Ausgabe 
15.3.1912 Erstes Blatt
 
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Erster Blatt

162. Jahrgang

Freitag, 15. März 19(2

Gießener Anzeiger

,- Redaftion, (Expedition und Druderei: $d)ulftrafte 7. Lalt)<- h^re<?lft<bt snb

Buömgen: z-rnsprechkr Hr. 269 S«,chä,tsftelle vahnhofstratze 16a. än"eine®tiu*B:©. 8.

für die Redaktion 112,

MDE General-Anzeiger für Oberhesjen

für die Tagesnummer R°tati°n$bnid und Verlag der Vrühl'fchen Univ.-Vuch und Steindruderei R. Lange.

bis vormittags 9 Uhr. r***-*

Ur. 64

Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, aituer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiebenerFamilienblättkr, zweimal ivöchenll.tireir- blattfiirdenllreirSiehen (Dienstag und Freitag); zweimal nionall. Land­wirtschaftliche Seitfraaen Fernsprech - Anschlüsse:

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Die heutige Nummer umfaßt 18 Seiten.

Zuin Kevolvcranschlag aus den König von Italien.

Tic zivilisierte Welt ist wieder einmal durch einen Mord, anschlag auf einen Monarchen in Ueberraschung und Bestür­zung versetzt worden. Das; eine solche Tat gerade auf den Komy Viktor Emanuel abzielte, der noch in letzter Zeit die Huldigung fernes gesamten Volkes cntgcgcnuchmcu konnte und von dem man annehmen durfte, daß er kaum gehaßt und angeserndet werde, ist merkwürdig genug. Ein junger Anarchist, über dessen Geisteszustand die Untersuchung noch nrcht viel festgestellt hat, der aber wegen Diebstahls vorbestraft ist, hat dieses schwere Verbrechen auf sich ge­laden. Wie eine Rechtfertigung der politischen Entwicklung rn Italien aber berührt es, wenn man liest, das; auch So­zialisten zum Königspaar gepilgert seien, um ihre Glück­wünsche zu seiner Rettung und Sympathiebeweise für seinen Mut darzubringen. Es ist der hohe Schwung nationalen Empfindens, der daraus spricht und um den wir Jtalieri beneiden können. Mit dem italienischeii Volke verdammt die ganze gesittete Welt den schmachvollen Anschlag und ist erfreut über den guten Ausgang, der dem sympathischen Königspaar verdiente Kundgebungen der Teilnahme und Verehrung beschert hat. Wir erhielten folgende Berichte;

R o m, 14. März. In der Begleitungdes Königs auf der Fahrt nach dem Pantheon befand sich auch die Königin. Während die Majestäten unverletzt ge blieben sind, wurde der Kommandeur der den Wagen des Königs begleitenden Kürassiereskorte, Major Lang, durch einen der auf den König abgefeuerten Schüsse verwundet. '

Der Anschlag auf den König, bei dem, wie jetzt gemeldet wird, drei Schüsse abgegeben wurden, erfolgte in der Nähe der Kirche Santa Maria in der Via Lata bei dem Korso Umberto und dem Palazzo Doria. Die Majestäten setzten die Fahrt nach dern Pantheon fort, wo der König dem Unterrichtsminister das Attentat schilderte. Den Major L a n g, der vom Pferde gesunken war, brachte ein Krankenwagen nach dem St. Jakobskrankenhaus. Ter ver­haftete Verbrecher gab auf dem Polizoikommissariat an, er heiße Antonio Dalha, sei 21 Jahre alt und Maurer in Rom. Als das Königspaar das Pantheon verließ, wurde es von der Menge, die sich inzwisckxm auf dem Pantheonplatze angesammelt hatte, begeistertbegrüßt. Die Volksmenge begleitete den königlichen Wagen, der den­selben Weg nach dem Quirinal zurückfuhr, und rief immer wieder: Es lebe der König! Es lebe die Königin! Es lebe Savoyen? Kurze Zeit darauf begab sich der König in einem offenen Automobil nach dem Krankenhaus, um dem Major Lang einen Befu ch abzustatten. Auf der Hin- und Rück- fahrt wurde der König wieder lebhaft begrüßt.

Der König und die Königin, die vom ersten Augenblick an die größte Ruhe bewahrten, wurden nur durch daö Geschick des Majors Lang beunruhigt. Der König besuchte, von dem Direktor des Krankenhauses geführt, den Verletzten, unterließ cs jedoch auf den Rat der Aerzte, ihn zu sprechen, und erkundigte sich eingehend nach seinem Befinden. Die Kugel hatte Lang im Nacken getroffen. Bei dein Sturz vom Pferde zog er sich einige Verletzungen im Gesicht, am Ohr und an der Schulter und eine leichte Gehirnerschütterung zu. Sein Zustand ist nicht gefährlich. Froh, daß der Zustand Langs verhältnismäßig befriedigend ist, verließ der König das Hospital. Auch der Kriegsminister und viele andere bekannte Persönlichkeiten statteten dem Verletzten ihren Besuch ab.

Ter Tater.

. Gleich nach dem Attentat mürbe bei Dalba eine Haus- s u ch u n g vorgenommen. Sein Arbeitsbuch wurde beschlagnahmt und daraus fcitgcftd.lt, daß er bis gestern abend als Maurer auf einem Bau gearbeitet, dann die Arbeit niedergelegt und sein Harwwerkszcug mitgenommen hatte unter der Angabe, daß er sich nicht wohl suhle. Heute morgen verließ er zu sehr früher stunde feine Wohnstätte, nachdem er feine beste Kleidung an gezogen hatte. Tie Mutter Dalbas zeigte sich sehr niedergeschlagen, als yc von dem Attentat erfuhr.

Wie derMesfagero" mitteilt, gehörte D a l o g niemals ber politischen Fortschrittspartei an. Tie Polizei hatte im Jahre 1910 eine besondere Ueberwachung Dalbas als eines Apachen vorgeschlagen, aber der Unter­suchungsrichter erhob dagegen Einspruch. Er wurde bereits einmal bestraft, locil er seine Eltern mißhan­delt hatte. Er ist geständig, A n a r ch i st zu sein.

AUe Zeitungen in Rom und den Provinzen bringen Artikel, in denen die Herrschereigenschaften des Königs her- vorgehoben und das empörende Attentat gebranbinartt wird. Die MutterDalbas erzählte einem Vertreter desGior- uale b'Jtalia", das; ihr Sohn einen verschlossenen Cha­rakter besitze. Er war als Kind an Lungen - und Gehirn­hautentzündung schwer krank. Es war unmöglich, mit ihm vernünftig zu sprechen.

In bent Verhör protestierte Dalba, ber wegen Ticb- lt a b I s vorbestraft ist, dagegen, baß er von ber Menge, die ihn lynchen wollte, mißhandelt worden fei. Er legte ein halbes Ge­ständnis über die Absicht ab, die er bei bem Attentat gehabt hatte, sagte aber nur wenig. Er sprach von feiner Vergangenheit und seinem gegenwärtigen Leben, stellte in Abrede, daß ein Komplott bestände; er habe das Verbrechen allein ersonnen und allein ausgeführt. Er habe Vater, Mutter und einen Bruder.

Dalba wurden einige Papiere abgenommen. Er hatte einige Schrammen im Gesicht, die ihm von der Menge tm Augenblick feiner Verhaftung zugefügt worden waren. Dalba hatte sich hinter einer Säule des Palais Salviati verborgen. Sobald der könig­liche Wagen, in dem das Königspaar und der Gencraladjutant Brusati sich befanden, an dem Palais vorübcrsiihr, feuerte er den ersten Schuß ab.

nunbgebiingen.

Tic Stabt bot heute morgen ein seltsames Aussehen. Ta bic Zeitungen noch nicht erschienen waren, pflanzte sich die Nach­richt bis zu den cntle^enften Stadtvierteln von Mund zu Munde fort. Um jeden, ber bie Einzelheiten kannte, bilbcte» sich Gruppen, bic ihn hören wollten. Der Ministerpräsident begab sich ins Quirinal, um den König zu beglückwünschen. Tie im Palast ausgelegten Listen wurden mit Unterschriften ber Minister, Bot- chaster, Gesandten, hohen Beamten, Parlamentarier und vieler Bürger bedeckt. Auf dem Ziazzadi Colonna bildete sich um 10' , Uhr ein imposanter Zug mit zahlreichen Fahnen. Aus dem Korso war die Menschenmenge so groß, daß der Verkehr stockte. Der Zug begab sich mit Hochrufen auf den König vor das Qnirinal. Aus allen Fenstern winkten Männer und Frauen mit Taschentüchern und jubelten den Fahnen zu, die in Erinne­rung an den Tod des Königs Humbert auf Halbmast gesetzt, jetzt aber zum Zeichen ber Freude wehten, baß der König ber Gefahr entronnen.

Als ber Zug auf bem Platze vor bem Qnirinal ankam, er» (bienen der König unb bie Königin auf bem Bal - k o n , mit anhaltenben Ovationen begrüßt.

Der Papst gab heute morgen seinem tiefen

Schmerz über den Anschlag auf den König

Ausdruck. Um 2 Uhr nachmittags wurden die Läden ge- chlossen und der öffentliche Verkehr eingestellt, um einer großartigen V o l ks lu n d g e b u n g Raum zu schaffen, die ich am Nachmittag vor dem Qnirinal vllzog. Studenten sowie Abgeordnete von Vereinen und Körperschaften begaben sich zum Parlamentsgebäude. Der Präsident Marcora trat auf den Balkon des Gebäudes und hielt eine mit brausendem Beifall aufgenommene Ansprache Wohl 50000

Personen waren auf bem Platze versammelt. Von andauern­den Beifallrufen begrüßt erschienen, als die Spitze des Zuges mit Fahnen vor dem Quirinal angekommen war, der König, die Königin und die kleinen Prinzen auf dem Balkon. Tic Königin trug die Prinzessin Giovanna auf bem Arm. Es ist unmöglich, die Begeisterung zu schildern, von ber Etc Volksmenge beim Anblick des hohen Paares ergriffen wurde. Der Mönig und die Königin verneigten sich lächelnd. Die kleinen Prinzen sckpvenkten ihre Mützen. Immer wieder mußte der König und bic Königin sich bem begeisterten Volke zeigen.

Der französische Botschafter begab sich als Doyen des diplomatischen Korps znm Qnirinal unb übermittelte dort bem Zeremonienmeister bic Glückwünsche für ben König namens des diplomatischen Korps. Ans ben Straßen unh Plätzen be- Hagtcn Gruppen von Bürgern ben feigen Anschlag Die Zeitungen wurden ben Verkäufern in ber allgemeinen Besorgnis tveggerißen, um die Einzelheiten kennen zu lernen. In Gerichten und an­deren öffentlichen Versammlungen sprachen die Redner ihr Be­bauern über den Anschlag unb ihre Freube über die Rettung bes Königs ans.

Eine Darstellung des König«.

Der König erteilte heute morgen bic gewöhnlichen Audienzen unb empfing den Deputierten Tanicli, bem er eine genaue Schilderung des Attentats gab. Der König war sehr ruhig, drückte nur fein Bedauern über bie Verwunbung bes Majors Lang aus und erzählte, daß nur bic Königin ben An- gr ei f er f chicfeen sah. Er selbst blickte nach ber anderen £Cite Trotz ihrer Besorgnis blieb bie Königin sehr ruhig. Der König fügte hinzu, daß das P f e r b eines Kürassiers töblich getroffen worden sei und baß bas Pferb bes Majors im Zuge ber anberen Pferbe noch ohne Reiter bis zum Panthcoti folgte.

Besprechung in d r flammet.

Nom, 14. März. Die Tribünen sind überfüllt. Der Ministerpräsident, der mit sämtlichen Ministern erschienen war, berichtete zu Beginn der Sitzung dem Hause, das sich erhoben hatte, über das Attentat und erwähnte auch die Vorstrafen des Urhebers, der u. a. wegen Mißhandlung ber Eltern bestraft ist. (Rufe der Entrüstung.) Zum Heile Ita­liens habe Gott das Leben des vielgeliebten Herrscherpaares bewahrt, dessen Charaktereigenschaften und Tugenden von der ganzen Nation bewundert werden. lEinstimmiger, lang- andauernder Beifall, auch auf "ber Linken und wiederholte Rufe: Es lebe ber König! Die Tribünen schließen sich der Kundgebung der Kammer an.) Darauf verkündete der Kam­merpräsident Marcora: Ich drückte bem König sofort bic tiefgefühltesten Glückwünsche unb bie Entrüstung der Kammer und des Landes aus, dessen getreuer Dolmetsch die Kämmer sei. Ich wiederhole vor der gesamten zivilisierten Welt die Huldigung der Kammer vor dem Hause Savoyen, dem König unb ber Königin, bic auch bei dieser Gelegen­heit die treue Gefährtin des Königs gewesen ist, und der Königinwitwe. Marcora schloß mit der Wiederholung ber Worte, die der König am Zäge der Eidesleistung als Souve­rän gesprochen hat, baß sein erster Gebanke dem Volke gelte und daß er Gott zum Zeugen anrufe, daß er für das Wohl des Vaterlandes bie eigene Person, Herz unb Geist zur Ver­fügung stelle. (Nicht enäenwollenber Beifall unb Rufe: Es lebe ber König?)

Tas zweitälteste Mitglieb ber Kammer, Lacava, drückte seine Entrüstung über bas Attentat aus unb schlug vor, bie Kammer solle sich noch heute in corpore zum Quirinal begeben, um bie Ergriffenheit der ganzen Nation auszudrücken und gerade jetzt die Anhänglichkeit und Ergebenheit gegen ben König unb bie Königin zu per- sichern. (Wiederholte lebhafte Rufe: Es lebe ber König! in ber ganzen Kammer.) Sounino äußerte ebenfalls

Der Komponist derJüdin."

(Zum 50. Todestage Frornental Halevvs, 17. März).

Während die einst so gefeierte und erfolgreicheGroße Oper" bei uns nun schon seit Jahrzehnten in Mißkredit verfallen ist, hat sich HalävysJüdin" noch bis zum heutigen Tage im Opernspidp'.anc zu behaupten vermocht, ja, Gustav Mahler hat sich während feinet Tätigkeit als Leiter der Wiener Hofoper dieses Werkes erneut angenommen und ihm durch seine Jn- fienienuig zu einem starken Erfolge verholfen.

Auch Wagner selbst, der ja sonst von den Vertretern der großen Oper nickst gerade viel wissen wollte, hat sich dock bei der Erstausführung von HalevysKönigin von Cypern" im Jahre 1841 günstig über diesen Tonmeister geäußert: er , hat die Poesie feiner Tonsprachc gerühmt uiid hat als charakteristischen Zug in Halsvys besseren, aus dem Herzen geschlossenen Pro­duktionen eine gewisse, durch elegischen Hauch verklärte schauer­liche Erhabenheit hervorgehoben. _ Gerade dieJüdin" aber ist das Werk, das am unmittelbarsten aus dem Herzen Halövys geflossen ist; sein Bruder hat von ber Geschichte dieser Over erzählt, sie sei in einem Zustande fieberhafter Erregung kom­poniert worden und Halevn habe dabei gleichsam einem inneren Zwange gehorcht, der ihm die Töne aufdrängte.

Vor 50 Jahren ist Halevy in Nizza einem Lungenleiden erlegen. Seine musikalische Ausbildung erhielt Halövy, dessen Vater aus Fürth stammte, hauptsächlich am Pariser Konser­vatorium, wo Chentbini fein Korn Positionslehrer war. Obgleich er für seine hervorragenden musikalischen Leistungen wiederholt mit Preisen ausgezeichnet wurde und 1819 sogar ben^criten .Preis erhielt, der ihm einen dreijährigen Aufenthalt in Italien And Wien ermöglichte, so stieß er doch nach seiner RücKehr nach Varis als Komponist auf ernste Schwierigkeiten. Lvontini, Aossini und Meyerbeer herrschten, und einem jüngeren Anfänger Mrbc es nicht leicht, gegen diese musikalischen Großmächte auf- Sufommen.

Seinen ersten Erfolg errang Halevy mit der OperClari", ®ie er auf Verlangen der berühmten Malibran geschrieben hatte And die sie auch spielte. Aber biefem Lichtstrahle folgten wieder Mißerfolge, und erst der 23. Fttwuar des Jahres 1835 wurde wr Halevhs Laufbahn als Komponist entscheidend. An diesem übend errang dieJüdin" einen geradezu sensationellen Erfolg, ®en sie in erster Linie ihrer düsteren dramatischen Kraft und strenge verdankte. Jetzt stand Halevy auf der Höhe er hielt lieb aber nicht lange daraus. Denn seine Persönlichkeit war

nicht stark genug, um den Versuchungen zu widerstehen, bie

Meyerbeers glänzende Erfolge ihm nahelegten. Der Sieg der Hugenotten" im Jahre 1836 überstrahlte den derJüdin".

Tas Beste in seiner Natur, seine Einfachheit und Wärme, liefen diesem Versuche zuwider. So hat er in ben späteren Jahren keinen vollen, Erfolg mehr erringen können, und es "ist ihm be- fchieden gewesen, daß fein Name mit bem einen großen Werke und Wurfe seines Lebens für immer verknüpft geblieben ist.

Der Tod Puschkins.

In btq'em Frühjahr sind 75 Jahre verflossen, feit ber große russische Dichter im Duell fiel. Sein jäher Tob riet im Ausland mehr Aufsehen hervor, als in Rußland, wo nur ein kleiner Kreis die ganze Bedeutung Puschkins erkannte und zu würdigen verstand. Die bei dem Petersburger Hofe akkreditierten diplo­matischen Vertreter berichteten an ihre Regierungen sehr aus­führlich über alle Umftänbe des Todes des großen russischen Tichters. Dies Interesse ist gewiß zu einem Teil auf ben Umstand zurückzuführen, daß an dem Duell Puschkins Vertteter ber Tiolo- matie, wie ber bolländisck^ Gesandte Baron Heeckeren und ber Attache« ber französischen Gesandtschaft Vicomte d'Arcknac beteiligt waren, daß Puschkin zur großen Welt gehörte unb flauer Nikolaus an dem Schmerz ber verwaisten Familie bes Tichters lebhaften Anteil nahm unb für sie in ausgiebiger Weise sorgte. Tie meisten Diplomaten hatten aber doch die Weltbebeutung Puschkins erkannt.

Freiherr v. Lützerobe, der sächsische Gesandte, richtete an seine Regierung eine lange Depesche, in ber er alle Einzelheiten des Duells mitteüt. Er schreibt:Ein furchtbares Ereignis hat alle gebildeten Einwohner Petersburgs tief erschüttert: Der Histo­riograph des Reichs, Alexander Puschkin, ber würdig war, nach bem Tode Goethes ünb Byrons der größte Dichter unserer Epoche genannt zu werden, ist als Opfer der Eifersucht gefallen, nach­dem man ihn böswillig bis jum Wahnsinn gebracht hatte." Lütze­robe berichtet nun über ben Flirt zwischen bem jungen Leutnant der Chevaliergarbe Baron Heeckeren und Frau Natalia Puschkina, über bie wilde Eifersucht Puschkins, in dessen Adern das Blut seiner afrikanischen Vorfahren rollte, über bic Heirat Heeckerens mit der unbedeutenden Schwester ber Frau Puschkina unb über bie anonymen Briefe, die Puschkin zugestellt wurden und die in grober Weise behaupteten, daß seine Frau ihn mit Heeckeren hintergehe. Schließlich gibt Lützerobe den Inhalt des überaus scharfen Briefes wieder, den Puschkin an den Gesandten Baron Heeckeren richtete unb der das Duell mit dem jungen Heeckeren, dem Adoptivsohn des Gesandten,-zur Folge hatte.Man schoß sich auf zehn Schritte: Puschkin wurde von einer Äugel im Unterleibe schwer getroffen unb er stürzte. Er richtete sich aber halbliegend

I auf, und während er sich mit der Linken stützte, feuerte er. Heeckeren I fiel, und Puschkin rief zusammenbrechend:Bravo?" Tie Äugel ! Puschkins hätte seinem Gegner die Leber durchbohrt, wenn sie nickt an einem Knopf abgeprallt märe . . . Puschkin ist seiner Wunde erlegen. Der Kaiser sorgt für seine Familie und hat ihm viel Gnade erwiesen. Da man in der hiesigen großen Welt, keinen Begttff von der genialen Bedeutung Puschkins hat, so um­standen nur wenige sein Sterbebett. Währenddessen wurde zur selben Zeit die holländische Gesandtschaft von den Vertretern der aristokratischen Gesellschaft überlaufen. Man drückte die Freude aus über ben so glücklichen Ausgang des Duells für den jungen eleganten Mann.

Ter Schmarotzer der Perle. Wie man weiß, sind Perlen nichts anderes als KrankheitSvrodnkte der Alnichel lind zwar ist es ein Parasit, der die Perleninuschel zur Hervorbringung dieser von uns ko hochgeschätzten Gebilde veranlaßt, nämlich die Larve cineS Bandwurmes, des Tetrarrbyuobus unionifactor. lieber die Art und Weife, wie die Infektion vor sich geht, sind, wie man in der .Naturwissenschaftlichen Wncheuschrisf lieft, auf den Berten- bäiifen Ceylons von I. S o u t h w e l l Untersuchungen großen Stils angeflcllt worden, um gegebenenfalls durch künstliche Jnstknon die Muscheln zur Erzeugung von Perlen anregen zu können. Allein es »st bisher noch nicht gelungen, die freischwärmende Larve des Bandwurms, die in die Muschel einbrmqt, kennen zu lernen. Man weiß nur, daß sie ein Abkömmling des geschlechtsreifen Wrirnics »st, der m Haien und Rochen haust. In die Atufchel gelangt, ent­wickelt sich die Larve zur Finnenblase, aus der dann eine zweite ^inne entsteht. Diese gibt bann ben entscheidenden Reiz zur Perlen- bilbung.

Kurze Nachrichten aus Kunst unb Wissen­schaft. In Leipzig ist am 13. b. Mts. der Kgl 3äcfn. Geh. Hofrat Tr phil. Theodor Schreiber, Direktor des städtischen Museums ber bildenden Künste unb a. o. Professor für Hafnicb? Archäologie unb Religionswissenschaft an ber dortigen Universitär, im 64. Lebensjahre gestorben. Seit 1879 gehörte er bem Lehrkörper ber Leipziger Universität an. Die diesjährige Tagung der TeutschenPathologischenGesellschäft finbct voift 15. bis 17. April in S t r a ß b u r g i. Els. statt. Ter Kgl. Baurat Prof. Tr. phil. Albrecht H a u d t, Privatdozent für deutsche Re­naissance an ber Technischen Hochschule zu Hannover, begeht am 18. d. Mts. seinen 60. Geburtstag. Er ist zu Büdingen in Lbesessen geboren. Der im September 1846 in München geborene Maler Ltto Seitz, Professor ber Akademie, ehemaliger Schüler von Piloty, ist gestorben.