Gerichte durch die Sondergcrichte, die Juri st en werden immer mehr zurückgedrängt. Der Forderung, den Schöffen und Ge­schworenen Tagegelder zu gewähren, muß endlich Rechnung ge­tragen werden. Auch die neue Gebührenordn u n g ,f u r Zeugen und Sachverständige muß endlich erscheinen. Herr Stadthagen hat gestern eine Kritik an den Rechtsvorgängen des letzten Jahres geübt, die zum Teil weit über das Ziel hinaus» ging. Aber insofern muß ich ihm zustimmen, daß die Strafen, die bei Streiks verhängt werden, vielfach zu hoch sind. Brutale Ausschreitungen soll man auch brutal bestrafen, aber im all- gemeinen sollte die große Erregung, die bei Streiks herrscht, nicht strafverschärfend, sondern strafmildernd bewertet werden. Wenn auch im einzelnen manche Mißstände in unserer Justiz zu be­klagen sind, so liegt doch für unS durchaus kein Anlaß vor, sie so trübe zu beurteilen, wie es gestern der Abg. Stadthagen ge-

dressieren, auf den prüfenden Professor. Sie lassen die Fragen dieses Professor" von ihren Kandidaten auswendig lernen. Das ist ein Unfcgcn und furchtbarer Schaden für unsere Rechts- pflege. So weden unsere jungen Iuristen z u Routiniers gemacht, die lediglich auswendig gelerntes Zeug im Kopf haben und in bft Priris draußen reproduzieren. (Sehr richtig!) Daian sind natürlich die Examinatoren in erster Linie schuld. Wenn man so schlecht examiniert, daß eS genügt, wenn man sich von einem Repetitor Doebcreiten läßt, dann rann man es dem jungen Mann nichl verdanken, wenn er zum Ein­pauker geht Hrir muß die Justizverwaltung eingreifen.

ES gibt Examinatoren, die ihre Fragen auf einem Zettel ausgeschrieben haben. Die fragen sie herunter und davon gehen sie nicht ab. Und wenn der junge Mann sie nicht weiß, dann wird er angescbnauzt. dann heißt eS gleich: Das wissen Sie nicht, Herr Kandidat? Und dann kriegt der junge Mann gleich alle möglichen Zustände. (Heiterkeit.) Man kann nur gut exami­nieren, wenn man mit der Materie durchaus vertraut ist, aber jetzt kommt eS schon vor, daß der Examinator und der junge Mann, der geprüft werden soll, sich über die Seiten des Einpauk- bucheS einigen über die geprüft werden soll. DaS gibt bann ein gutes Examen, aber der Geprüfte wird niemals ein Jurist werden. Er ist eine Gefabr für unsere Rechtspflege, denn er hat alles nur mechanisch auswendig gelernt und hat nicht die Fädigkeit erworben, zu den juristischen Fragen Stellung zu nehmen. (Sehr richtig!) Wir bekommen bann Leute, die oft in ber Praxis ein großes Ansehen gewinnen, weil sie mit ge­lehrter Miene sagen können: Ja, da ist eine Entscheidung vom Reichsgericht. Band 14, Seite 985. wenn ich nicht irre! (Heiter- feit.) Gewiß, da mag eine ähnliche Entscheidung fein, abcr^baS ist ein PräjudizienkultuS schlimmster Art. (Sehr richtig!) Meine Wünsche sind nicht radikal, fies fordern nur eine Reform, eine reichSgesetzlichc Regelung, auch der juristischen Vor­prüfungen.

Ich glaube nicht, daß wir an Semestern verlängern muffen; wenn der juristische Hörer nur von vornherein ein bißchen taugt! (Sehr wahr!) Früher war die allgemeine Bildung viel größer al? hcutÄ, (lebhafte Zustimmung), sie kam vom guten alten humanistischen Gymnasium. Man sollte mehr all­gemeine Vorlesungen halten. Unsere Zeit drängt zur Speziali­sierung, möglichst bald ins Brot zu kommen; wollen wir aber unfern Beamtenstand Hochbalten in feiner Autorität, bann muffen wir eben bie allgemeine Bildung heben und vermehren. (Beifall.) Deshalb empfehle ich immer meinen jungen Leuten: Hört Vor- lefungen über Philosophie, Kunstgeschichte usw.! (Zuruf auS dem Zentrum: In Bayern ist es vorgeschriebenI) Ja, ich bin selbst Bayer. (Große Heiterkeit.) Wir müssen unsere jungen Leute vom ersten Semester an etwas mehr in die Vorlesungen hineinbrinaeM Der junge Mann kommt vom Gymnasium und bat keine UUpna von der ganzen juristischen Geschichte. Der Mediziner,^ der Theologe studiert aus Interesse; wenn ich den Juristen frqae, weshalb er Jura studiert, dann errötet er und sagt: Ja weil ich nichts anderes weiß! ES kann ja auch nicht anders fein. Auf dem Gvmnasium weiß er gar nicht, w i e ba 8 Leben im Staate auSsieht, sein Lehrer weiß eS nicht einmal. (Lebhafte Zustimmung.) Unsere Gebildeten im allgc- meinen haben viel zu wenig Ahnung von unferm Staatsleben.

Tann noch -ins: Unser Verbindungswegen l ^ch bin ein großer Freund des Verbindungswesens jeder Art. Ich bin mit meinen Verbindungsstudenten nicht unzufrieden; ich lese morgens von 8 bis 9 Uhr, manche behaupten, mitten in der Nacht (Heiterkeit), und meine Vorlesungen sind nicht schlecht besucht; aber unsere Verbindungen und unsere Alten Herren in der Der- binbung eS sind ja auch manche hier unter Ihnen bie sollten nicht den Studenten sagen: Liebe Freunde, im ersten Se- mester und im zweiten und dritten ist man für seine Verbindung ba, sondern in heutiger Zeit ist eS nicht mehr angängig, daß junge Menschen in voller Jugendkraft semesterlang nichts tun! (Lebhafter Beifall.) Das entspricht unserer heutigen Zeit nicht mehr. Sie sollen fröhlich fein und die studentischen Sitten pflegen, aber eS ist durchaus möglich, dabei auch etwas zu arbei­ten, gleichgültig, in welcher Verbindung man ist. Aber wenn man den ganzen Tag bummelt, nicht herauSkommt aus dem Tran, kann man nicht die Energie aufbringen zum juristischen Studium; das schadet dem jungen Menschen für fein ganzes Leben. (Lebhafte Zustimmung.) Da können die Verbindungen kolossal viel tun; dort kann man den jungen Leuten noch mehr sagen: Kinder, gebt kein schlechtes Beispiel l Ihr müßt auch arbei­ten, wie jeder andere; ihr müßt auch zeigen, daß ihr nicht der Freude und des Genusses des Lebens wegen da seid, euch bor- bereiten, um mal tüchtige Söhne des Vaterlandes zu werden. (Stürmischer Beifall.)

Aber damit ist die Sache nicht abgetan. WaS ber Staat für die Bildung feiner Juristen tun kann, ist incht abgeschlossen mit dem Affessorexamen. Ich wünsche nicht etwa weitere Examen; im Gegenteil, je weniger Examen, desto besser! Aber man kann auch gerade die älteren Leute durch Kurse wieder herausholen aus der öden Tätigkeit des täglichen Lebens. Seit wenigen Jahren besteht die Vereinigung für rechts- und staaLSwifsenfchaftl'.ch" Fortbildung. Ich habe an diesen Kursen mehrfach aktiv und passiv teilgenommen und mit warmer Dankbarkeit denke ich gerade an diese Dozenten- tätigfeit zurück. Ich habe noch niemals die Empfindung gehabt, wirklich so zu nützen wie in diesen Kursen. Ter Redner gibt drastische Beisp ele u. a. von einem alten praktischen Juristen, einem Gehe im rat, der ihm erklärt hat, wie er für seine prak­tische Tätigkeit geradezu neues Leben gewonnen habe. Tas könnte generell durchgeführt werden. Der Amtsrichter, der bifiten draußen sitzt in seinem Dienst und der Landgerichis- bireftor, der unter seiner täglichen Arbeit erschöpft zusammen­bricht und für wissenfchaftliche Sachen kein Interesse mehr bat, schöpft einmal wieder Luft und lernt und gewinnt dadurch. Und das wird gewiß für unsere ganze deutsche Rechtspflege eine Auf­frischung fein. Der Reichskanzler ist ja der Vorsitzende die,er Vereinigung; es foöte einheitlicher geschehen, die Surie im ganzen Deutschen Reich gehalten werden. _ Tie Herren, die im Elsaß sitzen, würde man so einmal nach Ostelbien bringen (Leb­hafter Beifall rechts), um zu sehen, daß in Ostelbien auch ganz nette Leute wohnen. (Große Heiterkeit.) Und umgekehrt aus dem Osten nach Süddeutschland; das würbe einen großen Ge­winn für unsere deutsche Rechtspflege erzielen.

Auf eine Reform unterer Gerichtsverfassung und unserer Rechtspflege können wir ja so bald nichl rechnen. Aber vorweg ein Jugendgesetz! Und da sollten wir auch daran denken, daß unsere deutschen Frauen in den letzten Jahren außer­ordentlich Gutes auf dem Gebiet der Fürsorge für Kinder ge­leistet haben, aus allen Parteien. Die Frauen sollte man auch als Schöffen in den Jugendgerichten zuziebcn. (Sehr richtig!) Ich habe in letzter Zeit Erfahrungen gemacht, daß auch Mädchen

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Auf diese G e n e r a lb e i ch 1 e eines Professors konnte ich alsalterdeutscherRichter ebenfalls eine folgen lassen, ich will aber darauf verzichten. AuS der Strafprozeßordnung sollte man diejenigen Materien als Novelle herausnehmen, über bie Einigkeit besteht. Die konnte man erledigen, trotz der bedrängten Geschäftslage, in der wir uns gewohnheitsmäßig durch die Schuld der Regierung befinden. Klagen über tendenziöse Recht­sprechung bestehen. Aber wenn die Richter vom Volke ge- wählt würden, so würden wir sicherlich auch wieder Klassenjustiz haben. Eine bewußte Klassenjustiz haben wir nicht. ES gibt aber Massensuggestion, die die Rechtsprechung beeinflussen. Denken Sie an die Zeit der Attentate gegen Kaiser Wil. Helm I. Damals wurden exorbitante Strafen verhängt. Aehn- lich mag eS im Ruhrgebiet liegen. Die Rechtsprechung muß von allem entfernt werden, waS politischen Beigeschmack hat. Wenn die Richter aber vom Volke gewählt würden, würde daS eine aus­gedehnte politische Agitation geben. Politik und Recht­sprechung müssen völlig getrennt sein. Die Reichsrechte müssen den Einzelstaaten gegenüber gewahrt werden. Das scheint aber nicht der Fall zu fein bei dem Gesetz über bie Nähr- pflichtigen unb Arbeitsscheuen, daS den preußischen Lanbtag jetzt beschäftigt. Ich bitte ben Staatssekretär, hier einzugreifen. Beschleunigung ist allerbingS nötig. Der Rebner forbert eine Erhöhung ber Gebühren ber Sachvcrstänbigen, auch ber Zeugen. Jetzt brücken sich hervorragenbe Sachverstänbige gern um bie Pflicht herum, vor Gericht zu erscheinen. Ein großer Teil ber Vorwürfe gegen bie Justiz fällt auf bie Gesetzgebung zurück. Wir machen zuviel Gesetze. (Zustimmung.) Wenn bie Richter wegen ber Unförmigkeit ihrer Urteile angegriffen werben, so sinb auch hier die Gesetze viel schuld.

Dr. van Calkcr hat viele nützliche Fingerzeige gegeben. Ein Hauptschaden aber ist, baß bie Professoren bie Praxis selber nicht kennen. Unsere Richter sind von ben neuen Rcformbcwegungen aufgerüttelt worben. Sie haben nachgedacht, ob sie nicht zu sehr in ber alten Scholastik stecken, ob sie mit bem praktischen Leben bie nötige Fühlung haben. Die Gerichte bürfen nicht überfiürbet, nickst mit k I e i n e m ' S ch r e i b w e r k belastet werden. Die Richter müssen bie nötige Freiheit haben, um bie großen Be­wegungen ber Zeit erfassen zu können. Die großen gesetzgeberischen Werke, bie in Aussicht stehen, müssen von freiheitlichem, fortschritt­lichem Geiste erfüllt werben. (Beifall.)

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Ist es nicht möglich, bah bie Reform bet (straf- Prozeßordnung in abseKarer Zeit bem Reichstage vorge­legt wirb? Unb zwar in einer Form, bie angenommen werben kann? Das wäre mein lebhaftester Wunsch. Inzwischen müssen wir Sonderwünsche Vorbringen. Eine besondere Jugend- gcsetzgebung ist notwendig, Schutzbestimmungen für Kinder, eine Heraufsetzung ber Strafmündigkeit. Wie steht es mit ber Konkurrenzklausel? Notwendig ist eine reichsgesehliche Regelung und Reform bcS jur, stischen Studiums Eine Klassenjustiz haben wir nickt. (Lachen ber Soz.) Von bewußter Recktsbreckung ist keine Rcbe. Oft sinb bie Zeitungsberichte nicht richtig. (Lachen ber Soz.) Die Kritik schießt oft über das Ziel hinaus. Gewiß werden neue Anforderungen an ben Nichterstand gestellt. Dafür müssen bie Richter vorbereitet werden. Wer ist schuld, daß untere jungen Iuristen auf der Universität nicht mehr lernen? (Zuruf links: Die Professoren!) Gewiß, auch bie. Unsere jungen Semester gehen nicht genügend in die Vorlesungen, weil diese nicht interessant genug sind. Mancher Professor ist zu sehr Forscher und gibt sich als Dozent nicht genug Mühe. Das ist besonders bedenklich an mittleren unb kleinen Universitäten, wo oft ein Fach nur einen einzigen Vertreter hat. Einer meiner Professoren hat ben Zivilprozeß einfach biftiert. Zu dem bin ich nicht mehr gegangen. (Hört, hört!. Heiterkeit.) Gewiß, es gibt Professoren, bie nur biltiercn, die bie Er- finbung ber Buchdruckerkunst einfach ignorte* r en. (Sehr richtig!) Warum verweisen sie nicht auf d,e ge­druckten Bücher? Wir Professoren sind oft etwas langstielig. Oft genügt ein Professor, um einem Studenten daS ganze junstuche Studium zu verleiden. (Sehr richtig!) Die Vorlesungen sollen verkürzt werden. Bei Materien, die wissenschaftlich erledigt sind, soll man auf bie gebrückten Bücher verweisen. Die Vorlesungen müssen so sein, daß bie Studenten daS Gefühl haben, daß pe etwas dabei lernen, bann gehen sie auch inS Kolleg. Unb wenn sie ein­mal ein Semester nicht kommen, weil fie im Schwarzwald ober in ben Vogesen waren, so sckadet das nichts. (Sehr gut!)

Wir wollen eine fröhliche Wissenschaft, ~ e ult e mit offenen unb klaren Augen. (Zustimmung.) Wir können mit bem juristischen Stubium und seiner Gestaltung im wesentlichen zufrieben sein, aber es muß auch richtig eramimert werden. Man klagt viel über das Unwesen der Repetitoren. Ich stehe ba auf einem ketzerischen Standpunkt. Mir ist cs ganz gleid^ gültig, wo femanb etwas gelernt hat. (Zustimmung.) Wenn gute VorIesung«Ni ba sind, geht der Student nicht zum Repetitor. Es gibt nun Repetitoren, die ihre Leute gut unterrichten und vor­bereiten. Dagegen ist gar nichts einzuwenden. (Sehr rich^ll') Es aibt aber auch Repetitoren, die ihre Leute auf ben Mann