Ausgabe 
11.5.1912 Viertes Blatt
 
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Nr. 111

Lrlchetni tL-lich mit Ausnahme befl Gonntagt.

SieGießener $ewiltenbl6tter- werden dem ,91njeifler' etermal wöchentlich beigelegl. da« Krctsblati für den Krei« Gießen" iroetmal wöchentlich. Dierondwtrtlchaftltcheu 6eU» fragen" erscheinen monatlich troeimaL

162. Jahrgang

SamZtag, 11. Mai 1912

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesjen

RotattonSbrud and Verlag »er Srübl14ck Umocrfitätfi - Brich- und GtehibrudeteL 9L 8enge, Dieben.

Redaktion. Expedition und Truderet: Schul- strotze 7. Expedition und Verlag: e»ei> 5L Redaktion: Tel.-Adc^ Anzeigers letzen.

Mh Deutscher Reichstag.

58. Sitzung vom Freitag, 10. Mai.

Äm BundeSrotStisch: v. Bcthmann Hollweg, d. Heeringen, Kommissare.

Präsident Dr. Kaemps eröffnet die Sitzung um 1 Uhr.

Wahlprüfungen.

Die Wahl bei Abg. v. TrampczynSki- Hohensalza (Pole) wird für gültig erklärt

Bei der Wabl des Abg. H c ck m a n n - Bochum (9?atL), deren G ü l t - g k: i t die Wahlprüfungskommission bcadtragt hat, erklärt Abg. Sachse (Soz.): Es war ein klägliches Schauspiel, wie der jetzige Abg. Heckmann, der kurz vor der Wahl einen schweren Unfall erlitten hat. im Wagen von Wahlversammlung zu Versammlung geschleppt wurde wo er, mit zerschmettertem Arm und auf Krücken gestützt, seine Rede hersagen mutzte. In einem Fluablatt wurde der Sozialdemokratie vorgeworfen, daß sie eine Kirche verunreinigt habe. Diese gemeine Verdäch- tiaung, die vollständig erlogen war, muhte die Gemüter der katholischen Bevölkerung verbittern.

Abg. Mumm (Wirtsch. Vgg.): Wir können, ohne hier in die Einzelheiten der Wabl Eintreten zu können, es nur mit Freude begrüßen, datz unser Kollege Hcckmann soweit berge stellt ist, datz er an unseren Verhandlungen teilnchmcn kann.

Die Wahl wird für gültig erklärt.

Die zweite fielung der Ulilifflruorlagen und des Ergdnzungsefafs.

Auf Vorschlag des Abg. Erzbcrger (Zcntr.) wssrd be­schlossen, über die Militärvoelagcn und den Ergänzungs-Etat eine gemeinsame Generaldebatte vorzunehmen und dann darüber e n bloc abzu stimmen.

Abg. Dr. Gknbnaner (Soz.):

Da wir unsere ablehnende Haltung bereits in der ersten Lesung eingehend begründet haben, erübrigt sich eine nochmalige Auseinandersetzung unseres Standpunktes. Die Parteien gehen daran, diese Vorlage zu bewilligen auf Grund der uns vorgelegten Milchmädchenrechnung. Auch in der Kommission sind unk keine neuen Mitteilungen gemacht worden, die die Vorlage besser begründen würden als die offizielle dürftige Begründung. Im Gegenteil,»unsere ablehnende Haltung ist nur bekräftigt worden durch diesen vollständigen Mangel einer ernsthaften Begründung. Man malt schwarz in schwarz, um uns graulich zu machen. ES ist ganz unwahr, wenn behauptet wird, die französische Armee gehe daran, uns zu überflügeln. Die Stärke der französischen Armee steht zum grossen Teil nur auf dc^n Papier, und Marokko bedeutet sicher ober eine Schwächung, als eine Stärkung Frankreichs. Das Verhältnis zu England ist cntfdieibcnb für die politische Entwicklung Europas und die gegenwärtige Militärvorlage. Wir müssen zu einem Ausgleich mit England kommen, nicht durch einen An S. tausch von Kolonien, wovon jetzt in der Presse die Rede ist. Wir müssen bedenken dass England in Rüstungösachen eine Verständigung angestrebt hat.

Die Belastung des Volkes ist gross genug und gerade bei höheren Stellen kennt man Sparsamkeit nicht. Eine Herabsetzung der Dienstzeit liehe sich wohl ermöglichen D'c Wehrvorlage ist weder sachlich noch finanziell begründet. Der Redner befürwortet schliesslich einen Antrag seiner Partei, wonach vom 1. Oktober 1915 an bezüglich der Dienstpflicht bestimmt werden soll: Während der Dauer der Dienstpflicht im stehenden Heer sind die Mann, schäften der Kavallerie und reitenden Artillerie die ersten zwei, alle übrigen Mannschaften da? erste Jahr zum ununterbrochenen Dienst bei den Fahnen verpflichtet.

Eingegangen ist inzwischen eine Resolution Ablaß, wonach der Reichskanzler eine Verkürzung der Di en stzei t entsprechend der besseren geistigen und körperlichen Ausbildung der Jugend in die Wege leiten soll.

Aba. frnberfler kZentr.):

Wir werden für die Vorlagen in der Fassung der Kommission stimmen. Den sozialdemokratischen Antrag lehnen wir ab. Er ist unpraktisch, weil sich in kurzer Zeit ohne Ncbergang eine solche Aendernng nicht durchführen läßt. Wohl aber stimmen wir für den freisinnigen Antrag. Er entspricht auch den Anschauungen, die vor Jahren unser Führer Mallinckrodt ausgesprochen hat. Er bezeichnete eine Verkürzung der Dienstzeit, wenn die ganze heran- wachsende Jugend vorbereitet und vorgesckult ist für den Dienst, als eine vaterländische Pflicht. Wir stimmen für diese Vorlagen, weil wir es für eine Pflicht gegen unser deutsches Volk und Vaterland halten, das in Zukunft als Großmacht zu erhalten wir als Ehrenpflicht ansehen, dessen Stärke gleichzeitig den Frieden in Europa sicherstellt. Tie grössere Stärke Deutsch­lands bedingt auch eine erhöhte Friedenssicherheit. (Beifall im Zentr.)

Abg. Gans Edler Herr zu Putlih (Kons.):

Tie sozialdemokratische Resolution ist geeignet, dis ganze Heeresorganisation auf den Kopf zu stellen, lieber die Bedürf­nisfrage möchte ich kein Wort verlieren. Die Urteile und An- sichten sind darüber verschieden, es gibt Stimmen genug, die die Forderung für zu wenig halten. Die Webrvorlagen sollen zwei­fellos unser Heer verstärken. Sic wollen daS durch eine neue Organisation erreichen. Dafür ist aber eine einjährige Dienstzeit bei der Infanterie und eine zweijährige bei der Kavallerie nicht ausreichend. Der ausgezeichnete General v. Bernhardt hat das noch in seinem letzten Buch nachgewiesen. Unwägbare Faktoren kommen hier in Betracht. Auf die innere Stärke deS Heeres kommt es an. Dieser wird der sozialdemokratische An­trag nicht gerecht.

Leider wird bei uns an allem genörgelt. Wenn wir auch allen anderen Staaten in der Welt vorangehen, man wird immer weiter nörgeln. Gewiß, die körperliche Ausbildung der Jugend ist wünschenswert. Trotzdem können wir der Reso­lution der BolkSpartei nicht zu stimmen, weil sic in zu unbestimmter Form gehalten ist. Der Militärdienst ist eine ausgezeichnete Erziehung, er pflegt nicht nur den Geist der Untcrorbnung, er erzielt auch zum selbständigen Handeln, er hat sich durchaus bewährt. (Sehr richtig! rechts.) Die Sozialdemokraten verfolgen zielbewusst in ihrer Agitation den Zweck, den Geist in unserem deutschen Volke, in unserem deutschen Heere zu zerstören. Sic wollen dem Soldaten d i c Freude am Heeresdienst nehmen. Sie nennen die- (cnigcn, die sich am deutschen Heere und am Vaterlande erfreuen, Hurrapatrioten. W i r schauen aber mit Stolz auf infer wohldiszipliniertes Heer. Wir wollen weiter

die moralischen Kräfte stärken, die unS im Jahre 1813 die Be­freiung Deutschlands brachten und im Jahre 1870 die Einigung dcS Reiches. Wenn es unS gelingt, diese Kräfte weiter zu be- wahren, dann können wir mit Vertrauen auf unser Heer froh in die Zukunft blicken. (Beifall rechts.)

Abg. Basiermann (Natl.):

Auch meine polilischen Freunde haben nickt daS Bedürfnis, die Erledigung der HcercSverlagc durch lange Ausführungen auf­zuhalten. Wir freuen uns, daß d i e Wehrvorlage so rasch c r l c d , g 1 wird. Eine derartige Behandlung dieser VerstärkungS- fordernngen für unsere Wehrkraft wird auch im A u S l a n d c ihreWirkungnicktverfeblen. (Sehr richtig I) Man wird erkennen, daß das bcutidie Volk in seiner überwiegenden Mcbrbeit willens ist, seine Wehrkraft angesichts der gesamten politischen Lage zu verstärken und die vorhandenen Lücken auSzufüllen, auch dem Fortschritt der Technik in der Armee Rechnung zu tragen. Für unsere innere Politik ist ja erfreulich, datz von der liberalen Linken bis zur äußersten Rechten Einmütigkeit in der Bewilligung des Notwendigen vorhanden ist, und dass die Zeit der Kämpfe über solche Fragen n diesen Parteien der Ver- gangenhcit angchören. l Beifalls Wir haben unS in der Budget­kommission über die gesamte politische Lage unterhalten, ich gehe nicht mehr daraus ein. Wer die zweifellos vorhandene Bedcu- tung der internationalen Frage heute nicht sicht der Marokkofrage mit ihren Folgen, dem ist nicht zu helfen, der wird auch nicht durch längere Ausführungen belehrt werden. (Sehr richtig!)

Was speziell Frankreich anlangk, so bekommt man ein gutes Bild über die Situation wenn man beispielsweise denVorwärts" in die Hand nimmt und dort Arti? ' lieft, in denen auf die Macht­stellung Frankreichs und auf das starke und kriegslustige Frankreich hingewiesen wird. Also selbst die Presse der Sozialdemokraten ver- mag sich dem Eiiidmck nicht zu entziehen, dass in Frankreich ft a r k c Kräfte a m Werke sind, die nach der Richtung einer kriegerischen Entwickelung arbeiten. Wenn man sich fragt, weshalb diese Entwicklung sich mit einer gewissen Not­wendigkeit vollzieht, wenn immer_ mehr die Rüstungen wachsen, dann sehen wir, dass die arotzcn Staaten bestrebt sind, ihre Ein- ftutzsphärc auszudehnen, auch auf die überseeischen Gebiete. Sie suchen neue Macht und wirtschaftlichen Einfluss zu gewinnen. So sehen wir, wie eine grossartige Kolonialpolitik in Afrika in­auguriert wird, wie neben Frankreich und England auch Rutz- land. Japan, Italien rnb Amerika auf demselben. Gebiete sich aukzudehnen suchen. Das ist eine naturgemässe Entwicklung, die von Tag zu Tag neue Fragen schafft, und dass angesichts solcher Entwicklung und angesichts des wachsenden Selbstbewusst­seins der Kulturvölker auch imperialistische, nationalistische Ideen in den Völkern Platz greifen, auch das ist eine Erfahrung, an der wir nicht vorbeikönnen, und die uns eben dann auch dahin führt, das zu tun. was unsere Pflicht ist, d. h. unser Augenmerk auf die Machtmittel von Heer und Marine zu lenken.

Was die Resolutionen anlangt: Das Ziel der sozialdemokratischen erstreben wir ja alle an. eine wirkliche allgemeine Wehrpflicht, daß jeder waffenfähige Mann auch ausgebildet wird. ?lbcr bann muß es auch eine Ausbildung sein, die auch für den Kriegsfall vollständig ausreicht. Erperimente in dieser Richtung zu machen, würde doch kaum angezeigt fein. Die Frage der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht scheitert naturgemäß an der Kostenfrage. Rund 70 000 waffenfähige Männer bleiben auch nach dieser Militärvorlage übrig, die nicht für den Krieg ausgebildet werden. Tas ist bedauerlich, aus dem Gesichtspunkte der Gerechtigkeit, da die alten viel früher an den Feind müssen; und da ergibt sich die Frage, die ja auch in größerem Umfang in der Budgetkomrnisfion erörtert ist. ob es nicht richtig wäre, zu .einer Ausbildung der Erfahreserve überzugehen. Der Kricgsrninister hat eine ablehnende Stellung eingenommen; aber wenn die politische Spannung in absehbarer Zeit so weiter bleibt, bann wird man der Frage auf die Tauer nicht auSwcichen können. (Sehr richtig!)

Auch eine nur notdürftige Ausbildung würde doch den Effekt haben, dass die Landwehr und Reserve später als sonst an den Feind müssen. Wir werden gegen die sozialdemo- kratifche Resolution über die Abkürzung der Dienstpflicht stimmen; die heutige Zeit ist dafür nicht an- gezeigt. Die Kavallerie beruht in erster Reibe auf dnrckgerittenen Pferden und bei zweijähriger Dienstzeit lässt sich das nicht so wie es nötig ist, durckfübren. dass weiss jeder, der selbst bei der Truppe gedient hat. Dazu kommt, dass d'e Verwendung der Kavallerie für das Fußgcfeckt von Jahr zu Jahr zunimmt, ihr also eine Aufgabe zuwächst, an die früher gar nicht gedacht wurde. Der freisinnigen Resolution kann man ja z u - stimmen, sie ist Zukunftsmusik. Sie nennt ja auch nickt die Tauer der Ausbildungsperiode sie nimmt nur in Aus- ücbf daS, wenn die Ausbildung fo weit ist, dass die Offiziere und Unteroffiziere nackber weniger Schwierigkeiten haben, als jetzt, die Dienstzeit abgekürzt werden kann. Insofern stimmen wir also zu.

Der wundeste Punkt der Vorlage nach der Richtung hin, was nicht gefordert ist, ist die Frage der Etaterhöhung an Mannschaft und Pferden bei den Batterien. Ter Kriegsminister sollte dieser Frage immer wieder seine Aufmerk­samkeit schenken, und so, wie es nur möglich ist, die Heraufsetzung auf den mittleren Etat zu erreichen. Ich begrüße, dass unsere Armeeverwaltung nunmehr energisch auch an die Luftschiff­fahrt hcranncht und den Vorsprung Frankreichs einzuholen bestrebt ist. Auch in unserem Volke, das ja nicht so leicht ent­flammt wird wie die Franzosen, hat diese neue Waffe ein wachsendes Verständnis und wachsenden Eifer gefunden.

Im ganzen begrüßen wir die Stärkung der Wehrkraft, wie sie in der Verständigung zwischen Kriegsvcrwaltnng und Budget- kommission erzielt wird. Wir besitzen in der Armee ein Macht­mittel. das wir so auf der Höhe erhalten wollen, daß cs jeder- zeit dienen möge der Erhaltung deS Friedens, aber wenn der Krieg unvermeidlich ist, uns zum Siege führe. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Liesching (Vp.):

Leicht fällt uns die Zustimmung zu den Vorlagen in der Hin­sicht, dass irii für bi: Sicherheit deS Vaterlandes alles bewilligen wollen, was notwendig ist. Sckwer fällt uns die Entscheidung der Frage, ob die Militärver­waltung der Forderung nackkommt, für die Sicherung des Friedens zu sorgen. Allerdings haben wir aus den Verhandlungen der Kommissionen ein anderes Bild gewonnen, als der Abg. Gradnauer. Wir können unmöglich die Verantwor­tung auf uns laden, nicht alles getan zu haben, damit Deutschland kriegsgcrüstet dafteht. Tas gilt namentlich mit Rücksicht auf die

chauvinistische Erregung in Frankreich. Besonders schwer ist uni die Entscheidung durch die ausserordentliche Belastung infolge der neuen Wehrvorlagen geworden. Ick möchte hier auf unsere gestrigen Debatten über die Veteranenfürsorge Hinweise.'. Wir werden der Erhöhung der FriedenSpräscnzstärke unb dement­sprechend der Bildung der zwei neuen Armeekorpo zustimmen. Wir begrüßen auch die tccknisckxn Fortschritte namentlich mit Rücksicht auf die Flugtechnik und die Luflsckiffahrt. Dagegen widersetzen wir unö der Forderung der Landwehrinspekteure, da wir uns nicht von deren Noüvendigkeit haben überzeugen können.

In der Zahl der Offiziere steht die deutsche Armee ganz außerordentlich gegenüber anderen Armeen da. Für die sozialdemokratische Resolution werden nur stim­men. Ich hoffe, wenn wir heute mit großer Mehrheit die Wehr- vorlagen annehmen, so werden wir für längere Zeit Ruhe haben, und ich schließe mick insofern nickt den Worten des Abg. Basscrmann an, der bei der Artillerie schon weitere Forde­rungen in Aussicht gestellt hak. DaS Wichtigste aber für die Stärke des Reiches neben einer schlagfertigen Armee sind gute Beziehungen zum AuSlande. Namentlich hoffen wir, dass die Verhandlungen mit England einen guten Fortgang nehmen und zum günstigen Abschluß kommen. Nichts würde uns über die Zukunft so gut lucgfonuncn lassen, als daß wir feste gute Beziehungen zu allen Großstaaten haben. (Beifall links.)

Abg. Hcgenscheidt (Rp):

Wir nehmen die Vorlagen an nicht weil sie allen Wünschen entspricht, sondern weil sic die bestehenden Zustände verbessert. Wir muffen der allgemeinen Wehrpflicht immer näher kommen. Sie ist das Fundament des Reich-. Unter allen Umständen sind wir aber gegen eine Herabsetzung der Dienstzeit. Wir können nicht genug Offiziere haben, sie sind daS Rückgrat der Armee. Wir wollen die Heeresverwaltung unterstützen nach besten Kräften, n a ch b c st c m Vermögen. (Grosses Gelächter links.) Hecresfragen sollten keine Parteifragen fein.

Abg. Setzdn (Pole):

Die ständige Vermehrung der Heere gefährdet den Frieden. DaS Volk bricht unter den Lasten fast zusammen. Ter Redner bedauert dass Militärlieferungen nicht an Polen vergeben wer- den. Die Regierung bricht die Verfassung. lPräs- Kaemps rügt den Ausdruck! Zuruf der Polen: ES ist aber cir Verfassungsbruch!) Wir lehnen die Vorlage ab.

Abg. Herzog (Wirtfck. Vgg.):

Die Heeresverwaltung war auf dem richtigen Wege, als sir die Vorlage einbrachte Sie erreicht zwar nicht unser Ideal, aber es ist doch ein Fortschritt Man weiss setzt im AuSlande das deutsche Volk kann jeden Angriff abmehren.

Preußischer Kriegsminister Frbr v. Heeringen:

Verschiedene Resolutionen beantragen eine Verkürzung der Dienstzeit. Es besteht zweifellos Einmütigkeit darüber, dass die Armee gut ausgebildet werden muß. Denn es wäre ein sträflicher Leichtsinn, soviel Personal. Material und Geld im Frieden aufzuwenden, um im Ernstfälle bann ein Fiasko vor dem Feind zu erleben. Darum muß der militärische Dienst in jeder Richtung dafür sorgen, dass die militärische Schlag- fertigtest der Truppe gewährleistet wird. Dazu ist die bisherige Dienstzeit erforderlich. Weiter besteht Einigkeit, daß wir, so lange die politischen Verhältnisse Deutsch- landk sich nicht ändern, eine Herabsetzung unserer FriedensoräseNzstärke nicht eintreten lassen können. Gehen wir aber zu einer geringeren Dienstzeit über, so vervielfältigen Sie die jährlich einzustellenden Rckrutcnguoten. Abgesehen davon, daß wir die Zahl der Rekruten zurzeit nicht haben, so würden auch die volkswirtschaftlichen Vorteile, die von einer Verkürzung der Dienstzeit erhofft werden, in diesem Um­fange nicht eintreten. Denn ob wir 100 000 Leute zwei Jahre dienen lassen, ober 200 000 ein Jahr, kommt schließlich auf das­selbe heraus. Andererseits mutz berücksichtigt werden, daß wir jeden Tag ein schlagfertiges Heer haben müssen, das immer kampfbereit ist. ohne Rücksicht auf die Rekruteneinstellung Bei einer nur einjährigen Dienstzeit ist daS aber nicht möglich. Die verantwortlichen Stellen sind nicht der Ueberzeugung. daß nach dieser Richtung hin irgend etwas nachgelassen werden kann. Was in ferner Zukunft fein wird, kann heut niemand beur­teilen. Wir leben in der Gegenwart und sehen nur die nächste Zukunft Wenn die Verhältnisse sich ändern, so können wir die Fragen wieder erörtern.

Auch unsere deutsche Jugend muß körperlich und geistig weiter gefördert werden als bisher. Tie Armee ist bereit, zu helfen DaS zeigen viele Einrichtungen ber letzten Zeit Aber der Gesichtspunkt muß maßgebend sein, daß dadurch eine Erleichterung der Ausbildung innerhalb der jetzigen gesetzlichen Dienstzeit ermöglicht wird. Eine Verringerung der Dienstzeit ist durchaus unmöglich. Tann wurde gefordert, wir möchten die Paradeausbildung vereinfachen. Wir sind der Ueberzeugung, daß ein gewisses Mass von strammem (Exerzieren nicht zu entbehren ist. Tiefe Ansicht hat jeder erfahrene Soldat, jeder, ber in der Armee groß geworden ist. Ein gewisses Minimum ist unbedingt erforderlich. Ta? haben wir erreicht, es ist möglich, dass noch mehr zu bessern ist. Aber mindestens sieben Achtel unserer ganzen militärischen Ausbildung liegt auf anderem Gebiete, sic will den Soldaten durchaus kriegs- fertig machen. Exerzieren, nichts als Exerzieren ist ein längst überwundener Standpunkt. Ist denn jetzt gerade die Zeit, um Erperimente zu machen? Eine Verringerung ber Dienstzeit würde ein solches fein. Zu einer Verringerung ist jetzt noch nickt die Zeit gekommen, darüber ist sich wohl jeder klar. In früheren Jahren waren die aktiven Heere die ausschlaggebenden Faktoren. Heute sind sie nichts anderes als die K n o ch c n g e r ü ft e , in die die vielen Millionen, die aus den Friebcnsbcrufen kommen, sich bann einfügen müssen. Ist das Gerüst nicht eisen fest unb verbinbet sich die Füllung nicht eng mit dem Gerüst, dann bricht alles zusammen, wenn dem Vaterlande Gefahr droht.

Die Wehrvorlagen sind in der Kommission ausgiebig besprochen worden. Es kommen dabei viele Momente in Betracht, die ich hier im Plenum nicht erörtern kann. W i r haben nach besten Kräften Austunft gegeben. Es ist auch fest- gestellt, bah die überwiegende Mehrzahl d-S Reichstages sich mit uns überzeugt hat, daß unsere Wehrkraft einer Verstärkung unbedingt bedarf. Zu meiner Freude scheint die Heeresverwal­tung auf dem richtigen Wege gewesen zu fein. Diese Einig­keit zwischen Reichstag und Regierung hat eine besondere nationale Bedeutung für unser Vaterland DaS möchte ich für meinen Teil hiermit feststellen. (Lebhafter Beifall.,

Ein Schlußantrag wird gegen die Stimmen der Sozial, demokraten und Polen angenommen.