Ausgabe 
13.12.1912 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umsatzt 16 Seiten.

Gießener Stadtthea ter. Marcel Salzer. Eine große Schar erwartungsvoller Zuhörer hatte sich gestern ibrnb in unserem Theater um Marcel Salzer, den stets willkoirrmenen, versammelt, um sich seiner sein abgetönten, wir­kungsvollen Vortragskunst zu erfreuen. Tie Menschen lachen so gerne, und Salzer versteht es wie kein zweiter, das heilige Lachen aus ihnen herauszuholen. Mit seinen lustigen Aeuglein, mit einer leisen Dandbewegung nur unterstteicht er seine Worte, und mit einer unnachahmlichen Geste, die stets neu und stets überraschend ist, bietet er die Pointen wie seine Zuckerstückchen dar. Taß er aud) den Vortrag ernster Stücke großartig aus­zuarbeiten weiß und auch hier durch die sorgfältige Behand­lung der Einzelheiten die ttefsten Wirkungen zu erzielen vermag, ist so bekannt, daß ,e§ hier nicht besonders erörtert zu werden braucht. So erweckte er auch gestern abend durch die Skizze ,,11 13", die den Unfall eines Unterseebootes schildert, eine starke Spannung, die sich nach der glücklichen Rettung der Verun­glückten in einem befreienden Aufatmen löste. Ter Beifall, den Salzer nach jedem einzelnen Vorttag einheimsen konnte, war über die Maßen groß und setzte sich auch nach dem Schlüsse noch eine zeitlang fort.

Ein Geschenk Pierpont Morgan san die Hof- bibliothekdesGroßherzogsvonHessen. Aus Tarm- stadt schreibt man uns: Der bekannte amerikanische Multimillionär Mr. Pierpont Morgan hat der Hofbibliothek des Groß­herzogs von Lessen ein Exemplar des von ihm in einer Auflage von 150 Exemplaren herausgegebenen umfangreichen Katalog­werkes über seine kostbaren Kunst- und Literattirschätze, vor­nehmlich Bildnisminiaturen und Werke der Kleinkunst, zum Ge­schenk gemacht. Tie fünf Bände des Großfolio-Werkes sind außer­gewöhnlich prachtvoll und kostbar gebunden und reich illustriert.

Der Verlauf der Krankheit.

lieber die letzte Lebenszeit des Prinzregenten Luitpold wer­den in dm Münchener Blättem unter anderem folgende Mit- teilungen gemacht: Tie dem Prinzregmten Rahcstelienden waren schon feit einiger Zeit auf seinen Heimgang vorbereitet. Die Rück­sicht auf dm allen Herrn, der bis in die letzte Zeit nach der Mahl­zeit Einsicht in die Zeitungm nahm, und auf die bald OOjälyrige Schwester des Regenten, die Erzherzogin Adelgunde von Modena, die sorgerfüllt das tfortfdncücii des Leidens ihres Bruders ver­folgte, bedingte eine bereckstigte Zurückhaltung der Oeffmtlichkeit gegenüber. Dm Familienmitgliedern und der Umgebung des greifen "dürften lvar es aber bekannt, daß in dm letztm Monaten ein sichtliches Nachlassen der Kräfte und besonders der Entschluß- sähigkeit, eine Zunahme der Schwellung an den ®einen, die das Gehen in dm letztm Monaten gänzlich behinderte, und wieder­holte Anfälle von Atminot Feine Hoffnung aus Besserung zu- ließm. Prinzregent Luitpold ist nun der ÄlterssckMäche erlegen, die ihren Anfang nahm in dm seit dem Sommer 1911 erstmalig ,m Nymphenburger Park aufgetretenen und sich immer wieder- holmden Schwacheanfällm. Daß es den beiden unermü^'ich uml das Wohl des Regenten bedachten Leibärzten, die schon seit einem Jahr meist beide in seiner unmittelbaren Nähe weilten, nicht ganz leickst ivurbe, ihre Maßnahmen auszuführen, braucht man heute nickt zu verschweigm. Der Regent hatte bis zum Früh­jahr 1912 einen eisernen Willen, und wmn es galt, ihn von einer seiner liebgewordenm Gewohnheiten oder einem offiziellen Festakt zurückzul^ltm, so stießen die Aerzte oft auf Widerspruch. Seit Anfang November 1912 nahm der Regent die Mahlzeiten nickst mehr im Kreise der Herrm seines Gefolges und geladener Gäste ein, sondem speiste allein oder mit der Prinzessin Therese. Der Anfang November plötzlich eintretmde Temperaturwechsel sowie der Schneefall in Berchtesgaden ließen die am 7. November er­folgte Uebersiedelung des Regenten in die gleichmäßig erwärmten Räume der Münchmer Residenz dm Aerztm um­somehr für ratsam erscheinen, als sich in den letzten Wochen eine zunehmende Sehnsucht des Regenten nach seiner Schwester und nach seinem Münchener Heim bemerkbar gemackst hatte. In Münchm machte sich insofern eine wohltuende Besserung bemerkbar, als der Regent zeitweilig wieder im Bett zu schlafen vermochte, wmn die Erscheinungen ber Wassersucht zurücktraten. Die Leiche des Regmtm ist in den gleichen Gemächern der Reffden- auigebahrt, in benen der Regent als 5Yinb mit seinen Geschwistern gespielt hatte.

Ein EntlaffungLgesuch des Ministeriums,

DieKorrespondenz Hofsmairn" meldet: Seine königliche Hoheit Prinzregmt Ludwig hat das von dem Vorsitzenden des Ministerrats Freiherrn v. Hertling unterbreitete Entlas- snngsgesnch des Ministeriums nicht angenommen und dem Ministerium sein volles Verträum ausgesprochen.

Die Beisehungsseierlichkeilen.

München, 12. Dez. Kaiser Wilh elrn hat durch den preußischen Gesandten v. Treutler, der König von Sachsen durch den sächsischen Gesandten v. Friesen ihre persönliche Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten weiland S. Kgl. Hoheit des Prinzregenten ankündigen lassen.

Ter Berliner Hof legt für den Prinzregenten eine Trauer von drei Wochen bis einschließlich den 1. Ian. an.

Reichskanzler und Bundesrat.

B erli n, 12. Dez. Die heutige Sitzung des Bundesrats' wurde vom Reichskanzler v. Ä e t h rn a n n - H o l l w eg per- sönlich eröffnet, der in einer Ansprache der tte.fen TrauerDeutschlands über das Hinscheiden des .Prinz­regenten Luitpold Ausdruck gab.

Die Trauer in Württemberg

Stuttgart, 12. Dez. Um das Andenken des Prinz^ regenten Luitpold von Bayern zu ehren, bestimmte der König für die Offiziere des Armeekorps eine siebentägige Trauer. Eine Abordnung des Feldartillerie-Regiments Prinzregeut Luitpold nimmt an der Beisetzung teil.

Die Trauer in Baden.

Karlsruhe, 12. Dez. Wegen des Ablebms des Prinz­regmten Luitpold von Bayem legt ber Großherzogliche Hof der Karlsruher Zeitung" .zufolge Trauer auf 21 Tage an bis ein- schließlich 1. Januar 1913.

der Königswürde vereinbar? Wäre es nicht viel würdiger, die Königswürde dahin zu verpflanzen, wohin sie nach hergebrachter Ordnung gehört, in die Residenz des tatsäch­lichen Herrschers einer Monarchie? Tie Beschränkungen, denen der Rcgcnt im vermeintlichen Interesse des Königs unterworfeit ist, sind zahlreich, verwickelt, oft recht hinder­lich und liegen manchmal gar nicht im öffentlichen Interesse. Der Regent muß in allen wichtigen Regicrungsangelegen- heitcn das Gutachten des R e g e n t s ch a f t s r a t e s ein» holen. Regentschaftsrat ist das Gesamtministerium. Keine Bestimmung der Bersassungsurkunde erklärt den Regenten für unverantwortlich. Einen besonderen strafrechtlichen Schutz genießt er nach dem Reichsstrafgesetzbuch (§§ 96, 97, LOO, 101) nur dann, wenn er nicht dem königlichen Hause angehört. Es gibt ferner kein Verbrechen des Hochverrats gegen den Regenten, lieber die Ehrenrechte des Regenten, wie Titulatur usw. enthält die tBerfassung keine Bestimmung.

Angesichts dieser Beschränkung eit wird endlich einmal an die Frage herangegangen werden müssen, ob cs während der Regentschaft möglich ist, die Verfassung selbst zu ändern und damit auch diese Beschränkungen zu beseitigen. Bisher ist nur die Zulässigkeit authentischer Auslegung der Ver­fassung in einem Falle (definitive Anstellung der Beamten) bejaht worden. Die Autoritäten des bayerischen Staats- rcchts sind aber fast alle darüber einig, das; die gesetzgeben­den Faktoren, zu denen in Bayern auch der König, bezw. der Regent mit feiner Sanktion gehört, auch während einer Regentschaft zu einer V er f a.s s un g s ä ttde r u n g idyrei» teil können, durch die eine Rcich-svcrwcsr'.ng beseitigt und bitrd) die Königswürde des Regenten ersetzt wird. Volks­vertretung und Regent handeln dabei nicht bloß red)tlich unanfechtbar, sondern auch politisch tadelfrei.

München, 12. Dez. Bon der Residenz weht die Trauerflagge, ebenso von dem prinzlid;en Palais, den Kon­sulaten, vielen öffentlichen und privaten Gebäuden. In den Morgenstunden ertönte das Geläute sämtlid;er Kirchcn- glvcken.

Bei dem Hinscheiden des Prinzregenten hären anwesend dessen Tochter Prinzessin Therese, die Schwester des Regmten, Fran Erzherzogin Adelgunde, Prinzessin Lnowig, Prmz Rupprecht, Prinz Leopold und Gemahlin mit den Prinzessinen Georg und Konrad, (Prinzessin Arnulf, ferner Obermedizinalrat Tr. von Kastner, Generaladjntant Frhr. v. (Siebemnmi, ber diensttuende Flügel- adjntant General v. Walther, Ministerialdirettor von Tandel und Stiftsprobst Heger. Um 7 Uhr fand eine heilige Messe statt in den Steinzimmern, toctcber die Mitglieder des König­lichen Hauses, die nächste Umgebung und Ministerpräsident Frhr. v. Hertling anwohnten.

Die vorläufige Einbalsamierung hat heute stattgefunden. Das Herz soll erst, meint der Befehl dazu erteilt wird, dem Körper ent­nommen werden und nach der Präparierung in eine silberne .Kapsel eingesckckossen werden. In diesem Fall dürfte es ebenfalls nach lAltötting in t*ie Gnadenkirche überführt werden, wo sich auch die Herzen der bayerischen Könige befinden. Die Beisetzung wird voraussichtlich am nächsten Donnerstag, den 19. Dez., stattfinden und zwar auf Anordnung des Prinzen Ludwig in 'eierlick)er Weise, wie wenn es für den König wäre. Tie Leiche des Prinzregenten Luitpold wird einem Wunsche des Verstorbenen infolge in der Thcatiner Hofkirche an der Seite seiner dort ruhenden Gemahlin beigesetzt. Morgen wird dasGesetz- und Ver-"-dnungs- blatt" die Trauerordnung veröffentlichen. Darnach soll auf Befehl des Prinzregenten die Landestrauer auf drei Monate festgesetzt werden. Die öffentlichen Lustbarkeiten für die drei nächsten Tage und ben Beisetzungstag sind untersagt. Tie Ver­eidigung des Prinzregenten Ludwig auf die Ver­fassung erfolgt vor den versammelten beiden Kammern am 2 1. De­zember.

Dem zurückkehrenden Prinzregenten Ludwig fuhr der Hof- marschall von Laßberg bis Salzburg entgegen, während Minister­präsident von Hertling mit den Herren seiner Begleitung nur bis Freilassing fuhr. Auf der Fahrt nach München konferierte der Ministerpräsident lange eingehend mit dem Prinzregenten. Nach der Ankunft fand die Besprechung der Minister im Ministerium des Aeußern statt.

Worpsweöet Maler in Sieben.

Gießen, 13. Dezember.

In die Räume der alten Klinik sind freundliche Geister emgezoaen, die sie lieblich schmückten. Da hängen beinahe 200 Binder des Worpswcder Heidelandes, und bei der Er­öffnung der angenehmen Schau sollen gestern nicht weniger als etwa 400 Personen sich eingefunden haben. Das Wort Herde hat einen tiefen Stimmungsgehalt. Etwas von Welt­flucht und Märchenhaftem liegt darin; Friedrich Theodor Vischer spricht in seinen ästhetischen Vorlesungen von dem U n b e w u ß t e n in der Empfindung des Schönen und nennt sogleich das Bild einer trüben, regnerischen Heide: warum reizt sie uns als etwas Schönes? Jede Farbe stimmt in ihrer Art. Mit Begriffen lassen sich die Ottiancen der Stim­mung nicht fassen. Fischer verweist auf die intime Sym­bolik, vermöge welcher wir gewissen Farben und Tönen eine bestimmte Stimmung unterlegen. In der Worvsweder beide aibt es.für den emvfindungsvollen Maler eine Fülle von Studien, und es ist kein Wunder, daß ein Gemüt wie Heinrich Vogeler dort ins Land der Romantik und zarter Träume ftch verschlug. Er ist der bedeutendste und interessanteste der Worpsweder Künstler. Seine Stärke liegt in der Kunst der Linie, der Zeichnung. Gemälde von ihm sind in der hiesiaen Ausstellung spärlich vertreten: ihr Hauptreiz liegt in der stilisierten Linie.Ruhe auf der Flucht", ein nettes Bildchen der heiligen Familie, atmet Worpsweder Stimmung. In nebliger Ferne taucht, Ivie in Heines Meerestraum, eine Stadt auf. Josef und Maria sind herbe .Heidcbcwvhner, und die etwas steifen Umrisse ihres Zugtieres gehen harmonisch in diesem Stii:i irningsgehalt aus. Das größere GemäldeSommer t a g", wo eine stilisierte weibliche Gestalt unter einem Mewenbaum in den .Himmel träumt, hat nur spärliche malerische Reize, ebenso dasStilleben mit der

@11 le". Welche Fülle der wundervollen Erfindungen liegt dagegen in den zahlreichen Radierungen dieser Sammlung! Wieviel Poesie verschmilzt sich hier mit überaus feiner und geschmeidiger Liniensiihrung! Das dem Märchen vom Froschkönig so humorvoll nachempfundene Merkchen zeigt die köstlichste Blüte der zeichnerischen Kunst Vogelers; ein anderes Bildchen, das inBlumen. wie deren trau cs Schwester­lein, emporlausd)ende f ine Mädchenköpfchen, nach denVogcln in den Birkenkronen schauend, ist ebenfalls mit unübertreff- lid)er Feinheit gezeichnet. Dazu kommen nod; eine ganze Reihe ebenso wertvoller, duftiger Radierungen; wer wollte entscheiden, welche die schönste sei?

Tic andern Worpsweder haben solches Traumland nicht gesehen. Sie halten sich bescheiden an das was ist. Modersvhn und Wencke sind immer wieder den Stim­mungen der Heide nachgegangen, und oft wiederholen sie ihre Motive. Wencke liebt es, die Spiegelungen des Him­mels in den Moorkanälen wiederzugeben, wobei er die Schatten des Rohres auf dem Wasser malerische Feinheiten offenbaren läßt. Modersohn zeigt aud) die Bewohner des Landes in ihren Geschäften u^d mit fahren bescheidenen Sensationen; so in Fischerhude einen von'Frauen und Kin­dern angestöunten Vagabunden wogen. Derbe, realistische Bauernbllder, nüchterne Stuben voll schwermütigen Ernstes malt Karl K rum mach er; er ist der Worpsweder Millet, ohne freilich die großzügige zeichnerische Kunst des Fran­zosen aud) nur annähernd zu erreichen. A. Lyongrün ist noch einer der eifrigsten Worpsweder Landschafter, neben ihm streben in gleicher Richtung Fritz Overbeck, Prof. Brehling, die spärlich vertreten sind, ferner Udo Pe­ters, W. Bartsch, W. Bertelsmann, G. Borg­mann (der die Ausstellung leitet), R. Hartmann und andere mehr. Den Worpswedern sind auch einige fremde Maler zugefellt, die ganz andere Wege verfolgen, und es ist nicht ohne Reiz, aus der Heidestimmung plötzlich auf die

dekorative Farbenpracht Rüdisühtis zu stoßen. Man braucht sich dabei natürlich keineswegs zu entscheiden, wo die größere Schönheit erschaut sei. Die Natur hat ihre Reize in mannigfaltigen Gewandungen. -zx

Die Aonigsfragc in Bayern.

Von einem staatsrechtlichen Mitarbeiter.

Abermals ist die bayerische Königsgeschichte an dem imglücklichen Otto vorübergegangen, der in seiner Kranken­hast int Schlosse Fürstenried dumpf dahinbrütet: abermals ist für ihn nach Recht und Gesetz einVerweser Bayerns" auf den Schild erhoben worden. Prinz Ludwig wurde Re­gent mit allen Würden, aber aud) mit allen Beschränkungen ber Herrschaft, die ihm durch die bayerische Vcrsassungs- urkunde auferlegt werden. In den maßgebenden politischen Kreisen des Königreiches besteht deshalb, wie wir aus ge­nauer Kenntnis der Personen und Stimmungen heraus ver­sichern können, die ernstliche Absicht, diesmal die Stellung des Regenten in die eines Königs! noch bei Lebzeiten Ottos überzuleiten. Ist dies staatsrechtlich möglich und auf welchem Wege erreichbar?

Ein Ersatz der mangelnden Regierungstätigkeit des .Herrschers durch die Tätigkeit anderer tritt nach baycrisclwm Staatsrechte entweder infolge eigener Verfügung des Kö­nigs oder kraft des Gesetzes ein. Im ersten Falte spricht man von Stellvertretung, int zweiten, jetzt wieder aktuell gewordenen Falle von Reichsverwesung oder Regent­schaft. Das Gemeinsame dieser beiden Arten der Ersetzung des Königs ist, daß die Regierungshandlungen stets im Na­men des Königs geschehen, das Untcrfdjeibcnbe, daß die Stellvertretung in persönlichem Auftrage, die Regentsd)aft in gesetzlicher Berufung ihren Grund hat. Der Umfang ber Befugnisse des Stellvertreters bemißt sich nach feinem Auftrage, der Umfang der Befugnisse des Rcid)sverwesers nach dem Gesetze. Eine außerordentlid;e Form der Re­gierungsausübung ist nad) der bayerischen Verfassungs­urkunde auch noch das Vizekönigtum, dessen Einsetzung dann nötig ist, wenndie Krone an die Gemahlin eines aus­wärtigen größeren Monarchen" gelangt. Die Verfassung gibt über die staatsred)tliche Natur dieser Einrichtung keinen näheren Aufschluß. Die Reichsverwesung, wie sic jetzt wie der in Bayern eingetreten ist, ist eineaußerordcntlid)c". Die ordentliche tritt nur ein, wenn der König minderjährig ist, d. h. das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat Die Ursachen der außerordentlichen Reichsverwesung werden von ber bayerischen Verfassungsurkunde nur in allgemeinen Wendungen bezeichnet. Die Regentsd)ast soll eintreten, wenn der Königan der Ausübung der Regierung auf längere Zeit verhindert ift", und an anderer Stelle wird vonir gend einer Ursache" gesprochen, die den Königan der Ausübung ber Regierung" hindere. Die Verfassungsur­kunde wünscht also nid)t in jedem Falle der Behinderung oder Regierungsunfähigkeit eine Reichsverwesung. Die Rc gcntschaft soll vielmehr nur dann Platzgreifen, wenn 1. die Ursache, die dem ft'önigc die Ausübung der Regierung un­möglich macht,auf längere Zeit" wirkt und wenn außer dem 2. der Königfür die Verwaltung des Reiches nicht selbst Vorsorge getroffen hat oder treffen kann". Was als längere Zeit" zu erachten sei, wird an anderer Stelle naher mit den Worten bezeichnet, daß es sid) um eine Ur­sache handeln müsse,die in ihrer Wirkung länger als ein Jahr dauert". Nun dauert die Ursache ber jetzigen Re­gentschaft, nämlich die Geisteskrankheit König Ottos, heute rund 34 Jahre! Sie Wirtz ohne jeden Zweifel bis an das Ende des unglücklichen, jetzt 64jährigen Mannes, dauern. Sie wird sehr wahrscheinlich nod) manches Jahr währen. König Otto kann nod) viel älter werden, als er schon ist. Es liegt im Wesen seines Leidens, daß Hand in Hand mit dem Verfall des Geistes eine Festigung des Körpers geht. Die kurzen Augenblicke, in denen er seines früheren Zustanbes, ja sogar feiner Majestät sich be­wußt schien, sind für immer vorüber. Nur der Schein des Königtums wird um ihn her aufrechterhalten. Er selbst bietet ein Bild des Mitleids. Ist dieses Bild mit

Hr. 294 Erster Blatt (62. Jahrgang Zreitag, (5. Dezember 1912

Der Anzeiger /my « ft Ve,qavrei»:

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für die Rebaklion 112, politischen Zeil: August

MW General-Anzeiger für Gberhessen SäfeS*

M bl^Tagesnummer Notation§druck und Verlag der vrühl'schen Unio.-Vuch- und Zteindruckerei n. Lange. Heöaftion, Lrpedition und Druckerei: zchulstratze 7. Lan^^E.Heß^sür den bis vormittags 9 Uhr. Bübingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Airzergenteck: H. Beck.

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