162. Jahrgang
«Zweites Blatt
Nr. 246
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».
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Mer unsere deutsche Aktion ist
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müssen die Anerkennung von den Engländern verlangen! Es besteht durchaus keine Notwendigkeit, daß unsere wirtschaftliche Rivalität zum Mampfe mit England führen müsse. Notwendig sei nur, daS eine zu bedenken in diesen ernsten Zeiten: daß das Ringen um unsere Wcltstcllung das Ringen um unsere Existenz ist.
Unser neuer Vertreter in London, Fürst L i ch n o w s k y, hat nach früherer Veröffentlichungen ungefähr dieselbe Meinung.
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n Preisen.
ebenso unvermeidlich wie
Mit den Türken im albanischen Krieg.
In der neuen Aula sprach gestern auf Veranlassung kaufmännischen und des Ortsgewerbevereins
Wir sind damals mit einem großen Aufgebote von Spannung und Mut hingewandclt an einem Abgrunde, den wir kannten. Markts meinte: Vielleicht sicht die Nachwelt die Zeit seil 1900 heroischer und größer an, als wir es tim: vielleicht war das Ganze doch eine historische Leistung! Nach der Betrachtung der Ereignisse bis 1911 kommt der Vortragende zu der Ansicht, daß vielleicht die eigentlich kritischen Zeiten in unserem Verhältnis zu England vorüber seien.
Tann beantivortetc der Redner eine letzte Frage: Besteht ein guter Wille, eine Möglichkeit zur Verständigung? Es ist politische Klugheit, den Gegner gerecht zu beurteilen. Und von diesem Standpunkte aus tonnen wir eS wohl verstehen, daß die Engländer uns gern
Kennst du den Weg? Es kennt ihn niemand. Wir wandern, wir wandern im langen Zuge, fort ins Ungewiss«. Ta^ vorne, irgend wo ganz vorne, so flüstert beruhigend eine innere Stimme, irgendwo ganz da vorne, da ist gewiß ein Führer, einer, der unfern Pfad lenkt.
In schmaler Seitengasse staut sich der Strom. Vor bescheidener Tür blinken zwei Lichter, ihr Schein fällt auf irdene Töpfe, in denen verstört Lleanderbüsche grünen: da gehts hinein, da mußt du hinein, warte nur, balde. Tas Gedränge wächst, nervöse Frauen protestieren, ein Reiher zerbricht, man stolpert über einen von dem Andrang hingestrechen Cleanbcr, und der Humor kehrt erst wieder, als ein wohlbeleibter echter Berliner sich augenzwtnkernd Bahn bricht mit dem Rufe: „Vorsicht, drei Zentner!" Ein zähes, endlich siegreiches Ringen mit den Hütern der Garderobe, ein verständnisvolles Lächeln für die bleichen Kellner, die händeringend versichern, es sei niästs mehr da, es sei alles schon vus- gegessen, — und endlich ist das Heiligtum dieses improvisierten Musiktempcls erreicht. An der Tür verkündet ein im Augenblick eingetroffenes Telegramm die Entscheidung des Reichsgerichts, die Weingartner bis zum Jahre 1916 von Berlin ausschließt. Und bann, ja dann bricht ein tosender Beifall los, garte Hände röten sich bei der Arbeit. Stiefelabsätze donnern enthusiasmiert auf den Bretlerboden: er, der Verbannte, der Geächtete, der Verfolgte ist erschienen. . . .
Ist er noch der Mte? Genugtuung und ein Strahl der Freude liegt über seinen Zügen. Berlin ist ihm treu geblieben. Und bekräftigend hebt er die Hände und winkt den Freunden zu, die ihm freiwillig ins Exil folgten. Sahen wir ihn nicht zuletzt au der Spitze des königlichen Orchesters in der Oper? Noch ist er der elegante, schlanke Held des Taklstockes, eine Augenweide für die Beirunderer schöner, sicherer, klassischer Gesten. Tie jugendliche Schärfe des Profils hat sich vielleicht ein wenig gemildert. Tie kameenhafte Reinheit der Züge hat vielleicht 'in Zähren des Kampfes und der Arbeit ein wenig gelitten. Tie Schärfe der Konturen hat sich verwischt. Und wie er sich jetzt zu seinem Pulte wendet und den Feldhermstab des Musikers hebt, sehen wir auch ein anderes Bild wie einst vor Jahren im königlichen -Opernhause. Ta reckte er mit jugendlichem Zuge den Arm mit dem Stabe plötzlich senkrecht empor und stand an der Spitze seiner Schar als jugendlicher Führer, eine schlanke, einzige Vertikale von faszinierender Kraft der Suggestion. Bis dann, mit einem Ruck, diese statuenhafte Bewegungs-
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Tie „Lietzener Zamiliendlätler" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegl, daS „Kreilblatt flr den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen ownatlich zweimal.
Zreitag, 18. ©Höbet 1912
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
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politische Tagesschau,
gor RkichNagswahl im Bezirk Berlin I.
Der „Post" wird von parlamentarischer Seite schrieben: Voraussichtlich werde die Ortsgruppe Reichspartei entweder allein oder im Verein mit
Konservativen einen rechtsstehenden Kandidaten im ersten Berliner Wahlkreise aufstellen.
„Wie man sich bei einer etwaigen Stichwahl zu stellen haben wird, fann späterer Erwägung überlassen bleiben Eigentlich müßte nach dem Stichwahlabkommen vom vorigen Frühjahr seitens der Sozialdemokraten bei einer solchen die damals so erfolgreich angewandte „Tämpsung" der sozialdemokratischen Wahltätigkeit ein- treten, denn auch in Berlin I könnte nach den vorhandenen Parteiverhältnissen der sozialdemokratische Kandidat nur mit direkter oder indirekter Unterstützung der Rechtsparteien den Sieg erlangen Sollten gleichwohl die Sozialdemokraten ihren Wahl- bundesbrüdern das Präfidialmandat abjagcn wollen, roirb es von dem Verhalten der freisinnigen Volkspartei selbst abhängen müssen, wie die rechtsstehenden Wähler sich bei der Stichwahl verhalten
losigkeit endete, der Arm blitzschnell herabsank und im Fallen den ersten Ton emporzauberte. Jetzt streckt er den Stab wagerecht zu seinem Pulte. Tic altvertraute Geste von ehedem bleibt aus und die anspruchslose Gelassenheit von heute ist vielleicht symbolisch für die Wandlung.
Still, diese erste Sinfonie beginnt. Tas Scharren und Murmeln im Saal verstummt, aber nun läßt ein fernes, dumpfes Summen das Herz erstarren. In die atemlose Stille legt sich dieses Summen als etwas Unerklärliches, Fremdes, Rätselhaftes. Oben auf dem Podium, zwischen den grellen, ärmlichen Kulissenfetzen und Sosfitcn der bescheidenen Bühne, läßt der Meister den Arm sinken, suchend gleiten alle Augen umher: und nun, nun endlich erkennt man es: dort oben surrt und poltert ein Ventilator und will Beethovens Musik begleiten. 2000 Augen starren wortlos auf dieses fleißige geräuschvolle Rädchen. Irgendwo rennt hastig ein Mann mit weißer Binde den Gang hinunter, im Hintergrund gestikulieren ratlos blondgescheitelte Kontrolleure. Wird es gelingen? Wird man den rechten Knipser finden? Tonn löst sich die Spannung in fröhlicher Heiterkeit. Und das Lochen wirkt befreiend, fegt rauschend alle letzte Befangenheit aus dem Saale. Dies seltsam ärmliche, dürftige Milieu mit den schüchternen, in allen Farben glühenden Girlanden aus elektrischen Birnen wird uns jäh vertraut. Es ist, als sei die alte Zeit wiedergekehrt. Weingartner dirigiert Beethoven vor seinen dankbaren Berlinern. Und daß dies in Fürstenwalde geschieht, in abenteuerlich kleinstädtischem Raume, auf kulissenbehängter Provinz- bühne, das ist nur ein zartkomischer Reiz, der die Freude steigert.
Zum Schluß nimmt der Jubel fein Ende. Eine große Familie. Er selbst, der gefeierte Verbannte, winkt zwanglos einzelnen Freunden im Publikum zu. Wir sind hier unter uns. Und iremb in dieser Harmonie ist nur der Tisch mit jener «gelben Broschüre, die die „Erlebnisse eines königlichen Kapellmeisters in Berlin" schildert und immer wieder daran erinnern will, daß wir nicht nur Beethoven hören, sondern auch gegen Weingartners Gegner demonstrieren sollten. • Ter Triumph der Sensation bleibt Felix Weingartner erspart. Achtlos drängen die Heimkehrenden an dem Tisck)e mit dieser Anklage vorüber. Tann stampft der Zug wieder durch das Tunkel. Und in dichtgedrängtem Kupee summen junge Enthusiastinnen die schwermütigen Klänge des Trauermarsches aus der Eroica leise vor sich hin, indes draußen unter bleickgestirntem, schwarzem Himmel herbstliche Birkenwälder vorbeirauscheru H. Winand,
Aus Hessen.
Tie Revision der Be!oldlmg?ordnung.
Darmstadt, 17. Okt. Tie Beratungen der Regierung über die organische Revision der Besoldungsordnung nähern sich jetzt ihrem endgültigen Abschluß. In den einzelnen Ministerien finden zurzeit noch eifrige Erörterungeit über die 2lbänderungssätze für einzeln^ Äeamtenlategorien statt und Anfangs der Woche waren auch die Abteilungschefs zu einer gemeinsamen Beratung beisammen. Im Laufe der nächsten Woche dürfte sich noch einmal das Gesamtministerium eingehend mit der ganzen schwierigen Materie beschäftigen, und man hofft alsdann bestimmt gegen Ende des Monats die Vorlage zum Abschluß bringen und sie zunächst dem Präsidium der Zweiten Kammer überreichen zu tonnen.
Ernst I ä ck h - Berlin über Albanien :
Ter Redner gab einen kurzen lleberblicf über die Geschichte Albaniens. Um das Gebiet spielten sich in den letzten Jahr- bunbcrtitn lebhafte Kampfe ab, die mit desfen Unterwerfung endigten. Zwar ist es jetzt eine türkische Provinz, aber politisch keinen Neuerungen zugänglich. Der Name Albanien stammt aus der italienischen Sprache: der Bewohner selbst nennt sein Land „Adlerhorst" Seine Spraä-e unterscheidet sich erheblich von der türkischen. Dem Einbringen in bas Land stellen sich die größten Schwierigkeiten entgegen. Seine Schluchten sind kaum zu durchdringen. Das Klima begünstigt die gefürchtete Malaria. Von Ungeziefer wimmelt es allenthalben. Die Bewohner sind noch wilde Völker, die den Eindringling mißtrauisch verfolgen. Jeder wird für einen türkischen Spion gehalten. Aber auch die türkischen Beamten suchen hinter jedem neuen Ankömmling den Spion fremder Mächte. An der Hand einer Karte des Balkans crtlärtc der Redner die politische Lage. Italien wollte sich in Albanien sestsetzen, was Oesterreich nicht zugeben Fann, da sonst seine Flotte im adriatischen Meere wie in einem Binnensee eiuge- schlossen wäre. Aber durch die neuen Vorgänge in Tripolis ist Italien dort sestgelegt, so daß vorläufig nicht an eine Festsetzung zu denken ist. Montenegro möchte das nordwestliche Albanien für sich gewinnen, um einen größeren Küstenstrich zu besitzen. Dieser Plan wird schon lange mit allen Mitteln verfolgt. So überschreitet fein Albaner die montenegrinische Grenze, ohne von dem König empfangen und beschenft zu werden. Verwandtschaftliche Bande werden allenthalben, hüben und brüben, angeknüpst. Wie Montenegro nach Albanien schielt, sucht Serbien im Sandschak festen Fuß zu fassen, um ebenfalls mit der See verbunden zu sein. Die Ausführung dieses Planes wäre für Oesterreich die Trennung der Verbindung mit der Türkei. Daher haben diese beiden vor vier Jahren einen.Vertrag geschlossen, wonach Oesterreich verpflichtet ist, jede Besetzung zu verhüten. Ter Redner selbst hat mit einem albanischen Diener diese Gegend durchreist. Wir sehen im Lichtbild Albaner mit ihren Wasfen, Flinten mit Steinschloß, Mausergewehre, Browning usw. Ihre
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ünigten Verbänden
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Haartracht ist dadurch merkwürdig, baß sic nur einen Büsche! stehen lassen. Sie wollen damit ihre Furchtlosigkeit bartun. Ter Feinb kann sie daran fassen um ihnen den Kopf abju schlagen. Tic wenigen Haare sind unter dem Käppchen verborgen. Ter Albaner ist, wie das Land, sehr arm. Tic Wirdum sind ärmliche Hütten, die mehr Vichställcn gleichen als Wottc-?, Häusern. Auch in ber Kirche bat der Albaner, der vom zwölften Sabre ab feine Flinte trägt, btc Waffen bei fick, und den Höhepunkt einer Messe bilbet bas Abschießen ber Geschosse, ^n ber Kirche ist aber and) nicmanb sicher. So würbe ein Priester getötet, weil er bie Gläubigen zu lange warten lieft. Ein anberer verlangte vom Volk, daß es pünktlich zur Messe komme. Da bics bem Verlangen nicht folgte, las er die Messe allein. Als er sie vor dem Volke auf dessen Drängen nicht wiederholte, trat cs einfad) zum Islam über. Die Priester sind von Oesterreich geschickt, reden aber meistens italienisch, da sic aus Süd tirol stammen. Tic Häuser sind Heinen Festungen gleich, ohne Fenster, nur mit Schieftscharten versehen. Wer bie Blutrad>c zu befürchten hat, verschanzt sich hier oft jahrelang. Die Blut- rache geht nach bestimmten Gesetzen vor sich, wie bei uns ein Duell. In einer solchen Hütte musste Redner einmal über nachten, in einem engen Raum, in bem auf ber einen Seite er
mit der Familie des Albaners schlief, auf der anderen Seite
die Pferde, 2d)weine usw. Taft diese Räume nicht gerade frei von Ungeziefer sind, läßt fid) denken. Das Frauenhaus ist
nicht befestigt, da die Frau als unantastbar gilt. Jedoch wird
diese nur als ein Ding gebraucht. Sie müssen die Lasten schleppen, wobei sie unaufhörlich stricken. Die katholische Kubanerin der Stadt ist im Gegensatz zur muhamcdanischen des Landes dicht Dcrfdjleiert. Ein anderer Brauch ist ber folgende: In der Wiege werden sie schon verlobt, verschmäht sie später ihren Bräutigam, so wird sie zur Virgine gemacht, b. h. sie bekommt Männerkleidung und Waffen. Sie ist also ein Mann. Bricht sie diesen Zustand und heiratet einen anderen als bett ihr bestimmten Mann, so hat sie bie Blutrache zu erwarten.
Weitere Bilber bringen die Vegetation und Landschaften. Tas jetzt viel genannte Skutari ist noch ganz altertümlich wie das auf demselben Breitegrade liegende Pompe«. lieber die Straften liegen Steine, aus denen man bei Regen herüber und hinüber geht. Das Land ist schwer zu durchqueren, daher der albanische Gruft: Hast du die Schwierigkeiten gut überwunden? Aus die Antivort ja erhält man die Gegenantwort, bann bist du tüchtig. Brücken kennt man nicht. Errichtet ein Stamm einen Balkenübergang über einen Fluft, so reiftt ihn ber anbere wieder zusammen aus Furcht vor Uebersällen. Größere Flüsse werden mit Hilfe von aufgeblasenen Ziegenbälgen überschritten, die mit Latten zu einer Art Floß vereinigt werben. Am einfachsten find diese Geräte an ber österreichischen Grenze. Die Leute müssen dort mitten in Europa ein förmliches Robinsonleben führen.
Tie nächsten Bilder zeigen türkisches Militär auf bem Marsche, im Gefecht, bei ber Parabe, im Lager.
Zum Schlüsse erwähnte ber Vortragende, daß die Erhebung von den christlichen Serben, Bulgaren usw. ausgehe, die das Volk burd) Bombenattentate aufwicgcltcn. Die Türken hätten, die redlichsten Absichten mit den Reformen. Diese werden aber von ersteren unterdrückt, da sie nidst zu ihren Zielen paßten. In letzter Linie könne man sicher sein, daß England bie Hand im Spiele habe, da es die Türkei schwächen will, um seinen alten Plan zu verfolgen, Aegypten mit Jnbien burd) englisches Ge biet zu verbinden. Durch den Feldzug werden die Türken geschwächt, mag es ausgehen, wie es will.
Allgemein neige man unter Sachverständigen der Ansicht zu, das; ber Türke siegreich bleibe. An Zahl sind die Türken den Balkanstaaten überlegen, an Ausbildung kommt ihnen nur Bulgarien gleich. Den ersten Siegen der Montenegriner ist Feine große Bedeutung beizumessen, da diese zumeist nur Banden- !ämpse sind.
Der Vortrag, der vor überfülltem Saale stattfand, wurde mit regem Beifall ausgenommen.
Weingartner im Exil.
Berlin, 16. Oktober 1912.
An dem stillen Balmhof von Fürstewoalde, ein halbes Hundert Kilometer fern von der Rcid)sl)auptsladt, herrscht buntes Treiben. \>alb Fürstenwalde steht am Bahnhossplatz, die Mädchen kichern ,ntb die Burschen blicken, die Hände rn_bcn Hosentaschen, eilt Denig spöttisch drein. Sic erwarten ein Sdrauspicl. Seit jenem ttnhvürbigcn Augusttage, da vor 5> Jahrhunderten in^ dem ircunblidwn Fürstenwalde, dem Städtchen mit den sieben Spree- Lücken, jener Vertrag geschlossen ward, durch den die bayerischen durften endgültig die Mark Brandenburg räumten, ist die alte Residenzstadt der seligen Bischöfe von Lebus nicht mehr so berühmt mit) so populär gewesen wie an diesem Oktoberabend des Jahres 1912. Fürstenwalde empfängt die tunsthungrigen Berliner. Felix Weingartner birigiert Beethoven, fern von Berlin. Wo sonst von Stadt zu Stadt ziehende flcine Theatertruppen derb naive SdjJvänFe exekutieren, soll heute Beethoven erflingen: die erste, die zn'eite, die dritte Sinfonie. Und die Berliner sollen kommen, um draußen in der Mark Weingartner, den Verbannten, die Eroica dirigieren zu hören.
Und sie kommen. Tic langen Sonder zu ge ras,ein nach em- stundigcr Fahrt in den Bahnhof, einer nach dem anderen. An der Bahnsperre drängen sich die Hunderte von Enthusiasten, die schaulustigen Fürstenwalder draußen auf dem Bahnhofsplatz bilden Salier. Und nun füllen plötzlich auch laute Ruse die Luft, szundigeBerliner Zeitungsverkäufer sind den Wallsahrern vorausgeeilt: und während die Fürstenwalder schauen, staunen und grinsen, hallt S von allen Seiten über den Platz: „Tie Erlebnisse eines könig- .icken Kapellmeisters von Berlin! Tie Erlebnisse eines königlichen Kapellmeisters von Berlin!" Tenn diese Wallfahrt ins tillc Fürstenwalde hat — jeder weiß es — ihre Vorgeschichte, tat ihre demonstrativen Untertöne. Und viele, die vielleicht harmlos mr um der Rtusik willen die Mühsal der langen Fahrt auf sich nahmen, empfinden es plötzlich: hier ist man Parteigänger, hier iturb demonstriert, hier wird protctttert, hier imrd Klage erhoben. Die abenteuerlich? Fahrt ins Ungewisse erhält ihren heroischen Beiklang, den mild und gütig die zarte Komtk der Situation verklärt. Tie Großstädter, die daheim nur btc Straßenbahn verlassen, um sie mit der Untergrundbahn ober bem Automobil zu vertauschen, werden zu Fußgängern. Im schatten halbwüchsiger Linden wandert man durch das Tunkel. 9hrr hin und wieder erhellt tröstend der Schimmer einer schüchternen Laterne die Finsternis.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefien
Aur Stadt und Land.
(Siegen, 18. Oktober 1912.
♦* Vorn Hessischen Staatsschuldbuch. Vom 1. April bis 30. September haben sich die Einträge im Hessischen Staatsschuldbuch um weitere 5 793 300 Mark vermehrt. Tavon wurden 1 178 900 Mark bar eingezahlt. Tie gesamte Buchschuld beträgt heute auf 2177 Konten 83 067 600 Mark. Tie steigende Inanspruchnahme des Staatssd)uldbuchcs ist in besonderem Maße zu beobachten seit dem Inkrafttreten der Aenderungen zum Schuld- buchgesetz. Sie brachten neben der Befreiung von den Etntragungs- gebühren wesentlicke Erleichterungen bei der Legitimation und laffen ferner Bareinzahlungen zur Begründung einer Schuldbuchforderung zu. Bei der Bareinzahlung können entweder zum Ein-
bie englische Reaktion. Wir
haben werden."
Dürfen Deserteure nach Deutschland zurückkehren?
Die amtlidic „Straßb. Korr." schreibt:
In der Presse ist die Nachricht verbreitet, das; zwei aus Elfaß-Lothringen stammenden Emigranten die Aufenthaltserlaubnis versagt worden sei, welche sie zu dem Zwecke, an der Beerdigung ihrer Mutter teilzunehmcn, nachgesucht hätten. Es handelt sich um die Brüder Rcibel aus Oberehnheim. Der ältere, 1867 geboren, ist im Jahre 1888 von dem Gerichte der 31. Division für fahnenflüchtig erklärt und im ?lbwescnheitsverfahren verurteilt worden. Ihm unter Aussetzung der Strafverfolgung die Zu- cetfe nach Deutschland zu geftatten, gel>örte nicht zur Zuständigkeit der elsaß-lothringischen Landesbchörden, sondern zu der der militärischen Gerichtsbarkeit, welche gegenüber Deserteuren im ganzen Deutschen Reiche nach denselben Grundsätzen verfährt. Ter j ü n g e r c B r u - der, der wegen Verletzung der Wehrpflicht im Jahre 1895 verurteilt worden ist und inzwischen durch über zehnjährige Abwesenheit die deutsche Reichsangchörigkeit verloren hat, hat überhaupt kein Gesuch um Aufenthaltserlaubnis ein- gcreicht. Tast ihm die Erlaubnis versagt worden sei, ist also unwahr.
*
Deutschland und England.
Professor M arcks, der bekannte Historiker, hielt über das stets aktuelle Thema: Deutschland und England einen bedeutsamen Vortrag im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller. Er führte dabei uach der Tägl. Rdsch. aus:
Tie Geschichte der neueren und neuesten Zeit beweist, daß England immer der Feind der stärksten Macht in Europa ge rocien ist. Ehedem war Mitteleuropa ja nur bas Hinterland der englischen Häsen. Wer ihm gefährlich werben konnte, wurde angegriffen: Holland, Frankreich: nicht zuletzt dadurch, daß man seine feindlichen Nachbarn unterstützte. Ein starker hcgemonischcr Trieb ist England also immer eigen gewesen. Freilich von 1815 bis 1875 hat eS auf bem Kontinent mit schwächeren Mitteln gearbeitet, weil cs damals keinen Rivalen hatte. Tann aber ändert sich mit dem Aufstcigcn Nordamerikas und Deutschlands ber Zustand: neue Konkurrenten treten auf den Plan, und feit 1870 hat Deutschland aufgehört, Englands Hinterland zu sein. — Der Redner geht dann den einzelnen Phasen des Verhältnisses zwischen Teuftchland und England nach, erinnert daran, daß 1880 die eigentliche Reibung zwischen Deutschland und England begann, als Teutschlands Weltpolitik nad) Asrika greift. Bismarck hatte keine einseitige Richtung in seiner Stellung zu England. Nur eines hat er abgclcftnt: Englands Soldat oder Englands Sturm» block gegen Rußland zu fein. Wilhelm II. hat dann die Konse- dumen gezogen: das wirtschaftlich aufstrebende Deutschland ist itatürlid) ein gefährlicher Konkurrent Englands, und man hat in diesen wirtschaftlichen Gegensätzen gern die eigentlichen Trieb kräfte des Gegensatzes beider Staaten gesucht Marcks bestreitet nicht, daß diese Gegensätze stark sind: jedod) entscheidend seien sie nicht. ES ist vor allem hinzmveiscn aus den cnglifdien Imperialismus, der hier im Gegensatz steht zu den dcutsd)cn Bestrebungen. Nad; dem Zkrüger-Telegrarnm setzte dann die Zeit der starken Spannungen ein. Dazu kam die Flottenagitation, und wir wurden nun zu Englands Rivalen proklamiert.
Eingehend schilderte der Vortragende die Verhältnisse seit 1900. Die Gefahr eines cnglifdnm Ultimatums war groß genug.
Siebte 7 Tg 111. i# $*
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