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9.10.1912 Zweites Blatt
 
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Nr. 258

Zweites Blatt

^62. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Diechiehener Zamttienbliitter" werden dem Anzeiger' viermal wöchentlich beiqeleqt, das Kreisblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Tie ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

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General-Anzeiger für G'oerhefsen

Mittwoch, 9. Gttober 1912

Rotationsdruck und Verlag der Brükl'schen Universität»;»Buch- und Sremdruckerei.

R. Lange, Gieveil.

Redaktton, Expedrtton und Trnckerei: Schul- strage 7. Ervediuon und Verlag: 51.

Redaklion:e^ll2. Tel.-Adr.:AnzeigerÄieven.

Aus Reffen.

Aus den Ausschüße» der Zweiten Nimmer.

bs. T a r m ft a d t, 8. Oktober.

Ter Zweite (G e s e tz g c b u n g s a u S i ch n ß) hielt heute eine Sitzung ab, die eine recht umjangr.iche Tagesordnung auswerst. Richt weniger als neun Anträge aui A b ä n d c r u n g d e S W a hl- re ch t s lagen vor, acht davon waren von dem Abg. Ulrich ge­stellt. Sie wurdet sämtlich aui Vor.ch'.ag des Vorsitzenden ab° gelehnt. liincm rin trag Grünewald uno G.nos en, die S.aals- rcgierung ivolle Sorge fragen, das; gemäß § 34 des Reichs» gesctzes, 6eir. die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten vom 30. 3uh 1900 in Posi.ion 7, der die Ansjiihrnng dieses Gesetzes b-..re,,enden hessischen Bekanntmachung vom 2G. Oktober 1900 Bestimmungen darüber getroffen wer­den:wer die gemäß § 28 des Rcichsgcsetzes zu leistende Ent­schädigung zu tragen bat, binnen welcher Zriil der Cnticl-adigungS- ansprnch geltend zu machen und wie die Entschädigung zu ermitteln und test zu st eilen ist", wurde slaltgegebcn, d. h. also, die Regierung soll ersucht werden, alsbald eine Gesetze. Vorlage über die Be- kämpiung ansteckender Krankheiten, wie sie in Aus.icht gestellt ist, vor-nleaen. Ein Antrag Ulrich und Genossen fordert, daß bei allen Vertagungen von Terminen, bei welchen zu den neuen Terminen besondere Ladung nicht erfolgt, den bei der Verhandlung beteiligten Personen ein cin^dycc schriftlicher Ter- minzettcl, in welchem der neue Termin enthalten sein muß, sofort zu bcl)ändigen ist. Lier steht der Ausschuß aus dem Stand­punkt, daß dem Anträge, soweit er reichs- ober lanbesgcsctzliche Regelung verlangt, nicht stallgcgebcn werden soll. Zedock) be­antragt der Ausschuß, das Ministerium zu ersuck-cn, auf dem Wege der Instruktion die Gerichte zu veranlassen, bei den Tcrmin- verlegnngcn, bei denen gerichilid)c Ladungen nid)t vorgcschricben sind, den Beteiligten Vcrtagnngszettcl zu behändigen, soweit diese nicht ausdrücklich darauf verzichten, lieber einige weitere An­träge wird der Ausschuß morgen verhandeln.

Ter B i t t fchri-f t e n a n S s ch u ß hielt gleichfalls heute eine Sitzung ab. Ein Antrag Ulrich und Genossen, betreffend Er- leichtcrung bet Austritt aus den Kirchengcmein- schaften und Aushebung der Stempelgebühren bei diesem Aus­tritt wurde gegen zwei Stimmen abgelchnt. Ein weiterer Antrag 111 r i d) auf Uebernahine aller A r m e n l a st e n aus den Staat unter Beseitigung aller ou öffenllid^e Unterstützung geknüpften Beschränkungen der staatlichen Rechte wurde gegen die Stimme des Vorsitzenden (Abg. Raab) abgelehnt, da eine ,olche Uebernahme uad) Auskunft der Regierung r.ichsgesetzlid) nicht zulässig sei und sid) and) zu große Schwierigkeiten in der Durchsichrung ergeben würben. Ein Antrag Molthan, Sonntagsruhe der E i s e n b a h n b c d i e n st c t e n betreffend, sand keine Erledigung. Es soll erst festgestellt werden, >oie weit in anderen Eisenbahn­direktionen der Dienst dem Anträge entspreck-end geregelt ist. Ein Antrag Tiehl anf Abänderung des Weingesetzes wurde zurückgestellt, >veil der Antragsteller nicht anwesend war. Eine Vorstellung des Landesverbandes denlsd>er Militliran- Wärter, Besetzung der K a n z l e i g e h i l j c n st e l l e n bei den Kollegialgerichien wurde einstimmig für erledigt erklärt. Ein Antrag So H err und Genossen, auf Abänderung des § 24 der R h e i n s ch i f f a h r t s o r d n n n g wurde abgelehnt. Eine Vor­stellung der Z ü n d h o l z s ch a ch t e l m a ch c r wurde zurückge- ilciil, ebenso eine Vorstellnng des Vorstandes des Verkehrs- verbandes der Strecke FranksurtT a rinstad t. Tie näd)üc Sitzung des Bittschrittenausschusses steht noch nicht fest.

Konfursftatiftit.

Im Jahre 1911 wurden im Tein scheu Reick) 15 496 Anträge aus Konkurseröffnung gestellt gegen 14 788 im Jahre 1910 und 14 762 im Jahre 1909. 8680 (1910: 8387 und 1909: 8630) Konkursverfahren wurden eröffnet. Ferner wurden 2351 (1910: 2396 und 1909: 2375) Anträge wegen Massenmangcls abgewicsen, so das, 11031 (1910: 10 783 und 1909: 11 005) Falle neuer K on- Curie gezählt wurden. Die Zahl der im Jahre 1911 be­endeten Konkursverfahren, die natürlich zum Teil sd)on in den Vorjahren eröffnet worden waren, belief sich auf 8092 (1910: 8150 und 1909: 8555 . Ter Zahl imd)_ i|"t sonach eine Ber­ni uwerung eingetrelen. Dagegen ist die Schwere der Konkurs- ItiUe im Durchschnitt getvaclnen. Bei sämtlichen beendeten Kon­kursverfahren tuurbe näntlick) im Jahre 1911 eine Schuldenmasse von 421,3 Mill. Mk. ermittelt gegen 382,2 Mill. Mk. im Jahre 1910 und 392,2 Mill. Mk. im Jahre 1909. Dieser Sckmldcn- masfe standen als Tcilungsmajie gegenüber 1911 nur 78,4 Mill. Mark, 1910 90,8 Mill. Mk., 1900 93 Mill. Mi. Im Durch­schnitt kamen sonack) auf ein beendetes Konkursverfahren:

1909 1910 1911

Mk. Mk. Mk.

Schuldenmasse . . < 45 173 46 7o0 51 947

Te lung.mässe . . . 10867 11249 9 732

Bei 39,1 Proz. dieser Fälle Hal die Scknidenma fe 10 000 Mark nicht erreicht, bei 20,7 Proz. stellte sie sich auf 10 090 bis 20000 Mk., bei 21,1 Proz. am 20000 bis 50000 Mk., bei 9,6 Pro;, anf 50 000 bis 100000 M , bei 8,3 Proz. auf 100 000 bis 500 000 Mk., bei 0,6 Proz. auf 500 000 bis 1 000000 Mk. und bei 0,3 Proz. auf 100 )000 Mk. und mehr.

Tie abfolnte Zalst dieser lenlgedadnen M i. i o n e n k o n k u r s e beträgt 26 (gegen 22 im Ja!ne 1910 und 33 im Jahre 1909). Von den Millionenkonlursen sieltn nach dem Wohn­sitz der G.meinschuldner 18 ans Preußen, 4 auf Sachsen, 2 auf Hamburg, je einer auf Sachsen-Meiningen und Elsaß- Lothringen.

Dcutjcbc» Keicth

Tas Kaiser paar

wurde wahrend seines Aufenthaltes in Königsberg, wo es am Tienstag um 12y» Uhr eintraf, überall auf das herz­lichste begrüßt. Es setzte um 3 Uhr 15 Minuten seine Fahrt nach (Sabinen fort, wo es um 5 Uhr 25 cintraf.

Der Reichskanzler unb Frhr v. Hertling.

Ueber den Inhalt einer Unterr düng des Reichskanzlers mit Freiherrn v. Hertling will dieMünchener Zeitung" folgendes erfahren haben:

Tie Angelegen!)-tt des Jesuitengesetzes wurde nur ganz kurz g eftreif t. Ten Hauptgegenstand der Unterredung bildete ein Meinungsaustausch über d.n derzeitigen Stand der auswärtigen Angelegenheiten und die etwaige Ein­berufung des Bundesratsaussdmsses für auswärtige Angelegen­heiten, in dem Bayern befanntlid) den Vorsitz führt. Man dürfte wohl nickst in der Annahme fehlgehen, wenn tu trächster Zeit, b. h. sobald sich das Ergebnis des gemeinsamen Vorgehens der Mächte bei den Balkanstaaten erkennen läßt, die Zusammen- bernfung des Ausschusses erfolgen wird. Auck) die Fragen, die mit dem demnächsligen Wiederznsammentritt des Reick)stages in Verbindung stehen, würden gestreift.

Zu bett Tariferleichterungen infolge der Fl ei s ch t e u e r u n g, welche am 10. Oktober 1912 in Kraft treten, schreibt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung", daß auch der seit dem Jahre 1907 bestehende Ausnahmetarif für frisches Fleisch dis §um 31. Dezember 1913 verlängert und ausgebaut, jedoch dahin eingeschränkt wird, daß er nur auf das im Inlande verbrauchte Fleisch Anwendung findet. Die an die Gemeinden usw. zu ge­währenden Vergünstigungen werden neu eintreten, wenn das Fleisch oh ne Gewinn an die Verbraucher oder Schlächter abgegeben wird, wobei letzteren Falls den Behörden an der Festsetzung der Fleischpreise das Mitwirkungsrecht zusteht. Gerste und Mais kommen, soweit im Jnlande Futtermittel verwendet werden, in den Spezialtarif 3 zugunsten der Viehzüchter. Hierbei ist ebenfalls Vorsorge getroffen, daß der Frachtuachlaß wirklich den Verbrauchern bezw. Viehhaltem zukommt. Um diesen Zweck zu. erreichen, wird diesmal folgender Weg ein» geschlagen: Der Frachtnachlaß tritt nur künftig ein, wenn der Frachtberechtigte, auch soweit er Händler (Zwischen­händler ober Großhändler) ist, selbst im Frachtbrief ober in einer befonberen Note auf Treu unb Glauben bie Erklä­rung abgibt, baß ber Verbrauch einen Unterschied gegen­über der gewöhnlichen Fracht erhält.

*.

tär v. Kiderlen-Wächter zunächst der französische Botschafter E a m b o n das Wort, indem er ocifidicric, daß alle Teilnehmer der Konferenz fluten W l en unb Eifer milbrachlen, die alle Schwieriakeiten überwinden werden Er warf bann einen Rückblick ans die bisherigen Welt­ausstellungen unb auf d e Vorgeschichte ber Konferenz. Alle Regierungen hatten sich beeilt, auf bie den.sehe An regllna einzugehen, alle hegten beit lebhaften Wunsch, eine Verbesserung unb Ge.undnng der Regem für bi? großen industriellen Wettbewerbe he.'be z 's h.en, wo alle Nationen mit Waffen l mpften, welche Reichtum, Wissenschaft, Kunst und menschlicher Erfindungsgeist ihren Arbeitern an die Hand gegeben habe. Es werde aber auf den internatio­nalen Ausstellungen nicht nur gelämpst; man lerne von­einander unb erhalte Anregungen zu neuen Fortschritten. Deutschland, so groß im Reiche ber Gedanken, sei heute eine gleiche Macht auf wirtschaftlichem Gebiet. Die Entwicklung seiner Industrie unb seines Hanbeis iverbe ein Kennzeichen unserer Zeit.bilden und werde in der Ge­schichte ein Ehrentitel für die Regierungszeit des Herrschers sein, welcher die Geschicke dieses Reiches lenkt. Anschließend an diese Worte richtete der Botschafter an den Staats­sekretär die Bitte, dem Kaiser den Tank aller Teilnehmer an der Konferenz für den ihr seitens ber deutschen Regie­rung gewordenen Empfang au.zusprechen und Seiner Maje­stät die Hutoigung der Versau.m.ung zu übermitteln.

Hierorts übergab Staatssekretär v K i d e r l e n - W ä ch - t e r den Vorsitz dem Führer der deutschen Delegierten, Unterstaatsfeiretär im .Reichsamt des Innern Richter, welcher sein Amt mit einer längeren Ansprache übernahm

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2 i e Hauptversammlung des Bundes deut­scher Bodenreform er.

Bei den Verhandlungen der gegenwärtig in Posen tagenden 22. Hauptversammlung des Bundes deutscher Bodenreformer hielt Professor Kraft (Dresden) einen Vortrag überVolksgesundheit und Boden- reform". Ter Redner wies als die Ursachen der großen Kindersterblichkeit, die im Jahre 1910 öoit J 924 000 ehelich geborenen Kindern im ersten Lebensjahre 311000 Opfer gefordert hat, nach, daß nur eine staatliche Woh - nungs- und Bodenreform diesem liebel abhelfen könne. Professor Rein (Jena) sprach über das Thema Deutsche Jugenderziehung und Boden- re f o r m" unb verlangte, baß die Lehrer allen Schülern unb Schülerinnen einen Einblick in die Theorien der Boden­reform gewähren, da sie bereits auf das Leben der Nation bestimmend einwirke. *

DerpreußischeLandtagsabgeordneteJnstiz- rat Gitzling,

ein Führer ber Fortschr. Volkspartei, ist am Dienstag vor­mittag in München, wo er feit längerer Zeit krank war, im Alter von 53 Jahren gestorben.

Reichstagsabg. Dr. Becker.

Das Befinben des erkrankten Reichstagsabgeord­neten Dr. Becker (Sprendlingen), der im Darmstädter Krankenhause sich einer Operation unterziehen mußte, hat sich n. d. Tannst. Tägl. Anz. sehr gebessert. Er be­findet sich jetzt zur Nachkur in seinem Heimatorte Lud­wigshöhe.

Das Reichsversicherungsamt

hat bestimmt, daß die ihm unterstehenden Berussge- n o f j e n f d) a f t e n die Aenderung ihrer Satzungen bis zum 30. November 1912 zu beweisen haben, andernfalls wird das Amt bie Satzungen von aufsichtswegen änbern.

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Die internationale Ausstellungskonferenz in Berlin.

In ber Eröffnungssitzung ber internationalen Ausstel- lungskonserenz ergriff am Dienstag nach bem Staatssekre­

Heer und Flotte.

Ein neuer Aufruf des Deutschen Wehrvereins.

Die zweite Gesamtvorstaubssitzung bes Deutschen Wehrvereins hat einen neuen Aufruf beschlossen, in dem es am Schlüsse heißt:

Wir Deutschen sind bas Volk ber Mjtte Europas. Schon die Lage unserer Wohnsitze setzt uns größeren Gefahren aus, als sie irgenb ein anderes der führenden Völker des Erdballs kennt. Wer da glaubt, daß wir uns in ihnen behaupten können ohne

Brief aus Sofia.

P. v. Gr. Sofia, Anfang Oktober.

Krieg gibt's, Krieg gegen die Türkei! Tas ist der Ruf, Den man seit der gestern bekanntgemachten Mobilmachung immer wieder unb wieber vernimmt unb ber unser ganzes öffentliches Leben vollftäitbig belferrfd't. 911^ gestern die halbflüggen Zeilungsverkäufer die nock) brudfeud)tcn Blätter mit der offiziellen Bekamnmachung der Mobil- madjung lärmend ausschricn, da wollten viele zunächst gar nicht daran glauben, da wir hier wahrend der vergangenen Woche die betannte Stufte vor dem Sturm hatten und man allgemein glaubte, daß sich das drohende politische Un- gcroittcr wieder verziehen würde. Das ist mit einem Schlage anders geworden, seitdem sich uns der Ernst der Lage deutlick) gezeigt. Tie bisher nur teilweise ausgetre­tene Kriegsbegeisterung ist jetzt eine allgemeine unb hat alle Schichten der Bevölkerung ergriffen. Jubel unb Tru­bel fterrfd)en überall in unserer sonst recht sticken Haupt­stadt. Als heute morgen mit klingendem Spiel die Wache nach dem Palais marfdjierte, was sonst non niemandem beachtet wird, da hatten sich im Nu Hunderte von Menschen versammelt unb zogen tjurrarufenb unb singend bis zu dem von Posten bewachten rückwärtigen Eingänge des Palais mit unb wären gern in den gartenähnlichen Vor­hof eingebrungen, um dem Zaren eine Huldigung darzu- bringen, wenn dies nicht die Gendarmerie-Unteroffiziere uerftuibert hätten. Aber noch lange verharrten sie braunen in biefttgebrängter Menge unb brachten schallen de Hochrufe auf ben Zaren aus, bessert Arbeitszimmer im ersten Stoa- werk biefes Schloßflügels liegt unb von bessert Fenster aus man ben Blick nach bem majestätischen Rino-Gebirge hat.

Gmtz toll war gestern abend bie Begeisterung, nachbem bie Fabriken unb Läden geschlossen worden unb man im Zentrum ber Stabt in der Nähe der weißschimuientden Banjabaschi-Moschee, die von ben verkehrsreichsten Straßen umgeben wirb, nur Schritt für Schritt vorwärts kommen konnte. Ter Fuhrwerlsvertehr *tixtte fast gänzlich, unb unaufhörlich erscholl das warnende Läuten ber elektrischen Straßenbahnen, benn auch bie Fahrwege waren von did)- ten Volksmassen gefüllt, die aber willig den patriotische

Lieder fingenben unb Fahnen schwenkettben Zügen von Stu­denten und Sd)ütern Platz madjten. Wie in einem Bienen­schwarm surrte unb summte es in unb vor ben Eaf6s und Gasthäusern; zwisd>en den eng zusammengerückten Tischen unb Stühlen standen bie laut Plaudernden, bie sich gestiku­lierend mit Bekannten unb auch Fremben unterhielten. Ten Zeitungsboten riß man bie Blätter fort unb las bie Nachrichten den Umsitzenden unb Umstehenden vor. An wilden Gerückten fehlte es nicht, so daß es schon an der Grenze in ben Tälern ber Maritza bei Mustafa-Pascha zu blutigen Zusammenstößen gekommen wäre unb baß bie türkischen Truppen dort eine erhebliche Meberlage erlitten hätten. Ticht umdrängt war aud) das nahe der Sobranje gelegene schmucke Heim des Offizier-Klubs mit seiner lang­gestreckten offenen Veranda, wo sich mit Einbruch der Däm­merung neben aktiven stets viel pensionierte unb ber Re­serve angeftörenbe Offiziere einfinben. Mit Musik nahten einzelne Trupps mazedonischer Freiwilliger, die bestimm­ten landsmäuirisdien Vereinigungen angehören, und brach­ten jubelnd auf genommene Hochs auf die Armee aus. Ein früherer höherer Offizier hielt vom (fingang des Klubs eine kurze Ansprache, die freilich bei dem Gewirr nur den Nächststehenden verständlich war, und die in einem Hoch auf ben Zaren endete, das donnernden Widerhall fand. Auch im Klub war nichts Näheres zu erfahren über jene erwähnten Nachrichten von bereits begonnenen Iriegerischen Ereignissen; die roenigen aktiven Offiziere hüllten fick) in Schweigen unb verschwanden schnell wieder, nachdem sie iftren Kaffee ober ihr Glas Bier getrunken. Bon bem be­nachbarten Kriegsministerium war niemanb erschienen, die erhellten Fenster des schlichten, zweistöckigen Baus, ber ein ganzes Straßenquadrat einuimmt, wiesen auf rastlose Ar­beit hin, Ordonnanzen mit großen Ledermapperi tarnen unb gingen, Anmeibungen von Zivilpersonen, welche diesen ober jenen Offizier sprechen wollten, würben fd)on von ben Pförtnern unten verweigert.

Dom Bahnhof her ziehen ben langen Maria-Luisa- Boulevard entlang Hunderte unb Aberhunderte von den zu ben Fahnen einberufenen Reservisten, bie in überfüllten Zügen aus den nahen Ortsd-asten eingetroffen unb sich zu den in den Äajernen definbliehen Meldestellen begeben. Es

sind meist präü)tige, in Wend unb Wetter gehärtete Erschei­nungen, viele in ihren Sd)afpelzmänteln unb mit den Fell­mützen auf bem Kopf, bie Füße in ben sanbaienähnlichen, verschnürten Opanken, alle ein Bündel ober ein Köfferchen tragend, einzelne von ihren Frauen und Ztindern begleitet. Die gebräunten Gesichtszüge drücken ruhige Entschlossen­heit aus, man sieht diesen marligcn Gestalten an, daß sie den größten Anstrengungen gervack)sen sind und daß sie dem Wasfenhandwerk mit Freuden ergeben sein werden. Hier und da schallen ihnen laute Zurufe entgegen, die aber meist nur durch einen freundlichen Gruß Erwiderung fin­den. Tie ganze Bevölterung ist von flauem Selbstgefühl ersaßt unb man hofft auf einen siegreichen Ausgang des Kampfes, den man sich durchaus nicht leicht vorstellt und von dem man schwere Opfer an Gut unb Blut erwartet. Aber trotz alledem zeigt sich überall bie gleiche Entschlossen­heit, ben bebrohten bulgarischen Brühern in Mazedonien zu Hilfe zu kommen unb ihnen, nachbem alle anderen Ver­suche vergeblich gewesen, mit ben Waffen bie Rechte zu er­zwingen, auf bie sie nach allgemeinster Auffassung hier An­spruch haben.

Sck)einbar still unb verlassen liegt das königliche Palais da, auf dessen Tach bie rote Flagge mit bem bulgarischen Wappen luftig im goldenen Her bst sonnenschein weht. Zar Ferdinand ist gegenwärtig ber volkstümlichste Mann in Bulgarien und würbe von stürmisd)en Huldigungen um­wogt fein, wenn er sich in der Oeffentlichteit zeigte. Das herauszufordern, liegt nicht in seinem Wesen; bann aber auch halten ihn Arbeit unb Beratungen, verbunden mit einem starken Depeschenwechsel, der aud) nachts nicht aus- setzk, an das Palais gefesselt. Man weiß, daß der Zar bis zum letzten Augenblcck friedliebend war und daß er sich zu einer kriegerischen Lösung der schwebenden Fragen nur entschlossen hat, unter bem Truck wuchtiger Gründe. Aber man weiß auch, daß er in dieser folgenschweren Zeit in jeder Beziehung seinen Mann fleht und alles tun wird, um die nationale Würde zu wahren. Voll unbedingten Vertrauens halten zu ihm Armee und Volk, und das ist eine gute Gewähr an diesem bedeutsamen Wendepunkt unserer ganzen Entwicklung und Geschichte!