Ausgabe 
13.6.1912 Erstes Blatt
 
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Nr. 157

Erster Blatt

|62. Jahrgang

Donnerstag, 15. Juni 1912

Sichener Anzeiger

MM General-Anzeiger für Sberhefien

k"!" SaflHnumn" Notattonri>ru<i unöVerlag der vrihllchen UniD.-Bn* und Steinörnderei K fange. Rcöattion, trpcMtion und vrnderel- Schnlftratz« r. ?">!. Iit,-6L'.61 ' bis 9 Uhr. Bidingen: 8«n,precher Ur. 269 SeschästrfteNe Bahnholftratze Ibn. Ve«r.

Ztalienischc Anzapsungen.

©an aflcali (teure Bundesgenossen), so tituliert ein Teil der italienischen Presse zurzeit uns Deutsche in den Erörterungen über den diplomatischen Schutz, den die deut­sche Regierung den in der Türkei ansässigen und aus der Türkei ausgewiesenen Italienern angedeihen läßt. Diese Titulation ist natürlich nicht in ehrendem, sondern in ironi­schem Sinne gemeint, denn die Italiener sind mit jener diplomatischen Intervention gründlich unzufrieden. Diese Unzufriedenheit richtet sich freilich, toenn auch vorzugsweise, so doch nicltt ausschließlich gegen uns, sondern sie ver­teilt sich nach allen Seiten. Die Italiener sind unzufrieden mit den Arabern, weil sie in Tripolis noch immer Wider­stand leisten, mit den Türken, weil sie nicht auf ihren afrikanischen Besitz verzichten wollen, mit Oesterreich- Ungarn, weil es gegen bte Uebertragung des Krieges auf den Balkan wiederholt Einspruch erhoben hat, mit den Mächten überhaupt, tveil ftc mehr oder minder entschieden gegen die Beunruhigung der europäischen Gewässer Ver­wahrung eingelegt haben, und endlich mit der in der Presse zum Ausdruck gekommenen öffentlichen Meinung fast aller Kulturländer, die das Vorgehen Italiens gegen die Türkei als das bezeichnet hat, was es ist, nämlich als völkerrechts­widrig.

Diese aus so verschiedenartigen Ursachen beruhende Miß- Vergnügtheit, die umso stärker wird, je aussichtsloser die Lage ans den Kriegsschauplatz trotz mancher Teilerfolge und Scheinerfolge ist, sucht nun anscheinend nach einem Abfluß, und da hat man die cari alleati als Prügelknaben aus­gesucht. Undank ist der Welt Lohn, ganz besonders aber in der Politik, und der ist ein schlechter Diplomat, der die Dankbarkeit als Faktor in seine Rechnung einstellt. Als Italien am 29. September v. Is. den Krieg an die Türkei erklärte, verkündeten gleichzeitig die deutschen Offiziösen, mit sichtlichem Stolz über diese Rolle eines ehrlichen Mak­lers, daß Deutschland den Schutz der Italiener in der Türkei und den der Türken in Italien übernommen habe. Die letztere Tätigkeit hat unserer Regierung keine Mühe ver­ursacht, denn es gab dabei wenig zu tun, aber der Schutz der Italiener in der Türkei hat sich als ein ebenso aus­gedehntes wie undankbares Geschäft erwiesen. Immerhin hat in der ersten Zeit sogar die italienische Presse anerkannt, mit welcher Aufopferung und auch mit welchem Erfolg der deutsche Sotfdxiftcr Frhr v. Marschall sich dieser Ausgabe unterzogen habe. Seit einiger Zeit aber ist hier, anscheinend aus den schon erwähnten Ursachen des allgemeinen Welt­schmerzes, ein Umschwung eingetreten, der in bitteren An­klagen gegen die deutsche Regierung zum Ausdruck kommt. Run weist ja der Kenner der italienischen Verhältnisse, mit wie wenig Bcraiptwortlichkeitsgefühl und mit wie viel mehr oder minder offener Deutschfeindlichkeit ein großer Teil der dortigen Presse redigiert wird. Wirft doch das Giornale d'Jtalia" der deutschen Botschaft in Konstanti­nopel einmal vor, daß sie die Ausweisung der Italiener nicht verlnndere, so daß diese Stellung und Brot verlieren, und zweitens, daß sie die Italiener mit Gewalt im Lande festhalte, da sie als Arbeiter an den deutschen Bahnbauten gebraucht würden!

Wenn man diese albernen Anzapfungen der italienischen Presse nicht allzu tragisch zu nehmen brauchte, obwohl nach dem Bismarckschen Wort zum Schluß jede Regierung ver­antwortlich ist für die Fenster, welche die Presse des Landes einwirft, so gewann doch die Sache ein anderes Gesicht, als der Deputierte Barzilai diese haltlosen Vorwürfe und Schmähungen in der Kammer wiederholen konnte, ohne daß

eine entsprechende Erwiderung und Zurückweisung Don seiten der Regierung erfolgte. Nachdem sich dann endlich, recht verspätet, dieNordd. Allg. Ztg." zu einem Protest gegen dies illoyale Verfahren aufgerafft hatte, sind jetzt einzelne führende Blätter, wie dieTribuna" und der Popolo Romano", offenbar im Auftrag, jenen besonders gegen den deutschen Konsul in Smyrna gerichteten Ver­leumdungen entgegenzutreten, aber dieser Liebesdienst kommt allzu spat und er ist viel zu sehr erzwungen, als daß er hinreichen könnte, die berechtigte Mißstimmung und Erbitterung in Deutschland zu dämpfen oder gar zu be­seitigen.

Es darf ja angenommen werden, daß die bcutfdie Re­gierung, deren Geduldfaoen bod) wohl wie alle Dinge in der Welt begrenzt sein dürfte, durch den deutschen Botschaf­ter v. Jago auf der Consulta diesbezügliche Eröffnungen hat machen lassen. Den Anschauungen der öffentlichen Meinung in Deutschland würde es jedenfalls entsprechen, wenn die deutsche Regierung in Rom einfad) erklären ließe: Genügt end) unser diplomatisd)er Sd;utz für eure Landleute in der Türkei nicht, so seht cud) nach einem besseren um! Unsere cari alleati werden darum nidst aus dem Dreibund forttaufen, denn sie sind ja nur deshalb darin geblieben, weil er ihnen die größeren Vorteile gewährt. Für uns aber sind es wirklich teure Verbündete, denn sie kosten uns jetzt ein großes finanzielles und moralisches Kapi­tal in der Türkei, während sie sich in Algeciras nicht als Verbüiidete erwiesen haben. Im übrigen gilt doch wohl auch heute nod) das Bismarcksche Wort:Wir laufen niemanden nach", aud) nicht unsere» Alliierten!

Popolo Romano" veröffentlicht bezüglich der Hal­tung des deutschen Konsulates in Smyrna gegenüber den ausgewiesenen Italienern ein Eommuniqus, in dem gesagt wird, es sei in positiver Weise festgestellt, daß das Konsulat nicht die Anwesenheit tür­kischer Polizeiagenten zur Aufred) ter Hal­tung der Ordnung verlangt habe. Tie Nachricht fei wahrscheinlich auf bie Tatsache zurückzuführen, daß auf Befehl des iWalis von Smyrna, der infolge der Ansamm­lung der Ausgewiesenen Unordnungen befürchtete, zwei Polizeic^enten vor das Konsulat ausgestellt wurden, die aber nicht einzuschreitcn brauchten. Die deutschen Be­hörden, die während der ganzen Zeit ihre nicht leichte Aufgabe mit dem größten Eifer erfüllten, trcffejcbcn> falls kein Borwurf Da--- Konsular hatte vom 17. bis 22. Mai jür die Heimbeförderung einiger Tausend Italiener zu forgen, Pässe auszustellen, Unterstützungen auszuteilen und starten zur lieber fahrt zu besorgen. Es gereiche dem Konsulat zur Ehre, daß alles mit bewunderns­werter Regelmäßigkeit ohne einen einzigen unangenehmen Zwischenfall verlaufen fei.

Die auögewieseucn Italiener.

Saloniki, 12. Juni. Die ausgewiesenen Italiener sind bis gestern früh mit wenigen Ausnahmen abflereift. Alle Baynzüge und Dampfer waren über füllt. In Saloniki verblieben nur Personen, die eine besondere Erlaubnis dazu hatten, sowie Kranke und Ge- bred)Hd)e und die zu ihrer Pflege durchaus nötigen Ver­wandten, Witwen mit ihren Ernährern und einige Spezial­ärzte. Tie Polizei ist beauftragt, gegen alle an­deren in diesen Kategorien nicht inbegriffenen Italiener nunmehr gewaltsam vorzugehen und ihre Ent­fernung aus der Türkei zu veranlassen.

Falsche Gerüchte.

Konstantinopel, 12. Juni. Tie Gerüchte über eine nochmalige Schließung der Dardanellen sind falsch;

sie scheinen burrb die Anwesenheit einiger italienischer I Kriegsschiffe int Golf von i'crofl veranlaßt zu sein Die Garnison der Dardanellen wurde alarmiert Einige tür kische Offiziersfamilien sind von den Dardanellen hierher gekommen. Die Befürchtungen von der Schließung der, Meerenge bestanden auch an den Dardanellen, bod) saßt' die Regierung noch keinen derartigen Entschluß. Die rüchte, daß etwa 2 0 italienische Kriegsschiffe bei Lemnos kreuzen, und baß von bort Kanone ttbon n e r hörbar sei, werden amtlich dementiert.

Rom, 12. Juni. (W. BZ Zu den Meldungen aus­wärtiger Blätter jüber eine bevorstehende Bese tz u n g w e t - ter er Inseln im Aegäischen Meer erklärtPopolo Ro­mano", daß die Regierung gegenwärlig nicht daran denke, obwohl sie dazu freie Hand habe. Die letzte Schlacht bei 3an jur sei wohl so viel wert, wie die Be­setzung von zwei Inseln Ehios, drei Mytilene und vier Lemnos.

Ter Kamps bei Zaiizur.

Konstantinopel, 12. Juni. 9Zud) einer vom Kricgs- ministerium verössentlimteu Depesche über den Kampf bei Zanzur griffen bie Italiener mit 1> .> Divisionen ben befestigten Teil Zanzurs und mit einer Division den östlichen Teil an. Schiffs- und Festungsartillerie, zwei Gebirgsbatterien sowie vier FelbgesGiitzbatterien der Italie­ner nahmen am Kamps teil, der 7>/2 Stunden dauerte. Der linke Flügel der Türken, der von der Flotte lebl)aft bombardiert mürbe, mußte seine Stellungen räumen, die übrigen Teile der Verteidigungslinie leisteten heldenmütig Widerstand, bis bie Munition erschöpft war. Schließlich tarn es.zu einem überaus blutigen m a m pf Wann gegen Mann. Die Verluste bes Feindes überschreiten tau f en b . die Türken hatten 150 Tote unb 300 Verwunbete.

Dritter Deutscher hansatag.

-^ Berlin, 12. Juni.

Am heutigen dritten Jahrestage seiner Gründung trat der Hanfabund für Gewerbe, Handel und Industrie im L'angcnbcd- haufe zu einer Ailsschußkitzung zusammen. Es waren enva 220 Vertreter aus allen Teilen oeö Reiches erschienen. Die heutige Tagung ist von grundlegender Bedeutung, da eine Neufassung der Richtlinien des HansabundeS beschlossen wurde

Rack Eröffnung der Sitzung gedachte ber Vorsitzende Ge» Heimer Justizrat Professor Dr. Rießer zunächst der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder. Sodann stellte er der Versäum^" lung den neuen Gesdiästsführer des Hansabundes, Reichstage- abgeordneten Freiherrn v. Richt Hosen, vor, der an Sttue des aus Gesundheitsrücksichten ausgeschicdenen Oberbürgerineineis Dr. Knobloch getreten ist. Er teilte dann mit, daß Dr. Strc f cmann zurzeit auf Urlaub weile und erst am 1. Juli seine Stellung im Hansabund antreten werde. Ferner stellte er den Oberbürgermeister Knie st, den Vorsitzenden des Innungs auSschusfus in Kassel vor, der die Leitung der für das Handiverk zu leinenden Arbeit im Hansabund übernommen hat. Sodann führte Dr. Rießer aus: Unzähligemal totgesagt, überschreitet der Hansabund mit 710 Organisationen festgeschlossen die dreifach ihm gewährte Frist. Er kam dann auf die letzten Reichstagswahlen zu sprechen, die dem Bund der Landwirte eine geradezu vernichtende Quittung für ihren Ucbermut präsentierten. Der Bund der Land­wirte hat den laut angekündigten Eroberungszug nach Han­nover vollständig verloren, der Einfall in das Rheinland und Westfalen ist mißglückt und in Schleswig-Holstein holte er sich eine Niederlage nach der anderen. Nicht weniger als 58 seiner Kandidaten wurden von den von uns unterstützten Kandidaten der Nationalliberalen, der Fortschrittlichen Vollspartei, der Reichs­partei und des Deutschen Bauernbundes verdrängt. Er erinnerte dann an die Niederlage der Führer des Bundes der Landwirte, Dr.

(Erjäblungstunft im Alten Testament.

Gießen, 13. Iunir

Im großen Hörsaal der Universität sprach in einer von der -, Freien Studentenschaft" veranstalteten Versammlung Professor Hermann Gunkel am 12. Juni über bieErzählungS- funft im Alten Testament". In schlichter Form, mit den einfachsten dem Leben und nicht der Poesie entnommenen Ausdrücken, ebne jeden poetischen Schmuck reden diese alten Künstler. Die künstlerischen Einheiten, die sie bilden, sind die einzelnen Erzählungen, die ursprünglich völlig selbständig neben­einander stehen und erst später zu größeren Gebilden, sogenannten Sagenkränzen" zusammengesaßt worden sind, ^er Umfang dieier ursprünglichen Einheiten ist nach ältestem Stil außerordentlich kurz; erst später ist es zuangeführteren" Erzählungen ge­kommen. Sehr scharf ist die Gliederung der Erzählungen m einzelnen Szenen, sehr klein ist die Zahl der handelnden Per­sonen. Nebenpersonen werden kaum gc|d>ilbert, auch die Haupt Personen werden spärlich genug bedacht: oft wird nur eine einzige Eigenschaft von ihnen ausgesühtt. Erst die ,,-sagenkranze und die eigentlicheGeschichtsschreibung" sind imstande, ganje Charakterbilder zu geben. Dargestellt werden die Gbaratierc nicht durch direkte Schilderungen, wie es in der Gegenwart oitte ut, auch nicht sowohl durch Reden, die ihnen m den Mund gelegt waren, sondern besonders durch Handlungen, die von ihnen be­richtet werden. Tie Erzähler haben eine bewunderungswürdige Kunst daran gesetzt, ihre Personen durch gut gewählte Vandlungen vor den Hörer höchst anschaulich hinzustellen, sparsam und die Erzähler auch in der Schilderung begleitender Nebenumstande. Aaturgesühl und Landschaftsstimmung darf man bei ihnen nicht suchen. Alles ist im letzten Grniide der Handlung ^"geordnet, solche Handlung soll möglichst innerlich gcichlonen lein, Epiloden sind nicht erlaubt Zugleich aber soll die vdlung^ ,^unen, m, den Hörer erregen; besonders lieben die Erzähler, ernt. Handlung eu bilden, in der Anfang und Schluß m Wärtern ^^.uwtz ,u einander stehen. Viele der Sagen haben den Zweck, aul bestimmte Fragen zu antworten; hier waren alio bestimmte Punkte de Erzähler gegeben, die er wohl oder übel erretdKn muctu za= Eigentümliche der hebräischen Erzählungsweile besteht vormhm- ltd) in diesem Schimmer mannigfaltiger Pomten, kenn ii _ laupt in der Literatur Israels die Begabung für das i^istrelchc vls besonders bezeichnend hervor tritt. st verstehen die Erzähler, mit wunderbarer Eleganz, mit bestrickender 9tni^tf.5Is,hil5^ «checkte Ziel zu erreichen. Die Erzählungen enthalten vnl. Allgemeinere Wahrheiten; aber cm solches Urteil ipTtajv I

ausdrücklich ganz selten aus und eine eigentticheTendenz" darf man in ihnen nicht suchen.

Neben der bisher beschriebenen Erzählungskunst, dem von Professor Gunkel sogenanntenknappen" Stil, steht eine andere, offenbar später entwickeltre Stilart, die besonders in der Joseph- geschuhte heryottritt. Da werden bte Erzählungen zu einem größeren Ganzen künstlerisch zusammengesaßt, da liebt man es, in längeren Reden das Seelenleben zu entfalten, da werben die­selben Szenen zweimal oder noch häufiger in allerlei Abwande­lungen berichtet oder in Reden wiederholt. Diese zwefte Stilart ist mit der altitalienischenNovelle" zu vergleichen.

Im ganzen stehl die hebräische Erzählungskunst auf sehr hoher Stufe. Und noch unsere gegenwärtigen Dichter sollten diese alte Kunst studieren, um zu lernen, wie man mit den einfachsten Mitteln die tieffttn Wirkungen erreichen kann.

*

Das Kornfeld

Es ist ein Feld von Winterroggen, vor dem ich stehe, um die Zeit kurz nach der Blüte. Wunderschön sieht es aus, wie es in lebhaftem Winde flutet, an wogendes Wasser erinnernd, wozu auch feine ins Meeresgrün fallende Farbe beiträgt

Dieses Feld stehl auf sehr fruchtbarem Boden üt der Wetterau, wo ich zurzeit mich aushalte. Weil ihm der Winter keinen Schaden zugefügt und es ihm auch an Sonne und Regen nicht gefehlt hat, ist es überaus wohl gediehen. Wie dicht stehen die Holme beieinander! Eine Schwarzdrossel kommt Heun und schlüpft in das Feld hinein. Im nächsten Slugenblirf schon ist sie in dem Hochwald von Halmen verschwunden. Wie hoch sind die Halme! Ich ziehe einen am Rande stehenden, der mit zu den höchsten gehört, heraus und messe ihn. Etwas über 2 Meter ist er lang oder hoch, von der Wurzel an dis zu der über- hängenden Äehre gemessen. Dazu kommt noch die Aehre, die 18 Zentimeter lang ist. Tas ist an Halm und Aehre sehr viel. Der Roggen pflegt doch :ut nur eine Höhe von 1,50 bis 1,75 Meter zu erreichen. Mit ivelcher Freude muß der Landmann ein solches Feld ansehen, das so freigebig feine Arbeit lohnt und reiche Ernte verspricht. Aber er sagt noch nichts davon, denn cs kann immer noch ein Unwetter kommen, das den Halmen­wald umwirft und alle Hoffnungen vernichkt.

O was für kümmerliche Roggenfelder habe ich im vorigen Jahr um diese Zeit gesehen! Der hatte Winter hatte ihnen bereits sehr zugesetzt, und trat im Mai schon die Surre ein, die aui noch dazu magerem Boden bei manchen von ihnen fast

nichts mehr zu ernten übrig ließ. Was für einen Gegensatz bildet dazu das Roggenfeld, das ich hier vor mir sehe!

Ein sehr merkwürdiges Pflanzengebilde stellt doch der vor mir liegende Halm dar. Durch die einzelnen Blattansätze wird er gewissermaßen in Etagen geteilt. Deren zähle ich sechs, von denen die unterste, die über der Wurzel beginnt, die niedrigste, die oberste,, bie mit der Aehre abschließt, die höchste ist.

Das ist ja natürlich, sagt man sich, daß ein so hohes und dünnes Pflanzengebilde nicht für sich allein sicher ausrecht stehen kann. Sehr bald schon würde es vorn Winde umgeweht sein. Im Felde aber, wo sie beisammen stehen, hält ein Halm den andern, und so bleiben sie aufrecht und trotzen selbst stürmischem Winde. Aehnlich sieht es bei den Menschen aus, da muß auch einer den andern hatten, mögen sie nun gleich groß sein oder eingcteilt werden in hohe und niedrige. Richtig sagt davon Sophokles in einem Chor feiner TragödieAias":

Der Kleine bedarf des Großen, und der

Kann feststehn nur, wenn der Kleine ihn stützt."

Es folgen daraus die Verse:

Doch das Volk der Toren begreift das nicht. Und umsonst ist's, sie zu belehren."

Auch das stimmt wohl heute noch.

Doch ich kehre zurück zu dem Roggenfeld. So dicht die Halme auch beieinander stehen, es hat doch eine Feldblume dazwischen sich hier und dort einen Platz erobert, eine Sternblume oder Marga- reienblume, eine Kornblume, die Kornblumen fangen um diese Zeit an zu blühen und ein roter Mohn. Sie sollen ja, zumal die Kornblumen, eigentlich nicht dahin kommen, wo die nützlichen Halme versammelt sind, aber, wenn sie nur bescheiden auftreten, muß man sie doch gern haben. Sind sie doch unentbehrlich für den Erntekranz.

2o blüht im Kornfeld mancherlei, was am Erntetag mit den Aehren zusammen unter der Sense fallen wird. Und was erst alles blüht auf dem Feldrain' Ta gibt es Buntes genug zur Auswahl für einen hübschen Strauß, und siehe, an einer Stelle steht ein dorniges wildes Sträuchlein, an dem sich eben die ersten kleinen einfachen Rosen ett'chließen. Tie Rosenzeit beginnt jetzt, und die ist und bleibt doch wohl die schönste Zeit des Jahres.

Zurzeit Bad-Nauheim. Johannes Trojan.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. In Prag ist der Sanskrit'orfcher Hofrat Pro', Alfred L u d w i g im 80. Lebensjahr gestorben. In Paris ist der Dichter Leon Dierx im Alter von 74 Jahren freiwillig ge­lt o r b e n.