162. Jahrgang
Erstes Blatt
Die heutige Nummer umfafjt 10 Seiten.
Nr. 10
Ter Siebener Anzeiger erscheint täglich, aufjer LonntagS. - '-Beilagen: viermal wöchentlich HirstenerJamillenblütter, ,• i'tunal ivödienU.KiciSi blatt sürdenAre^r Siehrn (Dienstag und Freitag); zweimal moiiatl. Landwirtschaftliche oeitfragen 7<erniincd) - 'Jlnfcbliifie: tut die Redaktion 112, Bering n. Exvedinon 51 Adiesje für Depeschen:
Lin neuer Leiter der Darmstädter Hoftheaters.
Aus Darmstadt wird gemeldet : Als Nachfolger des in den Ruhestand tretenden Generaldirektors des Groß!). Hoftheaters Werner ist der Oüerregifseur vom Kvmgl. Deutschen Tl)eater in Prag, Dr. Paul tiger, vom Großherzog vom 1. Juli d. I. ab zum Leiter des Grvtzh. Hvs- thealers berufen worden.
Dr. tiger, dem als Regisseur ein sehr guter Ruf vorausgeht, ist 31 Jahre alt, in Wien geboren und ausgewachsen, aber schweizerischer Staatsangehöriger. , Nach seiner Gymnasialzeit stuoierte er in Wien und Berlin ftunil- gefchichte und Germanistik und promovierte mit Auszeichnung. Studienhalber besuchte er dann Frankreich und Italien in längeren Reifen. Vor vier Jahren tarn er aus Empfehlung Sonnenthals als Dramaturg und Regisseur zu Angelo Neumann an das D e u t s cq e a, h e a - ter nach Prag, wo er bald zum Lberregisseur ausruate und tiinblia in alle geschästlichen Zweige erhielt, an denen er als gesck)ätzter Mitarbeiter regen Anteil nahm. Im Jahre 1910 IM er die sechs Aufsüyrungen der italienischen Stagione an der Wiener Hofoper mit bestem Erfolge eingerichtet. Auch schriftstellerisch ist Dr. tiger schon tätig gewesen. Aus einem Stof,e des Maehiavelii schuf er unter Dem Titel Madragola eine Bühnendichtung, die in Berlin, Wien und München großen Erfolg hatte.
Vie Reichstagswahlblwegung.
-lu- dem Wahlkreis Gießen-Grünberg-Ridda.
Der'bedeutungsvolle Wahltag ist gekommen! Wer es mit seinen Staatsbürgerpslichten auch nur einigermaßen ernst nimmt, muß an die Urne! Man hat öfter behauptet, das politische Interesse sei unmittelbar vor dieser Entscheidung in den Massen nicht mehr so groß als vor einem oder zwei Jahren. Wer aber die Wählerversammlungen der lebten Tage besucht hat, muß zu einer anderen Ansicht kommen. In Gießen sind unvertennbar die Güster wach und aufgeregt. Auch die beiden Versammlungen, die am gestrigen Donnerstag hier noch stattgefunden haben, waren ungewöhnlich stark besucht. Im Kolosseumssaale harrte der dichtgedrängte Anhang der Kandidatur Beckmann. Man hörte dort indessen keine überwältigenden Wahrheiten, und, wie in einer orthodoxen Glaubensgemeinschait, gab es keine Acußerung einer Gegenmeinung. Sogar die Behauptung, daß in erster Linie bic Sozialdemokratie in diesem Sommer den Krieg verhindert habe, wurde ruhig ausgenommen. Viel lebhafter ging es in der gleichzeitig tagenden Beamtenver- sammlung im „Einhorn" zu. Dort vertrat nach den beiden Werbern für die liberale Kandidatur Erkelenz ein Frank- jurter Postbeamter zivar lebhaft, aber ungeschiat und erfolglos die Gegenansicht, indem er zur Wahl von Dr. Worin r ausforderte. Er hätte schon nach seinen ersten Saßen er- fennen müssen, daß für seine Meinung nur eine verschwur- dende Minderheit vorhanden war. Darum war cs po- litisch taktlos, diesen stark polemischen und anspruchsvollen Ton anzuschlagen, der denn auch die Ursache eines uligewöhnlichcn Tumultes wurde. Herr Reunuth aus Frankfurt hatte, wie der Landtagsabgeordnete Justizrat Grünewald seststellen konnte, auch recht zujammenhangüos gesprochen ES wäre besser gewesen, wenn er statt 1 einer zahlreichen Ausfälle sachlich und logisch die Gedaitteu- gänge entwickelt hätte, die einen Beamten ins Lager der Rechten führen tonnen. Das mag nach den beiden Vor- rcöiiern )ajiper gewesen fein, wurde aber für die Versammelten Interesse geqabl und sicher auch deren Ohr gc- fuliden haben. Statt dessen werden nun vielleicht einzeute starke Ausdrücke noch den Richter beschäftigen.
Eine Beamtrovcrsammlung in Güßen.
Gießen, 12. Januar.
Die gestrige, vom liberalen Wahlausschuß in den tiin- )ornsaal einberufene Versammlung der Reichs-, Staals- und Privalbeamten war aus allen Kreisen der Beamtenschaft sehr stark besucht. Die Anwcsenoen standen bis auf wenige auf der Seite der Kandidatur Erkelenz, uno wenn die Versammlung trotzdem zur stürmischsten der ganzen Wahlbewegung wurde, so trug daran leoigüch das alles andere als geschickte Auftreten eines von Frank,urt ge- fummenen Redners der wirtschafAicqen Vereinigung die Schuld.
Den Vorsitz führte Oberpostassistent Reitz, der die Versammlung iw Äpftrag des liberalen Wahlausschufies willkommen hieß. Oberpostassistent I e n i ck - Frankfurt führte aus, daß die mooerne Aeamtenbewegung nur dann etwas erreichen werde, wenn sie sich an die allgemeinen Interest en angliederte. Als erstrwenswerte Ziele der Be- amteiibewegung bezeichnete der Redner die Aenoerung des Disziptinarrechres, die Schaffung eines Reicl)sbeamten- gcjetzes, die Einführung von Becuntenausfchusten, die Auf- Hebung der Residenzpfticht und eine Neuregelung der Be- foldungSverhältnisse, die den jetzigen Preisen aller Gebrauchs g egen ständ e Rc chnnng trage. Tie Mittel dazu lonn-
Rcgie bekundete wieder das Eingehen am die kleinen Möglich- [eiten der Wirkungen; das ganze ist eben eine glückliche Juiammen- faisung von bewegter Harmonie und subtil burdigearbcitvter innerer Rhythmik. Ä . ,, ., .
— Verbreitung der Kurzsichtigkeit an den h ö h e r e n S ch u l e n P r e u ß e n s. Von dem preuviichen Kultusministerium sind eingehende Untersuchungen über die Verbreitung der Kurzsichtigkeit an den höheren Schulen bc5 preutzl- scl-cn Staaics im Gange. Mit Der Durchführung dieser Erheoungen nach besonderem Un.ersuchungsplane nt der PrivatDozent der Augenheilkunde an der Berliner UniDeriuat, xr nieb. Jra^ F. Krusius, Assistent an der Universttatsaugenklinik in der Kgl. Ehariis, beauftragt worden.
kf. Humor im 'S uaj laben. Ein paar reizende Geschichten aus dem Buchhandel erzählt ein Mitarbeiter des Buch- bändlerbörsenblattes: Im Laden er,cheint ein biederer ^anobe- wvhncr. Wortlos und kopfschüttelnd lieh: er iiaj.im Laden um. Aus die Frage, was er wünsche, sagt er plattoeuiich: ,,Ach, was ich gebrauche, haben sie wohl nicht, ich suche einen Globus von A r a u n s ch w e i g." — Am Tage vor Weihnachten betritt eine wirk.iche Komtesse den Laden, eie hat es, rote alle Uten* schen so lurz vor dem tihristabend, rea?t_ eilig unb ist untröstlich, Mi. cm Neues Testament mit recht grorzrr zufällig nicht mehr am Lager ist. „Können Sie es mir beim bis spätestens morgen Mütag nicht meljr brüden? fragtejte m banger Erwartung der Antwort. „Wir werden alle Kraste aniRrnnen , sagt der Gehilfe schlagfertig, und noch am gleichen Abend ist d^e schwierige 2Eifgabe vorn Lager eines Kollegen erledigt. Zic Mama gehört zu den geiitig 'Armen, ab.r die Tochter HMe dn beste Madchcnsastile besucht und ,ollte Goethes Werce ui cm . schönen Ausgabe erhalten. Mama wurde bc-cichiat te: hatn Geld und auf den Breis kam es ihr nicht an. -om letzten klugen blicke drohte das Gesäfäst zu scheitern. An der Tur fragte d >- Käuferin ängstlich: „Es ist doch aber auch eine gute ile-e
' Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen- sch a i t Der im Scpreniber LUil wegen der in Italien^err.ch.. den Eholera vertagte. ?. 3 n t-e r n a 1i o n a i e r m « tologen-Kongretz findet vom 8. bis Lj. .-mLi.iJl- unmittelbar vor dem Internationalen Tubertulei^oi.gr^statt. — In Braunschweig ist der Porträtmaler Emu Schulz xm yO, Lebensjahre gestorben.
Der preußischen Hauptstadt, ein Jahr vor seinem Tode, porträtiert. Tie Bülte ist eins der wenigen Werke bcutidjer Kunst im Brüsseler Museum. f,
— Erste Sonnenwarte auf der fudlichen Halbkugel Tie Regierung des Australischen S.aatenbundes wird nach der „Umschau" eine ständige Sonnenwar.e errichten. Der ^.tre.tor der Sicruroarte in Melbourne, Prof. Pietro Bar acht ist,damit beauftragt worden, einen besonders günstigen Platz auszufuchen. Die geplante Sonnenwarte wird die erste aus der südlichen Halb- tugeMeiiL n$ßu- ber Sammlung Hoentschel durch Pierpont Morgan. Aus Paris wird berichtet: Nachdem Pierpont Morgan vor einiger Zeit für 10 Mill. Franks einen großen Teil der prächtigen Kunjtschatze des bekannten ^Sammlers Hoentschel erwarb, hat er fetzt auch Hocimmets Sammlung Elfenbeinschnitzerei und timaillearbeiten für 1,2 Mill. <5101112 gelaust. Hoentschel, der gerade aus die,em Gemete als em hervorragender Kenner gilt, bat die,e Sammlung im ^auje mder Jahre zusammengebracht, toitnar iC -atu.1 tit jedoch von dem Kaufe ausgeschlossen worden: der berühmtei ^djrein bes bei ligen Ludwig, in dem bei der Rückfahrt aus Palästina das Herz des Königs bewahrt war.
— Tas russische Ballett in Berlin. ,Aus Berlin wird uns geschrieben: Tas russische Ballett der Kai,erlichen ruf- fischen Hoftheater von Petersburg u ich Dios kau «wt letzt imTheatn des Westens ein neues Gastip.el, toieber nut großem Erfolg JtU Dem gleichen Beifall, b.r dieser Truppe in Berlin ichon aus Dem Grunde beschicden ist, weil unser Puo.litum uoerhaup^kinne Gelegenheit hat, den künstlerischen ^.anz zu fchen und icine Schönheiten in sich auszunehmen. Tie Berliner-Zbonignchc ^er pstegt das Ballett nicht mehr; die Aufgaben, die an die,er Buhne dem Ballettkorps gestellt werden, sind ,0 unerheblich^uud ch geringfügig, daß seine Kunst naturgemäß verdorren muß. -Lte Rusten btarnten O?ei Lwck- zur "uimhrung, di- teilte Äi-derm«-r>l>»- neual" auf Die Mu,ik von Robert ea)umann, bas schon betannte Ballett „tileopatra", und als Novuut den zweiten Akt eine» Ballettes „Ter Pavülon der Armide", der vornehmlich in dekorativer Hinsicht ganz Hervorragendes bot. ^r^Mulelpu.ikt b^r Truppe ist diesmal Die ft aia janina, eine -Lanjerui von beträchtlichem Können, von viel Anmut und natürlicher Grazie, und technisch hervorragend burckgebildei Auch U t n s k 1, - brülaiüe Tänzer unb gewaltige Springer, ist wieder da. a,te
— Eine Rauch-Büste int B rü^seler Museum. »Tas Muicuin zu Brüsstl erhielt, rote der von Drv B ie r >n a nn herausgegebene Cicerone berichtet, ein Werk Christi a n R a u ch s zum Ge,st)ent. Es handeli sich um die Marmorbüste Wilhelms 1., Königs von Holland, die der Bilohauer im Jahre 184l geschaffen hat. Wilhelm 1. war mit Friederike Wilhelmine von Preußen verheiratet und ging nach deren Tode eine morganatuche Ehe mit einer belgischen Gräfin d'Oultremont ein, roas iyn von den Holländern sehr verdacht wurde. Der König dankte im Jahre 1840 ab um) zog sich auf seine Güter 111 <r;d)lc}ien zurüL 1843 starb er in Berlin; Rauch hatte ihm alfo in
ten durch eine vernünftige Verwaltungsreform gewonnen werden, ohne daß die Steuerzahler belastet würden. Ferner fei zu fordern ein gesetzlicher Anspruch auf die Tienstalters- zulagen, die Aufhebung der Arrcststrafen für Unterbeamte und die Besserstellung der Altpensionäre. Tte finanzielle Lage der hcsfifckfcn Beamten sei noch verbesserungsbedürftiger als die der Reicl sbeamten. Für die Privatbeamtcn sei zu erstreben die Ausgestaltung des Arbcitsvertrages auf freiheitlicher Grundlage, Sicherstellung des Vercinmungs- rechtes, Neuregelung des Erfinderrechtes und Aufhebung der Konkurrenzklausel. Tie Regelung der Prlvaibeamten- vcrsicherung habe in den beteiligten Kreisen sehr enttäuscht. Zur Erreichung ihrer Wünsche sollen die Beamten keine Petitions-, sondern Wirtschaftspolitik trc.bcn. Tic Sozial- dcmokralie komme für die Beamten nicht in Frage. Ebenso wenig könnten sie für die Wahl eines rechtsstehenden Kandidaten eintreten, da diese an der Verteuerungspolitik Schuld trügen. TieliberalenParteien könnten für die moderne Bcamtcnbewcgung allein tu Frage kommen, da sie allein die Möglichteit bieten, die Persönlichkeit zu betätigen und die besonderen Wünscye der Beamten innerhalb der allgemeinen Interessen zu vertreten. Deshalb könne er nur wünschen, daß im Wahlkreis Giegen-Nidda 01c Beamtenschaft geschlossen für den liberalen Kandidaten Erkelenz eintrete. (Lebhafter Bei, all.)
Landtagsabg. Grünewaid schloß sich den Darlegungen des Vorredners an und besprach bann namentAch bie von der Reichs,inanzre.ormme-.ryeit gemalten S.euern und die Ablehnung der Beisteuern, namentlich der tirbsei'aüs- steuer. In den letzten 10 Ja.-ren seien die Lebensbedürfnisse um 30 Proz. verteuert woroen, während man die Beamtenbezüge im Reich nur um 10 bis lö Proz. ausgebejsert habe, so daß man in der Tat von einem Notstaird in der Beamtenschaft sprechen könne. Noa) schlechter sei Lic Lage der hes.i- ,chen Beamten. Tie fortfafri.tliche Lcinet.egsfrak.ivn werde alles daran setzen, daß die Bezüge der Beamten angemefsen ansgebessert wurden, sie werde zu diesem Zwea lieber die ver- stärrste Schuloentilgung zurüastelten. Die Hauptsache sei aber, daß mit der seitherigen Teuerungspoli.ic gebrochen würde. Dazu könnten die Beamten beitragen, wenn fte teinen Ange-lörigen der Rechten, des Zentrums und ihres antisemitischen Anhängsels wählen, sonoern den fortfchritt- lichen Kandidaten Erielenz. (Stürmischer Beifall.)
Der Vorsitzende sorderte ebenfalls zur Wahl des gemeinsamen liberalen Kandidatetr auf, indem cr betonte, vaß die LandragScibgeordrieten der wir-schaft.ichen Vereinigung den Wün,ct)en oer Beamten kein genügendes Verftarw- liis entgegenbrächten.
^berpostassistent Reimuth von Frankfurt vertrat dann unter großer Unruhe der Versammlung den Standpunkt, daß der Beamte nicht fortschrittlich wählen dürfe, weil die Fort.chrittler die Beamten zur Sozicvldemokratie herüberziehen wollen. Auf diese Bernerlung hin eitt)tanb bei der Mehrheit eine so lebhafte Unruhe, daß der Redner nur mit Mühe seine Ausführungen, die mit der Empfehlung Dr. Werners schlossen, zu Ende führen konnte.
Oberpostassistent Jan neck proKstierte dann unter lebhaftem Bei.ait gegen die Ausführungen des Vorredners. Ebenso vertraten Redcrki.eur Münz, Landtagsabg.^G r ü n o wald, Bürgermeistereifekretär '.Ui 0 sig und Ingenieur Burmester unter lebhastem Beifall der Versammlung den liberalen Standpunkt und forderten zur Wahl von Erke l e n z auf. Oberpostassistent Vetterund Lehrer Kling spracheii sich für die Wehl Dr. Werners aus, ohne jedoa) bei der großen Mehrheit der Versammlung Zustimmung qU ^Erst nach i/22 Uhr erreichte die Versammlung mit einem von Oberpostassistent Reitz ausgebrachten Hoch auf das Vaterland ihr Ende.
Soj'aldemokratilche Wahlversammlung in G e^en.
Vor zahlreichen Zuhörern, die sich int Kolosseum zufammcn- sanden und hauptsächlich aus Arbeitern bestand n. suchten Herr Beckmann, her Kandidat her fozialdemokraincben Partei des hiesigen Wahlkreises und ,Herr K r c m s e r - Frankfurt, noch einmal „in letzter Stunde" für ihre Partei zu werben. Rach einem Uebcrblick üver bic Rück-stagsw. ölen von 1907, ihre Ergebmsfe und über die Taten dcS Büloroölockes, unter denen bauvtfachlich das ReichSvcreinsgesctz wegen seiner vielen nickst liberalen Bestim mungcn stark kritisiert wurde, kam Herr Beckmann als etlirr Redner auf sein Hauptlbema: hie Reichsfinaitzresorm. Ohne bic Blockvolitik van 1907, hurch bic ben Schwarz-Blauen von den Liberalen viele Wabllreife ausaeliefert worden wären, wäre nach Ansicht des Redners dieser Vollsverrat überhaupt ntckst mög lich gewcfen. Zwar müssten, um bic ungeheure Schuldenlast d.:> Reiches, bic insolge der stetig wachsenden Ausgaben für Heer und Flotte alljährlich zunehme, Steuern bczal.st roeroen, aber es dürsten feine neuen indirekten sein, sondern hircfie, wie eine Reicherb schaftssteucr z. B. Tic 500 Millionen Steuern nüifjtcn bic 'Mfitzloscn bezahlen, wahrend es bic Besitzenden verstanden hatten, die Steuern abzuwälzen. Durch ten schwarz-blauen Block sci auch das Reichstagswahlreckst in Gefahr und bic Gegner dee> Wahl rechts erstreckten sich bis tief in bic Reihen her Rationallibcralen hinein. Ta sei cs denn bie Pflicht her Sozialdemokratie, bic Massen aiifjuliären, sie auf immer höhere Stufen her Kultur zu bringen, bas internationale Solidaritatsgesühl der 'Arbeiterschaft, bas erst int letzten Sommer burch Verhinderung eines Weltkrieges sich bewahrt habe, zu stärken und die Arbeiterschaft aus ihrer trostlosen Lage zu erlösen, was jedoch , nicht in unserer kapitalistischen, fonbern nur in einer sozialistischen Gesellschaitsorbnung möglich sei.
Nach den von der Versammlung beifällig aufgenommenen Ausführungen des Reichs.agskandidaten sprach Herr Kremser hauptsächlich über die Zollfrage und das Verhältnis der sozialdemokratischen Partei zu den in diesem Wahlkreis in Betracht kommenden politisck^n Parteien. Herr Kremser begann seine Aus - sührungen mit einer Erläuterung der programmatischen For-- berung: Vergesellschaftung her kapitalistischen Produktionsmittel, wobei er haupftächlich ben Großgrundbesitz im Auge habe. Dann beleuchtete er von seinem Standpunkt aus die Wahlparole der Regierung: Schutz der nalionalen Arbeit, was richtiger schütz des nationalen Profits ^heißen müsse. - Man wolle mit dieser Parole eine politische „Bcsofscnl)eü" herbeiführen, damit die Leute nickst mehr tlar sehen könnten. Was denn sein Haupt- thema, die Zollpolitik anbelangt, suchte Herr Kremser nachzu- weisen, daß durch unsere heutige Schutzzollpolitik nur bic Großgrundbesitzer einen Vor.eil hätten, nicht die kleinen Bauern. Turch diese Politik würden int Inland bic Waren zu hohen Preisen abgesetzt, ins Ausland dagegen verschleudert. Nur dann konnten wieder gesunde Verl)öltnisse cintrcten. wenn von der Schutzzollpolitik zum Freihandel übergegangen werde. In seinen inerteren Ausführungen, die sich mit den Anti'einiten und Liberalen beschäftigten, warf cr ben Antisemiten politische Unwahrheiten vor unb führte dafür eine Acußerung des Herrn Dr. Werner, bie dieser 3 Tage nach der Wahl in ben deutfck)-soz. Blättern getan habe, als Beleg an, eine Aeußerung, di. mit Ausführungen, d.e von heutsckr-soz. Seite ebenfalls in diesen Blättern, jedoch vor Der Wahl, gemacht worden seien, in grellem Widerspruch ständen. Der Freisinn dürfe nicht unterstützt werden, weil bei diesem Theorie unb Praxis zwei grundverschiedene Begriffe wären. Er wrderte unter lebhaftem Beifall feiner Gesinnungsgenossen zur Wahl des Herrn Beckniann auf.
Da sich zur Aussprache niemand meldete, schloß der Ein- berufer H. Noll fchon gegen 11 Uhr die ruhig 0erlaufene Versammlung.
Zur Wernerverfammluuz in Grünberg.
Man schreibt uns: In der gestrigen liberalen Wah- lerverfammlung in Grünberg, in der Herr Erkelenz sprach, wurde durch einen Vertreter der nationalliberalen Partei festgestellt, daß, nachdem 5)err Rechtskonsulent ^öckel öffentlich erklärt hatte, mißverstanden zu sein, „kein nattonalliberaler Vertrauensmann für Herrn Dr. Werner gesprochen habe".
Sreitag, 12. Januar 1912
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____ polinicheu Teil: August
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