Ausgabe 
1.5.1912 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

-er iv»

Erlchetnt ti-Uch Ausnahme bei SonntagT,

£teGletzener $<mi!lenbiatter** roerben dem .Slnjeifler* viermal wöchentlich beigelegL bai Kretsblotl für btn Kreis Gletzen" eroeimal wöchentlich. Die ..landwlrNchastllche» iett» hegen erscheinen monatlich zweimal.

102. Jahrgang

Mittwoch, 1. Mai <912

Eichener Anzeige

General-Anzeiger für Oberheffen

Roiafionibnid anb Verlag bei Br 0bl ichen Unieecliiöti Buch- und Giembrudeteu 8L bange. Giegen.

Redaktion. Expedition unb Tnideret: <5rbul» ftroBe ?. fripebition unb Verlag L

Äebattwn;fcae#112. TeU-Adr^AnzeigerGiegen.

Mb Deutscher Reichstaq.

61. Sitzung, Dienstag, den 30. April.

Am Tische des Bundesrats: Tr. Sols, Frhr. v. Rechen­de rg.

Präsident Dr. Kaemps eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min.

Der Kolonialefaf.

(Zweiter Tag.)

9Tbg. Dr. Waldstein (Dv):

Im ganzen Hause herrsch' Einverständnis, daß der A l k o - holgenust in den Kolonien möglichst eingefdhräntt werden muß. DaS muh auf internnlionnlcm Wege geschehen. In unseren neuen Gebieten am Kongo mufa dafür gesorgt werden, bafc neben den Konzessieusgefellschafter' auch andere Kauf­leute und Unternehmer tätig sein können. Illoyal darf man freilich gegen diese KonzessionSgesellschaften nickt 'ein. Durch Bahnen müssen die Kolonien schleunigst aufgeschlossen werden, ohne besondere Rükksicht darauf, ob die Dahnen gleich rentabel sind oder nicht. Tie Baumwollenproduktiou steigt erfreulich. DaS kolonialwirtschaftliche Komitee verdient dafür besonderen Dank.

Die Dau'nwollesachverständigen sollten nach Amerika geschickt werden, damit si' dort Erfahrungen sammeln. Bedauerlich ist. dah die Beamten so schnell ihre Stellen wechseln. Das gilt auch für die Staatssekretäre. Hoffentlich ist Dr. Solf keine vorübergehende Erscheinung. Aehnlich steht cs mit den Gouver­neuren. Wir erwarten, dah der neue Gouverneur von Ostafrika nickt bloh Platzhalter ist. Der Schwerpunkt der Verwaltung muh nach den floloni n verlegt werden Jetzt scheint ober in Berlin ein Reichshofrat zu bestehen, der die Schlachten au9 der Ferne lenkt, aber N'cht immer gewinnt. Der ÄolonialgericktShos muh bald kommen, und zwar an die Wasserkante, nach Hamburg. Der Redner fordert koloniale Professuren. Dieses Gebiet kommt auch für die zukünftig- Frankfurter Universität in Betracht. DaS Han.'urgcr Kolonialinstitut sollte mehr gefördert werden. Dr. Sols will nach den Kolonien reisen: hoffentlich bringt er unserem deutsch'n Volke viel Schönes mit und bleibt nicht etwa wieder dort. Der Redner weist die Behauptung des Abg. Henke zurück, als ob unsere Kolonialpolitik imperialistische Ziele habe Wir schämen uuS nicht, dah wir uns gewandelt haben, und dah wir fetzt für bi' Kolonien sind Wir wollen auch keine Con- quistadorenpoliiik. aber unsere fetztge Kolonialpolitik hat grofv allgemeine wirtschas'liche Bedeutung. Denken Sie an d i e Er- trägnisse der Diamanten, die zum grohen Teil dem FiSkuS zugcflosseu f'.cb.

Auch der sozialdemokratische ?sbgeordnete Eduard Bern- stein hat sich für die Kolonien erklärt auf dem internationalen Kongreh in Stuttgart. Gegen ibn traten damals Slowaken, Kroaten, Serben und andere interessante Völkerschaften ^uf. Tie Kolonialfreundschaft wird unter den sachkundigen Sozial­demokraten immer größer. Selbst Henke würde wenn er einmal KolonialstaatSsekretär werden sollte (laute Protcstrufc recktS, Abg. Dr. Arendt (Rp.): Um GotteSwillen1) cs ist alles möglich, aber auch er würde sich hüten, unsere Kolonien an den Meistbietenden loSzuscklagen. Die Sozialdemokraten sind politisch sebr koiiservatitz. Wir wünschen aber, dah sie an der Kolonialpolitik Mitarbeiten. Sie werden kommen, aber langi'amcr als die anderen. (Beifall.)

Abg. v. S?if6crf (Rt>.)5

Der Vertreter Bremens hat gestern eine erschütternde Rede gehalten Die Bremer Arbeiter sollten doch am besten wissen, was unsere Kolonien für den dcutsclvn Handel bedeuten. (Sehr flutl) Herr Henke hätte sich vor seiner Jungfernrede doch in­formieren müssen, wie seine eigenen Parteigenossen über Kolonial­politik denken. Der Redner zitiert kolonialfreundliche Aeuherun- gen von Eduard Bernstein, Huö und anderen. H u e hat auf den Nutzen der Kolonien als Rohstoffgebiete hingewiesen und sich dabei auf ähnliche Anschauungen Bebels berufen.

Der Herr Vertreter der Stadt Bremen hätte doch an der Bremer Baumwollbörse erfahren können, weshalb wir Deutsche jetzt Baumwolle zückten (Sehr wahrI), wie­viel Kapital von uns schon hineingesteckt ist, mit welchen Schwierig, feiten wir dort in den Tropen zu arbeiten haben. Wir wollen un3 freuen, dah wir schon bei 5000 Ballen angekommen sind. Dann der merkwürdige Vorstoh des Bremer Herrn gegen d i e SKiffinnen! Gewiß, der Islam verbreitet sich, er wendet sich an die niedrigsten Instinkte des Menschen. (Unruhe der Soz.) Ich kann aus eigener Erfahrung feststeven, daß gegenüber der Mehrehe die Missionen, die katholische wie die evangelische, nie­mals kapitulier! haben. Sogar bekehrte Christen wurden, wenn sie zwei Frauen hatten, aus der Kirche ausgeschlossen. Wir ver- wahren uns dagegen, dah diese Männer, die ihre Leben einsehen für eine Ide-, ohne jeden persönlichen Vorteil verunglimpft wer- den. (Beifall.) Leider stehen unsere Kolonien im Zeichen des Gouverneurweck sels. Das ist nickt erfreulich, wie überhaupt der Veamtenwechsel. Wir müssen dahin streben, dah gerade die Gouverneurstellen in festen Händen bleiben, denn der Gouverneur bedeutet, wenn er überhaupt eine Persönlichkeit ist, ein System.

Wir wollen hoffen, dah der neue Gouverneur in Ostafrika, der ja noch in jugendlichem Alter steht, zehn Jahre dort bleibt. (Zuruf: Sckneelandschaft!) Unter Herrn v. Rechenbcrg ist die Kolonie glänzend emporgestiegen. Sic kann jetzt das große Eisenbahnnetz voll verzinsen. Dagegen in Südwest haben wir '.n ach! Jahren vier Gouverneure gehabt. Durchaus einverstanden bin ich nut der Verlängerung der Dienst. Periode der Beamten von drei auf vier Jahre; auch für die tropischen Kolonien sollte sie von zwei auf drei Jahre erhöht werden. Der Redner empfiehlt die Ausnutzung der Holzbe stände in den Kolonien, besonders auch für Eisenbahnschwellen, und nimmt Bezug auf die Erklärung des preupischen Ei'enbabnministers. wonach probeweise tropiscke Hölzer auch in Deutschland verwendet werden sollen. Die In der frage ist alt; mit Erhöhung der Gewerbe­steuer und der Lizenzgebühr sollte man den deutschen Kaufleuten Schutz gewähren geg n diese Konkurrenz. Der Redner bittet den Staatssekretär, sich über die Arbeiterfrage auszusprechen ferner über die schwierigen Verhältnisse des B o d e n e r w e r b s.

In Kamerun tritt immer wieder der Widerpart zwischen Nord- unb Südkamerun auf. Ter Gouverneur sitzt in Buna, dort sind die Bahnen, und ter Süden hat gar nichts. Nun heißt es, die Trace der Mittellandbahn sei erwählt; es habe gar keinen Zweck, sie weiter nach Süden zu führen, die Südfarmer hätten gar keinen Nutzen davon; diese forderten für sich eine eigene Bahn, direkt von der Datangaküste herauf. Hierüber muß Klarheit ge- schaffen werden. Bei Neukamerun sollte die Regierung nicht erst die Festsetzung der Außengrenzen abwarten, sondern sofort die Besitzergreifung vollziehen und die für den Handel erforderlichen

Bestimmungen treffen: das Verbot des Handels mit Pulver unb Gewehren, des Raubbaus, das Gebot der Nackpflanzung von flaut- chuk, die Barzahlung an die Träger usw. Notwendig sind flaut- 'chuk-Jnspektionen. Keine Nation kümmert sich so sehr um Kultur- förberung wie die deutsche; aber es geht nickt alles auf einmal. Wir können nicht auf einmal die Schulpflicht in Afrika einführen. Ter Redner fordert weiter eine stärkere Unterstützung der evan- gelifchen Kolonialsibule Ditzenhaufen. Nur zwei Drittel der Scküler sind in die Kolonien mit Anerkennung hinauSgelaffen, tic anderen sind hier fckon abgesckoben. Die Schule sorgt eben für Selbstzucht, die drüben in den Kolonien so notwendig ist. (Beifall.)

Abg. Noske (Soz.):

Tag Programm des Herrn v. Siebert lautet: Keine Bildung ber Neger, feine erfülle, sondern die Aufgabe der Neger sei, zu arbeiten. Der Redner spricht über die Arbeiterfrage. Die Nilpferdpcitsche herrscht noch jetzt Vielsack in Citafrifa. Vom Dia. manfcnrumme( hat das denlscke Volk nicht den geringsten Vorteil, der Ertrag gebt an das südwestafrikanische Schutzgebiet. Daß der Bahnbau die Erschließung des Landes fördert, fällt mir nicht ein zu bestreiten. Aber die äußerste Vorsicht ist notwendig, da die Kolonien genug damit bepackt sind. Tic Henckesche Rede hat Herrn Erzberger z u recht lebhaften Lob sprächen aus die Kolo- i-ien veranlaßt. Die Sozialdemokratie ist gegen die kapitalistische Kolonialpolitik. Gegen eine wirklich kulturelle Erschließung rück, ständiger Gebiete haben auch wir nichts. Allzu gut stebt eS mit unseren Kolonien nicht. Von Kiautscbou sagte ein sehr bekannter nationalliberaler Abgeordneter, wir würden eS nicht noch einmal pachten. Und was wir über Südwestafrika in der Kommission gehört haben, war ein Jammerlied allerschl im in ft e r 'l r t. (Hört? Hört!) Ter Nationalwohlstand ist durch die Kolo­nien um keinen Pfennig gebessert worden. In Südwestafrika stecken 600 Millionen guten deutschen Geldes. Zurückbekommen haben wir dafür 8000 Invaliden! Die Maste des deutschen Volks, die Maste der Arbeiter hat keinen Vorteil von diesen Kolonien. Das hindert uns aber nicht, uns mit beiden Füßen auf den Bo de n der gegebenen Tatsacken zu stellen. (Hört! Hört!) Deutschland hat Kolonien, hat eine Menge Geld verpul- tcrt und eine Menge Menschenleben geopfert. Darum haben wir auch an der Beseitigung von Mißständen mitgearbeitet. Wir ver­kennen auch die Wichtigkeit der Baumwollenfrage nicht. Was für die Baumwollenkultur hier im Reichstage getan wurde, ist mit unserer Zustimmung geschehen. (Hört! Hört!) DaS sollte auch Herr b. Siebert wissen, der ja Aufsichtsrat von sehr faulen kolonialen Gründungen i ft (Hört! hörtl).

Es ist ein klägliches Resultat im Vergleich zu den bombastischen Redensarten, daß in allen Kolonien zusammen 21 000 Weiße leben; davon sind 9440 erwerbstätige Männer und 4140 Beamte, also etwa auf je 2 Männe.' ein Beamter! In keiner auSländisclien Kolonie gibt eS auch nur annähernd soviel Beamte. Da ist es begreiflich, wenn die Ansiedler sagen, wir können nicht vorwärts kommen, weil die Beamten die ganze Kolonie auffressen! Es wäre direkt frivol, die Besiedlung in Ostafrika be­sonders zu fördern, da wir wissen, wie 'tznell selbst die Beamten kaputt gehen, trotzdem sie längere Erholungsurlaube erhalten Höchst bedauerlich ist, daß der Alkoholgenuß in den Kolonien sich nickt einschränken läßt. Besonders in Süd west, der ver­soffensten Kolonie, wird jeder Anlaß zu großen Saufgela­gen wahrgenommen. Tie beutschen Geldgeber machen in den Kolo­nien die schlimmsten Erfahrungen. Traurig ist eS, daß Herr von Siebert auf einem Prospekt einer ganz besonders faulen Unter­nehmung mit all seinen Titeln als Mitgründer verzeichnet ist. Da haben wir Sozialdemokraten alle Ur'' ^e, unsere warnenden Stimmen zu erheben. An der Barb. :i der Rechts­pflege hat sich noch nichts geändert.

Es ist ein Schimpf unb eine Schande, daß so viel geprügelt wird. Tie Zahl der Bestrafungen wächst ungeheuer. Es wird behauptet, man nehme absichtlich viel Leute fest, um sie bei den Eisenbahnarbeiten verw"nden zu können. Recht merkwürdige Anschauungen soll auch der Herzog Adolf von Mecklen­burg haben, der für Togo in Aussicht genommen ist. Wir werden dieser Kolonie von jetzt an unsere besondere Aufmerksam­keit zuwenden. Bei den Babnbaut-n in Ostafrika ging eS noch leiblich menschlich zu, geradezu mörderisch aber war es in Togo. Die Ausführungen Henkes über die Missionen sind von den anderen Rednern total mißverstanden worden. (Rufe: Aha!) Auch er ist der Meinung, daß die Missionare unter großem persön­lichen Opfermut kulturelle Arbeit leisten. (Hört! Hört!) Er meint aber, daß die Missienare die Eigenart der Schwarzen nicht kennen und sich nicht genügen^ um sie kümmern. Trotz unserer arunMählirfien Abneigung gegen die Kolonialpolitik, werden wir für wirklich kulturelle Aufgaben immer eintreten. (Beifall der Soz.)

Staatssekretär des Kolonialcimts Dr. Solf:

Zunächst einige allgemeine Betrachtungen, kein allgemeines Kolonialprogramm! Ein solches hier aufzustellen, würde ick nicht für richtig halten, um damit nicht im Hause und außerhalb den Anschein zu erwecken, als ob bei dem von ver­schiedenen Rednern beklagten häufigen Wechsel des Leiters des .Kolonialamtes auch zugleich ein Wechsel des Systems und des Programms eingetreten sei. Ein solches Programm ist auch nicht nötig, weil tatsächlich kein neues Programm vorliegt, denn das Programm, wie es mei'n'e beiden Herren Amtsvorgänger mit Z stimmung dieses Hauses fest gelegthaben, ist auch mein Programm. Ich werde mich bemühen, innerhalb des Rahmens des Programmes die Schutzgebiete zu fördern, soweit es in meinen Kräften steht. (Beifall.) Die Tätigkeit bei .Kolonialverwaltung unterscheidet sich ganz erheblich von der Tätigkeit der übrigen Reichsämter. Tie übrigen Reichsämter bilden jedes für sich ein besonderes um­schriebenes Ressort und alle zusammen eine allgemeine Landes- Verwaltung.

Das Kolonialamt ist für sich selbst allein eine allgemeine Landesverwaltung (Sehr richtig!), nur mit dem Unterschied, daß sich diese Verwaltung auf Länder bezieht, die nicht in Deutschland liegen unb mit ber Entwicklung Deutschlands historisch und geo­graphisch in gar keinem Zusammenhänge stehen. Teswegen er­scheint eS mir nicht richtig, daß wir ohne weiteres die Partei- gruppierung hier auf die Schutzgebiete übertragen. Ich bin über­zeugt, wenn die Schutzgebiete sckon soweit wären, daß sie e i n eigenes Parlament hätten, so würden die Jntereyen, die Bedürfnisse der Schutzgebiete in diesem fiolonialparlament ganz anders gruppiert sein, als in diesem Hause. Ich habe es deswegen stets bedauert, daß sick an ber Wiege dieses Amtes die heimische Politik gleichsam als eine böse Fee uneingelaben eingestellt hat. Es wird mein Bestreben sein, die Kolonialverwaltung aus den Fittichen dieser bösen Fee herauszuführen, unb ich bitte Sie, mich dabei zu unterstützen (Beifall), denn ich meine, daß die einzelnen Kolonien kein Tummelplatz für die Betätigung der

Parteiinteressen sind, sondern ich glaube, daß unser ge­samter Kolonialbesitz ein weites und breites Feld für die Betäti­gung von Ihnen allen zusammen unb der Regierung bilden.

Auf eine Kolon-alpolitik, wie sic der Abg. Henke vorschlägt, können wir unö im zwanzigsten Jahrhundert nicht einigsten Die große Mehrheit des Hauses und des ganzen deutschen Volkes wird nicht mit ihm übcrcinftiinmen. ich glaube, sogar nicht einmal die Sozialdemokratie wird diese ab­solute bedingungslose Negation billigen. (Zu­stimmung.) Ter Abg. Erzberger hat Ihnen 50 Jahre gegeben, um Positives au schaffen, ick gebe Ihnen nur 5 Jahre, unb ich glaube, selbst schon jetzt bemühen Sie sick unter einem Deckmantel, positiv mitzuarbeiten an unteren Kolonien. (Zuruf des Abg. Sebebour: Wir haben immer positiv mitgearbeitet. Heiterkeit.) An einem einzelnen Beispiel, an ber Stellungnahme der Sozialdemokratie zur Baumwollkultur, kann irf) das nach- weisen. Der ,Vorwärts" schrieb am 16. Oktober 1903: Wir jinb durrftaus Gegner der Kolonialpolitik, lieben aber den in 'Jlfufa gemachten Versuchen, die Baumwollkultur auSzudehnen, sympathisch gegenüber. Der Al^g. Henke hat gesagt, irf) stehe ihnen unsympathisch gegenüber. (Zuruf bei den Soz.: I wo! Heiterkeit.)

Ebenfalls steht die Sozialdemokratie anderer Lander, Eng­land zum Beispiel, diesen Bestrebungen durchaus sympathisch gegenüber. Zu der britischen Baumwollvereinigung zahlen die dortigen Arbeiter etwa 600 000 M. freiwillige Beiträge. Meine pertönlicheStellung ist genau die meiner Amtsvorgänger: die Rohprodukt'on unserer Kolonien zu fördern. DaS tun alle Nationen, die Kolonialpolitik treiben. Die Erfahrungen Rußlands sind bezeicknend. Seit Mitte der 80er Jahre begann es unter großen Schwierigkeiten Baumwollkulturen in Transkaukasien und Turkestan und deckt jetzt des eigenen Bedarfes des großen Reiches. (Hört! Hört!) Allerdings waren die Verhältnisse dort zunächst günstiger als in unseren Kolonien.

Aber wir haben von den .alten Kulturstaaten die Kulturen kennen gelernt und führen felbstverständlich aern bewährte Ein­richtungen ein. Wir können hoifnunasfreubig in die Zukunst blicken und hoben keinen Anlaß zu Pessimismus. Man denke an die unglückseligen Verhältnisse, als in den sechziger Jahren durch den Sezessionskrieg die amerikanische Baumwolle auSblieb unb ber Bvumwollhunger ausbrach: 250 000 Arbeiter wurden brotlos unb 1% Millionen Menschen, «hre Frauen und Kinder, kamen an den Bettelstab. Unsere Kulturen bringen jetzt erst wenige Tausend Ballen, sie können aber späterhin solche un­glücklichen Kalamitäten auS der Welt schaffen.

Bezüglich des KolonialgerichtshoseS habe ich bereits in der Budgetkommissioii geäußert daß wir eine dritte Instanz absolut notwendig brauchen, unb daß eine Verbindung von 83er- Wallung und Justiz, soweit sie noch vorhanden ist. völlig auS- scheiden muß. Der neue Entwurf betr. den Kolonial- gerichtshof. ist fast fertig unb wird möglichst bald dem BundeSrat unb dem Hause zugehen. (Beifall.) Die Richten in den Kolonien sind oft stark angegriffen worden. Die Schuld tragen sie nickt allein. Die Laiengerichtsbarkeit ist dort weit mehr ausgebildet als in Deutschland, unb den Richter, der mit vier Beisitzern arbeitet, kann man nicht für jedes Urteil verantwortlich machen. Die Regierung bedauert den Prozeß Wäckter und b i e recht peinlichen (Streiflichter, die dadurch auf das kollegiale und kameradschaftliche Verhalten der Beamten geworfen sind. Man wird Herrn v. Wächter ein menschliches Mitgefühl nicht versagen können, aber wir müssen dock abhxirten. bis daS Urteil vorliegt, und ob die Freisprechung darin auch eine mora­lische Billigung findet.

Nach meinen Erfahrungen mutz dem Gouverneur zunächst die Befugnis, auszuweisen, erhalten bleiben. In den Kolonien steht eine geringe Minderheit von Weißen einer großen Mehr­heit von Eingeborenen gegenüber, unb es ist außerordentlich ge­fährlich. wenn da ein Weißer mit den Eingeborenen ober gegen die Weißen arbeitet. Das kommt vor. daS kommt täglich vor. Ich wollte, ich hätte einen euphemistisckeren Ausdruck dafür (Heiterkeit.) ES handelt sich ja nicht um Ausweisung eines Deutschen aus dem deutschen Gebiet: es ist genau dasselbe, was wir im Freizügigkeitsgesetz haben Wir können nicht einen Deut­schen aus Kamerun oder auS Afrika auSweifen und sagen, er soll ins Ausland gehen. Nein, eS ist wie die Ausweisung aus einem Bundesstaat in den anderen. Es ist wirklich nicht io schlimm wie der Ausdruck schließen läßt. Ter Staatssekretär äußerte sich sodann zu der M i s s i o n s f r a g e.

Der Fall, daß ein Missionar Vielweiberei geduldet hat. ist mir nicht bekannt, und ich kann mir einen solchen Fall auch gar nicht denken; es müßte denn gerade der Eingeborene ver­schwiegen haben, daß er noch eine zweite Frau hat. DerISlam ist dem Christentum gegenübergestellt worden, und zwar unver­kennbar mit ber Tenbenz, ben Islam wegen seiner Wirkung auf die Eingeborenen herauszustreichen. Das ist für uns eine akabe- miscke Frage. Nachdem wir als christlicher Staat Länder mit un- zivilisierten Eingeborenen einmal gewonnen haben, ist cs unsere Pflicht, Propaganda zu machen für das Christentum, ohne eine andere daneben stehende Religion zu berücksichtigen. Daß sich die Wirkung des Islams mich nicht auf die Eingeborenen günstig ge­zeigt hat, beweist die Geschickte des Islam.

Nun komme ich zu dem Thema, das einen breiten Raum in der Erörterung eingenommen bat, bie Haussklaverei. Wir sind durchaus bestrebt, sie auszurotten, und das hat auch gute Fortschritte gemacht. Es ist nun behauptet worden, daß in Tahora fast 75 Prozent aller Gericktsfälle sick auf Haussklaverei beziehen unb 25- bis 30 000 Sklaven dort jinb. Sollte bie Ziffer stimmen, so kann nicht die Stadt Taoora gemeint fein, ''ondern Großtabora, also mit den ganzen umliegenden Dörfern, und da wäre die Zahl von 25 000 -noch aar nicht bock. Stimmt eS mit den 75 Prozent aller Gerichtsfälle übrigen? ist daS Angelegenheit der Bezirksamtsmänner dann spricht das ja nur zugunsten der Bestrebungen ber Regierung, bie Haussklaverei ahzuschaffen. Den ungünstigen Scklutz, den ber Vorrebner ge­zogen bat, kann ick nickt daran? ziehen. Tie Vorsck!äge zur Ab­schaffung ber HauSsklaverei sinb mir sehr sympathisch, aber im Einvernehmen mit dem sehr bewanderten, hier anmcienben Gon- herneur habe ick Bebenken aeaen bie Festsetzung de? Termins. TieSckwieriakeiten halte ich nickt für unüberwindbar, bitte aber, ber Regierung Spielraum zu lassen zur Prüfung, welcker Termin richtig ist. Vorsicht ist bock nötig, es schncibet tief ein in das Leben ber Eingeborenen. Beim Wort Sklaverei kommen über uns alle die Jugenderinnerungeii vonOnkel Tom? Hütte" und all den schönen Geschichten, die sick auf den amerikanischen Sklavenhandel beziehen und womit soviel Unheil angeriebtet worden ist. (Zuruf b. d. Soz.: Unheil?) Unheil wegen der falschen Beurteilung der Verhältnisse. Tie Tatsache der Sklaverei ist nach unseren ethischen Begriffen eine Unmöglichkeit; aber die Sklaverei in Afrika ist wirklich nicht so schlimm und grausam aufzufassen, wie nach den Schilderungen in Amerika.