Ausgabe 
14.12.1912 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer Umsicht 24 Seiten.

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Versuch von recht vielen beachtet wird: seine

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Entstehung seiner von Rodin geschaffenen PorträtLüste,

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büste von mir zu beglücken, bevor ich den Frühling des Lebens zu weit hinter mir gelassen hätte." An wen Shaw sich zu diesem Berufe zu wenden habe, war ihm nicht zweifelhaft, denn er sieht in Rodin den größten Bildhauer seiner Epoche und glaubt, daßjeder Zeitgenosse Rodms, der freiwillig Anlassen würde, daß seine Büste von jemand anderem gemacht werde, in die Un-

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die Entstehung seiner von Rodin geschaffenen Porträtbüste,war es beschlossen worden, die Welt mit einer authentischen Porträt-

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stellt, das mit so starker Teilnahme des Gemüts und solcher zur Heimat ein Bild deutschen Volkstums und Menschen-

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gabung auch noch künstlerisch mehr auszubilden, dazu mag ihm nächste die Gelegenheit geben.

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die Erzählung durch den allerdings nur angedeutetcn geschichtlichen Hintergrund. Der Held der Geschichte, der Besitzer des statt­lichen Domgutes, ist in den Wirren der Koalitionskriege als Untertan des Kurfürsten geboren, verlebt seine Kindheit in der Franzosenzeit und erlebt dann, hessisch geworden, später noch die Anfänge des Maschinenzeitalters und das Jahr 1848. Aber die Hauptsache ist doch seine und seiner beiden Söhne Lebensge­schichte. Dieses wohlhabende Bauerngeschlecht, das nur noch in seinen Leidensck^aften stark ist, hat sich selbst geschwächt und ent­wurzelt, weil ihm sein Bauerntum verleidet ist, weil es aus ihm hcrausstrebt. Doch der Versuch des Vaters, die Söhne dem Studium zuzuführcn, mißlingt unb verschuldet schließlich jäh aus­brechenden Brudcrstveit und den grauenvollen Untergang der das Dorf beherrschenden Familie. Nur eine Verwandte des Hauses überlebt den Zusammenbruch: aber sie, die kraftvollste und lebens­tüchtigste von allen, opfert die Frische ihrer Jugend und ihr Glück, um getreulich bei dem geistig toten letzten Herrn des Domguts bis zu seinem Ende auszuharren.

Noch weit mehr, als hier angedeutet werden konnte, ist das Buch an Farben und Klängen, an Gestalten und Schicksalen, an innerem und äußerem Leben reich. Ein Werk, das mit gleicher Kraft Liebliches und Furchtbares, Krankes und Gesund«^ dar-

politifctyc Woefreufebatt»

Gießen, 14. Dezember.

? fiQt seine Pforten schon am Mitt­woch geschlossen, frühzeitiger als sonst. Einen giinstigen Nachrlang yat man nicht im Ohr, denn die Geschlossenheit der bürgerlichen Parteien in der Behandlung der aus- wartigen Politik, der Erfolg des ReickMkanzlers bei der Zurückweisung Anstlicher Entrüstung des Zentrums, beides ist durch bedenkliche und zagende Erwägungen wieder in den Hintergrund gedrängt worden. Man könnte die Ver­beugung des Staatssekretärs des Innern vor dem Zentrum bet der Besprechung der Gewerkschaftseuzyklika des Papstes noch als unwesentlich hinnehmen, wenn nicht zu besorgen wäre, die Regierung komme den Protektoren der Jesui'ton Meder etwas entgegen infolge des von konservativer Seite erfolgten Verlangens nach einem Sozialistengesetz. Die Herren um Hehdebrand könnten in ihrem eigenen Inter­esse aber wirklich nichts besseres tun, als den alten Bal­last ihres Parteiprogramms um ein gutes Gewicht zu ver­mindern. Tie Sozialdemokratie hat, gerade infolge von Fehlern der Rechten, zwar große Wahlerfolge gehabt, steht aber augenblicklich doch keincslvegs als die Lage beherr­schend vor uns da. Angesichts der bedrohlichen Weltlage ,st ihreauswärtige" Politik sogar offenkundig bei wei­ten Volkskreiseti in starken Mißkredit gekommen. Will nun die konservative Partei auf die trocken'stehendcn Mühlen des Herrn Ledebour neues Wasser leiten? Töricht genug wäre das. Der Reichstag hat die erste Lesung des Vor- Anschlags hinter sich, und eine Reihe von Anfragen er­ledigt, zuletzt noch die der fortschrittlichen Volkspartei über das Koalitlonsrccht der Staatsarbeitcr. Das Petrolcum- monopolgesetz erfuhr vielfache Anfechtungen und erscheint, | nachdem es zunächst einem Ausschuß überwiesen worden ist, als unmöglich und für die Mehrheit unannehmbar. In der \ Tat wurde überzeugend dargelegt, daß die Verbilligung wohl der Deutschen Bank, nicht aber den Konsumenten ; zugute kommen würde. Auch in den Handelskammern regt t sich schon der Protest gegen ein solches Gesetz. Dagegen wurde der Gesetzentwurf über den Zusammenstoß von Schiffen, sowie über Bergung und Hilfe in Seenot vom vieichstag verabschiedet. Das Kindersaugflaschengesetz und der Gesetzentwurf über die Zollerleichterung wurden nach ziemlich unfruchtbaren Reden den Ausschüssen überwiesen.

Herr Kaempf vertagte den Reick)stag mit einer kurzen, eindrucksvollen Würdigung des Trauerfalles in München, und sein Telegramm an den neuen Prinzregen­ten ist mir Recht in tief bewegten Ausdrücken gehalten. Denn der verstorbene Prinzregent Luitpold hat in allen Lagern aufrichtige Sympathie genossen. Sein ehrwürdiges Alter, seine bis zuletzt unermüdliche Arbeit für seines Volkes Woyl, seine Mitarbeit bei der Reick)sgründung und häufige Beweise edler, reichstreuer Gesinnung haben diesem, im persönlichen Auftreten so schlichten Fürsten ein . ewiges Andenken beim deutschen Volke gesichert. Ein Siebenunbiechzigjähriger, Prinz Ludwig, tritt die Nach­folge au. Man spricht jetzt von ihm wie von einem ju­gendlichen Thronfolger, der neue Gedanken und Ziele verfolgen wolle, aber selbst die, welche in ihm einen Par­teigänger des Klerikalismus und Zentrums wittern er war gleich nach der Reichsgründung einmal Kandidat des Zentrums für einen Reichstagssitz, wobei er jedoch einem liberalen Landwirt unterlag äußern sich über seine Persönlichkeit, über fein vorurteilsloses, freundliches Wesen, in respektvollen Ausdrücken. Wenn auch feine erste Tat darin bestand, daß er den Fortbestand des Ministeriums v. Hertling (das er

Unternehmungen und Wünsche der Gießener M'geordneteu ganz besonders zu berücksichtigen, und wir haben bei der Aufnahme des angezogenen Briefes wohl erkannt, daß es sich hier um einen besonders starken politischen Protest handelte, aber nicht den Eindruck gelmbt, als ob er die andern Ausschußmitglieder beleidigen könnte. So hat Herr Dr. Winkler, der zuerst einen unnötig scharfen Ton anschlug, die üble Szene, die da folgte, fctbfi heranfbesck)woren. Ob es nötig war, die Aussprache bis auf die Gamaschen des Herrn Winkler auszudehnen, dazu werden die meisten Menschen wohl den Kops schütteln. Vielleicht gibt der denk­würdige Fall dieser Wahlprüsung Anlaß, daß demnächst eine grundsätzliche Neuregelung des Wahlprüfungsverfah­rens zur Erörterung gestellt wird. Wie die Dinge heute liegen, ist anzunehmen, daß in kritischen Fällen bei der Abstimmung gar zu häufig politische Motive ausschlag­gebend Mitwirken. Dem Präsidium der Zweiten Kammer wäre nahezulegen, die Wetterzeichen so stürmischer Aus­einandersetzungen künftig beizeiten zu beachten. Man hatte den Eindruck, daß es am Donnerstag das Steuer aus den Händen hatte entgleiten lassen.

Der griochiscb-türk sehe Krieg.

Die Operationen Griechenlands, das den Waffenstill­stand von Tschataldscha nicht abschloß, gegen die Türkei spielen sich auf zwei Kriegsschauplätzen ab. Bor den Dardanellen hat sich die griechische Flotte konzentriert, um einen recht ungleichen Kampf mit der türkischen Ma­rine auszufechten. Die türkische Flotte ist aus dem bis­herigen Balkankriege fast unversehrt hervorgegangen. Die Pforte verfügt nach wie vor über drei Linienschiffe, den Barbaroß Hairedin und Torgud Reiß, von Deutschland ge- kauft, armiert mit 628 cm, 810,5 cm und 88,8 cm Ge- Geschützen, Wasserverdrängung 10000 Tonnen, Geschwin­digkeit 17 Seemeilen, vom Stapel gelaufen 1891, sowie den Messudje, armiert mit 224 cm, 1215 cm, 117,6 cm und einigen kleinen Geschützen, vom Stapel gelaufen 1874, mo­dernisiert 1903, Wasserverdrängung 9000 Tonnen, Geschwin­digkeit 17 Seemeilen. Der Assar-i-Tewfik, armiert mit 315 cm, 712 cm und 67,6 cm Geschützen, modernisiert in Kiel 1899, Wasserverdrängung 6000 Tonnen, dürfte jetzt keinen Gefechtswert mehr haben. Ferner sind zu nennen die geschützten Zbreuzer Hamidije und Medjidije, erbaut 1903, Geschwindigkeit 22 Seemeilen, armiert mit 215 cm, 812 cm, 64,7 cm und 63,7 cm Geschützen, Wasserver­drängung etwas über 3000 Tonnen. Endlich: 10 große moderne Hochseeboote, davon 6 in Deutschland erbaut, 2 ältere Hochseeboote, ein Dutzend Torpedoboote alle neuerer Art, 20 kleine Küstentorpedoboote und mehrere Kanonenboote.

Dieser Flotte, die in den Dardanellen geborgen ist, wie die Spinne in ihrem Schlupfwinkel, haben die Griechen ein Geschwader entgegengesetzt, das sich zusammensetzt aus den Panzerschiffen Averofs, Psara, Hydra und Spetsai, den Kanonenbooten Hieraux, Altos, Panther, Leon, Neagenia, Thyella, Naukratousa, Sfendoni: Lonchi, Nikis, Doxa, Aspis und Velos, den Torpedobooten 11, 12, 14, 15, 16 und dem Unterseeboot Dauphin. Von diesen ist tatsächlich nur der Panzerkreuzer Georgios Averofs lein modernes, lviegsbrauch- bares Schiff. Er wurde von der Orlandowerft in Livorno auf Spekulation gebaut und schon 1910 infolge der politi­schen Spannung mit der Türkei von der griechischen Regie­rung angekauft. Er ist 130 m lang, 21 m breit, hat 10100 Tonnen Verdräng, 20 000 Pferdestärken, 24 Seemeilen Ge­schwindigkeit. Seine Bewaffnung 423,4 cm, 819 cm, 167,6 cm und 84,7 cm Schnelladekanonen. Dieses Kriegsschiff ist zwar jedem einzelnen der türkisck-en Schiffe überlegen, aber nicht einer Mehrheit und Uebermacht. Auch hat eben die türkische Flotte den gewaltigen Vorteil, daß sterblichkeit (roenn überhaupt) als ein grenzenloser Einfaltspinsel eingchen muß."

Um nun die Art von Rodins Schaffen ins rechte Licht zu stellen, schildert der englische Humorist, wie der russische Bild­hauer Troubetskoieine echte Büste im Shaw-Stil von mir machte.**Er tat es in etwa fünf Stunden in Sargents Atelier Es war eine prächtige und wundervolle Leistung. Er arbeitete fieberhaft, indem er in Verzückungen schuf, mit Stöhnen Klumpen von Ton um sich herumwarf und selffam dumpfe Bewegungen mit ferner Zunge machte, wie ein stummer Prophet. Er bedeckte sich selbst mit Gips. Er bedeckte Sargents Tapeten und Teppiche und Bilder mit Gips. Er bedeckte mich mit Gips und endlich bedeckte er den Block, an dem er arbeitete, so völlig mit Gips, daß am Ende der zweiten Sikung Sargents Atelier in Trümmern stand, begraben wie Pompeji unter der Lava eines Vulkans, und in der Mitte eine geistvolle Büste von einem meiner besten Bekannten, ein bischen idealisiert, aber auf eine Meile hin erkenntlich als der sardonische Autor vonMensch und Uebermensch**, mit einem Zug von Offenbach und einem Stück von Mephisto.** Nichts davon ist in dem Schaffen Rodins zu bemerken. Der Bildhauer schuftete genau so, wie wenn er ein Flußgott wäre, der für 3, 4 Franks täglich an einer Gartenmauer mitbaut."Wenn ihm etwas zweifelhaft war, bann maß er mich mit einem alten eisernen Zirkel, und bann maß er die Büste. Wenn die Nase der Büste zu lang war, bann sckmitt er ein Stückchen ab und stopfte mit einer Spitze davon das Loch zu, mit nicht größerer Erregung oder Anteilnahme als ein Glaser, der eine Fensterscheibe einsetzt. War bas Ohr an der falschen Stelle, bann schlug er es einfach ab und klebte es an der richtigen Stelle an, wobei er diese kalt­blütigen Verstümmelungen meiner Frau gegenüber, bie den schon schrecklich beseelten Ton bluten zu sehen meinte, bamit entschuldigte, daß es so schneller ginge, als wenn er ein neues Ohr machte. Doch eine Folge von Wundern offenbarte sich, als er arbeitete In den ersten 15 Minuten, als die Menschengestalt in dem Ion» klumpen kaum erst angedeutet war, schuf er schon mit dem Daumen- nagel ein so geistvolles Porträt von mir, daß ich wünschte cs fortzunehmen und ihn von jeder weiteren Arbeit zu befreien Aber diese Phase verschwand wie eine Sommerwolke, als di^ Büste sich entwickelte. Ich sage absichtlich: sich entwickelte: denn sie durchlief jedes Stadium der Kunstentwicklung vor meinen Augen im Lauf von einem Monat. Nach den ersten 15 Minuten fügte sie sich zu einer sorgsamen Darstellung meiner Züge in ihren

selbst durch seinen Rat ins Leben gerufen haben soll) ge- nehmigte, so darf man dock) nicht ben Schluß zielten, daß er ein blinder Verfechter klerikaler Wünsche sein werde. Seine Interessen liegen auf praktisckfen, wirtschaftlichen Ge­bieten. Er wird die Hoffnungen heißsporniger Römlinge vielleicht doch enttäuschen!

Die hessische Zweite Kammer ist noch eifrig bei der Arbeit und wird ihre Beratungen nach der letzten, vorgestrigen, erregten Sitzung am nächsten Dienstag fort­setzen. Sie hatte am vergangenen Dienstag ihre Sitzungen wieder ausgenommen und über den Entwurf des Gesetzes betr. die Ausführung der landwirtschastlichcm Unfallver­sicherung beraten. Für die weitere Oeffentlichkeit waren dabei interessant die Erörterungen über die Einschränkung des Güterhandels. Die Regierung erklärte auf verschiedene Vorstellungen, sie habe wirksame Kontrollvorschriften gegen die Güterhändler geschaffen und fei mit Erfolg bestrebt ge­wesen, der Güterschlächterei entgegen zu wirken. Haupt­sächlich wurde da genannt eine Vorschrift, daß 14 Tage vor Veräußerung eines Gutes eine Anzeige an das Kreisamt erfolgen müsse, damit die Gemeinden Kenntnis erhalten und gegebenenfalls das Gut selbst übernehmen könnten. Wir würden zur weiteren Klärung dieser wichtigen Ange­legenheit gerne beitragen und stellen hiermit den interessierten Kreisen anheim, uns ihre Erfahrungen mitzu­teilen und über einschlägige Ereignisse eine öffentliche Aus­sprache herbeizuführen.

Die viel besprochene Meinungsverschiedenheit der Kam­mer mit der Regierung ist durch den Lauf der Zeit etwas gemildert worben, und wenn die Zweite Kammer auch mit gekränkter Gebärde noch auf ihrem Initiativantrag betr. Die Lage der Kammerbeamten, beharrte, so haben doch die Ankündigungen der Regierung, daß die Kammerbeamten mit der neuen Gehaltsvorlage wirllich finanziell gehoben werden sollen, die Gefahr einer Konfliktözeit so ziemlich aus dem Wege geräumt. Konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Regierung bei der Behandlung dieser Angelegenheit der Karniner einige Enttäuschung be­reitet hat, so Darf man andererseits diesenKonflikt" wirk­lich nicht allzu ernst nehmen. Die Regierung scheint uns dabei doch auch wichtige allgemeine Interessen wahrzu­nehmen, und sie hat aus dem Verlauf der letzten Jahre die berechtigte Folgerung gezogen, daß sie auch bei Kleinig­keiten die Hand auf dem Säckel halten muß. Die große Besoldungsvorlage, die demnächst den Landtag beschäftig, n wird, war jedoch eine unbedingte Notwendigkeit, die nicht länger aufgeschoben werden konnte. Soweit man bis jetzt urteilen kann, wird die neue Vorlage den vielfach geäußer­ten berechtigten Wünschen Rechnung tragen und im all­gemeinen mit Befriedigung begrüßt werden. Die hessische Finanzlage kann zurzeit nicht als ungünstig bezeichnet tocr^ai.

Daß es bei der Wahlprüfung für den Bezirk Beer- felden-Hirschhorn-Wimpfen zu so peinlichen Auseinander- fsetzungen und persönlichen Beleidigungen unter einzelnen Abgeordneten gekommen ist, wird in weiten Volkskreisen Bedauern und Befremden Hervorrufen. Grundsätzlich hatte der Abgeordnete Grünewald nicht unrecht, wenn er die Verteilung von Freibier so weitgehend beanstandete und die Ungültigkeitserklärung der Wahl des Abgeordneten Kredel forderte. Wer an ben Sitzungen und Feststellungen des Ausschusses nicht selbst beteiligt war, kann sich jedoch schwer ein abschließendes Urteil über diesen besonderen Fall bilden. Verfehlt war es, daß der Abg. Dr. Winkler in so erregten Tönen über den seiner Zeit von uns veröffentlichten Brief des Gießener Abgeordneten herfiel, und die Aus­sprache, die hierauf folgte, kann nicht zu den Ruhmes­blättern der hessischen Kammer gezählt werden. Wir haben selbstverständlich die Pflicht, die Reden,

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Karl Neurath: Das Domgut.''

Zu unseren bekannten hessischen Erzählern gesellt sich K. R e u r a t h mit seinem soeben erschienenen RomanD a s Dom - gut". Man darf ihm zngeben, daß er sich gleich mit seinem ersten Werke neben ihnen ehrenvoll behauptet. Wohl hat er von Im en gelernt: aber das Beste bringt er mit, die Gabe des fabulierens, die selbsttätige Naturkraft des Erzählens. Man merkt s dem Werke an: hier ist vorher nicht lange bedacht und berechnet ovrden: es ist ans sich geworden, gewachsen und zur Reife ge­sehen. Die Geschichte einer Familie nennt es sich. Etwa um bie Mitte des vorigen Jahrhunderts wies Riehl darauf hin, daß ;ber Ouell von Poesie, der im beutüpen Hause verborgen sei, nur des Dichters harre, der den Mosesstab besitze, um ihn heraus- ^uschlagen: und fast um dieselbe Zeit hat ihn O. Ludwig von sich aus entdeckt und die so einfache und doch so großen Motive bes deutschen Hauses verwertet, ihnen jedoch zugleich dadurch ein besonderes Lehen gegeben, daß er sie aus einem, ihm wohlver- irauten landschaftlichen Boden erwachsen ließ. So ist auch die beschichte des Banerngeschlechts, die Neurath erzählt, an eine bestimmte Landschaft gebunden, seine rheinhessische Heimat. Was ,r hier in Land und Stadt selbst beobachtet, was er aus den schon abgerundeten Erinnerungen der Borfahren in sich ausgenommen, ks hat er in sich bewahrt und getragen, bis es reif war zu tinem neuen Leben. Man spurt es, daß Geftmdenes und Er- 'undenes aus einem teilnehmenden Herzen geflossen sind, und fühlt, dah es des Verfassers eigene Ueberzengung ist, wenn am Schlüsse ex Geschichte einer seiner Menschen alles andere zum Leben ir überflüssig erklärt, aber meint, auf das Herz komme es an, nur auf das Herz.

Es ist ein Stück deutscher Erde, das hier ausgehoben worden ist, mit allem, was darauf lebt und webt, vergeht und besteht: das rheinhessiscke Dorf mit seinem Weinbau in den Jahren bcs Segens wie der Mißernte, mit seinem Bauerntum, das in totem Wesen, seinen Gewohnheiten und Eigenheiten, seinen Leiden ineb Freuden und Kämpfen, in seiner Sprache getreu wieder- gegeben ist, die rheinhessische Stadt, das goldene Mainz, mit den vielen Türmett, deut betriebsamen Strom und der viel- Mebten östteichischen Besatzung. Einen besonderen Retz erhält

*) Die Geschichte einer Familie. (Literarische Anstalt Rütten u. Loening, Frankfurt a. M.) 1913,

_ Erstes Blatt 162. Jahrgang Samstag, 14. Dezember 1912

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