Samstag, 2. Marz 19}2
(62. Jahrgang
Erstes Blatt
Nr. 53
Ter «letzeiter Anzeiger rrtofint täglich, außer -omilagS. - Beilagen: viel mol wöchentlich »ictzciier^amilienblätter, iii'tiir.nliDÖcbentLKreis: blatt surden Breis Siehrn (Tieiivl.ig und Freitag); »ireiinal inonatl. Land- wittschastliche Seitfragen .'.ruivrech-Anschlüsse: ihr die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 61 Adresse iür Depeschen:
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Gietzencr Anzeiger
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< AW • ** politischen Teil: August
Seneral-Anzeiger für Oberhessen Ztz-M
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Die heutige Nummer umfaßt 20 Seilen.
politische Wochenschau.
Gießen, 2. MäH.
Tie Arbeit der Parlamente nach den Wahlen! Noch 's) man bei einer <5id)tung begriffen. Tie allgemeine Zchlachtordnnng wird sestgestellt; das Kriegsmaterial der Parteien besteht in dicken Aktenstößen voller Anträge und Lünsche. Indessen ist auch schon positive Leistung vollbracht worden: so hat der Reickzstag in der abgelaufenen Loche das Ausführungsgesetz zur Bekämpfung des Mädchen I Handels in dritter Lesung angenommen und das Reichs- und Ztaatsangehörigkcitsgeset), gegen das gewichtige Einsprüche nicht erhoben wurden, einem Ausschuß überwiesen. Auch bk erste Lesung des Schutztruppengesetzcs verlief ziemlich glatt. slckrr Herr Erzberger, der „mutige Leu", lvie er in einem Wahlgedicht innerhalb seines Reichstagswahlkrrises letzthin genannt ivorden war. witterte wieder einmal „Fußangeln" und warf sich zum Hüter der Befugnisse des Reichs tags auf. Es ist die alte Geschichte: das Zentrum möchte gerade in der Kolouialpolitik wieder toi? früher seine Ein süsse geltend machen, um mit der Negierung allerhand Kuh- 1 dondelchen abschließen zu können. Beim Abgeordneten Erz- I terger ist cs aber allmählich auch zur Manie geworden, I iid) künstlich für die Mitwirkungsrechte des Reichstags zu Uereifern. Dem klaren und praktischen Sinn des Gesetzes, I ivie wir ihn mitgeteilt haben, legt er „ein Ucberwuchcrn I des Militarismus in seinen fdj.iinmftcn Schattenseiten" | unter. Das hat sogar sein Vorredner Nosle, bekanntlich I ein „Militärsachverständiger" der sozlaldemokralischen Par- | t?i, nicht fertig gebracht' Im Gegenteil, Herr Noske bat Iben Entwurf mit einem gewissen Wohlwollen begrüßt, weil ■ er fick) eine finanzielle Entlastung des Mutterlandes davon I berfprad). Herr Erzberger iber auch in der gestrigen Reichs- tagssikung wieder sein Steckenpferd der Etatübcrschreitun- । gen ritt) darf int Ausschüsse noch so wild um sich hauen, er wird den Fortschritt, der mit dem Gesetz erreicht wird, nicht aushalten können.
Erst beim Haushalt des Reichsamts des Innern klapperten die Redemühlen nachhaltiger. Die großen Fragezeichen der Sozialpolitik und Wirtsehaftspolitil erhoben sich m wechselnden Gestalten. Es gebt voran, es gibt keinen Rückschritt, so hatte die Thronrede verkündet. Und so wird les auch konnyen. Während die Redner der Rechten im ' wesentlichen die bisherige Wirtschaftspolitik piicsen, wies Wraf Posadowskn, hier auf seinem eigentlichen Fachgebiete, schon eiiibringIid)er auf die nächsten Aufgaben der Zukunft hin. Ter frühere Staatssekretär hat in seiner Rede am Mittwoch nicht alles gehalten, was man sich von ihm ver- jorochen hatte. Seine Ansicht, daß die Beamten das Publi- hnn über die wirklidzen Zustände des Landes aufzutlären hätten, ist doch mehr als fragwürdig. Wie soll der Beamte | das machen? Etwa in politisd>cn Versammlungen oder in den Zeitungen? Tas wäre also außerhalb seiner Dienstzeit. ' wäre zu wünschen, daß der Reichskanzler oder einer \ seiner Stellvertreter diese verkehrte Auffassung in aller Form ablehnte. Mit einigen anderen Forderungen befindet f-toaf Posadowsky sich schon eher im Einklang mit gerechten Aolkswünschen. Als die wichtigste Aufgabe der Sozial- folitif sieht er die Besserung der Wohnungsverhältnisse an Staatssekretär Dr. Delbrück hat am Donnerstag seine Vorschläge mit Zustimmung ausgenommen und den Reichstag zur Bildung eines besonderen Ausschusses ausgefordert,
der, wenn nicht anders gehe, auch bre rerchsgesetz- li ch e Regelung der Frage einleiten solle. Wesentlich und bedeutsam war nochl Posadowskns Erklärung, er „halte es für das schwerste Unglück, daß fortgesetzt der Großgrundbesitz, um seine Latiftindien zu vermehren, Bauern aufkaufe". Nun, in dieser Beziehung hat Herr v. Bethmann-Hollweg ja einige Verspreck)ungen gegeben.
Herr Bassermann hat in feiner langen Rede am Donnerstag, in deren Schluß noch die Erregung über die Vorgänge bei der Präsidentenwahl nachzittcrte, das sozialpolitische Programm noch um einige wesentliche Punkte vermehrt. Seine Partei beantragt die Schaffung eines einheitlichen Privatbemntenrechtes. Auf diesem Gebiete liegt wirklich noch eine ganze Reihe ungelöster Probleme. Auch die Sozialdemokratie hat einen ähnlichen Antrag gestellt. Herr Bassermann hat rcd)t: wenn man es hindern will, daß die Umsturzideen auch bei den Privatbeamten immer mehr Eingang finden, muß man auf gesetzgeberischem Weg ihren berechtigten Wünschen entgegenkommen. Wenn die Rechte Mittelstandspolitik treiben will, müßte sie gerade auch hier mit Hand anlegen Ti? Konservativen haben einen anderen Wunsch vorangestellt: Schutz der Arbeitswilligen gegen Hinderung an der Arbeit, gegen Bedrohung und Gewalttätigkeiten. Im Zeick)en der großen Arbeiterlohnkämpse, denen wir wieder entgegengehen, ist das ein Gedanke, dem eine Berechtigung nicht abzusprechen ist. Wie jdjtoer aber hier ein staatliches Einschreiten ist, eri'ht man aus der gequälten, unklaren Stellungnahme des Staatssekretärs Delbrück. Er erklärte, eine Verschärfung der Strafbestimmungen für Streilvergehen halte er für unnötig. Dann kommt aber wieder bi? zwar philosophische aber verschwommene Reflexion: „Wir werden prüfen müssen, ob die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der persönlichen Freiheit nicht aufrecht erhalten werden müssen gegen eine zunehmende Beeinträchtigung der bürgerlichen Freiheit durch bi? Organisation." Wenn der Minister keinen praktischen Weg zeigen konnte, so hätte er sich diesen Orakelspruch schenken können.
Im hessischen Landtag ist bei der Beratung des Hauptvoranschlages bisher leider kaum etwas Positives herausgebracht worden. Beamtenbesolduna und Schuldentilgung, wie beide dringende Aufgaben der Gegenwart er- lebigt und mit einander in Linklang gebracht werden können, darüber wurden manche Worte gewechselt. Aber die Taten fehlen, und man erörterte die Probleme zu sehr aus der Ferne. Die Schuld dafür trifft zu einem guten Teile die Regierung. Sie hätte über ihre Absichten und die Ausführung des Programms in der Thronrede längst mehr Klarheit schaffen müssen. Daher ist es durchaus zu verstehen, wenn die Voltspartei das Verlangen ausgesprochen hat, daß der amtliche Vorhang endlich gelüftet werde. Es ist die Aufgabe der Regierung, hier die Wege zu, zeigen, und wenn der Geheimerat Dr. Becker noch so geschickt über die Steuerverhältnisse in Hessen und den Nachbarstaaten gesprod)en hat, so ist mit solchen kritischen und negativen Vorstellungen vorläufig doch nichts anzufangen. Wir hoffen, daß, nachdem die Regierung jetzt die Stimmung des Hauses hat erkunden können, ihr Zögern ein Ende hat. Damit wird dann vielleicht aud) der Ton, wie er bisher in der Zweiten Kammer geherrscht hat, wieder etwas gehoben werden. Manche Redner glaubten wohl nod) in den Agitationsversammlungen zu sitzen und gaben daher die abgegriffensten Vorwürfe und Gemeinplätze zum dutzendsten Male von sich. Biele geben sich noch dem Traume
hin, durch die Revision des Gemeinschaftsvertrages zwischen Preußen und Hessen werde die Lage für uns gerettet werden können. Sie vergessen dabei, daß die Forderungen für die Erhöhung der Beamtenyelder unaufschiebbar sind und daß das Fundament der Finanzpolitik nicht aus unsicheren Hoffnungen bestehen darf. Wir werden um eine Erhöhung der Steuern im nächsten Jahre schwerlich herum- kommeu.
Im Zeichen des parlamentarisd)en Niederganges hat der Frauenkongreß in Berlin einen Triumph gefeiert. Die Verhandlungen wurden sehr sachlich und ruhig geführt. Statt utopischer und überspannter Forderungen' hat man toirtlidu zeitgemäße und interessante Erörterungen an die Spitze gestellt. Wie erschöpfend behandelte Frau Elitz' Heuß-Knapp die Reform der Hauswirtschaft! Bei der völligen Wandlung in unserem wirtschaftlichen Leben, das eine zunehmende Schematisierung gebracht hat, ist das ein ganz von selbst sich aufdräugeudes Problem. Daß die Vortragende diese Frage nicht im Zukunftsstaatssinne lösen will, wird in weiten Kreisen mit Sympathie aufgenommen werden. Tie Frau soll nach ihrer Ansicht ihren häuslichen Pflichtenkreis nicht abwerfen und verkleinern, sondern ausbauen und verfeinern, denn „je mecha- nischer das Berufsleben sick) heute gestaltet, um so stärker macht sick) der Zug zur iudividuellen Führung des Familien- lebens geltend". In diesem Sinne war auch der folgende Vortrag über die Bewertung der Hiausfrauenarbeit von Frau Marianne Weber fesselnd und nützlich. Das gesetzliche Haushaltungsgeld, das sie vorsd)lug, wird fid) ja zwar so leicht nicht allgemein einführen lassen. Aber man wird dieser Zeituotwendigkeit doch allmählick) einige Sck)ritte. näher lommen können. Die Frage des „weiblichen Dienstjahres", der Gemeinschaftsunterricht der Gesd)lechter, sind gleichfalls Tinge, die eine Förderung unserer gesellschaft- lichen Entwicklung bedeuten können. Natürlich gab es auch auf diesem Frauenkongreß rednerische Entgleisungen. So ist es dock) ein wenig oberflächlich geurteilt, wenn Frau Katharina Scheven sprach: „Tas Ziel der sexuellen Erziehung sei, der geschlechtlichen Seite unseres Wesens im Gegensatz zu ihrer heutigen Ueberschätzung und der Gesamtheit der Lebensinteressen eine dem Geistigen untergeordnete Rolle zuzuweisen." Mit einer so allgemeinen Te- Iretion wird nicht viel anzufangen fein; vielmehr wird man nach wie vor einer schönen Harmonie zwischen Sinnes- und Geisteswelt zustreben müssen. „Noch treffen sich verwandte Herzen an und teilen den Genuß der schönen Welt", sprach Leonore zu Tasso. Diesen Optimismus darf auch heute die deutsche Frau noch haben, und hier läßt sich nichts künstlich beschleunigen und ent* wickeln.
Deutsches Ueich.
Bei der Reichstagsers atz wähl im Kreise Köln 5, Waldbroel-Siegkreis, erhielten Trimborn iZtr.) 7003, Lamdertz (Ztr.) 31, v. Holleben (nl.) 46, Schack (Soz.) 23, Schneider (wildl.) 79, Hein (christl. soz.) „35. Zersplittert waren 153 Stimmen. Trimborn i st somit gewählt.
Im „Vorwärts" erlassen die sozialdemokratischen! Mitglieder des Reichstages und der Landtage der deutschen Bundes st aaten eine Erklärung z u Gun - st e n der aus 55 Personen bestehenden sozialdemokratischen Fraktion der russischen zweiten Duma, gegen welche Anklage wegen Hochverrats von der russischen Regierung erhoben wurde. Sie fordern eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die russischen Abgeordneten.
2lus dcr Jugendzeit Eduard; von Hartmann.
Am 23. Februar dieses Jahres bereinigte sich ein kleiner Kreis von Freunden, um in pietätvollem Gedenken den 7 0. Geburtstag E d u a r1> s von Hartmann, des Philosophen bcs Unbewußten, zu begeben. Dieser Tag ist es wohl aud) ge- Dcfen, der "Alma von Hartmann die Veranlassung gegeben tat, aus dem Nachlasse des dahingegangenen Philosophen zum trilcnmnl Mitteilungen über seine geistige Entwicklung in der Jugendzeit zu macken. Diese Mitteilungen liegen in dem neuen beste der „Deutschen Rundscknm" vor. Ihre Quelle bckdet zunächst ein Verzeichnis der von ihm gelesenen Bücher, das Hart- tiiinn, vom Jahre 1858, also seinem 16. Lebensjahre an, in Km er das Abiturientenexamen bestand, bis zum Jahre 1871 «fffljrt )at, und das „an Stelle eines Tagebuches in wuchtigen Zügen das Bild einer seltenen Jugend wiedergibt".
Für Hartmanns Jugendzeit charakteristisch ist die Vielfältigkeit feiner Anlagen. Der junge Avantageur und Fähnrich im Garde- Mlcrieregiment zeigte eine Neigung zu rein philosophischem Junten, aber zugleich auch reiche Anlagen zur Malerei und zur Nusik. Er erhielt in dem. Atelier des alten Professor Brücke Noch während der Schulzeit eine planmäßige Ausbildung in der Raftunft, von der zwei Selbstbildnisse zeugen, deren eines den KSjährigcn Knaben und deren anderes den jungen Offizier zeigt. Aber schon findet sich in einer Anzahl loser, ungelenk geschriebener Blätter mit dem Titel „Aus der Knabenzeit" eine Reihe von Auf- inchnungen über philosophische Fragen. Die erste zusammen- tangenbe größere Abhandlung, die aufbewahrt ist, entstammt dem Zahre 1858 und trägt den Titel „Betrachtungen über den Geist".
Hartmanns Leben nahm bann vom Jahre 1861 ab eine ganz uierwartete Wendung. Nach 1860 hatte sein zeichnerisches Talent ihn als ganz jungen Leutnant die Kommandierung zu den Schieß- rcrsnchen in Jülich gebracht, die teckweise von feinem Vater ge- eitet wurden, ihn in die Nähe des späteren ersten beutfdjcn IWaisers führten. Da unterbrach eine im Jahre 1861 erlittene, wfönglich kaum beachtete Kontusion der Kniescheibe, die ein tanerndes Leiden zur Folge hatte, die so glänzend begonnene «ufbahn. Bis 1867 war er in steigendem Maße an bas Lager »ieifelt. Die Unsicherheit, wohin er sein Lebenssdnfflein zu Eltern hatte, drückte ihn schwer und zuweilen trat ihm der Ge- tairke nahe, zu dem stets auf seinem Nachttische liegenden Reeder zu greifen. Doch übenuanb er diese Versuchung und er- rro'bte zunächst seine musikalischen und dichterischen Anlagen. Er ücheb den Text einer kleinen Oper „Der Stern von Sevilla", .■J-Hajjte Gedichte, in denen Gedanke und Empfindung sich zu Em, zuweilen auch innigem Ausdrucke verbanden, dichtete Texte
zu Mendelssohns Liedern ohne Worte, schrieb eine ungedruckt gebliebene Novelle, die das Problem der Geschwisterliebe behandelte, und • auch zwei Dramen „David und Bathseba" und „Tristan und Isolde", die er unter dem Pseudonym Karl Robert veröffentlickste.
Alle diese Versuche führten ihn aber schließlich doch zu der Ueberzeugung, daß er weder als Maler noch als Dichter noch als Komponist über einen eleganten Dilettantismus hinauszu- kommen befähigt fei, und so wurde Hartmann schließlick) durch seine Entwicklung selbst auf das Gebiet geleitet, aus dem er großes zu vollenden berufen war: auf das. Gebiet des philo- tophischcn Denkens.
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Der Maler öes Chiemsees
(Zum 75. Geburtstage Karl Raupps, 2. März.)
Unter den Gemälden, die bas ReickLtagshaus zu Berlin schmücken, befindet sich auch eiiic^L das den Chiemsee barstellt: und keiner, der es betrachtet, lanir darüber in Zweifel fein, von welches Meisters Hand das Bild herrührt. Ter Chiemsee und Karl Raupp: die beiden gehören zusammen: man kann Raupp mit gutem Fug'den künstlerischen Entdecker des Chiemsees und b_en nie ermüdenden Künder seiner Schönheit nennen. Karl Rauvp ist von Geburt ein Darmstädter, der zuerst bei dem feinen Genremaler Jakob Becker am Städelschen Jnslimt in Frankfurt feine Schulung erhielt und dann, seit 1860, eine Reihe von Jahren in München in Pilotys Werkstatt arbeitete. In diesen Münckjener Jahren entdeckte er die Schönheit des Chiemsees, der damals noch weltabgeschiedener war als heute. Tie Lieblich!-u und Größe vereinigepbe Nattir dieser See und Berglandschaft, der reiche Wechsel, atmosphärischer Erscheinungen, der für den Chiemsee charakteristisch ist, der malerische Reiz der Chiemseeleute, wenn sie auf hochbeladencn Kähnen ihr Heu über den See fahren, wenn sie im Einbaum über die glitzernde friedliche Wasserckäch? dahinrudern ober sich mit aller Krafi gegen die empörten Wellen wehren: all das hat Raupp mächtig angezogen, und er hat Leben und Natur des Chiemsees im Sonnenglanze und bei Sturm, als Jdvlle und als Trama mit feiner Beobachtung und sicherer Hand geschildert. Auch als er 1868 als Lecker der Malllasse an die Kunstschule in Nürnberg übersiedelte, blieb er seinem See treu, der inzwischen mehr und mehr Freunde gefunden harte, also baß sich im Wirtshause auf der Fraueninsel ein lustig Künstlerleben im Sommer entfaltete.
„In Nürnberg zählten u. a. F. A. von Kaulbach und Lublvig Löfftz zeitweilig zu Raupps Schülern. 1879 ging er nach München zurück, wo er seitdem als Professor an der Kunstakademie wirk.
Raupp hat sich übrigens auch literarisch als ein Mann erwiesen, der mit seiner Kunst durch und durch Bescheid weiß, und ein Handbuch der Malerei veröfferttlicht.
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Deutscher Zrauenkongreh in Berlin.
Auch der heutige vierte Tag des Teutschen Frauen-Kongresses war der Beratung des Themas „Berufsfragen" gewidmet. Das Thema: „Die Frau und die akademischen Berufe" wurde in zwei Vorttägen behandelt.
In der Aussprache betonte Exz. Geheimrat H a r n a d, er könne als guter und alter Freund der Frauenbewegung den beiden Rednerinnen nur zustimmen. Besondere Beachtung verdienten aber nach.seiner Meinung zwei Punkte, die gleichzeitig auch zwei Wünsche darstellten. Sein erster Wunsch lautete, es möge in bezug auf den Aufstieg zur akademischen Bildung der bekannte „vierte Weg", der vielleicht in bezug auf gewisse Umstände und Personen zeitweilig nötig war, wenn auch nicht ganz verlassen, so doch eingeschränkt werden (Beisatt), weil auf diesem Wege wieder die alte Preßwirtschast eintreten werde. Der zweite Wunsch ist der, daß es den Frauen in viel größerem Maste als bisher möglich. werden möchte, sich auf dem bumaniftifdjen Wege für die Universität auszubilden. (Beifall.) Weiter hat Geheimrat Harnack noch den Wunsch, daß die Frauen auch zur weiblickjen Tozendur zngelassen werden. Ob da nun sehr viel herauskommen werde, «"ässe man abwarten. Tie Zahl der genialen und bahnbrechenden Männer sei auch nicht sehr ^roR. Es genüge, wenn die Frauen nur das erreichen, was die Mehrzahl der Männer leisten kann.
Auch mehrere Rednerinnen sprachen zu dem Thema.
Nach einem kurzen Schlußwort der beiden Referentinnen fvrach Frau Marie v. Bülow über das Thema: „Was können die Schauspielerinnen vom Reichstheatergesetz erwarten?" Sie ist überzeugt, daß die tiefste Wurzel des großen Elends in der großen Zahl von Theatern liege. Eine vernünftige Theaterreform, werde daher damit anfangen müssen, die Erteilung einer Konzession auf alle diejenigen Fälle zu beschränken, wo ein wirttiches Bedürfnis für ein neues Theater vorliegt. Im übrigen werde das Reichstheatergcsetz nicht viel neues bringen können.
Nach einer Pause sprach der Reichstags- und Landtagsabg. Gras Hans Praschma über: „Soziale und wirtschaftliche Lage der Krankenpflegerinnen in den katholischen Orden".
Oberin Gräfin Hertzberg berichtete sodann über: „Tie Lage der Krankenpflegerinnen in den Diakonissenmutterhäus rn".
Tie Beratungen werden morgen fortgesetzt und werden ihr Ende erreichen


