Nr. 241
Zweites Blatt
162. Jahrgang
Erschein! tiglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „siebener ZamlllenblLtter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Ziehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Samstag, 12. Gttober 19(2
Rotationsdruck und Verlag der Drübl'lchen UniversitätS - Auch- und Steindnlckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. rel.'Adr-AuzeigerGießen.
mäßig und im Effekt fb. h. wenn man den inneren Wert der Lerglcicl-szahlcn berücksichtigt und bercckniel, was hier zu weit führte) etwa in dem normalen Maße der gleichzeitigen Bevölke- rungsvcrmehrung, während die evangelische Kirche .Hochfluten und Ticsslände zu bestehen hatte, die wie in allen Verhältnissen, auch hier, das Gleichgewicht zu stören geeignet waren. Die Ursachen der Schwankungen liegen bei der Theologie naturgemäß lies er und sind schwerer erkennbar als bei anderen Stubicna irrigen. Fraglos wirken bei ihr auch zunächst allgemeine, bic Stubien hemmende ober störenbe Momente iwirtschaftliche, soziale, soziologische, kulturelle unb ibeelle, selbst politische), aber zweiselsohnc beeinflussen die geistigen Kräfte und Strömungen der Zeitläufte den Zugang zum theologischen Amt ungleich stärker als zu jedem anderen Beruf.
Es dürfte in diesem Zusammenhänge noch interessieren, wie der Zulauf zu den einzelnen Fakultäten des Reiches sich feit 1893
tracht, die an den aus den früheren J-esuitenghmnasien heraus- gewachsenen bayerischen und preußischen Klerikalseminarcn ihre Ausbildung empfangen, was im besonderen Maße beim bayerischen Klerus zutrifft, lieber den Besuch dieser Institute liegen auch für die frühere Zeit keine Nachrichten vor. Vorangestellt sei, daß zur Zeit 3338 evangelische und 1867 katholische Universitätsstudenten sich dem Studium ihres religiösen Bekenntnisses widmen, gegenüber 2825 und 1834 im Vorjahr und daß gegenwärtig in Teutsckstand auf je 100000 Einwohner des .betreffenden Bekenntnisses entfallen 8,3 Studenten der evangelischen und 7,8 der katholischen Theologie, gegen 5,4 und 7,4 vor fünf Jahren und 10,4 und 4,3 von 1881/82.
Im dritten Jahrzehnt des verflossenen Jahrhunderts hatte der Optimismus des beutschen Volkes nach den Befreiungskriegen zu einer folgenschweren Uebersüllung der Universitäten geführt, und die Theologen beider Konfessionen waren 1830 so stark, wie evangelischerseits erst Mitte der 1880er und katholischerseits erst in der jüngsten Zeit wieder: sie zählten 4267 bezw. 1809, wobei indessen zu berücksichtigen ist, daß die theologische Bildung damals für eine Reihe von Aemtern nötig war, für die die fortschreitende Spezialisierung der Wissensck)aften jetzt besondere Lehrfächer geschaffen hat. 1840 finden wir die evangelischen Theologen bereits auf 2232 und im Jahre 1852 bis auf 1617 zurückgegangen, während die katholischen bis 1840 rapid bis auf 930 sanken, dagegen von da an wieder ziemlich ftetig fliegen bis 1411 um 1852. Bezeichnend ist, daß während der deutschen Sttrrm- und Drangjahre und in der zunächst darauf folgenden Zeit die Kurve der evangelischen Theologen stark nach unten und die der katholischen mit fast sgleicher Tendenz nach oben verläuft! Bis 1860 steigen die Protestanten wieder kräftig an (auf 2520), während der Nachwuck)s des katholischen Klerus langsam auf 1269 zu- rückgeht. In den 1860 Jahren und bis zur Reichsgründung vermindern sich die Kandidaten der evangelischen Konfession wieder bis 2087 und auch die Katholiken zeigen weiter eine rückläufige
politische Tagesschau.
.Allerhand Unerfreuliches aus Elsaß-Lothringen" berichtet die „Voss. Ztg", die des Nationalismus bekanntlich nicht verdächtig ist. Tie Mitteilungen haben um so größeres Interesse, als gerade dieser Tage ein Redakteur der „Rl-einisch-Westf. Ztg." zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt nwi-bcn ist, weil er im Zusammenhang mit einer Erwähnung des Grafenstadter Falles von einem „pflicht- v ergossenen Regime rasen Wedel geschrieben hatte. 'Der Statthalter hatte durch diese Worte sich beleidigt gefühlt und Strafantrag gestellt. Dar Ausdruck „pflichtvergessen" enthielt ja auch zweifellos eine sbrmale Beleidigung, und das Gericht mußte eine Bestrafung eintreten lassen.
2 ei Prozeß lenkt aber bic Aufmerksamkeit wieder auf die tatsächlichen Zustände im Reichslande, und diese sind, so wird der „Boss. Ztg." geschrieben, „zurzeit nichts weniger als erfreulich".
„Die erhofften günstigen Wirkungen der VersassungSinde- rung sind vorläufig noch ausgeblieben: irn Parteileben herrscht eine (Hüning unb Unklarheit rote nie zuvor, feitbem die politischen Parteien überhaupt auf bem Plan erschienen sind; bic anti beut) cii c Fronde I n olmar i ft mächtig er unb Über mutiger a l s je unb hat ihren Einfluß über das ganze Laub ausgedehnt: selbst bas Parlament, ober ivenigstens die Zwrilc Kammer, wirb von ihr in Schach gehalten, so baß bic wichtigsten Aufgaben der Landesgesetzgebung einem ungewissen Schicksal ausgesetzt sind. Tie Regierung aber sieht sich nach den Erfahrungen, bic sie in ber ersten Session des Landtages gemacht hat, ohne sicheren parlamentarischen Rückhalt unb weiß beute noch nicht, ob sie in ber kommenden Sitzungsperiobe auch nur einen kleinen Teil der dringlichen (Gesetzentwürfe unter Tach und ,3ad) bringen wird. Mit der ans Zentrum, Lothringer, Vlock- Ncrikalen und Nationalisten zusammenaesetzten Mehrheit der Zweiten Mammcr zu gelten, verbietet ihr thr nationales Pflicht - gefühl: ihr energisck) entgegenzutreten, wagt sie aus taktischen Oirünben nicht, ba sie cinsstveilcn nicht die geringste Aussickst hat, eine ihr angenehmere Mehrheit zu bekommen. Unb so glaubt sic burch vorsichtiges Lavieren und Paktieren von Fall zu Fall noch am besten über die Sckpvierigkeiten der Lage hinwegzu- komnien.
Ist schon diese unentschiedene, aber immerhin begreif- lidtc Haltung der Regierung bei dem sich doch nur eiter= gi|d>cit Naturen willig fügenden Charakter der Elsässer e i n Fehler, so ist bic von einzelnen ihrer Mitglieder immer wieder angcroenbctc Methode, durch persönliche Verständigung mit einflußreichen Abgeordneten ober Notabeln llitbcoucmlid)fcilni aus dem Wege zu raumen, direkt verderblich für ihr Ansehen und für den Erfolg ihrer Politik.
An fid) wäre cs weder bedenklich nod) gefährlich, wenn höhere Rcgierungsbcamtc fid) dem Rat erfahrener Polittker und Abgeordneten, mit denen sic im Parlament ober in den Kreis- und Vczirksverwaltungen vielleicht sckwn jahrzehntelang zusammengc- arbeitet haben, zugänglich erwiesen. Solange derartige Aussprachen nidft zur Begünstigung bestimmter Personen und Richtungen führen, läßt sich gegen sic nichts einwenden. Liber das ist gcarbc das Unglück für die Regierung, baß bie „alten Bekannten" ihrer älteren Mitglieber zum großen Teil in jenem Notablen- unb Nationalistcnklüngel sitzen, der nichts aus sachlichem Interesse an der Wohlfal)rt des Landes,, sondern alles aus cgoiftifd:cr persönlicher oder politischer Spekulation tut. Tie Regierung hätte nach den Erfahrungen, die sie mit einem Gunzert, einem Preist, einem Ostermeycr, Wetteris usw. gemacht hat, wahr- lidi allen Grund, sich solche Leute grundsätzlich vom Leibe zu halten und jeden Wunsch, ber von ihrer Seite geäußert wirb, mit dem größten Mißtrauen zu bctradjtcn. Vor allen Tin gen müsste die Regierung aus Rücksicht auf die deutschgesinnten Be- völkcrmigsschicksten alles venneiben, was ihr als Furdst vor jenen ÄDZjänncrn, ober gar als Begünstigung ihrer Bestrebungen ausgelegt werben könnte. Die in nationaler Beziehung zuverlässigen beulsch- clsässischen und altdeutschen Kreise des Landes empfinden es ohnehin fdton als eine mw er diente Zurücksetzung, baß von den national zweifelhaften, ja direkt deutschfeindlichen Elementen so viele mit Gun st beweis en, Auszeichnungen, Aemtern usw. bedacht wurden, obwohl die Regierung immer und immer wieder die schlechtesten Erfahrungen mit ihnen machte.
Dieses Gefühl der Verbitterung ist augenblick- I id) ganz besonders stark. '?Iber statt dafür zu sorgen, baß ihm der Grund entzogen wird, tragen einzelne von den höchsten Ncgicrungsbeamten burd) Unvorsichttgkciten noch dazu bei, es zu oerfdxirfen. So hat ber Staatssekretär Frhr. Zorn von B u 1 a di in einem keineswegs gleichgültigen Streit zwischen einem in deutschem (Sinne wirkenden liberalen Lehrer und einem der nationalistischen Richtung angelwrenden katholifd)en Geistlichen dadurch einen unDcrantmortlidycu Fehler begangen, daß er dem nationalifiiidjeu Mgcordneten und Souvenier-fran^ais-Präsidenten
Tendenz, so baß sic 1870 nur nod) 899 zählen. Ter wirtschaft« liehe Auff'dtwung unb bie Zeitströmung der 1870er Jahre.war bem theologischen Stubium nicht besonders günstig, unb so sehen nur 1876 77 bic cvangetisd>cii Tdeologen aut 1502, bic fatbolitdicn auf 642 unb bamit beide auf ihren jemals niedersten totanb sinken. Bei den Protestanten beginnt indessen schon 1877 wieder eine Hebung des studentisd)en Zuflusses, zunächst langsam bis 1880 (2315), dann stärker und schließlich von Semester zu Semester in so starkem Maße, daß im Sommer 1888 der Höchststand mit 4793 erreicht wirb, ber überall einen llcbcrfluß an evangelischen Pfarrkräften zeitigte und die Lanplursache des jahrelangen Abflusses vom Studium der cvangdifdxm Theologie unb des ba und dort fühlbar gewordenen Theologenmangels war. Tie Studierenden der katholisd-en Konsejsion überwhtben den Tiefstand ber 1870er Jahre erst 1882 (770), crrcidjen schon 1889 eine Verboppelung ihrer Zahl von 1876 (nämlich 1287), steigen and) in der ganzen folgenden Zeit ftetig jveitcr, 1898 auf 1603, diesen Sommer auf 1867 unb damit auf eine früher nod) nicht erreichte .höhe. Bei den Protestanten folgt, wie bereits erwähnt, auf bic Lodffkiit gegen Ende ber 1880er Jaltre ein jäher 9lb- ftnrz, bis auf 2035 im Winter 1903 04, unb ein längerer Tiefstand, unb cs bauerte, ein ganzes Jahrzehnt bis^einc nadtbaltigc Besserung zum Durchbruch kam, bic bei einem Staub von 3338 und einer Iahresstcigerung wie zu Lochflnlszritcn (von 513) nun neuestens festzustcUen ist. Eine llntcrfudmng ber S)cimat8* Verhältnisse der cvangelisdten Theologen zur Zeit ihres tiefften Standes unb der passiven Resistenz der akademischen Jugend gegenüber diesem Studienfach (1899—1909) ergibt, daß an der bis 1909 immer weiter geschrittenen Abbröckelung der Süden weit geringer beteiligt ist als der Norden. Baden, dessen unb Elsaß-Lothringen hielten ihre mittlere Iahresziffer (etwa 60, 80 und 50> und aus Württemberg ging der Zugang nur von 228 auf 200 zurück, während Bayerns Anteil (150) etwas flieg. Den stärksten Rückgang zeigt ber Nordostcn unb im befonbcrcni entfällt hier der Abmangel auf Westpreußen, Schleswig Lolstrin, Hamburg unb Lübeck. Auch Mittel unb Westbcutschlanb haben an dein Rückgang jener Jahre größeren Anteil unb bort am stärksten das liberal gesinnte Bremen, dann Westfalen, Oldenburg und die Provinz Sachsen. Bei den katholisd)cn Tlieologen verläuft im gleichen Zeitraum der Zufluß ans den einzelnen Territorien int ganzen ziemlich gleichmäßig. Eine Steigerung ist vorhanden aus Eisatz-Lothringen, der Provinz Posen, bent Königreich Sachsen, wogegen Bayern unb Hessen-Nassau rückläufige Tendenz zeigen. Tas auffällige Emporstcigen ber Elsaß- Lothringer im Verlauf der zehn Vergleichsjahre von 12 auf 150 findet seine Erklärung in der Gründung der katholifd)-tl>colvgischen Fakultät Straßburg, bic die rcichslünbischen Kleriker von bem Straßburger Pricsterseminar an bic Universität zog. Bemerkenswert ist 'das Verhältnis ber Bevölkerungsziffer ber größeren Bundesstaaten zu der Zahl der Theologicftudiercnden. Wie eingangs bereits bemerkt, studieren im Reichsmittel zurzeit auf 100 000 Protestanten 8,3, während fid) für Preußen etwa .7, für Bayern 9 und für Württemberg gegen 12 ergeben. Bei der katholischen Theologie sind die Verhältniszahlcn im Reick) 7,8, in Preußen etwa 7, in Bayern etwa 5 unb in Württemberg gegen 28. Tas günstige Verhältnis Württembergs rührt lebiglich daher, baß bic schwäbischen katholischen Theologen fast ausnahmslos an den Universitäten studieren, währetrd die bayerischen unb preußischen größtenteils an Priesterseminaren ausgebildet werden, deren Besucher hier nicht berücksichtigt sind. Ter stubentischc Zufluß aus bem "Auslände hat die neueste Entwicklung des beut* scheu Theologiestudiums so wenig beeinflußt, wie die Zulassung ber Frauen zum Universitätsstubium unb bamit prinzipiell auch zum Theologiestudium. Evangelische Theologie studieren zurzeit an deutschen Universitäten 155 Ausländer, gegen 185 vor fünf Jahren, und 11 Frauen, die zwar zu den Staatsprüfungen nickst zugelassen werden, aber an einzelnen Fakultäten den Lizen- tiatengrab erwerben können, gegen 0 unb latholisck)e Theologie ; 29 Auslänber gegen 34, während für katholische Theologie sich bis jetzt überhaupt noch keine Frau eingeschrieben Hal. ■ Die ’ dargelegtc Entwicklung des Thcologiestudiums zeigt, baß der 23er- • lauf bc5 Zugangs zu ben geistlichen Aemtern in ber neueren Zeit ■ ber katholischen stirck-e weit günstiger war als ,ber evangclisck)en. j Seit 1882 stieg der Nachwuchs bes katholischen Klerus.ganz gleich-
st ü b l e r auf dessen Intervention einen eigenhändigen Bries schickte, in dem die Versetzung des Lehrers, auf welche bic nationalistischen (klerikalen gerade lyingcarbeitct hatten, in Aussicht gestellt wurde. *
Eine Vundesrattvotlage über neue ErinnerungSmünpn wirb für ben Reichstag vorbereitet. Es handelt sich um eine Erinnerungsmü nze aus Anlaß des Regierungsjubiläums des Kaisers unb um eine Er- innerungsmünze zur hundertjährigen Feier der Erhebung Preußens gegen die französische Fremdherrschaft. Es ist beabsichtigt, bic Münze an dem Tage auszugeben, an dem der h i st o r i s ch e Aufruf „An Mein Volk" geschah. Voraussichtlid) werben für diese Münze Dreimarkstücke gewählt werden, auf deren einer Seite eine Abbildung ber §zene zu sehen ist, die die Volksbegcistcrung bei dem Bekanntwerdeit des Aufrufes darstellt. Abgesehen von diesen Denkmünzen, die durch den Bundesrat genehmigt werden müssen, soll vom 25. Regierungsjubiläum ab ein neues Kaiserbildnis aus allen Münzen, die mit dem Bilde des Kaisers versehen sind, erscheinen. Der Kaiser hat diese Absicht vor längerer Zeit bereits lundgegeben, und das Bildnis soll den Monarchen in reiferem Alter darstelten. Ferner wird noch eine besondere Denkmünze aus Anlaß des Regicrungsjubi- läums erscheinen, deren Anordnung und Ausgabe Sache des preußischen Staatsministeriums ist. Es handelt sich um die Prägung einer am Bande zu tragenden Denkmünze für Staatsbeamte, Offiziere, Unteroffiziere, Mannschaften des leeres und der Flotte sowie für Personen, die zum preußischen Königshause in besonderen Beziehungen stehen. Es ist Stimmung dafür vorhanden, daß die Denkmünze eine längliche Form aufweist, mit dem plastisch hervortretenden Bildnis des Kaisers, und aus Bronze her- gestellt sein soll._______________________________________________________
Das Studium der Theo'ogie in Deutschland.
Von Unioersitätssekretär Ri e nha r b t-Tübingen.
Nach langjährigem Tiefstand ist diesen Sommer eine beträchtliche Steigerung der an ben Universitäten beS Reichs eingeschriebenen Studierenden ber cvangclisck)en Theologie cmgctrctcn, bereu Eirund zweifellos in erster Linie in ber bei verschiedenen akabemischen Berufen vorhanbeuen ober brohenden Uebersüllung bezw. bem starken Zubrang zum Universitätsstubium überhaupt liegt. In ben letzten Dezennien war bei beiben christlichen Konfessionen ber Zufluß Kirnt ffrchlichen Amt so eigenartig unb schwankend unb im Verhältnis zu cinanbcr fast regelmäßig entgegengesetzt. baß, zumal im jetzigen Zeitpunkt, eine Darlegung der Entwicklung weitere Kreise interessieren bürste. Tie Tarstellung beschräntt fid) auf die theologischen Universitätsstubenten unb läßt insbesondere bie Känbibatcn der katholischen Theologie außer Be-
Frauen-Feuitteton.
Fräulein Michel und die ttörperkultnr.
Im ersten £)eft des 26. Jahrganges zeigt ber KnnsNvart, Verlag ©eoru D. W. Eallw-'y, Münden, baß er auch weiterhin gegen alle Unnatur zu kämpsen bereit ist. So schreibt er denn:
Wer ist Fräulein Michel ? Die Tochter jener vorttefflichen Ellern, bie uns Stephan Wactzolbt auf bem Weimarer Kunst- erziehungsiag vorstelltc unb von benen er io luftig zu erzählen wußte, baß zwar ein Büd erfcknank^mit Klassikern in ihrem Besitz, daß aber merkwürbigcnvcisc ber Schlüssel baju nicht immer zu finden sei. Die Familie hat es zu einigem Wohlstand gebracht: in ihrer „hcrrsckxfftlichen" Wohnung ist das größte und hellste Zimmer natürlid) der an allen Werktagen mit heiliger Scheu umgangen.' „Salon", dessen Fcnsterscite auch ängstlich von dichten Vorhängen verhüllt wird, damit kein sürwitziger Sonnensttahl auf all die auf gespeicherten Lmusgreuel scheine und die kostbaren Möbelbczugc bleiche. Denn für diese Sippe ist ja der Mensch um ber Möbel willen ba! '?lbcr bic im bauernden Sdxittcn des Nordens liegenden Räume sind noch iarmer als Schlafzimmer gut genug, und bas Babczimmer wird abwechselnd zum 2Däscheein- weicheii unb zum Wäschetrocknen benutzt, weshalb böse Zungen behaupten, die Damen bei Mick:eis wüsck)en sich nur an den großen Ab erden der Bälle und Gesellscktaften „auf ausgeschnitten". Und bamit sind wir schon dabei, zu sehen, was die 'Familie denn eigentlich für Körper und Gesundheitspflege übrig hat. Ter Solji zwar ist bei allerlei Sport dabei, ob ers aber selber leistet ober ob ers andere machen läßt, das weiß man nicht immer so genau Und Mutter unb Tochter? Von jener hat ber unhöfliche Schritzc-Namuburg berichtet, daß sic sich mit vierzig Jahren wie ein Frachtkoli müsse in die Straßenbahn verladen lassen. Unb biefe? Wir bürfen uns nicht täuschen lassen durch die vielen erfreulichen Erßhcinungcn des modernen Lebens — die Rvllfchuhkinder, die Rodel- und Radclbuben und Tenuismädel! So sehr auch ein Aufblühen des Lcbcnsgcfühls im Turnen und Spiel unb Sport der jungen Generation zu verspüren ist, weite .Kreise stehen biefen Dillen bock) noch völlig verstänbnislos, ja naserümpfend, gegenüber. Wers nicht glauben will, der lese den nachfolgenden Stunden
zettel, auf bem eine „höhere" Tochter, achtzehn Jahre alt unb I ohne Beruf, ganz wahrheitsgetteu gebeichtet hat, wie sie bie Woche verbringt. Nämlich so: Schlaf täglich 9 Stauben = 63 Stauben, Klavicrübuugen täglich 3 Stauben = 18 Stauben, Musikunterricht kTheorie, Geschichte, Ensemble) — 16 Stunbcu, Mittagessen täglich 1 Stunbe = 7 Stnuben, Uebrige Mahlzeiten täglich 1 Stunbe = 7 Stunbcu, Französische Konversation 2 Stauben, Malen 2 Stunden, Lektüre, vor allem Romane 14 Stunden, vilfe im Lause, Toilette 14 Stunden, Besorgungen, Wege, alles mit Straßenbahn, täglich 2 Stunden — 14 Stunden, Konzert, Theater, Kaffeckränzck)eu 9 Stunden, Ehorgesaug im Musikvercin^2 Stunden, Körperliche Ucbungen 0 Stunden, zusammen 168 Stunden.
Ziehen wir davon das Ergebnis. Im Liegen werden 63 Stunden, im Sitzen 89, im Stehen und Gehen (meist im Lause! i 16 Stunden verbracht. Bleibt hiuzuzusügen, daß der Schlaf durch Bälle u. a. etwa 16—20mal im Jahre verkürzt wird. Für eigentliche körperliche Ikbung bleibt nichts.
Und woher sollte ber Sinn bafür auch kommen, ba boch so manche Mutter, bie eine strenge Lüterin ber „Weiblichkeit" ihrer Tochter ist,' nie in jungen Jahren von ber freien Freude des Naturlebens einen Lauch verspürt und das Körperliche immer nur in Zerrbildern gesehen hat? Für dessen ursprüngliche Gestaltung und Enffaltung ist ihr nie Auge und Herz geöffnet worden: so gehört ihr ganzes Sinnen der eleganten Verpackung, dem „schicken" Auftreten, womit Fräulein Michel, die keinen andern tieferen Lebensinhalt kennt, auf den Mann dressiert wird. Mutter und Tochter schnüren sich also weiter, bald so, bald anders, ziehen bie Schleppe burch ben Schmutz ober trippeln im Lumpeirock, scheiteln bas Laar glatt über bie Ohren hinab ä la Cleo ober irisieren es von ber Stirn stolz in bic Löhe, inbem sie Drahtgestelle ä la Cäcilie baruntcrschicben, für deren Anpreisung Name und Bildnis der Kronprinzessin herhalten müssen, — alles ganz so, wie Frau Mode befiehlt. Tie hack es in ihrer ernnderinhen Laune ja sogar schon so weit gebracht, daß sie ihren Sklavinnen rabgroße Hüte auff'etzt, an denen bereits die Haartollen sinnvoll befestigt sind. Wie die berühmten Pejes an ben Käppchen überm Kaftan ber polnischen Juden.
.So ist beim bei der „Tarne" biefer gutbürgerlichen „Kultur-
Schicht noch immer der alte „Weiberspruch" in Geltung, in dem einst Nietzsche eine Vertreterin dieses „schonen" Geschlechts sagen ließ:
„Wem im Glück ich dankbar bin?
Gott, und meiner Schneiderim"
Karl Möller.
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— Was eine japanische Dichterin von bett Frauen in Europa sagt. Akico Possano, die bekannteste Dichterin, die heute im Lande der Chrysanthemen lebt, weilt gegenwärtig in Frankreich und hat ihre Eindrücke vom europäischen Frauenleben in einem 2lufsatz der Annales niebergelegt. Sie hat bie Frauen des Volkes beobachtet unb findet in ihrer Arbeitsamkeit, in ihrer Tugend, die beste Gewähr für bie glückliche Zukunft der Länder. Weniger entzückt ist sic von den Damen der besseren Stände, von denen sie glaubt, daß sie ihre Pflichten dem Gesamtwohl gegenüber vielfach vernachlässigen. Sehr erstaunt ist sie über die vielgerühmte Emanzipation der Europäerin. Sie meint, daß unsere Frauen burchaus noch nicht auf gleichberechtigtem Fuße mit den Männern ständen. „Mich dünkt, daß in Frankreich, wie im Orient, bie Männer immer versucht haben, die Frauen als Untergebene zu behandeln. Ta her kommt cs woU, daß sie zum großen Teile keine modernen Frauen zu Gefährttnnen haben, sondern Geschöpfe, ganz ähnlich den Großmüttern vor Jahrhunderten." Um ihr Ideal der gemeinfamen Zusammenarbeit oon Mann und Frau zri erreichen, müßte bie Erziehung ber Europäerin auf eine höhere Stufe gehoben werden: bie Frau bars auch bie häuslichen Arbeiten nicht aus der Land geben unb muß vor allem eine gute Mutter ihrer Kinder fein: gerade in dieser LinsiÄ fei vieles bei uns schlecht bestellt. „Die Familien der gutem Gesellschaft verwenden bei ber Kinbererziehung noch Methoben, bie in Japan seit langem veraltet sind. Sie halten bie Kinder von ben Gefahren des Lebens fern, anstatt sie frühzeitig barauf aufmerksam zu machen, damit sie ihnen mit Ernst entgegentretar können. Entzückt ist die Japanerin von der Natur jVranfreiM die sie für schöner erklärt, als die vielgefrierten Wunder des Orients.


