Ausgabe 
14.3.1912 Zweites Blatt
 
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Nr. 65

tierietzener LamNienblätter- werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich belg-legl, das Ertisblatt für den Krtii «letzen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich «roeimaL

Zweites Blatt (62. Jahrgang

Erscheint tlgltch mit Ausnahme des Sonntag». 'df

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesjen

Donnerstag, (4. März (9(2

Jlstottonibnid und Verlag der vrübl'schen UntversuälS Buch- und 6iembrutfcceu 9L Lange. Gießen.

Nedaktton. Exvedition und Druckerei: Schul» strotze 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion:«r-iWK 112. Tel.-Adr^Anzeiger'Lietzen,

Mb. Deutscher Reichstag.

25. Sitzung. Mittwoch, den 13. März. 1 Uhr. Ca^ar2'^ bCS Bundesrats: Dr. Delbrück. Richter. ^.Schleunige Anträge auf Einstellung von Privatklage, und Strafverfahren gegen bie Abgg Nowicki (Pole). Baud ert (Soz.) und Dr. Struve (Vp.) für die Tauer der Tagung wer den angenommen, u u 1

Die Ruhrlfrelft-Unferpellafion des Zentrums N'v-'siidL'L'! QUf b" S^=S^nu8. 3uf bie Stage 8.SS Ä' i06 " bl- Sraation mor. r, ! V-n? G f 0 ' füt die Rcichsversiche.

nÜgrl tolOT lrn, cr,t[c u"d zweiter Lesung angenom­men, nachdem Abg. Molkenbuhr (Soz.) seinen Antrag auf KoinmisslonSberatung zuruckgezogen hatte.

Der Etat für das Reldisamf des ünnern.

(Zehnter Tag.)

- _ Abg. Dr. Maßinger (Zentr.) begründet die Resolutionen des Zentrums, die die Ersor- schung und Bekämpfung der Maul, und Klauenseuche betreffen. Ein ErganzungSetat soll große Mittel hierfür zur Verfügung stell-n, zu Stipendien an Institute und Privatper­sonen und zu einer großen Prämie einer Rationalspcnde für öen Entdecker des SeuchencrregerS oder deS Heilmittels. So- weit Hal auch die Budgetkommission diese Forderungen zum Bc- schluß erhoben. Eine weitere Resolution deö Zentrums verlangt die Ucbernahme der Kosten dec Seuchenbekämpfung auf den Staat; sodann soll die Entschädigung nach verschiedenen Rich, tungen ausgedehnt und Steuernachlässe gewährt werden.

Abg. v. Bolko (Kons.):

Wir können es nicht verstehen, warum man das Ausland besser behandelt als das Inland. Entweder Quarantäne oder binne, 24 Stunden abschlachtcn, denn sonst wird immer von neuem die Seuchte cingeschleppt. Wir wollen keine Auönabm- für uns, wir wollen nur keine schlechtere Behandlung, wir wollen den Schutz uiiscrcr Viehzucht, die Beobachtungsbezirke dürfen nicht »u groß fein. Wir hoffen, daß man mit dem Inkrafttreten fces neuen V i e h s e u ch c n g e s e h e s hoffentlich am 1. April, aber wir haben freilich noch Zweifel von der Möglich­keit Gebrauch machen wird, bei Ausbruch einer Seuche, wenn si- noch nicht weit verbreitet ist, durch Abschlachtung deö Viehs den Seuchenherd auf Slner bestimmten engen Stelle zu konzentrieren. Hatte man das bei dem Ausbruch der Seuche in der Provinz Posen getan, hatte man die geringe Ausgabe nicht gescheut, dann Ware Schlesien verschont geblieben und Millionen gespart worden. Gerade jetzt, wo das Vieh auf die Weide geht, wird man hoffent- nch schnell einschreiten.

Abg. Wamhoss (Natl.) spricht in gleichem Sinne wie die Vorredner. Auch die .'National liberalen haben eine Resolution eingebracht mit ähnlichem Inhalt wie die des Zentrums. Ein Nachtrags- «tat soll genügende Mittel zur Verfügung stellen, um die wiffe nschastliche Erforschung der Maul- und Klauen- seuche und ihre Bekämpfung sowohl durch staatliche Behörden als durch Unterstützung solcher Privatsorscher, welche bemerkenswerte Ergebnisse ihrer Untersuchungen erbracht haben, zu fördern, und weiter, in Fällen des ersten Ausbrechens der Seuche die Tötung der betroffenen Viehbestände durch Gewährung von Entschä- di^ung zu ermöglichen. In einem anderen Teil ersucht die yicioluliün den Reichskanzler, bei den verbündeten Regierungen auf eine tunlich st einheitliche und unnötige Harten vermeidende Durchführung der Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Seuche und auf die Uebcrnahme der Kosten für tierärztliche Untersuchungen und Atteste auf die Staatskasse hinzuwirken. Die Meinungen im Lande gehen da­hin, daß die Sperrmaßregeln wenig wirksam sind, die Sperr- sowohl wie die Bcobachtungsbezirke. Ter Grenzschutz ist dringend /notwendig. (Beifall.)

Abg. Dr. Blnnck (Vp.)k

Durch papierene Bekanntmachungen und Maß- regeln, die sich lediglich auf behördliche EinspcrrungSvorschriften beschranken, wird der Bazillus der Maul- und Klauenseuche, den man übrigens noch nicht kennt, nicht getötet werden. Die Land- wirtfchaft ist heute ziemlich übereinstimmend der Meinung, daß WIbft die strengsten Sperrvorschriften irgend welche praktische Wirkung nicht haben, im Gegenteil nur eine Verlangsamung m der Verbreitung herbeiführcis; und ob das zum Vorteil der Landwirtschaft ist, ist doch sehr zu bezweifeln. Die Seuche wird nur aufgehalten. In weiten Kreisen der Bevölkerung ist heute eine gewisse A b st u in p f u n g gegen die behördlichen Maßnahmen L'.ngcterten, und die Bevölkerung beachtet schon lange nicht mehr so ausgedehnt die polizeilichen Meldevorschriften. Die Gefahr ist groß, daß, wenn der Wcidegang beginnt, die Seuche noch in erheblichem Umfange besteht und durch den Som- ^^^^urchgcschlcppt wird. Wir sind freudig einverstanden mit den Resolutionen der anderen Fraktionen; unser Freund Heckscher' bat. schon im vorigen Jahre eine größere Summe für die

il n s ch a f t l i ch e Erforschung verlangt. Ter Grenz. Ich utz muß streng aufrechterhalten werden. (Hört? Hört! rechts.)

Man hac meinen politischen Freunden oft das Gegenteil nagigcingt, aber wir erkennen die praktische Notwendigkeit durch­aus und von jeher an. (Zustimmung der Fortschrittler.) Ter Nedner nimmt B.zug auf Erklärungen früherer fortschrittlicher Abgeordneten. Tie Seuche werden wir in der nächsten Zeit nicht aus der Welt schaffen, davon sind wir alle überzeugt. Ta ist es sur uns in erster Liwe wichtig, Mittel und Wege zu finden, um schweren Schädigungen aus der Welt zu schaffen, ^e nicht nur bie Lanbwirtschäft, sondern die gesamte Volks- wirtschaft treffen, durch bie behördlichen Maßnah- me n 3 u r Bekämpfung der Seuche. (Lebh. Zustim­mung.) Für Schleswig-Holstein jedenfalls sind diese Sckädi- öUngen hundert-, ja tausendmal so groß, als die direkte Schädi­gung durch die Seuche. Ter Kernpunkt der Schädigung liegt ganz ätveifellos darin, daß die Sperr- und BeobachtungS- T^Sirke viel zu weit ausgedehnt werden. Darüber lcheint ja jetzt in diesem Hause keine Meinungsverschiedenheit mehr zu herrschen; Tr. Habn war freilich merkwürdigerweise im ^rigcn Herbst anderer Meinung. Tie Gesetze müssen doch von oen Behörden scharf beachtet werden; aber in der neuesten Bun- HeSratsiustruktion ist der leitende Gesichtspunkt des § 18 deS Vieh- leuchengesetzes mit feinem Worte berücksichtigt, wonach alle Maß- Egeln getroffen werden sollen, unter Berücksichtigung

* 10 i r t f a f 11 i dj e n und Verkehrsinteressen.

Zustimmung.) Ter Redner führt unter Hört! Hört!-Rusen Eriche Beispiele an.

tfci t?le Landwirtschaft wird in bet Verwertung des gesunden ->iehs aus den Beobachtungsbezirken ganz außerordentlich ge-

Das Verbot der Magerriehmärkte, bie in Schleswig- ^itcin ganz unentbehrlich sind, Hal die Provinz auf daS ^10r,te . geschädigt. So kann es nicht weiter gehen. Der , ^--net erfucht um Annahme der im Sinne dieser seiner Aus-

d i e wird.

bet d i c

, Abg. d. Morowöki (Pole)

spricht zur Entschädigungsfrage.

Abg Wallenborn (Zentr.)

für d'e Resolutionen. Bei der Frage der Enischädigung?- ptliait wllten die Wünsche bet beteiligten Landwirte und bc- lonberf. bc$ mittleren und kleineren Grundbesitzes nach Möglich- kcit berücksichtigt werden.

hessische Zweite Kammer.

bs. Darmstadt, 13. März. Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 91/4 Uhr. Die Kapitel 2429 werden ohne Debatte angenommen. Bei Kapitel 30 macht der Abg. Köhler den Vorschlag, daß die Voranschläge der Provinzialdircktion früher fertiggcstellt werden mögen.

Minister von H 0 m b e r g f: Die Regierung hat schon wieder­holt darauf gedrängt, daß die Voranschläge reckt eitig und zwar nickt allzu dicht vor dem 1. April iertiggestcllt werden. Sie crlennt die Gründe, die der Abg. Köhler vorgebrackt hat, als vollkommen berechtigt an und sie wird nicht unterlassen, auf die Kreise einzuwirken.

Abg. Finger (Natt.) spricht auch zu diesem Kapitel einige Wünsche au5, besonders in Bezug auf die Neueinteilung der Gemeinden.

Minister v. Hombergk: Wie bekannt, ist bereits eine Neueinteilung der Gemeinden der Provinz Rheinhessen zu den einzelnen Kreisen nach den Wünschen der Kammern fertiggestellt und es sind gesetzmäßig über diese Vorlage die Kreistage zu hören. In diesem Stadium befindet sich zurzeit die Sache.

Der Antrag des Ausschusses hierzu, den Betrag von 1C05 Mk. in Einnahme und 655 300 Mk. in Ausgabe zu bewilligen, wird einstimmig angenommen.

Zu Kapitel 31, Gendarmerie, sprechen die Abgg. v Bren­tano, Breidenbach und Wolf-Stadecken. Ter Abg. Brei­denbach wünscht die telephonische Verbindung der einzelnen Gen­darmerien untereinander.

Minister v. Hombergk erkennt die Notwendigkeit dieser Telephonverbindungen an.

_ Der Antrag des Ausschusses: Bewilligung der Einnahme von 1555 Mk., der Ausgabe von 586 870 Mk. wird einstimmig an­genommen.

lieber Kapitel 32, Polizei, kommt cs zu einer Geschäftsord- irungsdebatte. Ueber einen zu diesem Kapitel eingegangenen An­trag des Bürgermeisteramts Offenbach ist im Ausschuß noch nicht beraten. Der Abg. Raab beantragt Aussetzung der Beratung. Dr. Weber und Molt Han widersprechen diesem Anträge. 'Nach einigen Auseinandersetzungen wird dann doch in die Be­ratung eingetreten.

Minister v. Hombergk: Es ist nötig, mich mit einigen Worten über die Rechtslage zu äußern. Die vollständige Ver- Mratiichung war bekanntlich einer der Wünsche, bie von dem Sonderausschüsse für die Revision der Verwaltungsgesetze dem letzten Landtage der Regierung zur späteren Erwägung auch eingestellt sind. Es liegt auf der Hand, daß eine Verstaatlichung der Polizei nicht ohne erhebliche Geldopfer durchgeführt werden kann. Man muß zurzeit davon absehen, eine vollständige Ver­staatlichung vorzunehmen. Ter Artikel 57 der Städteordnung läßt eine Verstaatlichung einer kommunalen Polizei jederzeit -u Wenn die Regierung von dem ihr zustehenden Reckte Gebrauch macht, so schafft sie für Offenback keinen Ausnahmezustand, £ffer- bach soll mir in die Linie gerückt werden, in der Darmstadt und Gietzen. stehen. Es ist davon gesprochen worden, daß das einen Emgriis in die Selbstverwaltung bedeutet. Das ist wohl nur ein ^cklagwort. Davon flann wohl darum feine Rede sein, weil die Ausübung der Polizeigewalt ein staatliches Doheitsreckt ist. Tieser Grundsatz ist längst von allen Rechtslehrern anerkannt. Hier handelt es sich nur um die Verstaatlichung der Sicherheits­polizei. Der andere Grund ist, daß der Artikel 56 dec Städte­ordnung eine Mitwirkung in Sachen der Lokalpolizei der Stadt­verordnetenversammlung nicht zuläßt. Tas Bedürfnis, die Offen­bacher Polizei den wechselnden Einflüssen durch Unterstellung unter einen unabhängigen Beamten zu entziehen, ist auch kein dem Augenblick entsprungener Gedanke. Wer kann objektiver eine Lage beurteilen als die Kreisräte oder Staatsanwälte. Tie Ver-

/ Nach einem Schlußwort dcS Berichterstatters Budgetkommission, Graf Westarp (Kons.), wirden Resolutionen der bürgerlichen Parteien einstimmig angenommen. Auch die Resolution ter Sozial- demokraten über die obligutorischc Viehversicherung findet infolge der verhältnismäßig schwachen Besetzimg be5 Zentrums eine Mehrheit, die sich zusammensetzt aus her so­zialdemokratischen Fraktion und außerdem nur wenigen VolkS- partcilcrn, Nationalliberalen, Polen und Elsässern.

, Abg. Dr. Bell (Zentr.):

Tie Erklärungen deS RegierungSkommissarS, und Jn .. ollen Teilen. sind nicht gerade crfreulidi. -Weite Slrcqc der Landwirtschaft, und besonder» der kleine und mittlere Grundbeiih, werden sehr enttäuscht fein. Ter RegleiiingSvertreter stellt sich anscheinend auf den Standpunkt: Es muß dock' Frühling werdenl Ist die obligatorische V 1 e dv e r s i che r u n a ein Programmpunkt der ganzen sosial- demolrati'chen Partei oder nur ibres agrarischen Flügels? sHeiterk it.l Eine obliaatoriiche Viebversicherung, für die da» Jicub normens gar nicht zuständig ist, würde den kleinen und mittleren OKundbesitz unerträglich belasten. Aber vielleicht konnte die ReichSregierung eine Verständigung unter den Landes- regierunqen darüber herbeifübren, daß durch LandeSgesetz freiwillige Viehversichcrung erleichtert

Beim Kapitel btr. die .R e i ch» lch u l ko m m i s s i on", bie nur für die Beaufsichtigung der Vorbildung für die Vereckti- tst'ng zum Einjährig-Freiwilligcn-Tienst begründet ist, bean­tragen die Sozialdemokraten die ?luSgcstaltung dieser Behörde zu einem selbständigen ReichSamt für da» ©djul- und Bildungswesen des Deutschen Reiche-

Abg. Sckulz (Soz.):

Bon den Rindern nun endlich auch einmal zu den Kindern. Ter einjährig-freiwillige Dienst ist die unerfreulichste Erscheinung des Schul- und Heerwesens. Tas Schulwesen ist Reichssache. Ter einjährig-freiwillige Dienst ist ein Hohn auf die Wehrpflicht. Er muß abgeschafft werden. Ack, die armen Gnmnanalfekun' dauer, welche endlosen Qualen erdulden siel Sie ersitzen sich das Zeugnis. Tas Nichtigste wäre, unsere sämtlichen Schulen so auszugestalten, daß sie alle die Berechtigung zum Einjährigen- Tienst gewähren würden. Tann würden wir überhaupt das ztoeite Tienstjahr sparen. Jetzt ist eine Vuntscheckigkeil ohne Sinn und Versta/id bezüglich des Schulwesens vorhanden. Ein Reichsschulamt müßte Minimalbedingungen aufstellen. Erst die Reichsschulgesehpebung aber wird Teutschlauds innere Einheit und Wehrhaftigkeit nach außen sichern. Nun schelten Sie uns mit noch vermehrter Energie vaterlandslose Gesellen und Reichs- feinde. (Beifall der ©03.),

Tas Haus vertagt sich.

Donnerstag 1 Uhr: Ruhrstreik-Jnterpellation, Weiterberaiuna des Etats des Reichsamts des Innern, 1 Schluß 6-/L Uhr.

yjer1 ^"lksvartei beantragten Resolut, an.

M oann eriuan, 1. datur Sorge zu tragen, ,C^Panc bk' der Durchführung des Vieh, leuchengesetzes den bettiligten Wirtschaftö- und VerkehrSinteressen mehr als bisher Berücksichtigung angedeihen lassen; 2. in Verfolg A vom Reichstag bei ber Verabschiedung des ViehseuchengesetzeS 8^-^^dc'chlusse im Bundesrat dahin zu wirken, daß bei den buhoroIidKn Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung die Mit- wirku^ig von Lai en-Sachverständigen aus den beteiligten Berufsständen sichergestellt wird; 3. für eine er- ro eiterte Entschädigung der den Viehbesitzern durch die Viehseuchengesetzgebung erwachsen- den Verluste ei nzu treten. (Beifall.) Solche Zustände wie im vorigen Sommer dürfen nickt toieberfominen; schuld daran finb nut ö.e verkehrten Maßnahmen der Be- Horden. (Lebhafter Beifall.)

Vizepräsident Dr. Paascher

Es sind noch sieben Redner gemeldet. Wir haben schon ein­mal eine lange Diskussion über die Maul- uno Klauenseuche ge- - r-jfr? »'t der Wunsch wohl angebracht, daß die Herren sich möglichst kurz fassen, sonst kommen wir mit dem Etat nicht zu Ende. (Beifall.)

e, haben auch die Sozialdemokraten ihren

Initiativantrag zu dieser Frage in eine Etat-Resolution um- gewandelt; sie verlangt eine obligatorische Viehver- s i ch e r u n g gegen Seuchenschäden.

Abg. Schcidemann (Soz.):

In den letzten acht Jahren haben wir ungefähr 20 bis 25mal solch eine Seuchenbcbalte gehabt, geschätzte Ver° sammlung. (Große Heiterkeit.) Ich verzichte darauf, zu den alten Klagen und gorberungen neue vorzubringen und mache nur darauf aufmerksam: früher klagte man über bie Seuchen schöben unb letzt über die Maßnahmen der Behörden zur Bekämpfung dieser Schöben. Ich bin gewiß nicht zurückhaltend gewesen in meinen Angriffen gegen die Regierung, aber Sie erheben jetzt Vorwurfe, bie zum großen Teil unberechtigt sind. Sie haben da. mals all die Forderungen und Warnungen der Opposition unbe- achtet gelassen und daö Viehseuchengesetz angenommen, jetzt haben (eie kein Recht, auf die Regierung zu schimpfen, die nur Ihr Ge­setz ausgeführt hat. (Abg. Dr. Heckscher ruft: Scheide- mann 9le g 1 e r u n g 6 b e r t r e t e r! Heiterkeit.) Auf diesen geistreichen Zwischenruf gehe ich nicht ein. Auch wir Sozialdemo­kraten wollen wie bisher alles bewilligen, was geeignet ist, die Seuche zu erforschen und zu bekämpfen; wir werden aber auch m Zukunft alles bekämpfen, was damit nicht im Zusammen- hang steht, nämlich diewirtschaftlichenForderungen, die man damit verknüpft. Deshalb haben wir das Viehseuchen- gesetz abgelehnt. Notwendig ist aber eine ausreichende Ent- schädigung der Viehzüchter, und deshalb beantragen wir obli- gatorische Viehversicherung. Das werden Sie ein- stimmig annehmen.

Abg. Klose (Zentr.) fordert ebenfalls eine weitgehende Entschädigung der Land­wirte,

Ministerialdirektor Dr. b. Joncqnidres:

Ich will nur kurz die Stellung der Regierung zu den Resolutionen mitteilen. Mit der Freigabe der For­schung e n über die Maul- und Klauenseuche sind ganz erheb­liche Gefahren wegen der weiteren Verbreitung der Seuche vorhanden. Die Regierung behält sich ihre Stellung zu dieser Frage noch vor. Dann die Ko st en- und Entschädi- gungSfrage! Alle diejenigen, die an der Verabschiedung des neuen ViehseuchengesetzeS mitgcwirkt haben, werden zugeskehcn müssen, daß alle Wünsche nach dieser Richtung hin auf Abände­rung zugunsten der Interessenten leider unerfüllbar sind. Es ist eine so schwierige Materie, daß nur bei beiderseitigem größten Entgegenkommen eine Einigung zwischen Regierung unb Reichstag hat erzielt werden können. Es ist ganz a u s g e - schlossen, daß eine Aenderung, namentlich auf Kosten der Reichs- und Staatskasse, eintreten kann. Weiter wird in der Resolution Blunck gewünscht, daß bei den Einführungsvor­schriften des neuen ViehseuchengesetzeS die Wirtschafts - und VerkehrSinteressen mehr berücksichtigt werden. Diese Vorschriften sind, bevor sie dem Bundesrat vorlagen, den Interessenten in weitestem Maße zugänglich gemacht wor­den. Sie hatten Gelegenheit, sich zu äußern.

Soweit die Wünsche der Interessenten unter Berücksichtigung des durchaus notwendigen strengen veterinären Vorgehens erfüllt werden konnten, ist es gcsck-ehen. Namentlich auf bie roirtfdxift- lichen Verhältnisse wird überall da, wo es sachlich geboten' ist, dadurch Rücksicht genommen, Paß die Möglichkeit von us, .. if ui c 11 ooiHejehen ist. , c

;m Voitai-re gegenüber der strengen Betämpfuiig-rn. th.de im Winter wahrend der Weidczcit von allen Regierungen Er- l c 1 ch t c r u n g e n zugcstanden werden. Tie strenge Bekämpfung hat dock Erfolge auizuweifcn. Am 31. August waren im ganzen Reiche 38 250 Gehöfte verseucht, am 15. Oktober 34 463, und jetzt am 29. Februar waren cs nur noch 4070. (Hört! Hört!) Tie Interessenten müssen die leider unvermeidlichen Lasten auf sich nehmen. TaS liegt im allgemeinen und auch in ihrem eigenen Interesse. Nun ist gefragt worden, wann das neue Vieh- seuchengesetz in Kraft treten wird. Wir hofften, daß daS am 1. April möglich fgn wird. Leider wird nicht durchführbar fein, diesen Termin einzuhalten. Ich erkläre daS offen, damit sich niemand falschen Hoffnungen hingibl. Wir hoffen aber, daß das Gesetz in Kraft treten kann, wenn das Frühjahr wirklich beginnt, trenn bie Erleichterungen in Frage kommen. Bestimmt ben Termin bezeichnen kann ich nicht.

Tie Abgg. Heck (Natl.) und Ahlhorn (Dp.) weisen eben- falle darauf hin, daß die Schäden, die durch die rigorose Hand­habung der Vorschrstten entstehen, viel erheblicher sind, al; die direkten Nachteile der Seuche. Ten Landwirten werden durch die fortwährenden Untersuchungen nur Kosten verursacht, ohne daß eine Besserung erfolgt. Es ist unsinnig, daß für d,e verschiedenen Bundesstaaten verschiedene Bestimmungen gelten. Einheitlickkcit muß fein. Eine oldenburgifche Kuh muß ebenso behandelt werden, wie em preußischer Stier, ein hessisches Schaf, ein mecklenbur­gischer Ochse oder ein sächsisches Schwein. (Heiterkeit.) Tie Er- bitter u ng ber Bevölkerung darf nicht noch gesteigert werden. (Beifall.)

Abg. Bchrens (Wirtsck. Vgg.):

Wir stimmen allen Maßnahmen, d-e m den Resolutionen vorgeschlagen werden, zu. Unnötige Härten müssen vermieden werben. Sie wirken oft geradezu lächerlich. Eine obligatorisch- Viehversicherung wurden die kleinen Bauern kaum ertragen können. Jedenfalls würde es ohne einen Staatszuschuß nicht ,..r Abg. Werner Hersfeld (Rfpt.)

führt ebenfalls Beichwerde über behördliche Mißgriffe.

Abg. Gras Oppersdorfs (b. k. Fr.):

Wir sind trotz aller Reden über die Maul- und Klauenseuche nicht kluger geworden. Seit Dezember ist das Attest- emes beamteten Tierarztes für das ganze Reich gültig. E- kann al,o nickt mehr vorkommen, daß die Untersuchung eines Stuck Viehes von verschiedenen Bundesstaaten angeordnet wird.