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2.11.1912 Erstes Blatt
 
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Samstag. 2. November (912

162. Jahrgang

Erstes Blatt

GiehenerAnzemei

Europa zu sauen, daß England das Beispiel der Balkan-

Vezn g4V ret 3: monatlich 75l.tt., viertel­jährlich Rkk. 2.20; durch Abhole- tu Zweigstellen monatlich Go Bi.; durch die Post Pi!. 2. oicrtcl- jährl. ausschl. Beslellg. ZcilenpreiS: lokal lüPj^ auslvärtü 20 Pieuniq. Chefredakteur: A Goetz. Veraunvortlich für den politischen teil: August Goetz; für .Feuille- lon", .Beiinischles' und .GerichtSsaal-: K. Neu­rath; für .Stadt und Land': (S.S>cb; für den Anzeigenteil. £» Beck.

m. 259

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WMW General-Anzeiger für Gberhesfen

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Die heutige Nummer umsaht 20 Seiten.

Apolitische Wochenschau.

Gießen, 2. Nov.

Am Donnerstag hat im englischen Unterhause eine interessante Aussprache stattgefmrden. Ein liberaler Ab­geordneter mit dem tönenden Namen King schien die Akten der Weltgeschichte bereichern zu wollen und er nahm mit welcher Miene, ob hohnvoll oder entrüstet, haben wir aus dem Bericht nicht erfahren -- ein Protokoll auf über die Haltung Englands und der Großmächte gegenüber den Vorgängen auf beni Balkan. Und so sah sich der Staats­sekretär' Grey genötigt, vor aller Welt zu bestätigen, daß die Mächte sich aus die Erhaltung des Status quo sestgelegt hätten, was aber nicht hindere, jetzt doch nach dem gegen­teiligen Rezept zu verfghren. Man spricht heute mit Recht viel von staatsbürgerlicher und polnischer Erziehung, und da es infolgedessen Lernbeslissene genug gibt, so wird man an dieser diplomatischen Metamorphose nicht ohne Worte worbeikommen. Es liegt nahe, daß mau sich zunächst an die gewöhnlichen Maßstäbe des bürgerlichen Lebens hält. Es kommt da auch mitunter vor, daß Autoritäten, die Recht und Wahrheit hüten sollten, statt ihrer Gewalt und Intrigue die Trümpfe ausspielen lassen, -falls sie sich nur selber" dabei ein Interesse versprechen. Aus diesem Wege kommt dann auch mehr als ein Umfall oder Wortbruch vor. Ein analoger Falt wie die Behandlung des Ballän- problems durch die Großmächte würde im bürgerlichen Leben aber doch im allgemeinen mit Verachtung beurteilt werden. Auch wenn es sich dabei nicht, wie hier? um die Perlstnderung der Hinschlachtung vieler Menschen handelte, sondern nur um die Erfüllung moralischer Verpflichtungen. Ter brave Mann denkt au sich selbst zuletzt. Und wenn er ohne besondere Gefahr den Schwachen vor dem lieber» mut des Mächtigeren schützen kann, so wäre es ein häß­liches Schauspiel, wcmn er die Angreifer mit Vergeltung bdrohte, dann zusähe, wie dennoch ein Mord oder Tod- schlag vollzogen wird und schließlich dem Todschläger einen Teil der Beute willig überließe. Es war eine Warnung und Drohung, die man den Fürstenhöfen auf dem Balkan hatte zugehen lassen. Man hatte damit deutlich bekundet, daß dieser beabsichtigte Krieg ein Frevel an der Mensch­heit sei. Und in einer Stunde, da es noch gar nicht aus­gemacht ist, ob über der Teilung Mazedoniens nicht doch noch der Weltbrand entfacht wird, haben dieselben Männer der Regierungen den Mut, da Sympathie zu zollen, wo sie vorher die Stirn gerunzelt hatten. Das hat gestern der russische Minister Sasonow in einer Aeußerung zu emem Berichterstatter mit größtem "Nachdruck getan. Sir Edward ivrey antwortete die dritte Frage des Abgeordneten King, was nach dem Kriege geschehen werde, ausweichend und deutete an, es müsse eine Operation erfolgen, die später den Frieden wirklich verbürge. Demkranken Mann" wird das mazedonische Bein abgenommen werden, "iroch offenherziger 'war der englische .Handelsminister Churchill, als er vor einigen Tagen in Sheffield vor allem Volk erklärte, es fei jetzt erwiesen, daß der Krieg doch vor den Konventionen der Diplomaten den Vorzug habe. Und er schlug dabei an den eigenen Säbel, um dem verblüfften

Mächte ganz gut gefallen h-abe.

Auch wenn wir uns zu der großzügigen Geschichts­betrachtung eines Hegel bekennen wollten, der da sagte, daß die Weltgeschichte sich auf einem höheren Boden be­wegt, als der ist, auf dem die Moralität ihre eigentliche Stätte hat", so kämen wir bei der Untersuchung der inter­nationalen Verständigung über den Balkan doch nicht zur rechten Befriedigung. Auch Hegel würde an solchen schäftsführern des Weltgeistes" keine Freude haben. Er würde wohl den Balkanstaaten den Preis zuerkennen, die so schneidig den Großmächten das Pferd vorgeritten haben. Heute, nachdem so viel Blut geflossen ist und so viel unnütze Noten versandt worden sind, sind die Mächte so weit wie vorher. England prüft zu den wei­teren Entscheidungen ja schon die Schneide seines Schwertes, Rußland mobilisiert immer noch, und Lesterreich stellt die Wahrung seiner Interessen in Aussicht. Wir hätten die nahende Konserenz auch ohne das viele Blutvergießen be­kommen können, und die Aktien für das Deutschtum würden heute besser stehen. Es war aber fein rechter tatkräftiger Staatsmann vorhanden, der nach diesen Interessen han­delte. Wenn die Weltgeschichte auch nicht immer aus dem Boden der Moralität bleiben kann, so bedürfte es doch in der vorliegenden Frage nicht dieses Makels der Lächer­lichkeit und Unmoral.

Auf dem Kriegsschauplatz hat sich die Lage immer mehr zuungunsten der Türken gestaltet. Seit vier Tagen tobt die Schlacht mit der langen Frontlinie Lüle Burgas-Visa. Nur bei Visa wollen die Türken siegreich vorgedrungen fein, während sie nach ihren eigenen Meldungen im Süden und im Zentrumtapferen Widerstand" leisten. Die Bulgaren aber, die ganz zweifellos vortrefflich geführt werden, mel­den heute den vollständigen Sieg in der .Hauptschlacht und rechnen damit, daß starke türkische Truppenteile die Waffen strecken werden. <rs gibt kaum noch einen Zweifel: der krie­gerische Ruhm der Osmanen, den ein Murad I. begründet hatte, ist dahin, und Mohammed V. ist ein Anderer als Mohammed II., der fein Leben in großen Kriegstaten er­schöpfte und siegreich sogar bis nach Italien vordrang. Die europäische Bildung, von der die Jungtürken sich so viel versprack)eu, hat dem alten .Heldentum das Grab bereitet. Die Offiziere wurden Politiker, und einer dünkte sich ge­scheiter als der andere. Die Befreiung von der Despotie "Abdul Hamids und die Eiukehr des Liberalismus hat den türkischen Heereslörper erschüttert. War vordem schon die Rüstung schlecht, so wurde mit den vielen parlamentarischen Wirren, an denen die' Offiziere in erster Reihe beteiligt waren, auch der Geist der Truppen angekränkelt. Wer zählt die Miuisterwechsel alle, die seit einigen Jahren in dem neuen.Verfassungsstaat vorgenommen mürben? Der Hader unter den Heerführern, der hie Niederlagen der letzten Tage verschuldet haben soll, ist ja durch diese Zustände geradezu großgezogeu worden. Dazu kommen Finan nöte und rückständige Waffen. Mein von der Goltz hat diese Mängel auszugleicl.eu vermocht. Zu allem lieberfüifj war die auswärtige Politik immer energielos, zögernd und schwankend, Und so steht denn zu vermuten, daß die gestern wieder ausgestoßenen Friedenswünsche Noradnnghians bald erfüllt werden aber der Phlegmatiker auf dem Throne, Motzammed V., wird auch in diesem Kriege fein Erhalter des Reiches sein.

Der valkanmeg.

Bulgarische Siege.

Ter BerlinerLokalanz." meldet aus Sofia: Die türkische Armee i st in vollem R ü (f£u g c be­griffen, der sich sehr schwerlich gestaltet, weil die Türken bei der Schlacht völlig auseinander gesprengt wur­den und die Bulgaren scharf nachrücken. Man glaubt, daß ein großer Teil der türkischen Armee dic W a f f e n st r e ck e n w i r d.

Durch die Einnahme von Timotika an der Bahnlinie Salo ni ki-Adri an opel seitens der Bulgaren ist dic Eisenbahnverbindung zwischen Saloniki-Adrianopel und Konstantinopel abgeschnitten.

Türkische Meldungen.

Konstantinopel, 1. Nov. (10 Uhr vormittags, amtlich.) Nach eingetroffenen Nachrichten des Generals N a z i m Pascha dauert seit vier Tagen auf der Linie V i sa-LueleH-B urgas der tobende Kampf noch an. Auf dem rechten Flügel (Visa) ist der Feind unter großen Verlusten zurück- geworfen worden. Gegen den von Norden kom­menden Feind leisten die türkischen Truppen t a P f e r e n W i d e r st a n d. Bei den Kämpfen um A d ria­nopel wurden die Bulgaren zurückgeworfen.

Das deutsche StationsschiffLoreley" wird heute abend hier erwartet. Das Lazarett der deutschen Bot­schaft ist voll besetzt. BedenteudeTransporteVer- wundeter sind enigetroffeu. Die Stimmung der Ver­wundeten scheint im Gegensatz zu den Tagen nach Kirk Kilisse jetzt freudiger, viele behaupten, siegreich gewesen zu sein.

Konstantinopel, 1. Nov. Wie aus guter Quelle verlautet, kam gestern abend ein Telegramm des Gene­rals Nazim Pascha an, wonach es den Türken gelinge, die Bulgaren zu überflügeln und deren Rückzugslinie zu bedrohen. Heute früh versicherte der Großwesir, der in sehr guter Stimmung ist, einer maßgebenden Persönlich­keit, daß die ein getroffenen "Nachrichten für die Türken sehr günstig lauteten. Gleichzeitig kursieren jedoch auch Gerüchte, die das Gegenteil behaupten, besonders inbezug auf Rodosto. Da irgend swelche amtliche Veröffentlichungen nicht erfolgten, ist die Lage nach wie vor unklar. Hier ist alles ruhig. Eine aus A d r i a u o p e l eingetroffene Persönlichkeit versichert, in Adrianopel herrsche Ordnung. Die Stadt sei gut verproviantiert und könne eine lange Belagerung aushalten.

Um Mitternacht teilte die Pforte den türki­schen Blättern folgende, auf einer Depesche des Generalissimus beruhende Informationen mit: Die vor vier Tagen begonnenen Kämpfe dauern fort. Tie im Norden von Luele Burgas marschierenden otto- manischen Armeekorps halten dem von dieser Seite her vor- 1 ringenden Feind kräftig ftano. Die Fortifikationen von Adrianopel verteidigen sich andauernd mit Entschiedenheit. Die bei Visa vereinigten Korps rücken vor.

Das Ministerium des Aeußern hat an die türkischen Vertreter im Auslande eine Depesche gerichtet, in der es die Depesche des Generalismus bestä­tigt. Das Telegramm schließt mit den Worten: Wir ha-

(ßicfjeitcr StaNfbcatcr.

Erster .Kammcrspicl-Abcnd.

Gießen, 2. November.

Der gestrige Mend galt dem ^tnbenfen eines Toten, galt Angnit Strindberg, bem unermüdlichen Streiter, der Zugleich SckuvebcnS hervorragendster Tichler mar. Für sein besonderes Sdxüfcn waren die besonderen Umstände seines Werdens und Lebens, die er mit rücksichlsloser, niauchmal au Prostitution gren- zender Offenheit darlegie, nicht nur richtunggebend, sondern sogar entscheidend. In seinen Werken ist sein ganzes Leben enthalten, so wie er es mit seinem heißen Herzen erfaßt hat, ist sein ganzes Tasein zu dichterischer Form und ("Gestalt geworden, ckin unruhiger Geist, der vor iicl selbst nicht zur Rnl>.' kam, der sich in wildem Drange nach 'Erkenntnis in faustischem Ringen verzehrte, der unersättlich war in seiner Liebe und in ,einem Haß, im Genuß und im Entsagen. Ein Geist, der nach immer Holderem, immer Vollkommenerem itrebte und doch iiicht zu 1x111 Ziele kam, das er zeitlebens gesucht hatte, so steht der ,leicht- entflammbare fanatifd c Mann in trotziger-, wilder Krast vor uns ein Bewunderter And) ein Geliebter? Wer weiß Sein Freund und Landsmann, der vor ihm dabiugegangene Geijerstam,'sagt von ihm:Rätselhaft, reich, wechselvoll, ielbu widersprechend, und doch stets derselbe, ungebrochen als Mann und Dichter, hat er zeitweilig den Strömungen der letzten dreistig Jahre tiefer, heftiger, rückhaltloser Ausdruck verliehen als irgend einer Er hätte sie alle um sick> sammeln können: statt dessen kann man jetzt beim Rückl'lick auf fein Werk sagen, daß in ihm sich alles sammelt."

Wie alle Naturalisten, schreibt auch Strindberg, der der Frauen doch so sehr bedurfte, den ganzen Jammer der Welt allein vom Weibe her und die Liebe ist ihm nicksts anderer- als ein Heinilidw's, erbittertes Ringen der Grsdstechter, ein heimtückischer Kampf, bei dem immer der Mann unterliegt, weil er der eelei- geartete ist. Tas Weib ist ihm das Teufelsrätsel der Natur, der Vampir, der dem Manne das Blut aus den Adem saugt, um ihn dann achtlos beiseite zu wersen. Und diesen .stampf ge­staltet er auch in seinen Sichtungen. Mit hähnnschem Lachen lietzt er die Menschen aufeinander, und mit rauher Heiterkeit verfolgt er das totemfte Spiel, in dem stets der Mann der un­schuldige Engel ist und nur den einen Fehler hat, vorn Weibe dbzustamrnen.

Daß sid) Strindberg trotz dieser fanatischen Einseitigkeit, trotz dieses krankhaften Hasses entfd'.ieDen durchzusetzen vermochte, da-_- verdankt er seiner überragenben künstlerischen Gestaltungskraft und seiner außerorbentlick.'u dichwrischen, Begabung, die aud) bei der gestrigen Aufführung von Dreien seiner Einakter glanzend in Erscheinung traten. . . , , ..,

In Samum zeichnet der Dichter nut großer vwchologncher Feinheit, rote ein wildes Arabermädchen einen vor dem glühend

heißen Sandsturm in einer Mosch.e Schutz suchenden, sckwn fast verschmachteten Zuavenleutnant mit raffiniertester Grausamkeit zu Tode martert, indem sie dem Fiebernden gualvolle Vorstellungen suggeriert. Fräulein Sibvl Baue vom Schrufpiähaus in Leipzig erfüllte die Biskra mit leidenschaftlicher Hingabe, an die ihr gottgefällig sd.Anenden Martern des Gianrs, und Herr Twor- koivski wußte die Todesnot des Leutnants erfdrütternb dar- zustellen.

T i e Stärkere ist nur eine kleine Boslteit ein Zwie­gespräch, nein ein Monolog einer verheirateten Schauspielerin mit ihrer bestgehaßten ledigen Freundin, der sie fick) im Besitze ihres Mannes und ihres Heimes nein, der sie sid; über­haupt unendlid) überlegen sühlt, obwohl die andere den Mann viel besser kennt und aud) die Stärkere ist. Die sprunghaften Gedanken, die ganze Unlogik des kleinen, nieblidxm Weibck>ens, die Strindberg nieister-haft dxirafterifiert hat, brachte Fräulein Bane mit feinstem Einfühlen in die Absidst des Dicksters vor, und Frl. R a p p 0 zeigte, das; sie nid't nur mit Anmut Zigaretten rauchen kann, sondern auch klug und verständnisvoll zuzuhöreti versteht.

In der Komödie: Mit dem Feuer spielen kommt Strindberg der üblichen Theaterform am nächsten. Er schildert darin, wie sid) die Liebe eines ge|d)iebenen Mannes zu der Frau seines Freundes jäh in 9lbn igung verwandelt, als der von ihni unterrichtete Gatte freiwillig verzichtet, nachdem sie sich dem anderen doch einmal angeboteu hat. Ter Dialog ist famos geführt, und das Seelische der einzelnen Persoiien wiederum äußerst icharf- sickstig gegliedert, wie denn Strindberg überhaupt ein Meister der psychischen Analyse ist. Die feine Ironie und der handgreifliche Witz wurde gleicherweise freundlich aufgenommen, ^n her Rolle des Weibckstms glänzte Fräulein Baue wieder- durch ihr her­vorragendes Charalierifierungsvermögen. Sehr schön gab Herr B r u d) w 1 tz den Gatten Ter Freund wurde von Herrn B r ü d - 1 Mni ebenfalls red?-t hübsch gespielt: er zeigte, daß er den Wort­laut seiner Rolle tadellos beherrsckste, aber er pointierte mit­unter zu stark und gebraud:-tc einige Gesten, wie das Ballen der .Gand im Affekt und die scknefe Kopfhaltung, allzu häufig. >zn Der kleinen RoUe des VaterS war Herr^Volck ganz hervorragend. Zu' erwähnen mären noch Fräulein Scholz als Mutter und Fräulein de Bruyn als Cousine.

Ter Regisseur der drei Stücke war Herr Cberregin'eur Twor­kowski und neben der geiswollen Tarsteilung hatte er auch für geschmackvolle und sinngemäße Ausstattung gesorgt.

Ta dieser erste Kammerspielabend also einen offenkundigen Erfolg zeitigte, dürfte seine Fortsetzung gesichert erscheinen, und manfann deshalb wohl darauf redmen, im Laufe des Winters auch Wedekind, 2 d- u 1 p. I e r , Sha 10 , T 0 l st 0 i u. a. auf unserer Bühne zu sehen. Aber es müssen schließlich nicht einmal konfisziert gewesene Didster sein, andere tuen es auch. K. N.

*

Ausstellung des Uunstveceins.

Gießen, 2. Nov.

Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen." In der Aus­stellung des Kunstvereins sind diesmal drei Künstler vereint, deren Temperamente, burd) die sie bie Welt sehen, so verschieben wie nur möglich sind.

Jungs fäiie, stille Kunst ist ja in Gießen längst bekannt. Er sucht Tonsck)önheit in zart und licht gesttmmten Farben. Etwas (ei)e Verhaltenes im Ausdruck zeichnet auch seine sym­pathischen Porträts aus. Seine Aquarelle gehen liebevoll der Landschaftsstimmung nach und pflegen in gut gewählten Natur- ausschnitten die feineren Nuancen d.-r weck)selnben Licht- und Lustsiimmungen in einem geschmackvollen blonden Ton.

Rettig sucht mit einer gewissen Pikanterie in brillanten Farben, auch in der Linienführung möglidnt interessante Vorwürfe, die ihm das malerifdie Venedig in Hülle und Fülle bietet. Seine flotten Aouarelle werden bei den zahlreichen Freunden der Lagunenstadt aud) starkes gegenständliches Interesse finden.

Am schwierigsten wird den meisten der Zugang zu den Bildern Melzers sein. Er geht auf den Pfaden der 9?euerer, die, wie etwa Cezanne und vor allem van Gogh, eine neueSynthese" von Farbe und Form erftreben, die rein technisch-malerischen Werte des Impressionismus burd) die Ausdruckskraft ihrer derEx­pressionisten" Werke überwinden wollen. Es ist wohl Selbständig­keit in diesen Bildern, vor allem zeigen sie Energie in der Bil­dung des Raumes. Für den, der sich die Mühe nimmt, bie "Silber lange unb angestrengt zu betrachten, gewinnen bie Linien unb Farben allmählich eine suggestive Kraft. Aber das durch Tonschönhät, Klangfchönhät der Farbe oder auch eine rein male­rische Lichtstimmung verwöhnte Auge empfindet^ diese Bilder zu­nächst als herbe, ja grob unb vielleicht auch sogar wirr. Ter .stunstwisfensdwftler wirb vorsichtig im Urteil, weil er tveiß, daß es so oft die Neuerer in der Kunstgeschichte, auch gerade die Groyen waren, die anfänglich abstteßen und langsam erst Verständnis fanden. Trotzdem will ick) gern gestehen, daß ich mid) noch nicht in alle Bilder Melzers habe hineinsehen können.

Tie folgenden Ausstellungen in diesem Raume wird nunmehr der neue0 berhe s s i s ch e K u n it d e r e i n" veranstalten. Eine säuer Hauptaufgaben wird sein, bie lebende hessische Kunst zu fördern. Wir werden Werke des Odenwälders Lipymann. eine (^esamtansstellung des norbhessifoi.m Mästers Ubbelohde, Plastiken des oberhessischen Bildhauers .Mobbing zu sehen bekommen. Wir hoffen, daß es uns vergönnt ist, Werkeber für Hessens künstlerisches veben doch in erster Linie wichtigen Äünftlerlolonie des Groß- Herzogs vorzuführen. Ausstellungen aus dem Städtebau alter und neuer Zeit unb von moberner Baukunst werden uns lehren, wie das Stabtbilb Gießens unb der anderen Städte Oberhessens ausgestaltet werden kann und soll.

Und für diese Bestrebungen alle bittet der Oberhessische Kunst­oer ein um aller Gießener und Oberhessen Hilfe.

Christian Rauch.